China, Japan, Ulm und drumherum

„In der heutigen, von Chinas Aufstieg beflügelten Großmachtrivalität steht Japan fest an der Seite seines Verbündeten Amerika. Die beiden asiatischen Kulturen aber bleiben einander eng verbunden und werden das westliche Denken im 21. Jahrhundert herausfordern. Von Tokio wie von Peking aus betrachtet wird es gewiss nicht das Jahrhundert Amerikas oder Europas sein: Das würden sich Japaner und Chinesen jederzeit schriftlich geben.“

Bild: Birgit Böllinger

Dieses Fazit zieht der Internationale Korrespondent der Zeit, Matthias Naß, nach der Lektüre des jüngsten Werks von Professor Kai Vogelsang. In „China und Japan. Zwei Reiche unter einem Himmel“ zeigt der Hamburger Sinologe auf, wie eng verbunden die beiden Länder sind. Sein Buch, das im Kröner Verlag erschien, soll einen Beitrag dazu leisten, einen anderen Blick auf die beiden Kulturen zu eröffnen – im Westen nimmt man sie überwiegend als politische Rivalen wahr, dabei sind beide Nationen eng verbunden.

Der Beitrag in der Zeit ist online hier nachzulesen. Darüber hinaus ist Kai Vogelsang mit einem Gastbeitrag zum Thema bei der NZZ vertreten: „Die Geburt Chinas in Japan“.

Freudige Nachrichten gibt es nun auch für den Buchhandel: Ab 8. März endlich wieder offen! Obwohl viele Buchhändler sich mit guten Ideen und Einhaltung aller Hygienevorschriften für die Pandemie wappneten, währte auch für sie der Lockdown lange – für manche kleine, inhabergeführte Buchhandlung leider zu lange. Man hätte sich auch von der Politik nach dem ersten Lockdown 2020 die Entwicklung besserer Konzepte für den Einzelhandel gewünscht. Da könnte manches Beispiel aus dem Buchhandel Schule machen, wie der Beitrag von Ulrich Rüdenauer in der Frankfurter Rundschau zeigt: Er bezeichnet den Buchhandel in Deutschland als Meister der Corona-Krise. Und ein leuchtendes Beispiel dafür ist Rasmus Schöll mit seiner Buchhandlung Aegis in Ulm.

Überhaupt gibt es während dieser Pandemie gerade unter Bücherleuten eine sehr große Solidarität. Ein Beispiel dafür bietet auch der Blog „We read Indie“, der nun die Aktion #bücherhamstern fortsetzt. Damit wird ein Augenmerk auf die feinen unabhängigen Verlage und ihre wunderbaren Bücher gelenkt, für die abgesagte Messen, ausgefallene Veranstaltungen und Lesungen und vieles mehr, was Corona durcheinander wirbelt, schon erhebliche Folgen haben. Dass zum Auftakt der wunderbare Mirabilis Verlag vorgestellt wird, freut mich natürlich sehr.

Rundum eine gelungene Woche für mein kleines Pressebüro 🙂

KURZ&KNAPP: Salonbücher

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Bild: (c) Michael Flötotto

Die Buchhandlung am Obstmarkt und ihr Inhaber, Kurt Idrizovic, sie gelten in Augsburg als literarische Institution: Das ist eben einer jener Buchhändler, die Literatur leben – man werfe nur einen Blick auf den umfangreichen Veranstaltungskalender. Neben der „Literatur im Biergarten“ ist der „Literarische Salon“ eine der Reihen,  die fester Bestandteil des Augsburger Kulturlebens sind. Einige Male im Jahr diskutieren hier vor Publikum literaturaffine Menschen in dem wunderbaren Ambiete der denkmalgeschützten Haag-Villa.  Ich durfte mich nun als „Debütantin“ erstmals mit ins Gefecht werfen.

Denn tatsächlich wurde der Abend ziemlich lebhaft, so temperamentvoll und mit sehr differenzierten Meinungen wurde diskutiert. Das kann hier nachgelesen werden:
„Fabelhafte Kontroversen über Literatur“.

Die drei Bücher des Abends, kurz&knapp, nochmals aus meiner Sicht:

„Die zehn Lieben des Nishino“ von Hiromi Kawakami
Die Schriftstellerin, in Japan eine Bestseller-Autorin, unternimmt hier ein Experiment, das anderen (beispielsweise Eva Menasse mit „Quasikristalle“ und Jurek Becker mit „Amanda Herzlos“) jedoch schon weitaus besser gelungen ist: Sie stellt eine Figur in den Mittelpunkt ihres Romans, eben jenen Herrn Nishino, der aus unterschiedlichsten Perspektiven vorgestellt wird. Zehn Frauen erzählen von ihrer Liebesbeziehung zu Nishino, der für mich jedoch bis zum Ende schemenlos, eigentlich ein nicht greifbares Phantom blieb. Sollte dies das Ziel der Autorin gewesen sein – Nishino als einen im Grunde nicht liebesfähigen Mann, der einfach nur Variationen der „Liebe“ spielt, darzustellen – so ist ihr dies durchaus gelungen.
So nichtssagend wie die Hauptfigur erschienen mir jedoch auch die einzelnen Geschichten – ein Buch, von dem wenig übrigbleibt, das mich zudem sprachlich nicht überzeugen konnte. Alle zehn Geschichte sind in einem einheitlichen Ton gehalten, plätschern ein wenig vor sich hin, da kommt kein Koikarpfen ins Strudeln. Strittig war beim „Literarischen Salon“ vor allem der Liebesbegriff, der in diesem Buch zum Tragen kommt: Mit dem Gefühl der Liebe hat dies wenig zu tun, es geht vielmehr um Beziehungen, die fast schon nüchtern und kaufmännisch eingegangen werden. Die analytische Kälte, die zeitweise aus den Reflektionen der Frauen klingt, sie könnte interessant sein – dazu aber reicht es in diesem Buch aber sowohl sprachlich als auch stilistisch leider nicht.

„Die zehn Lieben des Nishino“ erschien im Hanser Verlag.

„Ich kann dich hören“ von Katharina Mevissen
Von Victor Hugo stammt das Zitat „Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist“. Ein Satz, der einfach treffend ist für diesen schönen Debütroman der 1991 geborenen Autorin Katharina Mevissen. Er trifft auf mehreren Ebenen zu: Da steht ein junger Mann, Musikstudent, Cellist, im Mittelpunkt, der in gewisser Weise von Sprachlosigkeit betroffen ist. Der Konflikt mit seinem Vater, selbst Musiker, kaum greifbar für seine Kinder, die Beziehung zu seiner Tante, die Mutterersatz war und nun ihr eigenes Leben führen will, die sich anbahnende Liebesgeschichte mit einer WG-Genossin, all das sind Themen, die Osmans Leben überlagern, für die er jedoch keine Worte findet. Zugleich kommt er durch Zufall in Kontakt mit der Welt der Gehörlosen (nicht direkt, sondern über ein Aufnahmegerät).
Auch auf dieser Ebene werden die Grenzen von Kommunikation, Varianten der Sprache und Sprachlosigkeit, austariert.
Sprache als Thema, Sprache, die überzeugt: Katharina Mevissen findet vor allem für die Musik wunderbare Worte, bringt sie auf dem Papier zum Erklingen. Ihr Stil, der variationsreich ist, von spröde bis zu poetisch reicht, hat mich durch dieses Buch getragen. Ein wenig zuviel waren mir die angerissenen Themen – neben der Metaebene der Kommunikation auch die Problematik der Migration, weiblicher Selbstbestimmung, Familienpsychologie und vieles mehr. Dennoch, alles in allem ein sehr überzeugendes Debüt, nachzulesen beispielsweise auch in der Kritik im Deutschlandfunk.

„Ich kann dich hören“ erschien im Wagenbach Verlag.

„Die Nebelkrähe“ von Alexander Pechmann
Auf diesen Roman war ich richtig neugierig: Alexander Pechmann kannte ich bislang nur als Übersetzer von Klassikern wie Mark Twain, Melville und Henry James. Wie geht jemand, der mit solchen Stilvorbildern vertraut ist, selbst mit Sprache um? Einfach überzeugend!
„Die Nebelkrähe“ ist ein klug konstruiertes, stilistisch elegantes und atmosphärisch dichtes Buch, das nicht nur Oscar Wilde-Fans zu unterhalten vermag. Denn der exzentrische irische Schriftsteller, vielmehr sein Geist, der sich zwei Jahrzehnte nach Wildes Tod wieder Gehör verschafft, steht gewissermassen im Mittelpunkt des Geschehens. Pechmann stützt sich dabei auf eine wahre Geschichte: 1924 veröffentlichte eine gewisse Hester Dowden das Buch „Oscar Wilde from Purgatory“, Protokolle spiritistischer Sitzungen, in denen der Schriftsteller zur Nachwelt sprach.
Das Medium in Pechmanns Roman ist ein traumatisierter Kriegsteilnehmer, ein eigentlich aller Esoterik abgeneigter Mathematiker, der jedoch von Träumen und Stimmen verfolgt wird. Um seinen psychischen Problemen auf den Grund zu kommen, landet er schließlich bei einer spiritistischen Gesellschaft. Hier begegnet er auch Dorothy Wilde, der Nichte des Schriftstellers – eine interessante Frau, auch im „echten Leben“, da würde sich noch ein eigener Roman anbieten.
Die beiden beginnen die Herkunft eines Kinderbildes, das der Mathematiker Vane im Krieg anvertraut bekam und das auch der Auslöser seiner Träume ist, zu recherchieren. Eine Recherche, die mitten hineinführt in das „Swinging London“ der 1920er-Jahre, in die feinen Herrenclubs ebenso wie in die Bar eines Drogenbarons, selbstverständlich ins Theater, aber auch an weitaus dunklere Orte. Pechmann zeichnet nicht nur ein lebhaftes Bild der Metropole dieser Jahre, sondern vermittelt in diesem unterhaltsamen Roman auch eine Botschaft im Sinne Oscar Wildes (oder dessen Geist, je nachdem) und Shakespeares: „There are more things in heaven and earth, Horatio, than are dreamt of in your philosophy.“

„Die Nebelkrähe“ erschien im Steidl Verlag.

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LESARTEN: Die „Zeit“ meint – diese Bücher überdauern die Zeit.

Da behaupte noch mal einer, auf „die Blogger“ höre niemand: Kaum tauschen Maren und ich uns aus über die Frage, ob es auch für jüngere Leser (Mitt-Dreißiger und drunter) so etwas wie einen literarischen Kanon gibt (nachzulesen ist das „Gespräch“ unter den „Lese-Omas“ bei meinen zehn Fragen zu Büchern), da startet die ehrwürdige Zeit dieses Projekt: In einer Serie werden die wichtigsten Romane der jungen Literatur vorgestellt. Man habe die Weltliteratur durchforstet, leidenschaftlich diskutiert und sich für 15 Romane dieses Jahrhunderts entschieden, die die Redaktion für die besten hält, „für Meisterwerke, die bleiben werden und nicht mit dem Tag vergehen.“ Die Redaktion ruft ausdrücklich zu Widerspruch und Diskussion auf – und weist fürsorglich darauf hin, dass „Unendlicher Spaß“ bereits 1996 erschien.

PS: Das mit der Zeit war natürlich reiner Zufall. Seit wann hört die schon auf Lese-Omas?

Und das sind die ersten elf Titel auf der Liste:

  1. Jonathan Franzen – Die Korrekturen. Jan Brandt schreibt: „Wenn es einen Einwand gegen Franzen gibt, dann ist es diese ästhetische Rückwärtsgewandtheit: Er ist ein reaktionärer Idealist, der einen Feldzug gegen die Verlockungen des Informationszeitalters führt.“
    Beitrag: „Der analoge Triumph“
  2. Jennifer Egan – Look at me. Der Roman erschien kurz vor 9/11 und handelt von einem geplanten Terrorakt in New York. „Mir kam der furchtbare Gedanke, dass ich eine Komplizin war“, äußert Jennifer Egan im Interview mit Susanne Mayer.
    Beitrag: „Ahnen, was passieren wird“
  3. Orhan Pamuk – Schnee. „Orhan Pamuk hat sein Meisterwerk Schnee vor den Attentaten von 9/11 geschrieben, der Roman spielt in den 1990er Jahren, erschienen ist er 2002, und er nimmt vorweg, was seit dem Einsturz des World Trade Center die globalisierte Welt aus den Fugen hebt: dass der Fundamentalismus im Namen des Islams in die westliche Modernisierung eingewoben ist, noch im abgelegensten Nest der Provinz und dass der Staat kaum Antworten auf die Gewalt kennt, außer seinerseits durch Gewalt, Militär, Überwachung zu reagieren“, schreibt Elisabeth von Tadden.
    Beitrag: „K wie Kristall“
  4. Daniel Kehlmann – Die Vermessung der Welt. Ulrich Greiner nimmt Stellung für das Buch: „Nein, Kehlmann war nicht dabei, und dies ist kein historischer Roman, sondern ein virtuoses Spiel mit Dichtung und Wahrheit. Die historischen Fehler, die dem Buch vorgeworfen werden, hat Kehlmann in poetischer Freiheit absichtsvoll eingebaut.“
    Beitrag: „Ein virtuoses ironisches Spiel“
  5. Marie NDiaye – Drei starke Frauen. „Als ich das Buch vor acht Jahren schrieb, sprach noch niemand von den Flüchtlingen. Für mich waren sie Helden“, äußert die Schriftstellerin im Gespräch mit Iris Radisch. Heute würde sie dieses Buch nicht mehr so schreiben – auch wenn sie hofft, „dass seine Geschichten wahr bleiben.“
    Beitrag: „Eine Chiffre für das Fremdsein“
  6. Péter Nádas – Parallelgeschichten. „Es gibt keinen anderen Autor, der mit dieser obsessiven Insistenz jede Pore der Epidermis untersucht hat, die dünne Membran zwischen innen und außen“, meint Michael Krüger. Und sagt: „Vielleicht lesen künftige Generationen dieses Buch als düstere Prophetie dessen, womit sie sich herumzuschlagen haben. Sie werden es nicht bereuen.“
    Beitrag: „Die Haut und das Ich“
  7. Haruki Murakami – 1Q84. „Japanische Literatur wirkt auf den Außenseiter so klar und so verschlossen wie ein Zengarten, der bei aller Übersichtlichkeit doch einen Sinn hat, der sich ihm nicht erschließt“: Burkhard Müller versucht dem Sinn, im „Opus Magnum“ des japanischen Starautors nachzuspüren.
    Beitrag: „Waisenkinder dieser Zeit“
  8. Herta Müller – Atemschaukel. „Das Besondere an diesem Buch ist die Sprache, in der das Schicksal von Leopold Auberg, dem Alter Ego Pastiors, in 64 kurzen Kapiteln erzählt wird“, meint Alexander Cammann. „Denn Müller poetisiert das Grauen.“
    Beitrag: „Die Schönheit der Wörter, das Grauen der Lager“
  9. Vladimir Sorokin – Der Schneesturm. Stefanie Schlamm sprach mit Sorokin über dieses Werk. Auf ihre Frage „Sie selbst werden gerne als moderner Klassiker bezeichnet. Doch sind Sie nicht eher ein düsterer Romantiker?“ antwortet Sorokin ganz lapidar: „Dazu möchte ich nichts sagen.“
    Beitrag: „Das eisige Drama der Provinz“
  10. Michel Houellebecq – Karte und Gebiet. Für den Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich ist der im Roman portraitierte Künstler, „der, gerade weil er als solcher unfasslich bleibt, viel provokanter als die Künstlerfiguren anderer Romane der letzten Jahre.“
    Beitrag: „Der Wahnwitz des Betriebs“
  11. John M. Coetzee – Tagebuch eines schlimmen Jahres. „In Coetzees Tagebuch eines schlimmen Jahres kehren die früheren Möglichkeiten des Romans zurück. Der Ruhm des Nobelpreisträgers macht sie auf der großen literarischen Bühne salonfähig“, urteilt Stephan Wackwitz.
    Beitrag: „Die erneuerte Tradition“

Am kommenden Donnerstag werden die letzten vier Bücher in diesem „Kanon des jungen Jahrhunderts“ in der Zeit vorgestellt. Und was haltet ihr von der Liste? Welche Romane könntet ihr euch auf den letzten vier Plätzen vorstellen, welches der vorgestellten Werke haltet ihr für fehlplatziert, welches Buch wird überschätzt, welches vermisst?

Nachtrag zur Komplettierung der Liste:

12. Chimamanda Ngozi Adichie – Americanah. „Es passiert viel in diesem Roman, der auf drei Kontinenten spielt, doch es werden diese Blogeinträge sein, die Americanah seinen Nachhall bescheren. Sie sind ein Zeitdokument der Ära Obama, sie sind erhellend und unterhaltsam, ernüchternd und brutal“, urteilt Jackie Thomae.
Beitrag: „Was Sie schon immer über Farben wissen wollten“

13. Karl Ove Knausgård – Sterben/Lieben/Spielen/Leben/Träumen. „Aber ich wollte mich mit Min Kamp auch befreien von diesen stilistischen Erwartungen. Ob es gut oder schlecht geschrieben ist, finde ich uninteressant. Interessant ist, was darin zum Ausdruck kommt. Also versuchte ich, schnell zu schreiben und unterhalb meiner eigenen Standards, dafür näher am Leben.“ Der Norweger im Interview zu seinem Mammut-Schreib-Projekt.
Beitrag: „Ein Bedürfnis nach Revanche“

14. Rainald Goetz – Klage. In diesem Buch, meint David Hugendick, lärmt die Gegenwart so oft, „dass es bisweilen kaum auszuhalten ist.“ Aber der aktuelle Büchner-Preisträger lärmt halt besonders gut. AMORE!
Beitrag: „Tiefenamputiertheit“

15. Roberto Bolaño – 2666. „Aber oh Wunder: Bolaño lesen, das gilt auch für das von Christian Hansen bewunderungswürdig übersetzte 2666, ist ganz leicht. Er verzichtet auf hochtrabende Stilistik und geht seinen Lesern nie mit überlegener Besserwisserei auf die Nerven“, meint Heinrich von Berenberg. D`accord!
Beitrag: „Ästhet und Folterknecht“


Bild zum Download: Bücherstapel


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Edmund de Waal: Der Hase mit den Bernsteinaugen

„Und Viktor saß auf einem Stuhl neben dem Küchenherd, der einzige Platz im Haus, wo es warm war. Jeden Tag verfolgte er in der Times die Nachrichten über den Krieg, an Donnerstagen las er die Kentish Gazette. Er las Ovid, besonders die „Tristia“, die Gedichte aus dem Exil. Beim Lesen strich er sich mit der Hand über das Gesicht, damit die Kinder nicht sahen, welche Wirkung der Dichter auf ihn hatte. Er las beinahe den ganzen Tag über, außer wenn er seinen kurzen Spaziergang die Blatchingdon Road hinauf und zurück unternahm oder ein Schläfchen hielt. Gelegentlich ging er den ganzen Weg ins Stadtzentrum in Halls Antiquariat, wo der Buchhändler Mr. Pratley besonders freundlich zu Viktor war, während der die Bände von Galsworthy, Sinclair Lewis und H. G. Wells befühlte.
Manchmal erzählte er den Buben, wenn sie aus der Schule heimkamen, von Aeneas und seiner Rückkehr nach Karthago. Dort sind an die Wände Szenen aus Troja gemalt. Erst dann, konfrontiert mit den Bildern dessen, was er verloren hat, kann Aeneas endlich weinen. „Sunt lacrimae rerum“, sagt Aeneas. Es sind die Tränen der Dinge, liest Viktor dort am Küchentisch, während die Buben ihre Algebra-Aufgaben erledigen.“

Edmund de Waal, „Der Hase mit den Bernsteinaugen“, 2012, Zsolnay Verlag

Die Tränen des Aeneas kann auch Viktor Ephrussi teilen – so unendlich viel hat er verloren im von den Nationalsozialisten angeschlossenen Österreich: Seine Frau, Freunde und Familienmitglieder, sein Vermögen, Haus und Besitz. Aber vor allem auch sein Vertrauen darin, trotz der jüdischen Herkunft als vollwertiges Mitglied in der Gesellschaft angekommen zu sein. Edmund de Waal erzählt die Geschichte seiner Familie über Generationen und Lebenswege hinweg – von Odessa über Paris und Wien bis hin zu den Exilorten in England und Japan. Leitfiguren dabei bilden 264 Netsuke, Miniatur-Schnitzereien aus Holz und Elfenbein aus Japan. Sie liegen in der Vitrine des britischen Keramikkünstlers Edmund de Waal, Nachkomme der jüdischen Familie Ephrussi.

Auf welchen – teilweise abenteuerlichen – Wegen sie dorthin gelangten, schildert de Waal in diesem Familienalbum. Angekauft von einem kunst- und feinsinnigen Vorfahren im Paris der Belle Epoque wird die Sammlung der filigranen japanischen Kostbarkeiten im Wien der Jahrhundertwende vom Dekorationsobjekt und Liebhaberei zum Kinderspielzeug, das ein arisches Stubenmädchen schließlich versteckt in einer Matratze vor der Beutegier der Nationalsozialisten rettet.

Dramatische Familiensaga

Die Netsuke – der titelgebende Hase mit den Bernsteinaugen ist einer davon – sind der Leitfaden für diese dramatische Familiensaga. Sie sind auch ein Symbol dafür, wie eine jüdische Familie, gleich wo, ob Paris, Wien oder andernorts, und gleich viel, wie hoch der Preis für die Assimilierung war, immer wieder auf Antisemitismus stößt. De Waal unterlegt dies mit fundiert recherchierten Informationen – erschreckend zu erfahren, wie auch anerkannte französische Künstler, beispielsweise die Goncourt-Brüder, verbal gegen das Judentum hetzten.

Die Ephrussi, von denen de Waal erzählt, waren einst an Reichtum und Einfluss den Rothschilds ebenbürtig. Mit dem österreichischen Anschluss setzte der Niedergang ein – das Bankhaus und das gesamte Vermögen wurden arisiert, Teile der Familie ermordet, andere in die ganze Welt verstreut.

„Der Hase mit den Bernsteinaugen“ gleicht einem literarischen Netsuke: Auf kleinstem Raum komprimiert de Waal die Wanderungen einer Familie durch Europa, kombiniert Kunstreflektionen, Zeitgeschichte und Biographisches, zeigt die Entwicklung des europäischen Judentums exemplarisch an einer, an seiner Familie auf. Dies macht das Buch nicht unbedingt leicht lesbar – aber auch der Wert eines Netsuke erschließt sich nicht auf den ersten Blick.

Edmund de Waal, 1964 in Nottingham geboren, studierte in Cambridge. Er ist Professor für Keramik an der University of Westminster. „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ erschien 2011 im Original, die deutschsprachige Ausgabe dann beim Zsolnay Verlag und als Taschenbuch bei dtv.

 

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#VerschämteLektüren (18): Flattersatz bei Ninja und Co, ohne KG…

Der Blog aus.gelesen ist eine wirkliche Fundgrube für alle wilden Leser: Da findet man Besprechungen zu Klassikern, zu Neuerscheinungen auch abseits des Mainstreams, zu Sachbüchern, beispielsweise über das wichtige Themenfeld der Trauer und des Abschieds von nahestehenden Menschen, zu Ratgebern („Darm mit Charme“), Bildbänden, etc. – kurzum: Man kommt sich vor wie im Wohnzimmer eines beschlagenen und vielseitig interessierten Buchhändlers. Und vor allem informiert „Flattersatz“ immer ausführlich, informativ und kompetent über das jeweilige Buch, und das eben auch mit Mut zur Kritik und zur eigenen Meinung – keine Allerwelts-Buchvorstellungen eben. Dass hinter dem Flattersatz jedoch auch ein literarischer Shogun oder „Ninja Turtle“ steckt, wer hätte das wohl geahnt:

„Tja, in meiner Jugend Maienblüte, als die Knochen noch kräftig waren, die Gelenke noch geschmiert, hing ich den ostasiatischen Kampfsportarten an. Zum Teil als 2. Dan im Chipsverzehr auf der Couch nach ausreichender Beuteergreifung in der örtlichen Videothek (Stichwort: van Damme und Steven Seagal..), zum Teil auch im Dojo, wenn man die Turnhalle mal so hochtrabend bezeichnen will. Und dann eben auch literarisch (ähemmm… ).
Der gute Eric Van Lustbader war einer derjenigen, welcher sich dem Thema widmete. Vor dem Hintergrund der japanischen Geschichte kombinierte er  in den Geschichte um seinen Protagonisten Nicholas Linnear Verschwörung, Intrige, Liebe und Habgier zu Geschichten, die ich förmlich verschlungen habe. Ich glaube, wenn es notwendig gewesen wäre, wäre ich auch mit der Taschenlampe unter die Bettdecke gekrochen, aber aus dem Alter war ich dann doch schon ´raus. Mit anderen Worten, es waren total spannende Geschichten, pageturnig geschrieben und mit viel Details zum Thema alte japanische Kultur und Kampfkunst. Zugegeben, die intellektuelle Dimension kam etwas kurz (sag ich jetzt mal so aus der Erinnerung) – obwohl man natürlich nichts über die japanische Kultur erzählen kann, ohne daß hier auch philosophische Aspekte erwähnt werden. Schaut man sich die Vita des Autoren an, so sieht man, daß er sich auch privat zum Japanischen hingezogen fühlt – unter diesem Aspekt fühlt man sich noch nach Jahrzehnten gleich viel wohler in den Geschichten, liest sie mit ganz ruhigem Gewissen: man hat ja seinerzeit was für die Bildung getan…..
Lustbader war, wie man an den Bildchen sieht, nicht der einzige, der auf dieser Welle schwomm, was für ihn gesagt, gilt cum grano salis auch für Leute wie Olden, Charney, Bailey, Trevanian – Namen, die mir heute so gar nichts mehr sagen, damals fanden sie natürlich alle Eingang in mein Regal und ihren Platz dort haben sie behauptet… eine Erinnerung an g´schamige Zeiten, literaturmäßig, meine ich….
 Ja, der Bushido, der Weg des Kriegers. Drunter ging´s damals nicht. War schon irgendwie was besonderes, wenn so ein Samurai sich vor den Augen seines in die Ferne starrenden Daimyō von den Klippen in den Tod stürzte, nur um ihn darauf aufmerksam zu machen, daß zu Hause das Essen auf dem Tisch steht… ;-). Oder der gute, alte Musashi, der ja mal ganz groß in Mode war. Mit den Esstäbchen flugs die Fliegen im Gleichnamigen fangen und dann auf dem Weg zum Duell in aller Ruhe das Stirnband falten. Aber es steckt teils, ernsthaft betrachtet, schon eine Menge Philosophie in diesen Geschichten, eine Philosophie, die unserer westlichen so fern war – und ist. Bei uns im Westen sind seinerzeit ja sogar Managerseminare im Geiste Musashi ausgerichtet worden, das schmale Bändchen neben dem Wälzer bietet dazu ein Konzentrat. (Ach ja, wer noch mehr verschämte Literatur entdecken sollte auf diesem Bildchen: alles nur Einbildung, in Wahrheit alles hochgeistig! Hinter dem Schutzumschlag muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.)
Tja, das war schon Äktschn pur. Fliegende Ninja, die durch Strohhalme atmend am Grunde des See überdauerten, bis ihr Einsatz kam. Sollte man mal probieren, so durch einen Strohhalm atmen. Fühlt sich nicht so sehr nach Ninja an, eher nach Mensch mit akuter Atemnot. Von daher sehr lehrhaft. Überhaupt war Tod, töten und sterben ein Hauptthema der Romane. Aber immer mit Stil. Da gab`s auch schon mal einen Dolch in den eigenen Bauch, um so etwas wie seine Ehre zu retten. Seppuku nannte sich das dann und war dem Fremden völlig unverständlich. Und dem gemeinen Volk, dem, das auch noch arbeitete, wurde schon gerne mal auf´s Haupt gehauen oder auch selbiges gleich ganz ab. Und`s Weibervolk: entweder Engel oder Teufel, Miko halt…mit allen Wassern (ausser Weihwasser) gewaschen, aber am Ende doch immer auf der Verliererstraße…
Hat irgendjemand, der schon lange genug auf diesem Erdenrund weilt, eigentlich den Shogun damals nicht gesehen? Richard Chamberlain alias Anjin-san und Fürst Toranaga mit der kehligen Aussprache? Ach, was zitterte man im Geheimen mit, wenn die mandeläugige Schöne (leider verheiratet) und der langnasige Fremde die Schmetterlinge im Bauch flattern fühlten… na ja, schließlich wurde John Blackthorne dann sozusagen Ehren-Samurai, samurai-iger als die Samurais. War eh klar. Wieso muss ich jetzt an die Dornenvögel denken?
Wirklich viel weiß ich natürlich nicht mehr von diesen Romanen, die ich einmal verschlungen habe. Aber ich schätze mal, das muss ich auch nicht wirklich bedauern, war halt so`ne Periode in meiner geistig-moralischen Entwicklung, durch die ich durch musste. 🙂 Und wenn ich mich in meinem Text so ein wenig lustig gemacht habe, ist das nicht allzu ernst zu nehmen, die japanische Hochkultur ist faszinierend, sie imponiert mir immer noch. Aber sie ist eben auch nur eine Facette des Landes, von den anderen hört man eher weniger und was man hört, ist nicht so glanzvoll….
Links und Anmerkungen:
.. gibt´s heute nicht. Hai-hai.“
Dafür aber nochmals einen Hinweis auf den lesenswerten Blog: http://radiergummi.wordpress.com/