Jhumpa Lahiri und ihre einsame Flaneurin

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EIN GASTBEITRAG VON VERONIKA ECKL

Wenige Schriftsteller schlagen in ihrem Leben solch geographische Kapriolen. Jhumpa Lahiris Weg ging so: Geboren in London als Tochter bengalischer Immigranten, aufgewachsen in Rhode Island, Creative Writing-Studium in Boston. Dann aber, als späte Folge einer prägenden, frühen Reise nach Florenz: Umzug mit Mann und Kindern nach Rom. Als ob ihr Indien und die USA, das Bengalische und das Englische, nicht genügt hätten. Ausschlaggebend für den Beginn eines neuen Leben in Italien waren allerdings nicht Kunstschätze, Mittelmeer und Cappuccino, sondern, so hat es Jhumpa Lahiri oft und gern erklärt, ein colpo di fulmine, eine Art Liebe auf den ersten Blick, und zwar die zur italienischen Sprache. So groß ist diese Liebe, dass Lahiri nach nur vier Jahren in Rom auch gleich einen Roman auf Italienisch schrieb, der nun wiederum ins Deutsche übersetzt wurde: Dove mi trovo, Wo ich mich finde, eine Doppeldeutigkeit ist hier sicher gewollt, denn man könnte auch übersetzen: Wo ich mich befinde.

Das alles ist umso erstaunlicher, als Lahiri Pulitzer-Preisträgerin ist, deren Erzählungen und Romane sich bisher hauptsächlich um indische Einwanderer in den USA drehten: Melancholie der Ankunft war der Titel ihres Debüts, einer Sammlung Kurzgeschichten mit einem ganz eigenen, starken Sog. Romane wie Der Namensvetter und Tiefland folgten. Nun aber geht es auf die Straßen und Piazze einer namenlos bleibenden Stadt, die jedoch unschwer als Rom zu erkennen ist. Und die Heldin ist eine Römerin Mitte Vierzig, die an der Uni arbeitet und ohne Mann und Kinder ihrer Wege geht. Mehr Abkehr von Lahiris Familiensagas könnte nicht sein.

Die Autorin bürdet ihrer Protagonistin eine schwere Bürde auf: Die Tatsache, dass diese Frau alleinstehend ist, scheint ihr ganzes Leben zu bestimmen. Während die anderen mit überquellenden Einkaufswägen durch die Supermärkte hasten, ihre mehr oder weniger anstrengenden Kinder bespaßen und zum Geburtstag der Schwiegermutter eilen, streift sie als Beobachterin durch die Stadt, eine Flaneurin mit Blick für die Details. Sie geht ins Museum, ins Schwimmbad, in die Trattoria, in die Buchhandlung. Sieht sich die Menschen, denen sie begegnet, gut an und denkt über sie und ihre Schicksale nach. Nimmt wahr, wie unterschiedlich die Stadt zu verschiedenen Jahreszeiten ist. Und: Sie ist eine Chronistin der Veränderungen, die diese erleiden muss. Mit Hingabe und Präzision beschreibt Lahiri etwa einen alten, von einer Familie geführten Schreibwarenladen, der eines Tages einem Geschäft mit billigen Koffern für Touristen weichen muss. Besser kann man nicht zeigen, was sich in vielen europäischen Metropolen derzeit abspielt.

Allerdings lässt Lahiri ihre Protagonistin diese Freiheit, zu gehen und zu schauen, nicht genießen. Obwohl die Römerin sich offensichtlich nie eine Familie gewünscht hat und selbstbestimmt lebt, liegt ein Schatten über ihren Wegen, nicht nur dann, wenn sie ihre alte Mutter besucht: „Das Einzelgängertum ist mein Metier geworden. Es ist eine eigene Disziplin. Ich versuche, mich in ihr zu perfektionieren, und doch leide ich darunter“, erklärt sie freimütig. Immer scheint das Leben der Anderen irgendwie spannender zu sein: Sie sind ständig auf Achse, spielen mit ihren Kindern im Meer, haben im Zug den besseren Proviant dabei und die interessanten Männer – die sich dann doch oft als gar nicht so interessant entpuppen – sind sowieso immer verheiratet. Irgendwann möchte man die Signora, die doch feinfühlig, empathisch, an allem interessiert und offenbar auch bei anderen beliebt ist, geradezu schütteln und ihr zurufen, sie solle einfach mal leben, statt sich über Sandwiches ohne Geschmack und verunglückte Mäuse im Landhaus der Freundin zu grämen. Immerhin wird ihr am Ende noch eine Veränderung gegönnt, doch den Leser beschleicht das Gefühl, dass sich in diesem Leben trotzdem nicht mehr viel wenden wird.

Bei aller Achtung für die Beobachtungsgabe dieser Autorin, für die Kunstfertigkeit, mit der diese kleinen Kapitel verfasst sind, für diese ungemeine Leistung, in einer anderen Sprache als der Muttersprache, in einem anspruchsvollen Italienisch einen Roman zu schreiben, sich in einem anderen Idiom neu zu erfinden – ein bisschen bedauerlich ist es trotzdem, dass nicht einmal Frauen anno 2020 anderen Frauen die Möglichkeit zugestehen, alleine zu leben und dabei mehr als nur einigermaßen zufrieden zu sein.

Von Veronika Eckl

Informationen zum Buch:
Jhumpa Lahiri
Wo ich mich finde
Aus dem Italienischen von Margit Knapp.
Rowohlt Verlag, 160 Seiten, 20 Euro

Bücherhamstern (16): Das kleine Licht

Jürgen Schütz vom Septime Verlag stellt den internationalen Bestseller von Antonio Moresco vor, ein Buch, das als Italiens „kleiner Prinz“ gilt.

2020_Sätz&Schätz_Moresco_DKLZum Buch:

Das geheime Herz dieses Romans ist sowohl unheimlich als auch zutiefst berührend. Antonio Morescos »Kleiner Prinz« ist eine bewegende Meditation über Mensch und Universum. Moresco denkt über die Einsamkeit und den Schmerz der Existenz nach, über Leben und Tod.

Ein Mann lebt in völliger Einsamkeit in einem verlassenen Bergdorf. Nachts, stets zur selben Stunde, stört jedoch ein kleines Licht auf der gegenüberliegenden Seite des Tals seine Isolation. Er beginnt den Ursprung des mysteriösen Lichts zu hinterfragen. Ist es jemand in einem weiteren verlassenen Dorf? Eine vergessene Straßenlampe? Ein fremdes Wesen? Er grast die umliegende Gegend ab, forscht bei den wenigen Menschen in entlegenen, nur noch spärlich bewohnten Orten nach. Doch niemand will von Menschen jenseits der Schlucht etwas wissen oder gehört haben. Von einer steigenden Unruhe getrieben, begibt er sich auf die andere Seite der Schlucht, um die Quelle des Lichts zu entdecken.

Er findet einen kleinen Jungen, der ebenfalls vereinsamt in einem Haus mitten im Wald lebt. Aber wer ist dieses Kind, das hier allein den Haushalt führt und sogar die Abendschule besucht? Die Dorfbewohner schließen die Existenz einer solchen Schule aus. Eines Abends hält der Mann vor dem Haus Wache und erkennt das Kind, das mit weiteren Kindern ausgeht, alle mit großen und kleinen Rucksäcken. Als der Junge wieder nach Hause kommt, konfrontiert er ihn und bekommt ein unglaubliches Geständnis.

Zum Verlag:

Der Septime Verlag ist bekannt für seine gute Auswahl an internationaler Literatur. Große Bekanntheit erlangte man durch die Werkausgabe der US-Amerikanischen Autorin james Tiptree Jr. und den Romanen des japanischen Kult-Autor Ryu Murakami. Aber auch Autorinnen und Autoren aus Österreich, Deutschland und Schweiz fanden bei dem 2009 gegründeten Verlag ein Zuhause, wie zum Beispiel: Jürgen Bauer, Tobias Sommer, Lydia Steinbacher und Markus Bundi.

Zur Buchhandlung:

Wir empfehlen folgende Buchhandlung:

 

Informationen zum Buch:

Antonio Moresco
Das kleine Licht
Aus dem Italienischen von Sabine Schneider
Septime Verlag 2020
Gebunden mit Schutzumschlag, Lesebändchen, 160 Seiten, Preis 20,00 € (D), 20, 60 € (A)
ISBN: 978-3-902711-90-8

www.septime-verlag.at


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John von Düffel: „Hotel Angst“ und „Wassererzählungen“

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Bild von AliceKeyStudio auf Pixabay

Ein Mann stirbt und mit ihm seine Träume. Ein Sohn begibt sich auf Spurensuche: Er reist an den Urlaubsort seiner Kindheit, nach Bordighera an der italienischen Riviera. Dort steht, mittlerweile eine verwunschene Ruine, das „Hotel Angst“, das legendäre Grand Hotel der Belle Époque. Ein Traumhotel im wahrsten Sinne – ein Lebenstraum des Vaters war es, dieses mondäne Haus mit neuem Glanz zu erfüllen. Wie zäh und nachhaltig der sonst so verschwiegene Mann diesem Traum nachhing, dies wird dem Sohn erst allmählich an der Riviera klar. Eine feingesponnene Novelle, deren melancholisch-leiser Grundton die passenden Bilder von einer untergegangenen Epoche, einer vergangenen Zeit evoziert.  

Doch was für diese Gesellschaft sprach, für all die gekrönten und ungekrönten Häupter Europas, die sich im Hotel Angst ein letztes Mal hochleben ließen, war ihre Vergänglichkeit. Sie feierten ihre Ballnächte und Diners am Abgrund der Zeit und schienen insgeheim darum zu wissen, so wie sie sich in Positur warfen vor dem Kameraauge der Ewigkeit. Sie wußten schon damals, daß sie eigentlich nicht mehr existierten, sondern so etwas waren wie Gespenster zu Lebzeiten, die sich noch einmal versammelt hatten für einen letzten körperlosen Tanz im Spiegel des Verschwindens. Das Hotel Angst war ihre Titanic, es war die Herrlichkeit und Weihe ihres Untergangs, es war das Wrack, mit dem sie langsam, aber unausweichlich in die Tiefe sanken, auf den Grund der Vergangenheit, von dem es heute noch aufragt bis in unsre Zeit, eine Titanic des Festlands, erhaben in ihrem Unheil, glamourös in ihrem Verfall. Und so steht das Hotel heute noch immer da, der untergegangene Traum einer Epoche, und macht dem Namen Angst heute vielleicht mehr Ehre denn je.“ 

Die der Geschichte innewohnende Traurigkeit – Trauer um Verluste, Verluste von Menschen, Verluste von Orten, Verluste von Träumen – kontrastiert mit der blendenden Sonne, dem Touristenrummel dieser Tage, den Anflügen von „dolce vita“, denen der Erzähler bei Speis und Trank nachgibt. Elegant verwebt John von Düffel mehrere Erzählstränge in seinem Stoff – er erzählt von jenen Männern, die die feine Welt nach Bordighera brachten, am Ende aber an ihren Träumen scheiterten. Er erzählt von einem italienischen Schriftsteller und Freiheitskämpfer, der im Exil im nebeligen England die italienische Luft und Sonne nicht vergessen kann. Und mit einem etwas kitschigen Roman seinem Heimweh Ausdruck verleiht – ein Roman, der bei anderen die Sehnsucht nach dieser Landschaft wachruft. Und John von Düffel erzählt von dem trockenen Statiker, der so nüchtern in seinen Handlungen wirkt und dabei insgeheim das Träumen nicht lassen kann: Als sich kein Weg findet, dem Hotel Angst wieder Leben einzuhauchen, macht sich der Mann selbst an ein Romanprojekt, in der Hoffnung, Geschichte ließe sich wiederholen.

Vor allem aber ist dies eine Erzählung vom langsamen Abschiednehmen und dem Näherkommen, das dabei dennoch ermöglicht wird: Je mehr der Sohn von den Träumen seines Vaters erfährt, desto mehr beginnt er ihn zu verstehen – und kann sich so dem Verstorbenen nochmals annähern. Wenn John von Düffel von Familien schreibt, von Vätern und Söhnen wie in „Houwelandt“ und „Vom Wasser“, dann ist er am stärksten – und so birgt auch diese schmale Erzählung wunderbare Sätze, gerade dann, wenn der Sohn den Aufenthalt seines Vaters in der „fünften Dimension“, dem Reich der reinen Möglichkeit, umreißt:

„Er war ein Träumer, aber kein Erfinder, seine Inspiration war die Vergangenheit und das Gefühl, ihr zugehörig zu sein – mehr als allem anderen auf der Welt. (…) Es ging ihm nicht um sich, um seine Phantasie, sondern um das Phantastische, das dem Vergangenen innewohnte, und seine größte Sehnsucht war, ein Teil davon zu sein.“ 

Ein schmales, nostalgisch anmutendes Stück Literatur – eines, das vermag, auch beim Lesen Sehnsüchte zu wecken: Und so ist das „Hotel Angst“ auch für mich zu einem Sehnsuchtsort geworden – einer, der wahrscheinlich nur in der Phantasie weiterbestehen wird. Denn wenn anscheinend auch das real existierende Hotel wiederbelebt werden soll (siehe den Artikel von 2015 hier) – die Wirklichkeit kann gegen manche Träume einfach nicht bestehen.

John von Düffel hat eine eigene Homepage: http://johnvondueffel.de/John/Start.html.
Weitere Informationen zum Buch samt Leseprobe:  https://www.dtv.de/buch/john-von-dueffel-hotel-angst-13571/


„Das Wasser an einem Wintertag. Der Himmel über der See ist hauchblau. Eine Bläue, die allen Dunst und Nebel, die Wolken und Schwaden in sich aufgesogen und verwandelt hat in einen Reifatem, der die Sonne blass macht, eine gefrorene Scheibe aus Licht.“

John von Düffel, „Wassererzählungen“, 2014

John von Düffel ist also nicht nur ein Langstreckenschwimmer. Seit „Vom Wasser“, sein erster Roman 1998 erschien, bin ich einer der vielen Fische, die ab und an in seinen Fan-Schwarm mit eintauchen. Kein gegenwärtiger deutscher Autor schreibt eben so schön, aber auch so viel über das Element Wasser und die Leidenschaft des Schwimmens wie er. In seine guten Romane kann man einsinken, abtauchen, für einige Stunden untergehen. Dazu zähle ich auch „Houwelandt“, diese Familiengeschichte, in der ebenfalls das Meer eigentlich die Hauptrolle spielt. Oder die Novelle „Hotel Angst“. Aber auf die Ebbe folgt auch die Flut beziehungsweise nach der Flut die Ebbe: „Ego“, die Geschichte eines fitnessbesessenen, karrieregetriebenen Egomanen – sie trieb mich als Leserin dann wieder eine Weile weg von der Düffel-Fangemeinde, ließ mich eher ratlos zurück.

Nun also die Kurzstrecke – Erzählungen. Natürlich drehen auch sie sich bei diesem Autoren, der schon einmal in der Presse auch als „amphibischer Schriftsteller“ bezeichnet wird, um das nasse Element. Und mir erging es beim Lesen der „Wassererzählungen“ ähnlich wie mit den oben genannten Langwerken – ein Auf und Ab, eine Wellenbewegung zwischen abtauchen, sinken lassen, mittreiben und dann wieder ein abebben der Begeisterung bis hin zum – naja, Untergang wäre übertrieben. Soll heißen: Die Mehrzahl der Erzählungen sind „von Düffels“, das heißt, schön zu lesen, dort wo eine leichte Melancholie mitschwingt, wo der Seegrund so tief ist wie die Trauer in manchen Herzen, wo das Meer so blau leuchtet wie die Hoffnung in einem Menschen. „Das Spiel ohne auf die Erde zu kommen“, „Der schwarze Pool“, „Ostsee“ – ein sprachlich eleganter Erzählfluss. Schöne Bilder:

„Als sie den schmalen, geschlängelten Weg hügelan fuhren, erhob sich der Wald vor ihnen wie eine Wand. Die Dämmerung stand zwischen den schwarzen Tannen, während der Himmel noch licht war, hell und stufenlos grau. Die ungemähte Wiese zum Wald hin sah aus, als hätte sich eine Herde von Nebeltieren darin gewälzt. Bleiches, verblühtes Gras lag nass und regenschwer in Wellen darnieder.“

Ab und an meint John von Düffel jedoch, er müsse in die Tiefen der Ironie eintauchen, der Satire oder Kritik am Zeitgeist, wo auch immer er da schriftstellerisch dahinschwimmt. „Die Vorschwimmerin“ und „Das permanente Wanken und Schwanken von eigentlich allem“ sind Beispiele dafür, Erzählungen als Monolog und Dialog verfasst. Hier kommt der Theatermann durch. Wo von Düffel jedoch mit spitzer Feder schreibt, kommt bei mir als Leserin eher Geplätscher an, seichte Wellenausläufer.

So lautet mein Fazit der „Wassererzählungen“: Flut und Ebbe.

Verlagsinformationen zum Buch:
http://www.dumont-buchverlag.de/buch/von-dueffel-wassererzaehlungen-9783832197445/

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Lutz Seiler: Die römische Saison

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„Wozu die Qual? Der Gedanke, alles sein zu lassen, stand im Raum und beruhigte mich. Ich sah Rom, und Rom war der Ort, wo das Schreiben aufgegeben werden konnte. Auf dem Rückweg von V. zur Villa Massimo machte ich einen Umweg über die Via Aurelia. Ich rannte nicht mehr, der Ausblick über die Stadt und den Fluss wurde mir gereicht wie zur Belohnung nach Wochen sinnloser Qual, eine absurde Verkehrung der Dinge, sicher, aber das war egal. Noch einmal der sagenhafte Petersplatz, die gewaltige Kuppel, dann die Piazza del Risorgimento mit einem Reiterstandbild, ein Denkmal für die Arma dei Carabinieri.“

Lutz Seiler, „Die römische Saison“, Topalian & Milani Verlag, 2016.

Ingeborg Bachmann sagte in einem Fernsehinterview sinngemäß, in Rom sei sie eine bessere Wienerin. Zu jener Zeit schrieb sie bereits an „Malina“, jenem Roman über eine Schriftstellerin, die nicht am Schreiben, sondern am Leben zerbricht.
Aus einer räumlichen Distanz zu den Herkunftsräumen zu schreiben – manchen, wie der Bachmann, ist erst oder auch nur dieses möglich. Mit einigem Abstand meint man, man könne dieses einleiten:

„Phase 1: Rekonstruktions- und Vergegenwärtigungsarbeit, Aufbereitung der Erlebnismaterials, eine Art Erinnungsmaschinerie.“

Doch da sitzt Lutz Seiler, in diesem riesigen Atelier, einst für einen Bildhauer eingerichtet, in der Villa Massimo, verloren in dem riesigen Raum, verloren in der Fülle des Material, und es geht: nichts. Endlich hat er, was sich jeder Schriftsteller wünscht: Zeit, viel Zeit, um an seinem ersten Roman zu schreiben. Die Villa Massimo, eigentlich ein Ruhepol in der Hitze und dem Trubel der italienischen Metropole. Doch wer selbst schreibt, weiß, dass, hat einen erst das Monster namens „Blockade“ im Griff, alles zur Ablenkung und Störung gereichen kann: Der Fleck an der Wand. Die makellos weiße Wand. Die Größe des Raums. Die Enge des Raums. Die Stille. Die Geräusche der Gärtner vor dem offenen Fenster. Lutz Seiler will „Von Rom nach Hiddensee“ (so der Name der ersten Erzählung in diesem Buch) und kommt nicht weit.

„Und Rom, Roma, Roman – klang das etwa nicht nach einer beinah natürlichen Steigerung der Dinge? Stattdessen Krise. Herzrasen, Hitze, Schweißausbrüche und Schlaflosigkeit, Magenkrämpfe und zu hoher Blutdruck – was folgte, war die rasche Entfaltung des kompletten Spektrums meiner hypochondrischen Möglichkeiten, ähnlich übertrieben, wie das Scheitern des Romans mit dem Einsturz des Kolosseums zu vergleichen, der im Aberglauben der Römer den Untergang Roms und dieser wiederum das Ende der Zeiten bedeutet: lächerlich – und nein, kein Vergleich, natürlich nicht. Aber ein Schriftsteller, der nicht schreibt, ist nichts wert, vor allem vor sich selber nicht.“

Das Kolosseum ist nicht eingestürzt, Rom bleibt die „ewige Stadt“ und der Roman wurde, wie wir wissen, vollendet – grandios vollendet: „Kruso“, der erste Roman des Lyrikers und Erzählers, erschien 2014 und erhielt den Deutschen Buchpreis. Ein poetisches, sprachgewaltiges Buch – mit viel römischen Schweiß und Schlaflosigkeit erkauft. Eine begeisterte Besprechung von „Kruso“ findet sich beim „Kaffeehaussitzer“ („Im Rausch der Sprache“).

Wie Lutz Seiler seine Schreibblockade überwand? Durch Loslassen, durch Leben. Irgendwann während seines Aufenthaltes in Rom anno 2011 beschließt Seiler, nicht mehr hinter dem symbolträchtigen Schrank, den er sich im Atelier sozusagen als Schutzwall zum Schreibtisch gerückt hatte, zu sitzen. Er geht raus, erkundet die Stadt, begleitet den Sohn Viktor zum Fußballtraining (dieser Beschäftigung ist die zweite, herrlich amüsante Erzählung des Bandes, „Die römische Saison“, gewidmet). „Nebenbei“ beginnt er wieder zu schreiben und beinahe unmerklich werden zufällige Begebenheiten zur Inspiration, durch ein Geräusch, einen Zufall, verwandelt sich ein Ort in einem Augenblick „in einen Ort des Schreibens“.

Ein Freiluftkonzert, kurz übertönt von einem landenden Flugzeug, „- es war das übliche Getöse Roms, Krach gegen Kunst“, und in diesem Augenblick überschwappen Ostseewellen vor dem inneren Auge Lutz Seilers die Hosenbeine des russischen Generals, Krusos Vater, der seinen Sohn heimholen will:

„Und da stand er nun, in der Fülle seiner Macht, die jetzt gebrochen war auf die vielfältigste Weise. Ein Bild, das augenblicklich die ganze Geschichte enthielt, ein Bild, dem ich absolut vertrauen konnte, ein Portal, durch das ich gehen konnte, hinein in den Stoff dieser Zeit.“

Schöner Beinahe-Scheitern: Poetisch, humorvoll, nicht ohne Selbstironie erzählt Lutz Seiler von den Plagen des Schriftstellerdaseins. Eine Erzählung, die nicht nur Schreibende anspricht – denn sie beinhaltet eigentlich eine Allerweltsweisheit: Erzwingen lässt sich nichts. Erst ohne äußeren und inneren Druck wächst Kreativität. When in Rome, do as the romans do ….

Beinahe ein stilistisches-sprachliches Gegenstück ist in diesem Band die zweite, oben bereits erwähnte Erzählung – fast schon eine Glosse über italienische Bürokratie, italienischen Fußballkult, das Geheimnis des „Catenaccios“. Bravo, Lutz! Durch diesen Text versteht man die Tränen Buffons noch einmal besser!

Zu einem Schmuckstück wird dieser Band des noch jungen Ulmer Verlags „Topalian & Milani“ ebenso durch die Gestaltung – das weckt Sammlerinstinkte und macht die Hoffnung auf mehr (im Herbst erscheinen in dieser Reihe zwei Novellen von Stefan Zweig). Den beiden Seiler-Erzählungen sind beigestellt Illustrationen von Max P. Häring (hier kann man sich einen Eindruck von seinen Arbeiten machen: http://www.maxhaering.de/), weit mehr als Ergänzungen zum Text, eigenständige Kunstwerke, die Rom in einem anderen Licht erscheinen lassen …

Zudem ist das gebundene Buch gedruckt auf handschmeichlerischem Munken-Papier, hochwertig und einfach schön gemacht!

Eine weitere Besprechung findet sich bei Con=Libri:
https://litos.wordpress.com/2016/07/01/rom-oder-roman/

Zur Verlagsseite geht es hier: http://www.topalian-milani.de/

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Erika und Klaus Mann: Das Buch von der Riviera

Erika Mann

Bild: (c) Michael Flötotto

„Entschuldigen Sie, wir haben Sie ein bißchen kreuz und quer geführt, Ihnen zwar im Vorübergehen manches gezeigt, aber es war kein rechtes System drin. – Wo esse ich? Wo wohne ich? Wo trinke ich meinen Cocktail? Wo kaufe ich mir einen Kragen? Wo tanze ich? Wo langweile ich mich? Wo gebe ich, um Gottes willen, mein Geld aus?“

Erika und Klaus Mann, „Das Buch von der Riviera“, 1931, Rowohlt Taschenbuch.

Auf die Manns konnte man sich als Reisender Anfang der 1930er Jahre verlassen – keine der Fragen bleibt unbeantwortet im Buch von der Riviera. Dieser literarische Reiseführer schmeckt nach Sonne. Man meint, das Meer zu riechen. Der Duft von Bouillabaisse steigt in die Nase. Der Geschmack von südlichen Früchten. Fischgeruch und Blumenduft, dazwischen betörendes Parfum und Angstschweiß, wenn die Roulettekugel klackert.
Und doch, bei allem Laissez-faire und aller Leichtigkeit wird einem beim Lesen weh ums Herz. Weiß man doch um die Vergänglichkeit der Dinge. Das Ende des Seins. Die Riviera, sie ist nicht mehr, so wie sie einmal war. Schon anno 1931, als dieses Buch entstand, verblasste der Glanz früherer Tage, die Belle Epoque, die Glanzzeit dieser Küste, liegt zurück. Jahre später werden manche der Orte, insbesondere Marseille, Sammelpunkte der Verzweifelten, Flüchtenden und Wartenden, die auf eine Schiffspassage, ein Visum, ein Schlupfloch aus dem Mauseloch hoffen, die den brennenden Kontinent verlassen müssen.

„Cannes hat viele Gesichter“, schreibt das Autoren-Duo in seinem Buch. Für einen der Beiden trägt die Stadt eine tödliche Maske: Klaus Mann arbeitet hier 1949 an seinem letzten, unvollendet gebliebenen Roman, unterzieht sich dann noch einige Tage einer Entziehungskur in Nizza und kehrt in diese Stadt zurück, in die „man“ hingehen kann: 1931 ist damit noch „le monde“, sind die oberen Zehntausend gemeint, 1949 ist es eine Rückkehr zum Sterben. Am 21. Mai nimmt Klaus Mann sich mit Schlaftabletten das Leben. Seine letzte Ruhestätte nach einem unruhigen, getriebenen Leben ist auf dem Friedhof Cimetière du Grand Jas zu finden.

Doch als Erika und Klaus Mann im Auftrag des Piper Verlages die Côte d` Azur bereisen, um einen Band der Reihe „Was nicht im `Baedeker´ steht“ zu schreiben, ist die Welt halbwegs noch in Ordnung. Das Buch sprüht vor französisch-südlicher Leichtigkeit. Immer wieder wird dieser spritzig-witzige Text ironisch durchbrochen. So heißt es denn auch:

„Cannes hat viele Gesichter. Schauen Sie doch in die kleine Austernstube „Le Caveau“ (auch ziemlich in der Nähe des Hafens), wo Sie für ein paar Francs frische, wenn auch etwas grüne huîtres bekommen: so was an verräucherter Gemütlichkeit war ja noch gar nicht da, das ist schon direkt Rothenburg ob der Tauber.“

Man kann es sich so gut vorstellen, dieses junge, überschäumende, elegante, kreative Paar auf seinen Streifzügen durch die eleganten Hotels, die Kasinos, die kleinen Bars, die billigen Kaschemmen, die Rotlichtviertel. Wieder einmal sind die so eng Verschwisterten, beinahe Zwillinge (es trennt sie nur ein Lebensjahr), aus der Enge des großbürgerlichen Milieus ausgerückt, der Strenge des „Großmeisters“ entkommen. Dessen Name öffnet zwar auch an der Riviera Türen, wirft aber auch seine Schatten – nicht zuletzt einer jener Schatten, an denen Klaus zerbrechen wird. Doch auch wenn der Nobelpreisträger über manches literarische Unternehmen seiner beiden Ältesten die Nase rümpft – wenn an der blauen Küste das Geld zur Neige geht, schießt Thomas Mann aus dem fernen München neues zu.

Natürlich ist „Das Buch von der Riviera“ nicht nur ein Reiseführer, der von Marseille, Toulon, Cannes und Nizza bis Monte Carlo führt, sondern auch ein „Who is who“ der feinen Gesellschaft und der Bohème, die sich dort tummelt:

„Der kleine, geistreiche Balte, der dort drüben über ausgefallene literarische Leckerbissen spricht, ist der Zeichner Rolf von Hoerschelmann, eine der berühmtesten Schwabinger Koryphäen; und die lange Figur, die dort hinten naht, ist kein geringerer als Aldous Huxley, dessen Romane richtunggebend für die junge englische Literatur sind, und kostbarster Bestandteil der europäischen. Hier nennen ihn die Leute Uelex, weil es ihnen bequemer ist, es klingt eher münchnerisch, als provençalisch. Die Angelsachsen sind eine Clique für sich, die sich aber mit der französisch-deutschen gelegentlich berührt und vermischt. Sie ist im Trinken noch stärker, als die der anderen Nationen. Der Lyriker Campbell, der einen großen Namen bei seinen Landsleuten hat, soll darin das Phantastischste leisten.“

Es ist freilich nicht die ganz große Literatur, die die Geschwister mit diesem Auftragsbuch verfasst haben, oft ein wenig ermüdend, dieses Stippvisitieren einer Lokalität nach der anderen, dieses „name-dropping“. Aber eher stellt sich die Müdigkeit in der Art nach einem faulen, sonnenverbrannten Tag am Strand ein, dieses leise Gähnen, das ein Vorzeichen ist für den Appetit auf einen Aperitif, ein Abendessen im Freien und mehr Meer. Das Buch lässt einen die imaginären Koffer packen – trotz der beinahe seherischen Warnung der Manns:

„Die Konturen dieser Landschaft werden auf den Bildern von Derain und vieler anderer von der Nachwelt geliebt werden, wenn hier alles von großen Hotels zugebaut sein wird und die Bohème sich bis an den Kongo flüchten muß.“

Das bei Rowohlt erschienene Taschenbuch ist übrigens ein Reprint der Originalausgabe und beinhaltet auch Zeichnungen von Walther Becker, Rudolf Großmann, Henri Matisse und anderen.

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Ralph Dutli: Die Liebenden von Mantua

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Mantua bei Nacht, romantischer als der Roman. Bild von Rosy Torelli auf Pixabay

„Und bestimmt ruft dein Phantasma des liebenden Steinzeitpaares nach einem Roman, nicht wahr? Wie wär´s mit Die Liebenden von Mantua? Klingt auch in anderen Sprachen gut: The Lovers of Mantova oder Les Amants de Mantoue. Und dann werden dir natürlich die Mantuaner dankbar sein für Gli Amanti di Mantova. Sie werden dir lastwagenweise ihre trockenen, aber schmackhaften Torten schicken, du hast sie wohl noch nicht probiert, diese Erzeugnisse mit dem mürben Namen Sbrisolona.“

Ralph Dutli, „Die Liebenden von Mantua“, 2015, Wallstein Verlag.

Selbstreferentielle Bezüge, Sprachspielereien, Perspektivwechsel, Metaphorisches beinah auf jeder Seite, Alliterationen schon am Frühstückstisch:

„Märchenhaftes Mandelhörnchen trifft sakralen Espresso.“

Ralph Dutli zieht in diesem, seinem zweiten Roman, alle Register seines sprachlichen Könnens. Der Übersetzer von Ossip Mandelstam und Marina Zwetajewa, der Essayist und Lyriker, ist augenscheinlich sprachverliebt und hochgebildet. Und hatte sich für sein Buch augenscheinlich viel vorgenommen.
Zu viel?

Die Liebe über den Tod hinaus: Eine romantische Idee. Die Vorstellung wurde befeuert, als 2007 in der Nähe von Mantua ein Steinzeit-Paar in inniger Umarmung gefunden wurde. Die Wissenschaft holt im Roman die Romantiker auf den Boden der Tatsachen zurück: Die Beiden waren wohl getrennt bestattet worden und dann schlicht und einfach nur ineinander gerutscht. So kann es gehen mit romantischen Ideen – und so kann es auch gehen mit einem philosophisch-kunsthistorisch angehauchtem Buch über die Liebe: Sie lösen einen Erdrutsch, ein Erdbeben aus und scheitern, wenn es schlecht läuft, an ihrem eigenen Konzept.

„Der Wirklichkeit selbst sind die Pferde durchgegangen. Sie selbst hat die Zügel schießen lassen. Jetzt soll sie sehen, wie sie weiterkommt. Sie hat sich vergaloppiert.“

Mein Eindruck: Beim Schreiben vergaloppierte sich die Phantasie dieses sprachmächtigen, zur Poesie begabten Autoren mit seiner Leidenschaft für Kunst und Kultur. Er ver-fabulierte sich. Das Buch will alles sein: Liebesroman, Erzählung einer Männerfreundschaft, Kriminalgeschichte, kunsthistorisches Essay. Und so verheddern sich die Handlungsstränge und Parallelerzählungen, wird realistisches Erzählen und jenes aus der Traumperspektive vermischt, blieb bei mir am Ende vor allem ein Eindruck zurück: Mantua wäre mal `ne Sache für eine Kulturreise.

„Was für eine hirnrissige Komödie!“

seufzt Raffa, der Erdbebenforscher, bei der ersten zufälligen Wiederbegegnung mit seinem langjährigen Freund, dem Schriftsteller Manu, anno 2012 in Mantua. Der Ausruf bezieht sich auf Manus Spiel mit Identitäten – für jeden neuen Roman legte er sich eine neue zu. Solange, bis er hinter diesen verschwindet – auch in „Die Liebenden von Mantua“ bleibt er blass, bleibt vieles blass, die Erkenntnis nur: Getrieben sind sie alle von der Liebe.

Manu verschwindet (im Roman) denn auch tatsächlich: Gekidnappt ebenso wie das Steinzeitpaar von einem sinistren Conte, der eine „Religion der Liebe“ begründen will, deren schriftlichen Grund Manu legen soll. Der Conte: ein Blaubart, mehrfach geschieden, die letzte Geliebte unter mysteriösen Umständen ermordet. Raffa bändelt derweil mit der mysteriösen Lorena an, Hotelangestellte und Fachfrau für die neolithische Kunst Maltas. Deren Schwester wiederum beim Conte arbeitet – und beim Versuch, Manu und das Steinzeitpaar aus den Fängen des Conte zu erlösen, von dessen Hand mit einem Pfeil (nicht Amors`) getötet wird. Manu überlebt.

Was sich in der ironischen Verkürzung wie eine etwas hanebüchene, sprich hirnrissige, Detektivkomödie liest, hat durchaus mehr Substanz: Da treten die „Sleeping Lady“ von Mantua, Vergil, der Maler Andrea Mantegna auf, da werden ganz nebenbei etliche Epochen der Kunstgeschichte erläutert und entblättert, da wird ein Motiv – die Liebe – nicht nur über Epochen, sondern über ganze Zeitalter hinweg verknüpft. Raffa und Lorena beim Besuch im Palazzo del Te:

„Renaissance ist Überbietung, die Erweiterung aller Grenzen, sie glaubten wirklich, sich alles erlauben zu können, Guilio wollte das lebendige, farbige Fleisch, Mantegnas strenge antike Statuen sollten verblassen, nur bewegte Muskeln und wippendes Gewebe zählten jetzt, schwingend, federnd, tanzend, lockend, bis zum schieren Bildwitz, an der Grenze zur Karikatur, Guilio Pippi hat seine vatikanischen Liebesgraffiti keinesfalls vergessen.“

Es ist, als sei auch Ralph Dutli ein Renaissance-Mensch, der in diesem Roman alles überbieten will, der die Grenzen erweitern möchte, alles an Wissen über Mantua und seine Geschichte in eine schwingende-federnde Sprache packen will. Nur schade, dass diese geballte Wucht des Wissens die Leichtigkeit des Sujets beinah erdrückt. Die Liebe, das eigentliche Motiv, der Antrieb schon der Steinzeitmenschen, der auch den homo sapiens immer noch umtreibt, sie wirkt in diesem Roman mehr und mehr seltsam versteinert. Man wünschte sich die Leidenschaft und Sinnlichkeit, die Romeo in seinem Mantuaer Exil umtreibt.

„Nichts ist schwerer als leicht zu sein.“

Das sagt sich der verliebte Raffa. Für mich auch ein Programm für diesen Roman. „Man begreift, „Die Liebenden von Mantua“ sind auch ein gewitzter und intelligenter Kunstreiseführer“, hieß es in einer Besprechung in der Rhein-Neckar-Zeitung vom 27. August. D`accord. Nur: Eben auch mit der Sinnlichkeit eines Baedeker, erotische Metaphorik erstickt unter fast schon barocken Wortkaskaden:

„Er sah sie schlafen, nackt oder mit dem ironischen Hauch eines Höschens, Anmut des Schlafs, ihre eine Hand zwischen den Erdbeerhügeln, die andere unter den Kopf oder unters Kissen geschoben, er muss an die Sleeping Lady denken, aber Lorena ist nicht die neolithische Statuette, die auf die Ankunft der göttlichen Botschaft wartet, eher zierlicher Meteorit, der dem Morgenlicht entgegendöst, um aufzuschrecken und an die Arbeit zu eilen. Er weckt sie zart, indem er mit angewärmten Fingerkuppen über ihren Rücken gleitet und versucht, sie nicht zu kitzeln. Was heißt Haut nicht alles.
Kätzchenritual morgens vor dem Aufbruch. Aprikosenwäldchen. Listige Reibgeräusche, unsichtbares Frühstück des Ohrs. Er wollte sein Erdbeben nicht vergessen. Sie musste gehen. Weinbergpfirsich, Limette. Sie duftete nach diesem ungläubigem Rätsel.“

Ungläubiges Rätsel? Nichts ist schwerer als leicht zu sein. Und offenbar nichts schwerer, als leicht über die Liebe auch in Zeiten der Schwere und der Steinzeit zu schreiben…

Ralph Dutli, „Die Liebenden von Mantua“, Wallstein Verlag

Auf der Longlist beim Deutschen Buchpreis und auf der Leseliste der Buchpreisblogger.

Hier hält der Kaffeehaussitzer auf dem Laufenden, welche Bücher der Longlist von den Buchpreisbloggern bereits besprochen wurden.

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Ippolito Nievo: Am Ufer des Varmo. Dorfgeschichten

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Das Titschen war allerdings der angenehmste Zeitvertreib, dem sie am häufigsten frönten, und leider würde ich dem urtümlichen bäuerlichen Ausdruck jede Anmut rauben, wenn ich Euch sagte, er bedeute, flache Kieselsteine mit einer kräftigen Armbewegung so über das Wasser zu werfen, dass sie merkwürdige Sprünge und Rutschpartien vollführen. Dennoch möchte ich den Unglücklichen, die sich noch nie an diesem poetischem Zeitvertreib ergötzt haben, gerne erklären, worin er besteht; und die Kundigen möchte ich beschwören, den anderen zu beweisen, dass das Beobachten der hüpfenden Kieselsteine, die zuerst die Oberfläche des Baches berühren, dann wie reuig oder widerspenstig in die Höhe fliegen, um darauf wie verliebte Kobolde zu einem zweiten und längeren Kuss zurückzukehren, und schließlich zierlich über die flüssige Oberfläche rollen und eine Furche wie aus festem Silber graben, dass, wie gesagt, die Beobachtung all dessen der unschuldigste und schönste Zeitvertreib ist.“

Ippolito Nievo, „Am Ufer des Varmo“, erstmals erschienen 1856 im „Annotatore Friulano“.

Er beschrieb die einfachen Freuden der einfachen Leute (wenn auch nicht immer in einfachen Sätzen – die Verschachtelungen erfordern ebenso viel Aufmerksamkeit wie das Titschen): Ippolito Nievo. Obwohl 1831 in Padua geboren und dann durch das Studium lange Zeit ein „Städter“, widmete sich Nievo in seinen Erzählungen den sogenannten „kleinen Leuten“ auf dem Lande.

Dem früh verstorbenen Schriftsteller blieb nicht viel Zeit für seine Werke: Nievo, der sich für einen italienischen Nationalstaat einsetzte und an der Seite Garibaldis kämpfte, kam bereits 1861 bei einem Schiffsunglück ums Leben. In dieser kurzen Lebensspanne hatte er zwei Romane verfasst, darunter die berühmten „Bekenntnisse eines Italieners“. Sowie etliche Novellen, Dorfgeschichten, die vom täglichen Leben der Kleinbauern und Tagelöhner im Friaul erzählen, vom Niedergang des Landadels, von Menschen, die sich um ihr tägliches Brot abrackern und sich dabei doch Herzensgüte bewahren (bis auf einige verschrollene und verdorbene Charaktere, die die Geschichten beleben).

Vielleicht liegt es an dem der Romantik verpflichteten Stil, vielleicht an der Darstellung einer längst versunkenen Welt, die uns fern erscheint, dass Nievos Erzählungen bislang nicht in das Deutsche übersetzt wurden. Der Folio Verlag (Wien/Bozen) hat nun in einer schönen gebundenen Ausgabe (hier mit Leseprobe) drei dieser Dorfgeschichten herausgebracht, übersetzt von Karin Fleischanderl. Und weckt so verdienstvollerweise erneut die Erinnerung an Ippolito Nievo, der von italienischen Schriftstellern späterer Generationen wie Umberto Eco und Italo Calvino hochgeschätzt wurde.

Sicher grenzen die Figuren Nievos manches Mal an das Klischeehafte: Der herzensgute, aber verarmte Adelige, die sich aufopfernde Magd, der treue Bräutigam, der hinterlistige Stutzer, die böse Alte…doch zugleich legt er auch feine psychologische Studien vor, beispielsweise in der Beschreibung einer verwöhnten, ungebärdigen Müllerstochter, die als Kind und junge Frau ihrer zerrissenen Gefühle nicht Herr wird – bis die Erkenntnis dämmert. Und auch wenn manche Sätze so wirken, als verklärten sie die Armut der Landbevölkerung

„Die Küche, deren einziger Schmuck der Ruß war und die sich für gewöhnlich durch eine gewisse Sauberkeit auszeichnete, wodurch selbst die Armut ein wenig schöner erscheint (…),

so sind die Darstellungen an anderer Stelle lebensecht und von durchaus historischem Wert: Sie sprechen von einem Italien, das damals das Armenhaus Europas war. Die romantischen Elemente der drei übersetzten Erzählungen „Am Ufer des Varmo“, „Die Heilige aus Arra“ und „Der kleine Anwalt“ liegen darin, dass die „moralisch guten“ Menschen immer ein glückliches Ende und ein Ausgang aus einer Notsituation erwartet, dass es das Schicksal denn doch gut mit ihnen meint und daher- neben der eigenen Aufrichtigkeit und Integrität – oft eine unerwartete Fügung alles zum guten Ende führt. Manche mögen dies überholt finden, andere naiv: Doch Nievo wollte, wie Karin Fleischanderl, die Übersetzerin schreibt, „seine Zeitgenossen mithilfe von Literatur zu moralischem Denken und Handeln“ anhalten. Es gibt schlimmere Ziele, würde ich meinen, und es gibt weit weniger erbauliche Wege, dies zu tun: Denn insgesamt überwiegt ein feiner, literarischer Stil, der Humor Nievos und seine Beschreibungskraft jeden missionarischen-moralischen Eifer.

Allein die Beschreibung des Titschen ist ein wunderbares Kapitel, das auch davon spricht, wie sehr sich wohl auch Nievo selbst noch diesen einfachen, kindlichen Freuden hingeben konnte. Wenn man heute durch Italien fährt, trifft man ab und an in Bergdörfern oder an abgelegenen Orten alte Menschen auf dem Dorfplatz, die wahre Geschichtenerzähler sind: In ihnen findet sich ein Stück von Nievo wieder. Und wer beispielsweise „Die Verlobten“ von Manzoni mag, der wird auch diese Erzählungen goutieren.

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Dino Buzzati: Die Tartarenwüste

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Bild von Peter Arvell auf Pixabay

Dieser Roman ist im Grunde eine Zumutung. Denn es geschieht: NICHTS. Und dies doch fast satte 230 Seiten lang. Oder aber auch – ein ganzes Leben lang.

„Nach seiner Ernennung zum Offizier verließ Giovanni Drogo an einem Morgen im September die Stadt, um sich nach der Festung Bastiani, seinem ersten Bestimmungsort, zu begeben.“

Der erste Satz, ein Aufbruch am Morgen. Die Festung wird der erste und letzte Bestimmungsort des jungen Mannes bleiben. Das Buch endet Jahrzehnte später – Drogo, der die Festung nach seiner Ankunft am liebsten stante pede wieder verlassen hätte, ist immer noch dort, ebenso gefangen in der Monotonie der Wüste, des Soldatenlebens, des Lebens an sich wie seine Kameraden. Er verlässt sie in der Abenddämmerung, gleichsam ein Synonym für seinen Lebensabend – ein vergeudetes Leben.

Eine ganze Lebenszeit sinnlos vertan: Denn die Festung Bastiani, einst in einem namenlosen Reich errichtet als Bollwerk gegen die aus der Wüste eindringenden Feinde, hat schon längst ihre Bestimmung und ihren Sinn verloren. Es gibt keinen Feind, keine Menschenseele, die die öde Landschaft vor der Festung durchquert. Seit Menschengedenken ist an diesem Vorposten des Landes nichts mehr geschehen. Und ebenso ereignislos wie das Leben vor den Mauern ist dieses innerhalb der Festung. Die Abläufe des Soldatenlebens sind zum bloßen Ritual erstarrt, Pflichterfüllung um der Pflichterfüllung willen. Abwechslung bringen drinnen kleine Scherereien und Intrigen in der Truppe, draußen sind es die Halluzinationen, eingebildete Feindbewegungen im Flimmern des Sonnenlichts. Bitterböse Ironie am Ende: Als Drogo, alt und müde vom Nichts, die Festung verlassen muss, droht nach Jahrzehnten der erste Angriff der Tartaren. Doch so oder so: Drogos Leben war vergeblich, das Leben an sich zog an ihm vorbei – schon bei einem kurzen Urlaub an seinem Heimatort kam er als Fremder zu Familie und Freunden zurück, nun, im Alter, ist er einsam und verlassen:

„Da lag er, dieser Körper, in tierische Bewußtlosigkeit versunken, von dunklen Ängsten geschüttelt, schwer atmend, den müden Mund halb geöffnet.
Und doch hat auch er einmal geschlafen wie dieses Kind. Auch er ist anmutig und unschuldig gewesen, und vielleicht hat sich auch über ihn irgendwann einmal ein alter Offizier gebeugt und ihn voll traurigen Staunens angeblickt.
Armer Drogo, sagte er zu sich selbst. Er weiß, daß es nur ein schwaches Trostwort ist. Aber steht er denn nicht ganz allein auf dieser Welt? Ist er nicht der einzige Mensch, der diesen Giovanni Drogo liebhaben kann?“

Man sieht: Dieser 1940 erschienene Roman steht ganz in der Tradition des Existenzialismus, ist eine einzige Metapher auf die Sinnlosigkeit des modernen Lebens. Der Mensch als Teil der Masse, uniform, als Teil einer Maschinerie. Im Hintergrund zudem die Erfahrungen, die Dino Buzzati (1906 – 1972) selbst mit dem italienischen Militär zu Zeiten des Faschismus machte. Der Roman, so schreibt Maike Albath im Nachwort der neuesten Übersetzung, erschienen in „Die Andere Bibliothek“, bringe zudem „das Unbehagen“ auf den Punkt, das mit Eintritt Italiens in den Zweiten Weltkrieg auf dem Halbstiefel herrschte:

„Die Festung Bastiani ließe sich aber auch als eine beunruhigende Metapher für ein totalitäres System deuten. Das Regelwerk gewährleistet die Existenz der Festung und wird zum Selbstzweck. Am Ende macht es die Soldaten blind für tatsächliche Gefahren. Buzzati beschreibt einen Prozess, der charakteristisch für den Zustand des Individuums in einer Diktatur ist: In einer Mischung aus Pflichterfüllung, Unsicherheit und Angst passt sich Giovanni Drogo zunächst nur an, bis es nach und nach zu einer kompletten Verschmelzung mit dem Machtapparat kommt, so ausgehöhlt dieser längst sein mag. Jenseits dessen existiert Drogo nicht mehr.“

Soldatenpflicht in der Tatarenwüste – eine Sisyphosarbeit. Und obwohl die Nähe zum französischen Existenzialismus unverkennbar ist und obwohl Buzzati mit einer klaren, präzisen Sprache besticht: Dieses in Italien nach wie vor hoch anerkannte Buch scheint, so Hubert Spiegel in der Frankfurter Allgemeinen, bei den deutschen Lesern nicht so recht einzuschlagen – alle paar Jahre wieder wird es verlegt, es existieren Übersetzungen unterschiedlicher Qualität, und doch ist der Schriftsteller und Journalist Buzzati eine eher unbekannte Größe geblieben.

Schade – denn wer beispielsweise auch Pavese und Natalia Ginzburg schätzt, wird von der „schmucklosen, kühlen Prosa“ (Maike Albath) der Tatarenwüste ebenso angetan sein. Ohne rhetorischen Pomp, schlicht und einfach, dies jedoch in höchster Kunstfertigkeit, zieht einen dieses Buch in seinen Bann. Buzzati beschreibt die Sinnlosigkeit und Monotonie eines Lebens – monoton aber ist der Roman trotz seiner klaren, kühlen, einfachen Sprache beileibe nicht. Hier liegt die Kunst in der Zurückgenommenheit.

 

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Ignazio Silone: Vino e pane

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Bild von Mandy Fontana auf Pixabay

Cristina, schrieb er, es ist richtig, dass man besitzt, was man hingibt, aber wem und wie soll man geben? Unsere Liebe, unsere Bereitschaft zum Opfer und zur Selbstverleugnung trägt nur Frucht, wenn sie in die menschlichen Beziehungen hineingetragen wird. Die moralischen Kräfte wachsen und gedeihen nur im praktischen Leben. Wir sind nicht nur für uns selbst verantwortlich, sondern auch für die anderen.
Wenn wir empfinden, dass um uns her das Böse herrscht, können wir nicht untätig bleiben und uns mit der Aussicht auf eine überirdische Welt trösten. Das Böse, das bekämpft werden muss, ist nicht das abstrakte Wesen, das man den Teufel nennt; das Böse ist all das, was Millionen von Menschen hindert, im wahrsten Sinne menschlich zu sein. Und dafür sind wir mit verantwortlich…

Ignazio Silone, „Wein und Brot“.

1936 schrieb Silone dieses Buch im Schweizer Exil, das zunächst unter dem Titel „Brot und Wein“ erschien und seither als eines der wichtigsten Bücher der italienischen Resistenza-Literatur gilt.
Silone überarbeitete seinen Roman nochmals 1955. Und trotz bleibender stilistischer Mängel – manches wirkt unausgereift, manches Mal bricht die politische Botschaft zu unmittelbar in die Prosa ein – ist und bleibt „Wein und Brot“ oder eben „Vino e pane“ ein berührendes, packendes Werk.

Der kommunistische Widerstandskämpfer Pietro Spina ist aus dem Exil zurück nach Italien gekommen. Doch kaum betritt er heimischen Boden, sind die faschistischen Häscher hinter ihm her. Er muss sich, ausgerechnet im Gewand eines Priesters, in einem ärmlichen Bergdorf in den Abruzzen verstecken. Hier trifft er auf besitzlose Landarbeiter und Tagelöhner, für die die Ankunft eines neuen Priesters beinahe einem Wunder gleicht. Zerrissen zwischen politischen Idealen, den Zweifeln an den Doktrinen seiner Partei, der Ohnmacht angesichts der Verhältnisse und seiner erzwungenen Untätigkeit ringt Spina ständig mit seinem Gewissen und seiner Gesundheit. Zudem lernt er die junge Cristina kennen, die eigentlich dazu bestimmt ist, Nonne zu werden. Er verliebt sich in sie, kann jedoch kaum im Gewand eines Geistlichen Avancen machen.

„Wein und Brot“ ist ein Abenteuerroman, ein Heimatroman und ein Liebesroman mit neorealistischen Elementen. Silone zeichnet die Notlage der Kleinbauern und Landarbeiten mit viel anteilnehmender Sympathie. Diese kämpfen täglich ums Überleben – da bleibt nur politische Apathie oder der Hang zu Extremen, sei es der Glaube wahlweise an den Kirchenmann oder die Kräuterhexe, sei es die Hoffnung auf einen befreienden Sozialismus oder einen siegreichen „Duce“.

Etwas aufgesetzt wirkt zuweilen die Verbindung von Politik und Religiosität. Silone selbst war ein sozialistischer Christ, der sich, vor allem, als der Stalinismus die kommunistischen Ideale pervertierte, von der kommunistischen Partei abwandte.

„Das ist das traurige Schicksal aller Bewegungen, die sich das Heil der Menschheit zum Ziel gesetzt haben: Sie werden zu Fallen, in denen der Mensch sich selbst verliert.“

Sozialistische Predigten und christliche Symbolik – bis hin zum bitteren Ende, da Cristina, die Unschuld, der Naturgewalt zum Opfer fällt, niederkniend und das Kreuz schlagend ihr Ende erwartend – das könnte mühsamer Lesestoff sein. Doch Silone vermochte es dennoch, seine „Botschaft“ in einen Roman zu packen, der einen, auch aufgrund seiner schlichten Erzählweise, nicht unberührt lässt. Zudem sind die Fragen, wie denn die beste aller Welten zu erreichen sei, zeitlos und dürfen, auch in ruhigen Zeiten, immer wieder gestellt werden.
Auflockernd wirkt zudem der Humor des Schriftstellers. So sieht die Wirtin des falschen Priesters in ihm beinahe den Messias wieder herabgekommen auf Erden:

„Was muss man den tun, fragte Matalena, wenn er wirklich Jesus ist? Muss ich Don Cipriano benachrichtigen? Oder die Carabinieri?
An der Tür des Wirtshauses hing eine Tafel mit polizeilichen Bestimmungen, aber die Ankunft Jesu war darin nicht vorgesehen.“

Silone (1900-1978) stammte selbst von Kleinbauern aus den Abruzzen ab. Bereits 15jährig wurde er Vollwaise, seine Mutter und fünf seiner Geschwister kamen bei einem Erdbeben ums Leben. Schon als junger Mann setzte er sich als Gewerkschafter und Journalist für eine Verbesserung der Verhältnisse für die Landarbeiter ein. Als Mitglied der kommunistischen Partei musste er nach der Machtergreifung Mussolinis abtauchen und ins Exil. Dort wurde er jedoch wegen seiner Kritik am Stalinismus 1931 aus der KP ausgeschlossen. Ab 1944 wieder in Italien, gründete er eine eigene Splitterpartei im Sinne eines humanen christlichen Sozialismus, wendete sich dann später ganz von der Politik ab und konzentrierte sich auf das Schreiben.

Ein ausführlicher Lebenslauf findet sich beim Kiepenheuer&Witsch-Verlag, bei dem Silones Bücher als Taschenbuch erschienen sind sowie eine gute Monographie über den italienischen Schriftsteller:
http://www.kiwi-verlag.de/buch/wein-und-brot/978-3-462-01633-8/

Eine lesenswerte Besprechung findet sich beim Blog Bücherrezension:
https://buecherrezension.com/2016/11/01/aufruf-zum-widerstand-ignazio-silone-wein-und-brot-19361955/

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Luigi Bartolini: Fahrraddiebe

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Man weiss, dass Verlaine die Diebe liebte. Weil er zusammen mit ihnen im Gefängnis sass, deshalb liebte er sie. Und er nannte sie „die lieben Diebe“. Und was Mörder angeht, so nannte er sie „die süssen Mörder“. Aber das war für ihn lediglich eine Frage des Reims, höchstens eine Frage von Worten, der klingelnden Worte von Dichtern – die nichts bedeuten in der nackten Wirklichkeit der Dinge.“

Luigi Bartolini, „Fahrraddiebe“.

Die nackte Wirklichkeit der Dinge – dies darzustellen war ein Kennzeichen des italienischen Neorealismus. Und dazu gehörte auch die Darstellung der nackten Not im Italien der Kriegs- und Nachkriegszeit. Wo der Diebstahl eines Fahrrads eine Bedrohung der nackten Existenz sein konnte.
Selten jedoch dass, aber manchmal eben doch, ich sagen muss: Ich ziehe die Literaturverfilmung dem Buch vor. „Fahrraddiebe“, 1946 von Luigi Bartolini geschrieben, 1948 von Vittorio de Sica verfilmt, ist einer dieser Fälle. Beide, Film wie Buch, gelten als Meisterwerke des italienischen Neorealismus. Bis auf Ort und Zeit (das Rom der 40er Jahre) und die Rahmenhandlung des Fahrraddiebstahls sowie dem Versuch des Besitzers, wieder an den Drahtesel zu kommen, sind Buch und Film zwei paar italienische Stiefel.

Luigi Bartolini (1892-1963) war nicht nur als Schriftsteller äußerst produktiv und bekannt, sondern auch als preisgekrönter bildender Künstler. Mit seinen kritischen, teil sehr polemischen Schriften zu Kunst und Kultur spaltete er oftmals die Gemüter. Auch politisch nahm er kein Blatt vor den Mund: Wegen seiner kritischen Artikel wurde der bekennende Antifaschist während der Mussolini-Diktatur zeitweise verhaftet und musste vorübergehend Rom verlassen.  Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte er als Professor an der römischen Kunsthochschule tätig werden.

Man gehe jedoch aufgrund der politischen Haltung nicht davon aus, Bartolini sei ein Menschenfreund gewesen – nimmt man den Erzähler aus „Fahrraddiebe“ als alter ego des Autoren, so trifft man dabei eher auf einen polemischen, überheblichen und wenig sympathischen Misanthropen. Diesem wird am 28. September 1944 sein Fahrrad gestohlen, als er in einem Laden nur kurz Schuhwichse kaufen will. Die Jagd nach seinem Eigentum, das für ihn nicht nur als Fortbewegungsmittel zwischen den verschiedenen Redaktionen wichtig ist, sondern vor allem als Möglichkeit, der Stadt und den Menschen zu entfliehen, wird zu einer tour de force quer durch la citta apertà. Bartolini nimmt den Leser mit, dahin, wo es wirklich weh tut: In die finsteren Gassen, wo sich Hehler, Gauner, Schieber und Huren tummeln. In die finstere Unterwelt rund um den Campo dei Fiori und in das Viertel Trastevere, heute ein für Touristen aufgehübschtes Viertel, seinerzeit Hort der Kleinkriminellen und Verbrecher.

Dies ist eine Qualität des Buches: Durch die realistische Schilderung der Armut und des Niedergangs ist es ein Zeitdokument, ein Abbild Italiens in den letzten Kriegswirren. Beinahe so erschreckend in den Zustandsbeschreibungen wie Malapartes Neapel-Roman „Die Haut“. Abgemildert wird dies durch philosophische Einsprengsel über das Verlieren und das Finden und den Wert des Lebens an sich:

„Es geht im Leben darum, Verlorenes wiederzufinden. Man kann es einmal, zweimal, dreimal wiederfinden, so wie es mir gelungen ist, mein Fahrrad wiederzufinden. Doch das dritte Mal wird kommen, und nichts mehr werde ich finden. So ist es, wiederhole ich, mit dem ganzen Dasein. Es ist ein Lauf über Hindernisse, bis man endlich verliert oder stirbt. Ein Lauf über Hindernisse von Kindheit an!“

Die mehrfache Wiederholung alltäglicher Banalitäten, ständige verbale Ausfälle gegen alles und jeden – Briten, Deutsche, Amerikaner, Gauner, Frauen, Händler – und ein leicht larmoyanter Unterton dämpften bei mir das Lesevergnügen erheblich. Das Buch endet zumindest mit dem Rückkauf des gestohlenen Drahtesels, der Erzähler kann weiterradeln…Ciao!

Auch de Sica zeichnet in seinem Film ein Bild des trostlosen Roms, zeitlich versetzt in die Nachkriegszeit. Statt des Ich-Erzählers spielt ein Arbeiter die Hauptrolle, der mit Plakatekleben seine Familie durchbringen muss. Das Rad ist unabdingbare Voraussetzung für den Job. Als es gestohlen wird, ist damit tatsächlich die Existenzgrundlage geraubt. In Begleitung seines kleinen Sohnes Bruno geht der Arbeiter auf die ergebnislose Suche. Am Ende gerät er selbst in Versuchung zu stehlen – ein Mundraub im klassischen Sinne aus Not, der dem Film mehr Menschlichkeit einhaucht, als das Buch in sich birgt. Zudem vermittlen die familiären Szenen, die Vater-Sohn-Beziehung menschliche Wärme in einer Zeit der Not – Lichtblicke, die der Literaturvorlage fehlen.

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