Irmgard Keun: Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften

„Wenn sie meinen, ein Kind hätte keine Sorgen, dann ist das dumm von ihnen. Immer sagen sie: Ach, so eine sorglose Kindheit, nie kommt sie wieder. Aber ein Kind hat bestimmt viel mehr Sorgen als ein Erwachsener.“

Irmgard Keun, „Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften“, 1936, Neuauflage 2016 bei Kiepenheuer & Witsch.

Eine Autorin, ein Sprachstil, eine Erzählperspektive – und doch zwei so unterschiedliche Bücher. In ihrem 1938 erschienenen Roman „Kind aller Länder“ wirkt der Stil zum Teil aufgesetzt, das kindliche Geplauder auf den Leser auch ermüdend. Ganz anders dagegen ist dies bei den Erzählungen, die Irmgard Keun zwei Jahre zuvor verfasste. Auch hier lässt die Autorin den Leser die Welt (oder vielmehr die „kleine“ Welt des Mädchens, die auf die Heimatstadt Keuns, Köln, schließen lässt) durch die Augen eines Kindes betrachten. Zu den überwiegend vergnüglichen, eher leichtgewichtigen Geschichten passt die kindliche erzählerische Stimme gut.

Es sind „Lausmädchengeschichten“: Die junge Protagonistin, eine Drittklässlerin, ist eine Renitente, die gegen die falsche Moral Erwachsener aufbegehrt. Man könnte die Erzählungen – die aufeinander aufbauen und somit eine Art Fortsetzungsroman ergeben – in der Tradition der Geschichten Ludwig Thomas verorten. Ein Kind decouffriert die Scheinmoral der Erwachsenen, rebelliert gegen altjüngferliche Tanten, bissige Nachbarinnen, scheinheilige Lehrerinnen. Das wäre insofern gute Unterhaltungsliteratur.

Wäre da nicht das emanzipatorische Element: Es ist ein Mädchen, ein „Wildfang“, das mit seiner „Buben-Gang“ die Nachbarschaft in Atem hält. Und der Zeitpunkt, an dem Keun ihre Erzählungen verortet hat: Die Lausmädchengeschichten spielen im letzten Jahr des Ersten Weltkrieges.

Keun gibt ihrer kleinen Heldin eine frühkindliche Skepsis mit: Wenn in der Schule Hurra-Patriotismus gepredigt wird, wenn vom „perfiden Albion“ die Rede ist, so stellt die Protagonistin dem die Erfahrungen ihrer Lebenswelt gegenüber – die Lebensmittelknappheit, die in allen Haushalten herrscht, die Hamsterei und das Betteln bei den Bauern, die existentiellen Sorgen, die den Alltag prägen, die Männer mit den „abgeschossenen Armen“, die aus dem Krieg zurückkehren. Und dominiert wird der Ton vor allem durch das kindliche Mitgefühl, das Kategorien wie „Freund und Feind“, die dem Nationalismus entspringen, einfach noch nicht kennt.

Einen zentralen Platz nimmt dabei die Erzählung „Wir schreiben an den Kaiser“ ein:

„Und ich schreibe dem Kaiser, dass ich mit sehr viel klugen erwachsenen Leuten gesprochen habe, und die meinten nun, Frieden wär viel schöner als Krieg, und überhaupt dauerte der Krieg jetzt lang genug und wäre eine Schweinerei, als Kaiser würde er so was sicher gern wissen, und er müsste doch immer in seinem Schloß sein und regieren, aber ich könnte ja herumlaufen und hören, was die Leute reden. Und das Beste wäre, er würde abdanken.“

Wie bei „Kind aller Länder“ ist es also auch in diesen Erzählungen der Kindermund, der frech und vergnüglich Wahrheit kundtut, jene Wahrheit, die Erwachsene offen nicht zu formulieren wagen. Bedenkt man, dass einige dieser Erzählungen vor 1936 zum Teil noch in deutschen Zeitungen veröffentlicht wurden, so könnte man diese „kindliche Weltanschauung“ auch als mutiges, satirisches Mittel von Irmgard Keun werten: Eintreten für Pazifismus war im Nationalsozialismus ein gefährliches Unterfangen. Verpackt in diese Lausmädchengeschichten kann man jedoch die eine oder andere Spitze auch als Seitenhieb der Autorin auf die Ereignisse im „Dritten Reich“ interpretieren.

Verwegen genug dazu war die Keun, die 1935 beim Landgericht Berlin eine Schadenersatzklage wegen des Verdienstausfalles, den sie durch die Beschlagnahmung ihrer ersten Bücher erlitten hatte, einreichte – natürlich ohne Erfolg. 1936 entschloss sie sich dann zum Exil – die Lausmädchengeschichten erschienen als ihr erstes Exil-Buch und fanden zunächst, auch bedingt durch die politischen Umstände, wenig Resonanz.

Im Gesamten sind die Erzählungen politisch jedoch überwiegend harmlos und unverfänglich. Ein idealer Lesestoff ebenfalls für die Leser der Nachkriegszeit: Wie Hiltrud Häntzschel in ihrer rororo-Monographie über Irmgard Keun berichtet, werden die „unverfänglichen Episoden“ zu ihrem auflagenstärksten Buch nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Insbesondere in „schicken neuen Illustrierten, in der „Ford-Revue“ zum Beispiel, werden ihre kleinen Geschichten gern gedruckt und sicherlich nicht schlecht honoriert.“

Eine der dezidiert pazifistischen Stories – „Als ich Bazillenträger war“ – wurde von Irmgard Keun erst nachträglich, bei einer Neuauflage 1959, dem Buch hinzugefügt. Weil der kleine Bruder der Erzählerin Scharlach hat, wird sie für einige junge Soldaten zum Mädchen, mit dem sie unbedingt freundschaftlich verkehren möchten, in der Hoffnung, sich mit Scharlach anzustecken und so der Rückkehr an die Front zu entgehen.

Dass diese Geschichte erst später von Irmgard Keun zu den Erzählungen dazu genommen wurde sowie eine Entstehungsgenese der Geschichten hätte ich anstelle des Auszugs aus Volker Weidermanns „Das Buch der verbrannten Bücher“ bei der Neuauflage 2016 zwar bevorzugt. Da Kiepenheuer & Witsch die Bücher der Autorin verdienstvollerweise wieder auflegt, hoffe ich jedoch, dass dem auch die längst anstehende, umfassende Irmgard Keun-Biographie folgt.

Informationen zur Neuauflage gibt es hier:
http://www.kiwi-verlag.de/buch/das-maedchen-mit-dem-die-kinder-nicht-verkehren-durften/978-3-462-31639-1/

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Irmgard Keun: Kind aller Länder

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Wir haben so viele Gefahren, das alles ist so schwer zu verstehen. Vor allem muss ich lernen, was ein Visum ist. Wir haben einen deutschen Pass, den hat uns die Polizei gegeben. Ein Pass ist ein kleines Heft mit Stempeln und der Beweis, dass man lebt. Wenn man den Pass verliert, ist man für die Welt gestorben. Man darf dann in kein Land mehr. Aus einem Land muss man `raus, aber in das andere darf man nicht `rein. Doch der liebe Gott hat gemacht, dass Menschen nur auf dem Land leben können. Jetzt bete ich jeden Abend heimlich, dass er macht, dass Menschen jahrelang im Wasser schwimmen können oder in die Luft fliegen.“

Irmgard Keun, „Kind aller Länder“, 1938, Neuauflage bei Kiepenheuer & Witsch 2016

Der Pass, nach Brecht edelster Teil des Menschen, ein immer wiederkehrender Gegenstand in der Exilliteratur. Verzweifelt warten beispielsweise die Protagonisten in „Transit“ (Anna Seghers) oder „Die Nacht von Lissabon“ (Erich Maria Remarque) auf Papiere: Einen Pass, ein Visum, eine Bordkarte. Sie ermöglichen die Flucht, Flucht ohne eine Wiederkehr auf absehbare Zeit – am Ende egal wohin, nur weg vom brennenden Kontinent, in dem es für Juden, politisch Widerständige, Intellektuelle und andere Verfolgte kein Versteck mehr gibt. Papiere sind lebensrettend.

In dem 1938 von Irmgard Keun geschriebenen Roman „Kind aller Länder“ schlagen sich diese Themen nieder, das Herumirren durch ganz Europa, die Not der Exilanten, ständig auf der Jagd nach Papieren, Geld, einem neuen Unterschlupf. Allerdings mit einem wesentlichen Unterschied: Irmgard Keun, damals 33 Jahre alt und selbst schon seit Mai 1936 im Exil, schreibt aus der Sicht eines Kindes, der zehnjährigen Kully. In deren Eltern – dem haltlosen, leichtsinnigen Schriftsteller Peter und der Mutter, die im Exil zwischen Heimweh, Wunsch nach Bodenständigkeit (der Versuch, ein Heim in der Fremde zu imitieren, scheitert nicht nur an der politischen Situation, sondern auch an der Rastlosigkeit des Mannes), Pragmatismus und Tagträumerei schwankt – hat Keun, nicht unschwer zu erkennen, auch ihrem Geliebten Joseph Roth und sich ein literarisches Denkmal gesetzt, ihre Erfahrungen dieser Zeit verarbeitet.

„Mein Vater schreibt für unseren Lebensunterhalt. In Ostende hat er ein neues Buch geschrieben, das aber nicht fertig geworden ist, weil wir so viele Sorgen hatten. Wenn meine Mutter und ich meinen Vater mittags abholten, sahen seine Augen manchmal aus, als seien sie weit ins Meer geschwommen und noch nicht wieder zurück. Meine Mutter und ich können sehr gut schwimmen, aber die Augen von meinem Vater schwimmen noch viel weiter. Er hat uns auch oft fortgeschickt, weil er nicht essen wollte. Ein regelmäßiges Leben stört seine Arbeit und ekelt ihn an.“

Dieses ständige Gehetztsein, der Druck, an Geld zu kommen, gerade auch der Druck, der deshalb auf dem Schreiben lastet  – dies ist nicht nur ein Thema des Romans, sondern auch ein Thema, das sich hier offenbar in der Sprache von Irmgard Keun niederschlägt: Die Leichtigkeit des Erzählens, der schnodderige Ton, wie wir sie aus „Gilgi, eine von uns“ und „Das kunstseidene Mädchen“ kennen, sie wirken ausgerechnet, da Keun ein Kind als erzählende Figur wählt, da dieser Erzählton der „reflektierten Naivität“ stimmig wäre, nicht durchgehend schlüssig: Manches Mal klingt das Kind eine Spur zu altklug, manches Mal zu wenig kindlich-ängstlich in dieser bedrängenden Situation. Ähnlich wie die erwachsenen Protagonistinnen der Keun-Bücher plaudert das Mädchen Kully über die Alltagsnöte und ihre kindlichen Ängste hinweg:

„Mein Vater treibt ja immer wieder Geld auf. Er kommt auch immer wieder zurück. Ich glaube nicht, dass er uns vollkommen vergisst. Damals in Ostende hat er mich ja auch nicht vollkommen vergessen, nur beinahe.“

Verlustängste und Angst vor dem Krieg sind an solchen Stellen spürbar, werden dann aber unter diesem Erzählstrom, der Begegnungen, Anekdoten und nicht zuletzt zahllose Orte – Amsterdam, Brüssel, Prag und schließlich auch die USA sind Stationen dieser Hatz – aneinander reiht, begraben. Die Keun-Biografin Hiltrud Häntzschel wertete das Buch als „vergnügliche Lektüre“, die zugleich die Schrecken der Heimatlosigkeit dadurch potenzieren, weil die Leser eben mehr wissen als die Erzählerin, die noch das Urvertrauen eines Kindes in sich trägt. So könnte man das Buch lesen – doch dieses kindliche Geplauder wirkt auf Dauer eher etwas ermüdend denn vergnüglich, zudem, und das gesteht auch Häntzschel ein, wirkt der Roman „unfertig“, „zerfleddert“ am Ende. Das „Nichtmehrbewältigen der erzählerischen Struktur“ sei symptomatisch für Keuns Situation im Herbst 1938: Die Hetzerei von einem Ort zum anderen – sie findet nicht nur im Roman, sondern auch im Leben der Autorin statt. Und so wirkt auch der Erzählton: Gehetzt.

Dennoch gibt es von mir eine Leseempfehlung:

An vielen Stellen blitzen „Gilgi“ und „Doris“ auf und damit das erzählerische Temperament der Irmgard Keun.

„Und weiter hat sie gesagt: Ein guter Mann hat immer eine schlechte Frau – und ein schlechter Mann hat immer eine gute Frau. Das muss so sein. Ich finde es besser, eine gute Frau zu sein und einen schlechten Mann zu haben, denn mit einem guten Mann ist man auch nicht glücklich, aber mit einem schlechten Mann langweilt man sich wenigstens nicht.

Trotz der erzählerischen Schwächen: Das Experiment, das Exil und seine Konsequenzen aus der Sicht eines Kindes zu zeigen, hat Wirkung. Keun bringt bittere Wahrheiten, kindlich-süß verpackt, auf den Tisch – ganz nach dem Motto „Kindermund tut Wahrheit kund“.

„Es gibt auch Emigranten, die keine Dichter sind. Die Emigranten haben auch Vereine, wo sie sich ungestört zanken können. Viele Emigranten wollen sterben, und mein Vater sagt oft, es sei das beste und einzig Wahre, aber sie sind alle etwas unschlüssig und wissen nicht recht, wie sie es anfangen sollen, denn es genügt nicht, dass man einfach betet: Lieber Gott, lass mich bitte morgen tot sein.“

Und nicht zuletzt ist dieses wohl das engste an ihrer eigenen Biographie entlanggeschriebene Werk, das Einblick gibt in diese fatale Beziehung zwischen Irmgard Keun und Joseph Roth. Von daher für Anhänger der beiden Schriftsteller, die dieser „amour fou“ nachspüren wollen, eine Pflichtlektüre.

Das narrative Verfahren – Erzählen aus der Sicht eines Kindes – fand bereits im ersten „Exilbuch“ von Keun Anwendung: Noch in Deutschland geschrieben, veröffentlichte sie 1936 die Erzählungen um „Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften“ im holländischen Verlag Allert de Lange. Auch dieses Buch hat Kiepenheuer & Witsch neu aufgelegt.


Irmgard Keun, „D-Zug dritter Klasse“, 1938:

Wenn eine Schriftstellerin von Beginn an einen eigenen Stil, eine eigene Sprache gefunden hat, dann fällt es dem Leser mitunter schwer, ihr bei wesentlichen Veränderungen zu folgen. Doch allein daran lag es wohl nicht, dass dieser Roman mich wenig ansprechen konnte. Irmgard Keun, die sonst so Rasante, bummelt im „D-Zug dritter Klasse“ vor sich hin, die Erzählung quält sich voran. Mag sein, dass ihre private Situation Einfluss auf ihre Schreiben hatte: Irmgard Keun quälte sich noch mit der Trennung von Joseph Roth, das Leben in der Emigration war äußerst belastend, von Zukunftsängsten und Geldsorgen bestimmt.

Vielleicht musste gerade deswegen schnell „Nach Mitternacht“ ein neues Buch erscheinen – eine kurze Romanerzählung, die jedoch unfertig, beinahe fahrig wirkt. Warum auch immer, aber der „D-Zug dritter Klasse“ lässt vieles vermissen, insbesondere die gewohnte freche und naive und dabei doch so hellsichtige Erzählerinnenstimme. Der schmale Roman ist konventionell angelegt: Eine auktoriale Erzählstimme, ein nicht ganz neuer Plot – eine zufällig zusammengewürfelte Gruppe deutscher „Reichsbürger“ im Zug nach Paris. Nach und nach treten die Reise- und Fluchtgeschichten, die privaten Irrungen und Wirrungen zutage.  Doch die Figuren bleiben unglaubwürdig, unausgegoren, ihre Motive wenig glaubhaft, fast schon parodistisch übertrieben.

Auch nutzte Irmgard Keun die politische Lage – 1938 gab es genügend existentielle Gründe, um aus Deutschland zu fliehen – kaum: Die Reisenden sitzen im Zug, weil sie ihr privates Leben in Sand gesetzt haben, sie flüchten vor ihren Lebensumständen. Dass in ihrer Heimat eine Diktatur wütet, dass ein Krieg heranzieht, dass Menschen verfolgt werden, ist dem Roman kaum zu entnehmen. Zwar werden die Ängste thematisiert, die mit einer Flucht in ein neues, fremdes Land, mit einem Neubeginn und mit dem Leben im Ungewissen verbunden sind, aber auch das wirkt seltsam unausgereift, flüchtig dahingepinselt. Die Keun-Biographin Hiltrud Häntzschel schreibt: „Fast mutet D-Zug dritter Klasse wie Spott auf die Emigration an; vielleicht lässt sich das Buch auch als – dann allerdings misslungene – „Emigrationsparodie“ lesen.“

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Irmgard Keun: Nach Mitternacht

„Natürlich ist mein Leben hier eine Hölle“, sagt Heini, ernst und ruhig, „aber was soll ich denn draußen? Ohne Geld, ohne Möglichkeit, Geld zu verdienen. Ohne Glaube an Gott, ohne Glaube an die Menschen, ohne Glaube an Kommunismus und Sozialismus, ohne Glaube an Änderung und Besserung in den nächsten Jahrzehnten. Ich habe die Menschen geliebt, länger als ein Jahrzehnt habe ich mir die Finger wund geschrieben und den Kopf leergedacht, um sie vor dem Wahnsinn der heranbrechenden Barbarei zu warnen. Eine Maus, die durch Piepsen eine Lawine aufhalten will. Die Lawine ist gekommen, die Maus hat ausgepiepst.“

Irmgard Keun, „Nach Mitternacht“, 1937

Irmgard Keun, die mit „Gilgi“ und ihrer Doris beachtliche Publikumserfolge erzielt hatte, hatte auch nach der nationalsozialistischen Machtergreifung nicht „ausgepiepst“: Sie schrieb weiter, versuchte sich gegen das Verbot ihrer Bücher zu wehren, beobachtete und kommentierte spitzzüngig und satirisch die Vorgänge daheim „im tausendjährigen Reich“. Aber „das kunstseidene Mädchen“ ist in ihrem Schreiben auch reifer, erwachsener geworden: In die leichten, satirischen Töne mischt sich immer mehr ein dunkler Glanz ein, kommen Melancholie und Traurigkeit als Farben hinzu.

„Ich stehe auf der Straße, die Nacht ist meine Wohnung. Bin ich betrunken? Bin ich verrückt? Die Stimmen und Geräusche um mich herum fielen von mir ab wie ein Mantel, ich friere. Die Lichter sterben. Ich bin allein.“

Schon 1935 beginnt Irmgard Keun an ihrem Roman „Nach Mitternacht“ zu arbeiten. „Es ist ein richtiger Anti-Nazi-Roman – aus dem bürgerlichen Nazi-Deutschland, was noch keiner geschrieben hat“, berichtet Irmgard Keun im Juni 1936 – inzwischen lebt auch sie im Exil – an ihren ehemaligen Geliebten Arnold Strauss (der zu dieser Zeit bereits in den USA ist und sie nach wie vor drängt, nachzukommen). Die „Pariser Tageszeitung“ druckt das Buch vorab ab, 1937 wird es dann im Exilverlag „Querido“ veröffentlicht. Ihr erster Exilroman, ihr erster auch ausgesprochen politischer Roman.

Wieder wählt Irmgard Keun die Erzählperspektive einer jungen Frau, die – wie auch das kunstseidene Mädchen Doris – im naiven, jugendlichen Plauderton aus ihrem Alltag berichtet. Aber eben aus einem Alltag, der von Judenverfolgung, Diskriminierung, Denunziation und ständiger polizeistaatlicher Bedrohung gekennzeichnet ist. Die Handlung spannt sich über zwei Tage im Frühjahr 1936. Die 19jährige Sanna lebt in Frankfurt bei ihrem Halbbruder „Algin“, einem ehemaligen Erfolgsautor, der in Ungnade fiel und sich durch Volkstümliches zu rehabilitieren versucht, obwohl er das Landleben hasst:

„Trotzdem er in seinen Geschichten jetzt tut, als müsse man jedes Häufchen Kuhmist an sein Herz drücken, um ein anständiger Mensch zu sein.“

„Das Buch vom Algin liegt nicht mehr auf dem Tisch neben der Theke, weil die Nationalsozialisten es auf eine schwarze Liste gesetzt haben. Es ist nämlich zersetzend und vergeht sich an dem elementaren Aufbauwill des Dritten Reichs. Das hat die nationalsozialistische Zeitung in Koblenz geschrieben. Mein Vater war zunächst nicht Nationalsozialist, aber für einen elementaren Aufbauwillen“.

Irmgard Keun wendet einen subversiven erzählerischen Kunstgriff an: Indem ihre Hauptfigur zunächst scheinbar unreflektiert das Vokabular der Nazis nachplappert, entlarvt sie die Hohlheit und den Irrsinn dieses Jargons. Doch der Eindruck täuscht: Sanna durchaus nicht so naiv, wie sie zunächst wirkt. „Irmgard Keun stattet sie mit pragmatischen Verstand, mit wacher Beobachtungsfähigkeit, mit dem Bedürfnis nach Anerkennung und Liebe und einer gesunden Portion Ehrgeiz aus (…)“, so die Keun-Biografin Hiltrud Häntzschel. Und mit Mutterwitz: So vergleicht sie anfangs des Buchs eine Parade während eines Hitler-Besuchs in Frankfurt mit dem Kölner Karneval: Ein großer Aufmarsch, viel Volk, aber ohne Freude.

„Die Welt war groß und dunkelblau, die tanzenden Männer waren schwarz und gleichmäßig – ohne Gesichter und stumm, in schwarzer Bewegung. Ich habe in einem Kulturfilm mal Kriegstänze von Negern gesehen, die waren etwas lebhafter, aber der Tanz der Reichswehr hat mir auch sehr gut gefallen.“

Der Pragmatismus ist angesagt, denn in den zwei Tagen, die das Geschehen umspannt, fällt zugleich auch die kleine Welt der Sanna zusammen: Ihr Halbbruder und dessen Frau Liska haben sich auseinandergelebt, Liska wiederrum liebt den Schriftsteller und Journalisten Heini (wie das Eingangszitat verdeutlicht, trägt dieser ganz offensichtlich die Züge von Kurt Tucholsky), der Suizid vergeht, Sannas Geliebter Franz wird zum Mörder an einem Nazi-Denunzianten und das junge Pärchen muss das Land fluchtartig verlassen, ebenso wie der gutmütige jüdische Arzt Breslauer, der nicht verstehen kann, warum er trotz Assimilation und Patriotismus in Deutschland, seiner Heimat, nicht mehr sicher ist … so schmal der Roman, so konzentriert gelingt es Irmgard Keun doch Archetypen, Schicksale dieser Zeit, typische Personen – vom machtgierigen Blockwart über korrupte Parteigenossen bis hin zu den Vertretern der anpassungsfähigen, opportunistischen Halbboheme – unterzubringen.

Wegen der Präzision der Beobachtungen aus dem Innern der deutschen Wirklichkeit wurde „Nach Mitternacht“ nicht nur von den Kollegen im Exil, so Klaus Mann und Ludwig Marcuse, hochgelobt, sondern auch in zahlreichen Zeitschriften des Auslands vorgestellt und besprochen. Klaus Mann schrieb über das Buch:

„Da kommt nun eine begabte Frau und erzählt uns, wie es heute aussieht in diesem für uns unbetretbaren Land. Irmgard Keun hat es lange ausgehalten im Dritten Reich, sie kennt es, und der Roman, den sie uns nun vorlegt ist bis zum Rande voll von gescheiten Beobachtungen, oft sehr witzigen und sehr schaurigen Details, von kleinen, frappierend lebendigen Dingen (…).“

Die witzigen Details, sie sollen nicht unterschlagen werden. Denn „Nach Mitternacht“ ist auch heute nicht nur deswegen lesbar und empfehlenswert, weil der Roman das literarische Dokument einer finsteren Zeit ist. Sondern auch, weil die Keun-Texte mit ihrem eigenständigen satirischen Sprachduktus immer noch lebendig und frisch wirken, insbesondere dort, wo die Autorin ganz unnachahmlich frech Typen zeichnet:

„Diese Betty Raff kam mir von Anfang an noch gefährlicher vor als die Tant Adelheid, obwohl man ihr nur Gutes statt Böses nachsagen kann. Sie ist lang und dünn mit einem ganz kleinen Kopf. Sie hat eine grünlichbraune Hautfarbe, unerhört neugierige braune Quellaugen in einem spitzmäusigen Gesicht, aalglatt zurückgekämmtes braunes Haar und glibbrig kalte magere kleine Froschhände. Sie ist dreißig Jahre alt, reicht säuerlich und sieht auch so aus.“

„Nach Mitternacht“: Als Irmgard Keun mit diesem Roman begann, war es für sie in Deutschland schon fünf vor Zwölf. Wie ihrer Sanna bleibt ihr nur die Flucht, das Exil:

„Armer Emigrant. Glatt und hart wie eine Kastanie wird jedes Land für dich sein. Dir selbst wirst du zur Qual werden und anderen Menschen zur Last. Die Dächer, die du siehst, sind nicht für dich gebaut. Das Brot, das du riechst, ist nicht für dich gebacken. Und die Sprache, die du hörst, wird nicht für dich gesprochen.“

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Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen

„Tilli sagt: Männer sind nichts als sinnlich und wollen nur das. Aber ich sage: Tilli, Frauen sind auch manchmal sinnlich und wollen auch manchmal nur das. Und das kommt dann auf eins raus“.

Irmgard Keun, „Das kunstseidene Mädchen“, 1932.

Sie vertrat die falschen Ansichten. Sie hatte eine Meinung. Und: Sie war selbstbewusst und frei. Alles, was eine Frau in Nazi-Deutschland nicht sein durfte. So musste auch Irmgard Keun (1905 – 1982) den Unrechtsstaat verlassen – kurz, nachdem sie mit dem „kunstseidenen Mädchen“, ihrem zweiten Buch, einen Sensationserfolg erzielt hatte. Aber die darin geschilderte Frauenfigur passte eben so gar nicht zum Frauenideal des Dritten Reiches: Zu kess, zu flatterhaft, zu eigenständig – das ist die 18jährige Doris, die Kunst- und Halbseidene, die in der Metropole Berlin unbedingt „ein Glanz“ werden möchte.
Das gelingt am Ende nicht – zum einem, weil Doris mit ihrem weichen Herzen und dem Hang zu falschen Männern halt doch nicht ganz zum Glanz taugt, zum anderen, weil die Umstände nicht so sind in der Weimarer Republik. Denn Doris schildert nicht nur das schillernde und glitzernde Berlin der 20er Jahre in ihrem unablässigen monologischen Gedankenfluss – Keun, als Vertreterin der „Neuen Sachlichkeit“ zeigt in diesem Roman, dass auch sie den „stream of consciousness“ perfekt beherrscht – sondern auch die Schattenseiten. Götterdämmerung ist angesagt: Armut, Arbeitslosigkeit, Nationalismus, Antisemitismus, Rassenhass…all das sind die Unter- und Hintergründe, die durch die (nur scheinbar) belanglose Plauderei der kleingroßen Naiven durchschimmern. Und nicht zuletzt ist „Das kunstseidene Mädchen“ auch einer der herausragenden Großstadtromane dieser Zeit. Die pulsierende Metropole, betrachtet aus den großen Augen einer staunenden Frau:

„Und ich kam an auf dem Bahnhof Friedrichstraße, wo sich ungeheures Leben tummelte. Und ich erfuhr, daß große politische Franzosen angekommen sind vor mir, und Berlin hatte seine Massen aufgeboten. Sie heißen Laval und Briand – und als Frau, die öfters wartend in Lokalen sitzt, kennt man ihr Bild aus Zeitschriften. Ich trieb in einem Strom auf der Friedrichstraße, die voll Leben war und bunt und was Kariertes hat. Es herrschte eine Aufregung! Also ich dachte gleich, daß sie eine Ausnahme ist, denn so furchtbare Aufregung halten auch die Nerven von einer so enormen Stadt wie Berlin nicht jeden Tag aus.“

Doris, die einerseits ein kunstseidenes Mädchen und andererseits doch eine ganz starke Frau ist, scheitert und bleibt allein – als hätte Irmgard Keun ihren eigenen Lebensweg vorgezeichnet. Man mag an dem Frauenbild und Frauentyp zweifeln – trotz ihres Ehrgeizes, aufzusteigen und aus den kleinen Verhältnissen ihrer Familie auszubrechen, verkörpert Doris eben nicht die neue, emanzipierte Frau, sondern das Mädchen, das sich verkauft. Aber auch das ist immer noch zeitgemäß:

„Aktuell sind gerade heute Stoff wie Schreibweise. Junge Mädchen, die als Germanys next Topmodel oder als Schlagersternchen „ein Glanz werden“ wollen, sehen, wie Keuns Doris, in einer Krisenzeit keine anderen Möglichkeiten für sozialen Aufstieg.“

Sonja Hilzinger in einem Keun-Portrait für die Deutsche Welle.

„Und so war auch das Buch, so wie das Leben, so wie im Film, schnell und oberflächlich und genau, weltmitschreibend, sich selbst verschenkend an die Welt, spielend mit der Welt, Schritt für Schritt Berlin erobern, die Männer erobern, das Leben erobern. Nicht mit Arbeit. Mit einem Glanz, der von innen kommt, mit einem Magnetismus, der die Welt tanzen lässt, um das kunstseidene Mädchen herum.“

Volker Weidermann in „Das Buch der verbrannten Bücher“.

Doch der Tanz wird – die Zeitumstände sind schuld daran, zugleich aber auch eine charakterliche Disponierung zum Alles-Verschlingen, zur Sucht, zur Selbstzerstörung – der Tanz also wird zum traurigen Walzer. Denn Irmgard Keun war sicher nicht das, was man eine in sich ruhende Persönlichkeit nennen könnte – zu temperamentvoll, zu sprunghaft, zu lebenslustig und lebenshungrig.

Wenn man Glück mit den Männern haben will, muß man sich für dumm halten lassen.

Und manches Mal auch mutig bis hin zum Übermut: Ihr erster Roman „Gilgi – eine von uns“ (1931) machte sie über Nacht berühmt, 1932 folgt der Bestseller „Das kunstseidene Mädchen“, 1933 werden ihre Bücher von den Nazis beschlagnahmt und verboten. Bevor Keun jedoch ins Exil flüchtet (und dort Joseph Roth, ihrem Schicksalsmann, wie unter anderem auch in Weidermanns „Ostende“ beschrieben, begegnet), legt sie sich mit der Zensur an: Sie erhebt Schadensersatzklage wegen des Verdienstausfalls, den sie durch die Beschlagnahmung ihrer Bücher erlitten habe. Zugleich aber beantragt sie auch die Aufnahme in die Reichschrifttumskammer. Auch das ist ein wenig kunstseidene Doris – die Hin- und Hergerissenheit zwischen den Möglichkeiten und dem Notwendigen. Manches wird später zurechtgebogen von ihr selbst und überhöht – eine Gestapo-Haft erlebte sie nie, auch nicht Folter und Verhöre.

Die Keun-Biografin Hiltrud Häntzschel schreibt in ihrer rororo-Monographie über Irmgard Keun:

„Irmgard Keun hatte zur Wahrheit ihrer Lebensumstände ein ganz spezielles Verhältnis: mal aufrichtig, mal leichtsinnig, mal erfinderisch aus Sehnsucht nach Erfolg, mal phantasievoll aus Lust, unehrlich aus Not, mal verschwiegen aus Schonung.“

Ganz so, wie auch das kunstseidene Mädchen war.

In ihrer Heimat kann sie nicht mehr arbeiten, verlassen will sie sie jedoch ebenfalls nicht. 1936 ist es jedoch unumgänglich, Irmgard Keun flieht in das Exil. Es folgen Wanderjahre, Existenzsorgen, zudem ein zunehmender Alkohol- und Tablettenmissbrauch, vor allem aber treibt Irmgard Keun die Sorge um die im Deutschen Reich zurückgebliebene Mutter und das Heimweh um. 1940 kehrt sie heimlich – aber von den Nazis wohl durchaus wahrgenommen – nach Deutschland zurück, überlebt in der Illegalität. Nach Kriegsende fällt es ihr, wie vielen anderen Autoren der Weimarer Republik auch, schwer, im Literaturbetrieb wieder Fuß zu fassen.

Eigentlich wäre „Das kunstseidene Mädchen“ auch eine Frau der zweiten Nachkriegszeit in Deutschland – eine, die sich durchschlagen muss, durchaus selbstbewusst und frech, die aus der Not heraus versucht, das Beste aus ihren Lebensumständen zu machen, eine Frau, die „ihren Mann“ steht. Aber es scheint, als habe die neue Zeit keinen Raum für diese schnodderige Sprache mehr, keinen Sinn mehr für diesen Stil, der doch eng auch mit den „Roaring Twenties“ verknüpft ist. Das Frauenbild der Weimarer Republik hat ausgedient, die Kunstseidene wird zur Trümmerfrau.

Bei Irmgard Keun im wahrsten Sinne des Wortes – sie verarmt immer mehr, lebt kurzfristig in einem zerbombten Haus, immer weiter geplagt von ihren Abhängigkeiten. Kurze Phasen von Produktivität wechseln sich mit Krankenhausaufenthalten ab, 1966 wird sie dann für Jahre in die Psychiatrie eingewiesen. Nach ihrer Entlassung 1972 erlebt sie wenigstens in ihren letzten Lebensjahren als Schriftstellerin neue Beachtung – sie wird als Stimme der Weimarer Republik von Jürgen Serke im Rahmen seiner Recherche für seine verdienstvolle Stern-Serie „Die verbrannten Dichter“ wiederentdeckt, ihre Bücher werden wieder aufgelegt (zum Verlag hier) und erfahren erneut größeres Interesse. 1982 stirbt Irmgard Keun in Köln.

Was von ihr bleibt?

Ihre Romane, nicht nur „Das kunstseidene Mädchen“, auch die „Gilgi“ oder das bedrückende Buch „Nach Mitternacht“. Eine Frauenstimme, die klingt zwischen Lebenshunger und Verzweiflung. Die Sehnsucht nach der dunkelblauen Glocke wie im kunstseidenen Mädchen:

„Ich wünsche mir sehr mal die Stimme von einem Mann, die wie eine dunkelblaue Glocke ist und in mir sagt: hör auf mich; was ich sage, ist richtig; und wünsche mir dann ein Blut in mein Herz, was ihm glaubt…“

 

 

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Volker Weidermann: Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft

„In Zeiten, die Zeit hatten, hatte man an der Kunst etwas aufzulösen. In einer Zeit, die Zeitungen hat, sind Stoff und Form zu rascherem Verständnis getrennt. Weil wir keine Zeit haben, müssen uns die Autoren umständlich sagen, was sich knapp gestalten ließe.“

Karl Kraus, „Heinrich Heine und die Folgen“

Volker Weidermanns biographischer Roman „Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft“ das wäre wohl so ein Büchlein, an dem Karl Kraus seine spitze Zunge geschärft hätte. Ein Ergebnis „impressionistischen Feuilletonismus“ hätte er es wohl genannt.

Sagen wir mal: Es ist ein Stimmungsbild, mit viel literaturwissenschaftlichem Know-how routiniert gepinselt. Solche Bücher sind geradezu en vogue – man denke nur an den Erfolg des anderen Sommer-Buches eines anderen Journalisten, „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“. Jüngere Geschichte, in anmutige Form verpackt, wohldosiert.

Ja, Ostende – man muss es nicht lesen, es schadet aber auch keinem. Gesetzt den Fall, man greift denn doch noch (einmal) zu den Originalen, liest Stefan Zweig, Joseph Roth, neben deren Romanen und Essays auch ihren Briefwechsel, begegnet dem kunstseidenen Mädchen nach Mitternacht und dem rasenden Reporter in deren ECHTEN Büchern. Ostende erfüllt seinen Zweck allenfalls als Appetithäppchen. Dafür jedoch ist es mit viel feuilletonistischer Routine zusammengesetzt.

Weidermann beschreibt die Begegnung einiger Schriftsteller 1936 im Badeort Ostende. Vor allem das Zusammentreffen der beiden so unterschiedlichen Freunde aus Österreich steht im Mittelpunkt: Stefan Zweig, die Welt von gestern noch frisch betrauernd, aber im zweiten Frühling mit einer neuen Liebe, Joseph Roth, haltlos, orientierungslos, bodenlos dem Alkohol verfallen. Mit Irmgard Keun, die die Sommer- und Exilgemeinde aufmischt, kommt noch einmal ein Silberstreif an den Roth`schen Horizont. Dennoch: Alle wissen, es ist Götterdämmerung, das Heil besteht nur noch in der Flucht. Ostende, `36, das ist ein letzter „magischer“ Sommer, in dem persönliche und politische Hoffnungen wie kurze Leuchtfeuer aufflackern und ebenso schnell erlöschen.

Ein kurzes Feuer ist auch das wenig mehr als 150 Seiten umfassende Buch. Zwar durchaus: Informativ, sich auf die Quellen stützend, wörtliche Zitate aus Briefen und Aufsätzen einflechtend, faktenreich, dort, wo die Situation der Schriftsteller und Journalisten abgebildet wird, die vor den Nazis flüchten mussten. Dort, wo Weidermann jedoch vom Biographischen verstärkt in das Romanhafte gleitet, erreicht das Buch seine Grenzen.

„Ein paar Tage später sitzen sie noch einmal alle zusammen. Alle braun gebrannt, außer Roth, dem alten Sonnenfeind. Sie sitzen wieder im Flore, mit Blick aufs Meer und die Badehäuschen. Christiane Toller strickt trotzig vor sich hin, Gisela Kisch lacht, wann immer es etwas zu lachen gibt und auch wenn es nichts gibt, Lotte Altmann ist still, und nur wenn sie leise hustet, bemerkt die große Runde, dass sie noch da ist, Schachfuchs schaut aufs Meer, Stefan Zweig sitzt zwischen Lotte und Fuchs, raucht und hört zu, wenn Egon Erwin Kisch von Spanien spricht, vom Krieg der Kommunisten, neuesten Berichten von der Front, und Arthur Koestler von seinen Reiseplänen, die ihn in Francos Hauptquartier führen sollen.“

Es scheint, als habe Weidermann der Ehrgeiz gepackt, das „Who-is-who“ der Ostender Exilgemeinde 1936 in einen Satz zu pressen. Stimmungsvolle Stillleben – die Charaktere werden skizziert und angepinselt, mehr jedoch nicht. Von seinem (vermutlich) insgeheimen Vorbild Stefan Zweig, dem Meister des psychologisierenden biographischen Romans („Maria Stuart“, „Marie Antoinette“), bleibt der FAZ-Feuilletonchef weit entfernt.

Was bleibt von der Lektüre? Hunger nach Zweig und Roth im Original. Die Zeit sollte man sich, gerade in einer Zeit, die keine Zeit hat, etwas aufzulösen, dringend nehmen.


Bild zum Download hier: Strandhütte Travemünde


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