E. M. Forster: Die Maschine steht still

„Es gab einen Knopf für Kaltbäder. Es gab einen Knopf für Literatur. Und natürlich gab es jene Knöpfe, die es ihr ermöglichten, mit ihren Freunden zu kommunizieren. Als Nächstes betätigte sie wieder den Isolationsknopf, und die Anfragen der letzten drei Minuten stürzten auf sie ein … Wie ist das Essen? Kannst du es empfehlen? Hast du Ideen gehabt in letzter Zeit?“

E.M. Forster, „Die Maschine steht still“, 1909, 2016 beim Verlag Hoffmann und Campe in neuer Übersetzung durch Gregor Runge erschienen.

Den britischen Schriftsteller Edward Morgan Forster (1879 bis 1970) hatte ich für mich als britischen Nachfolger von Henry James und Proust eingeordnet: Ein Meister im Abbilden gesellschaftlicher Verhältnisse, der ganz fein nachzuzeichnen weiß, wie die innere Erodierung von Menschen, die in Konventionen erstarrt sind, voranschreitet, wenn sie in neue Verhältnisse geworfen werden. Ein feiner Beobachter des britischen Kolonialreichs und dessen Klassenverhältnisse, im Fokus dabei die Mittel- und Oberschicht. Einer, der ebenso wie Henry James, die Innenwahrnehmung seiner Figuren und die Geschehnisse der Außenwelt schreibend meisterhaft verband.

Seine großen Romane „Zimmer mit Aussicht“, „Wiedersehen in Howards End“ und „Auf der Suche nach Indien“ eigneten sich zudem als Vorlagen für ganz großes Kino. Unter Verschluss hielt er lange das Werk „Maurice“, in dem er, literarisch verpackt, auch über seine eigene Homosexualität schreibt.

Als bei Hoffmann und Campe eine dystopische Erzählung Forsters angekündigt wurde, war ich zunächst neugierig – und skeptisch. Das Genre schien mir zu dem, was ich selbst von Forster kannte, wenig zu passen. Doch „Die Maschine steht still“ liest sich so überzeugend und auch verblüffend erschreckend, als habe Forster beim Schreiben schon ein paar Jahre Facebook-Mitgliedschaft hinter sich gebracht.

1909 schrieb Forster diesen Text, von dem er nicht ahnen konnte, dass er bereits ein Jahrhundert später schon Wirklichkeit werden würde. Die Geschichte, sie erinnert an Menschen, die wir vielleicht aus unserer eigenen Umgebung kennen – Menschen, die mehr soziale Kontakte in der virtuellen denn in der realen Welt pflegen, die kaum mehr aus dem Haus gehen, Aktivitäten scheuen und deren bester Freund ein Laptop mit WLAN-Zugang ist. Und wenn man beim Lesen sich selbstkritisch prüft, so stellt man fest – ein wenig von Vashti trägt man selbst in sich. Wie oft lasse ich mich aus Bequemlichkeit von den „sozialen Medien“, die im Grunde antisozial sind, zerstreuen, lasse mich auf sinnlose Diskussionen mit Menschen, die ich nicht kenne, ein oder lese irgendwelche Nachrichten, die mich ansonsten nicht die Bohne interessieren würden? Aber der Vorzug ist: Facebook, Twitter und Co. sind so leicht zu haben – während alles andere Eigenaktivität und Energie voraussetzt.

Etwas, was die Hauptfigur in Forsters Erzählung und mit ihr der Großteil der Menschheit auch, kaum mehr aufzubringen vermag: Vashti hat seit Menschengedenken ihre Wohnung nicht mehr verlassen, sie lebt wie andere in Waben (Bienenvölkern gleich, die jedoch nicht einmal mehr die Freiheit des Fliegens genießen können) unter der Erde, im Glauben, alles über der Erdoberfläche sei vernichtet und unbewohnbar. Doch selbst, wenn nicht: Menschen wie Vashti zieht es schon gar nicht mehr hinaus in die Welt, sozialisiert durch die Maschine, die alle Bedürfnisse der Grundversorgung erfüllt. Und für Sehnsüchte und Träume, die darüber hinausgehen, sind die Menschen bereits abgestumpft. Fühlt man einmal den Wunsch nach Kontakt, dann stellt man Bildtelefonate her – doch die Beziehungen bleiben im Unverbindlichen, verursachen weder Freud noch Leid, sind beliebig und austauschbar:

„Sie hatte Abertausend Bekannte. In gewissen Bereichen konnte die menschliche Kommunikation erhebliche Fortschritte verzeichnen.“

Selbst als ihr Sohn Kuno ihr von einer anderen möglichen Welt erzählt, in der es Licht und Gras gibt, selbst als er sie bittet, einmal ihre Wabe zu verlassen und ihn zu besuchen, zögert Vashti, überlegt einen Kontaktabbruch. Schließlich aber wagt sie sich dennoch an die Reise – just in dem Moment, als die Maschine, die einer Gottheit gleicht, stillsteht und die Welt auf eine Katastrophe zusteuert: Denn ohne die Maschine, die alles lenkt und regelt, sind die Menschen hilflos und überfordert…

Auf 89 Seiten wird in der Übersetzung von Gregor Runge eine Alptraum-Vision von einer Welt beschrieben, von der wir nicht allzu weit entfernt sind: Friedenspreisträger Jaron Lanier wird auf der Rückseite des in Leinen gebundenen Bändchens damit zitiert, dies sei „die früheste und wahrscheinlich auch heute noch treffendste Beschreibung des Internets“.

Johannes Boie stellte die Erzählung in der Süddeutsche Zeitung in einer Rezension („Als Facebook in Leinen gebunden war“) vor, die mit ihren drei Spalten Länge ungewöhnlich ist für eine Vorlage von so schmalem Format. Doch wenn auch Forsters Erzählung nur wenige Seiten hat – diese haben es eben in sich:

„Die Maschine steht still“ zu lesen, bedeutet, im Schnitt alle drei Seiten verblüfft zu sein und zu grübeln über den sanften Horror, der dem eigenen Alltag viel näher kommt, als einem angenehm wäre. Denn da folgen Sätze um Sätze, die, heute gelesen, lakonische, entlarvenden Anmerkungen zum Zustand der Welt im Facebook-Zeitalter sind.“

Das stimmt. Und man fragt sich beim Lesen, warum die Menschen – die doch, wie Kuno ausruft, das Maß aller Dinge sind, und nicht eine Maschine – sich doch so unablässig und freiwillig unter die Herrschaft solch einer Maschine begeben. Ein dystopischer Text, der nachdenklich macht: Wie schwer würde es mir selbst fallen, die „sozialen Medien“ zu kappen, außerhalb des Blogs offline zu gehen, nicht mehr regelmäßig nach neuen Nachrichten und Informationen zu schauen?

Sapere aude: Das ist der Leitspruch der Aufklärung, die Aufforderung Kants, den Mut zu haben, sich des eigenen Verstandes zu bedienen. Wie Forsters Erzählung auch zeigt – ausgerechnet im digitalen Informationszeitalter klärt sich immer weniger auf, wird die Welt immer verwirrender und der Mensch zugleich geneigter, seinen Verstand an die Maschine abzugeben.

Verlagsinformationen zum Buch:
http://www.hoffmann-und-campe.de/buch-info/die-maschine-steht-still-buch-8040/

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Jonathan Franzen: Das Kraus-Projekt

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Bild von Free-Photos auf Pixabay

Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
Der Sonnenuntergang.

Mein Fräulein! seyn Sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten zurück.

Heinrich Heine

Expansion

`nen Platz an der Sonne erlangen?
Nicht leicht.
Denn wenn er erreicht,
ist sie untergegangen.

Karl Kraus

Die Sonne ist zwar deswegen nicht untergegangen, aber ich habe erstmals ein Jonathan Franzen-Buch halbgelesen weggelegt. „Das Kraus-Projekt“: Mir kam es beim Lesen vor, als mache hier ein zwar eifriger, aber unkonzentrierter Student ständig seine Zwischenrufe … Franzen befasst sich mit zwei Aufsätzen von Karl Kraus, darunter jenem, in dem der Wiener Polemiker Heinrich Heine auseinandernimmt.

In Franzens Buch reihen sich Fußnoten an Fußnoten mit literarischen Erläuterungen, persönlichen Anekdoten (Anekdötchen), Betrachtungen über das Übel des Internets, amerikanische Literatur (Updike vs. Roth) usw. usf. aneinander. Man könnte sagen – Kraus ist die Grundlage und Franzen zwitschert dazu was.

Wie dieses:
„Wer hat schon Zeit, Literatur zu lesen, wenn man bei so vielen Blogs auf dem Laufenden bleiben, so vielen Essenschlachten auf Twitter folgen muss?“

Oder:

„Kraus macht sich hier über den im Wien der Vorkriegszeit herrschenden Stil des impressionistischen Journalismus lustig, der vor Adjektiven strotzt und mit „tiefschürfenden Gedanken“ gespickt ist, aber seine Bemerkung „Immer passt alles zu allem“ wird auch jedem America-Online-Kunden bekannt vorkommen, der die schreckliche Boulevardisierung (…)“

So hüpft Franzen von Krausens Vorkriegszeit zu AOL, bespickt die Fußnoten mit seinen tiefschürfenden Gedanken, verknüpft sie mit seiner Gegenwartskritik an einer verdigitalisierten Gesellschaft und bläht somit das Ganze zu einem veritablen Buch von  mehr als 300 Seiten auf. Im Grunde ist das Buch ein einziger Hashtag
#franzenüberkrausüberheineundüberdiewelt
und Jonathan Franzen ein Twitterer, der sich nicht mit der Zeichenbegrenzung abfinden kann. Die Erläuterungen zu Kraus und zu dessen Aufsätzen über Heine und Nestroy: Kenntnisreich ja, aber impressionistisch. Neue Kraus-Leser aus der großen Franzen-Fan-Gemeinde werden sich da wohl kaum finden.

Das Buch an sich: Kein Platz an der Sonne. Franzen: Den Zenit überschritten?

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