Dee Brown: Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses

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Bild von Tomasz Proszek auf Pixabay

Granger erklärte, Frieden könne es nur geben, wenn die Chiricahuas bereit seien, sich in einem Reservat niederzulassen. „Kein Apache würde die Erlaubnis erhalten, das Reservat ohne einen vom Agenten ausgestellten Passierschein zu verlassen“, sagte der General, „und es würde nie die Erlaubnis erteilt werden, die Grenze nach Old Mexico zu überschreiten.“

Cochise erwiderte in ruhigem Ton: „Die Sonne hat sehr heiß auf meinen Kopf geschienen und mich mit Glut erfüllt; mein Blut hat gekocht, doch jetzt bin ich in dieses Tal gekommen und habe von diesen Wassern getrunken und mich in ihnen gewaschen, und sie haben mich abgekühlt. Nun, da ich abgekühlt bin, komme ich mit offenen Händen zu dir, um in Frieden mit dir zu leben. Ich spreche aufrichtig und möchte dich nicht täuschen und nicht getäuscht werden. Ich möchte einen guten, starken und dauerhaften Frieden. Als Gott die Welt schuf, gab er einem Teil dem Weißen Mann und einen anderen den Apachen. Warum? Warum sind sie zusammengekommen? Jetzt, da ich spreche, sollen sich die Sonne, der Mond, die Erde, die Wasser, die Vögel und Tiere, ja selbst die ungeborenen Kinder über meine Worte freuen. Die Weißen haben lange nach mir gesucht. Hier bin ich! Was wollen sie? Sie haben lange nach mir gesucht, wieso bin ich so viel wert?
Die Coyoten streifen nachts umher und rauben und töten; ich kann sie nicht sehen; ich bin nicht Gott. Ich bin nicht mehr Häuptling aller Apachen. Ich bin nicht mehr reich, ich bin nur ein armer Mann. Die Welt ist nicht immer so gewesen. Gott hat uns nicht so wie euch gemacht; wie wurden wie Tiere geboren, in trockenem Gras, nicht in Betten wie ihr. Deshalb tun wir es den Tieren gleich und streifen nachts umher und rauben und stehlen. Wenn ich solche Dinge hätte wie ihr, dann würde ich nicht tun, was ich tue, denn dann brauchte ich es nicht zu tun. (…)
Ich zog in der Welt umher mit den Wolken und mit der Luft, als Gott zu meinen Gedanken sprach und mir sagte, ich solle hierherkommen und mit allen Frieden schließen. Er sagte, die Welt sei für uns alle da.“

Aus: „Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses“, Dee Brown, USA, 1970

Noch hat Barack Obama sein Versprechen aus dem Wahlkampf 2009, den Völkermord in Armenien auch als solchen offiziell zu bezeichnen, nicht einlösen können – in den Vereinigten Staaten erscheint dies politisch nicht opportun. Sicher auch, weil der Völkermord im eigenen Lande selbst noch ein großes Tabuthema ist – immerhin dauerte es ebenfalls bis 2009, bis sich eine US-Regierung bei den amerikanischen Ureinwohnern für die „Vorkommnisse“ entschuldigte. Ob es sich beim Niedergang der indianischen Stämme in Nordamerika jedoch um einen „Völkermord“ im eigentlichen Sinne handelt, darüber streiten sich bis heute die Historiker. Zu zersplittert seien die einzelnen Gruppen gewesen, ein geplantes administratives Vorgehen habe es nicht gegeben, oftmals habe es sich um regionale Konflikte gehandelt, so die Argumentation der Gegner einer Genozid-These. Fakt jedoch ist:

„Die rote Bevölkerung in Nordamerika wurde von ursprünglich etwa 890 000 auf 270 000 im Jahre 1901 dezimiert, also auf rund ein Drittel der autochthonen Bevölkerung. Im Kalifornien des Goldrausches zählte man 1848 noch 100 000 Indianer, 1859 waren es nur noch 30 000, 1895 noch 15 000, bis 1911 der letzte freie Indianer wie ein von weitem zugereistes Stück Wild, verstört vor Angst und Hunger, im Hof des Schlachthauses von Orville auftauchte.’ Anthropologen und Sprachforscher stürzten sich auf ihn. Er lebt seitdem unter dem Schutz eines Museums.“

Siegfried von Nostitz; „Die Vernichtung des roten Mannes“; Dokumentarbericht; Verlag Eugen Diederichs, Düsseldorf 1970

Einer der ersten Publizisten und Historiker, der die Völkermord-These ins Gespräch brachte, war in den USA Dee Brown. Sein 1970 erschienenes Buch „Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses“ ist bis heute eines der meistverkauften Sachbücher in den USA. Anlässlich seines Todes 2012 hieß es in einem Radiobeitrag:

„Acht Jahrzehnte wird Schulkindern in  den USA von der Heldentat der US-Armee am „Wounded Knee“ berichtet. Es ist der Schriftsteller Doris „Dee“ Brown, der die Bevölkerung in seinem Bestseller „Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses“ (1970) darüber aufklärt, dass dort vor allem indianische Frauen, Kinder und Alte getötet wurden: ein Trauma bis heute.“

Zwar ist mittlerweile einiges überholt, wurden weitere Faktenquellen erschlossen, manches wohl auch umgedeutet – aber dennoch behält dieses Buch seinen Stellenwert: Noch niemand hatte zuvor so akribisch und schonungslos über die massenhafte Ermordung des indianischen Volkes, über Massaker und Verfolgungen, über die Betrügereien und Lügen, mit denen den Indianern systematisch Land und Lebensraum geraubt wurde, geschrieben. In den USA führte es zu einer Neubetrachtung der eigenen Geschichte. „Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses“ ist eine erschütternde Anklageschrift, die den Leser nicht unberührt lässt und im besten Fall sensibilisiert im Umgang mit Menschen aller Hautfarben und Rassen.

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Philipp Meyer: Der erste Sohn

 

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Bild von David Mark auf Pixabay

Rezension von Claudio Miller

Manchmal beginnt man ein Buch zu lesen und hat von Beginn an dazu Bilder im Kopf. So erging es mir beim Lesen der Familiensaga „Der erste Sohn“ von Philipp Meyer. Eintauchend in die Geschichte der Familie McCullough, die sich im Lauf von zwei Jahrhunderten und über mehrere Generationen hinweg ein sattes Stück Texas unter den Nagel reißt, begann ich mehr und mehr in Cinemascope-Format zu lesen. Endlose Weiten, gewaltige Natur, Indianer- und Texas Rangers-Gefechte, Öltürme, riesige Ranchgebäude, übergewichtige whiskeyschlürfende Farmer und abgerissenes mexikanisches Landvolk nahmen Breitbildformat an. Vor allem aber: Die göttliche Liz, der wilde James Dean, der souveräne Rock Hudson. „Giganten“ (der letzte Dean-Film) war das Leinwandepos der 1950er-Jahre, der das zähe Festhalten der texanischen Großgrundbesitzer an ihrem Lebensstil in ebenso gigantische Bilder verwandelte. Ich war eigentlich kaum mehr überrascht, dass der amerikanische Autor Meyer, Jahrgang 1974, dann im Laufe des Buches Bezug auf den Streifen nimmt:

„Derweil hatte sich Jeannie dummerweise bereit erklärt, die Autorin auf der Ranch zu empfangen, eine achtstündige Fahrt aus Houston – sie besaßen noch kein eigenes Flugzeug -, statt auf einem Treffen im Büro zu bestehen. Die Frau schrieb an einem großen Roman über Texas; sie hatte schon die Klebergs und die Reynolds getroffen und kam gerade von der Eröffnung des Glenn McCarthys Hotels. Und sie hatte den Pulitzer-Preis gewonnen; es schien eine gute Idee zu sein, sie für sich zu gewinnen. (…)

Das Buch der Frau war erschienen und wurde später verfilmt, mit James Dean in der Hauptrolle. Es war eine einzige lange Übertreibung. Alle wirkten wie Witzfiguren, als wären sie zufällig zu Wohlstand gestolpert, als gäbe es im Staat Texas nur hinterwäldlerische Tycoons, die keine zwei funktionierenden Gehirnzellen hatten.“

Für die „einzige lange Übertreibung“ sorgte die amerikanische Schriftstellerin Edna Ferber (1885-1968) in ihrem Texas-Roman „Giant“ – nicht die einzige Stelle des Romans, in der sich Meyer auf literarische Vorgänger bezieht. Was abzuwarten bleibt: Was die Texas-Roman-Autoren der nächsten Generation über „Der erste Sohn“ zu sagen haben – denn nach Erscheinen des Buches wurde es zunächst ausnahmslos gefeiert. Aber es hat einige erzählerische Schwachpunkte, wie ich meine, vor allem eine gewisse Faktenüberflutung und Redundanz.

Allerdings – Oliver Jungen schwärmte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung:

„Landschaften werden unterschätzt. Sie gelten als kulturloser Leerraum zwischen Städten oder dienen als Hintergrund für harmlose Gemälde. Doch Landschaften, bis auf ein paar Kratzer an der Oberfläche seit Äonen unverändert, sind die eigentlichen Machthaber auf unserem Planeten. Mit stoischer Beharrlichkeit formen sie Lebewesen und Lebensweisen. Und geben sie nicht sogar vor, wie sie besungen werden wollen? So wie der verspielte Zickzackkurs des Rheins den lyrischen Ton und schwülstige Nixenromantik fordert, so lassen die weiten amerikanischen Prärien und gigantischen Plateaus, will man ihnen gerecht werden, nur die Form des schwartendicken Epos zu.“

Gut – „Der erste Sohn“ ist ein schwartendickes Epos, Literatur im Breitbandformat. Ganz gutes Kino, aber ist es auch großes? Zumindest ist das Buch kaum, so wie in der Zeit vollmundig angekündigt, ein Roman, der Literaturgeschichte schreiben wird. Meyer gelang mit diesem 600-Seiten-Wälzer, der beim Knaus Verlag passenderweise in Überformat (Breitbild in Buchform) erschien, solide Unterhaltung. Mehr nicht, aber auch nicht weniger. Mit seiner Erzählkonstruktion – drei Erzählerstimmen aus verschiedenen zeitlichen Ebenen – legt der Schriftsteller, der über fünf Jahre an dem Buch arbeitete, die Fessel an, führt den Leser am Lasso der Neugierde durch das Geschehen. Aber an etlichen Stellen kommen Längen auf, bedrängt einen das Gefühl, da reihen sich Gemetzel der Weißen an Indianer, der Indianer an den weißen Siedler, und das Ganze nochmal von vor, aneinander. Und dazu: Jede Menge Informationen, die einen Nicht-Amerikaner – und vielleicht auch bereits einem Nicht-Texaner – wenig sagen, aus dem Nichts daherkommen und im Nichts wieder verschwinden. Es scheint, als habe Meyer jede recherchierte Schlagzeile unterbringen wollen. In Bezug auf das obige Zitat: Name dropping – wer sind die Klebergs, die Reynolds, was für`n Hotel? Das ist manches Mal ein Info-Overflow, eine Prise zuviel.

Wenn über knapp anderthalb Seien detailliert beschrieben wird, was der Comanche und seine Frau aus einem erlegten Bison alles so machte – dann wird es ein wenig zähledern wie ein abgetragener Mokassin. Man merkt das Bemühen des Schriftstellers, aber auch wirklich alle recherchierten Fakten unterzubringen – mehr Erzählfluss wäre schön gewesen und das Buch wäre ein satter, fesselnder Western.

Wieland Freund schrieb in seiner amüsanten Kritik „Das sind die Rezepte der Comanchen“ in der Welt:

„Vielleicht kann man es deshalb so sagen: Philipp Meyer hat den ersten Western der Wissensgesellschaft geschrieben, ein lehrreiches und also unterhaltsames Buch, das als Gewaltritt durch die Geschichte von Texas durchaus beeindruckt. Dergleichen ist gemeint, wenn Zeitungen werbewirksam von einem „gewaltigen Panorama“ sprechen.

Einen gewaltigen Roman allerdings hat Philipp Meyer nicht geschrieben. Weltanschaulich nichtet er, wenngleich mit besten Absichten. In seinem Vielvölkerstaat Texas, um den die sogenannten Weißen, die Mexikaner und die Indianer ringen, gilt das sozialdarwinistische Gesetz. Niemand hat sich in der Wildnis bewährt, alle haben gemordet, gefoltert und vergewaltigt, mit Ausnahme der schwarzen Sklaven, denen Meyer unter seinen Protagonisten aber keinen Platz einräumt.“

Einen Gutteil der Zeit am Buch dürfte Meyer mit dem Studium der texanischen und amerikanischen Geschichte verbracht haben – die Familiengeschichte ist natürlich eng verflochten mit dem Zeitgeschehen dieses US-Bundesstaates an der mexikanischen Grenze. Texas, einst zu Mexiko gehörend, wird am 2. März 1836 unabhängige Republik – und das ist auch das Geburtsdatum von Eli McCullough, der 100 Jahre später vom Aufstieg der Familie erzählt. Meyer bringt im Wechsel drei Erzählerstimmen zu Gehör: Den Patriarchen Eli, seinen Sohn Peter, der an den Gewalttaten der Familie, die archetypisch für die rücksichtlose Eroberung des Landes durch die Weißen steht, verzweifelt, und die Urenkelin Jeanne Anne, die versucht, sich als Ölmagnatin, in einer von Männern dominierten Welt durchzusetzen (hier kippt der Schalter im Kopf von „Giganten“ über zu „Dallas“).

Jeanne Anne ist letztendlich auch jene, an der sich als fast 90jährige das Schicksal – Aufstieg und Fall einer Familie – vollzieht, die die „Erbschuld“ bezahlen muss: Sie fällt gewissermaßen den Geistern der Vergangenheit zum Opfer. Eli, als Kind von Comanchen entführt und bei den Indianern aufgewachsen, ist bei der Landeroberung wenig zimperlich: Ein angeblicher Rinderdiebstahl genügt ihm als Rechtfertigung, um ein Massaker an der spanischstämmigen Nachbarsfamilie Garcia durchzuführen. Nur eine Tochter der Spanier überlebt – und wird später die Geliebte Peters und Mutter von dessen Kindern. Ein Nachfahre dieser unheiligen Verbindung, ein junger Mexikaner, wird der alten Frau zum Verhängnis. So schließt sich der Kreis.

Der Roman ist eine Geschichte der Landeroberung, von Blut und Boden – Meyer spart die Grausamkeiten, die in solchen Epochen geschehen, nicht aus, recherchierte gründlich und erfasst die Mentalität zwischen Pioniergeist und Besitzgier, die dazu führte, dass die Weißen die indianischen Ureinwohner ausrotten und die mexikanischen Nachbarn niederknebeln konnte. Er zeigt aber auch auf, welcher Preis dafür gezahlt werden musste – moralische Verrohung, Vereinsamung, Verelendung der unterdrückten Bevölkerungsteile. Und er verdeutlicht, wozu das sture Festhalten an einem längst überkommenen Lebensstil führt. So zeigt der Roman die Entwicklung einer Mentalität auf, die bis heute dazu führt, dass in Texas nach wie vor das „Auge um Auge“-Prinzip zählt, dass an der Todesstrafe festgehalten und der US-Bundesstaat der konservativste von allen ist: Wo es Öl, Land und Geld gibt, gibt es etwas zu verlieren…

Lassen wir zum Schluss noch einmal Patriarch Eli zu Wort kommen:

„Mir wurde vorhergesagt, dass ich hundert Jahre alt werden würde, und da ich dieses Alter erreicht habe, sehe ich keinen Grund, an dieser Prophezeiung zu zweifeln. Ich sterbe nicht als Christenmensch, auch wenn mein Skalp unversehrt ist, und falls es die ewigen Jagdgründe gibt, bin ich dorthin unterwegs.“


Unser Dank gilt dem Knaus Verlag für das Rezensionsexemplar.

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