Victoria Wolff: Die Welt ist blau

„Es ist auch schön, hier zu sein in diesem beglückenden Nest, die Blumen zu sehen, die leuchtender scheinen im Regen, und die Düfte zu schmecken, die würziger geworden sind durch ihn. Hier ist ein verwittertes altes Haus und dort ein umwachsener Bogen mit Ausblick auf den See; da ein Malerwinkel und hier ein Zaubergarten. Und alles ergänzt und überschneidet sich auf eine leichte und beglückende Weise.
Peter, der schwere Mann, wird selbst leichter und schneller dadurch. Er sinnt, ob nicht das Künstlerische, das seinem Wesen fehlt, hier zu finden wäre.
Unten im Obstgeschäft auf der Dorfstraße hängt die Ananas, die er sich wünscht. Er betrachtet diese vollkommene Frucht, die, ehe sie ihm übergeben wird, in eine sorgsame Hülle gepackt wird.
Sie ist wie Ursula, denkt er, Stacheln verdecken von außen die innere Süße.“

Victoria Wolff, „Die Welt ist blau“, AvivA Verlag, Berlin, 2017

Geradezu spiegelverkehrt verhält sich dieser „Sommer-Roman aus Ascona“ zu Ursula und zur Ananas: So luftig-federleicht kommt er daher, so spielerisch-elegant die Sprache mit ihren Dialogen (die an die Tradition der Screwball-Komödie erinnern), dass man Gefahr läuft, in Blau zu schwelgen – und die dunkleren Pinselstriche, die Victoria Wolff ihrem Sommergemälde gab, zu überlesen.

Friederike Albat fühlte sich in ihrer Rezension in der „Madame“ nicht von ungefähr an Tucholskys Schloss Gripsholm erinnert: Ein charmantes Buch voller Witz und Leben. Doch die blaue Welt entfaltet sich vor düsterem Hintergrund: Der Roman spielt 1933 – im Jahr von Hitlers Machtergreifung, im selben Jahr, in dem die deutsch-jüdische Schriftstellerin Victoria Wolff den Weg in die Emigration wählt.

„Angewidert von den politischen und gesellschaftlichen Veränderungen, welche die Machtübernahme der Nationalsozialisten begleiteten, hatte sie ihre Geburts- und Heimatstadt Heilbronn am 1. April 1933 verlassen und war gemeinsam mit ihren Kindern, der sechsjährigen Ursula und dem vierjährigen Frank, nach Ascona im schweizerischen Tessin emigriert“, erläutert Anke Heimberg, Herausgeberin der Werke von Victoria Wolff und Lili Grün beim AvivA Verlag, in ihrem Nachwort.

Klug und unterhaltsam

Auch wenn die Schweiz noch nahe der Heimat war und sich die materielle Lage der Wolffs (zunächst) wohl nicht so belastend gestaltet hatte wie die anderer Flüchtlinge: Erstaunlich ist es dennoch, wie schwungvoll-leicht dieser im Exil entstandene Roman wirkt, wie (scheinbar) unbelastet von den aktuellen Geschehnissen dieser Zeit, wie klug und unterhaltsam es Victoria Wolff vermochte, alle Farbschattierungen in ihrer charmanten Sommererzählung zu verweben.

Peter, der strebsame, ehrgeizige und zuweilen etwas zu konservative Anwalt und die freigeistig-temperamentvolle Ursula – dazu erzogen, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen und Konventionen nicht der Konvention willen anzuerkennen – dies durchaus also sehr unterschiedlich getaktete Pärchen schenkt sich Ferien, fährt ins Blaue.

Es herrscht beschwingte Urlaubsstimmung, eine Ahnung von grenzenloser Freiheit liegt in der Luft – eine „kleine“ Flucht aus dem Alltag, Rückkehr vorgesehen. Nur zwischen den Zeilen lässt Victoria Wolff anklingen, dass die Verhältnisse dort, im „Tiefland“, „Primitivland“, wie Ursula Deutschland bezeichnet, keine angenehmen mehr sind.

Irrungen und Wirrungen zweier Verliebter

Im Vordergrund des Buches steht die Paarbeziehung der beiden. Die sind über die erste Verliebtheit hinaus, sich aber dennoch noch fremd und daher unsicher, ob sich da wirklich der passende Topf und Deckel gefunden haben. Urlaub ist schon seit jeher ein geeigneter Beziehungstest und so lassen die Wirrungen und Irrungen nicht lange auf sich warten: Peter wird von einer forschen Berlinerin becirct, die ihm jedoch insgeheim eher Angst macht. Ursula, die Skeptikerin, lässt sich eher aus Trotz und Neugier kurz von einem fadenscheinigen Magier bezaubern. Die erste Krise lässt nicht lange auf sich warten:

„Du weißt, daß ich dich gerne habe, Peter, und du mußt dieses Wissen so in dir verankern, daß du mir meine kleinen Scherze ganz ohne Bitterkeit gönnst. Ich brauche diese Freude am Spiel; ich werde sie immer brauchen.
Peter säubert schweigend seine Brille mit einem Taschentuch.
„Man kann den Problemen am besten aus dem Wege gehen, Peter, indem man schweigt, aber gelöst werden sie auf diese Weise noch lange nicht.“
„Das nenne ich kein Problem, Ursula, das nenne ich schlechtes Benehmen.“
„Glücklicherweise ist die deutsche Sprache so reich, daß sie für alle Vorkommnisse des täglichen Lebens zwei Begriffe hat.“
„Man kann mit dir heute nicht reden, Ursula.“
„Ich glaube eher, man kann heute mit dir nicht reden, Peter.“
„Gute Nacht also, Ursula, schlaf gut.“
„Gute Nacht also, Peter. Natürlich schlafe ich gut, erst recht schlafe ich gut.“
Zu ist die Türe, die Stiefel fliegen in die Ecke, die Kleider wohin sie wollen.

So viel sei verraten: Selbstverständlich gibt es ein Happy End, findet das Paar wieder – und besser – zusammen.

„Die Erde gleicht einer liebenswürdig grün und blau gekleideten Prinzessin, und das hoffnungsreiche Leben, von heiteren Aussichten sprudelnd und schäumend, schwebt wie ein ungebundener, schöner Tänzer, der weder Kummer und Sorgen kennt, frei daher.“

Für Victoria Wolff und die Schweiz jedoch gab es dieses glückliche Ende nicht: Dort, wo Peter und Ursula Urlaub machen und sie selbst ab 1933 eine neue Heimat gefunden hatte, durfte sie nicht bleiben. 1939 wurde sie mit ihren Kindern ausgewiesen, weil sie gegen die Auflage verstoßen hatte, die ihr journalistisches Arbeiten verbot.

Anke Heimberg im Nachwort:

„Trotzdem dachte Victoria Wolff im US-amerikanischen Exil, wohin sie und ihre Familie sich 1941 mit Hilfe von FreundInnen und Verwandten hatten flüchten können, stets gern und voller Sehnsucht an die Jahre in Ascona zurück. Das sture, hartherzige Verhalten der Schweizer Behörden vermochte ihre Erinnerung an die von ihr als überaus reich und beglückend erlebte „himmelblaue“ Zeit im Tessin nicht zu trüben. So oft es später ihre regelmäßigen Europa-Reisen erlaubten, suchte sie Ascona auf, um dort noch einmal etwas von diesem Traum, dem von ihr immer wieder beschworenen „seelischen Zustand“ von damals wiederzufinden. Victoria Wolff starb 1992 im Alter von 88 Jahren in Los Angeles.“

Mag kann, ja man muss sich einfach in diese charmante Sommer-Romanze verlieben. Man kann die Beziehung jedoch auch noch vertiefen, der Leichtigkeit neue Dimensionen abgewinnen – durch das umfassende und informative Nachwort von Herausgeberin Anke Heimberg, die die Romanze in den politischen Kontext einordnet, aufzeigt, wo Victoria Wolff Bezug nimmt auf das Regime, das in Deutschland wütete. Zudem lässt  Heimberg das sommerliche Ascona und den legendären Monte Verità beinahe wieder lebendig werden, beschreibt, wie der Ort vom Fischerdorf zu einem Anziehungspunkt für die Lebensreformer und Lebenskünstler wurde und welche Faszination er insbesondere auf die Berliner Bohème ausübte.

Ebenso werden Bezüge zwischen den Figuren des Romans und Menschen aus Victoria Wolffs Umfeld deutlich – sie hatte sich in Ascona unter anderem mit Erich Maria Remarque, Ignazio Silone und Tilla Durieux angefreundet. Die extravagante Schauspielerin mit dem großen Herzen ist unverkennbar die Vorlage für die Berliner Sirene, die den braven Peter in kurze Verwirrung stürzt.

Victoria Wolff schrieb bereits 1931 in der Heilbronner „Neckar-Zeitung“ über Ascona:
„Aber Ascona ist und bleibt Insel in Europa, Insel der Glücklichen (…), der Geistigen (…) und der Weltlichen (…) über allem lacht ohne Ermüdung eine milde Sonne, in der sich die Palmen und Kastanien, Menschen und Gedanken, Wellen und Intrigen sachte bewegen.“

Ach … Ascona! Heute natürlich auch nicht mehr das … möchte man phrasengleich anschließen. Und dennoch: Wen nach diesem Roman nicht die Lust packt auf ein paar „blaue“ Tage, vielleicht auch auf einen kleinen Urlaubsflirt, wer weiß, jedenfalls auf Fahrten ins Blaue, blauen Himmel und eine blaue Welt, dem ist einfach nicht zu helfen.


Victoria Wolff bei FemBio:
http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/victoria-wolff/

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.aviva-verlag.de/programm/die-welt-ist-blau/

Bild zum Download: Landschaft


Ignazio Silone: Vino e pane

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Bild von Mandy Fontana auf Pixabay

Cristina, schrieb er, es ist richtig, dass man besitzt, was man hingibt, aber wem und wie soll man geben? Unsere Liebe, unsere Bereitschaft zum Opfer und zur Selbstverleugnung trägt nur Frucht, wenn sie in die menschlichen Beziehungen hineingetragen wird. Die moralischen Kräfte wachsen und gedeihen nur im praktischen Leben. Wir sind nicht nur für uns selbst verantwortlich, sondern auch für die anderen.
Wenn wir empfinden, dass um uns her das Böse herrscht, können wir nicht untätig bleiben und uns mit der Aussicht auf eine überirdische Welt trösten. Das Böse, das bekämpft werden muss, ist nicht das abstrakte Wesen, das man den Teufel nennt; das Böse ist all das, was Millionen von Menschen hindert, im wahrsten Sinne menschlich zu sein. Und dafür sind wir mit verantwortlich…

Ignazio Silone, „Wein und Brot“.

1936 schrieb Silone dieses Buch im Schweizer Exil, das zunächst unter dem Titel „Brot und Wein“ erschien und seither als eines der wichtigsten Bücher der italienischen Resistenza-Literatur gilt.
Silone überarbeitete seinen Roman nochmals 1955. Und trotz bleibender stilistischer Mängel – manches wirkt unausgereift, manches Mal bricht die politische Botschaft zu unmittelbar in die Prosa ein – ist und bleibt „Wein und Brot“ oder eben „Vino e pane“ ein berührendes, packendes Werk.

Der kommunistische Widerstandskämpfer Pietro Spina ist aus dem Exil zurück nach Italien gekommen. Doch kaum betritt er heimischen Boden, sind die faschistischen Häscher hinter ihm her. Er muss sich, ausgerechnet im Gewand eines Priesters, in einem ärmlichen Bergdorf in den Abruzzen verstecken. Hier trifft er auf besitzlose Landarbeiter und Tagelöhner, für die die Ankunft eines neuen Priesters beinahe einem Wunder gleicht. Zerrissen zwischen politischen Idealen, den Zweifeln an den Doktrinen seiner Partei, der Ohnmacht angesichts der Verhältnisse und seiner erzwungenen Untätigkeit ringt Spina ständig mit seinem Gewissen und seiner Gesundheit. Zudem lernt er die junge Cristina kennen, die eigentlich dazu bestimmt ist, Nonne zu werden. Er verliebt sich in sie, kann jedoch kaum im Gewand eines Geistlichen Avancen machen.

„Wein und Brot“ ist ein Abenteuerroman, ein Heimatroman und ein Liebesroman mit neorealistischen Elementen. Silone zeichnet die Notlage der Kleinbauern und Landarbeiten mit viel anteilnehmender Sympathie. Diese kämpfen täglich ums Überleben – da bleibt nur politische Apathie oder der Hang zu Extremen, sei es der Glaube wahlweise an den Kirchenmann oder die Kräuterhexe, sei es die Hoffnung auf einen befreienden Sozialismus oder einen siegreichen „Duce“.

Etwas aufgesetzt wirkt zuweilen die Verbindung von Politik und Religiosität. Silone selbst war ein sozialistischer Christ, der sich, vor allem, als der Stalinismus die kommunistischen Ideale pervertierte, von der kommunistischen Partei abwandte.

„Das ist das traurige Schicksal aller Bewegungen, die sich das Heil der Menschheit zum Ziel gesetzt haben: Sie werden zu Fallen, in denen der Mensch sich selbst verliert.“

Sozialistische Predigten und christliche Symbolik – bis hin zum bitteren Ende, da Cristina, die Unschuld, der Naturgewalt zum Opfer fällt, niederkniend und das Kreuz schlagend ihr Ende erwartend – das könnte mühsamer Lesestoff sein. Doch Silone vermochte es dennoch, seine „Botschaft“ in einen Roman zu packen, der einen, auch aufgrund seiner schlichten Erzählweise, nicht unberührt lässt. Zudem sind die Fragen, wie denn die beste aller Welten zu erreichen sei, zeitlos und dürfen, auch in ruhigen Zeiten, immer wieder gestellt werden.
Auflockernd wirkt zudem der Humor des Schriftstellers. So sieht die Wirtin des falschen Priesters in ihm beinahe den Messias wieder herabgekommen auf Erden:

„Was muss man den tun, fragte Matalena, wenn er wirklich Jesus ist? Muss ich Don Cipriano benachrichtigen? Oder die Carabinieri?
An der Tür des Wirtshauses hing eine Tafel mit polizeilichen Bestimmungen, aber die Ankunft Jesu war darin nicht vorgesehen.“

Silone (1900-1978) stammte selbst von Kleinbauern aus den Abruzzen ab. Bereits 15jährig wurde er Vollwaise, seine Mutter und fünf seiner Geschwister kamen bei einem Erdbeben ums Leben. Schon als junger Mann setzte er sich als Gewerkschafter und Journalist für eine Verbesserung der Verhältnisse für die Landarbeiter ein. Als Mitglied der kommunistischen Partei musste er nach der Machtergreifung Mussolinis abtauchen und ins Exil. Dort wurde er jedoch wegen seiner Kritik am Stalinismus 1931 aus der KP ausgeschlossen. Ab 1944 wieder in Italien, gründete er eine eigene Splitterpartei im Sinne eines humanen christlichen Sozialismus, wendete sich dann später ganz von der Politik ab und konzentrierte sich auf das Schreiben.

Ein ausführlicher Lebenslauf findet sich beim Kiepenheuer&Witsch-Verlag, bei dem Silones Bücher als Taschenbuch erschienen sind sowie eine gute Monographie über den italienischen Schriftsteller:
http://www.kiwi-verlag.de/buch/wein-und-brot/978-3-462-01633-8/

Eine lesenswerte Besprechung findet sich beim Blog Bücherrezension:
https://buecherrezension.com/2016/11/01/aufruf-zum-widerstand-ignazio-silone-wein-und-brot-19361955/

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