LITERARISCHE ORTE: Thomas Mann in Bayern

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Hinweistafel am Mann-Haus in Bad Tölz. Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

Manche Schriftsteller verortet man unbewusst in bestimmte Landschaften. Oder anders ausgedrückt: Ihr Werk ist geprägt von der Landschaft, in der sie lebten, in der sie arbeiteten. Man denke nur an Theodor Storm oder an Fontane.

Aber bei anderen bringe ich dagegen Lebensorte, Temperament und dessen literarischen Ausdruck nur schwer zusammen. Thomas Mann in Bayern? Obwohl der Hanseat 30 Jahre dort, also die längste Zeit seines Lebens, seinen Lebensmittelpunkt hatte, so verbinde ich mit seinem Namen mehr oder wenig sofort Lübecker Backsteingebäude oder ein Hiddenseer Reetdachhaus.

Ich selbst kann mir Thomas Mann nur schwer als entspannten Landmann, Wanderer in Nagelschuhen, durch die Voralpen streifend und an einem der bayerischen Seen entspannend, vorstellen. Und doch gab es das auch. Nach dem Tod von Thomas Manns Vater 1891 zog seine Mutter – die in Brasilien aufwuchs und Lübeck immer als zu eng empfand – zwei Jahre später mit den jüngeren Geschwistern von Thomas Mann nach München. Thomas folgt 1894 nach und zog in die Stadt, die ihn ebenso prägte wie Lübeck, obwohl er wohl im Herzen, sicher aber im Habitus immer ein Hanseat blieb.

Literarische Spuren von Bayern finden sich in seinem Werk zuhauf: Schon in seinem Debüt „Buddenbrooks“ wird der Norden, sprich die Hansestadt Lübeck, mit München konterkariert. Man denke allein an den Hopfenhändler Permaneder: Die wenig schmeichelhafte Überspitzung des Typs des gemütlichen, gutmütigen, aber auch bauernschlauen Münchners. Dass diese Figur mit so spitzer Feder gezeichnet ist, lag sicher auch daran, dass Thomas Mann zu jener Zeit auch für den „Simplicissimus“ arbeitete.

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Skulptur von Quirin Roth in Gmund am Tegernsee. Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

Hauptsächlicher Wohnort in Bayern ist und bleibt für Thomas Mann München: Hier wird er, nach einem kurzen beruflichen Abstecher in eine Versicherungsanstalt, zum freien Künstler, hier lernt er Katia Pringsheim kennen, hier baut er, dem ein eigenes Haus wichtig ist, seine Villa im noblen Viertel Bogenhausen. Damals freilich noch nicht ganz so nobel. Eine Ahnung davon erhält man in „Herr und Hund“ (1918). In dieser, einer seiner längsten Erzählungen, schildert Mann so ausführlich und akribisch wie selten anhand der Spaziergänge mit seinem Lieblingshund „Bauschan“ die Umgebung, in der er lebt:

„Und doch war die Sache schon so weit gediehen, daß diese Straßen ohne Anwohner ihre ordnungsgemäßen Namen haben, so gut wie irgendeine im Weichbilde der Stadt oder außerhalb seiner; das aber wüßte ich gern, welcher Träumer und sinnig rückblickende Schöngeist von Spekulant sie ihnen zuerteilt haben mag. Da ist eine Gellert-, eine Opitz-, eine Fleming-, eine Bürger-Straße, und sogar eine Adalbert-Stifter-Straße ist da, auf der ich mich mit besonders sympathischer Andacht in meinen Nagelschuhen ergehe (…)“

Die Adalbert-Stifter-Straße in München-Bogenhausen ist immer noch da, die 1913 erbaute Villa der Manns jedoch gibt es nur noch in einer Rekonstruktion: Das Gebäude war bei einem Bombenangriff zerstört worden, Thomas Mann ließ es 1952 vollends abreißen und verkaufte das Grundstück. 2001 wurde es nach den Original-Bauplänen wieder erbaut, aber ist seither als Luxusimmobilie in Privatbesitz.

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Das Mann-Haus in Bad Tölz.

Ein anderes Haus, das sich Mann in Bayern bauen ließ, gibt es jedoch noch im Originalzustand: Die „kleine“ Villa in Bad Tölz, für die schnell wachsende Familie zunächst ein wunderbares Domizil in der Sommerzeit, dann wurde es aber von Kind zu Kind enger. Zumal hier auch „Bauschan“ als weiteres Familienmitglied hinzukam:

„Ein ansprechend gedrungenes, schwarzäugiges Fräulein das, unterstützt von einer kräftig heranwachsenden Tochter in der Nähe von Tölz eine Bergwirtschaft betreibt, vermittelte uns die Bekanntschaft mit Bauschan und seine Erwerbung.“

Dem Hund aus Bad Tölz setzt der Schriftsteller in „Herr und Hund“ ein Denkmal. Ein Denkmal für Herr und Hund ist dagegen nicht in Bad Tölz zu finden, sondern in Gmund an Tegernsee. Seit 2001 steht hier die Skulptur von Quirin Roth und erinnert so daran, dass der Tegernsee, die Badewanne der Münchner, früher schon ein beliebtes Ausflugsziel war – weniger für die Schickeria, sondern für die Münchner Bohème rund um die Mannschaft des „Simplicissimus“. Thomas Mann lernte die Gegend bereits als Kind kennen, als seine Eltern in Wildbad Kreuth zur Sommerfrische waren. Auch später zog es ihn immer wieder in die Region. Die beiden „Ludwigs“ – Ganghofer und Thoma – die vor ihrem Ruck ins Deutschnationale auch für die Satirezeitung schrieben, siedelten hier an, in seinem Haus in Tegernsee frönte der Karikaturist Olaf Gulbransson der Freikörperkultur und schwang gerne auch nackt die Sense, um das Gras zu mähen.

 

Zurück nach Bad Tölz: Ein Thomas Mann-Museum gibt es hier leider nicht (wer im Ort ist, kann das „Bulle von Tölz-Museum“ besuchen, ob es sich lohnt, vermag ich nicht zu sagen), auch kann das Landhaus, das sich Mann 1909 für seine junge Familie bauen ließ und das sie bis 1917 nutzten, nicht besichtigt werden. Dennoch lohnt sich ein Blick auf das Grundstück, wenn man sowohl die privaten Notizen von Thomas Mann aus jener Zeit als auch die Erinnerungen der älteren Kinder an das Haus, an Land und Leute kennt. Erika Mann, die Rastlose, kam in einigen ihrer Texten auf diese Landschaft ihrer Kindheit zurück. In einer 1930 entstandenen „Liebeserklärung an Bayern“ schreibt sie:

„Wenn irgendwo ein Wiesenweg, eine Bergkette, eine Viehweide uns besonders zu Herzen sprach, erkannten wir bald mit dem Heimatlichen die Ähnlichkeit, – fast wie bei Tölz (…).“

Und Golo Mann sagt in „Erinnerungen und Gedanken“:

„Es dauerte dann etwa fünfunddreißig Jahre, bis ich Tölz wieder sah. Anfang der fünfziger Jahre war das meiste noch wie eh und je, die vier Kastanien und „Hüttchen“, letzteres renoviert, das Haus nach außen hin unverändert. Wie sehr seine Verzierungen „Jugendstil“ waren, bemerkte ich erst jetzt.“

Die Villa, seit 1926 im Besitz eines Ordens, dient inzwischen als Erholungsheim für Ordensschwestern und ist öffentlich leider nicht mehr zugänglich. Bad Tölz bemüht sich anderweitig, um an den berühmten Bewohner, wenn dieser auch nicht zu lange hier lebte, zu erinnern. So wird wohl in diesem Oktober noch in der Tölzer Stadtbibliothek ein Thomas-Mann-Zimmer eröffnet – eingerichtet mit Mobiliar und Gegenstand aus dem „Mausloch“. So bezeichnete Mann ein Haus, das der Kunsthändler Georg Martin Richter in der bayerischen Gemeinde Feldafing gekauft hatte. Thomas Mann beteiligte sich mit 10.000 Mark an dem Kauf und konnte sich, wenn es ihm in München zu trubelig wurde, hierher zum Schreiben zurückziehen. Zwischen 1919 und 1923 war er mehrfach dort, dabei entstanden wesentliche Teile des Zauberbergs.

Erwähnt werden müssen, wenn es um Thomas Mann und Bayern geht, zwei Institutionen: Zum einen die Monacensia in München mit ihrer umfassenden Familie-Mann-Bibliothek sowie der neu erarbeiteten Ausstellung „Literarisches München zur Zeit von Thomas Mann“. Und der Literaturwissenschaftler Dirk Heißerer: Keiner kennt so sehr die Spuren großer Schriftsteller in Bayern wie er, insbesondere aber diese von Thomas Mann. Seit Jahren ist er Vorsitzender des Thomas-Mann-Forums München und gibt die Thomas-Mann-Schriftenreihe heraus. In dieser ist auch der Band „Nicht auf der Rasenkante gehen!“ von Daniel Lang, eine Arbeit über die Manns in Bad Tölz und die Geschichte des Hauses, erschienen.


Weitere Informationen:

Daniel Lang, „Nicht auf der Rasenkante gehen!“: Link zum Buch

Thomas Mann in Bad Tölz: https://www.bad-toelz.de/de/kultur-veranstaltungen/kunst-und-literatur/thomas-mann.html

Literarische Spaziergänge mit Dirk Heißerer: https://www.lit-spaz.de/

Monacensio München: http://www.monacensia.net/Aktuelles.htm


Bilder zum Download:

Bild 1, Tafel am Landhaus in Bad Tölz
Bild 2, Denkmal in Gmund
Bild 3, Kopf Thomas Mann


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Virginia Woolf: Flush

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Bild von sabsykorova auf Pixabay

„In London konnte er kaum bis zum Briefkasten trotten, ohne einem Mops, Retriever, einer Bulldogge, einem Mastiff, einem Collie, Neufundländer, Bernhardiner, Foxterrier oder einer der sieben berühmten Familien vom Stamme der Spaniels zu begegnen. Jedem gab er einen anderen Namen und jedem einen anderen Rang. Hier in Pisa hingegen gab es, obwohl es von Hunden wimmelte, keine Rangstufen; alle – war das denn möglich? – waren Mischlinge. Soweit er sehen konnte, waren sie einfach bloß Hunde – graue Hunde, gelbe Hunde, gesprenkelte Hunde, gefleckte Hunde; es war jedoch unmöglich, auch nur einen einzigen Spaniel, Collie, Retriever oder Mastiff unter ihnen zu entdecken. Hatte die Rechtsprechung des Kennel Clubs denn in Italien keine Geltung? War der Spaniel Club unbekannt? (…) Flush fühlte sich wie ein Fürst im Exil. Er war der einzige Aristokrat inmitten der canaille. Er war der einzige reinrassige Cocker Spaniel in ganz Pisa.“

Virginia Woolf, „Flush. A Biography“, 1933.

Nicht nur für den Cocker mit Stammbaum, dem Virginia Woolf eine eigene Biographie widmete, war die Flucht nach Italien auch eine Befreiung von engen Zwängen und Konventionen: Sondern auch für sein Frauchen, die viktorianische Dichtern Elisabeth Barrett. Und ein Stück weit „literarisches Atemholen“ wohl auch für die Verfasserin, die sich von den „Wellen“ erholen musste.

„Flush ist nur so eine Art Witz. Ich war so müde nach den Wellen, daß ich im Garten lag und die Liebesbriefe der Brownings las, und die Figur ihres Hundes brachte mich zum Lachen …“,

schrieb Virginia Woolf 1933 in einem Brief. Eine „Gehirnlockerung“ sollte das Buch sein, an dem sie später ihre Zweifel hegte, befürchtete, diese „törichte“ Arbeit könnte zum Erfolg werden – auf Kosten ihrer ernsthafteren Werke. Tatsächlich ist diese kleine Hundebiographie von einer sanften Ironie getragen – die einen als Leser aber auch dieses spezielle Hundeschicksal viel viel besser ertragen lässt. Weil man ansonsten eher wütend gegen den Tort anbellen müsste, der Flush angetan wird.

Denn Flush ist eigentlich ein wilder Racker vom Lande, streunend, strolchend, freiheitsliebend. Dessen gutmütige Besitzerin, Mrs. Mitford, beschließt jedoch den Hund ihrer Freundin Elisabeth Barrett (1806 – 1861) zu deren Erbauung und Erheiterung überlassen. Für den Cocker Spaniel ändern sich damit die Lebensverhältnisse auf das Extremste – vom freien Feld ans Krankenlager. Das Bett in einem abgedunkelten Zimmer ist der Lebens- und Schreibort von Miss Barrett seit dem Tode ihres geliebten Bruders. Ob ihre Bettlägerigkeit tatsächlich mit körperlichen Erkrankungen oder psychosomatisch bedingt war, ist heute umstritten. Hier ein Link zu ihrer Biographie:  fembio. Gleichwohl: Für Flush ist das künftig der Zwinger, den er zu mit Frauchen zu teilen hat.

Schwer vorstellbar, dass ein Hund das mit Freuden tut. Virginia Woolf beschreibt die Erstbegegnung so:

„Beide waren überrascht. Schwere Locken hingen zu beiden Seiten an Miss Barretts Gesicht herab; große helle Augen leuchteten daraus hervor; ein großer Mund lächelte. Schwere Ohren hingen zu beiden Seiten von Flushs Gesicht herab; auch seine Augen waren groß und hell; sein Mund war breit. Während sie einander anstarrten, fanden beide: Das bin ja ich! – und dann fanden beide: Doch wie anders! (…) Zwischen ihnen lag die breiteste Kluft, die zwei Wesen voneinander trennen kann. Sie konnte sprechen. Er war stumm. Sie war Frau; er war Hund. So eng verbunden, so unendlich weit getrennt, starrten sie einander an. Dann sprang Flush mit einem Satz aufs Sofa und legte sich, wo er fortan für alle Zeiten liegen sollte – auf die Decke zu Miss Barretts Füßen.“

Wie es sich für die Biographie des Hundes einer viktorianischen Dichterin gehört, werden die profanen Einzelheiten ausgespart, z.B.: War Flush schon stubenrein? Wer ging mit ihm täglich mehrmals Gassi? Wie wurde sein Bewegungsdrang kompensiert? Oder verfettete er in den Jahren als Sofahündchen? Bevor man sich jedoch zu sehr den Kopf über artgerechte Tierhaltung zerbricht, tritt eine Lichtgestalt in unser aller Leben: Mr. Browning.

Flush macht den Zweibeiner sofort als Konkurrenten um Miss Barretts Zuneigung aus – und reagiert sowohl eifersüchtig als auch bissig. Denn Frauchen beginnt sich zu verhalten, komisch zu verhalten: Sie verlässt immer öfter das Bett, sogar das Zimmer, sogar das Haus. Und er selbst steht nicht mehr im Mittelpunkt ihres Lebens. Ein Hund, der auf sich hält, setzt da die Beißerchen ein – so viel ist Flush von seinen Urinstinkten auch auf dem Sofa noch geblieben.

Für ihre wundersame Heilung sorgt also nicht die zum Hund, sondern die zum Mann – und für den lesenden Hundeliebhaber kommt so das Ganze doch noch zu einem Happy-End: Robert Browning ehelicht Elisabeth, entführt sie förmlich aus den Fängen des dominanten Vaters und in Italien durften sie dann alle, solange sie gelebt haben, endlich wieder nach Herzenslust streunen.

Man muss die Verzärtelung und Vermenschlichung, die die einsame Miss Barrett ihrem Hund angedeihen ließ, nicht mögen – das Buch von Virginia Woolf, von Beginn an auch als Parodie typischer viktorianischer Biographien gedacht, jedoch schon: Das Barrett-Browning-Flush-Verhältnis ist mit so feiner Ironie, ja mit leichtem Sarkasmus gestrickt, das ringt einem beim Lesen einfach ein Lächeln ab.

Anmerkung am Rande: Das Buch erschien 1934 im S. Fischer Verlag mit Illustrationen von Renée Sintenis. Ich kenne bislang nur das Titelbild, das mir aber um einiges mehr gefällt als jenes der Neuauflage:
http://www.fischerverlage.de/buch/flush/9783100925213

Hier noch ein Hinweis auf eine weitere Besprechung innerhalb unseres Projektes #lithund – Peggy vom Blog „Entdecke England“ hat den „Hund als Mordopfer“ in ihrem Stapel ungelesener Bücher entdeckt:

https://entdeckeengland.com/2017/02/11/lithund-der-hund-als-mordopfer/

 

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#LITHUND: Von Möpsen und Menschen

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Bild von Free-Photos auf Pixabay

Die allgemeine Verehrung von Möpsen war mir schon immer ein Rätsel. Sehe ich Frauchen und Herrchen mit welchen, dann denk ich mir insgeheim: Niedlich. Aber warum halten sich die Leute denn keinen Hund???

Doch ausgerechnet unter Künstlern und Anhängern ist die Zahl der Mopsianer Legion. Es gibt zwar 1001 und mehr Dalmatiner, es gibt Bernhardinder, Rauhaardackel, Schäferhunde, meinetwegen auch Pudel und Spitze, und es gibt die Königsklasse, den Mischling. Aber kein Hund wurde gefühlt so oft bedichtet wie der Mops, über keinen wahrscheinlich so viel geschrieben wie über dieses Knautschgesicht mit vier Beinen.

Und dies nicht erst seit Loriot, der da einfach behauptete: „Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos.“ Auch Ernst Jandl mit seinem kotzenden Mops löste diese doch etwas skurrile literarische Mode nicht aus. Dafür werden sich an diesem Werk noch Generationen von Sprachwissenschaftlern, Literaturexperten und Germanisten abarbeiten. Es gibt seitenweise Untersuchungen dazu, die von einer Analyse der anarchistischen Züge des Mops reichen bis hin zur Feststellung, das Gedicht drücke die Annäherung von Mensch und Tier aus. Wie mopsig. Mir macht dieser Mops vor allem eines: Immer wieder einen Mops-Spaß.

Die Reihe seiner dichtenden Anhänger war schon zuvor staatlich. Unter anderem waren Heinrich Heine, Rainer Maria Rilke und Gregor von Rezzori Freunde dieses „anhänglichen Begleithundes“. Goethe („Der Mops von Edelstein“), Wilhelm Busch („Plisch und Plum“) und andere setzten ihm literarische Denkmäler. Die Anzahl der Mops-Gedichte und –Geschichten ist so hoch wie die Häufchen-Dichte in manchem Berliner Stadtpark. Eine Auswahl an Mops-Büchern findet man hier:
https://mopsotto.jimdo.com/literatur/der-literarische-mops/

Der Mops stammt ursprünglich aus China. Es war das Privileg des Kaisers, ihn zu berühren und anzufassen. Für Hinz und Kunz gab es nur zweite Wahl – sprich Möpslinge, die nicht den kaiserlichen Standards entsprachen. Später schrieb der Mops in Europa Geschichte – so das Brettener Hundle, das 1504 in der Melanchthon-Stadt eine Belagerung beendete. Melanchthon ist der zweitnächstberühmte Sohn der Stadt. Nach dem Mops.

Seltsamerweise wurde der Mops zwar viel und oft bedichtet, kommt dabei dann aber oftmals nicht allzu gut weg. Vielleicht auch deshalb, weil die Poeten dazu neigten, ihm menschliche Eigenschaften zuzuschreiben oder ihn gar mit unserer Spezies verglichen. So gab Hoffmann von Fallersleben dem Mops sogar die Sprache und dazu eine verfressene Schlauheit: „Als unser Mops ein Möpschen war“.

Der klassische Mops:

Christian Morgenstern kapriziert sich auf die Urgemütlichkeit, die dieser Hund auf viele ausströmt:

Mopsenleben

Es sitzen Möpse gern auf Mauerecken,
die sich ins Straßenbild hinaus erstrecken,
(um) von sotanen Posten
die bunte Welt gemächlich auszukosten.
O Mensch, lieg vor dir selber auf der Lauer,
sonst bist du auch ein Mops nur auf der Mauer.

Auf Wilhelm Busch ist Verlass: Mensch und Mops kommen bei ihm gleichermaßen nicht allzu gut weg.  In seinem naturgeschichtlichen Alphabet „für größere Kinder und solche, die es werden wollen“, bemerkt Herr Busch  nur süffisant: „Der Mops ist alter Damen Freude.“ Um das in gereimter Form noch deutlicher zu schildern:

Die Strafe der Faulheit

Fräulein Ammer kost allhier
Mit Schnick, dem allerliebsten Tier.

Sie füttert ihn, so viel er mag,
Mit Zuckerbrot den ganzen Tag.

Und nachts liegt er sogar im Bett,
Da wird er freilich dick und fett.

Einstmals, als sie spazieren gehen,
Sieht man den Hundefänger stehen.

Er lockt den Schnick mit einer Brezen.
Das Fräulein ruft ihn voll Entsetzen.

Doch weil er nicht gehorchen kann,
Fängt ihn – gripsgraps! – der böse Mann.

Seht, wie er läuft, der Hundehäscher!
Und trägt im Sack den dicken Näscher.

Gern lief er fort, der arme Schnick,
Doch ist er viel zu dumm und dick.

„Den schlacht´ ich!“ spricht der böse Mann,
“Weil er so fett und gar nichts kann.“

Das Fräulein naht und jammert laut,
Es ist zu spät: da liegt die Haut.

Zwei Gülden zahlt sie in der Stille
Für Schnickens letzte Außenhülle.

Hier steht der ausgestopfte Schnick.
Wer dick und faul, hat selten Glück.

Überhaupt scheint der Mops in den Augen mancher Poeten das Tier älterer Damen zu sein, ein Partner- und Liebesersatz. Man denke nur an „Der Mops von Fräulein Lunden“ von James Krüss: Der Mops von Fräulein Lunden war eines Tags verschwunden. Sie pflegte, muss man wissen – tagtäglich ihn zu küssen… Immerhin verdeutlicht Krüss, wie wenig dem Tier das gefallen haben mag, denn: „Ein Mops ist keine Puppe“. Schleifchen soll er also nicht tragen, aber was geschieht, “Wenn die Möpse Schnäpse trinken”?

Man sieht also: Die literarische Auseinandersetzung mit dem Mops ist vielgestaltig und hat Tradition. Meine verwunderte Frage – warum der Mops, warum unter allen Hunden gerade er? – löst das nicht auf. Vielleicht liegt die Antwort in Loriots Definition: “Möpse sind mit Hunden nicht zu vergleichen. Sie vereinigen die Vorzüge von Kindern, Katzen, Fröschen und Mäusen.” Ja, dann!

Womit Loriot bewiesen hätte, dass, wenn es den Menschen nicht gäbe, der Mops also nicht nur ein Hund, sondern beinahe noch ein Wolf wäre. Den Urvater des Mopses stellte Claudia von Das graue Sofa anhand der wunderbaren Buchreihe „Naturkunden“ vor einigen Tagen vor:
https://dasgrauesofa.com/2017/01/28/lithund-woelfe-ein-portrait-von-petra-ahne/
Dazu passend mein Beitrag über Jack Londons Wolfshunde:
https://saetzeundschaetze.com/2017/01/15/lithund-jack-london-und-die-wilden-hunde/

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Alice Herdan-Zuckmayer: Das Scheusal

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Bild von Moshe Harosh auf Pixabay

1937 erbt die österreichische Schauspielerin Alice Herdan-Zuckmayer, in zweiter Ehe mit dem Schriftsteller verheiratet, den sie liebevoll-kurz „Zuck“ nennt, von einer ungeliebten und scheinbar verarmten Tante einen Hund: Ein altes, grottenhäßliches, bissiges, verwöhntes „Viecherl“. An „Das Scheusal“ ist eine besondere Bedingung geknüpft: Die Juwelen und den Pelz, die die verbitterte Alte allem finanziellen Niedergang zum Trotz versteckt bewahrt hatte, gibt es nur samt Vierbeiner. Was Alice jedoch besonders entsetzt: Durch den Nachlass der Tante offenbart sich deren fanatische Anhängerschaft an die Nationalsozialisten: „Die Frau Tante war a Nazi, der Hund is a Nazi.“

Die Zeiten sind hart, Zuckmayers an das Sparen nicht gewöhnt, der Dramatiker wird jedoch im Deutschen Reich nicht mehr gespielt, Geld kommt allenfalls durch seine Arbeit für die Korda-Filmstudios in London herein. Das Scheusal darf also bleiben – zumal die Erbin eh ein freundliches, weiches Herz hat.

Die „Kreuzung zwischen Fledermaus, Wüstenfuchs und Warzenschwein“ nimmt bald eine Hauptrolle in dem Großhaushalt ein: Das verwöhnte Tier wird mit gedünsteter Kalbsleber und Honigwasser verpflegt, bei Bedarf mit Malaga ruhiggestellt, darf sich in mit „Chanel 5“ (eine olfaktorische Erinnerung an die Tante) besprühte Decken hüllen. Und es begleitet die Familie (die gemeinsame Tochter heißt tatsächlich mit zweitem Taufnamen „Winnetou“) auf den Exil-Stationen, selbst als klar ist, dass die geerbten Juwelen bereits durch die Nazis konfisziert sind.

Literarisch ist dieses Buch (Untertitel: „Die Geschichte einer sonderbaren Freundschaft“) beileibe kein herausragendes Werk, es deckt sich offenbar sogar bis in manche Formulierungen mit Zuckmayers Memoiren „Als wär’s ein Stück von mir“. Letztere habe ich noch nicht gelesen, daher kann ich dieses nicht beurteilen. Doch trotz der sprachlichen und erzählerischen Mängel – es ist nicht nur die anrührende Geschichte einer sich entwickelnden Beziehung zwischen Mensch und Tier, sondern auch ein eindrucksvolles, lebhaftes Dokument dieser Jahre, in denen die deutsche Intelligenz ins Exil vertrieben wurde. „Wir waren glücklich und liebten das Leben wie Kranke, denen der Tod angesagt worden ist“, schreibt Alice Herdan-Zuckmayer über die letzten Tage in Österreich.

In Paris nimmt das Paar noch an der Beerdigung von Ödon von Horváth teil, der am 1. Juni 1938 bei einem Unfall ums Leben kam – in der Folge, so ahnt Alice, wird man noch mehr Freunde verlieren, jedoch durch andere Umstände. Trotz der düsteren Zeiten hat dieses schmale Buch jedoch einen heiteren, anekdotenhaften Grundton, ist an manchen Stellen gar schreiend komisch. Beispielsweise als die Werfels und die Zuckmayers sich zu einem Abschiedsessen in einem Pariser Nobelrestaurant treffen. Alice versteckt das Scheusal gschamig unterm Tischtuch, doch der distinguierte Kellner platziert den Hund auf einen samtgepolsterten Stuhl an den Tisch und begehrt zu wissen: „Quelque chose légère?“.

„Ja, etwas Leichtes“, sagte ich auf französisch.
„Un peu de veau haché avec du foie de volaille?“ fragte er, „pour la petite mignonne?“
„Bien“, sagte ich nonchalant, als ob einem wertvollen King-Charles-Hund serviert würde, „also gehacktes Kalbfleisch mit Hühnerleber.“
Mucki saß neben mir, schnupperte und stieß leise Betteltöne aus.
Werfel betrachtete ihn lange und nachdenklich:
„Wenn man diesen Hund anschaut – er ist häßlich bis zur Vollkommenheit. Wie ein Wasserspeier von Notre-Dame.“

Zuckmayers gelangen über Paris und die Schweiz schließlich durch ein Affidavit durch die Frau von Sinclair Lewis in die USA, „der Mucki“ (trotz weiblichen Geschlechts ein „er“), kommt jeweils mit. Zwar erlebt die Familie in den Vereinigten Staaten wieder persönliche Sicherheit, doch die finanziellen und existentiellen Sorgen bleiben. Das Scheusal jedoch bleibt davon unberührt, bekommt weiter Kalbsleber und Honigwasser und Chanel No. 5. Hochbetagt stirbt das Viecherl schließlich im Kreise der Familie – immer noch hässlich, immer noch bissig, aber längst schon kein Nazi mehr.

Das Buch erschien erstmals 1972 im Fischer Verlag und wird seither immer wieder als Fischer Taschenbuch neu aufgelegt: „Das Scheusal“.

Ein Beitrag zur Reihe #lithund.

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