Hugo Ball und Tristan Tzara: Das DADA-Manifest

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100 Jahre Dada in Zürich. Bild: Birgit Böllinger

„Ich verkünde die Opposition aller kosmischen Eigenschaften gegen die Gonorrhoe dieser faulenden Sonne, die aus den Fabriken des philosophischen Gedankens kommt, den erbitterten Kampf mit allen Mitteln des dadaistischen Ekels.

Jedes Erzeugnis des Ekels, das Negation der Familie zu werden vermag, ist Dada; Protest mit den Fäusten, seines ganzen Wesens in Zerstörungshandlung: Dada; Kenntnis aller Mittel, die bisher das schamhafte Geschlecht des bequemen Kompromisses und der Höflichkeit verwarf: Dada; Vernichtung der Logik, Tanz der Ohnmächtigen der Schöpfung: Dada; jeder Hierarchie und sozialen Formel von unseren Dienern eingesetzt: Dada; jeder Gegenstand, alle Gegenstände, die Gefühle und Dunkelheiten; die Erscheinungen und der genaue Stoß paralleler Linien sind Kampfesmittel: Dada; Vernichtung des Gedächtnisses: Dada; Vernichtung der Archäologie: Dada; Vernichtung der Propheten: Dada; Vernichtung der Zukunft: Dada; Absoluter indiskutabler Glauben an jeden Gott, den spontane Unmittelbarkeit erzeugte: Dada; eleganter, vorurteilsloser Sprung von einer Harmonie in die andere Sphäre; Flugbahn eines Wortes, das wie ein Diskurs, tönender Schrei, geschleudert ist; alle Individualitäten in ihrem Augenblickswahn achten: im ernsten, furchtsamen, schüchternen, glühenden, kraftvollen, entschiedenen, begeisterten Wahn; seine Kirche von allen unnützen, schweren Requisiten abschälen, wie eine Lichtfontäne den ungefälligen oder verliebten Gedanken ausspeien, oder ihn liebkosen – mit der lebhaften Genugtuung, daß das einerlei ist – mit derselben Intensität in der Zelle seiner Seele, insektenrein für wohlgeborenes Blut und von Erzengelkörpern übergoldet. Freiheit: Dada, Dada, Dada, aufheulen der verkrampften Farben, Verschlingung der Gegensätze und aller Widersprüche, der Grotesken und der Inkonsequenzen: Das Leben.“

Tristan Tzara aus dem „Manifest Dada“, 1918

Auch Richard Huelsenbeck lieferte eine Legende zur Begriffsfindung: „Als Ball und ich den Dadaismus entdeckten, waren wir uns unserer großen Mission bewusst. Ball hatte gerade einen Teller Nudelsuppe gegessen, und ich hatte gerade den letzten besoffenen Studenten aus dem Cabaret Voltaire geworfen, da sagte Ball: „Da … Da siehst du, wo das hinführt.“

Wo führte das hin? Zu einer kreativen, anarchistischen, wilden Explosion, zu einer künstlerischen Hitzewelle, die ausgerechnet in der Schweiz (!) einige wenige Jahre (im Herbst 1920 verließen die letzten Mitglieder dieser Künstlergemeinschaft die Eidgenossenschaft) ihren Raum fand.

Schon zu den Hochzeiten des Dadaismus ist die Fülle an beteiligten, inspirierten Künstlerinnen und Künstlern kaum zu fassen: Hugo Ball, Emmy Hennings, Hans Arp, Sophie Taeuber-Arp, Tristan Tzara, Richard Huelsenbeck, Walter Serner, Giorgio de Chirico, Marcel Janco, Hans Richter, Christian Schad, Mary Wigman, Katja Wulff, Hans Heusser, Max Ernst, und viele weitere mehr, die sich vom Dadaismus anstecken ließen.

1916 veröffentlichten Ball und Huelsenbeck ein erstes Manifest:

Es soll der Presse und dem Publikum durch unser Auftreten gezeigt werden, daß es Persönlichkeiten gibt, die die Sache der “jüngsten” Literatur auch im Kriege weiterführen. Diese jüngste Literatur hat eine ganz bewußte Tendenz. Diese Tendenz: Expressionismus, Buntheit, Abenteuerlichkeit, Futurismus, Aktivität, Dummheit (gegen die Intellektualität, gegen die Bebuquins, gegen die gänzlich Arroganten). Wir wollen: Aufreizen, umwerfen, bluffen, triezen, zu Tode kitzeln, wirr, ohne Zusammenhang, Draufgänger und Negationisten sein. Unsere Sache ist die Sache der Intensität, der Nüstern, der Askese, des methodischen Fanatismus, der Flaggen und Konspirationen. Wir werden immer “gegen” sein. Wir werden die geistige Führerschaft an uns nehmen. Wir werden zu Felde ziehen gegen die Gehirnwesen, Geistlinge, Systemlinge. Gegen die Aktionierer und lyrische Tenöre. Gegen die “Programmatiker” und Sektenbildner. Wir ergreifen die Partei der Bilderstürmer und jeglicher Radikalisten. Wir propagieren den Stoffwechsel, den Saltomortale, den Vampyrismus und alle Art Mimik. Wir sind nicht naiv genug, an den Fortschritt zu glauben. Wir haben es nur mit dem “Heute” zu tun. Wir wollen sein: Mystiker des Details, Bohrlinge und Hellseher, Antikonzeptionisten und Literaturstänker. Wir wollen den Appetit verderben an aller Schönheit, Kultur, Poesie, an allem Geist, Geschmack, Sozialismus, Altruismus und Synonymismus. Wir gehen los gegen alle “ismen” Parteien und “Anschauungen”. Negationisten wollen wir sein.

Huelsenbeck manifestierte sich nochmals, zwei Jahre später, in Berlin (Auszug):

Die Unterzeichner dieses Manifests haben sich unter dem Streitruf

DADA!!!!

zur Propaganda einer Kunst gesammelt, von der sie die Verwirklichung neuer Ideale erwarten. Was ist nun der DADAISMUS?

Das Wort Dada symbolisiert das primitivste Verhältnis zur umgebenden Wirklichkeit, mit dem Dadaismus tritt eine neue Realität in ihre Rechte. Das Leben erscheint als ein simultanes Gewirr von Geräuschen, Farben und geistigen Rhytmen, das in die dadaistische Kunst unbeirrt mit allen sensationellen Schreien und Fiebern seiner verwegenen Alltagspsyche und in seiner gesamten brutalen Realität übernommen wird. Hier ist der scharf markierte Scheideweg, der den Dadaismus von allen bisherigen Kunstrichtungen und vor allem von dem FUTURISMUS trennt, den kürzlich Schwachköpfe als eine neue Auflage impressionistischer Realisierung aufgefaßt haben. Der Dadaismus steht zum erstenmal dem Leben nicht mehr ästhetisch gegenüber, indem er alle Schlagworte von Ethik, Kultur und Innerlichkeit, die nur Mäntel für schwache Muskeln sind, in seine Bestandteile zerfetzt.

Das BRUITISTISCHE Gedicht

schildert eine Trambahn wie sie ist, die Essenz der Trambahn mit dem Gähnen des Rentiers Schulze und dem Schrei der Bremsen.

Das SIMULTANISTISCHE Gedicht

lehrt den Sinn des Durcheinanderjagens aller Dinge, während Herr Schulze liest, fährt der Balkanzug über die Brücke bei Nisch, ein Schwein jammert im Keller des Schlächters Nuttke.

Das STATISCHE Gedicht

macht die Worte zu Individuen, aus den drei Buchstaben Wald, tritt der Wald mit seinen Baumkronen, Försterlivreen und Wildsauen, vielleicht tritt auch eine Pension heraus, vielleicht Bellevue oder Bella vista. Der Dadaismus führt zu unerhörten neuen Möglichkeiten und Ausdrucksformen aller Künste. Er hat den Kubismus zum Tanz auf der Bühne gemacht, er hat die BRUITISTISCHE Musik der Futuristen (deren rein italienische Angelegenheit er nicht verallgemeinern will) in allen Ländern Europas propagiert. Das Wort Dada weist zugleich auf die Internationalität der Bewegung, die an keine Grenzen, Religionen oder Berufe gebunden ist. Dada ist der internationale Ausdruck dieser Zeit, die große Fronde der Kunstbewegungen, der künstlerische Reflex aller dieser Offensiven, Friedenskongresse, Balgereien am Gemüsemarkt, Soupers im Esplanade etc. etc. Dada will die Benutzung des neuen Materials in der Malerei.

Dada ist ein CLUB, der in Berlin gegründet worden ist, in den man eintreten kann, ohne Verbindlichkeiten zu übernehmen. Hier ist jeder Vorsitzender und jeder kann sein Wort abgeben, wo es sich um künstlerische Dinge handelt. Dada ist nicht ein Vorwand für den Ehrgeiz einiger Literaten (wie unsere Feinde glauben machen möchten) Dada ist eine Geistesart, die sich in jedem Gespräch offenbaren kann, sodaß man sagen muß: dieser ist ein DADAIST — jener nicht; der Club Dada hat deshalb Mitglieder in allen Teilen der Erde, in Honolulu so gut wie in New-Orleans und Meseritz. Dadaist sein, kann unter Umständen heißen, mehr Kaufmann, mehr Parteimann als Künstler sein — nur zufällig Künstler sein — Dadaist sein, heißt, sich von den Dingen werfen lassen, gegen jede Sedimentsbildung sein, ein Moment auf einem Stuhl gesessen, heißt, das Leben in Gefahr gebracht haben (Mr. Wengs zog schon den Revolver aus der Hosentasche). Ein Gewebe zerreißt sich unter der Hand, man sagt ja zu einem Leben, das durch Verneinung höher will. Ja-sagen — Nein-sagen: das gewaltige Hokuspokus des Daseins beschwingt die Nerven des echten Dadaisten — so liegt er, so jagt er, so radelt er — halb Pantagruel, halb Franziskus und lacht und lacht. Gegen die ästhetischethische Einstellung! Gegen die blutleere Abstraktion des Expressionismus! Gegen die weltverbessernden Theorien literarischer Hohlköpfe! Für den Dadaismus in Wort und Bild, für das dadaistische Geschehen in der Welt. Gegen dies Manifest sein, heißt Dadaist sein!

Tristan Tzara. Franz Jung. George Grosz. Marcel Janco. Richard Huelsenbeck. Gerhard Preiß. Raoul Hausmann. Walter Mehring.

Lüthy. Fréderic Glauser. Hugo Ball. Pierre Albert Birot. Maria d’Arezzo. Gino Cantarelli. Prampolini. R. van Rees. Madame van Rees. Hans Arp. G. Thäuber. Andrée Morosini. François Mombello-Pasquati.

Quelle:  Richard Huelsenbeck,  „Dadaistisches Manifest“ (1918), Dada Almanach, herausgegeben von Richard Huelsenbeck. Berlin: Erich Reiss, 1920, S. 35-41.  

Und auch wenn die Dada-Flamme in den 1920er-Jahren ausgebrannt erschien, anderes hatte sich an ihr entzündet und ist ohne sie nicht denkbar: Das „Narrenspiel aus dem Nichts, in das alle höheren Fragen verwickelt sind“ (Hugo Ball) hatte den Weg bereitet für Surrealismus,  abstrakte Dichtung, Pop-Art und viele andere Richtungen mehr. Denn Dada sagt im Grunde eines: Alles, was da ist, was vor allem in unserem menschlichen Hirn ist, ist da – Lautmalereien, Simultangedichte, Ausdruckstanz, der sich aus unseren Gebärden speist, abstrakte Malerei, alles, was ursprünglich ist, unverfälscht, ungekünstelt, direkt den Geistesblitzen unseres Hirns entsprungen ist da da da da da da … und will raus. So liest sich denn auch die spätere Aussage von Hans Arp:

„Dada ist für den Unsinn. Das bedeutet nicht Blödsinn. Dada ist unsinnig wie die Natur und das Leben. Dada ist für die Natur und gegen die Kunst.“

Hans Arp, Worte mit und ohne Anker, Limes, 1957

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LITERARISCHE ORTE: Zürich. Dada war da, bevor ich da war.

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Bilder: Birgit Böllinger

„Eine in meinem Lokal … verkehrende Gesellschaft junger Künstler und Literaten ist mir der Bitte an mich herangetreten, den meiner Weinstube angegliederten Saal … als Künstlerkneipe einzurichten. (…) Sie möchten in diesem Saale aus ihren eigenen Werken vorlesen, zur gegenseitigen Unterhaltung beitragende Vorträge veranstalten, kurz einen Treffpunkt des künstlerisch interessierten Publikums Zürichs einrichten. Es soll besonders jungen Künstlern Gelegenheit geboten sein, sich gegenseitig zu unterhalten, gegenseitig anzuregen, gegenseitig zu debattieren und ihre Erstlinge an die Öffentlichkeit zu bringen. Die Herren glauben, ein derartiges Lokal fehle in Zürich und sei notwendig als Gegengewicht gegen die immer zahlreicher auftretenden mondänen und offiziellen Cabarette.“

So annoncierte Jan Ephraim, Wirt der „Meierei“, der Züricher Polizei das Vorhaben eines gewissen Hugo Balls und seiner Freunde – auch weil die Lokalität nur für künstlerische Zwecke, spontane Vorträge ohne Erwerbsabsicht genutzt werden sollte, gab die Obrigkeit „grünes Licht.“ (Quelle: Trotz vieler lobenswerter Neuerscheinungen im Jubiläumsjahr ist für mich das Luchterhand-Taschenbuch „Dada in Zürich“ von Raimund Meyer, erschienen 1990, immer noch eines der besten Werke über Ball & Co.) Das „Cabaret Voltaire“ war geboren und startete im Februar 1916: Einige durch den Weltkrieg versprengte junge Leute aus allen Herren Ländern, zufällig in Zürich gestrandet, kreativ, anarchistisch, idealistisch, avantgardistisch. Leben wollten sie – vor allem auch gegen den Strich, gegen das Bürgerliche.

 

Jetzt-Zeit: Zürich feierte 2016 100 Jahre Dada.
„Heute, nach über zehn Jahren Betrieb des neuen Cabaret Voltaire und einer Volksabstimmung, freut sich Zürich über das runde Dada-Jubiläum. Zürich feiert dieses Jubiläum aus einer kulturhistorischen Verantwortung.“: So steht es im „Dadaphone“ der „Dada-Swatch-Ausgabe“ zu lesen. Da lacht mein eines, weint mein anderes Auge – das wäre vielleicht eine Vorlage für eine der Köpfe Sophie Taeubers, für ein Bild von Man Ray. Denn auch Dada macht vor der Kommerzialisierung nicht halt – im Shop des Cabaret Voltaire kann der geneigte Kulturtourist Dada-Seife (1906 liess die Züricher Seifenfabrik Bergmann & Co. die Marke „Dada“ schützen, die Seife gab es also, nicht sicher ist, ob dies auch die Namensgebung der Kunstrichtung inspirierte) erstehen, Dada-Flaschen und was das Herz sonst noch so begehrt.

2016_Zürich (74)Die Ausstellung im Landesmuseum präsentierte seltene Objekte in beinah sakraler Stimmung: Beleuchtete Säulenkästen im tiefschwarzen Raum. Sehenswert ja, auch in der Verknüpfung der verschiedenen Kunstrichtungen, die Dada umfasste – Tanz, Fotografie, Literatur, Musik, Bildende Kunst – und beeinflusste. Doch in der beinahe ikonographischen, musealen Präsentation verliert Dada, das Bunte, das Wilde auch einen Teil seines Charmes, seines Sinns. Am faszinierendsten für mich und lebendiger Dadaismus waren die Wandmalereien und Sprüche im Ausstellungsraum – junge Besucher können hier ihr Dada hinterlassen.

Aber auch wenn sich diese Kunstrichtung in kein Korsett sperren lässt, damals wie heute Ketten und Definitionen sprengt und trotz mancher Kommerzialisierung – andererseits ist es gut, dass an Dada erinnert wird, dass Künstler wie Tristan Tzara, Emmy Hennings, Christian Schad, Sophie Taeuber-Arp nicht in Vergessenheit geraten – so vielseitig, so lebendig, so innovativ wie sie waren, beeinflussen sie mit ihren Entwürfen und Gestaltungen unseren Alltag noch bis heute. Ohne dass uns dieses bewusst ist. Dada lebt.

Zum virtuellen DADA-Museum: http://www.dada-data.net/de/hub
Und zum Jubiläumsprogramm: http://www.dada100zuerich2016.ch/

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LITERARISCHE ORTE: Hier kam Hermann Hesse unters Rad.

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Bild von Th G auf Pixabay

„Im Nordwesten des Landes liegt zwischen waldigen Hügeln und kleinen stillen Seen das große Zisterzienserkloster Maulbronn. Weitläufig, fest und wohl erhalten stehen die schönen alten Bauten und wären ein verlockender Wohnsitz, denn sie sind prächtig, von innen und außen, und sind in den Jahrhunderten mit ihrer ruhig schönen, grünen Umgebung innig zusammengewachsen. Wer das Kloster besuchen will, tritt durch ein malerisches, die hohe Mauer öffnendes Tor auf einen weiten und sehr stillen Platz.“

„Ein Brunnen läuft dort, und es stehen alte ernste Bäume da und zu beiden Seiten alte steinerne und feste Häuser und im Hintergrunde die Stirnseite der Hauptkirche mit einer spätromanischen Vorhalle, Paradies genannt, von einer graziösen, entzückenden Schönheit ohnegleichen. Auf dem mächtigen Dach der Kirche reitet ein nadelspitzes, humoristisches Türmchen, von dem man nicht begreift, wie es eine Glocke tragen soll. Der unversehrte Kreuzgang, selber ein schönes Werk, enthält als Kleinod, eine köstliche Brunnenkapelle; das Herrenrefektorium mit kräftig edlem Kreuzgewölbe, weiter Oratorium, Parlatorium, Laienrefektorium, Abtwohnung und zwei Kirchen schließen sich massig aneinander. Malerische Mauern, Erker, Tore, Gärtchen, eine Mühle, Wohnhäuser umkränzen behaglich und heiter die wuchtigen alten Bauwerke. Der weite Vorplatz liegt still und leer und spielt im Schlaf mit dem Schatten seiner Bäume…“

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So idyllisch, wie Hermann Hesse Kloster Maulbronn in „Unterm Rad“ (die beiden einführenden Zitate sind aus diesem Roman) schildert, so ist es auch immer noch – auch wenn der Komplex, der seit 1993 zum Weltkulturerbe gehört, anders als zu Hesses Zeiten, inzwischen vermehrt Touristen anlockt. Das alte Gemäuer, der weite Platz – sie strömen nach wie vor eine Ruhe aus, die sich auch auf die Grüppchen, die durch das Kloster und das Gelände schlendern, überträgt.

Trotz der Spiritualität und Schönheit, die den Ort prägt – Hermann Hesse erlebte hier keine gute Zeit. Der im nahegelegenen Calw geborene Sohn eines evangelischen Missionars wird als 14jähriger in das evangelisch-theologische Seminar (das übrigens bis heute existiert) in Kloster Maulbronn gebracht. Die geistige Enge der Lehrer, seine Suche nach Gleichgesinnten unter den Seminaristen, die Verlassenheit und Verlorenheit, die den sensiblen Jungen plagt – dies alles verarbeitet Hermann Hesse später (1906) in dem Roman „Unterm Rad“.

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Bild von PixelDino auf Pixabay

„Seit langer Zeit hat man dieses herrliche, weltfern gelegene, hinter Hügeln und Wäldern verborgene Kloster den Schülern des protestantisch-theologischen Seminars eingeräumt, damit Schönheit und Ruhe die jungen Gemüter umgebe. Zugleich sind dort die jungen Leute den zerstreuenden Einflüssen der Städte und des Familienlebens entzogen und bleiben vor dem schädigenden Anblick des tätigen Lebens bewahrt.“

Hesse flieht im März 1892 aus dem Seminar, kehrt kurz zurück und muss es dann wegen seiner anhaltenden depressiven und aggressiven Stimmungen im Mai 1892 endgültig verlassen. Kurz darauf unternimmt Hermann Hesse einen Suizidversuch und wird in eine Nervenheilanstalt verbracht.

Sein enger Freund Hugo Ball schreibt in der Biographie „“Hermann Hesse – Sein Leben und sein Werk“, die 1927 erschien:

„Wenn es (…) nun in Hesses Leben einen Haupt- und Generalpunkt gibt, den der Dichter noch nicht erschöpft und aufgelöst hat; wo dem Biographen noch etwas zu sagen bleibt, so ist es diejenige Zeitspanne, zu deren Beschreibung ich jetzt komme: die Zeit der Berufswahl und der anschließenden Wirren; die Zeit der Gärung und der Loslösung vom Vaterhaus, und mit einem Worte: Maulbronn.
(…)
Die Darstellung des Landexamens und der Seminaristenzeit in „Unterm Rad“ ist lebensgetreu. Nur heißt der Vater Joseph Giebenrath und ist nicht Missionsprediger, sondern Zwischenhändler und Agent. Nur ist das Erlebnis in einer Art Spaltung der Persönlichkeit, die auch sonst in Hesses Büchern, so im „Lauscher“, im „Demian“, in „Klein und Wagner“ hervortritt, an zwei Freundesgestalten verteilt. Die Flucht des Hermann Heilner aus Maulbronn ist des Dichters eigene Flucht aus dem Seminar. Aber auch die seelischen Wirrnisse und Leiden des zurückbleibenden Hans Giebenrath sind diejenigen des Dichters.“

In seinem „Kurzgefaßten Lebenslauf“ sagt Hermann Hesse 1925 über diese Wirrnisse:

„Von meinem dreizehnten Jahr an war mir das eine klar, daß ich entweder ein Dichter oder gar nichts werden wolle. Zu dieser Klarheit kam aber allmählich eine andere peinliche Einsicht. Man konnte Lehrer, Pfarrer, Arzt, Handwerker, Kaufmann, Postbeamter werden, auch Musiker, auch Maler oder Architekt, zu allen Berufen der Welt gab es einen Weg, gab es Vorbedingungen, gab es eine Schule, einen Unterricht für den Anfänger. Bloß für den Dichter gab es das nicht! Es war erlaubt und galt sogar für eine Ehre, ein Dichter zu sein. Ein Dichter zu werden aber, das war unmöglich; es werden zu wollen, war eine Lächerlichkeit und Schande, wie ich sehr bald erfuhr.“

Dieses Wissen, in Maulbronn auf ein „falsches“ Leben vorbereitet zu werden, der Druck, die Erwartungen der Familie und der Lehrer zu erfüllen, dies alles führte zum Zusammenbruch. Dass Hesse schließlich aus diesem Dilemma herausfand, dafür können wir Leser heute dankbar sein.

Seine Erinnerungen an die Maulbronner Zeit verarbeitete er später in einem melancholisch-versöhnlichem Gedicht: „Im Maulbronner Kreuzgang“ (Auszug):

Und alles ist so schön und still geblieben.
Nur ich ward älter, und die Leidenschaft,
Der Seele dunkler Quell in Haß und Lieben,
Strömt nicht mehr in der alten wilden Kraft.

Hier ward mein erster Jugendtraum zunichte.
An schlecht verheilter Wunde litt ich lang.
Nun liegt er fern und ward zum Traumgesichte
Und wird in guter Stunde zum Gesang.

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LITERARISCHE ORTE: Hermann Hesse im Tessin.

Kennst du das auch, dass manchesmal
Inmitten einer lauten Lust,
Bei einem Fest, in einem frohen Saal,
Du plötzlich schweigen und hinweggehen musst?

1919 fand Hermann Hesse für sich einen Rückzugsort: Montagnola im Tessin. Seit einigen Jahren gibt es nahe bei der Casa Camuzzi, in der Hesse bis 1931 lebte, das Museum, das einen guten Eindruck vermittelt von den Tessiner Jahren Hesses. Hier, nach Montagnola, zog er sich zurück, um seine Depression zu bekämpfen oder zumindest mir ihr Leben zu können, hier entstanden auch einige seiner Hauptwerke, so „Narziß und Goldmund“ und „Siddharta“. Und hier lernte er seine engen Freunde Hugo Ball und Emmy Hennings-Ball kennen, trennte sich von seiner ersten Frau Mia, ging eine kurze Ehe mit Ruth Wegner ein, um schließlich bei Ninon Dolbin Halt zu finden.

Trotz literaturtouristischen Trubels (auch Udo Lindenberg und Patti Smith zählten unter anderem zu Besuchern des Museums, wie dieser SPON-Artikel ausführt): Man kann noch immer die Ruhe erahnen, die Hesse hier fand und brauchte. Eine literarische Spurensuche durch Hesses Montagnola stellt die Süddeutsche Zeitung hier vor.

 

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Hugo Ball: Zinnoberzack, Zeter und Mordio

Ein literarisches Manifest

Es soll der Presse und dem Publikum durch unser Auftreten gezeigt werden, daß es Persönlichkeiten gibt, die die Sache der „jüngsten“ Literatur auch im Kriege weiterführen. Diese jüngste Literatur hat eine ganz bewußte Tendenz. Diese Tendenz: Expressionismus, Buntheit, Abenteuerlichkeit, Futurismus, Aktivität, Dummheit (gegen die Intellektualität, gegen die Bebuquins, gegen die gänzlich Arroganten). Wir wollen: Aufreizen, umwerfen, bluffen, triezen, zu Tode kitzeln, wirr, ohne Zusammenhang, Draufgänger und Negationisten sein. Unsere Sache ist die Sache der Intensität, der Nüstern, der Askese, des methodischen Fanatismus, der Flaggen und Konspirationen. Wir werden immer „gegen“ sein. Wir werden die geistige Führerschaft an uns nehmen. Wir werden zu Felde ziehen gegen die Gehirnwesen, Geistlinge, Systemlinge. Gegen die Aktionierer und lyrische Tenöre. Gegen die „Programmatiker“ und Sektenbildner. Wir ergreifen die Partei der Bilderstürmer und jeglicher Radikalisten. Wir propagieren den Stoffwechsel, den Saltomortale, den Vampyrismus und alle Art Mimik. Wir sind nicht naiv genug, an den Fortschritt zu glauben. Wir haben es nur mit dem „Heute“ zu tun. Wir wollen sein: Mystiker des Details, Bohrlinge und Hellseher, Antikonzeptionisten und Literaturstänker. Wir wollen den Appetit verderben an aller Schönheit, Kultur, Poesie, an allem Geist, Geschmack, Sozialismus, Altruismus und Synonymismus. Wir gehen los gegen alle „ismen“ Parteien und „Anschauungen“. Negationisten wollen wir sein.

Hugo Ball. Richard Huelsenbeck.

(Dieses Programm ist gegen Einsendung von 30 Pfg. bei Hugo Ball und Richard Huelsenbeck, Uhlandstraße 31, zu beziehen.)

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DADA ist nicht jedermanns Sache. DADA wird oftmals als Episode der Literatur- und Kunstgeschichte belächelt. DADA nur mit lautmalerischen Experimenten und Spielereien gleichgesetzt. DADA eine Angelegenheit von einigen verschrobenen Morphinisten und abseitigen Theaterleuten Anfang des vergangenen Jahrhunderts.
Man könnte aber auch sagen: DADA war die Keimzelle späterer Kunstformen. DADA war das Samenkorn für Rock`n`Roll, Rap, Hip-Hop. Für Performance Kunst. Für Merz, Fluxus und Pop Art. Alles ist DADA. Manchmal sogar Werbung. Sind wir nicht alle ein bißchen DADA?
Die Dadaisten waren die europäischen Beatniks. Junge Künstler, die sich vom etablierten Kunstbetrieb abwandten. Doch nicht nur davon – die Erfahrung des 1. Weltkriegs, der Hurra-Patriotismus, die Kriegsbegeisterung einiger ihrer Künstlerkollegen, alle Erfahrungen erschüttert, den Glauben an die bestehende Ordnung verloren, das Überwinden-Wollen des Althergebrachten sowohl in der Kunst als auch in der Politik, all dies trug zum Entstehen von DADA bei.
Und das Grenzensprengende, auch das Überwinden der sprachlichen Grenzen, die Lust am beinahe kindlichen Spiel und die Anarchie – die durften sich hier austoben. Damit wurde der Dadaismus zum Ausgangspunkt einer neuen künstlerischen Freiheit, die bis heute anhält.

Untrennbar damit verbunden ein Name: Hugo Ball.
Im Wallstein Verlag wurde in den vergangenen Jahren eine mehrbändige Werkausgabe von der Hugo-Ball-Gesellschaft herausgegeben. Darunter auch „Zinnoberzack, Zeter und Mordio“, ein Buch, in dem erstmals die ansonsten nur verstreut publizierten DADA-Texte Balls gesammelt erschienen sind. Obwohl der Name von Hugo Ball als DADA-Gründer untrennbar mit dieser literarischen Strömung verbunden ist, währte sein eigentliches Engagement dafür nur wenige Monate. 1915 erschien das oben zitierte Manifest, 1916 erfolgte die Gründung des „Cabaret Voltaire“ in Zürich – der Pazifist Hugo Ball war in die Schweiz emigriert -, 1917 beteiligte er sich noch einige wenige Wochen an der „Galerie Dada“.
Doch trotz dieser kurzen Zeitspanne, in der Ball Texte für das Cabaret Voltaire und einige Publikationen schrieb, überrascht das DADA-Werk Balls durch die Bandbreite literarischer Formen. Das Buch zeigt eindrücklich, dass DADA eben weit mehr war als nur die lautmalerische Lyrik, die heute vor allem damit verbunden ist. So sind neben den Manifesten selbstverständlich auch die Gedichte – Zug der Elefanten, Wolken, Der Dorfdadaist, um nur einige zu nennen – enthalten, aber auch das „bruitistische“ Krippenspiel, der Roman „Tenderenda, der Phantast“ sowie Auszüge aus dem Tagebuch „Die Flucht aus der Zeit“, die sich auf jene Monate in Zürich beziehen.

Zwar blieb Hugo Ball (hier der Lebenslauf auf den Seiten der Hugo-Ball-Gesellschaft) dem Dadaismus verbunden, widmete sich jedoch persönlich und literarisch nach seinem Ausstieg aus den Züricher Aktivitäten anderen Themen. Eckhard Faul, Herausgeber des Dada-Bandes bei Wallstein, schreibt:

„Seine Abkehr von Dada verleiht Ball eine Aura der Unbestechlichkeit. Das hebt ihn ebenso von den anderen Dadaisten ab wie seine Stellung als Gründer und erster Theoretiker einer Kunstbewegung, die er selbst nur als Laune begreifen wollte.  Während vor allem Tzara schon früh versuchte, mit Dada künstlerisch zu reüssieren, stand für Ball stets das kindliche, absichtslose Element im Vordergrund. Er setzte die `Kindheit als eine neue Welt, und alles kindlich Phantastische, alles kindlich Direkte, kindlich Figürliche gegen die Senilitäten, gegen die Welt der Erwachsenen.´“

Kurzum – für Hugo Ball galt:

Dada ist die Weltseele,
Dada ist der Clou,
Dada ist die beste Lilienmilchseife der Welt.

 

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