#MeinKlassiker (22): Für Peter Brunner ist das #MeinBüchner

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Bild von Samuel Stone auf Pixabay

Dass der Autor und Blogger Peter Brunner für die Reihe #MeinKlassiker etwas über ein Werk Büchners schreiben würde, war naheliegend – schließlich ist der Mitbegründer des Hessischen Literaturrates ein profunder Büchner-Kenner, der sich insbesondere der Erforschung der Büchner-Familie gewidmet hat. „Neues aus dem Büchnerland“ erfährt man auf seinem informativen Blog: http://geschwisterbuechner.de/.

Für seinen Beitrag hat Peter Brunner jedoch weder „Dantons Tod“ noch den „Woyzeck“ gewählt, sondern eine Streitschrift, die bis heute in ihrem Ton und ihrer Ernsthaftigkeit überzeugt und zum Nachdenken über damalige wie aktuelle Verhältnisse anregt:

Auch Literatur. Georg Büchners „Hessischer Landbote“

Am 1. August 1834 wird am Gießener Selterstor der Theologiestudent Karl Minnigerode verhaftet. Bei ihm finden sich in Taschen, den Stiefeln und im Mantelfutter an die 150 Exemplare einer illegalen Flugschrift. Sie trägt die Überschrift

Friede den Hütten!  Krieg den Pallästen!

In den folgenden Tagen und Nächten entfalten die Verschwörer, die den Text verfasst und unter strengster Geheimhaltung in Offenbach hatten drucken lassen, fieberhafte Aktivitäten, um alle Beteiligten zu warnen und Indizien, aus denen auf sie geschlossen werden konnte, zu vernichten. Der achtseitige Text, von dem zwischen 1.500 und 2.000 Exemplaren ge­druckt worden waren (später erscheint in Marburg eine zweite Auflage), wird konspirativ verbreitet. Es ist bis heute unklar, wie viele Exemplare die eigentli­chen Adressaten, die hessischen Bauern und Tagelöhner, tatsächlich erreicht haben und welche Wirkung sie machten. Die Behauptung, alle Empfänger hätten sie ängstlich abgewiesen oder sogleich den Behörden abgeliefert, ist in keinem einzigen Fall belegt.

Der Butzbacher Pfarrer Friedrich Weidig, ein ausgewiesener Republikaner, hatte bis dahin mehrere Ausgaben seines kritischen „Leuchter und Beleuchter für Hessen (oder der Hessen Nothwehr)“  drucken und verteilen lassen. Im Frühsommer 1834 war er durch Süddeutschland gereist und hatte in Wiesbaden an der Gründung eines „Preßvereins“ teilgenommen. Es sollten gleichzeitig im Ausland, womöglich in Straßburg,  eine Zeit­schrift „auf Intelligentere berechnet“ und im Inland illegale Flugschriften „für die niederen Volksklassen“ herausgege­ben werden. Mit dem Entwurf einer solchen Flugschrift traf er am 3. Juli auf der Ruine Badenburg bei Gießen eine Gruppe kurhessischer und hessen-darmstädtischer Oppositioneller, um eine „Filiale“ dieses Preßvereins zu gründen. Den Entwurf für das Flugblatt hatte der junge Medizinstudent Georg Büchner aus Darmstadt verfasst. Büch­ner, Arztsohn aus Darmstadt, hatte sein Medizinstudium in Straßburg begonnen und dort Kontakt zu oppositio­nellen Kreisen gepflegt. Seit Oktober 1833 studiert er in Gießen, wo ihn der rebellische Theologiestudent August Becker mit Weidig bekannt macht. Im April 1834 hatte er nach seiner Rückkehr in Darmstadt eine revolu­tionäre „Gesellschaft der Menschenrechte“ gegründet. Ein von ihm verfasster Text, auf den die Revolutionäre schwören, soll noch Jahrzehnte später kursiert sein; er ist leider verloren. Büchner findet für das Flugblatt einen neuen, direkten Ton, mit dem er die „Geringen“ ansprechen will, und bedient sich statistischer Zahlen, die ihm Weidig verschaffte, um die schreiende Ungerechtigkeit der Verhältnisse zu erläutern. So entsteht ein Text, dessen scharfer Ton unter den Versammelten gleichzeitig euphorisch bejubelt und scharf kritisiert wird. Den Bürgerlichen unter ihnen geht insbesondere die Zielrichtung gegen „die Reichen“ zu weit, weil auch unter diesen Bündnisgenossen zu finden seien; im gedruckten Text findet sich schließlich die Formulierung „die Vor­nehmen“, die sich insbesondere gegen den Adel richtet. Die Büchnerforschung und -Literatur ist voll von Re­cherchen und Unterstellungen darüber, wieviel Büchner eigentlich in dem Text steckt. Umfangreiche Studien versuchen meist, Büchner die „linken“, Weidig die „christlichen“ Textteile zuzuordnen. Unbestritten ist aber auch, dass Büchner selbst durchaus bibelfest war. Vom Mitverschwörer August Becker wissen wir, dass Büch­ner mit dem schließlich gedruckten Endergebnis sehr unzufrieden war; der Arzt Leopold Eichelberg, der am Badenburg-Treffen teilnahm, distanzierte sich andererseits: Büchner schien die mit aller Vehemenz überspru­delnde jugendliche Kraft, welche sich hier im Zerstören gefiel, während sie sonst ebenso leicht die ganze Welt liebend zu umarmen sucht (nach Hauschild, Georg Büchner, 1993, S. S. 360). Selten ist bisher in der Diskus­sion um die Genese des gedruckten Textes die eigene Erfahrung politischer Diskussion um den Text einer ge­meinsamen Veröffentlichung eingeflossen – womöglich, weil sie den Schreibenden schlicht fehlte. Dabei ist es nicht die Ausnahme, sondern die Regel, dass ein gemeinsam zu verantwortender Text nicht die Fassung be­hält, die er als einzeln Verfasster hatte. Dass dies Verfasser regelmäßig schmerzt, liegt in der Natur der Sa­che: die mit aller Vehemenz übersprudelnde jugendliche Kraft steht nicht gerade für Bereitschaft zu Selbst­kritik und Einsicht.

Außer Frage steht allerdings, dass die literarische Qualität, die den „Landboten“ zu einem bedeutenden Schatz der deutschen Geschichte und Literatur macht, Georg Büchner zu verdanken ist.

Was ist denn nun das für gewaltiges Ding: der Staat? Wohnt eine Anzahl Menschen in einem Land und es sind Verordnungen oder Gesetze vorhanden, nach denen jeder sich richten muß, so sagt man, sie bilden einen Staat. Der Staat also sind alle; die Ordner im Staate sind die Gesetze, durch welche das Wohl aller ge­sichert wird und die aus dem Wohl aller hervorgehen sollen. Seht nun, was man in dem Großherzogtum aus dem Staat gemacht hat; seht, was es heißt: die Ordnung im Staate erhalten! 700.000 Menschen bezahlen da­für 6 Millionen, d.h. sie werden zu Ackergäulen und Pflugstieren gemacht, damit sie in Ordnung leben. In Ord­nung leben heißt hungern und geschunden werden. Wer sind denn die, welche diese Ordnung gemacht ha­ben und die wachen, diese Ordnung zu erhalten? Das ist die Großherzogliche Regierung. Die Regierung wird gebildet von dem Großherzog und seinen obersten Beamten. Die andern Beamten sind Männer, die von der Regierung berufen werden, um jene Ordnung in Kraft zu erhalten. Ihre Anzahl ist Legion: Staatsräte und Regierungsräte, Landräte und Kreisräte, geistliche Räte und Schulräte, Finanzräte und Forsträte usw. mit al­lem ihrem Heer von Sekretären usw. Das Volk ist ihre Herde, sie sind seine Hirten, Melker und Schinder; sie haben die Häute der Bauern an, der Raub der Armen ist in ihrem Hause; die Tränen der Witwen und Waisen sind das Schmalz auf ihren Gesichtern; sie herrschen frei und ermahnen das Volk zur Knechtschaft. Ihnen gebt ihr 6.000.000 Fl. (Gulden – pb) Abgaben; sie haben dafür die Mühe, euch zu regieren; d.h. sich von euch füttern zu lassen und euch eure Menschen- und Bürgerrechte zu rauben. Sehet, was die Ernte eures Schweißes ist!

Dieser Ton war auf deutsch noch nie gehört worden, und er ist bis heute ein Fanal geblieben. Noch als 1850, 16 Jahre und eine deutsche Revolution später, Georg Büchners Geschwister eine erste Werkausgabe veröffentlichen, kürzen sie den Text und streichen aus Angst vor Zensur und Strafverfolgung alle Bezüge auf ihr Heimatland Hessen, und als ihn über sechzig Jahre später 1896 der hessische Sozialdemokrat Eduard David drucken ließ, brachte ihn das noch immer in ernsthafte Schwierigkeiten.

Bis vor kurzem wurden übrigens trotz allen akademischen Kopfzerbrechens die wenigen überlieferten Exem­plare nie gründlich und vollständig „kollationiert“, also miteinander verglichen; erst der Offenbacher Druckfor­scher Klaus Kroner machte die überraschende Entdeckung, dass es mindestens ein Exemplar gibt (im Münch­ner Staatsarchiv), bei dem die Überschrift „Krieg den Pallästen“ nicht mit einem Ausrufe- , sondern mit einem Fragezeichen endet. Kroner nimmt das zum Anlass für Spekulationen über den Drucker und den Druckort; es könnte aber auch Anlass zu erneuter Diskussion über die Haltung der Revolutionäre bieten; bisher wurde der Fund dahingehend nicht angemessen gewürdigt. Der Doyen der Forschungsstelle Georg Büchner, Burghard Dedner, schrieb mir dazu im November 2013: Nein, wir haben das Münchener Exemplar nicht kollationiert. Und auf die Drucktypen haben wir ebenfalls nicht geachtet. Die Polizei übrigens auch nicht. Viel kann man da­mit wohl auch nicht anfangen, außer man achtet auf einzelne beschädigte Typen.

Der Landbote ist der einzige Text Georg Büchners, von dem wir sicher wissen, dass Fremde deutlich in seine Gestalt eingegriffen haben. Er ist auch der einzige Text, der der tagespolitischen Agitation dient. Ob er selbst, geschweige denn seine späteren literarischen Schriften ein politisches Ziel verfolgten, ist ebenso umstritten wie die Frage, ob und mit welcher Position beispielsweise seines „Danton“ er selbst sich identifizierte. In Len­zens Leben und Sein fühlte er verwandte Seelenzustände, und das Fragment ist halb und halb des Dichters eigenes Portrait schreibt der Bruder Ludwig im Vorwort der Werkausgabe von 1850. Einen vergleichsweise deutlichen zeitgenössischen Hinweis haben wir weder von einer anderen Person noch zu einem anderen Werk Büchners (und Ludwig Büchner wollte seinen Bruder sicher nicht als schizophren diagnostizieren…), und so ist es kein Wunder, dass beispielsweise „Danton“-Aufführungen bis heute deutlich zu verstehen geben, ob die Regie Büchner auf der Seite Dantons oder Saint Justs sieht. Insbesondere die Geschichte der Inszenie­rungen zwischen 1945 und 1989 in den beiden deutschen Staaten macht das deutlich. Die Frage nach Büch­ners politischer Haltung bleibt offen und bietet besonders in der Belletristik über ihn Raum zu je sehr zeit­genössischen Spekulationen.

Auf welcher Seite der Autor der revolutionären Passagen des Landboten 1834 stand, wird allerdings von ihm selbst beantwortet:

Ihr bücktet euch lange Jahre in den Dornäckern der Knechtschaft, dann schwitzt ihr einen Sommer im Weinberge der Freiheit und werdet frei sein bis ins tausendste Glied.

Immer wenn ich Wagner höre, spüre ich den inneren Drang, in Polen einmarschieren zu müssen soll Woody Allen gesagt haben. Immer, wenn ich den „Landboten“ lese, denke ich, dass es Zeit wird, aufzustehen und Nein zu sagen. Das macht Büchners Hessischen Landboten zu „meinem Klassiker“.

Peter Brunner
http://geschwisterbuechner.de/
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