Kurt Tucholsky: Was darf Satire? 16 Satiren in der neuen „Edition Lettara“

„Es ist ein Unglück, daß die SPD Sozialdemokratische Partei Deutschlands heißt. Hieße sie seit dem August 1914 Reformistische Partei oder Partei des kleinern Übels oder Hier können Familien Kaffee kochen oder so etwas – : vielen Arbeitern hätte der neue Name die Augen geöffnet, und sie wären dahingegangen, wohin sie gehören: zu einer Arbeiterpartei. So macht der Laden seine schlechten Geschäfte unter einem ehemals guten Namen.“

Allein dieses Zitat zeigt doch, wie unvergänglich Kurt Tucholskys Texte sind: Man kann sie auch heute noch mit Gewinn lesen, sich an der Bissigkeit, der Treffsicherheit freuen, sich aufregen oder darüber nachdenken, sich amüsieren oder echauffieren. Kurzum: Sie lassen nicht kalt.

Dass ich Peter Panter, Ignaz Wrobel, Theobald Tiger oder auch Old Shatterhand alias Kurt Tucholsky immer wieder zur Hand nehme, ist auf diesem Blog unverkennbar. Umso mehr freute mich die Email-Anfrage eines Verlegers vor einiger Zeit, ob ich für eine geplante Ausgabe mit Tucholsky-Satiren ein Nachwort beisteuern könnte. Allein, mir fehlte die Zeit, ich war eingedeckt mit Arbeit und lehnte dankend ab. Jetzt flatterte mir dieser Tage die Post ins Haus: Mit dem Tucholsky-Band „Was darf Satire“, dazu beigelegt noch einige wundervolle, vom Verleger selbst gestaltete Kunstpostkarten. Eine schöne Geste!

Der Band beinhaltet 16 prägnante Satiren Tucholskys, von „Der Mensch“, auch hier auf dem Blog zu lesen, über einige seiner „Wendriner“-Geschichten, die er zwischen 1922 und 1930 für die Weltbühne schrieb, bis hin natürlich zu dem bereits 1919 veröffentlichten Schlüsseltext „Was darf Satire?“. Dem einen oder anderen möchte man dieses Heft in die Hand drücken: Bitte sehr, mal Hausaufgaben machen, schauen, was Satire ist:

„Warum sind unsere Witzblätter, unsere Lustspiele, unsere Kömodien und unsere Filme so mager? Weil keiner wagt, dem dicken Kraken an den Leib zu gehen, der das ganze Land bedrückt und dahockt: fett, faul und lebenstötend.“

Tucholsky nahm kein Blatt vor den Mund. Das zeigt sich auch an einigen Texten in diesem Band, die man vielleicht nicht auf dem Schirm hat, außer man ist Mitglied der Tucholsky-Gesellschaft oder liest nichts anderes und kennt ihn daher in- und auswendig. Jedenfalls kann man sich beim Wieder- oder Erstentdecken von „Yousana-wo-bi-räbidäbi-de?“ oder „Die Katz“ herrlich amüsieren. Und wer sich bei „Weltbild, nach intensiver Zeitungslektüre“ nicht auch ein wenig selber wiederfindet, der heuchelt wohl ein bißchen.

Im Grunde sollte dieser Text für sich selber stehen: Wen das Buch interessiert, der schaut es sich an. Aber in diesem besonderen Fall kann ich nicht anders, als noch einen ganz und gar „unliterarischen“ Werbeblock hinzuzufügen: Erst im Laufe des Email-Austausches stellte sich heraus, dass dieser Verleger ein sehr junger Mann ist – so jung, dass er noch nicht einmal die „Hier können Familien Kaffee kochen“ – Partei wählen könnte (oder nicht). Ich war verblüfft, erstaunt, begeistert: Ein so junger Mensch, der sich für Literatur dieser Art interessiert, der darüber hinaus auch graphisch talentiert ist und eine kleine Edition auflegt, das finde ich aller Achtung wert. Und das hat Unterstützung verdient: Also, gehet hin und lest Tucholsky!

Kurt Tucholsky
Was darf Satire? 16 Satiren
Edition Lettara
2021, 68 Seiten, Softcover, 9,99€

Informationen zur Edition gibt es hier: https://editionlettara.jimdofree.com/
Und die Kunstpostkarten können hier bewundert werden: https://walzalexanderart.jimdofree.com/




Kurt Tucholsky: Herr Wendriner und das Lottchen

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Dieser Herr sieht irgendwie aus wie ein Wendriner. Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

„Man kommt zu gar nichts mehr. Ich denk jetzt so oft an den Tod. Quatsch. Doch, ich denk oft an den Tod. Das kommt von der Verdauung. Nein, das kommt nicht von der Verdauung. Man wird älter. Wie lange sind wir jetzt schon verheiratet…Nu, für sie ist ja ausgesorgt, so weit bin ich schon, Gottseidank. Wenn ich tot bin, wern sie erst erkennen, was sie an mir gehabt haben. Man wird viel zu wenig anerkannt, im Leben. Hinterher ist zu spät. Hinterher wern sie weinen. Damals, beim alten Leppschitzer warn ja enorm viele Leute. So viel kommen bei mir mindestens auch…“

Kurt Tucholsky, „Herr Wendriner kann nicht einschlafen“, 30. März 1926, „Die Weltbühne“

Der Herr, der hier nicht einschlafen kann, ist der Herr Wendriner. Ein Geschäftsmann und Familienvater im besten Alter, der Spießbürger par excellence. Und wenn Herr Wendriner uff Jedanken kommt, dann wird es ein wenig schräg. So führt Schlaflosigkeit zu solchenen Lebens- resp. Todesweisheiten.

„Schrecklich, wenn man nicht einschlafen kann. Wenn man nicht einschlafen kann, ist man ganz allein. Ich bin nicht gern allein. Ich muss Leute um mich haben, Bewegung, Familie, Arbeit…Wenn ich mit mir allein bin, dann ist da keiner. Und dann bin ich ganz allein. Hinten juckts mich. Ich kenn das. Jetzt wer ich gleich einschlafen. Schlafen…Na, denn gut`n –„

Zwischen 1922 und 1930 erscheinen die Wendriner-Texte aus der Feder Kurt Tucholskys in der „Weltbühne“. Gesellschaftskritische Kurzgeschichten, Monologe, in denen einer vor sich hinschwadroniert und dabei unbewusst in seine kleine Seele blicken lässt. Nach außen hin braver Familienvater, versucht sich auch der Wendriner mal an einer Geliebten und guckt selbst im klassischen Theater den Schauspielerinnen lieber auf die Beine als ins Textbuch. Zumeist schwadroniert er übers Geschäft und – wenig fachkundig – über Politik: Politik ist letztlich das, was das Geschäft nicht stört. So sind ihm die Sozis ein Gräuel, die Bewegungen am rechten Rand notiert er in einer Mischung zwischen Furcht und Bewunderung – Bewunderung für deren „Ordnungssinn“.

Abscheu vor den Spießern

Der Wendriner kam schon bei Erscheinen nicht durchwegs gut an. Zu spitz, zu satirisch und Tucholskys Wort – „Wenn einer bei uns einen guten politischen Witz macht, dann sitzt halb Deutschland auf dem Sofa und nimmt übel“ – bewies sich einmal mehr. Aber auch nach Tucholskys Tod und nach dem Ende des Nationalsozialismus war lange Zeit eine unvoreingenommene Rezeption der Geschichten schwierig: Denn Herrn Wendriner ist ein deutscher Jude. Tucholsky wurde der Vorwurf des Antisemitismus gemacht. Dabei, so arbeitete auch sein Biograf Rolf Hosfeld heraus (nur zu empfehlen: „Tucholsky – Ein deutsches Leben“, Rolf Hosfeld), war es vor allem die Abscheu vor dem Spießertum, die den Schriftsteller und Satiriker antrieb. Aus einem Interview der Jüdischen Allgemeinen mit Rolf Hosfeld:

Zu denen, die versagt hatten, zählte für Tucholsky auch die deutsche Judenheit. Kurz vor seinem Tod 1935 hat er einen Brief an Arnold Zweig geschrieben. Da liest man: »Der Jude ist feige. Er duckt sich.« Tucholsky hatte offenbar einen ziemlichen Abscheu vor den deutschen Juden.

Nicht unbedingt vor den deutschen Juden. Aber vor einem bestimmten Typus des jüdischen Spießers, ja. Herr Wendriner zum Beispiel, ja. Tucholsky hatte eine enorme Abneigung gegen den damals verbreiteten Typus des deutschnationalen Juden. Etwa, wenn Herr Wendriner den SA-Mann vor seinem Geschäft hofiert. Bei Wendriner spielen aber noch andere Aspekte hinein. In seinem ungeordneten Weltbild hat er auch sympathische Züge. Die Wendriner-Geschichten sollten übrigens als Buch erscheinen. Tucholsky unterhielt sich mit Edith Jacobson darüber, wer sie illustrieren könnte. George Grosz wollte Tucholsky nicht, der war ihm zu karikaturenhaft; andere vorgeschlagene Zeichner waren ihm zu antisemitisch.

Das Interview in voller Länge, in dem es um Tucholskys Haltung zum Judentum geht, findet sich hier: http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/12535.

Hellsichtige Skizzen

Bereits Edith Jacobsohn, die Frau des Weltbühnen-Herausgebers Siegfried Jacobsohn, plante in ihrem Verlag eine Wendriner-Ausgabe. Zustande kam sie schließlich nicht, selbst ihr waren manche Texte zu scharf. 1927 erschienen dann die bis dahin in der Weltbühne gedruckten Texte bei Rowohlt, in dem Sammelband „Mit 5 PS“. Nicht darunter ist selbstverständlich der interessanteste der Wendriner-Texte, weil erst 1930 entstanden: „Herr Wendriner steht unter Diktatur“. Geradezu hellsichtig skizziert Tucholsky das Heraufziehen einer neuen Gesellschaftsordnung mit Herrenmenschen und lässt seinen literarischen Wendehals bei einem Kinobesuch den Salto zur Unterordnung machen – auch Wendriner ist einer jener, die zu jener Zeit noch glauben, als „Schutzbürger“ und mit der rechten Gesinnung geschähe ihnen nichts.

Der Verlag vbb – verlag für berlin-brandenburg hat nun in einem schmalen Bändchen die Wendriner-Texte neu herausgegeben. Ergänzt durch eine weibliche Stimme: Mit den „Lottchen“-Geschichten lässt Tucholsky eine für diese Zeit typische freche Frauenstimme, emanzipiert, witzig und schlagfertig, zu Wort kommen. „Lottchen“ war im eigentlichen Leben Lisa Matthias, eine alleinerziehende Journalistin, die Tucholsky 1927 kennenlernte. Ihr widmete er „Schloß Gripsholm“.

Abgerundet wird das Buch durch den Briefwechsel Tucholskys mit Edith Jacobsohn zu ihrem geplanten Buchprojekt, der in dem Bändchen erstmals veröffentlicht wird. Allein schon diese briefschriftliche Auseinandersetzung zwischen den Beiden ist von hohem Amüsemang und macht das Buch zu einer kleinen Petitesse:

„Lieber dicker Tucho, was is mit Wendrinern, nuuh?“, fleht die Verlegerin namens Franziska Damenbart, und der Tucho antwortet dem „geliebten Weib“, der Wendriner werde schon mit besonderer Sorgfalt verarztet werden.

„Herr Wendriner und das Lottchen“, Kurt Tucholsky, vbb, 2014, 96 Seiten, Halbleinen, Format: 12,5 x 20,5 cm, ISBN: 978-3-945256-01-5.


Bild zum Download: Ein Herr Wendriner?


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