Henry David Thoreau: Leben ohne Grundsätze

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„Wenn ein Mensch die Hälfte eines jeden Tages damit zubringt, in den Wäldern spazierenzugehen, weil er sie liebt, läuft er Gefahr, als Faulenzer angesehen zu werden; aber wenn er seinen ganzen Tag als Spekulant vertut, der diese Wälder abhauen und die Erde vorzeitig kahl werden lässt, wird er hoch geachtet als fleißiger und unternehmender Bürger. Als ob die Stadt kein anderes Interesse an ihren Wäldern hätte, als sie abzuholzen!
Die meisten Menschen würden sich beleidigt fühlen, wenn man ihnen als Beschäftigung vorschlüge, Steine über eine Mauer zu werfen und sie dann wieder zurückzuwerfen, nur damit sie vielleicht ihren Lohn verdienten. Aber heute haben viele keine würdigere Beschäftigung.“

Henry David Thoreau, „Leben ohne Grundsätze“, EA 1863 (postum), in der Übersetzung von Peter Kleinhempel, Limbus Verlag Innsbruck, 2017.

Ich könnte noch unendlich viel mehr Zitate aus diesem Essay Thoreaus – oder auch dieser „Gardinenpredigt“, wie Herausgeber Frank Schäfer den Text in seinem Nachwort nennt – bringen, so sehr hat mich diese Schrift, die nun bald 150 Jahre auf dem Buckel hat, in ihrer Aktualität getroffen. Thoreau entwarf den Text als Vortrag kurz nach dem Erscheinen von „Walden“, er ist, so Frank Schäfer, sein „intellektuelles Grundsatzprogramm – gewissermaßen Walden in einer Nuss.“

Vehement prangert der Mann aus Concord – damals mit einer Anhäufung von Transzendentalisten das Epizentrum einer amerikanischen Gegenbewegung – das Primat des Ökonomischen, den Vorrang materieller und wirtschaftlicher Absicherung vor geistiger und seelischer Bildung an. Das tut er eloquent, wortgewaltig und bissig – so verwundert es nicht wenig, dass seine Zuhörer zum Teil wohl deutlich irritiert reagiert haben: Packt er doch gewissermaßen jeden, auch die heutigen Leser, am Schlaffitchen: Um die Welt zum Positiven zu verändern, muss jeder bei sich selbst beginnen.

„Die Wege, auf denen ihr zu Geld kommen könnt, führen fast ausnahmslos nach unten. Etwas getan zu haben, wodurch ihr nur Geld verdient habt, heißt wahrhaftig müßig gewesen zu sein – oder Schlimmeres. Wenn der Arbeiter nicht mehr bekommt als den Lohn, den ihm sein Arbeitgeber zahlt, wird er betrogen, betrügt er sich selbst. Wenn man als Schriftsteller oder Redner zu Geld kommen will, muss man populär sein, und das ist: senkrechter Abstieg.“

Einfacher leben – das lebte Thoreau in seinen zwei Jahren, zwei Monaten und zwei Tagen in „Walden“ vor und dies ist auch die Essenz seines Vortrags. Einfacher leben und vor allem, dem Leben einen Sinn außerhalb des Broterwerbs und, wo möglich, dem Broterwerb einen Sinn geben: Das ist, verkürzt gesagt, sein Appell. Mutet einfach und simpel an, aber man weiß – das ist es nicht. Es ist nun mal nicht jedem gegeben, kein „schlimmer Tölpel“ zu sein: Das sind in Augen Thoreaus jene, die den größeren Teil des Lebens damit vergeuden, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Einen konkreten und kompletten Gegenentwurf zur kapitalistischen Gesellschaftsform bietet der Schriftsteller allerdings nicht, sein Rezept gründet eben auf Vereinfachung und Verweigerung. Sowie Kontemplation:

„Wir sollten unsere Köpfe behandeln wie unschuldige und begabte Kinder, deren Hüter wir sind, und wir sollten achtgeben, auf welche Gegenstände und welche Themen wir ihre Aufmerksamkeit stoßen. Lest nicht die Times. Lest die Ewigkeit.“

Man kann natürlich das Ganze mit einem Achselzucken als weltfremde Äußerungen eines Aussteigers abtun – wie soll das gelingen, aus der „Tretmühle“, wie Thoreau dies nennt, auszutreten? Oder aber man lässt sich von diesem Text herausfordern, anregen, anstecken und lässt sich auf die Frage ein: Wie leben? Was tun?

„Leben ohne Grundsätze“ rüttelt auf, wirft Fragen auf, packt einen an. Und ist zudem (leider) auch politisch noch hoch aktuell: Wenn Thoreau den Goldrausch in Kalifornien anprangert, dann fühlt man sich an die aktuelle digitale Goldgräbermentalität erinnert. Wenn er auf den Import von Waren in die USA, der Menschenleben kostet, eingeht, dann denkt man an manche Auswüchse der Globalisierung. Und im Trump-Zeitalter bekommt dieser Satz eine eigentümliche, bedrohliche Bedeutung:

„Selbst wenn wir zugeben, dass sich der Amerikaner von einem politischen Tyrannen befreit hat, ist er doch noch der Sklave eines ökonomischen und moralischen Tyrannen.“

So vieles scheint in unserer Welt gegenwärtig rückläufig zu sein, sich zum Schlimmeren zu wenden. Höchste Zeit also, Thoreau zu lesen.

„Leben ohne Grundsätze“ erschien in der Reihe „Limbus Preziosen“. Nomen est omen: Die Bände sind liebevoll gestaltet, hochwertig durch Hardcover und Lesebändchen und sorgfältig editiert, mit einem informativen Fußnoten-Apparat, biographischen Angaben und einem informativen Nachwort ausgestattet.

Verlagsinformationen zum Buch:
http://www.limbusverlag.at/index.php/leben-ohne-grundsaetze

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