Karen Köhler: Miroloi

EIN GASTBEITRAG VON VERONIKA ECKL

Neugierig erwartet wurde der Debütroman von Karen Köhler. Doch als er dann da war, brach in der Literaturkritik Ratlosigkeit aus. Jan Drees fand im Deutschlandfunk zum Phänomen der gehypten Romane deutliche Worte.

Immerhin: „Miroloi“ schaffte es auf die Longlist beim Deutschen Buchpreis, unter den sechs Finalisten ist er jedoch nicht mehr zu finden. Warum, das lässt der Gastbeitrag von Veronika Eckl erahnen:

Also. Da war diese Entdeckung im Herbst vor fünf Jahren, Karen Köhler, eine noch jung zu nennende Autorin aus Hamburg. Sie hatte einen Band mit Erzählungen geschrieben, Wir haben Raketen geangelt, die mit raketenartigem Temperament und einem ganz besonderen Sound daherkommen und im Gedächtnis haften bleiben, weil sie ungewöhnlich sind und häufig auch witzig konstruiert, immer mit einer unerwarteten Wendung. Es geht darin um junge Ich-Erzählerinnen in Ausnahmesituationen, die stets einen harten Cut machen: Die eine versucht eine Trennung dadurch zu überwinden, dass sie auf einem Kreuzfahrtschiff als Qualle im Bordmusical jobbt – und kurzentschlossen auf den Lofoten aussteigt. Eine andere setzt alles daran, herauszufinden, wer die junge Frau ist, die das Herz ihres verstorbenen Freundes bei einer Transplantation eingepflanzt bekommen hat. Wieder eine andere schreibt ihrem Freund Postkarten aus Italien, neben den Ansichten von Neapel, Ischia und Stromboli entfaltet sich so ein ganzes Seelenpanorama weiblicher Verlorenheit. Das muss man nicht immer alles ganz groß finden, aber gut zu lesen sind die neun Stories, temporeich, mit einer sensiblen Wucht verfasst. Alle weiblichen lesenden Freundinnen waren von dem Buch angetan, alle männlichen lesenden Freunde schnauften und sagten, es sei wohl mehr was für Frauen. Nur eine Erzählung fanden alle gleichermaßen ein wenig befremdlich: Die, in der sich eine junge Frau auf einem Hochsitz im Wald 27 Tage lang zu Tode hungert. Naja, eine Geschichte von neun, extrem, etwas übers Ziel hinausgeschossen vielleicht, aber das ist natürlich Geschmackssache.

Miroloi bedeutet Totenklage

Und jetzt: Herbst 2019, der erste Roman von Karen Köhler, Miroloi lautet der Titel, was in der Tradition der griechisch-orthodoxen Kirche eine Totenklage bedeutet. Und leider, es geht befremdlich weiter in Köhlers Schreiben. Erneut ist die Protagonistin eine junge Frau, die auf einer vage griechisch wirkenden Insel in einer unbestimmten Zeit ihr Dasein fristet, und zwar als Findelkind ohne Namen in einer archaischen Gesellschaft. Sie wächst beim religiösen Oberhaupt des Dorfes auf, der das Mädchen gut behandelt und es gegen die Anfeindungen einer gehässigen Gemeinschaft verteidigt, ihm sogar das Lesen beibringt, was streng verboten ist: Auf der Insel, auf der man ohne elektrischen Strom auskommt, dürfen Frauen nicht lesen und schreiben, Männer nicht singen und kochen, obwohl sie alle immerhin in einer Zeit leben, in der es bereits Klimaanlagen gibt und Plastikflaschen, die von „drüben“ angespült werden. Auf Regelverstöße stehen brutale Sanktionen, was auch die Heldin schon zu spüren bekam, der als Kind ein Bein zerschlagen wurde. Fast überflüssig zu sagen, dass sexueller Missbrauch, arg klischeehaft natürlich vom Lehrer des Dorfes betrieben, aber auch von anderen Männern, an der Tagesordnung ist. Es ist eine Insel, auf der die Frauen unglücklich sind und die Männer auch; interessant daran ist, wie  allmählich deutlich wird, dass das männliche Unglück das weibliche bedingt. Die Männer immerhin dürfen in einer Art religiösem Ritual Wunschzettel schreiben, die dann vom Ziehvater der Protagonistin heimlich gelesen und verbrannt werden.

Banner Buchpreisblogger 2019Als die junge Außenseiterin sich in einen Betschüler verliebt, mit dem sie sich immer bei Vollmond (hm) in den Bergen trifft, als ihr väterlicher Beschützer stirbt und neue Machthaber beschließen, dass Frauen sich verhüllen und nach Einbruch der Dunkelheit das Haus nicht mehr verlassen dürfen – da keimt die Rebellion in der jungen Frau; und als sie schwanger wird, kommt es zur recht vorhersehbaren Katastrophe. Eine Emanzipationsgeschichte also, die Beschreibung eines Aufbegehrens in einer von Männern dominierten Welt, und dass diese Emanzipation über die Entdeckung des eigenen Körpers und über die Sprache geschieht, ist nachvollziehbar, aber so richtig ans Herz greift es einem nicht. Was will uns Karen Köhler da präsentieren? Eine politische Parabel in Zeiten, in denen Millionen Menschen auf der Flucht sind? Ein Plädoyer für Frauenrechte? Eine Reflexion über totalitäre Gesellschaften? Eine Dystopie à la Margaret Atwoods Der Report der Magd? Da wird viel Unklarheit verbreitet von einer, die eigentlich Klarheit kann. Man merkt, dass Köhler am Theater gearbeitet hat und Theaterstücke schreibt, denn immer wieder ist ihre Sprache sehr präzise, schafft sie in wenigen Worten eine Atmosphäre, einen markanten Dialog, etwa wenn der Bethaus-Vater seinem Zögling tröstend beibringt, was ein Konjunktiv ist: „Eine Distanz in der Sprache, wenn sie nötig ist. Jemand hat gesagt, ich sei eine Missgeburt. Verstehst du? Nicht ich bin. Das rückt das Gesagte von dir weg.“ Dann aber wieder wirkt die Sprechweise der Figuren manieriert – “Ich ziehe mich jetzt zurück“ – und gewollt stilisierte Wortkonstrukte wie „Tausendaugen“ kollidieren mit einem banalen „Arschloch“.

Wie schade, dass die Autorin hier nicht zeigt, was sie an Sprache und Witz und Tempo eigentlich draufhat. Hätte sie statt dieses bemühten feministischen Gesangs einfach Geschlechterbeziehungen in unserer heutigen Zeit, in einem gegenwärtigen Deutschland, aufs Korn genommen – wir wären ihr gern gefolgt, anstatt nach mehr als 400 Seiten leicht verstimmt eine überzogen konstruierte Geschichte und ihre ebenso konstruierte Heldin hinter uns zu lassen.

Veronika Eckl


Weitere Informationen:

Karen Köhler, Miroloi. Hanser Verlag, 464 Seiten, 24 Euro.

Wir haben Raketen geangelt. Hanser Verlag, 237 Seiten, 19,90 Euro.

 

KURZ&KNAPP: Salonbücher

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Bild: (c) Michael Flötotto

Die Buchhandlung am Obstmarkt und ihr Inhaber, Kurt Idrizovic, sie gelten in Augsburg als literarische Institution: Das ist eben einer jener Buchhändler, die Literatur leben – man werfe nur einen Blick auf den umfangreichen Veranstaltungskalender. Neben der „Literatur im Biergarten“ ist der „Literarische Salon“ eine der Reihen,  die fester Bestandteil des Augsburger Kulturlebens sind. Einige Male im Jahr diskutieren hier vor Publikum literaturaffine Menschen in dem wunderbaren Ambiete der denkmalgeschützten Haag-Villa.  Ich durfte mich nun als „Debütantin“ erstmals mit ins Gefecht werfen.

Denn tatsächlich wurde der Abend ziemlich lebhaft, so temperamentvoll und mit sehr differenzierten Meinungen wurde diskutiert. Das kann hier nachgelesen werden:
„Fabelhafte Kontroversen über Literatur“.

Die drei Bücher des Abends, kurz&knapp, nochmals aus meiner Sicht:

„Die zehn Lieben des Nishino“ von Hiromi Kawakami
Die Schriftstellerin, in Japan eine Bestseller-Autorin, unternimmt hier ein Experiment, das anderen (beispielsweise Eva Menasse mit „Quasikristalle“ und Jurek Becker mit „Amanda Herzlos“) jedoch schon weitaus besser gelungen ist: Sie stellt eine Figur in den Mittelpunkt ihres Romans, eben jenen Herrn Nishino, der aus unterschiedlichsten Perspektiven vorgestellt wird. Zehn Frauen erzählen von ihrer Liebesbeziehung zu Nishino, der für mich jedoch bis zum Ende schemenlos, eigentlich ein nicht greifbares Phantom blieb. Sollte dies das Ziel der Autorin gewesen sein – Nishino als einen im Grunde nicht liebesfähigen Mann, der einfach nur Variationen der „Liebe“ spielt, darzustellen – so ist ihr dies durchaus gelungen.
So nichtssagend wie die Hauptfigur erschienen mir jedoch auch die einzelnen Geschichten – ein Buch, von dem wenig übrigbleibt, das mich zudem sprachlich nicht überzeugen konnte. Alle zehn Geschichte sind in einem einheitlichen Ton gehalten, plätschern ein wenig vor sich hin, da kommt kein Koikarpfen ins Strudeln. Strittig war beim „Literarischen Salon“ vor allem der Liebesbegriff, der in diesem Buch zum Tragen kommt: Mit dem Gefühl der Liebe hat dies wenig zu tun, es geht vielmehr um Beziehungen, die fast schon nüchtern und kaufmännisch eingegangen werden. Die analytische Kälte, die zeitweise aus den Reflektionen der Frauen klingt, sie könnte interessant sein – dazu aber reicht es in diesem Buch aber sowohl sprachlich als auch stilistisch leider nicht.

„Die zehn Lieben des Nishino“ erschien im Hanser Verlag.

„Ich kann dich hören“ von Katharina Mevissen
Von Victor Hugo stammt das Zitat „Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist“. Ein Satz, der einfach treffend ist für diesen schönen Debütroman der 1991 geborenen Autorin Katharina Mevissen. Er trifft auf mehreren Ebenen zu: Da steht ein junger Mann, Musikstudent, Cellist, im Mittelpunkt, der in gewisser Weise von Sprachlosigkeit betroffen ist. Der Konflikt mit seinem Vater, selbst Musiker, kaum greifbar für seine Kinder, die Beziehung zu seiner Tante, die Mutterersatz war und nun ihr eigenes Leben führen will, die sich anbahnende Liebesgeschichte mit einer WG-Genossin, all das sind Themen, die Osmans Leben überlagern, für die er jedoch keine Worte findet. Zugleich kommt er durch Zufall in Kontakt mit der Welt der Gehörlosen (nicht direkt, sondern über ein Aufnahmegerät).
Auch auf dieser Ebene werden die Grenzen von Kommunikation, Varianten der Sprache und Sprachlosigkeit, austariert.
Sprache als Thema, Sprache, die überzeugt: Katharina Mevissen findet vor allem für die Musik wunderbare Worte, bringt sie auf dem Papier zum Erklingen. Ihr Stil, der variationsreich ist, von spröde bis zu poetisch reicht, hat mich durch dieses Buch getragen. Ein wenig zuviel waren mir die angerissenen Themen – neben der Metaebene der Kommunikation auch die Problematik der Migration, weiblicher Selbstbestimmung, Familienpsychologie und vieles mehr. Dennoch, alles in allem ein sehr überzeugendes Debüt, nachzulesen beispielsweise auch in der Kritik im Deutschlandfunk.

„Ich kann dich hören“ erschien im Wagenbach Verlag.

„Die Nebelkrähe“ von Alexander Pechmann
Auf diesen Roman war ich richtig neugierig: Alexander Pechmann kannte ich bislang nur als Übersetzer von Klassikern wie Mark Twain, Melville und Henry James. Wie geht jemand, der mit solchen Stilvorbildern vertraut ist, selbst mit Sprache um? Einfach überzeugend!
„Die Nebelkrähe“ ist ein klug konstruiertes, stilistisch elegantes und atmosphärisch dichtes Buch, das nicht nur Oscar Wilde-Fans zu unterhalten vermag. Denn der exzentrische irische Schriftsteller, vielmehr sein Geist, der sich zwei Jahrzehnte nach Wildes Tod wieder Gehör verschafft, steht gewissermassen im Mittelpunkt des Geschehens. Pechmann stützt sich dabei auf eine wahre Geschichte: 1924 veröffentlichte eine gewisse Hester Dowden das Buch „Oscar Wilde from Purgatory“, Protokolle spiritistischer Sitzungen, in denen der Schriftsteller zur Nachwelt sprach.
Das Medium in Pechmanns Roman ist ein traumatisierter Kriegsteilnehmer, ein eigentlich aller Esoterik abgeneigter Mathematiker, der jedoch von Träumen und Stimmen verfolgt wird. Um seinen psychischen Problemen auf den Grund zu kommen, landet er schließlich bei einer spiritistischen Gesellschaft. Hier begegnet er auch Dorothy Wilde, der Nichte des Schriftstellers – eine interessante Frau, auch im „echten Leben“, da würde sich noch ein eigener Roman anbieten.
Die beiden beginnen die Herkunft eines Kinderbildes, das der Mathematiker Vane im Krieg anvertraut bekam und das auch der Auslöser seiner Träume ist, zu recherchieren. Eine Recherche, die mitten hineinführt in das „Swinging London“ der 1920er-Jahre, in die feinen Herrenclubs ebenso wie in die Bar eines Drogenbarons, selbstverständlich ins Theater, aber auch an weitaus dunklere Orte. Pechmann zeichnet nicht nur ein lebhaftes Bild der Metropole dieser Jahre, sondern vermittelt in diesem unterhaltsamen Roman auch eine Botschaft im Sinne Oscar Wildes (oder dessen Geist, je nachdem) und Shakespeares: „There are more things in heaven and earth, Horatio, than are dreamt of in your philosophy.“

„Die Nebelkrähe“ erschien im Steidl Verlag.

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Barbara Honigmann im Gespräch: „Er war immer fremd“

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Bild von Free-Photos auf Pixabay

EIN GASTBEITRAG VON VERONIKA ECKL

Siebzig Jahre alt ist die Schriftstellerin Barbara Honigmann im Februar geworden, und sie ist noch einmal eingetaucht in ihre eigene Vergangenheit und die ihrer deutsch-jüdischen Familie. Nach Ein Kapitel aus meinem Leben, in dem sie von ihrer Mutter erzählt, zeichnet sie in Georg ein Porträt ihres Vaters, des Journalisten Georg Honigmann. Der ging, von seiner Frau zum Kommunismus „verführt“ – so die Autorin mit einem Augenzwinkern -, nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Londoner Exil nach Ostberlin, obwohl er doch nach eigener Aussage „über Hermann Hesse nie hinausgekommen war“. In der ihr eigenen heiteren Lakonie beschreibt Honigmann das Schicksal des nicht religiösen jüdischen Remigranten, der mit der Entscheidung für den Kommunismus wohl dem ewigen Zwischen-den-Stühlen-Sitzen ein Ende bereiten wollte.

Veronika Eckl traf Barbara Honigmann, die seit Jahrzehnten in Straßburg lebt, bei der Vorstellung von Georg im Münchner Literaturhaus und sprach mit ihr über ihre Eltern, über Fremdheit und über die Wohnungen, die in Honigmanns Werken zwar eher beiläufig beschrieben werden, aber doch eine zentrale Rolle spielen.

Ihr jüngstes Werk Georg beginnt damit, dass Ihr 60 Jahre alter Vater, grau im Gesicht, nach der Trennung von Ihrer Mutter in einem möblierten Zimmer in Berlin sitzt, wo Sie, die Teenager-Tochter, ihn besuchen. Warum haben Sie gerade diese sehr eindrückliche, berührende Szene an den Anfang gestellt?

Die Erinnerung an meinen Vater in diesem Zimmer ist für mich ein Schreckensbild, ein Alptraum, der sich mir tief eingeprägt hat. Georg war ja nun nicht mehr jung, er war ohnehin älter als die Väter meiner Freundinnen, und ihn so unbehaust zu sehen, war furchtbar.

Dieses Gefühl der Unbehaustheit zieht sich durch das ganze Buch, in dem Sie das Leben Ihres Vaters erzählen.

Ja, er war ein sehr wurzelloser Mensch, das war wohl sein Charakter. Er hat mit elf Jahren seine Mutter verloren – vielleicht ist das zu küchenpsychologisch gedacht, aber es heißt immer, dass Kinder, die einen so einschneidenden Verlust erleben, es schwer haben, je wieder einen Halt zu finden. Mein Vater war immer fremd. Wenn er eine neue Frau hatte –  er heiratete in seinem Leben vier Mal, und zwar immer dreißigjährige Frauen – zog er mit seinem Koffer bei ihr ein, in eine Wohnung, die nach einem anderen Geschmack eingerichtet war.

Und damit war er zufrieden?

Er war Bohemien. Er wollte seine Zeitung, sein Buch, seine Ruhe. Und er musste in seinem Leben an so vielen verschiedenen Orten zurechtkommen – in der Odenwaldschule in Hessen, als Auslandskorrespondent in London und im englischen Exil, interniert in Kanada, im Ostberlin der Nachkriegszeit – dass ihm Wohnungseinrichtung nun wahrlich nicht wichtig war. Bei anderen kippte das ja nach dem Erlebnis des Krieges ins Gegenteil: Meine Schulfreundinnen lebten eher in kleinbürgerlichen Wohnungen, in denen eine heile Welt aufgebaut wurde, mit dem Foto des gefallenen Opas im Goldrahmen.

Sie lebten nach der Trennung Ihrer Eltern bei Ihrer Mutter…

… ja, und sie war ganz anders: Sie liebte es, Wohnungen einzurichten und zog auch leidenschaftlich gern um. Die meiste Zeit habe ich mit ihr in einer schönen Wohnung in Karlshorst gelebt, einem Ostberliner Villenvorort mit einer Russengarnison, wo auch die Kapitulation unterzeichnet wurde. Meiner Mutter gefiel die Neue Sachlichkeit, eine Wohnung hatte in ihren Augen hell und leer zu sein. Damit wollte sie sich abgrenzen von der spießigen Wohnkultur der Nachkriegszeit mit ihren Schrankwänden voller Nippes.

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Das Portraitbild wurde freundlicherweise von Barbara Honigmann selbst zur Verfügung gestellt. Bildnachweise: honorarfrei/Babu

Prägen denn die Wohnungen der Eltern die Kinder?

Oh ja, sicherlich. Mich interessieren Wohnungen, so wie meine Mutter. Wenn ich irgendwo eingeladen bin, frage ich oft: „Kann ich mir die Wohnung ansehen?“ Wie meine Mutter mag ich es sachlich und praktisch. Bei mir stehen überall Bücher, damit ist eh schon alles voll. Dann braucht man doch nur noch einen Platz für den Schreibtisch und den Computer und ein Sofa, auf das man sich lümmeln und auf dem man ein Buch lesen kann.

Sie selbst zogen 1984 mit Ihrem Mann von Ostberlin nach Straßburg. Warum?

Es war ein Aufbruch ins Innere des Judentums. Meine Eltern waren ja nicht religiöse Juden, während ich auf der Suche war. Man hatte mir Straßburg als anregenden jüdischen Ort beschrieben, und das stimmt auch. Hier gehört die Präsenz der Juden einfach dazu, et ça se passe bien. Weil die Stadt klein ist, vermischen sich die Milieus, anders als in London oder New York. Hier leben etwa 15 000 Juden, es ist etwas geboten, auch intellektuell. Wir leben auf einer Insel der Seligen, Juden aus den banlieues von Paris oder Toulouse, die sich dort nicht mehr wohlfühlen, ziehen jetzt hierher. In Straßburg spüren wir keinen Antisemitismus.

Sie haben damals eine Wohnung in der Rue Edel bezogen, die Sie selbst als „Straße der Ankunft“ beschreiben, weil hier viele Neuankömmlinge aus den unterschiedlichsten Ländern leben. Aus diesem Mikrokosmos heraus ist „Chronik meiner Straße“ entstanden.

Ja, es hatte sich in mir viel angesammelt, Begegnungen mit den Nachbarn, Beobachtungen, Fragmente. Ich wollte so etwas schreiben wie Wilhelm Raabes Chronik der Sperlingsgasse. Eine Chronik, denn das Buch beschreibt auch die vergehende Zeit. Wir leben heute noch in der Rue Edel, wo es nach wie vor viele Sozialwohnungen gibt, aber auch Studenten-WGs. Es ist, wie man in Frankreich sagt, ein populäres Viertel, aber kein Ghetto. Ich wüsste nicht, warum ich umziehen sollte.

Ist Ihnen Frankreich Heimat geworden?

Ach, das mit der Heimat, das ist so ein deutsches Ding. Ich frage mich nicht jeden Tag, wo meine Heimat ist, ich wohne jetzt hier, ich habe meine Wege. Aber im Nachhinein bewundere ich unseren Mut damals: Wir kannten in Straßburg keinen Menschen, ich musste Französisch lernen, neben all dem Jüdischen, das mir neu war – so etwas macht man nur einmal im Leben, mit Mitte 30 ging das noch.

Haben Sie nie Heimweh nach Berlin?

Nein, ich verspüre da keinerlei Nostalgie. Meine Eltern mochten Berlin überhaupt nicht, meine Mutter war Österreicherin, mein Vater stammte aus Hessen. Heute bin ich relativ oft in Berlin, weil mein Sohn mit seiner Familie dort lebt und ich die Enkelkinder besuche. In den Osten fahre ich überhaupt nicht mehr, da habe ich nichts zu tun. Und Westberlin ist mir ja völlig fremd, da kenne ich mich nicht aus. Mein Sohn lebt im Übrigen dort, weil die Mieten in Paris ihm zu hoch geworden sind. An Berlinerischem ist mir nur die Berliner Schnauze geblieben, die ich heute in der Stadt vermisse.

Das Grab Ihres Vater ist auch in Berlin…

Ja, auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee.

Besitzen Sie denn heute noch Gegenstände aus den Wohnungen Ihrer Eltern?

 Von meiner Mutter habe ich noch ganz massive, solide Bücherregale und solche, in denen man Bettzeug verstauen kann. Die sind aus Ostberlin mit nach Frankreich umgezogen, ebenso wie ein Schaukelstuhl, der in meinem Zimmer stand, als ich ein Kind war. Von meinem Vater habe ich gar nichts, nichts Materielles, er besaß ja auch nichts. Aber seine Briefe hat er mir hinterlassen, von denen ich einige in meinem Buch verwendet habe.

Das Interview führte Veronika Eckl. 


Mehr Information:

Georg (2019). Hanser Verlag, 18 Euro
Chronik meiner Straße (2015). dtv, 9,90 Euro, Hanser Verlag, 16,90 Euro

Theresia Enzensberger: Blaupause

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Das Bauhaus in Dessau 2019. Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

„Besonders interessiert sie sich für mein Siedlungsprojekt. Bereitwillig erkläre ich ihr, was ich vorhabe, verliere mich manchmal im Fachjargon und bemerke zum ersten Mal, wie viel ich im letzten Jahr gelernt habe und wie durchdacht mein Konzept mittlerweile ist. Als sie nach der potenziellen Verwirklichung meiner Pläne fragt, erzähle ich ihr von meiner kläglichen Präsentation, von meiner Unterhaltung mit Meyer und von meinen Selbstzweifeln. Es tut gut, dass da jemand ist, der mir zuhört und mich ernst nimmt.

„Davon solltest du dich nicht aus der Bahn werfen lassen“, sagte Helene. „Weißt du, die Männer haben es wirklich nicht gerne, wenn wir Frauen in ihren Gebieten wildern. Und die Architektur ist nun einmal ein Hoheitsgebiet, auf das die Männer besonders Anspruch erheben. Frauen, die Häuser bauen, das können die sich gar nicht vorstellen.“

Theresia Enzensberger, „Blaupause“, Carl Hanser Verlag, 2017.

Selten geht es mir mit Romanen so wie mit diesem: Ich hatte ihn schon abgebrochen, enttäuscht zur Seite gelegt. Ich sah mich in meinen Erwartungen getäuscht – einen, „den“ Roman über die Frauen am Weimarer Bauhaus wollte ich finden und stieß zunächst auf einen ein wenig biederen, fast schon naiv klingenden Sprachstil, auf eine Erzählung, die sich irgendwo zunächst zwischen Coming of Age- und Campusroman einpendelte. Junge, wohlbehütete Frau kommt an Hochschule, betrachtet mit großen, runden Augen den Trubel dort, verliebt sich, entliebt sich, blättert nach und nach Konventionen ab.

Wem es zunächst beim Lesen so ergehen wird wie mir, dem rate ich zur Geduld – das Buch entpuppt sich nach und nach, analog zur Entwicklung seiner Hauptfigur, denn doch noch zu einer guten, fesselnden Lektüre. Es ist beinahe, als sei das Buch auch qualitativ in die zwei Zeitabschnitte, die es umfasst – Weimar 1921 und Dessau 1926 – gesplittet.

Wie Luise sagt:

„Mein eigener Groschenroman wird immer abstruser, aber am Ende steht immer der glückliche Ausgang, der eines solchen Romans würdig ist.“

Frauen erst an zweiter Stelle

Luise, wohlbehütete Unternehmerstochter aus Berlin, setzt sich 1921 gegen ihre Eltern durch: Sie will partout Architektur studieren, am „Staatlichen Bauhaus in Weimar“ von Walter Gropius, dem Pionier der „neuen Sachlichkeit“ in der Architektur. Bald wird die junge Frau von der Bauhaus-und Universitäts-Realität eingeholt: Im Fachbereich Architektur sind die männlichen Studenten tonangebend, allgemein ist das Bauhaus – trotz seiner gesamtgesellschaftlichen künstlerischen und sozialen Ansätze – eine Welt der Männer.

„Wie die Kunsthistorikerin Anja Baumhoff im Detail dargelegt hat, reichten die Vorstellungen am Bauhaus von der Zuordnung von Dreieck, Rot und Geist zu Männlichkeit und Quadrat, Blau, Materie zu Weiblichkeit (Gropius) über die Behauptung, Frauen sei zweidimensionales Sehen angeboren, und sie sollten daher lieber in der Fläche arbeiten (Itten), bis hin zu der Überzeugung, dass Genie männlich sei (Klee) und Schöpfertum generell mit Männlichkeit identisch sei (Schlemmer, Kandinsky).“

Ulrike Müller führt dies in ihrem Buch „Bauhaus-Frauen“, 2009 im Elisabeth Sandmann Verlag, später als „insel taschenbuch“ erschienen, aus – eine Lektüre-Empfehlung für alle, die sich einen ersten Überblick über die großartigen Bauhaus-Künstlerinnen verschaffen wollen. Während man bis heute diese Bewegung mit den Namen Gropius, Klee, Schlemmer, van der Rohe verbindet, sind die Bauhaus-Künstlerinnen weniger bekannt, wenn nicht gar vergessen: Ein Schicksal, das auch Luise Schilling, von der Theresia Enzensberger erzählt, widerfuhr.

Um einige Träume ärmer

Wie Luise mehr und mehr die Mechanismen erkennt, die dazu beitragen, dass auch am Bauhaus (an dem von Gropius in dessen ersten Ansprache „absolute Gleichberechtigung“ proklamiert wurde) geschlechtsspezifische Hierarchien vorherrschen (Frauen teilt man gerne der Webklasse zu), das flicht Theresia Enzensberger ganz sachlich, ruhig, fast schon unterschwellig in diesen Entwicklungsroman ein. Es ist die Erzählung einer allmählichen Emanzipation und Desillusionierung zugleich: Luise erlebt einen Ausbruch körperlicher Gewalt ihres Freundes, sie erlebt wie Gropius, der sie in ihren Arbeiten an einer Wohnsiedlung unterstützt, ihre Ideen als seine vereinnahmt. Das Buch endet mit einer Frau, die um viele Träume weniger, aber um einige Erfahrungen reicher dem Bauhaus ihren Rücken zukehrt.

„Blaupause“ ist jedoch mehr als die Entwicklungsgeschichte einer einzelnen Frau – der Roman dient mit seinen Schilderungen der Utopien und Ideen, die am Bauhaus herrschten, sowie der gesellschaftlichen Umbrüche, die die Weimarer Republik prägten zugleich auch als Blaupause für heutige Zu- und Umstände.

Pointe der Geschichte: Dem Roman sind einige Dokumente angehängt. Luise Schilling, die in die USA ausgewandert war, arbeitete in der New Yorker Stadtplanung. Sie hatte unter anderem die Entwürfe für das Pan-Am-Gebäude zu prüfen. 1959 schreibt sie:

„Und so begegne ich also Gropius wieder. Oder, besser gesagt, seinen Ideen. Mein erster Impuls dabei: ein niedriger. Wenn ich schon die Gelegenheit habe, Gropius bei seinem ersten Projekt in New York einen Strich durch die Rechnung zu machen, warum sollte ich sie nicht ergreifen?“

Sie tut es nicht, bleibt gelassen und souverän, obwohl in ihren Augen das Gebäude das ist, „was den Leuten inzwischen als modern gilt: höher, größer, phallischer.“

„Blaupause“ ist ein Roman, der erst mit der Zeit ein gewisses Tempo entwickelt. Dann aber liest man sich auch mehr und mehr in diese konventionell anmutende Schreibweise von Theresia Enzensberger ein. In einigen Besprechungen wurde der Stil kritisiert – für mich wurde er nach und nach stimmiger. Ein sachlicher Bericht – ganz wie er zum Stil des Bauhauses passt.


Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/blaupause/978-3-446-25643-9/

Bild zum Download: Bauhaus Dessau


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Wilhelm Genazino: Außer uns spricht niemand über uns

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Bild von Hans Braxmeier auf Pixabay

„Ein wenig Hoffnung schöpfte ich, als ich zu einem Sommerfest eingeladen wurde. Auf dem Sommerfest würden bestimmt ein paar in Frage kommenden Frauen herumflirren und Nachtfalterblicke aussenden. Ich fürchtete mich vor meinen humoristisch gemeinten Reden, die sich bei solchen Anlässen unangenehm in den Vordergrund schoben. Ich hörte mich schon jetzt, wie ich zu einer alkoholisierten Frau sagte: Ich habe den seriösen Paarungsdrang eines Maikäfers und biete problemfreie Anhänglichkeit. Am liebsten wollte ich mich nach solchen Sätzen selber ohrfeigen, wenn derlei nicht noch peinlicher gewesen wäre.“

Wilhelm Genazino, „Außer uns spricht niemand über uns“, Hanser Verlag, 2016.

Kennt man einen, kennt man alle. Nein, ich meine nicht die Männer an sich. Sondern jene Männer in den Genazino-Romanen der vergangenen Jahre, die sich, bis auf einige wenige Ähnlichkeiten, so ähneln wie … na eben ein Genazino-Mann dem anderen.

Auch im erst vor wenigen Tagen veröffentlichten neuesten Roman des Wahl-Frankfurters ähneln sich Konzept und Interieur: Ein gescheiterter Schauspieler, der sich als Radiosprecher, Modeschauen-Moderator und Gedichte-Vorleser gerade so durchschlägt. In einer Gewohnheitsbeziehung verharrend. Mit lockeren Zähnen und dem nahenden Alter hadernd. Und dazu noch: Die Stadt, das Spazierengehen, der Müll.

Als Chronist des Wandels unserer Innenstädte bleibt Genazino auch mit diesem Buch auf der Höhe. Ebenso als Alltagsbeobachter, Wortschöpfer, Sprachspieler. Doch irgendwann, ich muss es mit schmerzendem Leserherzen gestehen, wird man der ewig lebenslustlosen Helden dieser Romane müde. Und gerade dieses Buch wirkt, als wäre sein Schöpfer selbst beim Schreiben müde geworden, zermürbt von der anhaltenden Alltagsuntauglichkeit seiner Protagonisten. Waren in den vorhergehenden Romanen die Spaziergangs-Assoziationen und die Liebeswirren noch von einer gewissen erzählerischen Stringenz, so wirkt dieser Roman, so schmal er auch ist, verheddert, undurchdacht, so zerrissen wie das Seelenleben seines Helden.

Dieser wird durch den Suizid seiner Partnerin in eine Krise geworfen: Es fehlt ihm etwas „Körperliches (Carola)“, der Verzicht auf Frauen, „eine“ Frau zu finden als Ersatz (gleich welche), will ihm aber auch nicht gelingen. Er wehrt sich gegen eine Trauerbehaftung und wird dennoch zur „Ein-Personen-Peinlichkeit“. Es ziehen die Geliebten vergangener Tage, Freundinnen, ältere Frauen, die den Jungen verführten, usw. am geistigen Auge des Mannes vorüber – nichts davon wirkt besonders lustvoll, lebenslustvoll. Eine neue Frau findet sich zunächst auch nicht, zumal sich auch die Suche danach nur halbherzig gestaltet. Und wer will schon mit einem Kerl, der mit Tomatenflecken auf der Hose, löcherigen Unterhemden und einem anhaltenden Missmut kokettiert, Maikäfer-Tänzchen wagen? Kurzum: Der Sexualtrieb ist noch so ziemlich der einzige Antrieb, der bei diesem Genazino-Helden nicht im Halbschlaf schlummert. Und Thema des Buches ist die Pein des Nicht-Ausleben-Könnens.

Aber selbst wenn das Begehren ein Objekt findet, wirkt das irgendwie und irgendwann schal… Am Ende schläft er mit der Schwiegermutter, der ganze Akt verschmilzt in der Vorstellung zu einer Liebeshandlung mit der eigenen Mutter. Endlich, möchte man als Leser sagen: Unterschwellig wartet dieser Ödipus-Komplex schon seit etlichen Büchern Genazinos auf eine Auflösung.

Man könnte dem Buch zugutehalten, dass es die beiden stärksten Triebe der Menschen, Todesangst und Paarungswillen, in knappster Form miteinander verknüpft. Aber ganz ehrlich? Das Ganze wirkt bis zum Finale uninspiriert und blutlos.

Jörg Magenau urteilte in der Süddeutschen Zeitung:

„All die kleinen, feinen Alltagsbeobachtungen, die Genazinos Prosa seit jeher tragen, können den Roman auch nicht mehr retten. Über die Marathonläufer im Ziel bemerkt der Erzähler, dass hier endlich einmal einige Menschen ihre Erschöpfung öffentlich zeigen, dass es dazu hierzulande aber wohl eines Marathonlaufs bedarf. Dieser Roman, ließe sich ergänzen, kann das aber auch: Eine große Erschöpfung spricht aus ihm, die sich zu nichts mehr aufschwingen kann.“

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Ilija Trojanow: Der Weltensammler und Nomade auf vier Kontinenten

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Um seine Bereitschaft zu demonstrieren, öffnet der Lahiya das Tintenfässchen, nimmt die Feder in die Hand, tupft, kratzt zur Probe, beugt sich um einige Zeilen nach vorne und verharrt. Der von dem Ankömmling aufgewirbelte Staub hat sich gesetzt. Aus dem peinigenden Licht heraus, in das der Lahiya nicht mehr blinzeln will, beginnt die zaghafte Stimme zu erzählen. Aus Vermutungen werden Andeutungen, aus Andeutungen werden Schemen, aus Schemen werden Personen, aus Unbekannten werden Menschen mit Namen, Eigenschaften und Gesichtern. Der Lahiya hält die Feder fest zwischen den Fingern, doch er versteht weder Ausgang noch Grund der Lebensgeschichte, die dieser Mann vor ihm ausbreitet. Es ergibt keinen Sinn, diese konfusen Umrisse aufzuschreiben.“

Ilija Trojanow, „Der Weltensammler“, Hanser Verlag

Manchen ist das Entdecken, das Reisen, das Suchen, ja die Rastlosigkeit schon von Kindheit an mitgegeben. Vielleicht hat dies mit einer frühen Entwurzelung, dem Verlust der Heimat zu tun: So scheint es bei dem deutsch-bulgarischen Schriftsteller Ilija Trojanow (Jahrgang 1965) zu sein. Mit der Familie kam Trojanow über Ex-Jugoslawien und Italien 1971 in die Bundesrepublik wegen politischen Asyls. 1972 zogen die Trojanows weiter nach Kenia. Bis 1984 wechselten die Lebensmittelpunkte zwischen Deutschland und Nairobi, dann folgten Studien- und Lebensjahre in Paris, München, Mumbai ab 1999, Kapstadt ab 2003, inzwischen lebt Trojanow wieder – so er nicht auf Reisen ist – in Europa.

Er ist also im besten Sinne ebenfalls ein „Nomade auf vier Kontinenten“: Titel eines der beiden Bücher, die Ilija Trojanow über einen ebenso Suchenden und Reisenden verfasst hat – den englischen Entdecker, Abenteuer und Spion im Dienste ihrer Majestät, Sir Richard Francis Burton (1821-1890). 2006 erschien beim Hanser Verlag Trojanows Roman, mit dem Richard Francis Burton (RFB) den deutschen Lesern bekannter wurde –  „Der Weltensammler“. 2007 kam mit einer wirklich prachtvollen, wunderbaren Ausstattung (der Text ergänzt durch Zugaben von Karten, Fotos, kalligraphischen Schriftproben und kommentierten Bibliographien) in der Anderen Bibliothek „Nomade auf vier Kontinenten“, ein dokumentatorisch-biographisches Projekt, heraus. Beide Bücher gibt es inzwischen auch als Taschenbuch. Während der Weltensammler den abenteuerlichen Lebensweg des RFB fiktiv, aber nah an den zahlreichen schriftlichen Quellen aus dieser Zeit, darunter an den vielen von Burton selbst verfassten Werken, nach verfolgt, ist der Nomade ein ganz anderes Buch. Hier vollzieht Trojanow die Reisen Burtons nach – der Wechsel aus Texten des „Vorgängers“ und eigenen Reiseberichten rund anderthalb Jahrhunderte später macht die Lektüre so reizvoll.

Großbritannien, Seefahrernation und Kolonial(Besatzungs)macht, hat etliche solcher Typen hervorgebracht: Oftmals Adelige oder zumindest aus begütertem Hause stammende Abenteurer, verlorene Seelen, die sich in der Fremde dann erst recht verloren. Die Insel verlor manchen ihrer Söhne an die Wüste – bekannt durch das Film-Epos wurde als Archetyp für diesen sinnsuchenden Engländer in der Fremde vor allem „Lawrence of Arabia“. T.E. Lawrence (1888-1935) entflammte den Aufstand der Araber gegen das Osmanische Reich – und wurde dabei selbst mehr zum Sheikh denn Gentleman, zum lebenden Mythos. Dabei hätte Sir RFB – legt man den Fokus nur auf das abenteuerliche Leben – ein Film-Epos durchaus ebenso verdient. Als Burton 1890 starb, war er ein ebenso berühmter wie umstrittener Mann. Er sprach 29 Sprachen, hatte Die Geschichten aus 1001 Nacht und das Kamasutra ebenso gelehrt kommentiert wie bis in die sexuellen Details wortgetreu übertragen, hatte den Tanganjikasee als erster Weißer entdeckt und bestritt seinem Reisekameraden Speke immer noch die Entdeckung der Nilquellen.

Dieser schillernden Figur also widmet sich Ilija Trojanow in diesen beiden Büchern: Ein Autor, ein etwas „zwiespältiger“ Held, ein Thema – aber zwei Lektüren, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Beide sind so spannend geschrieben, wie das Leben des Abenteurers selbst es war, beide Bücher entführen durch eine ausgewählt schöne Sprache zum Miterleben dieser fremden Welten. Fiktion und Tatsachen vermischen sich so gekonnt, dass letztendlich der Eindruck bleibt: Der beste Roman ist doch das Leben selbst – insbesondere, wenn man es Leben konnte wie Sir Burton.

Trojanow ist selbst sieben Jahre lang auf den Spuren Burtons gereist, pilgerte durch Indien, verkleidete sich als Araber auf der Hadsch, fuhr mit dem Schiff den Nil herauf und herunter (wie viele Entdecker seinerzeit suchte auch Burton nach den Quellen des Nils). Nordamerika, der vierte Kontinent, wird jedoch nur kurz gestreift – offensichtlich hatte Burton bei seinem Trip in die Staaten wenig Interessantes gefunden oder vom Reisen genug. Und für den neuzeitlichen Reisenden Trojanow – das kann ich nur spekulieren – sind die USA vielleicht nicht fremd genug. Jedenfalls: Der vierte Kontinent, die heutige Weltmacht, wird nur am Rande erwähnt. Das reicht aber auch mal.

„Auch in einer Epoche, in der man in wenigen Stunden ganze Zeitzonen überspringen kann, war der Weg nach Mekka mit einigen Hindernissen gepflastert.“ Als Trojanow dann vor der Kaaba steht (beziehungsweise sie umkreist, wie es sein muss für den Pilger), füllen sich seine Augen mit Tränen. Auf den Spuren des Mannes, der 150 Jahre vor ihm bereits dort stand und als einer der ersten Europäer dieses islamische Heiligtum erblickte, vollzieht Trojanow auch diese Pilgerfahrt bis zum Ende durch. Und als Leser kann man nachfühlen, was dieser Augenblick für beide bedeutet hat.

„Ilija Trojanow hat sich mit seinen Berichten aus Indien und Arabien sowie mit seinem Erfolgsroman „Der Weltensammler“ über den großen nonkonformistischen Reisenden im britischen Staatsdienst Richard Francis Burton (1821 bis 1890, unser Foto) in die beste Tradition deutschsprachiger Reiseliteratur eingeschrieben“, so Friedmar Apel in der FAZ. „In der üppigen Ausstattung der Anderen Bibliothek legt er nun noch einmal Berichte seiner Reisen nach Indien, Arabien, Ostafrika, Nordamerika und Triest vor, die er auf den Spuren Burtons unternommen hatte.“

Doch geht es nicht „nur“ um gute Reiseliteratur. Beide Bücher sind weitaus mehr als das Nacherleben eines abenteuerlichen Lebensweges. Im Weltensammler greift Trojanow zu dem Kunstgriff, andere über ihr Erleben Burtons erzählen zu lassen –  Zeugen, Zeitgenossen, Beobachter berichten und machen sich ihre ganz eigenen Gedanken über Saheb Burton (Indien), Sheikh Abdullah (Arabien) und den Wazungu (Afrika). Im „Nomaden“ ist es Trojanow selbst, der seine Erfahrungen denen Burtons entgegenhält. So entsteht aus vielen Puzzlestücken das Bild von einem Menschen, der – wie alle Menschen – viele Facetten trägt.  Ein weiteres Leitmotiv ist beiden Büchern die Auseinandersetzung mit „dem Fremden“.

„Als Autor glaubte er (Burton) aber bis in seine letzten Tage auf verlorenem Posten in Triest gleichwohl unerschütterlich daran, dass das Wissen über das Fremde und andere durch teilnehmende Erfahrung, in der Form des Studiums, des Erleidens, Erlebens und Bewirkens erworben wird, und dass es sich lohnt, dieses Wissen ohne Rücksicht auf orthodoxe Meinungen weiterzugeben“, so Friedmar Apel. „Jenseits ideologischer Auseinandersetzungen über Globalisierung und neue imperiale Diskurse zeigt Trojanows tätige Rezeption, wie sehr die Wahrnehmung des Fremden bei allen Korrekturen im Kern noch immer von der Weltsicht des neunzehnten Jahrhunderts bestimmt ist, die Burton vielfältig in Frage stellte. Auch Trojanow vertraut inhaltlich wie in seinem luziden Stil auf die erkenntnisfördernde Erfahrung des mutigen Individuums, von dem jenseits standardisierter Wissensbestände wie des notorischen westlichen Besserwissens noch etwas gelernt werden kann – vor allem eine Wahrnehmung, die Fremdes in seiner Eigenheit belässt und so, durchaus nicht ohne Momente kritischer Distanz, Verständnis und Zuwendung ermöglicht.“

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