LITERARISCHE ORTE: Ganghofer und Enzensberger unter einem Dach

Enzensberger und Ganghofer auf Augenhöhe: Allerdings nur räumlich, bedingt durch den Zufall der Geburt am selben Ort: Beide wurden geboren in Kaufbeuren, ehemals freie Reichsstadt, heute aufstrebendes Oberzentrum im Allgäu.

Das 2013 wiedereröffnete und neukonzipierte Stadtmuseum, für sein multimediales und familienfreundliches Angebot bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet, widmet nicht nur Adel & Bauern, Mönchen & Freiherrn, Fabrikanten & Arbeitern Raum, sondern auch einer ganz besonderen Spezies: Den Schriftstellern. Hans Magnus Enzensberger, Ludwig Ganghofer, Sophie von La Roche und Christian Jacob Wagenseil kamen in Kaufbeuren zur Welt, wenn auch keiner von ihnen, außer Wagenseil, länger dort lebte. Ihnen ist eine ganze Dichterklause, eine eigene Etage im Museum reserviert. Zuviel an literaturgeschichtlicher und wissenschaftlicher Information darf man sich freilich nicht erwarten – es sind kurze Darstellungen der berühmteren Schriftstellerpersönlichkeiten der Stadt, gestalterisch jedoch gut gemacht. Und animiert vielleicht doch den einen oder anderen dazu, (mal wieder) in einem der Werke zu lesen.

Hans Magnus Enzensberger
„Ich bin keiner von uns! Ich bin niemand!“: Mit diesem Zitat aus dem Gedicht „Schaum“ (1960) wird man in einer modernen Leselounge empfangen. Tatsächlich verbindet HME (Jahrgang 1929) mit seinem Geburtsort im Allgäu wohl wenig, die Kindheit verbrachte der Sohn eines Fernmeldetechnikers vor allem in Nürnberg. Mehr Biographisches findet sich im Literaturportal Bayern, in der Stadt Kaufbeuren führt eine Spurensuche selbst nicht weit. Im Museum gibt es „das Wort als Hardware“, klingen Enzensberger-Gedichte gegen die virtual reality an, erhebt der „Dichter im Keller“ seinen „Bleistiftstummel“ gegen die Befindlichkeit der Gesellschaft hoch.
Die Haltung, mit der HME gegen Missstände anschrieb, ihr wird eine Stimme gegeben:

„Lab` Dich an Deiner Ohnmacht nicht, sondern vermehre den Zorn.“
„Der Tag kommt, da sie wieder Listen ans Tor schlagen.“

Hier spricht der Schriftsteller durch sein Werk – man kann zuhören oder in seinen Büchern lesen, die im Raum verteilt sind. Eine weitere biographische Annäherung an Enzensberger ist als Projektarbeit mit Schülerinnen und Schülern geplant. Eine kluge Entscheidung – denn ob diese für den unmittelbaren Nachbarn zu begeistern wären, ich wage es zu bezweifeln, trotz angeborenen Hang zum Optimismus:

Ludwig Ganghofer (1855 – 1920)
„Ich wurde am 7. Juli 1855 zu Kaufbeuren geboren als unanzweifelbarer Schwabe. Kein Wunder also, daß ich ein Optimist wurde.“

„Der Jäger vom Fall“, „Das Schweigen im Walde“: Ich kenne die Bücher noch aus meiner Kindheit, nebst einigen weiteren bayerischen Originalitäten und der Bibel zählten sie zum überschaubaren Buchbestand der Großeltern. Man las den Ganghofer wie einen bayerischen Karl May, Abenteuergeschichten mit Moral in den Bergen. Punkt. Dass der Volksschriftsteller und Bestsellerautor unter Kitschverdacht noch einige Facetten mehr hatte, wird in der Ausstellung deutlich: So gewinnt man Einblick in ein privates Labor, das Ganghofer, der zunächst Naturwissenschaften studierte, hatte, erfährt von seinen Jahren als Dramaturg und Theaterdichter in Wien, aber natürlich auch von seiner Jagdleidenschaft und seiner patriotischen Hurra!-Begeisterung mit Beginn des Ersten Weltkrieges. Ganghofer, der zuvor auch mit Frank Wedekind und Karl Valentin befreundet war, sich gegen Zensur und für Demokratisierung einsetzte, tritt mit seinem Freund Ludwig Thoma in die Deutsche Vaterlandspartei ein, die einen Siegfrieden propagiert, schreibt unter dem Titel „Eiserne Zither“ heroische Kriegslieder und wird als Freiwilliger als Kriegsberichterstatter eingesetzt.
So unterschiedlich also Lebensläufe und Haltung, vereint Ganghofer und Enzensberger doch eins: Beide wurden eher zufällig in Kaufbeuren geboren. Ludwig Ganghofer kam hier 1855 als Sohn eines Försters zur Welt, die Familie zog bald darauf in die Nähe von Augsburg. Wer ihm dort hin auch noch folgen will, der kann diese auf dem virtuellen „Ganghofer-Weg“ tun.

Sophie von La Roche (1730-1807) und Christian Jacob Wagenseil (1756 – 1839)
2015-04-07 10.36.49Sie schrieb den ersten erfolgreichen „Frauenroman“, gab die erste deutsche Zeitung von Frauen für Frauen heraus, reiste selbständig und schrieb darüber erfolgreiche Romane, ernährte die Familie zeitweise mit ihrem Schreiben mit: Sophie von La Roche, eine Tochter der Aufklärung. Auch sie verbrachte nur wenige Jahre in Kaufbeuren, der Vater, ein Arzt, zog bald nach ihrer Geburt nach Augsburg. Obwohl Sophie eine – für eine Frau seinerzeit – sehr gute Ausbildung erhielt, allzu weit ging die Freiheit dennoch nicht: Ihre erste Verlobung mit einem Italiener (ein Italiener!!! Unvorstellbar!) musste sie lösen, ihre zweite mit ihrem Cousin Christoph Martin Wieland (beide Familien hatten Wurzeln im oberschwäbischen Biberach a. d. Riß, dort empfiehlt sich ein Besuch im Wieland-Museum) löste sie dagegen aus eigenem Antrieb, weil der junge Mann ihr zu unbeständig erschien. Sie und Wieland blieben dennoch ihr Leben lang freundschaftlich verbunden, er erinnerte sich bis zu seinem Tod liebevoll an sie als die Person, die ihn zum Schreiben brachte.
Nach den beiden Verlobungen ging Sophie schließlich eine von Vernunft geprägte Ehe mit Hofrat Georg Michael Frank von Lichtenfels, genannt La Roche, ein. Die vier Männer in ihrem Leben – Vater, die beiden Verlobten und der Gatte – werden im Museum kurz vorgestellt, an einer Hörstation dreht sich zudem ein fiktives Tischgespräch der Autorin mit dem Ehepaar Herder, mit Goethe, Jacobi und Lavater um die Rolle der Frau.

Den Kaufbeurer Christian Jacob Wagenseil lernt Sophie von La Roche erst lange nach ihrem Wegzug aus ihrer Geburtsstadt kennen, sie pflegen einen intensiven Briefwechsel, der sich um die Themen der Aufklärung dreht. Wagenseil kehrte nach Studium und Lehr- und Wanderjahren 1779 in seine Geburtsstadt zurück, weil sich ihm hier die Aussicht auf eine städtische Anstellung auftat:
„W. hat sich in dieser Zeit um seine Vaterstadt, namentlich um die Erweiterung der Volksbildung, die Hebung des Schulunterrichts und die Besserung des heruntergekommenen Theaters namhafte Verdienste erworben und durch seine zahlreichen, theils populär-wissenschaftlichen, theils belletristischen Werke selbst zur Bereicherung der Lehrmittel beigetragen. Aber auch auf dem Gebiete der Gemeindeverwaltung hat er, besonders in den Kriegsjahren von 1790 bis 1804, seiner Vaterstadt hervorragende Dienste geleistet, wenn er auch oft genug nur Undank dafür erntete.“
Quelle: Deutsche Biographie

Unter anderem führte er die Pockenimpfung in Kaufbeuren ein, ließ den ersten Blitzableiter am Rathaus montieren und Frauen in Frauenrollen auf der Bühne zu. Wer den Film „Daheim sterben die Leut‘“ (1985) der Allgäuer Regisseure Leo Hiemer und Klaus Gietinger gesehen hat – der mag vielleicht ermessen, wieviel anstrengender der Kampf gegen Aberglauben und Vorurteile bei den Allgäuern rund zwei Jahrhunderte zuvor gewesen sein mag…

Freilich kann das Stadtmuseum die Lebensläufe der schreibenden Herrschaften nur streifen, neugierig machen, hinführen – wer sich mit dem einen oder anderen der Autoren schon beschäftigt hat, wird hier nichts Neues finden – außer vielleicht dem Anstoß, einmal doch das „Fräulein von Sternheim“ zu lesen oder auch einmal wieder einen Lyrikband von Enzensberger herauszukramen. Wer in Kaufbeuren noch mehr sehen will, dem sei insbesondere das Kunsthaus Kaufbeuren empfohlen – so wie ein kleiner Stadtrundgang:

LITERARISCHE ORTE: Nördlingen – wo „Die Andere Bibliothek“ herkam.

Vor 15 Millionen Jahren schlug hier ein Meteorit ein. Und legte damit den Grundstein für eine herb-schöne Landschaft von besonderem Reiz: Den „Rieskrater“. Der „Schwabenstein“, der Suevit, ist eine der geologischen Besonderheiten, die das Nördlinger Ries in Bayerisch-Schwaben prägen.
Vor 400 Jahren gab es dort andere Einschläge: Nördlingen, damals freie Reichsstadt und einer der bekanntesten Handelsumschlagsplätze in Süddeutschland, fast so groß an Einwohnerzahl wie Frankfurt, hatte unter den Verwerfungen des Dreißigjährigen Krieges besonders zu leiden. Die Einwohnerzahl wurde um die Hälfte dezimiert – von den 8.500 Menschen lebten nach 1648 nur noch rund 4.000 in dieser mittelalterlich geprägten Stadt.

Erholt hat sich die Stadt davon nur mühsam – erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die 8.000- Einwohnergrenze wieder überschritten: Weil ab 1945 viele Heimatvertriebene hier eine neue Existenz gründeten. Heute zählt die Riesstadt übrigens knapp 20.000 Einheimische – und hat dafür eine stattliche Anzahl Buchhandlungen aufzuweisen.

Rund um das älteste Steingebäude Nördlingens – das Rathaus aus dem Jahre 1313 – kommt der Büchernarr voll auf seine Kosten. Eine gute Adresse ist „Café-Buch.de“: Hier gibt es nicht nur leckere hausgemachte Kuchen, sondern ich habe auch schon einige tolle antiquarische Schnäppchen dort gemacht.
Aber die Buchhandlung, bei deren Namen Bibliophilen die Ohren klingeln, ist natürlich „Greno“: Franz Greno, ein Buchbesessener, der sich in den 80ern in Nördlingen mit einem Verlag niederließ, eine Druckerei erwarb und hier begann, gemeinsam mit Hans Magnus Enzensberger „Die andere Bibliothek“ herauszugeben – damals Wunderwerke der Buchdruckkunst. Die „AB“ wurde später verkauft, Greno ist inzwischen Privatier, doch die Buchhandlung wird von seiner Tochter weitergeführt.
Überhaupt, der Buchdruck: Auch er hat in der Riesstadt eine lange Tradition. Carl Gottlob Beck gründete seinen Verlag 1793 in Nördlingen – zwar ist der C.H.Beck-Verlagssitz inzwischen in München, die Druckerei blieb aber vor Ort.
Und so fände man bei einem Bummel durch Nördlingen noch viele weitere literarische Bezüge – der Märchenerzähler Wilhelm Hauff fand in der Riesstadt seine Frau, der „Schwäbische Bund“ beschloss hier, Götz von Berlichingen festzusetzen, was später bei Goethe in das berühmte Zitat mündete, usw….doch der berühmteste Sohn der Stadt ist und bleibt der „Bomber der Nation“: Gerd Müller kam hier zur Welt. Fußball schlägt die Literatur im öffentlichen Bewusstsein halt allemal.

Wer in Nördlingen noch mehr sehen will als Buchhandlungen und das Müller-Geburtshaus, wird hier fündig: http://www.noerdlingen.de/
So gibt es beim RiesKraterMuseum das Geopark-Informationszentrum – das Ries zählt mit seinen landschaftlichen und geologischen Eigenheiten zu einem der 14 deutschen Geoparks. Eine Besonderheit ist auch der „Daniel“: Der Turm der gotischen St.-Georgs-Kirche erhebt sich mächtig und weit über die Stadt. Tatsächlich gibt es noch einen Türmer, den „höchsten städtischen Angestellten“, der täglich abends zwischen 22.00 Uhr und Mitternacht halbstündlich den Wächterruf auf die Städter herabschreit: „So, G`sell, so!“. Innerhalb des mittelalterlichen Stadtkerns, der von einer intakten Mauer von rund 2,7 Kilometer Länge umgeben ist – sie entstand zwischen 1327 und 1400 – ist der Ruf noch gut zu hören. Die im Turm residierende Glückskatze „Wendelstein“ habe ich leider noch nie getroffen – ich bin nicht schwindelfrei. Aber die Katze gibt es, ich schwör – oder der nächste Meteorit soll mich treffen.


Titelbild zum Download:
Bild 1, Titelbild
Bild 2, Fassade Fachwerk
Bild 3, Fachwerk rot
Bild 4, Daniel


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LESEZEICHEN von: Hans Magnus Enzensberger

Lesezeichen_EnzensbergerEs gibt Erfindungen, die schwer zu verbessern sind, wie zum Beispiel den Löffel, das Fahrrad und das Buch. Man braucht sie nicht zu verteidigen. Sie sind nicht heilig, nur sehr brauchbar. Bücher zum Beispiel. Sie brauchen keine Chips, keine Bedienungsanleitung, keine Batterie, keine Antenne, kein Paßwort, und ihr Betriebssystem ist extrem dauerhaft; man braucht sie nicht alle paar Jahre durch neue Hart- und Weichwaren aufzurüsten.
Trotzdem bringt die Sprache und damit auch die Poesie manches hervor, was auf keiner Seite Platz hat. Das liegt daran, daß das Papier nur zwei Dimensionen hat. Wie wäre es also mit einer dritten? Dazu müßte man Objekte bauen, die einen anderen Gebrauch möglich machen. Zum Beispiel einen Poesie-Automaten oder allerhand komplizierte Wort-Spielzeuge. Das habe ich auch getan. Solche Sachen wurden sogar gebaut und ausgestellt, und hie und da hat sich ein Publikum gefunden, das daran Geschmack fand. Weniger Glück hatte ich mit meinem Fountain of Poetry.

Hans Magnus Enzensberger, „Meine Lieblings-Flops“, 2011

Es gehört schon eine gewisse Größe dazu, mit seinen eigenen Reinfällen gelassen umzugehen. Vor allem, wenn man dies auch noch so humorig angeht, wie Hans Magnus Enzensberger in diesem unterhaltsamen Buch: Ganz locker zählt er seine Kino-, Opern- und Theaterflops auf, die verlegerischen und die literarischen Reinfälle. Das Wort „Flops“ mag er besonders wegen dessen lautmalerischer Qualität – das kommt besonders schön beim einzigen „Etcetera-Flop“ des Buches zur Geltung. Der „Etcetera-Flop“: Das ist jener „Fountain of Poetry“, ein Kunstwerk, das HME technisch schon komplett durchdacht hatte:

Eine Glasplatte, von Wasser überspült, auf die Texte projiziert werden. Fließ-Texte entstehen dabei, das Wasser spielt mit der Poesie. Fehlte nur noch das Geld zur Realisierung. Bei einem Treffen arabischer und deutscher Schriftsteller und Philosophen lernte HME den Scheich Bin Rashid al Maktoum kennen, der große Pläne für Kulturzentren in Dubai hatte, inklusive eines Poesiemuseums. Der Fountain of Poetry – perfekt für Dubai. Wasser das magische und poetische Element der Wüste. Die Pläne des Scheichs für den Brunnen wurden zwar immer gigantischer, aber ebenso engagiert vorangetrieben: „Am Tag unserer Abreise fehlte nur noch eine Unterschrift“, schreibt Enzensberger. Doch: „Wir haben nie wieder von Scheich Mohammed Bin Rashid gehört. Als ein paar Monate später die ersten Meldungen über die Kreditklemme des Emirats über den Ticker liefen, verstanden wir, warum. Keiner meiner Flops war so märchenhaft und so verrückt.“

Ein Flop, im Wüstensand versickert – was Enzensberger jedoch nicht davon abhält, immer weitere neue Ideen zu entwickeln: Diese bilden den zweiten Teil dieses amüsanten, so herrlich entspannten Buches.
Der Poesiebrunnen kam zwar nicht zum Sprudeln, einen Poesieautomaten konnte der Schriftsteller jedoch verwirklichen. Er steht heute im Eingangsbereich des Deutschen Literaturarchivs Marchbach.

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