LITERARISCHE ORTE: Hanns Heinz Ewers in der Festung

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„Was ist die Zuchtstrafe für einen Mann von der universalen Bildung, von der vielleicht überraffinierten Kultur Oskar [sic!] Wildes? – Ob er zu Recht oder zu Unrecht verurteilt wurde, ob der famose Paragraph ins Mittelalter gehört oder nicht, ist ganz gleichgültig, sicher ist, dass diese Strafe für ihn tausendfach härter war als für jeden anderen!“

Hanns Heinz Ewers, „Die Herren Juristen“, 1905.

Es war nur eine kurze Episode in einem an wilden Episoden reichen Leben, aber eine einschneidende Zeit: 1897 trat der Rechtsreferendar Hanns Heinz Ewers eine vierwöchige Festungshaft auf der Festung Ehrenbreitstein an. Sie war Folge eines Händels, der zuvor fast anderthalb Jahre vor Gericht ausgefochten worden war. Ewers hatte eine spiritistische Sitzung gesprengt, ihm war der Bruch des Ehrenworts vorgeworfen worden, das Ganze mündete in ein Duell und schließlich in Verurteilung und Haft. Ewers, der schon zuvor eher durch Skandale denn durch fleißiges Studieren auf sich aufmerksam gemacht hatte, wurde aus dem Staatsdienst entlassen. Damit war der Weg als freier Schriftsteller, Kabarettist und Filmemacher vorgezeichnet. Ewers wurde zu einem der erfolgreichsten deutschen Autoren jener Jahre und vollends zu einem Dandy, der ein skandalumwittertes Leben führte.

Der Stephen King der deutschen Literatur

Ob für Ewers die vier Wochen Ehrenbreitstein „tausendfach härter“ waren als für andere der damals anwesenden Häftlinge, ist nicht überliefert. Aber das Szenario der Einkerkerung, des Eingesperrtseins, das griff der „deutsche Edgar Allan Poe“, der „Stephen King“ der „Goldenen Zwanziger“ immer wieder in seinen Texten auf.

Joseph Niesen (1871 – 1943) führt in ein Portrait des Schriftstellers mit diesen Worten ein:

„Hanns Heinz Ewers, zu Be­ginn des 20. Jahr­hun­dert ein be­rühm­ter Avant­gar­dist, war zu Leb­zei­ten ein eben­so um­strit­te­ner wie be­wun­der­ter Au­tor und Fil­me­ma­cher. Sich selbst in der Nach­fol­ge von E.T.A. Hoff­mann (1776–1822) und Ed­gar Al­len Poe (1809–1849) se­hend, ist es sein Ver­dienst, das Phan­tas­ti­sche mit der fes­seln­den Dar­stel­lungs­kraft sei­ner Spra­che in den Deut­schen Ro­man ge­bracht zu ha­ben. Zu­dem mach­te er das deut­sche Pu­bli­kum als Her­aus­ge­ber und Über­set­zer mit der phan­tas­ti­schen Welt­li­te­ra­tur be­kannt. Ewers führ­te ein un­ste­tes, he­do­nis­ti­sches Le­ben, in dem er nichts aus­las­sen woll­te – Ex­pe­ri­men­te mit Dro­gen ein­ge­schlos­sen. Die Viel­zahl sei­ner Be­ga­bun­gen spie­gelt sich in der Viel­zahl sei­ner Tä­tig­kei­ten wie­der: vom Ka­ba­ret­tis­ten, über Dreh­buch­au­tor, Fil­me­ma­cher, Her­aus­ge­ber, Schrift­stel­ler und Tän­zer bis zum Schau­spie­ler reich­te das Spek­trum sei­nes Tuns. Ließ er sich auch kurz­zei­tig vom Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ver­füh­ren, so fand er durch sei­nen aus­ge­präg­ten Hu­ma­nis­mus je­doch bald wie­der zur Ver­nunft. Einst ein in­ter­na­tio­na­ler Star der „Gol­de­nen Zwan­zi­ger“, ge­hört er heu­te zu den Ver­ges­se­nen der deut­schen Li­te­ra­tur.“

Seine Wiederentdeckung heute ist vor allem der Tätigkeit von Marcus Born und Sven Brömsel zu verdanken, die den Band „Lustmord einer Schildkröte“ für „Die Andere Bibliothek“ editiert hatten. Sven Brömsel veröffentlichte zudem im Deutschlandfunk eine „Lange Nacht“ über den „Stephen King des wilhelminischen Kaiserreichs“.

Die Festung Ehrenbreitstein, in der sich der Wandel Ewers vom angehenden Juristen zum freien Schriftsteller als Wendepunkt festmachen lässt, ist heuer noch – oder besser wieder – einen Besuch wert. Schon die Kelten und Römer hatten diesen Platz hoch über dem Rhein für sich gewählt, später entstand dort, gegenüber von Koblenz mit Blick auf den Zusammenfluss von Mosel und Rhein, eine mittelalterliche Burg und bis 1801 eine barocke Festung. Nach deren Zerstörung wurde 1817 der Grundstein für die Festung, wie sie heute zu besichtigen ist, gelegt, 2011 wurde sie für die Bundesgartenschau restauriert.

Von Koblenz aus kann man vom Rheinufer beim „Deutschen Eck“ mit der Seilbahn bekommen übersetzen – und erhält einen herrlich Blick über das gesamte Tal. Neben dem ausgiebigen Parkgelände bietet die alte Festung selbst, bereichert durch wechselnde Ausstellungen und die Häuser des Landesmuseums Koblenz, viel Sehenswertes. Besuchen sollte man auch den malerischen Ort unterhalb der Festung, dort, wo Sophie von La Roche lange Zeit ein offenes Haus unterhielt, das zum literarischen Treffpunkt jener Jahre wurde (Goethe war natürlich auch da).


Mehr zu Hanns Heinz Ewers:

Bei Sätze&Schätze finden sich Besprechungen der Märchen: „Freche Fee und lustiger böser König“und derErzählungen: „Lustmord einer Schildkröte“

Ewers im Projekt Gutenberg: https://gutenberg.spiegel.de/autor/hanns-heinz-ewers-1171

Portal zur Festung Ehrenbreitstein:
http://tor-zum-welterbe.de/kulturzentrum-festung-ehrenbreitstein/


 

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Erich Mühsam: Sich fügen heißt lügen

Der Gefangene

Ich hab’s mein Lebtag nicht gelernt,
mich fremdem Zwang zu fügen.
Jetzt haben sie mich einkasernt,
von Heim und Weib und Werk entfernt.
Doch ob sie mich erschlügen:
Sich fügen heißt lügen!

Ich soll? Ich muß? – Doch will ich nicht
nach jener Herrn Vergnügen.
Ich tu nicht, was ein Fronvogt spricht.
Rebellen kennen bessre Pflicht,
als sich ins Joch zu fügen.
Sich fügen heißt lügen!

Der Staat, der mir die Freiheit nahm,
der folgt, mich zu betrügen,
mir in den Kerker ohne Scham.
Ich soll dem Paragraphenkram
mich noch in Fesseln fügen.
Sich fügen heißt lügen!

Stellt doch den Frevler an die Wand!
So kann’s euch wohl genügen.
Denn eher dorre meine Hand,
eh ich in Sklavenunverstand
der Geißel mich sollt fügen.
Sich fügen heißt lügen!

Doch bricht die Kette einst entzwei,
darf ich in vollen Zügen
die Sonne atmen – Tyrannei!
dann ruf ich’s in das Volk: Sei frei!
Verlern es, dich zu fügen!
Sich fügen heißt lügen!

Erich Mühsam, August 1919.

„Erich wie? Mühsam. Erich Mühsam. Tatsächlich wissen heute Viele mit dem Namen nichts mehr anzufangen. Auch in den Reihen der Buchhandlungen sucht man meist vergeblich nach ihm. Ein Symptom dafür, dass die kulturelle Erinnerungsarbeit außerhalb einiger kleiner linksintellektueller Kreise hier jahrzehntelang geschlafen hat. Oder – schlimmer Verdacht – gar schlafen wollte?“

So stand es 2003 in der „Zeit“ zu lesen, als zum 125. Geburtstag des Schriftstellers und Anarchisten Erich Mühsam ihm die Stadt München eine Ausstellung widmete. 2018 lenkt zumindest das Gedenkjahr an die 100 Jahre zurückliegende Revolution in Bayern und das kurze Experiment der Räterepublik wieder das Augenmerk auf diese Namen: Erich Mühsam, Gustav Landauer, Kurt Eisner. Eine Regentschaft der Poesie, schnell niedergeknüppelt.

Wer war dieser Mann, der zeitlebens den aufrechten Gang übte?
Biographisches in aller Kürze:
1878 in Berlin geboren, Kind jüdischer Eltern (1926 trat er aus dem Judentum aus), aufgewachsen in Lübeck. Dort wird der sprachlich begabte Schüler, der früh schon eigene Texte schreibt, 1896 vom Gymnasium wegen „sozialistischer Umtriebe“ verwiesen. Dem Wunsch des Vaters – der eine zeitlang die Lübecker Löwen-Apotheke, heute auch aufgrund ihrer Ausstattung ein Anziehungspunkt für Touristen, betrieb – beginnt Mühsam eine Lehre zum Apothekergehilfen. Das Verhältnis zum Vater bleibt schwierig, wie aus Mühsams Tagebüchern zu erlesen ist:

„Meines Vaters zweiundsiebzigster Geburtstag. Das Datum weckt in mir Gefühle, die fernab sind von kindlicher Freude und fröhlicher Mitfeier. Bei allen guten Gefühlen, die ich mir noch für meinen Vater erhalten habe, bei allem Respekt vor vielen Zügen seines Charakters, bei aller Sympathie, die wohl im Blut liegt, bei allem Mitleid an den mancherlei Nöten die er trägt, an denen selbst, zu denen ich Ursache bin – das Gefühl der Dankbarkeit, das doch im Empfinden des Kindes gegen die Eltern als das natürlichste gilt, ist mir völlig verloren gegangen. Wenn ich mich frage, wofür soll ich ihm danken? so fällt mir in der Tat nichts weiter ein außer der Tatsache, daß er mich gezeugt hat, und die Gedanken, die sich hieran anschließen, sind so bitter, daß sie mir Franz Mohrsche Betrachtungen nahelegen. Wahrhaftig! Daß er mich ernährt hat, erhebt ihn, der es ohne Not konnte, nicht über andre Menschen, nicht über arme Tagelöhner, die viele Kinder vor Hunger schützen und liebend betreuen. Daß er mir einige Schulbildung ermöglichte, solange bis ich selbst mich voll Ekel aus der Schule davonmachte, das ist kein Grund zu Dankgesängen. Tat er es doch gewiß nicht, um mich zu dem zu machen, was ich werden wollte und mußte, zu dem, was ich ward. Für seine Erziehung? Es steigt etwas wie Haß in mir auf, wenn ich daran zurückdenke, wenn ich mir die unsagbaren Prügel vergegenwärtige, mit denen alles, was an natürlicher Regung in mir war, herausgeprügelt werden sollte. Man kannte meine Neigung, Bücher zu lesen. Nie erhielt ich welche geschenkt, und als man dahinter kam, daß ich nachts heimlich aufstand, an den Bücherschrank der Eltern ging und mir die Werke Kleists, Goethes, Wielands, Jean Pauls herausholte, da verschloß man den Schrank und nahm mir die einzige Möglichkeit, meine tiefe Sehnsucht zu befriedigen. Geld bekam ich nie in die Hand.“

2. September 1910

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Gedenktafel für Erich Mühsam an einem Wohnblock in Oranienburg, Berliner Straße Ecke Erich-Mühsam-Straße. Bildquelle: By Jumbo1435 – Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=14039283

Ab 1901 lebt er in Berlin, lernt dort den Schriftsteller Gustav Landauer (Ehemann von Hedwig Lachmann) kennen, zu dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbindet. Hier fällt die Entscheidung, dem bürgerlichen Beruf nicht nachzugehen, hier wird Erich Mühsam zum freischaffenden Schriftsteller.

„Ich wollte Schriftsteller werden, beichtete ich meiner Mutter, als ich glaubte, ich würde es in der Apothekerlehre nicht mehr aushalten. Tränen, Begütigungen, Aufregungen. Schließlich hieß es: gut, mach dein Gehilfenexamen, dann darfst du Schriftsteller werden. Die Mutter starb. Um den Vater in seinem Gram nicht zu kränken, gab ich meiner Schwester Margarete das heilige Versprechen, bis zum Examen würde ich mich von aller Literatur und allen Interessen, die mich bewegten fernhalten, bis zum Gehilfenexamen. Ich hielt das Versprechen. Was es mich gekostet hat, kann kein Mensch ermessen. Ich machte auch das Examen. ¾ Jahre darauf tat ich, was ich tun wollte und mußte. Ich ging nach Berlin als Gehilfe und sprang von dort heraus – in die Neue Gemeinschaft. Jetzt war ich Schriftsteller. Mein Vater in Verzweiflung. Er wollte mich aushungern.“

2. September 1910

Nach Wanderjahren, die ihn nach München, Wien, Paris, Zürich führen, kommt er 1909 nach München. 1915 heiratet er Kreszentia Elfinger, seine „Zensl“: Obwohl anderen Frauen nach wie vor nicht abgeneigt, wird sie seine innige Lebensgefährtin, die ihm auch während der Jahre der Haft Stütze und Hilfe ist. Eines seiner humorvollen Gedichte gibt vielleicht auch die Richtung dieser Beziehung vor:

So warb der Sportsmann Max sein Weib Marie:
“Willst du es mit mir wagen, meine Teure?
Begleite mich zur ewigen Kahnpartie:
Ich rudre dich durchs Leben, und du steure!”

 

1918 wird Erich Mühsam erstmals zu sechs Monate Festungshaft wegen politischer Betätigung verurteilt. Das hält ihn jedoch nicht davon ab, nach der Entlassung wieder politisch aktiv zu werden. 1919 wird er, an der Seite seines Freundes Gustav Landauer, einer der führenden Köpfe der Münchner Räterepublik. Nach deren Niederschlagung wird Mühsam zu 15 Jahre Festungshaft verurteilt, fünf Jahre davon, bis zur Amnestie, verbringt er im Gefängnis in Niederschönenfeld (das Gefängnis zwischen Augsburg und Donauwörth existiert heute noch).

Am 15. Oktober 1921 schreibt er in sein Tagebuch:
„Vorgestern waren 30 Monate herum, seit ich von Zenzls Seite aus dem Bett geholt wurde. 2½ Jahre in Haft! Eine nette Spanne Zeit, die mir vom Leben gestohlen wurde. Heut aber ist ein Jubiläum, das auch nicht stillschweigend übergangen werden soll: 1 Jahr Niederschönenfeld! Der Teufel hol’s. Ein Jahr Daumenschrauben, immer fester, immer enger.“

1924 kaum entlassen, nimmt Mühsam, der inzwischen nach Berlin zurückgekehrt ist, seine politischen Tätigkeiten sofort wieder auf. Unmittelbar nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten wird Mühsam verhaftet, seine Bücher vom Regime verbannt und verbrannt. Knapp anderthalb Jahre „Schutzhaft“ übersteht Mühsam, ohne von seinen politischen Überzeugungen einen Deut abzurücken. In der Nacht vom 9. auf 10. Juli 1934 wird er von SS-Leuten im KZ Oranienburg ermordet. Zu Tode geprügelt und dann aufgehängt, erzählen Überlebende der KZ-Haft später.

Seine Worte brennen heute noch:

„Anarchie ist Freiheit von Zwang, Gewalt, Knechtung, Gesetz, Zentralisation, Staat. Die anarchische Gesellschaft setzt an deren Stelle: Freiwilligkeit, Verständigung, Vertrag, Konvention, Bündnis, Volk.

Aber die Menschen verlangen nach Herrschaft, weil sie in sich selbst keine Beherrschtheit haben. Sie küssen die Talare der Priester und die Stiefel der Fürsten, weil sie keine Selbstachtung haben und ihren Verehrungssinn nach außen produzieren müssen.“

Das Zitat entstammt einem Aufsatz zur Anarchie, erschienen im Kain-Kalender 1912 – die von Erich Mühsam herausgegebene Zeitschrift „Kain“ mit dem Untertitel „Zeitschrift für Menschlichkeit“ erschien von 1911 bis 1919, allerdings nicht in den Kriegsjahren.

Doch das politische Engagement ist nur eine Seite dieses Schriftstellers, der so viele Talente in sich trug – auch als Kabarettist und mit seinen Zeichnungen wußte er zu unterhalten.

Erinnernswert sind beispielsweise seine Schüttelreime:

„Man wollte sie zu zwanzig Dingen
in einem Haus in Danzig zwingen.“

Mühsam schüttelte neben (oder auch trotz) der zeitaufwändigen politischen Agitationsarbeit scheinbar mühelos noch zahlreiche humorvolle, satirische oder auch ganz liebevolle Texte aus dem Ärmel. Unter anderem schrieb er, beispielsweise gemeinsam mit Hanns Heinz Ewers, als „Onkel Franz“ auch für Kinder. Eines seiner Kindergedichte ist „Der Faulpelz“:

Der Faulpelz

Otto, Otto, lerne!
Lerne dein Gedicht!
Tust du es nicht gerne,
Hilft’s dir dennoch nicht.

In der Schule morgen
Weißt du dir es Dank. –
Otto sitzt in Sorgen
Auf der Gartenbank.

Otto sitzt in Kummer
Unterm Lindenbaum;
Und er sinkt in Schlummer,
Weiß es selber kaum.

Fanny und Lenore
Treiben mit ihm Spaß,
Kitzeln ihn am Ohre
Mit dem Zittergras.

Otto’s Geist ist ferne,
Und er merkt es nicht; –
Otto, Otto, lerne!
Lerne dein Gedicht!

Eines seiner bekanntesten Gedichte ist von zeitloser Aktualität:

Der Revoluzzer

War ein mal ein Revoluzzer
im Zivilstand Lampenputzer;
ging im Revoluzzerschritt
mit den Revoluzzern mit.

Und er schrie: “Ich revolüzze!”
Und die Revoluzzermütze
schob er auf das linke Ohr,
kam sich höchst gefährlich vor.

Doch die Revoluzzer schritten
mitten in der Straßen Mitten,
wo er sonsten unverdrutzt
alle Gaslaternen putzt.

Sie vom Boden zu entfernen,
rupfte man die Gaslaternen
aus dem Straßenpflaster aus.
zwecks des Barrikadenbaus.

Aber unser Revoluzzer
schrie: “Ich bin der Lampenputzer
dieses guten Leuchtelichts.
Bitte, bitte, tut ihm nichts!

Wenn wir ihn’ das Licht ausdrehn,
kann kein Bürger nichts mehr sehen.
Laßt die Lampen stehn, ich bitt! –
Denn sonst spiel ich nicht mehr mit!”

Doch die Revoluzzer lachten,
und die Gaslaternen krachten,
und der Lampenputzer schlich
fort und weinte bitterlich.

Dann ist er zu Haus geblieben
und hat dort ein Buch geschrieben:
nämlich, wie man revoluzzt
und dabei doch Lampen putzt.


Weitere Informationen:

Tagungen, eine Schriftenreihe, ein Erich-Mühsam-Preis, der Aufbau eines Archivs – dem hat sich die Erich-Mühsam-Gesellschaft verschrieben, die einen Platz im Lübecker Buddenbrookhaus fand (Mühsam und Thomas Mann waren am dortigen Katharineum Schulkameraden): www.erich-muehsam-gesellschaft.de

Seine umfangreichen Tagebücher, die einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der Zeitgeschichte leisten, sind in den vergangenen Jahren beim Verbrecher Verlag erschienen. Online zu finden sind sie hier.

Bild zum Download: Stolperstein für Erich Mühsam in Lübeck


 

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Hanns Heinz Ewers: Freche Fee und lustiger böser König

Heute wollen viele Mädchen wie Prinzessin Lillifee sein. Da wünschte man sich fast, die Eltern würden Hanns Heinz Ewers kennen und dessen Märchen. Und ihren Nachwuchs zur Abwechslung einmal damit vertraut machen. Pädagogisch klug wäre das freilich dann nicht, wenn man schon früh einen anpassungsfähigen Leistungsträger heranziehen will. Denn die Märchen dieses 1943 verstorbenen Kultautors, der heute leider beinahe vergessen ist, die sind gegen den Strich gebürstet. In diesen Erzählungen aus einem ganz eigenen Zauberkosmos spielt, tobt und regiert das wilde, ungebärdige, aber dennoch (oder gerade deswegen) ganz und liebenswerte Kind.

So morbide Hanns Heinz Ewers sich in seinen Werken für Erwachsene gab, so zauberhaft licht und leicht schrieb er für Kinder. Tatsächlich sind ja auch der „Lustmord einer Schildkröte“ und andere Erzählungen nichts anderes als phantastische, exotische, überbordernde Märchen für Erwachsene. Und während dort die Lust am Übertreten von Grenzen eine „gefährliche“ Seite hat und mit Drogenexzessen, Vodoo und Orgien einhergeht, drückt sich dieses Grenzenlose in seinen Geschichten für Kinder durch eine schier unbegrenzte Phantasie und einen verspielten Witz aus, der diese Märchen zu einem echten Lesevergnügen macht.

Eines meiner Lieblingsstücke erzählt von der Ginsterhexe oder „Wie der Fasching entstand“:

„Denn die Schwester ihrer Urgroßmutter, die Prinzessin Johanna Nepomuca Hubertina hatte damals, als sie noch ein junges Mädchen war, durchaus keinen Prinzen heiraten wollen, und auch keinen Grafen und keinen Fürsten oder Herzog. Die seien ihr alle viel zu dumm, hatte sie gesagt und dann hatte sie den krummbeinigen Zauberer Kakerlak geheiratet. Das hatte natürlich einen großen Skandal im ganzen Lande gegeben, aber darum hatte sich die Prinzessin gar nicht bekümmert. Sie war einfach mit Kakerlaken durchgegangen, war mit ihm durch die ganze Welt gereist und hatte überall herumgezaubert. Der alte Zauberer, der gar nicht mehr erwartet hatte, daß ihn auf seine alten Tage noch so ein hübsches, junges Prinzeßchen heiraten würde, gewann sie sehr lieb und lehrte sie zum Dank alle Zauberkunststücke und Hexengeheimnisse, die es auf der ganzen Welt gab.“

Man sieht: Prinzessin Johanna Nepomuca Hubertina ist ein echter Eigensinn, ein Original. Und davon gibt es in den Ewers-Märchen einige, die den Leser durch mehrere Geschichten begleiten: Die widerspenstige Lise, die auf ihrer Reise durch die Milchstraße sogar die Engelchen in ihren Schabernack einspinnt, den etwas schnöseligen Otto Bender aus gutem Hause, der von „Underdog“ Joseph Quetschbüdel zu allerlei Abenteuern verführt wird und vor allem Josephs Großmutter, die die herrlichsten Geschichten kennt.

Trotz seiner Drogenabstürze und politischen Verwirrungen bis hin zur Anbiederung an die Nazis – irgendwie bleibt einem dieser Autor gerade durch solche Geschichten sympathisch, denn man merkt diesen Märchen an: Hanns Heinz Ewers war und schrieb selbst wie ein großes Kind, voller Abenteuerlust, voller Lebensfreude und Lust am Fabulieren. Und dieser Spieltrieb sowie die unersättlich erscheinende Neugier auf die Welt, die den erwachsenen Schriftsteller zwar auf unzählige Reisen führten, aber auch oft genug in die Bredouille brachten, dies hat etwas Kindliches, das er sich und seinen Lesern auch in seinen Märchen bewahrt. Freilich setzt er sich damit auch in Gegensatz zur Welt der Erwachsenen oder nimmt diese ironisch aufs Korn:

„Die Feenprinzessin las also „Neueste Nachrichten“ und da sie natürlich gern die neuesten Nachrichten aus aller Welt kennen lernen wollte, so las sie weiter. Sie erfuhr, daß ein Kind sich ganz schrecklich verbrannt hatte, weil es unvorsichtigerweise mit Streichhölzchen gespielt habe, und das tat ihr sehr leid. Sie erfuhr auch, daß ein neues Denkmal enthüllt worden sei und daß jemand eine Rede dabei gehalten habe, und das war ihr ganz egal. Und dann stand noch in der Zeitung, wie hoch der Weizen im Preise stehe und wie hoch der Roggen und was ein Schwein koste und was ein Ochse. Und das war ihr erst recht gleichgültig. Aber vom Feenland stand gar nichts in der dummen Zeitung, und darüber ärgerte sich die Prinzessin Bora, sie hätte so gern was über ihre Verbannung gelesen. Aber sie wußte schon, woher das kam: seit nämlich der Herr Purzel Minister von Avalon war, wurde die Zensur dort ganz außerordentlich streng geübt, und das ist auch der Grund, warum wir Menschen so wenig Nachrichten vom Feenlande bekommen können.“

Dass die Leser heute wieder mehr aus dem Feenlande des Hanns Heinz Ewers lesen können, ist auch einem Mann mit zu verdanken: Sven Brömsel, der auch mitverantwortlich für den Band „Lustmord einer Schildkröte“ bei der Anderen Bibliothek war, ist ebenfalls Herausgeber von „Freche Fee und lustiger böser König“. Das Buch mit den Ewers-Märchen, die damit nach fast 100 Jahren erstmals wieder aufgelegt wurden, erschien in der schönen, liebevoll gemachten Reihe „Literarische Kunststücke“ (die auch andere literarischen Schätze, u.a. von Paul Heyse und Jean Paul zu bieten hat) beim Verlag Ripperger & Kremers und sei jedem mit Kind im Herzen an dasselbe gelegt.

Den Eindruck, hier schrieb das Kind im Manne, bestätigt Sven Brömsel in seinem fachkundigen Nachwort:

„Das Äußre ist ein in Geheimnißzustand erhobenes Innre – Die Novalis-Sentenz könnte als Motto für Hanns Heinz Ewers` gesamtes Schaffen dienen. Seine Märchen sind für die Zeit zwischen 1902-1905 sehr unprätentiös und bestechen noch heute, jenseits höherer Moral und politischer Korrektheit mit Charme und Lässigkeit. Und wirklich, der Dichter ist sein Leben lang – wie die Kunstfigur Jupp Quetschbüdel – ein Lausebengel geblieben.“

Gute Aufsätze, aber schlechte Manieren, ein renitentes Wesen, Schulverweis, Jurastudium und Ausflüge in die Halbwelt, Festungshaft und Studentenverbindung, Rauswurf wegen Faulheit und Impertinenz aus dem Staatsdienst, Varietékünstler, Schriftsteller, Frauenheld, Filmschaffender, Weltreisender und Skandalautor: Der Ewers hat beileibe nichts ausgelassen. Und alles ausgekostet – bis zur bitteren Neige, wie Sven Brömsel schreibt.

„Der gefeierte Autor, Filmemacher, Myrmekologe, Freund sphärischer Musen und realer Drogen hatte die Sinne für Tagespolitik verloren und glaubt, nunmehr 60-jährig mit einem Horst Wessel-Roman reüssieren zu müssen. Zum ersten Mal versucht er sich, mit seiner Kunst anzubiedern – und es wird ein miserables Werk. Aber es ist nicht schäbig genug, um den Nazis zu gefallen, denn es wird, neben seinen ganzen wundervollen Büchern, die auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden, verboten. Der magische Erzähler Hanns Heinz Ewers ist nun ein aus seiner Märchenwelt derb erwachter Autor und stirbt 1943 vereinsamt in Berlin.“

Das Märchenerzählen lag Hanns Heinz Ewers im Blut. Das Talent hat er von der Mutter, der er mit Johanna Nepomuca Hubertina unverkennbar ein literarisches Denkmal setzte. Ihr, der Märchenerzählerin, half HHE schon in frühen Jahren aus, geriet sie ins Stocken – seine Phantasie versiegte offenbar nie. Sein Freund Erich Mühsam schrieb 1904 über ihn, er habe eine neue Ära der Kinderliteratur eingeleitet:

„Im Gegensatz zu allen anderen Kinderbüchern vereinigt es die Anschaulichkeit, den plastischen Stil, die behagliche Vertrautheit, die notwendig ist, um sich dem Kinde verständlich zu machen mit einer erquickenden Phantasie, einem entzückend naiven Humor, und einem prachtvollen Verständnis für alles das, was das Leben in der Kinderseele pulsieren lässt.“

Ewers veröffentlicht zwischen 1901 und 1923 zahlreiche Märchenbücher. Für den vorliegenden Band wurden vor allem Geschichten aus den Jahren bis 1905 ausgewählt. Der Verlag ließ diese von Elena Zjazeva neu illustrieren.


Verlagsinformationen zum Buch:
https://verlag-ripperger-kremers.de/freche-fee-maerchen

Bild zum Download: Drehorgelfigur


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Hanns Heinz Ewers: Lustmord einer Schildkröte

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Bild von reneecporter auf Pixabay

„Dies ist keine sodomistische Geschichte. Es ist eine ganz einfache, wahre Geschichte, und alles, was dabei wüst ist, ist von oben bis unten von mir dazu gelogen worden. Das wird man gleich sehn – aber nur dadurch wurde eigentlich eine Geschichte daraus.“

Eine Warnung vorneweg: Das ist ein Buch für Erwachsene. Aber nicht für Erwachsene, die fürchten, „Michel von Lönneberga“ könnte blonde Schwedenbuben diskriminieren. Bevor aber falsche Erwartungen geweckt werden: Erwachsenenbuch meint nicht Erwachsenenbuch im Sinne Erwachsenenfilmecke. Es geht um Geschichten und nichts anderes als das – Geschichten jedoch, die düster, morbide, lasziv, exzessiv und hintersinnig sind.

„Als ich zwanzig Jahre alt war, wusste ich bestimmt: mir kann keine Frau etwas vormachen.
Als ich dreißig alt war, war ich dessen nicht mehr ganz so sicher.
Heute weiß ich: man lernt nie aus bei den Frauen. Immer neue Kunststücke hecken sie aus, um die männliche Tugend zu Fall zu bringen.“

Würde man politische Unkorrektheit als einen Maßstab anlegen, dann hätte Hanns Heinz Ewers (1871-1943) sein Maß mehr als erfüllt: Der deutsche „Edgar Allen Poe“ – dieser Ruf eilte ihm zu seiner Zeit voraus – schreckte vor nichts zurück. Kannibalismus, Voodoo-Kult, Rachemord und Mundraub, Drogenexzesse und andere Süchte waren seine Themen, degenerierte Adelige, rachsüchtige Halbseidene und weitere sinistre Gestalten sein literarisches Personal, Sodom und Gomorrha seine Zweitadresse. Im wahren Leben ließ er es ebenfalls krachen – ein schillernder Wanderer zwischen den Milieus und Kontinenten, einer, der sowohl auf Reisen in der Außenwelt als auch in die Innenwelt Grenzen überschritt. Einer, der international berühmt und berüchtigt war für Leben und Werk, und ab 1900 bis zum Ende der Weimarer Republik zu den Schriftsteller-Stars zählte: Ein skandalträchtiger Autor, ein Exot selbst in den „Goldenen Zwanzigern“, in denen es an Exzentrikern nicht mangelte. Freund von Erich Mühsam, Liebhaber von Else Lasker-Schüler, ein Lieblingskind der Boheme. Immer aber auch zwischen den Stühlen, für einen Aufruhr gut – Jünglinge fielen bei seinen Lesungen in Ohnmacht, die Damen der Unter-, Halb- und sonstiger Welt ihm zu Füßen. Und er kostete das alles reichlich aus – um letztendlich diese Lebenserfahrungen in Literatur zu wandeln.

„Meine Herrn, wir stehn in zwei Lagern, zwischen denen es eine Einigung nicht gibt. Sie vertreten den großen Humanitätsglauben, dass das Wohl des gesamten Menschengeschlechtes das einzige Kriterium sei, nach dem alle Dinge gemessen werden sollten. Mir dagegen ist das Wohl und Wehe der Menschheit vollständig gleichgültig.“

Zuletzt überspannte selbst er jedoch den Bogen deutlich, als er sich den Nationalsozialisten andiente, vielleicht auch von deren „esoterischen“ Seite, verkörpert durch Himmler & Co., stark angezogen fühlte – um dann dennoch die Verbrennung seiner „dekadenten“ Schriften miterleben zu müssen.

Heute gehört er zu den Vergessenen der deutschen Literatur. Auch der wunderbar aufgemachte Band „Lustmord einer Schildkröte“, der 2014 als Band 356 bei der Anderen Bibliothek erschien, hat noch nicht zu der vielleicht erhofften Ewers-Renaissance geführt – die Rezensionen in den Feuilletons der größeren Zeitungen sind überschaubar, Besprechungen kaum zu finden. Ein schöner Beitrag beim WDR findet sich zum Nachhören hier:
http://www.wdr3.de/literatur/lustmordeinerschildkroete104.html

Die abseitig-abgründige Themenwahl, die Kollaboration mit den Nationalsozialisten – sie verstellen heute wahrscheinlich den Blick auf das Werk. Dass HHE im Auftrag Hitlers ein Horst-Wessel-Buch schrieb (das jedoch missfiel und verboten wurde), erscheint heute – auch mit dem Hinweis, dass Ewers streckenweise ein von Drogen verwirrter, schillernder Vogel war – nur schwer entschuldbar.

„Ich möchte im Gegenteil behaupten, dass ich, insbesondere unter Künstlern, das Individuum noch nicht kennengelernt habe, das bis in den letzten Grund psychisch eingeschlechtlich zu nennen gewesen wäre. Unsere Mannheit in allen Ehren, aber sie hindert nicht, dass überall und immer wieder das Weibliche in uns zum Durchbruch kommt.“

„Es ist nicht auszuschließen, dass der etwas drogenzerrüttete Ewers die Nationalsozialisten kurzzeitigen mit seinem künstlerischen Ich des Nazi-Draufgängers der 1890er-Jahre kontextualisiert. (Anmerkung der Blogbetreiberin: Im zweiten Fall steht „Nazi“ für den mundartlichen Ausdruck für Schürzenjäger, den Ewers in einer frühen Erzählung nutzte)“, schreibt Sven Brömsel in seinem informativen Nachwort zu „Lustmord einer Schildkröte“. Jedenfalls: Ewers, 1932 in die NSDAP eingetreten, wird zwar als NS-Pressereferent für das Ausland eingesetzt, von vielen Nazi-Größen jedoch als suspekt und dekadent betrachtet. Und muss die Mesalliance teuer bezahlen: Verbrennung der Bücher, Veröffentlichungsverbot, durch die Nähe zu Röhm gerät Ewers auf die SS-Todeslisten und muss schließlich untertauchen. Und er bezahlt posthum bis heute – sein schillerndes Auftreten, als er sich noch neben Hitler und Goebbels sonnte, verdeckt seinen Einsatz für Opfer des Regimes, denen er zum Untertauchen und zur Flucht verhalf. Und es verdeckt bis heute den Blick auf sein Werk.

„Bittsteller ist in seiner Eigenschaft als Schulinspektor – in vierzehn Gemeindeschulen, einer Realschule, einer Bürgermädchenschule und einem Lehrerseminar – häufig Zeuge der schamlosesten Vorgänge. Unter Anleitung der Lehrer, die darin nur den vorgeschriebenen Unterrichtsbüchern folgen, werden die jungen Seelen genötigt, das Geschlechtsleben der Pflanzen bis in die kleinste Einzelheit zu studieren. Ohne mit der Wimper zu zucken, führt der Lehrer die reinen Gemüter in einen Pfuhl des Lasters, in ein Sodom der unerhörtesten Perversionen.“

Aber seine Literatur war frei von der nationalsozialistischen volkstümelnden Ideologie, frei von Blut-und-Boden-Romantik, wenn auch nicht frei von rassistischen Anwandlungen. Letztere sind einesteils im Kontext der Zeit zu werten, andererseits gehören sie aber auch zur Kunst der Provokation, die Ewers pflegte. Ein ständiger Tabubrecher, der politische Korrektheit ad absurdum führte und in seinen Texten versuchte, die moralische Basis seiner Leser zu erschüttern. Er war ein Weltbürger und Überschreiter von Grenzen – im Leben schritt er jedoch oftmals leider auf die falsche Seite. Seine letzten Worte an seine Sekretärin waren: „Jennylein, was war ich für ein Esel!“

Die politischen Verwirrungen, aber auch die Einordnung als „Paradiesvogel“, vielleicht auch als Zeiterscheinung einer dekadent anmutenden Ära sind es, die eventuell bis heute den Zugang erschweren. So meint man auch bei der Hanns-Heinz-Ewers-Gesellschaft, HHE sei vergessen, weil:

Dafür gibt es eine ganze Reihe von ernstzunehmenden Gründen. Schon zu Lebzeiten wurde Ewers mit heftigen Vorwürfen konfrontiert: Zu dekadent war seine Themenwahl, die kaum ein Tabu der damaligen Zeit ausließ. Später kollaborierte er fatalerweise mit dem Dritten Reich, freilich ohne dabei sein Engagement für die Gleichberechtigung der Juden aufzugeben.

Ewers, der seine künstlerische Laufbahn als Kabarettist begann, saß stets zwischen allen Stühlen. Er schrieb erfolgreich satirische Fabeln, in denen er scharfzüngig das Spießbürgertum attackierte, im gleichen Atemzug veröffentlichte er liebevoll gestaltete Märchenbücher für Kinder. Mit der meisterhaften Schilderung der Femme Fatale „Alraune“ erlangte er Weltruhm und avancierte zum meistverkauften deutschen Autor seiner Zeit. Außerdem ging Ewers als einer der ersten Filmpioniere in die Geschichte ein, mit „Der Student von Prag“ erfand er den Autorenfilm und schrieb Dutzende Drehbücher, bis er schließlich von den Nazis Schreibverbot erhielt und damit bis zu seinem Tode praktisch mundtot gemacht wurde.

Der Einfluss von Hanns Heinz Ewers auf die phantastische Literatur, insbesondere in Frankreich und den USA, darf nicht unterschätzt werden. In Deutschland half er, die Geisteshaltung und die Mentalität der Weimarer Republik und der „Goldenen Zwanziger“ zu prägen: Zu auflagenstark waren seine Romane, zu präsent war seine persönliche Erscheinung im öffentlichen Leben, um übersehen zu werden. Selbst Bertolt Brecht sah sich gezwungen, sich mit dem „Fachmann für Entschleierung“ auseinanderzusetzen. Dennoch findet Ewers in der herkömmlichen Literaturgeschichtsschreibung nicht mal als Fußnote Erwähnung.

Lässt man alle Vorbehalte beiseite, so kann man mit „Lustmord einer Schildkröte“ tatsächlich eine literarische Welt entdecken, die lustvoll in ein dunkles Fantasia entführt. Aus dem enormen Œvre Ewers, der unheimlich, fast schon magisch produktiv war, haben Marcus Born und Sven Brömsel eine Auswahl aus den Erzählungen getroffen, die die ganze düstere und zugleich kunterbunte Welt abbilden, die diesem herrlich ver-rückten Schriftstellergehirn entsprungen sind.

„Mit seiner Leidenschaft für die Abgründe der menschlichen Psyche, der entgrenzenden Erotik und der Schilderung von Spielarten des Todes provoziert Ewers seine Leser.“ Dies als Zitat aus dem Verlagstext. Zwischen „Schwarzer Romantik“ und „Bildmagischer Avantgarde“ finden sich aber auch kurze Prosastücke, in denen Ewers in der Manier à la Tucholsky und Ringelnatz sowohl Spießbürgertum als auch Hautevolee karikiert, die großes Vergnügen bereiten – sei es die Petitesse „Sie haben meine Mutter gekannt…“, der spielerisch-versponnene „Lustmord einer Schildkröte“ bis hin zu „Die Petition“ und der leise-melancholischen Erzählung vom ehrgeizigen, aber einsamen Briefkasten.

Tatsächlich erreichen es die Erzählungen bis heute noch, dass man als Leser ab und an mit dem Atem stockt, eigene Positionen hinterfragt oder einfach auch voyeuristisch auf die Seiten linst. Es sind Geschichten – abgründig, lebenssatt, grenzüberschreitend, augenblinzelnd, mitreißend. Korrekte, fade, blutleere Geschichten gibt es genug – und deshalb empfehle ich: HHE lesen.

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