Ilsa Barea-Kulcsar: Telefónica

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Bild von Stefan Kuhn auf Pixabay

„Anita zog langsam den Mantel an, langsam, weil sie nicht zittern wollte und ihre kalten Hände ungeschickt waren, und schob die Aktentasche fest unter die Achsel. Sie löschte die kleine, blauverhüllte Tischlampe und schob den schwarzen Vorhang vom Fenster. Die Straße brannte: Brandbomben. Von hier oben aus sah sie, daß es nur Laufflammen waren, sie sagte sich, daß das Straßenpflaster nicht brennen könnte, aber sie schüttelte das lähmende Schreckgefühl nicht ab. Es war wie der Kindertraum vom Feuer, das näher und näher kommt, während man sich nicht rühren kann.“

Ilsa Barea-Kulcsar, „Telefónica“.

Heute ist das Edificio Telefónica eines von mehreren Prachtgebäuden an der Gran Vía in Madrid. Bei seiner Errichtung in den 1920er-Jahren war es als erstes Hochhaus in Europa ein Symbol der kapitalistischen Macht: Sitz der Telefongesellschaft, die jedoch komplett in amerikanischer Hand war. Knapp 20 Jahre später errang die „Telefónica“ eine neue Bedeutung – im von Kämpfen umtobten Madrid wurde es zur Kommunikationszentrale für die Verteidiger der Republik, zum Sitz der ausländischen Kriegsberichterstatter, zum Hort für Flüchtlinge und Kriegsopfer.

Die Telefónica überstand den Spanischen Bürgerkrieg, ebenso wie jene Frau, aus deren Feder dieser außergewöhnliche Roman stammt: Ilsa Barea-Kulcsar (1902 – 1973) war selbst als Journalistin im Spanischen Bürgerkrieg in der Zensurbehörde im Einsatz. So spannend und eindrücklich wie ihr einziger Roman, der 1949 in Fortsetzungen in der „Arbeiter-Zeitung“ erschien und nun erstmals vom Verlag „edition atelier“ als Buch herausgegeben wird, so spannend war auch das Leben dieser beeindruckenden Frau.

Ilse Wilhelmine Elfriede Pollak Kulcsar de Barea, so ihr voller Name, engagierte sich schon in ihrer Jugend in sozialdemokratischen und sozialistischen Vereinigungen, mit ihrem ersten Ehemann Leopold Kulcsar trat sie dann in die Kommunistische Partei ein. Bei einem Auftrag, den sie für die Sowjets ausführte, wurde sie in Ungarn verhaftet – nachdem die Kommunisten ihr jedoch weder finanziellen noch juristischen Beistand lieferten, kehrte sie 1926 zur Sozialdemokratischen Arbeiterpartei zurück. Wegen ihrer klaren Haltung gegen Dollfuß und den Austrofaschismus musste das Paar ins Exil fliehen: In der Tschechoslowakei trennen sich dann auch die Wege von Leopold und Ilse, die 1936 nach Spanien geht, um dort am Kampf gegen die Faschisten, die versuchen, die junge Republik zu stürzen, teilzunehmen. Die österreichische Journalistin wird Leiterin der Pressezensurstelle – ihre Aufgabe ist es, die Artikel der Journalisten zu prüfen und damit zu verhindern, dass die Falange entscheidende Erkenntnisse über den Zustand der republikanischen Mächte erlangt. In der Zensurbehörde lernt sie einen für sie wichtigen Menschen kennen: Den spanischen Schriftsteller Arturo Barea, der später ihr zweiter Mann wird und mit dem sie nach der Niederlage der spanischen Republik über Frankreich schließlich nach England emigriert. Erst nach Arturos Tod kehrt Ilsa Barea-Kulcsar nach Österreich zurück, wo sie sich erneut für die Sozialdemokraten engagiert.

Der Lebenslauf der Autorin, Journalistin und Übersetzerin wird im Nachwort des Germanisten Georg Pichler, der an der Universidad de Alcalá in Madrid lehrt und ein ausgewiesener Kenner der literarischen Verarbeitung des Spanischen Bürgerkriegs ist, ausführlich geschildert – das ist notwendig, denn Leben und Roman gehen bei „Telefónica“ ineinander über, sind nicht zu trennen. In ihrer fiktiven Verarbeitung ihrer Monate in der Zentrale des Widerstands erzählt Barea-Kulcsar von all den politischen und persönlichen Verwicklungen, von denen diese Monate geprägt waren.

Denn unter den Verteidigern der Republik toben eigene Machtkämpfe: Kommunisten und Anarchisten beäugen sich misstrauisch, den militärischen Vertretern im Kampf gegen die Falange wird allgemein der Willen zum Verrat unterstellt. In diese Atmosphäre kommt die Deutsche Anita, die aufgrund ihrer Haltung zur Zensur – sie möchte die Journalisten dazu bewegen, eindrücklicher über die Nöte der Zivilbevölkerung, die unter dem Dauerbombardement auf Madrid leidet, zu berichten und die bequeme Haltung der Neutralität zu verlassen – bald ebenfalls auf Argwohn stößt. Die Arbeiter in der Telefónica diskutieren über sie:

„Ich weiß nicht, was der Pressechef für ein Mann ist. Er ist Ministerialbeamter. Diener des Sklavenstaates, das ist genug (…) Ich bin ein grober Kerl, nicht so gebildet wie du, ich spreche nichts als Spanisch, aber ich spreche die Sprache der revolutionären Massen. Ich kann keine Reden halten und bin nichts als ein einfacher Arbeiter, aber was du mir vorgelesen hast, verstehe ich: wenn die Frau keine Spionin ist, so ist sie eine Saboteurin der Revolution.“

Das käme einem Todesurteil gleich, wäre da nicht der militärische Kommandant in der Telefonzentrale Spaniens, der seine schützende Hand über die Journalistin hält. Zwischen den beiden entspinnt sich, trotz ihrer Unterschiede, eine zarte Liebesgeschichte – auch daran zeigt sich, wie sehr Ilsa Barea-Kulcsar eigenes Erleben in diesen Roman einfließen ließ. Ob auch die Frauen des Kommandanten – Ehefrau und Geliebte – der Realität entstammen, weiß ich nicht. Doch hier zeigt sich das große Manko des Romans: Obwohl von einer Frau geschrieben, wirken viele der Frauengestalten in diesem Buch schablonenhaft, gefangen in ihren konventionellen Rollenbildern – die hüftschwingende Geliebte, die keifende, selbstsüchtige Ehefrau. Zwar treten dem auch Frauengestalten entgegen, die mit aller Leidenschaft und unter vielen Opfern für Freiheit, Gleichheit und die Republik eintreten – doch die weibliche Konkurrenz um den Mann im Mittelpunkt ist arg klischeehaft beschrieben.

Abgesehen davon ist „Telefónica“ ein Roman, der, nachdem man sich etwas über den Spanischen Bürgerkrieg eingelesen hat, eine eigene Dynamik entfaltet: Die ganze Dramatik –hier die untereinander verstrittenen Parteien im republikanischen Lager, dort die faschistischen Angreifer, gestärkt durch Deutschland und Italien – entfaltet sich wie in einem Kammerspiel in den Stockwerken des Madrilener Hochhauses. Letzteres ist die eigentliche Hauptfigur des Romans: Man fühlt beim Lesen fast die klaustrophobische Enge in den verdunkelten Treppengängen, die ständige Gefahr, von Bomben getroffen zu werden, die Angst der Frauen und Kinder, die in den Kellern untergebracht sind.

Weit weniger melodramatisch als Hemingways (der übrigens auch wie Gustav Regler und John Dos Passos aus der Telefónica berichtete) „Wem die Stunde schlägt“ ist Ilsa Barea-Kulcsars Roman ein beeindruckendes Zeugnis über den Spanischen Bürgerkrieg. Dass es nun erst so spät als Buch veröffentlicht wird, mag an mehreren Faktoren liegen. Einen davon deutet Georg Pichler in seinem Nachwort an:

„Ilse Wilhelmine Elfriede Pollak Kulcsar de Barea – eine Aneinanderreihung von Nachnamen, die das Leben der Autorin treffend widerspiegeln. Und die auch als Beleg dafür stehen kann, dass Ilsa Barea-Kulcsar – wie viele andere Schriftstellerinnen und Intellektuelle ihrer Zeit – meist im Schatten der Namen ihrer zwei Ehemänner stand, obwohl sie ihnen an Intelligenz und Talent zumindest ebenbürtig war.“

Mehr Informationen zum Buch:
Ilsa Barea-Kulcsar
„Telefónica“
Edition Atelier 2019
Gebunden, Halbleinen, Lesebändchen, 354 Seiten, 25 Euro
ISBN 978-3-99065-017-2

Besprechungen:
Katharina Adler in der Süddeutschen Zeitung: „Wiederentdeckt“


 

 

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Was suchen wir hier? Gustav Regler in Mexiko

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Bild von Andii Samperio auf Pixabay

Ein Gastbeitrag von Dr. Jürgen Neubauer

Als Gustav Regler und seine Frau Marieluise im Frühsommer 1940 auf der Flucht vor den Nationalsozialisten nach Mexiko kamen, hatten sie nicht die geringste Vorstellung, was sie dort erwartete und was sie dort sollten. „Was suchten wir drüben? Was erwarteten wir?“, schrieb Regler später. Die beiden waren nie auf den Gedanken gekommen, nach Mexiko zu gehen und wussten nichts von dem Land. Doch da Regler Kommunist war und in Spanien gegen Franco gekämpft hatte, ließen die Amerikaner die Flüchtlinge nicht bleiben, und so mussten sie nach Mexiko weiterreisen. Hier wurden sie als Antifaschisten mit offenen Armen aufgenommen.

Als jemand, der in Mexiko lebt und über das Land schreibt, interessiere ich mich fast naturgemäß für andere deutschsprachige Autoren, die über das Land geschrieben haben: Harry Kessler, der rote Graf, der Ende des 19. Jahrhunderts nach Yucatán reiste; der Archäologe Eduard Seler, der wenig später die Huasteca erkundete; die Abenteuerschriftsteller Friedrich Gerstäcker und B. Traven mit ihren abenteuerlichen Biografien; oder der rasende Reporter Egon Erwin Kisch, der ein Jahr nach den Reglers nach Mexiko kam und für die kommunistische Exilzeitung landauf landab reiste.

Gustav Regler, der am 25. Mai 1898 in Merzig im Saarland zur Welt gekommen war, hat für mich jedoch einen ganz besonderen Reiz, weil er wider Willen nach Mexiko kam, und weil er ein Suchender war, der sich das Leben und Schreiben nie leicht machte. Immer saß er zwischen allen Stühlen, überall eckte er an, mit allem lag er überkreuz. Als einstiger Katholik hatte er sich mit Glaubenseifer in den Kommunismus gestürzt, und nach dem Hitler-Stalin-Pakt hatte er sich genauso leidenschaftlich mit den Genossen überworfen. Als die Vereinigten Staaten dem vermeintlich fanatischen Kommunisten die Tür wiesen, war aus ihm längst ein fanatischer Antikommunist geworden. Und dass dieser so europäische und rationale, wenngleich impulsive, dialektische Materialist nun ausgerechnet nach Mexiko kam, in dieses exotische, irrationale und magische Land, war nur eine weitere von vielen Verkantungen in seiner Biografie.

Schon die Ankunft der Reglers in Mexiko stand unter keinem guten Stern. Das einzige, was sie sich von dem Land erhofften, war „Erholung von der Gefahr und unseren utopischen Verirrungen“. Doch Erholung war ihnen nicht vergönnt, und die Verirrungen holten sie schon ein, kaum dass sie einen Fuß ins Land gesetzt hatten. Als sie im Zug vom Hafen in die Hauptstadt eine Zeitschrift aufschlugen, grinste ihnen die Leiche Trotzkis entgegen, der wenige Wochen zuvor in Coyoacán von stalinistischen Häschern ermordet worden war. Marieluise warf die Zeitung aus dem Fenster, doch das Unheil nahm seinen Lauf.

In der Hauptstadt suchten die Reglers zunächst die Nähe der anderen deutschen Flüchtlinge, doch schon bald bewahrheiteten sich die Ängste, wie Gustav später in seiner Autobiografie Das Ohr des Malchus schilderte:

Das gelobte Land war da! Man verabschiedete nicht nur das Gestern, sondern auch das Heute; man konnte seine Erinnerungen abwerfen wie schmutzige Verbände. Wir lebten viele Monate in diesem Glück, aber dann brachten die Schiffe die früheren Freunde an die sicheren Ufer von Mexiko, und alles änderte sich. Die KP gab einen Geheimbefehl: „Regler ist nicht mehr mit uns, also ist er gegen uns.“ Bibelfeste Kommunisten! Sie hatten Erfolg. Am nächsten Tag war ich ein Himmler-Agent.

Marieluise drängte Gustav, die Stadt zu verlassen und in den Urwald zu ziehen. Stattdessen mieteten sie ein Gartenhäuschen zwischen San Ángel und Coyoacán im Süden der Hauptstadt, wo auch Frida Kahlo, Diego Rivera und viele andere Künstler lebten.

Hier war Marieluise – Mieke, wie sie genannt wurde – in ihrem Element. Als Tochter des Malers Heinrich Vogeler war sie in der Künstlerkolonie Worpswede aufgewachsen und selbst Malerin. Anders als Gustav ließ sie sich von Mexiko faszinieren, sog gierig alles Neue auf, flog an den Pazifik und stieg auf die Pyramiden von Teotihuacán. In Mexiko lernte sie Surrealisten wie Leonora Carrington, Remedios Varo, Alice Rohan, Wolfgang Paalen und Onslow Ford kennen und entdeckte eine neue Wirklichkeit für sich, die den armseligen Materialismus, dialektisch oder nicht, weit hinter sich ließ. Für sie und ihre neuen Freunde war Mexiko das surrealistische Land schlechthin, und ein weit aufgesperrtes Tor zum Unbewussten. Bei Wolfgang Paalen las sie den Satz „die Stufen der Pyramide, deren Gipfel über die Leere der Vernunft hinausragt“ und war begeistert.

Dorthin vermochte ihr der rationale Gustav nicht zu folgen. Auch von Coyoacán aus wetterte er gegen die einstigen Weggefährten und verstrickte sich in ideologische Handgemenge. Die Folgen ließen nicht auf sich warten. „Ein Pestkordon legte sich um unser Leben“, schrieb er später. Die Angst kam zurück, finstere Gestalten standen vor ihrer Tür. Während die Reglers unterwegs waren, räumten Einbrecher das Gartenhaus so gründlich aus, als seien sie mit einem Möbelwagen vorgefahren. Die Kommunisten agitierten weiter. Egon Erwin Kisch, zu Berliner Zeiten ein Freund von Mieke, warf Gustav in einem Zeitungsartikel vor, Kommunisten verraten zu haben, um in die Vereinigten Staaten ausreisen zu dürfen. Lüge oder nicht, diese Anschuldigung hatte lange Beine: Als Gustav wenig später ein Einreisevisum für die Vereinigten Staaten abholen wollte, zuckte der Konsul bedauernd die Schultern: abgelehnt. Am selben Abend eröffnete ihm Mieke, dass sie Brustkrebs hatte. Wie im Delirium dachten die beiden eine Nacht lang über Selbstmord nach, doch als am nächsten Morgen die Sonne aufging, entschieden sie für das Leben und für ihre neue Heimat Mexiko.

Jede Minute ist kostbar … Wenn wir es tun, ist alles für immer erloschen, Augen, Stimmen, die Farben – was ist der Sinn? … Warum sollten wir nach dem Norden ziehen? Hier ist unser Ägypten – Mexiko hat alles: unberührbare Berge, undurchdringliche Wälder, Felsen mit wehenden Wasserschleiern, Buchten, die nie ein Kriegsschiff verschmutzt hat, Indios, die Spielzeuge weben, Orchideen mit bienenkleinen Blüten, Dörfer, die noch im Anfang aller Zeiten liegen – warum weglaufen und nicht wissen, wohin man rennt?“

Wo sie nun schon einmal in diesem geheimnisvollen Land gestrandet waren, wollten sie es auch entdecken. Das sollte neuen Sinn stiften, wo es keinen mehr gab. Doch da Mieke bald zu schwach war, um selbst zu reisen, machte sie Gustav zu ihrem Auge und schickte ihn nach Papantla, Puebla, Oaxaca, und in immer neue Winkel. Während er unterwegs war, schrieb sie ihm Briefe, mit denen sie ihn wie an der Hand durch Mexiko führte.

So folgten mir Briefe auf meine Reisen, Ratschläge, die meine Abenteuer reicher gestalten sollten. Sie hatte sorgfältig den archäologischen Atlas des Landes studiert, ließ mich von unausgegrabenen Stätten wissen, lenkte mich von einer Gräberstadt zur anderen, verlangte Telegramme über Funde, die ich gemacht hatte, beschrieb mir die rätselhaften monticuli, denen ich am nächsten Tag begegnen würde, peitschte mich auf mit den Lockungen neuer Fata Morganas, ließ mich ihre Krankheit vergessen; die route imperial der wundersamen Entdeckungen schien kein Ende zu haben; immer tiefer führte sie mich ins Land hinein.

Wenn Gustav dann nach Hause kam, dann zeichnete und malte Mieke, was er ihr schilderte. Von ihrem kleinen Garten in Coyoacán aus spürte sie Mexiko und seine Magie inniger als er. Er wollte nicht mehr reisen, wollte nur bei ihr sein. Doch als im Februar 1943 in Michoacán ein neuer Vulkan aus dem Boden brach, drängte sie ihn, nach Uruapan zu fahren und ihr das Naturschauspiel zu beschreiben, und später schickte sie ihn nach Janitzio, um den Tag der Toten für sie zu sehen. So entdeckte schließlich auch Gustav Mexiko.

Aus dieser Zeit stammt eines der letzten gemeinsamen Fotos des Paars, das in ihrem Garten in Coyoacán aufgenommen wurde. Sie sitzt zerbrechlich auf einem Klappstuhl, einen Rebozo um die Schultern gelegt, während er neben ihr auf dem Boden kniet und liebevoll einen Arm um ihre Knie gelegt hat. Er scheint ihr etwas ins Ohr zu flüstern, sie lächelt verschämt und blickt zu Boden. Sie rang noch fast zwei Jahre lang mit dem Krebs, dann starb sie am 21. September 1945.

Nach ihrem Tod flüchtete sich Gustav in die Arbeit und folgte dem Weg, den ihm Mieke vorangegangen war. Jetzt kam er auf den Gedanken, über Mexiko zu schreiben. Zwei Jahre später war sein Reisebuch Vulkanisches Land fertig. Auch wenn er Mieke mit keinem Wort erwähnt, war das Buch sein Denkmal für sie, die ihn von ihrem Garten in Coyoacán ausgesandt hatte, um das Land für sie zu erkunden. Auf jeder Seite ist sie zu spüren, und auf jeder Seite fehlt sie.

Vulkanisches Land ist nicht einfach ein Reisebericht, sondern Reglers Ringen mit Mexiko und seinem eigenen Schicksal. Als Untertitel wählte er Ein Buch von vielen Festen und mehr Widersprüchen, doch die Widersprüche sind vor allem seine eigenen – die eines in der Rationalität gefangenen Menschen in einem fremden Land, das ihm irrational erscheint. Kein Wunder, dass in seinem Buch recht wenig von der Sinnlichkeit und Sinnenfreude Mexikos zu spüren ist. Regler kennt kaum Geschmäcker und Gerüche, kaum Geräusche und Gefühle, kaum Formen und Farben. Er ordnet und ackert und grübelt und rechtet und windet und quält sich. In keinem Moment kommt er Mexiko so nahe, wie Mieke es war. Ihm geht ihre Seele ab. Und doch sieht er als Ungeborgener Dinge und spürt Abgründe, wie sie ein Kisch mit seinen ideologischen Gewissheiten nie gesehen hätte.

Das Buch war kein Erfolg, ebensowenig wie sein schmaler historischer Roman Amimitl, der ebenfalls 1947 bei einem kleinen Verlag im Saarland erschien. In Deutschland hatte man zu dieser Zeit andere Sorgen und interessierte sich nicht für ferne Länder. Für Gustav war es trotzdem eine Befreiung. Kaum war es erschienen, reiste er zum ersten Mal wieder nach Deutschland.

Bibliografie

Vulkanisches Land. Ein Buch von vielen Festen und mehr Widersprüchen (1947). Göttingen: Steidl, 1987.

Amimitl oder Die Geburt eines Schrecklichen (1947). In: Werke, Band 7. Basel/Frankfurt: Stroemfeld/Roter Stern, 1995.

Das Ohr des Malchus. Eine Lebensgeschichte (1958). In: Werke, Band 10, Basel/Frankfurt: Stroemfeld/Roter Stern, 2007.

Jürgen Neubauer

Der Autor dieses Gastbeitrages, Jürgen Neubauer lebt seit 2004 in Mexiko. 2017 veröffentlichte er seinen literarischen Reisebericht „In Mexiko“, mehr dazu gibt es auch auf seinem Blog zu lesen: „In Mexiko“https://inmexiko.wordpress.com/.
Da einer meiner Schwerpunkte als Leserin die Literatur der Weimarer Republik ist, war für mich Gustav Regler, über den Jürgen auch in seinem Buch schreibt, von besonderem Interesse. Ich freue mich sehr über diesen Gastbeitrag zu Reglers 120. Geburtstag und bedanke mich nochmals herzlich bei Jürgen für diese Bereicherung meines Blogs. Auch bei ihm wird heute ein Beitrag über Regler und dessen Jahre in Mexiko erscheinen – ich wünsche uns viele interessierte Leser!

Zum Beitrag: „Exil in Mexiko“: https://inmexiko.wordpress.com/2018/05/24/die-reglers/

 

 

Jürgen Neubauer: In Mexiko

„Nachmittags liege ich in der Hängematte und lese. Oder ich sitze drin auf der Empore und schreibe ein paar Zeilen in mein Laptop. Seit dem Temazcal treibt mich die Frage um, was ich denn wirklich in Malinalco suche. Dabei stoße ich auf andere, die auf der Suche nach sich selbst, einem sicheren Hafen oder etwas anderem nach Mexiko gekommen oder hier gestrandet sind. Die Spanier natürlich, die Gold und Ruhm suchten und in Mexiko ein Weltreich fanden. Maximilian von Habsburg, der sein Weltreich suchte und in Mexiko nur Trug und Tod fand. Alexander von Humboldt, der verstehen wollte, was die Welt im Innersten zusammenhält, und in den mexikanischen Salons herumgereicht wurde. Die Mennoniten, die das Paradies suchten und in Mexiko Käse und Honig fanden. Die Kommunisten und Juden, die in Mexiko Zuflucht vor Hitlers Häschern suchten und eine neue Heimat fanden. Oder die Surrealisten, die in die Nacht des Unbewussten hinabsteigen wollten und feststellten, dass sie dazu in Mexiko nur auf die Straße gehen mussten. Es gibt nichts, was man in Mexiko nicht suchen und wenig, was man nicht finden kann – auch wenn beides nicht übereinstimmen muss.“

Jürgen Neubauer, „In Mexiko. Reise in ein magisches Land“, 2017, Verlag Twentysix, ISBN 9783740735227

Abgestoßen vom Moloch der Großstadt, abgekämpft vom Stress des Arbeitslebens, beschließen der Autor und Übersetzer Jürgen Neubauer und seine Frau Lulú der mexikanischen Hauptstadt den Rücken zu kehren. Ein Neuanfang soll es sein, der Umzug nach Malinalco, der als magisch um- und beworbenen Heimat der aztekischen Göttin Malinalxóchil.

„Auf unseren Wochenendausflügen haben wir uns ausgemalt, wie es wohl wäre, in diesem Dorf zu leben. Das Spiel endete immer in ungläubigem Lachen. Dass wir nun dorthin ziehen, damit überraschen wir uns selbst. Was wir dort suchen, das wissen wir auch nicht so genau. Lulú sich selbst. Und ich? Mindestens das Paradies.“

Zwar wird Malinalco, in dem das Paar schnell Anschluss findet zu jüngeren Einheimischen sowie zu einer Gruppe etwas skurriler wohlhabender Zugezogener, auch nur ein Paradies auf Zeit – doch die Monate hinterlassen einen prägenden Eindruck. In seinem „literarischen Reisebericht“ beschreibt Jürgen Neubauer Land und Leute so lebendig, so plastisch, dass man sich selbst in einem der Gemälde von Frida Kahlo oder Diego Rivera wähnt. Und dies, ohne auf die üblichen Mexiko-Klischees zurückzugreifen, sondern mit einem tiefen Verständnis für eine Kultur, in der es kein Widerspruch ist, für sein Seelenheil in einer der zahllosen Kirchen zu beten, zugleich das Terrain notfalls auch mit Gewalt gegen die Mönche zu verteidigen, im Jeep durch die Gegend zu brettern und zugleich bei Darmbeschwerden eine Heilerin aufzusuchen.

Doch auch das Dorf, das das Paar nach knapp einem Jahr wieder verlässt, verändert sich:

„Wie einst die Konquistadoren und die Bettelmönche sind die unsichtbaren Kräfte der Globalisierung und der Rationalisierung über Malinalco hergefallen und im Begriff, mit der Pest des Kapitals und der Religion der Selbstoptimierung auch noch die letzten Reste seiner Kultur auszulöschen. Dabei sind die Politiker von heute nicht besser als die Kaziken von damals, die ihr Dorf an die Eroberer verraten haben, um vielleicht ein Krümelchen vom Kuchen abzubekommen. Wahlen? Die Malinalca haben die Wahl zwischen Pocken, Masern und Keuchhusten.“

Jürgen Neubauer, der nach Stationen unter anderem als Buchhändler in London und Sachbuchlektor in Frankfurt seit 2004 in Mexiko lebt und den Blog „In Mexiko“ betreibt, schreibt lebendig, anschaulich und unterhaltsam über Begegnungen mit Menschen und Göttern, nimmt einen mit hinein ins Geschehen, sei es bei Führungen durch die antiken Stätten oder zu einem abgelegenen Wahlbüro, das am Ende des Tages nur eine Handvoll Stimmen auszuzählen hat. Diese Episoden bereichert der Autor zudem mit seinem tiefen Hintergrundwissen über die lange Geschichte Mexikos. In ausführlichen Kapiteln treten beispielsweise auch der oben genannte Habsburger, der nur ein kurzes Gastspiel als Kaiser von Mexiko hatte und 1867 hingerichtet wurde, oder auch der Revolutionär Zapata auf – in greifbaren, anschaulichen Schilderungen, die Lust machen, sich noch intensiver mit der mexikanischen Historie zu beschäftigen.

Ein umfangreicher Abschnitt ist einem deutschen Schriftsteller gewidmet, der heute in Deutschland beinahe vergessen ist: Gustav Regler (1898 – 1963), der 1940 nach Mexiko kam. Jürgen Neubauer hat sich intensiv mit ihm und seinen Werken beschäftigt und ich freue mich sehr, dass er für „Sätze&Schätze“ zum 120. Geburtstag von Regler am 25. Mai einen Gastbeitrag über den Autoren geschrieben hat.  Der Beitrag wird übermorgen bei mir erscheinen, parallel dazu gibt es auf Jürgens Blog etwas über Regler, dessen nicht weniger interessante Frau Mieke und deren mexikanische Eindrücke zu lesen.

Links:

„In Mexiko“https://inmexiko.wordpress.com/
„Aus Mexiko“
https://ausmexiko.wordpress.com/

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