Helmut Böttiger: Wir sagen uns Dunkles

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Bild von Erika Varga auf Pixabay

Wir stehen umschlungen im Fenster, sie sehen uns zu von der Straße:
es ist Zeit, daß man weiß!
Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,
daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.

Paul Celan, aus „Corona“.

Es kommen härtere Tage.
Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.

(…)

Sie dich nicht um.
Schnür deinen Schuh.
Jag die Hunde zurück.
Wirf die Fische ins Meer.
Lösch die Lupinen!
Es kommen härtere Tage.

Ingeborg Bachmann, aus „Die gestundete Zeit“.

„Schon in frühen Versuchen, aus der Zeit mit Celan in Wien und danach, fallen Celan-Anklänge auf, das Aufsaugen seines spezifischen Tons, der schwungvollen Daktylen, des verzaubernden Genitivs, der suggestiven Wie-Vergleiche (…). Aber auch in ihrer berühmten Lyrik aus den fünfziger Jahren greift Bachmann Celan` sche Bilder auf und entwickelt sie in ihrem Sinn weiter. Die gestundete Zeit ist ohne Celan nicht zu denken.“

Helmut Böttiger, „Wir sagen uns Dunkles“, Deutsche Verlags-Anstalt, 2017.

Immer schon bewegte mich die geistige Verwandtschaft, die aus den Gedichten Ingeborg Bachmanns und Paul Celans spricht. Auch ohne viel über ihre Verbundenheit zu wissen – eine Verbindung ist spürbar, eine Seelen-Verwandtschaft zu erlesen, die weit über die Tatsache hinausgeht, dass beide zur selben Zeit zu ihren Worten fanden, dass sie, Kinder ihrer Zeit, versuchten, die Lyrik nach der dunklen Zäsur des Nationalsozialismus  neu zu definieren.

Ihre Sprache: Jeweils einzigartig, solitär, aus dem lyrischen Aufbruch der Nachkriegsdichtung herausragend und doch so miteinander verwandt. Inzwischen meint man viel auch über die komplizierte Liebesbeziehung dieser beiden Sprachkünstler zu wissen. Der 2009 beim Suhrkamp Verlag unter dem Titel „Herzzeit“ erschienene Briefwechsel gab eine Ahnung.

Wie sehr das Paar, das die meiste Zeit seit dem Kennenlernen im Wiener Frühling 1948 eigentlich kein Paar im klassischen Sinne war, zeitlebens im Denken, Arbeiten und Fühlen miteinander verbunden war, das arbeitet nun der Schriftsteller und Kritiker Helmut Böttiger in seinem jüngsten Buch kongenial heraus.

„Wir sagen uns Dunkles“: Jene Zeile aus Celans Gedicht „Corona“ wird zum Leitmotiv dieser Liebe, die für beide tragisch endet. Sie wurde auch treffend zum Titel von Böttigers Annäherung an „Die Liebesgeschichte zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan“. Der Autor entziffert diesen „Geheimcode der Liebe“ zwischen den beiden Lyrikern nah an den Quellen, den Gedichten, Texten und Briefen der beiden, an Aussagen von Zeitzeugen und Freunden. Niemals nur im Ungefähren psychologisierend und im Dunkeln stochernd, immer zurückhaltend interpretierend und doch so aufschlussreich gerade auch über Ungesagtes, das sich zuweilen nur über eine enge, sich am Biographischen orientierende Gedichtinterpretation erschließt.

„Im Windschatten, tausendfach: du./Du und der Arm,/mit dem ich nackt zu dir hinwuchs,/Verlorne.“

Paul Celan, aus „Weiß und Leicht“.

Das Gedicht entstand nach einer Wiederbegegnung 1957, beide erlebten und lebten – obwohl Celan, in Paris nicht länger „unbehaust“ und schon längst mit Gisèle Lestrange verheiratet war – eine kurze Zeit der „Liebeseuphorie“. Böttiger schreibt:

„Verbannt“ und „Verloren“: Es war die Vision, dass die beiden Dichter, die sich „aus dämonischen Gründen“, wie Ingeborg Bachmann einige Jahre zuvor erkannt hatte, gegenseitig ausschlossen, dass diese Solitäre zusammengedacht werden konnten. Und dazu gehörte auch eine neue Form von Gelassenheit: Es konnte gesprochen und geschwiegen werden, und „einiges ging seiner Wege“, unbehelligt. Das Gedicht Celans hat einen hymnischen Ton, es zeugt von einem Augenblicksglück. Das so unterschiedliche, aber doch auch gemeinsame Schicksal hatte zwei Versprengte zusammengeführt.“

Helmut Böttiger zeichnet die Verbindung der beiden chronologisch nach, von der ersten Begegnung 1948 über das belastete und belastende Wiedersehen bei der Tagung der Gruppe 47 in Niendorf (1952) bis zum Bruch, den Celan, schon gezeichnet von seiner psychischen Erkrankung, herbeiführte. Mit viel Gespür arbeitet Böttiger die Konflikte heraus, die eine erfüllende Liebesbeziehung verhinderten, angefangen von den unterschiedlichen Lebenserfahrungen – Celan, Jude, KZ-Überlebender, ein Flüchtender, Bachmann, aufgewachsen in der sie einengenden Klagenfurter Provinz, Tochter eines Lehrers und NSDAP-Mitglieds – bis hin zu der so unterschiedlichen Aufnahme in der literarischen Welt. Ingeborg Bachmann, in der Gruppe 47 auch als „Fräuleinwunder“ bestaunt, Celan, der nach wie vor Erfahrungen mit einem latenten Antisemitismus in der Literaturwelt machen muss. So sehr die beiden ein intellektueller Austausch, beispielsweise über die Philosophie Heideggers, über die Entwicklung der Literatur und ähnliche Fragen verband, so sehr trennte sie auch der unterschiedliche Erfolg. Die öffentliche Anerkennung der Lyrikerin Bachmann: Paul Celan empfand dies als Verletzung, sah die Konkurrenz, wie Helmut Böttiger herausarbeitet.

Bezüglich der Gruppe 47, der Auseinandersetzungen in der Literatur in jenen Jahren, ihren Tendenzen und Strömungen kann Helmut Böttiger natürlich aus dem Vollen schöpfen: Sein zuletzt veröffentlichtes Buch, „Die Gruppe 47“ warf bereits einen erhellenden Blick auf diese literarischen Netzwerker. Wie sehr sich sowohl Bachmann als auch Celan hier als „Fremde“ fühlen mussten, machen gut platzierte Zitate deutlich.

Dies macht auch deutlich: „Wir sagen uns Dunkles“ will eben nicht den voyeuristischen Blick auf die Liebesleiden zweier traumatisierter Menschen bedienen. Das Buch ordnet diese Beziehung in eine Literatur- und Personengeschichte ein, die, wenn man sich für diese Lyriker und die Literatur jener Jahre interessiert, ein Stück Literaturgeschichte ist. Zudem gibt das Buch Aufschluss gibt darüber, wie entscheidend auch im Literaturbetrieb Anpassungsfähigkeit und ein Stück Aktivismus sind. Beides brachten Bachmann und Celan nicht mit. Helmut Böttiger schreibt flüssig, einfühlsam, klug und gibt nicht zuletzt auch Interpretationshilfen für die hermetische Lyrik dieser beiden poetischen Sterne.

Zugleich macht das Buch auch offensichtlich, dass vor allem Ingeborg Bachmann jene war, die – obwohl auch sie diese Liebe nicht leben konnte – anhaltend um sie, um Paul Celan rang. Vielleicht war sie unter diesen beiden Menschen, beide nicht besonders „lebenstüchtig“, beide immer auch dem Dunklen, der Schwermut und Melancholie zugeneigt, denn doch die Leidensfähigere, wer weiß?

Helmut Böttiger versucht beiden gerecht zu werden:

„Am 27. September 1961 setzte Ingeborg Bachmann noch einmal zu einem langen Brief an, den sie nicht abgeschickt hat. Es ist ein bewegender Brief, der ihre ganze Verzweiflung über eine Beziehung zu ihm ausdrückt, und gleichzeitig spricht er vollkommen klar aus, dass sie mit Celans psychischem Zustand, seiner Erkrankung überfordert war.“

„weil ich mich nicht schützen kann dagegen, weil mein Gefühl für Dich immer zu stark bleibt und mich wehrlos macht.“

Im April 1970 nimmt Paul Celan sich das Leben. Ingeborg Bachmann stirbt drei Jahre später.

Helmut Böttiger beendet sein Buch mit einer Interpretation von Ingeborg Bachmanns Erzählung „Drei Wege zum See“:

Vor allem aber ist Trotta der unerreichbare, ferne Geliebte – „die einzige und große Liebe“. Sie war nur in der Literatur zu verorten. In der Literatur, in der Legende und im Märchen, wo auch die berühmten zwei Königskinder aufzufinden sind, die nicht zueinanderkommen konnte.

Ein Interview mit dem Autor ist hier zu hören:
SWR-Kulturgespräch

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.randomhouse.de/Buch/Wir-sagen-uns-Dunkles/Helmut-Boettiger/DVA-Belletristik/e449945.rhd

Über Ingeborg Bachmann und Max Frisch:
https://saetzeundschaetze.com/2015/07/11/ingeborg-bachmann-drei-herzen-waren-eins-zuviel/

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Ingeborg Gleichauf: Ingeborg Bachmann und Max Frisch. Eine Liebe zwischen Intimität und Öffentlichkeit

Sie war das It-Girl unter den Intellektuellen. Sie war die modisch Mondäne und die leise, aber wortgewaltige Lyrikerin. Ingeborg Bachmann. Am 17. Oktober 1973 verstarb sie in Rom unter Umständen, die den Moll-Schlussakkord eines ebenso zerrissenen Lebens bildeten: Die tabletten- und alkoholabhängige Schriftstellerin erlag den fürchterlichen Brandverletzungen, die sie Ende September in ihrer Wohnung erlitten hatte. Eine nicht ausgelöschte Zigarette hatte das Feuer ausgelöst.

Ingeborg Bachmann wurde nur 47 Jahre alt. Ihr literarischer Stern begann 20 Jahre vor ihrem Tod aufzugehen – 1952 las Ingeborg Bachmann erstmals bei der berühmten Gruppe 47 und setzte sofort Maßstäbe: Literarisch, aber auch als Frau in einer von Männern dominierten Literaturwelt.

Sie gewinnt 1953 mit ihrem Lyrikband „Die gestundete Zeit“ den Preis der Gruppe. Und sie weckt Beschützerinstinkte: Martin Walser erlebt sie und schreibt am 28. Oktober 1957 an den gemeinsamen Verleger Siegfried Unseld: „Sie strömt Unglück aus wie andere Frauen Parfüm. Ich habe jede Skepsis ihr gegenüber verloren und würde alles tun, ihr ein bißchen helfen zu können.“

„Bachmann fühlt sich fremd in der Welt“, schreibt Ingeborg Gleichauf in ihrem lesenswerten Buch über die Beziehung zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch (Piper Verlag, München, 2013). Zum komplizierten Innenleben dieser Dichterin gehören komplizierte Beziehungen. Reines Glück war ihre Sache wohl nie. Ein Grund, so deutelten Biographen später, war im Elternhaus angelegt. 1926 wird Ingeborg Bachmann in Klagenfurt geboren, erstes Kind eines Schuldirektors. Der erlebten Enge im Elternhaus, der politischen Gesinnung des Vaters entflieht sie, studiert ab 1945 Philosophie, Rechtswissenschaften, Psychologie und Germanistik.

Bereits mit ihrem Doktorvater, dem Philosophen Victor Kraft, verbindet sie eine Beziehung. Aber dann lernt sie 1945 Paul Celan kennen – jenen Lyriker, dessen Sprache und ihre so sehr miteinander verwandt sind. Bereits ein halbes Jahr nach der ersten Begegnung geht Celan jedoch nach Paris. Die beiden beginnen sich brieflich anzunähern – der Briefwechsel dauert an bis Ende 1961, als Celan in eine schwere psychische Krise gerät. Bei Suhrkamp erschien 2008 unter dem Titel „Herzzeit“ dieser Briefwechsel der beiden bedeutenden Lyriker deutscher Sprache der Nachkriegszeit – ergreifend ist es, anhand der Briefe und Telegramme zu sehen, wie beide nicht miteinander leben, einander aber auch nicht lassen können und darum ringen, auch durch längere Phasen des Schweigens wenigstens eine Art der Beziehung haben zu können.

„Habe vergeblich versucht dich anzurufen geheimnummer wird nicht bekanntgegeben bitte ruf mich gegen 10 uhr morgens an oder telegrafiere deine nummer deine ingeborg“ 3.12.1960

Da ist sie bereits in einer, wie man so schön neudeutsch sagt, on-and-off-Beziehung zu Max Frisch. Ihn lernte sie 1958 kennen. Auf den ersten Blick ein ungleiches, unpassendes Paar. Max Frisch ist sprachlich und körperlich in seiner Nüchternheit ein Antipode zum feinnervigen Celan. Er ist der bodenständig erscheinende Gegenpart zur flatterigen Bachmann. Frisch, uneitel in Äußerlichkeiten, an Lebens- und Praxisnähe orientiert – sie, die immer etwas dem Alltag enthoben erscheint. Mit Frisch sucht Bachmann, so Ingeborg Gleichauf, die Normalität einer fast schon bürgerlich anmutenden Beziehung. Ingeborg Gleichauf in einem Interview:

„Ich denke, mit Frisch hat sie vor allem den Versuch verhandelt, doch noch wie so eine bürgerliche Existenz zu führen. In einer Wohnung gemeinsam mit ihm zu wohnen, den Alltag zu gestalten. Ich denke, das war wirklich ein Versuch, ein Versuch, der gescheitert ist, aber ein Versuch, der für sie irgendwann einmal unternommen werden musste. So etwas hatte er einfach noch nie erlebt, weil er vor dieser Zeit auch kein großes Interesse gezeigt hatte, sich mit Schriftstellerinnen/Schriftstellern zu umgeben, geschweige denn, eine Beziehung mit einer Schriftstellerin einzugehen. Das hat ihn gereizt.“

Während sie und Max Frisch sich annähern – auch dies von Beginn an schwierig – ist Paul Celan immer noch ihr Bezugspunkt. Seine Briefe an sie in jener Zeit: Ebenfalls Zeugnisse einer kaum zu unterdrückenden Eifersucht, der Rivalität mit dem Schweizer. Celan und Frisch setzen Bachmann verbal zwischen alle Stühle: Eine kaum aus-haltbare Situation für die sensible Frau.

Bis 1962 hält die Verbindung zu Frisch an. Es kommt zu einem schmerzhaften Bruch. „Ein grandioser Anfang und ein trauriges Ende“, wie Ingeborg Gleichauf in ihrem Buch schreibt. Beide verarbeiten dieses Scheitern literarisch. Bachmann in ihrem einzig vollendeten Roman, „Malina“. Eines ihrer Lebensthemen kommt darin zur Sprache: Dieses verzweifelte Ringen um Freiheit, dessen Kehrseite auch die Einsamkeit ist. Diese Zugehörig-Sein-Wollen und doch die Nähe nicht zu ertragen. Max Frisch selbst plagt sich nach ihrem Tod mit Schuldvorwürfen.

Es würde der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann nicht gerecht werden, sie jedoch nur auf dieses „Leiden an der Liebe“ zu reduzieren. Sie war eine Intellektuelle, sie war politisch wach und engagiert, und vor allem eine sehr, sehr große Sprachkünstlerin. Aber: Sie war offensichtlich auch ein Mensch, der in sich keinen Halt finden konnte. Ein großes Werk, ein tragisches Leben.

Bücher:
„Ingeborg Bachmann und Max Frisch – Eine Liebe zwischen Intimität und Öffentlichkeit“,
224 Seiten, Gebunden mit Schutzumschlag, ISBN: 978-3-492-05478-2, € 19,99

„Herzzeit. Ingeborg Bachmann – Paul Celan. Der Briefwechsel“
399 Seiten, suhrkamp taschenbuch 4115, Broschur, ISBN: 978-3-518-46115-0, € 9,95

Recht spitzzüngig charakterisierte Fritz J. Raddatz in seinem „Bestiarium der deutschen Literatur“ das Verhältnis Bachmann-Frisch:

„Der Totenkopfschwärmer wird von der österreichischen Landbevölkerung die „Große Somnambule“ genannt. Das leitet sich daher, daß der mancherorts als Unglücksbote verrufene Nachtfalter – der übrigens auch tagaktiv ist – wie betrunken auf Lichtfallen reagiert. Ein berühmter Schweizer Spezialist hat zum Zweck des Anlockens unter einem Laken aus dünner Leinwand das Licht einer Quecksilberdampflampe (wie sie auch auf Theaterbühnen verwendet werden) installiert (…).“

Einmal in die Falle gegangen, habe dies den Schweizer Spezialisten in einen Glückstaumel versetzt, wohlwissend, dass das Tier auf der Liste der bedrohten Arten stand:

„Die genauen Ergebnisse seiner Forschung hat der Lichtfallensteller einer Akademie übergeben und auf Jahrzehnte sekretieren lassen.“


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