Eher Geschichtsbuch der Oberstufe als Griechenland-Erlebnis

Griechenland-Lesebuch

Bild: Florian Pittroff, http://www.flo-job.de

Für Gastautor Florian Pittroff schmeckte diese Lektüre nicht wie griechischer Wein:

Ein Lesebuch über Griechenland – was für ein interessanter und vielversprechender Titel – große Erwartungshaltung. Ich muss vielleicht vorausschicken, dass ich ebenfalls Griechenlandliebhaber bin – nein – eher vielleicht Santorinliebhaber. Und meine Vorfreude auf das Buch wurde ehrlich gesagt ein wenig enttäuscht.

Das grandiose Titelbild assoziiert Urlaubsstimmung und Urlaubsfreude – aber da ist nichts mit Urlaubstimmung. Sorry! Mehr Sinnesreize hätten es sein sollen, mehr Gefühl. Das Einführungskapitel hätte ich ja noch durchgehen lassen, beginnt es doch  sehr vielversprechend: „Majestätisch erhebt sich eine Insel aus dem tintenblauen Meer, weiße Häuser kleben wie die Wohnstätten göttlicher Wesen hoch oben an ihren steilen Flanken. Über dem fantastischen Bild wölbt sich der makellose Azur eines wolkenfreien Himmels. Es ist die Insel Santorin, Traumziel in der Ägäis (…) kaum jemand beschreibt die die griechische Seele so eindringlich mit Klängen wie Mikis Theodorakis.(…) Willkommen in Griechenland“.

Ich freu mich. Doch dann ist Schluss mit lustig, dann folgen zu viel Geschichten aus dem Altertum, fast in jedem Kapitel: Hochkultur der Minoer, Orakel von Dodona, Alexander der Große, Zeus, Leto, griechisch türkischer Krieg und so weiter und so fort.

Ich hätte mir mehr Sinnesreize erwarten, wie zu Beginn des Buches, mehr Geschichten und Anekdoten über die verschiedenen Inseln, von Land und Leuten. Aber da kommt zu wenig. Lebensart, Lebensfreude, Lust auf Griechenland. Wo sind die Versprechungen aus dem Untertitel „Impressionen und Rezepte“ geblieben? Fehlanzeige!

Ich fühlte mich beim Lesen der knapp 200 Seiten zu sehr auf die Schulbank zurückversetzt. Ich habe meinen Geschichtslehrer vor Augen, wie er trocken und langweilig die griechische Mythologie herunterbetet, Jahreszahlen an die Tafel schreibt und Geschichtsdaten abfrägt. Puhh. Note ausreichend.

Ich finde dann aber doch noch kleinere schöne, inspirierende Texte wie die Stimmung so ist unter der Sonne Griechenlands: „…als sie mir dann vom Hinterland des Städtchens Ermoupoli erzählt, gerät sie ins Schwärmen. Herrlich grün, ursprünglich und ruhig sei es dort, Kapernsträucher, Olivenbäume und Weinreben würden auf Terrassen an steilen Hängen gedeihen, wilde Kräuter und Blumen ihre Aromen verbreiten“. Da ist es, was ich mir von einem Griechenland-Lesebuch wünsche, erwarte und erhoffe. Wunderbar.

Sehr gelungen finde ich auch die Rezepte im Buch, die man übrigens auch ganz gut nachkochen kann: Loukoumi (Greek Delight) oder Revithia soupa (Kichererbsensuppe). Dann riecht es nach Griechenland in der Küche und ich fühle mich zurückversetzt in diese griechische Kneipe auf Santorin, die ich so sehr liebe. Die Begeisterung kommt und damit wächst endlich die Vorfreude auf meinen nächsten Besuch einer griechischen Insel.

Ein Beitrag von Florian Pittroff
Homepage: www.flo-job.de

Informationen zum Buch:

Das Griechenland-Lesebuch
Impressionen und Rezepte aus dem Land der Mythen und Inseln
von Almut Irmscher
Mana Verlag 2019
208 Seiten, 20 Abbildungen, Broschur, 12,50 €
ISBN: 978-3-95503-152-7

Vea Kaiser: Makarionissi oder Die Insel der Seligen

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Bild von Antonio Doumas auf Pixabay

Premiere – dies ist unsere erste Doppelbesprechung. Wir widmen uns dem Bestseller „Makarionissi oder Die Insel der Seligen“. Und sind mal wieder nicht einer Meinung.

Birgit: Nein, es sind nicht die griechischen Buddenbrooks, die Vea Kaiser hier vorlegt. Sicher kein Jahrhundertwerk, das auch Generationen später noch zum literarischen Kanon gehören wird. Aber es ist ein schön zu lesendes Stück Unterhaltungsliteratur. Die Geschichte der beiden griechischen Kinder Eleni und Lefti, die einander versprochen sind und dann unter der griechischen Militärdiktatur doch so unterschiedliche Wege gehen, die heiraten, um der Armut (Lefti) und der Tyrannis (Eleni) zu entkommen, in Niedersachsen stranden, sich dort endgültig trennen, um sich erst Jahrzehnte später nach vielen Umwegen in Griechenland wieder als Freunde zu begegnen: Das ist die perfekte Sommerlektüre.

Die junge Österreicherin schreibt unterhaltsam, bildhaft, schöpft aus dem Vollen der griechischen Mythologie und bedient sich da frank und frei für ihren – trotz einiger tragischer Momente – locker-flockigen Generationenroman. Ein Flutschbuch im besten Sinne. Großartige Unterhaltung für überheiße Tage, auch wenn vom Buch vielleicht irgendwann nur die Ahnung zurückbleibt, dass man es einmal gern gelesen hat. Immerhin habe ich mir daraufhin auch „Blasmusikpop“ besorgt, ihren Debütroman, den ich sogar um einiges origineller finde – die Geschichte eines Dorfes, eines Bandwurms, der einen einfachen Schnitzer zum Mediziner und dessen Enkel zum Herodot eines österreichischen Alpenortes werden lässt. Ob österreichische Alpen oder griechisches Gebirge – Vea Kaiser lotst ihre Leser für einige Stunden wie eine geschickte Bergführerin aus dem Tal der Realität. Gute Unterhaltungsliteratur mit Anspruch, die sich von seichten Einerlei abhebt – auch das ist eine Kunst.

Claudio: Vielleicht lag es an meiner Erwartungshaltung, vielleicht an den euphorischen Besprechungen, in denen wiederholt darauf hingewiesen wurde, dass die Altgriechisch studierende Autorin hier eine moderne Odyssee abgeliefert habe, griechische Mythen geschickt mit einer modernen Geschichte verknüpfe, ja sozusagen auch durch die Vermischung alter Mythen und neuer Fakten den magischen Realismus in die österreichische Literatur bringe…ich hoffte beinahe auf eine Nachfahrin von Leo Perutz.

Das Buch hat mich streckenweise unterhalten, dieses ja, aber überzeugt hat es mich nicht. Wie auf einem anderen Blog zu lesen: Es geht atemlos durch die Zeit. Erhofft hatte ich mir epische Breite, Drama und Tragik, das in die Tiefe geht, die Göttererzählungen als Folie für die Neuzeit. Vorgefunden habe ich eine Familiengeschichte, die durch die Jahre jagt – alles wird ein wenig gestreift, nichts aber richtig vertieft. Zwar bilden sich mit Eleni und Lefti zwei echte Charaktere heraus, der Rest des Personals bleibt dagegen streckenweise im Klischeehaften: Der Folksänger mit Junkie-Karriere, der zum alternden Schlagerstar wird, die stets orakelnde Großmutter, usw…Ein buntes Gewirrl, ein wenig „Hochzeit auf Griechisch“, ein wenig folkloristisch angehaucht, tragische Griechen, spießige Deutsche, strebsame Neu-Amerikaner – ja, es wuselt, summt und brummt in diesem Buch. Langweilig ist es nicht – wenn man sich damit zufrieden geben mag. Doch am Ende fragt man sich dann doch: Soviel Lärm um was?

Weiterführende Links:

Wir danken Kiepenheuer & Witsch für das Besprechungsexemplar. Die Verlagsangaben zum Buch finden sich hier:
http://www.kiwi-verlag.de/buch/makarionissi-oder-die-insel-der-seligen/978-3-462-04742-4/

Zwei ganz unterschiedliche Besprechungen finden sich bei:
Con=Libri und bei Feiner reiner Buchstoff

Und ein Interview mit Vea Kaiser bei Sounds & Books.

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