LITERARISCHE ORTE: Nördlingen – wo „Die Andere Bibliothek“ herkam.

Vor 15 Millionen Jahren schlug hier ein Meteorit ein. Und legte damit den Grundstein für eine herb-schöne Landschaft von besonderem Reiz: Den „Rieskrater“. Der „Schwabenstein“, der Suevit, ist eine der geologischen Besonderheiten, die das Nördlinger Ries in Bayerisch-Schwaben prägen.
Vor 400 Jahren gab es dort andere Einschläge: Nördlingen, damals freie Reichsstadt und einer der bekanntesten Handelsumschlagsplätze in Süddeutschland, fast so groß an Einwohnerzahl wie Frankfurt, hatte unter den Verwerfungen des Dreißigjährigen Krieges besonders zu leiden. Die Einwohnerzahl wurde um die Hälfte dezimiert – von den 8.500 Menschen lebten nach 1648 nur noch rund 4.000 in dieser mittelalterlich geprägten Stadt.

Erholt hat sich die Stadt davon nur mühsam – erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die 8.000- Einwohnergrenze wieder überschritten: Weil ab 1945 viele Heimatvertriebene hier eine neue Existenz gründeten. Heute zählt die Riesstadt übrigens knapp 20.000 Einheimische – und hat dafür eine stattliche Anzahl Buchhandlungen aufzuweisen.

Rund um das älteste Steingebäude Nördlingens – das Rathaus aus dem Jahre 1313 – kommt der Büchernarr voll auf seine Kosten. Eine gute Adresse ist „Café-Buch.de“: Hier gibt es nicht nur leckere hausgemachte Kuchen, sondern ich habe auch schon einige tolle antiquarische Schnäppchen dort gemacht.
Aber die Buchhandlung, bei deren Namen Bibliophilen die Ohren klingeln, ist natürlich „Greno“: Franz Greno, ein Buchbesessener, der sich in den 80ern in Nördlingen mit einem Verlag niederließ, eine Druckerei erwarb und hier begann, gemeinsam mit Hans Magnus Enzensberger „Die andere Bibliothek“ herauszugeben – damals Wunderwerke der Buchdruckkunst. Die „AB“ wurde später verkauft, Greno ist inzwischen Privatier, doch die Buchhandlung wird von seiner Tochter weitergeführt.
Überhaupt, der Buchdruck: Auch er hat in der Riesstadt eine lange Tradition. Carl Gottlob Beck gründete seinen Verlag 1793 in Nördlingen – zwar ist der C.H.Beck-Verlagssitz inzwischen in München, die Druckerei blieb aber vor Ort.
Und so fände man bei einem Bummel durch Nördlingen noch viele weitere literarische Bezüge – der Märchenerzähler Wilhelm Hauff fand in der Riesstadt seine Frau, der „Schwäbische Bund“ beschloss hier, Götz von Berlichingen festzusetzen, was später bei Goethe in das berühmte Zitat mündete, usw….doch der berühmteste Sohn der Stadt ist und bleibt der „Bomber der Nation“: Gerd Müller kam hier zur Welt. Fußball schlägt die Literatur im öffentlichen Bewusstsein halt allemal.

Wer in Nördlingen noch mehr sehen will als Buchhandlungen und das Müller-Geburtshaus, wird hier fündig: http://www.noerdlingen.de/
So gibt es beim RiesKraterMuseum das Geopark-Informationszentrum – das Ries zählt mit seinen landschaftlichen und geologischen Eigenheiten zu einem der 14 deutschen Geoparks. Eine Besonderheit ist auch der „Daniel“: Der Turm der gotischen St.-Georgs-Kirche erhebt sich mächtig und weit über die Stadt. Tatsächlich gibt es noch einen Türmer, den „höchsten städtischen Angestellten“, der täglich abends zwischen 22.00 Uhr und Mitternacht halbstündlich den Wächterruf auf die Städter herabschreit: „So, G`sell, so!“. Innerhalb des mittelalterlichen Stadtkerns, der von einer intakten Mauer von rund 2,7 Kilometer Länge umgeben ist – sie entstand zwischen 1327 und 1400 – ist der Ruf noch gut zu hören. Die im Turm residierende Glückskatze „Wendelstein“ habe ich leider noch nie getroffen – ich bin nicht schwindelfrei. Aber die Katze gibt es, ich schwör – oder der nächste Meteorit soll mich treffen.


Titelbild zum Download:
Bild 1, Titelbild
Bild 2, Fassade Fachwerk
Bild 3, Fachwerk rot
Bild 4, Daniel


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