LITERARISCHE ORTE: Das Goethe-Haus in Weimar.

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Das Wohnhaus am Frauenplan. Bild: Klassik Stiftung Weimar

„Da war der unregelmäßige Kleinstadt-Platz, auf dessen Katzenköpfen die Räder rasselten, die Seifengasse, das gestreckte Haus mit leicht abbiegenden Seitenflügeln, an dem Charlotte mit Amalie Ridel schon mehrmals vorübergegangen war: Parterre, Bel-Etage und Mansardenfenster im mäßig hohen Dach, mit gelb gestreiften Einfahrtthoren in den Flügeln und flachen Stufen zur mittleren Hausthür hinauf.“

„Charlotte hörte nicht hin. Sie war beeindruckt von der Noblesse des Treppenhauses, in das man eingetreten war, dem breiten Marmorgeländer, den in splendider Langsamkeit sich hebenden Stufen, dem mit schönen Maß verteilten antiken Schmuck überall. Auf der Treppenruhe schon, wo in weißen Nischen Broncegüsse anmutiger Griechengestalten, davor auf marmornem Postament, ebenfalls in Bronce, ein in vortrefflich beobachteter Pose sich wendender Windhund standen, erwartete August von Goethe mit den Bedienten die Gäste, – (…)“

„Auch zu Häupten der Staatstreppe war´s edel-prächtig und kunstreich. Eine Gruppe, die Charlotte als „Schlaf und Tod“ zu bezeichnen gewohnt war, zwei Jünglinge darstellend, von denen einer dem andern den Arm um die Schulter legte, hob sich dunkel glänzend ab von der hellen Fläche der Wand zur Seite des Entree`s, welchem ein weißes Relief als Sopraport diente, und vor dem ein blau emailliertes „Salve“ in den Fußboden eingelassen war. „Nun also“ dachte Charlotte ermutigt. „Man ist ja willkommen. Was soll`s da mit taciturn und marode? Aber schön hat`s der Junge bekommen – !“

Alle Zitate: „Lotte in Weimar“, Thomas Mann, 1939

Der Junge, Johann Wolfgang von Goethe, ist da längst schon 67 Jahre alt.  Eine Dichterberühmtheit, Staatsdiener, staatstragend, repräsentierend. So trifft er auf seine einstige Jugendliebe, jene Lotte aus dem „Werther“. Thomas Mann griff den historisch verbürgten Besuch der Charlotte Kerner anno 1816 in Weimar auf und spann darum eine Mischung aus ironisch-gefärbtem Charakterbild des längst schon in den Poeten-Olymp entrückten Großmeisters, süffisanter Beobachtung seines Hofstaates, griff aber ebenso zur Selbstanalyse, eine Betrachtung des Schriftstellers zwischen Dichtung und Wahrheit und zugleich wurde der Roman zu einer Auseinandersetzung mit dem „Deutschsein“. Davon jedoch in einer eigenen Besprechung ein anderes Mal mehr.

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Goethes Arbeitszimmer am Frauenplan. Bild: Klassik Stiftung Weimar

Was mich an diesem Buch über seinen Ton, seinen Stil hinaus fasziniert, ist die genaue Beobachtungsgabe Manns, seine Liebe zum Detail. Er schrieb „Lotte in Weimar“, das 1939 erschien, in den Jahren des Exils – und doch so, als sei er vor Ort, in der Stadt der Weimarer Klassik gewesen. Besonders deutlich machen dies die Beschreibungen des Hauses am Frauenplan. Hier lebte Goethe ab 1782 fast 50 Jahre lang bis zu seinem Tod. Seinem Status gemäß war der vordere Teil der Zimmer repräsentativ eingerichtet – bis hierher und nicht weiter gelangt auch Charlotte bei dem Empfang, den ihr einstiger Jugendfreund ihr gewährte. In den privaten Gemächern ging es bescheidener zu, insbesondere waren diese Zimmer das Reich der Christiane von Goethe bis zu ihrem Tod 1816. Danach richtete Goethe hier seine Sammlungen ein, die auch heute zu einem kleinen Teil in dem als Museum zugänglichen Wohnhaus zu sehen sind.

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Ziemlich groß: Der Junokopf. Bild: Klassik Stiftung Weimar

Wenn man unversehens auf die riesige Juno trifft, dann kann man als unbedarfte Besucherin zunächst schon einen kräftigen Schrecken bekommen – sie ist für meinen Geschmack etwas zu kolossal, dieses Abbild griechischer Idealität. Doch Goethe war ganz stolz auf die Gute. So schrieb er 1787 aus Rom an Charlotte von Stein:

„Seit gestern hab ich einen kolossalen Junokopf in dem Zimmer oder vielmehr nur den Vorderteil, die Maske davon. Es war dieser meine erste Liebschaft in Rom und nun besitz ich diesen Wunsch. Stünd ich nur schon mit dir davor. Ich werde ihn gewiss nach Deutschland schaffen und wie wollen wir uns einer solchen Gegenwart erfreuen. Keine Worte geben eine Ahndung davon, er ist wie ein Gesang Homers.“ 1823 erhielt er dann den Frauenkopf für sein Haus in Weimar geschenkt.

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Der Garten am Frauenplan. Bild: Klassik Stiftung Weimar.

Thomas Mann hatte erst zehn Jahre nach Erscheinen seines Romans wieder Gelegenheit, seine Detailgenauigkeit vor Ort zu überprüfen: 1949 hielt er sich erstmals nach dem Exil wieder für einige Tage in Weimar auf. Anlässlich des 200. Geburtstages von Goethe erwarteten ihn sowohl in Frankfurt (West-Sektor) und Weimar (Ost-Sektor) Ehrungen. In beiden Städten hielt er seine berühmte Goethe-Rede: Ein Plädoyer für die politische Vernunft und das Maßhalten im Sinne Goethes. Als Exilant, zudem als einer, der für die Einheit Deutschlands eintrat, war Mann aber längst selbst schon Objekt politischer Irrationalität geworden: „Das ist nicht Literaturkritik mehr, es ist der Zwist zwischen zwei Ideen von Deutschland, eine Auseinandersetzung, nur anläßlich meiner, über die geistige und moralische Zukunft dieses Landes.“

Für Thomas Mann hatte man bei seinem Besuch 1955 in Weimar eigens das „Hotel Elephant“ wiedereröffnet – jenes Traditionshaus, in dem er seine Roman-Lotte logieren ließ (die im echten Leben freilich bei den Verwandten in Weimar weilte). Eine stark gekürzte Theaterversion des Romans bringt das Deutsche Nationaltheater regelmäßig im Hotel Elephant selbst zur Vorstellung: Im Mittelpunkt steht dabei Lotte, die sich insgeheim doch erhofft, hinter der Werther-Dichtung noch ein Stück Wahrheit zu erhaschen – was war sie einst wohl für ihn, den damals jungen Verehrer? Das vergnügliche Zwei-Personen-Stück lässt die politische Seite des Romans zwar aus – aber für Weimar-Besucher ist es ein unterhaltsamer Auftakt und macht Lust, sich vor allem auch mit der Frage zu beschäftigen, wie man sich als unfreiwillige literarische Berühmtheit an Lottes Stelle wohl fühlen würde…

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