Juli Zeh: Unterleuten

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Bild von Peggy Choucair auf Pixabay

„Er blieb auf der Lichtung, bis es dämmerte. Immer weiter starrte er in Richtung des Landstreifens, auf dem in wenigen Monaten Krönchens Zukunft aus Stahlbeton und Aluminium errichtet würde. Endlich war auch in Kron das 20. Jahrhundert zu Ende gegangen, diese Epoche des kollektiven Wahnsinns. Mit einem kleinen Schritt war er in der Gegenwart angekommen, im 21. Jahrhundert, dem Zeitalter bedingungsloser Egozentrik. Wenn der Glaube an das Gute versagte, musste er durch den Glauben an das Eigene ersetzt werden. Sich dagegen wehren zu wollen, wäre gleichbedeutend mit dem Aufstand gegen ein Naturgesetz.
Kron fühlte sich gut. Er war jetzt kein Kommunist mehr. Sondern ein Sisyphos, der verstanden hatte, dass die Lösung des Problems darin bestand, den Berg zu kaufen. Oder, dachte Kron, bevor er sich abwandte, um ins Haus zu gehen: ein Don Quijote, der entschieden hatte, seine eigenen Windmühlen zu errichten, statt gegen fremde anzurennen.“

Juli Zeh, „Unterleuten“, Luchterhand Verlag, 2016.

Über Juli Zehs Roman ist in den letzten Tagen auf vielen Blogs ausführlich berichtet worden. Überwiegend positiv. Dem ist nicht viel hinzuzufügen: Ein zügig lesbarer, anspruchsvoller Gesellschaftsroman, der viel aussagt über deutsche Befindlichkeiten und dabei herrlich zu unterhalten weiß. Flüssig erzählt, voller Geschichten in der Geschichte über dieses fiktive Dorf „Unterleuten“. Da steckt alles drin: Der Ausverkauf der neuen deutschen Bundesländer, einfallende westdeutsche Investoren, Ökowahnsinn und Ökospießertum, archaisches Dorf leben, Liebe, Leiden, Leidenschaften. Jeder gegen jeden: Jung gegen Alt, Eingesessene gegen Zugezogene, Vogelschützer gegen Menschenhasser, Altkommunisten gegen Neukapitalisten, Ost gegen West, Dorf gegen Stadt, Mann gegen Frau.

Vor allem dreht es sich in diesem Panoptikum um den Verlust von Utopien: Für die „Alten“ ist der Untergang der Mark Brandenburg, später der Fall der Mauer ein prägender Einschnitt. Für die Jungen geht mit dem tragischen Verlauf der Love Parade in Duisburg die Leichtigkeit verloren. Ganze Politik- und Wertesysteme gehen unter, moralische Leitlinien werden pervertiert – als buchstäblich überragendes Symbol dafür steht ein geplanter Windpark, der auf die Dorf“gemeinschaft“ seine Schatten wirft, alte Konflikte aufwirbelt und den letzten Zusammenhang unter den Leuten verweht.

Ein Untergang – mit Lust und feiner Ironie erzählt, manchmal eine Spur zu nahe an der Posse: Wer nennt seine Tochter „Püppi“? Die Berichterstatterin, eine Reporterin namens „Finkbeiner“! Und vor allem Gerhard: Der intellektuelle Soziologe, im wahren Leben gescheitert, der zum Dorf-Rambo montiert –  man sieht ihn beim Lesen förmlich vor sich, den ewig Engagierten, diskussionsfreudigen Mittvierziger, leicht erregbaren „Killjoy“, wie ihn die knallharte Linda insgeheim bezeichnet (die aber am Ende des Romans auch lernen muss, dass nicht alles im Leben kontrollierbar ist).

„Er war nicht aufs Land gezogen, um zu erleben, wie der urbane Wahnsinn die Provinz eroberte. Er verzichtete nicht auf Theater, Kino, Kneipe, Bäcker, Zeitungskiosk und Arzt, um durchs Schlafzimmerfenster auf einen Maschinenpark zu schauen, dessen Rotoren die ländliche Idylle zu einer beliebigen strukturschwachen Region verquirlten. Gerhard war ein Exilant, geflohen vor dem Gespinst aus Belästigungen, zu der das moderne Leben geworden war.“

Paare – oder besser die Unmöglichkeit des Paarseins – sind ebenfalls Thema dieses „Schmökers“ im besten Sinne: Keines davon wirkt glücklich, am Ende sind die meisten Beziehungen zerbrochen wie die Utopie vom „besseren“ Landleben. Die Frauenfiguren wirken ein wenig stärker, die Männer sind durchwegs Getriebene – von Macht, Geld, Anerkennung, Liebessehnsucht.

Man könnte am Ende meinen, in diesem lesbaren Stück Literatur wird alles niedergeschrieben, jede Hoffnung zerfleddert: Ganz so tragisch nehmen muss man das alles jedoch nicht – man überlese nicht die Ironie, die Übertreibung. „Unterleuten“ ist zwar am Ende – aber die ewig selben Geschichten werden dann eben andernorts erzählt: Schließlich ist das so „Zwischenmenschen“. Wovon Juli Zeh erzählt, ist vom Scheitern von Utopien – am Puls unserer Zeit. Aber wir wissen auch: Menschen sammeln die Scherben auf und basteln sich neue Hoffnungen.

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