Kristiane Lichtenfeld über Data Tutaschchia

Die Übersetzerin Kristiane Lichtenfeld erzählt in der Zeitung neues deutschland von ihrer Annäherung an die georgische Literatur – und stellt dabei auch Tschabua Amiredschibis Roman »Data Tutaschchia, der edle Räuber vom Kaukasus« vor, der bei uns erschienen ist.
Sehr lesenswert:
https://www.neues-deutschland.de/artikel/1143324.die-adler-im-horst-sie-schliefen.html

Direkt zur Verlagsseite mit Informationen zum Roman:
https://www.kroener-verlag.de/details/product/data-tutaschchia/

Lia Sturua: Enzephalogramm

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Unergründlich? Das menschliche Gehirn und seine Zellen. Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Verrat, Schmerz, nagelreiche Stellen
über mich, wenn ich Korrektur lese,
kann es sein, dass ich einen Druckfehler mache –
eine kleine Lüge,
Hauptsache, man glaubt mir den Text!

Lia Sturua, „Enzephalogramm“, Edition Monhardt, 2018.

Schreiben, das ist ein ewiges Ringen um das richtige Wort, die Suche nach dem wahrhaften Ausdruck. Selten ist mir das so bewusst geworden wie bei der Lektüre der Gedichte von Lia Sturua. Da spricht eine Stimme zu uns, mal rau, spröde, mal wild, mal zärtlich und liebevoll, aber auch melancholisch und beinahe verbittert. Ihre Gedichte treffen mitten ins Herz und bewegen das Hirn: Dem oftmals nüchternen, der Realität verhafteten Beginn folgen surreale Bilder, überraschende Gedankenvolten, die beim Lesen Einhalt gebieten, zum Nachdenken bringen, enträtselt werden wollen. Da ist eine, die auf der Suche ist nach den Bildern, die den Windungen ihrer Gedankengänge entsprechen – das ist beeindruckend, das ist manches Mal auch verstörend, aber vor allem ist es überragend schön.

Es ist, als lege die georgische Schriftstellerin mit ihren Gedichten eine Kartografie der Gefühle an im Widerstreit mit dem, was ihr der Verstand eingibt – die Vielfalt der Gedanken, erfasst in einem „Enzephalogramm“. Mit diesem nüchternen medizinischen Begriff ist der erste Gedichtband mit Übertragungen ihrer Lyrik ins Deutsche der nunmehr 80-jährigen Autorin betitelt. Dass wir ihren Hirnströmen folgen dürfen, ist der Übersetzung von Nana Tchigladze und der Nachdichtung durch den Verleger Stefan Monhardt zu verdanken – sie machen uns eine ganz besondere Stimme der georgischen Literatur zugänglich.

„Enzephalogramm“ umfasst vor allem Gedichte aus den beiden letzten Bänden, die die Lyrikerin in Georgien veröffentlichte: Zeilen einer älter werdenden Frau, die von Einsamkeit und Vergänglichkeit sprechen, von Verlusten, vergangenen Lieben, nie geborenen Kindern. Lia Sturua beschönigt dabei nichts, zieht ganz nüchtern Bilanz, die Bilanz eines langen Lebens:

(…) wie damals, als ich noch zur Begeisterung fähig war –
zu kräftiger Begeisterung; Hymne, Kapelle,
Symphonieorchester!
Für eine Glühbirne und den in die Tür eingeklemmten
gelblichen Streif genügt auch Kammermusik,
mezza voce, die leise Freude,
dass jemand zu Hause ist, und wenn keiner,
der entsprechende Gram, eine Salonform der Verzweiflung,
die mit knirschenden Zähnen auf mich wartet
als das Wirklichste, das es heute noch gibt.

Die große Dame der georgischen Lyrik – ihre erste Gedichtsammlung veröffentlichte die Philologin bereits 1965, es folgten weitere Lyrikbände, Essays und ein Roman – wirft dabei in ihren Gedichten einen unerbittlich klaren Blick auf sich, aber auch auf die Außenwelt.

(…) Manchmal gewöhnt man sich an einen Menschen
wie an ein Ding oder an das Brot,
an die Alltäglichkeit,
manchmal entdeckt man es und läuft weg (…)

Die Gleichsetzung von Menschen und Dingen, sie gehört zum poetischen Kosmos der Lia Sturua, die so nüchtern über die Angelegenheiten des Körpers einer (älterwerdenden) Frau spricht, zugleich aber einen „letzten Gedanken“ der „Beseeltheit eines Stuhls“ widmet.

Ihre Zeilen stehen da, als müsse sie sich immer wieder auch ihrer selbst versichern: Als Frau, als Liebende, als Schreibende – die Rolle der Dichter greift sie immer wieder auf, ironisch in der Außenbetrachtung, durchaus auch bissig wie in dem Poem „Nach Motiven von Platon“ oder in „Wer bist du jetzt?“:

Dichter, süß wie Zuckerwatte,
oder unreife Diebe,
dass noch die Luft davon Zahnschmerzen bekommt?

Allen Zeilen haftet diese unmittelbare, zumindest mich sehr tief berührende Wahrhaftigkeit an – denn; „ (…) ein Enzephalogramm kann nicht lügen“. Ein Jahr nach dem Gastland-Auftritt Georgiens gibt es aus der Literatur dieses Landes immer noch so viel zu entdecken – Lia Sturua ist dabei ein ganz besonderer Schatz!

Hervorzuheben ist auch die handwerklich liebevolle Gestaltung des Bandes, der in einer nummerierten Auflage erschienen ist. Für Liebhaber der georgischen Schrift sind alle Gedichte im Original der deutschen Übertragung gegenübergestellt.

 

Bibliographische Angaben:
Lia Sturua
„Enzephalogramm“
Edition Monhardt, 2018
23,00 Euro, Hardcover, Lesebändchen, Fadenheftung, 124 Seiten
ISBN 978-3-328-9817789-4-6

Ein Blick auf das besondere Verlagsprogramm der Edition Monhardt ist sehr zu empfehlen: https://monhardt.de/

 

 

Aka Morchiladze: Reise nach Karabach

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Der beschädigte und gestürzte Lenin in Tiflis: Ein Symbol für ein Land auf der Suche. Bild von freshu auf Pixabay

„Sein oder Nichtsein? Natürlich Sein!
Keine Ahnung, ob ich im Traum Hamlet getroffen hatte. Ich konnte mich an den Traum nicht erinnern. Als ob der Schlaf nur eine Sekunde gedauert hätte. Zack-zack, und ich wachte wieder auf. Das war nichts Merkwürdiges, wenn man bedenkt, wieviel ich vor dem Schlafengehen geredet und mich angestrengt hatte. Ich hatte geschuftet. Ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben geschuftet. Dann schlief ich nach der langen Arbeit ein. Es war die erste Angelegenheit, die ich wirklich ernstgenommen und gemeistert hatte. Dazu noch eine so wichtige Angelegenheit. Wahrscheinlich, weil sie mich betraf. Es ging um mein Leben und meinen Tod.“

Aka Morchiladze, „Reise nach Karabach“, 1992, in der Übersetzung von Iunona Guruli 2018 im Weidle Verlag erschienen.

Im Laufe seiner abenteuerlichen Reise wird Gio, der „Held“ dieses Romans von einer Journalistin gefragt, ob er denn Don Quijote sei. Eine Rolle, die dem jungen Georgier durchaus auf den Leib geschnitten ist. So chaotisch die Lage in seinem Heimatland, so abgefuckt und aussichtlos das Leben seiner Freunde, so ungewiss jede Zukunftsperspektive. Da gleicht es durchaus einer Don Quijoterie, sich in ein Mädchen zu verlieben, von Familie, trautem Heim und Harmonie zu träumen. Der Wunsch nach Normalität, das gleicht hier, in dieser explosiven Region, dem vergeblichen Kampf gegen Windmühlen. Doch Gio hat auch einen guten Teil Hamlet in sich: Immer ein wenig unentschlossen, hin und her schwankend, denkend und grübelnd, erst in der äußersten Bedrängnis ein Mann der Tat.

Gios Sancho Panza ist der etwas dumpfe Kumpel Gogliko, seine Rosinante ein Lada – und weil er motorisiert ist und zugleich dem trüben Einerlei, das ihn in Tiflis im Griff hat, entkommen will, lässt sich Gio von seinem Sancho zu einem scheinbar einfachen Trip überreden: Einmal kurz nach Aserbaidschan und zurück, um Drogen zu besorgen. Doch die beiden Kumpel landen mitten im Herz der Finsternis. Im wortwörtlichen Sinne: Sie verlieren bei ihrer Fahrt nachts vollkommen die Orientierung und geraten in der Region Bergkarabach, die bis heute von Armenien und Aserbeidschan für sich beansprucht wird, zwischen die Fronten. Aus dem etwas surrealen Roadmovie wird unvermittelt eine Erzählung vom Krieg und aus dem Tagträumer Gio der Held für einen Tag, als er sich, Gogliko und den Lada aus misslicher Lage befreit. Hin- und hergereicht zwischen den Kriegsparteien werden die Georgier zum Pfand, Geiseln mit ungewisser Lebensdauer, wie Gio bald ahnt:

„Im Krieg mußt du töten, nicht wahr? Du überfällst, entführst und verlangst dann Lösegeld. Entweder für einen lebendigen oder für einen toten Gefangenen. Ist das Krieg? Das ist kein Krieg, sondern eine Genossenschaft. Die armenisch-tatarische kaukasische Genossenschaft. Erst zerstören wir die Häuser der anderen, töten ihre Frauen, entführen ihre Kinder, und dann erpressen wir ihr Geld. Mit dem Geld kaufen wir Gewehre und Handgranaten und beschießen damit gegenseitig unsere Häuser.“

Mit einer waghalsigen Aktion befreut Gio sich aus dieser Lage. Zurück in Tiflis fällt der gefeierte Held jedoch in eine tiefe Depression, wird von Professoren „hin und her gewendet wie ein Damenschuh und von allen Seiten betrachtet“. Doch ist es mehr als eine posttraumatische Belastungsstörung, die den Ich-Erzähler plagt. Vielmehr ist es sein bisheriges Leben in Georgien, das ihn verstört: Seine Unterordnung unter den dominanten Vater, den revolutionären Oberputschisten, der bei Berufswahl und Liebesleben des Sohnes das letzte Wort hat, sein Sich-Treiben-Lassen und seine Passivität.

„Ich wäre so gerne wie dort, in Karabach, irgendwie normal.“

Das Ende bleibt offen, der Leser im Ungewissen darüber, wohin Gios Weg geht. Doch ein Fünkchen Hoffnung lässt der Ritter mit der rostigen Rüstung und dem gebrochenen Herzen zurück:

„Man sagt, ich sei krank, meine Reise nach Karabach habe mich verändert. Ich liege wortlos herum und spüre die Wärme der Lampe auf meinem Gesicht. Ich halte den Atem an. Draußen ist es dunkel, und komische Figuren tanzen auf der Wand.“

Dieses schnörkellos und geradlinig erzählte Buch von Aka Morchiladze erschien bereits 1992 – da lag der Zusammenbruch der Sowjetunion erst kurz zurück, die ganze Region glich einem Pulverfaß (und tut dies in Teilen heute noch). Dass der Roman, laut Verlagsangaben einer der meistgelesenen Werke der vergangenen knapp drei Jahrzehnte in Georgien, nun passend zu dessen Gastlandauftritt bei der Frankfurter Buchmesse erscheint, ist logisch – zumal nicht nur das Buch ein Bestseller ist, sondern dessen Autor (der übrigens zur Buchmesse kommt) einer, wenn nicht der bekannteste, zeitgenössische Schriftsteller in Georgien ist. Dennoch ist der Roman im Grunde kein georgisches Buch – zwar steht die junge Generation der Republik, die eingebettet ist zwischen Russland, Armenien, der Türkei und Aserbeidschan, im Mittelpunkt. Doch spielt die Handlung in weiten Teilen in eben jenem zerrissenen Bergkarabach, einem Landstrich, in dem beispielhaft all die ethnischen, kulturellen und politischen Konflikte, die die Region erschüttern, deutlich werden. Ob Georgier aus Tiflis, ob Tartare aus Aserbeidschan oder ein armenischer Dörfler, sie alle eint ein tiefes Misstrauen gegen „die Russen“ sowie die Erfahrung von Instabilität, Chaos und Korruption.

Morchiladze erzählt – ironisch, packend, spannend – von einem jungen Menschen, der sich, gefangen zwischen Familientradition und politischem Chaos, selber finden muss: Kein Hamlet, kein Don Quijote, sondern ein Gio.

Verlagsinformationen zum Buch: Reise nach Karabach

Reso Tscheischwili: Die Himmelblauen Berge

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Bild von Richard Mcall auf Pixabay

„…Ich muss gestehen“, beginnt Irodion, „dass mir Gamreklidses Gutachten sehr gefallen hat, welches ich im Unterschied zu euch schon längst gelesen habe, das nur zur Information. Was die „Himmelblauen Berge“ betrifft, so verweisen die Berge, wie der verehrte Gamreklidse bemerkt und wie auch aus meiner Stellungnahme hervorgeht (dies wird weiter unten ersichtlich werden), auf die Berg- und Himmelblaulosigkeit der menschlichen Leidenschaften und Triebe. Das Himmelblau selbst definiert, wie auch der verehrte Gamreklidse wiederholt, weder die Komponenten des Titels noch die Form der Handlung, aber ich wiederhole, das Himmelblau entspricht sowohl dem positiven Hintergrund der vorliegenden Projektion als auch seiner grundlegenden Definition.“

Reso Tscheischwili, „Die Himmelblauen Berge“, 1980, aus dem Georgischen übersetzt von Julia Dengg und Ekaterine Teti, Edition Monhardt, Berlin, 2017.

Die Worthülsen, die jener Irodion von sich gibt, die erinnern durchaus an den einen oder anderen Feuilletonbeitrag, bei dem einen das Gefühl nicht verlässt, der Autor drückt sich möglichst gewählt aus, um zu verschleiern, dass er eigentlich nichts zu sagen hat. Und es beschleicht einen zudem das Gefühl: Das da besprochene Buch wurde, wenn überhaupt, allenfalls angelesen…

Ein Schicksal, das in jedem Falle das Werk des jungen Schriftstellers Sosso ereilt hat: Verzweifelt irrt der junge Mann durch die labyrinthischen Gänge eines Verlagsgebäudes, von einem Amtsvertreter zum nächsten, darum bettelnd, dass diese sein Manuskript „Die Himmelblauen Berge oder Tian Shan“ nach der dritten Überarbeitung endlich vollständig lesen und zum Druck freigeben. Mit großer Lust an der Satire lässt der georgische Autor Reso Tscheischwili in diesem schmalen Roman, der in seiner Heimat längst ein moderner Klassiker ist, einen Typen nach dem anderen auftreten: Amtsschimmel, Klugschwätzer, Erbsenzähler, Karrieristen, Drückeberger – die ganze behördliche Menagerie in einem System, das sich längst schon selbst überlebt hat. Sosso, noch jung und Idealist, erlebt mit seinen „Himmelblauen Bergen“ ein blaues Wunder: Das Manuskript wird buchstäblich auseinandergerissen, zerlegt, zerfetzt – gelesen hat es am Ende keiner und doch übersteht es zumindest den amtlichen Papierkrieg, bekommt das Placet zur Veröffentlichung. Da aber ist der Schriftsteller längst schon von der Bildfläche verschwunden und sucht sein Heil in einem anderen Beruf.

Die Absurditäten mancher behördlicher Vorgänge reizen natürlich zur ironischen Überspitzung – zumal sie in eng geführten politischen, zentralistischen Systemen wie dem real existierenden Sozialismus besondere Blüten hervorgebracht haben. Und wo könnte die Kluft zwischen Bürokratismus und Kreativität wohl noch offensichtlicher werden als in einem staatlich gelenkten Kulturbetrieb? Reso Tscheischwili (1933 – 2015) wird diese Erfahrung selbst gemacht haben: Der Schriftsteller, Dramaturg und Drehbuchautor war unter anderem Mitglied des Drehbuchkollegiums im Filmstudio „Georgischer Film“, Chefredakteur einer Zeitschrift, künstlerischer Leiter und Direktor eines Akademietheaters und nicht zuletzt auch von 1992 bis 1995 Abgeordneter des georgischen Parlaments (alle biographischen Angaben aus dem Nachwort von Ilia Gasviani aus der mir vorliegenden Ausgabe). Einer der also kreative Tätigkeit, Bürokratie und Politik aus eigenem Erleben kannte – und vielleicht selbst, wie der junge Sosso, mit einer Idee oder einem Manuskript in die langsam mahlenden Mühlen geriet.

Der Roman, der auch an Ionesco und dessen absurde Zustandsbeschreibungen erinnert, wirkt in seiner Sprache beinahe trocken und spröde. Bilder, Szenen, Abläufe wiederholen sich, verdeutlichen die Eintönigkeit des Behördenalltags, der dann jedoch wiederum durch geradezu tumulthafte Szenen unterbrochen wird: Als müssten sich die menschlichen Leidenschaften, die im Grau des Gebäudes unterdrückt werden, doch irgendwie Luft verschaffen. Karl Valentin hätte an diesem Buch, das beinahe wie ein Kammerspiel aufgebaut ist, seine Freude gehabt. Die Handlung spielt fast ausschließlich in einem nicht näher verorteten „pseudoklassischen“ Gebäude, nur ab und an geht der Blick hinaus auf ein Feld, auf dem „Motoball“ gespielt wird. Im Innern des Hauses herrscht ein Treiben zwischen Bürokratiehierarchie und Fabrikalltag, eine Mischung aus „Modern Times“ und „Büro, Büro“. Menschen durchwandern hektisch und sinnlos die Flure, der kaum zu greifende Direktor bellt in mehrere Telefone, ein zermürbter Angestellter beginnt einen aussichtslosen Papierkrieg, um das Bild „Grönländische Landschaft“ über seinem Schreibtisch loszuwerden.

Man liest: Amüsiert und erstaunt. Denn immerhin erschien diese Satire bereits 1980 und wurde, auch beflügelt durch eine Verfilmung 1983, zu einem großen Erfolg. Man wundert sich jedoch, dass dieses Manuskript, lange vor Glasnost und Perestroika, in der Sowjetunion herauskommen konnte. Denn es ist nicht die satirische Überspitzung bürokratischen Handelns allein, die dem Text eine gesellschaftskritische Note geben. Vielmehr lässt sich das langsame Zusammenfallen des „pseudoklassischen Gebäudes“, in dem der Putz den Mitarbeitern buchstäblich auf die Schultern bröckelt und das umstrittene Gemälde „Grönländische Landschaft“ von der Wand knallt, auch als Metapher für den Untergang des real existierenden Systems der UdSSR deuten. Nur die Kreativität, die „himmelblauen“ Berge, sie stehen noch für Hoffnung, für andere Werte, bringen Farbe in den Büroalltag – die jedoch von den Bürograuen längst nicht mehr gesehen werden kann.

Das Buch jedoch allein als „sozialistische“ Posse zu lesen, als Zeugnis einer vergangenen Epoche, das würde dem schmalen Buch nicht gerecht. Systeme kommen und gehen, die Bürokratie, sie bleibt – wenn sich auch die Vorzeichen wandeln. Für Reso Tscheischwili wäre dies vielleicht auch ein geeigneter Stoff gewesen: Ein Blick auf einen Verlag, der einzig auf Rendite und hohe Verkaufszahlen ausgerichtet ist – mit einem Autoren, der zwischen Marketingabteilung, Finanzwesen, Agentur und Lektorat hin- und hergereicht wird.

Dem noch recht jungen Berliner Verlag „Edition Monhardt“ ist jedenfalls sehr zu danken, dass er dieses feine Stück absurder Literatur den deutschen Lesern – passend zur Frankfurter Buchmesse 2018, deren Gastland Georgien ist – in einer zudem sehr schön gestalteten Ausgabe zugänglich macht.

Verlagsinformationen zum Buch:
http://monhardt.de/produkt/reso-tscheischwili-die-himmelblauen-berge/

Eine weitere Besprechung findet sich bei:
Wissenstagebuch – https://wissenstagebuch.com/2018/02/07/reso-tscheischwili-die-himmelblauen-berge-1980-2017/