Friederike Mayröcker: Reise durch die Nacht

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Bild von Peter H auf Pixabay

„im Grunde habe ich mein Leben vorüberziehen lassen wie einen Traum, sage ich, im Grunde habe ich alles falsch gemacht, sage ich, im Grunde ist alles Stückwerk geblieben mein Leben, meine Verständigung mit der Welt, alles falsch alles Lüge, im Grunde war alles gelogen, eine einzige Lüge was ich vorhin gesagt habe, was ich vorhin gehört habe, meine Aufzeichnungen imaginieren nur alles, das ist alles nicht wahr, oder ich habe es nur erfunden, ich nehme alles zurück, oder ich widerrufe am liebsten alles, alles Schwindel, rufe ich, auch in der Liebe alles nur Schwindel alles erlogen, alles schon dagewesen, alles abgeschmackt, heruntergehaspelt, in allen Variationen durchgespielt, und der Zorn des Lamms ist mir gewiß –„

Friederike Mayröcker, „Reise durch die Nacht“, 1983

Im Grunde ist das Leben eine einzige Reise voller Zufälle, Beobachtungen, mehr oder weniger gelungener Entscheidungen, voller Assoziationen, ein sinnliches Leben, das zwischen rot und grün changiert, das in den engen vier Wänden, die Tag für Tag noch beengter werden durch die Anhäufung einer Zettelwirtschaft, immer noch genug Raum lässt, um Caspar David Friedrich und Goya zu imaginieren, um einen ganz eigenen Kosmos zu schaffen, der kleinräumig und so weit zugleich ist.

Als Friederike Mayröcker „Reise durch die Nacht“ schrieb, hatte sie bereits ein umfangreiches Werk vollbracht: Ab Mitte der 1950er-Jahre hatte sie bereits eine Vielzahl an Hörspielen, Theaterstücken, Prosa und vor allem natürlich Gedichte veröffentlicht. Das Prosastück um eine nächtliche Zugfahrt fügt sich ein in diesen fortwährenden Fluss des Schreibens, keine Zäsur bildet es, keinen Stilwandel, keinen Neuanfang, sondern die Fortsetzung eines in Worte gegossenen Lebens, das wohl wie bei kaum einer anderen Schriftstellerin Biographie und Fiktion verknüpft, zusammenführt, in eine Form gießt: Das Leben als Kunstform, die Kunst des Lebens.

„Doch kann man ihre Bücher als ein einziges Buch einer denkenden, sehenden, hörenden, liebenden, leidenden und reflektierenden weiblichen Existenz lesen“, schreibt Verena Auffermann in einem Essay über die Schriftstellerin.

Knapp 60 Jahre alt war sie, die Avantgardistin der österreichischen Literatur, als sie das Prosastück über ihre Zugreise veröffentlichte. Eine Reise, die die Leser hierhin und dorthin führt bis zur Endstation in Wien, zurück zu gescheiterten Lieben, zu Begegnungen mit anderen Menschen, nach einem unbefriedigenden Urlaubsaufenthalt mit dem „VORSAGER“ die Gegenwart durchdringend, vor allem die eigene Existenz als Schreibende und älter werdende Frau. Schonungslos ist diese Bilanz, auch dem Partner gegenüber, mit dem, obgleich zwar als VORSAGER fiktionalisiert, unverkennbar Ernst Jandl gemeint ist, mit dem Friederike Mayröcker bis zu dessen Tod im Jahr 2000 eine Lebens- und Liebesgemeinschaft führte:

„Jetzt noch einmal beginnen können, mein Gott in meinem dreiundreißigsten Jahr zum Beispiel, damals, als wir einander zum ersten Mal sahen! Die Wahrheit ist wir sind in späteren Jahren oft in ein Patt geraten, wußten nicht ein noch aus, weideten uns an den bloßgelegten Schwächen des anderen.“

Nur stückweise sei sie imstande zu leben, lesen wir von der Autorin dieses inneren Monologs: Dies klingt beinahe wie eine Gebrauchsanweisung für das Lesen der Texte Friederike Mayröckers. Alles fügt sich ineinander, gibt ein Ganzes, man kann sich hineinfallen lassen in diesen Sog einer Existenz, die sich durch das Schreiben ihrer selbst bewusst macht, man kann – oder sollte gar als Leserin – den Text immer wieder unterbrechen, aufnehmen, in Einzelstücken genießen, das Assoziative wie das Poetische daran langsam vor den Augen zergehen lassen:

„Mit Blüten beschneit, damals, die Ruten der Bäume im bleichen Abendlicht, mit riesigen Blütenmonstranzen die mächtigen Holunderbäume, in einem Hof, von ferne ein leise weinendes Kind, im ausgebleichten Himmelsviereck die schreienden Schwalben, unsichtbar flötenden Amseln : alles von unirdischer Herkunft! sage ich, als hätte ich damals, in diesen Augenblicken der tiefen Stille eine Vorstellung davon empfangen dürfen, wie mich, sobald es auch mir bevorsteht, die Erinnerung dieses Bildes trostvoll hinübergeleiten würde.“

Vor wenigen Tagen, am 20. Dezember, feierte Friederike Mayröcker ihren 94. Geburtstag – und noch immer ist ihre Reise durch das Leben ein fortwährendes Erleben und Schreiben. Der „Reise durch die Nacht“ folgten noch zahlreiche weitere Bücher, die sich einfügen in dieses Gesamtkunstwerk – besonders anrührend ist der Erinnerungsband an ihren Gefährten Ernst Jandl, „Und ich schüttelte einen Liebling“.

Dennoch ist mir „Reise durch die Nacht“ von dem, was ich von ihr bislang las, ein besonders wichtiges Buch, gerade in meiner jetzigen Lebensphase: Die Auseinandersetzung mit dem, was ist. Wie man sein Leben gelebt hat, wie es sich mit den Jahrzehnten verändert, auch das Festhalten dessen, wie einem das Älterwerden immer näher rückt, die körperliche Verfassung eine andere wird. Mit so viel Mut, „mit der Tollkühnheit der Selbstentäußerung“ (Verena Auffermann) hat Friederike Mayröcker darüber schon vor mehr als drei Jahrzehnten geschrieben.

Mehr Informationen:

Die Werke von Friederike Mayröcker erscheinen im Suhrkamp Verlag.

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Annette Pehnt: Lexikon der Angst

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Mit dem Engel hat er schon Erfahrungen gemacht, als er noch ein Kind war. Er spielte so vor sich hin, gerade mal vier oder fünf, mit dem Krempel, den seine Eltern ihm gekauft hatten, da erschien ihm ein Engel, der kein Blatt vor den Mund nahm.
Du bist, sagte der Engel mit einer erstaunlich hohen Stimme, die kaum zu seiner stattlichen äußeren Erscheinung passte, seinen wie Kupfer gegossenen Flügeln und seinen leuchtenden bodenlangen Gewand, du bist aufgerufen. (…).
Ich will, dass du von nun an den Frieden des Herrn bringst, befahl der Engel, ein Friedensstifter sollst du sein. (…).

Du wirst ja nicht mal wütend, schimpfte die Freundin, hast du gar kein Feuer in dir. Kampfgeist, schon mal gehört.
Ich kann nichts dafür, sagte er schwach, das war der Engel, aber da hörte sie schon nicht mehr zu, vier Tage später war sie ausgezogen, und beruflich ging es auch nicht bergauf, man stellte ihm im Jobcenter für die Langzeitarbeitslosen ein, die er geduldig und erfolglos betreute. So lernte er, die Engel zu fürchten.“

„Lexikon der Angst“, Annette Pehnt, 2013, Piper Verlag, 176 Seiten.

Jeder kennt sie, diese kleinen, diffusen Ängste – das Bügeleisen, das unausgeschaltet in der verlassenen Wohnung vor sich hin schmort, das Unbehagen bei einer Autobahnfahrt, das Gefühl im Magen, kurz bevor das Flugzeug abhebt. Und es gibt die großen Lebensängste: Um das eigene Kind, vor dem Tod des Partners, vor den Erscheinungen des Älterwerdens, Existenzangst.

„Angst gehört zum Menschen“, weiß auch die 1967 geborene Schriftstellerin Annette Pehnt. Doch bei manchen wird das ureigene, urmenschliche Gefühl zur Störung: „Angst essen Seele auf“. Etwa 14 Prozent der europäischen Bevölkerung leiden an einer behandlungsbedürften Angststörung, so eine Studie 2011.

Den großen wie den kleinen Ängsten widmet sich die Autorin in ihrem „Lexikon der Angst“. Ein Buchtitel, der auf den ersten Blick eher einem medizinischen Fachverlag zugeordnet scheint. Doch so, wie das Lexikalische ein Spiel bleibt, so spielerisch-virtuos geht Annette Pehnt auch mit der ganzen Skala von Angstgefühlen um, die uns Menschen umtreiben kann. Man könnte auch sagen: Schreibend hält sie die Ängste fern, verscheucht die bösen Engel.

Die Skala des Unbehagens, das sich (auch auf sprachlich) leisen Sohlen durch eines jeden Menschen Leben schleichen kann, reicht von „A“ wie „Aal“ – eine junge Frau, die Angst beim Milchtrinken empfindet, nur leise angedeutet wird ein Kindheitstrauma – von „Z“ wie „Zirpen“, das von der älteren, einsamen Frau erzählt, die vergeblich auf den Anruf ihres Sohnes wartet. Das Spiel mit der Lexikonordnung besteht also aus kleinen Kurzgeschichten, unter deren lexikalischen Angaben wie „Federschmuck“ oder „Morgenlicht“ sich Überraschendes verbirgt. Kalendergeschichten seien es auch, schrieb Ursula März in ihrer Rezension in der Zeit. Tatsächlich erinnert die klare, nüchterne Erzählweise von Annette Pehnt von ungefähr an einen anderen großen Kalendergeschichten-Erzähler: Bertolt Brecht. Dessen Geschichten von Herrn Keuner kreisen ebenso beiläufig um die „großen“ Fragen und die Alltagsthemen – hier steht Annette Pehnt in einer guten Tradition. Auf die Frage, warum sie, wie in ihren Vorgängerromanen, unter anderem „Mobbing“ und „Chronik der Nähe“, immer wieder „ungemütliche Themen“ aufgreife, antwortete sie:
„Gemütlich kann man es sich vor dem Fernseher machen. Literatur ist etwas anderes. Sie erzählt von den Rissen in unserer glänzenden Oberfläche.“

Angst sei, so sagt sie weiterhin, ein „kraftvolles Gefühl“, aus dem man erzählerisches Material schöpfen kann. Und das ist ihr mit ihrem Lexikon durchaus gelungen: Erstaunlich die Bandbreite der Ängste, Phobien, Befürchtungen, des Unbehagens, die sie hier ganz sacht aufblättert. Und dafür trotzdem kein einziges Mal in die Horrorkiste oder Klischeeschublade greifen muss – weder die cineastisch umgesetzten Ängste vor Serienmördern, Aliens und Weltuntergang sind in diesem Lexikon zu finden, noch Klaustro-, Agora- und Coulrophobie. Vielmehr handelt es sich um jene Befürchtungen, die jeden von uns treffen könnten. Ursula März in der Zeit:

„Annette Pehnt, die sich mit einer Reihe von Romanen wie Mobbing und zuletzt Chronik der Nähe aus dem Jahr 2012 als luzide Beobachterin der deutschen Gegenwartsgesellschaft und empfindsame Phänomenologin des alltagsnahen Geschehens erwies – darin dem Schriftsteller Wilhelm Genazino von fern verwandt –, begibt sich in ihrem neuen Buch auf die Spuren jener schönen, im frühen 19. Jahrhundert kultivierten, minimalistischen Prosaformen, die vom Romanehrgeiz der derzeitigen Belletristik fast verdrängt wurden: die Kurznovelle und die Kalendergeschichte. Der Gefahr, die diese Formen mit sich bringen können, die Ausdünnung im allzu putzig Skurrilen, erliegt Annette Pehnt nur an wenigen Stellen.

Keiner der Texte, die sie in diesem Lexikon der Angst zu einem losen Reigen fügt, ist länger als zwei, drei Seiten. Gerade darin aber, im Reduzierten und Beiläufigen, liegt die Pointe des Buches. Es unterläuft den wuchtigen Begriff von der Angstepoche, in der wir angeblich leben, es lässt die aktuellen und globalen Riesenängste konsequent aus. Und es überbietet den Begriff zugleich. Es zeigt, wie Ängste in die unauffälligsten Nischen des Alltagslebens einwandern, wie sie zu selbstverständlichen Begleitern werden.“

Die schönste aller dieses Geschichten ist für mich jedoch jene, die vom Zustand „vor der Angst“ erzählt: „Nichts“.

„Sie ist fünf, im besten Alter, das es gibt. Sie ist wendig, schlank wie ein Strohhalm und immer warm. Wenn sie etwas lustig findet, einen selbsterdachten Witz, den niemand sonst versteht, lacht sie hemmungslos. Ihre Augen sind klar, sie schaut jeden direkt an und zwinkert selten. Wenn man ihr ein Buch vorliest, legt sie dem Vorleser eine warme Hand auf das Bein, ohne es zu merken. Sie kann im Handumdrehen wütend werden, ein schäumender Zorn packt sie dann, und sie brüllt aus Leibeskräften, bis ihr die Haare verschwitzt in die Augen hängen, sie fegt Bücher vom Tisch oder ein volles Saftglas.“

„Sie hat vor nichts Angst, außer davor, nicht mehr fünf zu sein.“

Schön wäre es manchmal schon, man wäre noch fünf oder siebzehn und frei von den Lebenserfahrungen, die auch Angst machen können. Sie sind subsummiert unter dem letzten Lexikoneintrag „Zittern“, der auch in der erzählerischen Form eine Ausnahme bildet:

Zittern
Hungrig sein im eigenen Hause.
Stinken, ohne davon zu wissen.
Nicht mehr aufhören können zu lachen.
Das eigene Kind nicht lieben.
Sich an den Rändern auflösen.
Nichts mehr hören können.
Nichts mehr schmecken können.
Nicht mehr gehen können.
Nicht mehr singen können.
Zu viel sehen müssen.
Jemanden lieben und es niemals sagen können.
Verspeist werden.
Keinen Tanzpartner finden.
Auch beim nächsten Mal keinen Tanzpartner finden.
Ein weiches Tier zertreten.
Soldat werden müssen.
Ein Tier schlachten.
Mitten auf dem See die Ruder verlieren.
Den eigenen Bruder mit dem falschen Namen begrüßen.
Den Hund in der Tür zerquetschen.
Schweigend beim Essen sitzen.
Streitend beim Essen sitzen.
Gar nicht beim Essen sitzen.
Im Restaurant deutlich hörbar furzen müssen.
Einen Körperteil abgetrennt bekommen.
Sich beim Verwelken zusehen.
Dem eigenen Kind beim Verwelken zusehen.
Schokolade essen und Braten schmecken, Braten essen und Schokolade schmecken.
Am hellichten Tag die Augen öffnen und nichts sehen.
Zittern, einfach so.

PS: Wer Ängste kennt und nachfühlen kann, der beschäftigt sich wahrscheinlich auch mit Fragen des Schicksals, der Sterne. Jedenfalls hat Annette Pehnt die Texte zu einem wunderbaren „Sternzeichen“-Buch geschrieben, an dem auch Bloggerin Susanne Haun mitgewirkt hat. Sowohl von Bild und Wort her ein ganz besonderes Schmuckstück. Mehr darüber zu lesen gibt es hier: http://faszinationsternzeichen.wordpress.com/


Weitere Bücher von Annette Pehnt:

„Briefe an Charley“ (2015).

Eine Frau schreibt an den ehemaligen Geliebten, der sie vor Jahren verließ: Ein trauriges, trotziges, kluges Buch. Zudem eine Referenz an das Schreiben an sich. Schreibend sich der Vergangenheit versichern, Geschehnisse deuten, umdeuten, in der Schrift die Wirklichkeit überwinden, zurechtrücken. Emotionen verarbeiten. Annette Pehnt sagte zu ihrem „Briefroman“ in einem Interview: „Und deswegen ist es eigentlich auch ein Fest der Sprache und des Schreibens. Im Laufe des Buches gibt es eine Art Entwicklung. Sie löst sich zunehmend von diesem Charley. Irgendwann ist es fast schon egal, was jetzt mit dem war und was da gewesen sein könnte. Irgendwann geht es nur noch ums Schreiben. Und dann geht es irgendwann auch darum, damit wieder aufzuhören.“ (Quelle: Deutschlandradio Kultur)

Zugleich ist das Buch auch eine Verneigung vor der Lyrikerin Mayröcker. Empfehlenswert.
Zur Homepage der Autorin: http://www.annette-pehnt.de/

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