Johann Wolfgang von Goethe – Mayfest

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Das Goethe-Gartenhaus im Park an der Ilm. Bild von Jochen Schaft auf Pixabay

Wie herrlich leuchtet
Mir die Natur!
Wie glänzt die Sonne!
Wie lacht die Flur!

Es dringen Blüten
Aus iedem Zweig,
Und tausend Stimmen
Aus dem Gesträuch,

Und Freud und Wonne
Aus ieder Brust.
O Erd o Sonne
O Glück o Lust!

O Lieb’ o Liebe,
So golden schön,
Wie Morgenwolken
Auf ienen Höhn;

Du segnest herrlich
Das frische Feld,
Im Blütendampfe
Die volle Welt.

O Mädchen Mädchen,
Wie lieb’ ich dich!
Wie blinkt dein Auge!
Wie liebst du mich!

So liebt die Lerche
Gesang und Luft,
Und Morgenblumen
Den Himmels Duft,

Wie ich dich liebe
Mit warmen Blut,
Die du mir Jugend
Und Freud und Muth

Zu neuen Liedern,
Und Tänzen giebst!
Sey ewig glücklich
Wie du mich liebst!

Hier jubiliert der junge Goethe: Vermutlich 1771 entstanden, gehört das „Mayfest“ oder auch „Mailied“ zu den Sesenheimer Liedern und war einer seiner Jugendlieben, der Friederike Brion, zugeeignet. Nicht der letzte Mai, nicht die letzte Liebe, die das warme Blut des Dichterfürsten in Wallung brachten. Es sind Zeilen, die könnten auch seiner sinnlichsten, körperlichsten Liebe gewidmet gewesen sein – jener Frau, die ihm wirklich Jugend gab und schenkte, trotz aller äußerlichen Erschwernisse.

Allerdings war es nicht im wunderschönen Monat Mai, als alle Knospen sprangen (ein kleiner Abstecher zu Heine), sondern am 12. Juli 1788, als Goethe im Park an der Ilm in Weimar „so für sich hin spazierte“, als ihm eine junge Brünette in den Weg trat: Johanna Christiana Vulpius bittet ihn um Protektion für ihren Bruder Christian August, einen arbeitslosen Sekretär und Schriftsteller. In Goethes Gartenhaus wird die Begegnung offenbar in jedweder Beziehung sofort vertieft – und mündet in eine 28jährige Beziehung. Diese ist jedoch auch von Auf und Ab`s geprägt, von heißer Liebe und kommender Entfremdung – und doch trotzt sie den moralischen Anwürfen jener Zeit.

Von einer innigen Liebe zumindest in den ersten Jahren und einer anhaltenden Verbundenheit über die Jahrzehnte hinweg zeugen auch die Briefe, die das Paar sich schrieb. Christiane erzählt darin meist von ihren täglichen Angelegenheiten, viel von ihrem Garten, den sie selbst pflegte und in dem sie und der Dichter gerne „schlampampten“. Vor allem in den späteren Jahren muss sie oft auf seine Anwesenheit verzichten – er ist in Geschäften oder in Kurangelegenheiten absent und genießt dort vielleicht auch die vielen „Äugelchen“, die ihm von den diversen Literaturgroupies gemacht werden.

So spricht aus den Briefen Christianes oftmals auch eine unstillbare Sehnsucht:

Weimar, 8. oder 9. Mai 1802 

Ich befinde mich wieder etwas besser, aber ganz recht ist mir doch nicht, und ich kann auch nicht recht sagen, was mir fehlt. Auch schlafen kann ich fast gar nicht. Sobald der Schatz aber wiederkommt, so wird es schon wieder besser werden. Ich will mich diese Woche noch ganz mit meinem Garten beschäftigen, daß, wenn Du wiederkommst, es Dir recht bei mir gefällt. Der August läßt Dich vielmals grüßen und entschuldigt sich, daß er nicht geschrieben hat; er hat gar viel zu thun. Ich freu mich aber sehr, daß es Dir mit Deinen Arbeiten so gut geht, und noch mehr freue ich mich, Dich bald wiederzusehen. Leb wohl und behalte mich nur so lieb, wie ich Dich liebe.

Christiane

Sachlicher und ichbezogener lautet die Antwort auf diesen Brief: Goethe spricht von Fortschritten an seiner „Iphigenie“, die er in Jena schreibt. Zwar lädt er Christiane ein, bald zu ihm zu kommen, doch das geht dann so:

„Ich freue mich sehr, Dich und das Kind wiederzusehen, und bin guten Humors, weil ich verhältnismäßig viel gethan habe.“

Quelle: „Behalte mich ja lieb! – Christiane und Goethes Ehebriefe“, Auswahl und Nachwort von Sigrid Damm, Insel-Bücherei Nr. 1190, 1998

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