„Die Chamäleondamen“ von Yvonne Hergane: Wie die Mutter, so die Tochter

Bild: Frauen in Rumänien von Eugen Visan auf Pixabay

Sie wussten stets, was sie wollten, mussten nehmen, was sie bekamen und gingen dafür ihren Sonderweg, auch wenn er aus dem rumänischen Banat nach Deutschland führte. Gastautor Ortwin-Rainer Bonfert kennt den zeitgeschichtlichen Hintergrund und hat einen „Beipackzettel“ für das Buch verfasst, der zum Lesen in Zeiten der Pandemie passt.

Man stelle sich vor: Man studiert Germanistik, man studiert Anglistik, man studiert Buchwissenschaft, dann schreibt man Kinderbücher, dann schreibt man Jugendliteratur, übersetzt englische Literatur – und dann schreibt man endlich einen Roman. Yvonne Hergane tat es. Sie schrieb diesen Debütroman mit leichter Feder, mit authentisch wirkenden Charakteren. Ihre Chamäleondamen wussten stets, was sie wollten, mussten aber nehmen, was sie bekamen. Sie ergaben sich trotzdem keineswegs ihrem Schicksal, sondern gingen ihren Sonderweg, machen dabei ihre Fehler, an denen sie wiederum nicht verzagen. Denn für sie ist klar: Lebe mit i geschrieben ist mehr Leben.

Yvonne Hergane verlegt den Romanbeginn ins Frühjahr 1919 des Banats in Rumänien und schafft es vom ersten Satz an, so subtil die Umstände zu schildern, in der die Braut in der Hochzeitsnacht zu ihrem Liebhaber durchbrennt, dass sogar der gehörnte Bräutigam darüber schmunzeln müsste.

„Die Chamäleondamen“ – Der Titel ist Programm! Es geht um Powerladies mit Herz, die durchhalten, sich anpassen, sich nie verbiegen: „Einen Morgen später (Anm.: nach der schmerzvollen Geburt) steht Marita wie immer im Geschäft ihre Frau, (…) eine Dame, als Verkäuferin getarnt.“ Es ist der Roman vierer Frauen aus vier Generationen und dennoch ist es genau so wenig ein klassischer Familienroman wie es eben auch kein klassischer Frauenroman ist: Die Erlebnisse der Chamäleondamen vor zeitgeschichtlichem Hintergrund betreffen und berühren eigentlich uns alle.

Der Vier-Generationen-Roman konzentriert sich im Wesentlichen auf die letzten beiden Frauen in dieser Familie. Die ersten beiden definieren den ausschlaggebenden und damit wichtigen Ausgangspunkt. Oder, mit den Worten von Yvonne Hergane formuliert: „Was Elli von ihrer Mutter als eines der wenigen Dinge bei der Geburt mitbekommt, gibt sie später, um das Gewicht der Vorangegangenen angereichert, an ihr Kind und Kindeskind weiter.“

Das Buch ist in knappe, wenige Seiten lange Kapitel gegliedert, zwischen denen in der Chronologie der Handlung mehrere Jahre oder auch Zeitsprünge liegen. Es sind Episoden aus dem Leben der Protagonistinnen, Spotlights, die signifikante Ereignisse vor dem jeweiligen historischen Hintergrund beinhalten. Beispielsweise wird eine Familientragödie während der Nazi-Zeit geschildert. Aber auch eigenständige, aus dem Familienleben geschnittene Vorkommnisse werden eindrucksvoll erzählt. Bei der Beschreibung des Ausrutschers eines Mädchens bei der Wochenendhütte, der nahezu zum Ertrinken im Bergbach geführt hätte, kommt die hervorragende narrative Kompetenz der Autorin ganz besonders zum Tragen. Gekonnt erfolgt dabei die sensible Gradwanderung zwischen Schilderung der Wahrnehmung des Kindes und dem eigentlichen Vorgang, der sich dem Leser nur allmählich erschließt (S.36/37): „…und Hanne ahnt auch, wo die Luft geblieben ist. Nein, die Zeit steht nicht still, sie saugt sich nur voll, die Sekunden blähen sich auf mit Hannes Luft, immer fetter und runder schmatzen sie sich daran.“

Mit wohl dosierten Regionalismen der Banater Schwaben wirken die Charaktere noch authentischer und sorgen bei Kennern für Amüsement. Leser können sich rasch in die Protagonistinnen hineinversetzen, mitfühlen, umgarnt eine Welt erleben, wie sie der Autorin vorschwebte, als sie den Roman schrieb. Es ist der Alltag der Chamäleondamen, die sich familiärer Verantwortung sowie der Liebe – mit allen Höhen und Tiefen – äußerlich anpassen, sich innerlich stets treu bleibend. In knappen Episoden werden geschildert: Familienfreuden wie auch Familienzwist,  Menschliches, allzu Menschliches, aber auch Abenteuerliches im Umfeld des kommunistischen Rumänien wie auch die Zerrissenheit zwischen dort bleiben, nach Deutschland auswandern und dort wiederum ankommen. Sicherlich spielt dabei die Biographie der kenntnisreichen Autorin eine wichtige Rolle, doch der Roman eignet sich als Lektüre für jeden, auch ohne Wissen um die deutsche Minderheit in Rumänien, den Banater Schwaben.

„… Latte-machiato-Mütter, die ihren mumiendick eingeplünnten Sprösslinge im Kinderwagen angeschnallt brüllen lassen, während sie sich im Kreis unterhalten, den Rücken zu den Kindern, über Windeln und Schuhe und Windeln und Männern und Windeln und dass man dem Kind nie genug Aufmerksamkeit schenken kann.“

Die Schilderungen amüsieren, sind aber keineswegs trivial. Die Autorin versteht es, dem durchaus ernsten Plott immer wieder eine ironische Note zu verleihen. Sie versetzt damit den Leser in einen Flow, der sich vom ersten Satz an mitgenommen und von der Lektüre sanft umhüllt getragen fühlt. Das Buch, im handlichen C4-Format, kartoniert gebunden, mutet mit seinem Cover edel an. Lob an Eva Wünsch, die in Anlehnung an Dadaismusformate eine ansprechende Cover-Collage kreiert hat.

In Zeiten der Pandemie kommt Literatur eine erweiterte Bedeutung zu. Wem ist dieses Buch nahezulegen? Der „Beipackzettel“ des Rezensenten zu diesem Buch:

Leser, die Tag täglich über ihr Schicksal seufzen, ist dieses Buch dringend empfohlen. Damen sollten es nicht zu hastig lesen – wegen möglichem Schluckauf beim Grinsen. Und Herren sollen sich nicht so anstellen – das Buch tut ihnen bestimmt auch gut. Die knappen Kapitel eignen sich sogar für die Lektüre zwischendurch, beispielsweise in der U-Bahn.

Leser, denen Corona-Einschränkungen auf den Magen schlagen, mögen sich in eine Decke gehüllt auf den Balkon setzen, bedächtig Glühwein, Gin oder Whiskey schlürfen, und das Buch genießen. Kamillentee hilft nun mal nicht immer und überall.

Indiependent-Verlagen wie MARO sind solche Bücher und Autor*innen dringend zu wünschen, um besser über die Runden zu kommen und um ihr Geschick für Newcomer zu beweisen.

Online-Versandhändler mit Wild-West-Manier mögen dieses Buch getrost ignorieren, schlägt ihr Herz doch eher für das Förderband der Bücher, als für die Bücher selbst.

Buchhändler sind gut beraten, für solche Debütromane aus Indie-Verlagen mehr Platz in ihren Auslagen und Büchertischen einzuräumen.

„Die Chamäleondamen“ – gut zu jeder Tageszeit.

Ein Beitrag von Ortwin-Rainer Bonfert

Informationen zum Buch:

Yvonne Hergane
Die Chamäleondamen
MaroVerlag, Augsburg, 2020
240 Seiten 20,00 €
ISBN 978-3-87512-493-4

Die Geburt der Magnolienfrau – Wie ein Memoir entstand

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Bild von Free-Photos auf Pixabay

EIN GASTBEITRAG VON CHRISTIANE SCHLÜTER

Im vergangenen Sommer hörte ich erstmals von Christiane Schlüters Projekt und war sofort neugierig: Denn Christiane war deutlich anzumerken, welch tiefen Eindruck die Begegnungen mit Sabrina De Stefanie und deren unglaubliche Lebensgeschichte bei ihr hinterlassen hatten. Über die Faszination für das Biographische hinaus löcherte ich sie jedoch auch mit weiteren Fragen: Wie aber bringt man dieses Leben in Buchform? Wieviel Arbeit steckt in so einem Projekt, was ist die Rolle der Co-Autorin? Ein wenig von dem Prozess vom Manuskript zum Buch habe ich so mitbekommen. Und mich daher auch mitgefreut, als ich das fertige Buch vor wenigen Tagen in Händen hielt: Weiß ich doch inzwischen, wieviel Arbeit darin steckt. Und ich freue mich sehr, dass Christiane Schlüter bereit war, meinen Bloglesern von diesem Prozess vom Manuskript zum Buch zu erzählen:

Am Anfang war eine Geschichte. Eine unglaubliche Geschichte, teils aufgeschrieben, im Rohzustand noch und ohne Verlag … Es war die Geschichte von Sabrina De Stefani, die als junge Frau in Indien ihre große Liebe gefunden, ihre innere Freiheit errungen hatte und dann in abgrundtiefe Gefahr geraten war.

Dank gut vernetzter Frauen fiel der Text in die Hände eines Verlages und bald darauf, zwecks Co-Autorinnen-Suche, in die Hände von Gerald Drews, meinem Agenten. „Unbedingt!“, sagte ich auf die Frage, ob ich daran mitarbeiten wolle.

Alle freuten sich.

Dann stellte sich der Verlag anders auf, die Geschichte passte nicht mehr hinein. Was nun? Was tun mit diesem Stoff, in dem ja nicht nur eine, sondern sogar viele Geschichten steckten? Die neuerliche Verlagssuche gestaltete sich als Arbeit am Projekt. Worum geht es wirklich? Um das Glück? Um die Liebe? Um die Freiheit? Zum Schlüssel wurde eine Szene aus der frühen Kindheit der Heldin: Wegen eines Rückenleidens im Gipsbett gefangen, hatte Sabrina mehrere Sommer lang unter einer Magnolie im Garten ihrer geliebten Großmutter gelegen und sich aus der Enge fort- und in den Blütenhimmel hinaufgeträumt. Sie war: die Magnolienfrau!

Wie wichtig doch ein Titel ist! Er bündelt die Geschichte. Ist er gefunden, dann ist im Keim das Buch schon da. Lässt er sich nicht blicken, steht das ganze Projekt noch in Frage.

Der Berliner Allegria Verlag, der zu Ullstein gehört, gab der „Magnolienfrau“ schließlich im Herbst 2016 ein neues Zuhause – mit der Programmchefin Karin Stuhldreier, die das Projekt zu ihrer Herzenssache machte, und mit vielen weiteren Unterstützern. Jetzt konnte das Buch wachsen. Es gab ja schon Text. Und es gab, wenige Monate später, rund 50 Sprachdateien: Interviews, in denen Sabrina De Stefani die ganze Geschichte noch einmal erzählt: Wie sie im Gipsbett lernt, innerlich aus ihrem Körper auszusteigen, sich wegzubeamen, hinauf in die blütenbestandene Baumkrone. Wie sie später, als junge Erwachsene, auf die Suche geht nach der einen großen Liebe, die ihr Nähe und Freiheit zugleich schenken wird …

Diese Suche führt die erfolgreiche Selfmade-Frau bis in den Himalaja, wo sie, an der Seite eines hinduistischen Krieger-Priesters, die entscheidenden Einsichten ihres Lebens gewinnt. Doch dann spinnen ihre Widersacher eine Intrige, und wieder wird sie eingesperrt: ins Tihar Jail, das größte Frauengefängnis Asiens. Wird sie sich und das Kind, das sie erwartet, retten können? Und wird sie ihre große Liebe wiedersehen?

In einem monatelangen Dialog zwischen Sabrina De Stefani und mir wuchs der Text. Jedes Kapitel entstand basierend auf dem Vortext oder einem der Interviews. Wurde hin- und hergeschickt, angereichert, gestrafft, zuletzt lektoriert und dann, während die nächsten Kapitel entstanden, wieder und wieder abgeglichen: Stimmt die Richtung noch? Der Erzählton? Die Kernaussage? Ist die Heldin erkennbar, verstehbar in ihrer Suche? Wird klar, was sie gefunden hat? Und stimmen – über den zeitlichen Graben hinweg – die Fakten?

Programmchefin Karin Stuhldreier war unsere erste kritische Leserin. Wo wir uneins waren, überließen wir ihr die Entscheidung. Ihr Lob spornte uns weiter an. Für Sabrina bedeutete diese Arbeit ein tiefes Eintauchen in ihre eigene Vergangenheit – und immer wieder die Begegnung mit ihrem Schreibtalent. Für mich bedeutete sie die Eroberung einer neuen, lebendigen Art zu schreiben.

Als nach vielem Ringen auch das Cover gefunden war, begann die Vorfreude auf das fertige Buch: Jetzt war etwas zu sehen. Dann kamen die Katalogvorschau, die Fahnen und immer noch Änderungen. Schließlich mussten wir loslassen. Der Verlag begann das Buch in Szene zu setzen.

Jetzt ist es erschienen, und Sabrina und ich schauen ihm voller Freude und Hoffnung nach. Wir wünschen ihm, dass es sich die Lesewelt erobert.

Christiane Schlüter

Christiane Schlüter ist Autorin und Journalistin. Sie verfasst Ratgeber, Sachbücher, Geschenkbücher, Memoirs und Reden und gibt Kurse in Autobiografie und Journalismus. Mehr Informationen über ihre Tätigkeiten gibt es hier: www.christiane-schlueter.de.


Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/die-magnolienfrau-9783793423249.html