Franz Hessel: Heimliches Berlin

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Bild von Lenalensen auf Pixabay

„Ich habe keine Zeit, das zu verstehen. Meine Erfahrung ist: Mangel im Alltäglichen, schäbige Kleider, unwürdige Trambahnfahrten, minderwertige Menüs, überhaupt die billigen Qualitäten schädigen meine unsterbliche Seele. Ich will möglichst mühelos von dem heiß servierten Reichtum von heute meinen Tribut haben. Und das will ich auch für Wendelin. In welcher Weise es geschieht, ist ganz gleichgültig, wie es heute gleichgültig ist, womit man handelt. Ein Junge wie Wendelin muss sein Reitpferd haben, ein hübsches pied-à-tierre, den besten Schneider. Und das alles so bequem wie möglich.“

Franz Hessel, „Heimliches Berlin“, OA 1927, Lilienfeld Verlag, 2017.

Es ist ein ganz ungewöhnliches Stück Literatur für die Weimarer Republik, dieses „heimliche Berlin“: Inmitten all der expressionistischen Großstadt-Literatur, der Weltkriegs-Verarbeitungen und politisch-literarischen Auseinandersetzungen mit Inflation, Weltwirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit, inmitten all der großartigen sozialrealistischen, pazifistischen oder auch experimentellen Romane wirkt dieses Buch wie ein Solitär, beinahe wie ein Gruß aus einer fernen Zeit, ein Herüberwinken vom Fin de Siècle.

Franz Hessel veröffentlichte den kurzen Roman „Heimliches Berlin“ 1927. Natürlich spielt auch dieser kleine Liebesreigen vor dem ernsten Hintergrund der prekären wirtschaftlichen Situation in jener Zeit: Im Mittelpunkt ein Freundeskreis, die sich in Festivitäten und kleine Fluchten vor ihrer eigenen Halt- und Orientierungslosigkeit retten. Die Erzählung umfasst einen Zeitrahmen von 24 Stunden – zwei Nächte, ein Tag, die durch ärmlich kleine Pensionszimmer, verwohnte Wohnungen, verrauchte Bars und schummrige Salons führen. Wendelin, der verarmte Adelige, ein hübscher, wenn auch etwas oberflächlicher Jüngling, lässt sich kurz den Kopf von der Ehefrau eines älteren Freundes verdrehen – und am Ende stehen die beiden Männer da, nachts in Berlin, bei der Potsdamer Brücke und wissen:

„…wir beide, du und ich, spielen darin einigermaßen lächerliche Rollen.“

Eine kleine Geschichte, aber so anmutig und charmant, leicht und schwebend erzählt, mit einer Mischung aus Berliner Schnauze und französischem Quivive, dass sie sich allein schon aufgrund dieses besonderen Tons ins Lesegedächtnis gräbt. Kaum erschienen, lobte bereits 1927 Leo Greiner im Berliner Börsen-Courier diese kleine literarische Preziose:

„In Heimliches Berlin ragt ein Stück berlinischen neunzehnten Jahrhunderts in die mit ihrem Lärm und tausend gehäuften Primitivitäten erfüllte Gegenwart herein und verschmilzt mit ihr. Hessels schöne, wissende Menschendichtung ist in Romanform ein Stück heimlicher Geschichtsschreibung dieser Stadt. Ein nicht unwichtiger Teil ihres unbekannten Lebens ist bezaubernd darin aufbewahrt.“

Als eine „duftende Köstlichkeit aus appetitlichen Wörtern“ bezeichnet der Autor Manfred Flügge, ein Kenner des Werks von Vater und Sohn Hessel, diesen zauberhaften Roman. Ein wenig erinnerte mich dieses heimliche Berlin an den Wiener Reigen – wenn auch weniger aufgeladen, weniger dunkel denn Schnitzlers seinerzeit skandalträchtiges Drama.

Flügge zieht – wie er selbst gesteht, aus Lust an diesem schwebenden Text – Rückschlüsse auf die Biographie des Autors: Eine faszinierende Persönlichkeit, ein Flaneur und Wanderer zwischen den Welten, Übersetzer von Proust und anderen französischen Schriftstellern, ein Flaneur und Bohemien, reales Vorbild für Jules, jenen Protagonisten der Dreiecksgeschichte aus dem gleichnamigen Roman und der Truffaut-Verfilmung und nicht zuletzt auch Vater von Stéphane Hessel. 1880 in Stettin geboren, in Berlin aufgewachsen, zog es ihn immer wieder nach Frankreich – endgültig dann 1938. Wie viele andere deutsche Exilanten auch, wurde er jedoch 1940 interniert und starb 1941 in Sanary-sur-Mer.

„Heimliches Berlin“: Eine wahre Trouvaille für mich, erschienen im Lilienfeld Verlag und wie alle Bücher aus der Reihe „Lilienfeldiana“ wunderschön aufgemacht.

Verlagsinformationen zum Buch:
„Heimliches Berlin“

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