Marguerite Yourcenar: Der Fangschuß

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„Ich wandte den Kopf ab und zielte, etwa wie ein verschrecktes Kind, das in der Silvesternacht einen Knallfrosch explodieren läßt. Nach dem ersten Schuß war nur ein Teil des Gesichtes verschwunden; dies beraubte mich für immer der Möglichkeit, zu erfahren, welchen Ausdruck Sophie im Antlitz des Todes angenommen hatte. Beim zweiten Schuß war alles getan. Zunächst dachte ich, sie habe geglaubt, mir ein letztes Zeichen ihrer Liebe zu schenken, und zwar das entschiedenste von allen, als sie mich bat, das Amt des Erschießens zu übernehmen. Doch dann begriff ich, daß sie sich nur hatte rächen und mich den Qualen von Gewissensbissen aussetzen wollen. Sie hatte richtig gerechnet: manchmal verfolgen sie mich wirklich. Mit solchen Frauen endet man immer in einer Falle.“

Marguerite Yourcenar, „Der Fangschuß“, 1939.

Wenn es berühmte letzte Sätze in der Literatur gibt, dann gehört dieser dazu: „Mit solchen Frauen endet man immer in einer Falle“. Er setzt den Schlusspunkt unter eine tragische Ménage à trois, angesiedelt in den Wirren der Nachkriegszeit 1919. Schauplatz ist ein einsames, abgelegenes Schloss im lettländischen Kurland: Dorthin zieht es  Erich von Lhomond, den Ich-Erzähler, ein vaterland- und besitzloser Abenteurer, „hineingeraten das baltische Räderwerk“ kämpft er, nur aufgrund seiner Kaste, doch ohne ideologische Überzeugung gegen „die Bolschewiken“.

„Was hätte ein Junge auch sonst anfangen sollen, dessen Vater vor Verdun gefallen war und ihm als einziges Erbteil sein Eisernes Kreuz und einen Titel hinterlassen hatte (…)?“

Für den Adeligen, der die Geschichte Jahre später, gestrandet an einem Bahnhof, in Form einer Beichte vor völlig Unbekannten ablegt, gibt es nur einen Anker:

„Konrad wenigstens war in diesem unaufhörlich entgleisenden Leben ein Halt, eine Bindung und ein Freund.“

Mit einem Trupp Weißgardisten kommt von Lhomond nach Kratovice, um gegen die russischen Revolutionäre zu kämpfen. Zum Ausgangspunkt wird das Schloss Konrads, hier lernt der preußische Offizier auch dessen Schwester Sophie von Reval kennen. Die junge Frau, eigentlich ein Mädchen noch, ist auf eine besondere Art und Weise noch unerfahren in der Liebe:

„Aber sie hatte, noch im Backfischalter, die Gefahren des Feuergefechts erlebt, hatte die grauenvollen Berichte von Vergewaltigungen und Folterungen mitangehört, hatte gelegentlich gehungert und ständig in Angst gelebt und hatte zusehen müssen, wie eine Rotte roter Soldaten ihre Rigaer Vettern an die Wand des Hauses stellte und erschoss. Die seelische Anstrengung, die es gekostet hatte, sich an diese von Mädchenträumen so sehr verschiedenen Erlebnisse zu gewöhnen, erklärte zur Genüge den Blick ihrer schmerzlich geweiteten Augen.“

So unsympathisch und fremd einem der Erzähler aus heutiger Sicht an manchen Stellen auch erscheinen mag: Er vermag es – obwohl er mit seinen eigenen Leidenschaften kaum zurande kommt – sich tief in die seelischen Beweggründe derer, an denen ihm etwas liegt, einzufühlen. Und so wird er für die junge Frau zum weißen Ritter, in den sie sich abgöttisch verliebt – doch Erich von Lhomond selbst fühlt sich zu Konrad, dem Bruder hingezogen. Kammerspielartig entwickelt sich in den Mauern des zerschossenen Schlosses eine quälende, heftige Dreiecksbeziehung, die tragisch enden muss. Auf einzigartige Weise verknüpft hier die französisch-belgische Schriftstellerin das persönliche Schicksal des Trios mit den politischen Wirren: Sophie läuft, aus Enttäuschung und Trotz, zum „Feind“ über, Erich von Lhomond wird zum „Richter“ über ihr Leben und Mörder.

Michel Tournier wird bei der Wikipedia-Biographie Yourcenars so zitiert:

„Marguerite Yourcenars Genie liegt ganz ohne Frage in der Fähigkeit, jede individuelle Lebensgeschichte in Schicksal zu verwandeln.“

Und auch Sybille Cramer macht in einem Beitrag zum Roman, den sie für die Süddeutsche Bibliothek vorstellte, deutlich, dass es sich hier um weit mehr handelt denn um eine dramatische Liebesgeschichte:

„Vor den Augen des Lesers öffnet sich der Vorhang zu einem Schauspiel verlorener Kämpfe, das in großartiger Vorwegnahme die Bedeutung des historischen Augenblicks erkennt, die Ablösung einer großen Geschichtsepoche, den Untergang Europas und den Aufstieg des amerikanischen Zeitalters.“

Mehr als die Verknüpfung von Einzelschicksal und Politik überrascht jedoch die Gabe der Autorin, sich in die Denkweise eines in seiner Kaste gefangenen, von homoerotischen und – unter jenen Umständen unauslebbaren – Gefühlen geplagten Protagonisten einzudenken. Mit Blick auf das Gesamtwerk Marguerite Yourcenars nimmt dieser Roman, der aufgrund seines Umfangs auch als Novelle bezeichnet werden könnte, jedoch keine Sonderstellung ein. Ursula März sagt über die „Vagabundin des Geistes“ (Quelle: „99 Leidenschaften„):

„(…) sie schrieb von der ersten Erzählung bis zum letzten Roman in der phantasierten Haut männlicher, meist homosexueller Protagonisten; als gäbe es für sie keine Kluft zwischen den Geschlechtern.“

Auch in anderen Belangen des Lebens kannte die 1903 geborene Schriftstellerin keine Grenzen im klassischen Sinne: Aufgewachsen an der Seite ihres unsteten Vaters – ihre Mutter starb zehn Tage nach ihrer Geburt – bildete sie sich autodidaktisch fort, während ihr Vater in den Spielcasinos der Welt den Familienbesitz durchbrachte. Auch nach dessen Tod 1929 blieb Yourcenar ihr Leben lang (sie starb hochbetagt 1987) auf Reisen, wenn sie auch ab 1940 ihren Lebensmittelpunkt bei ihrer Lebensgefährtin in den USA hatte. Ursula März:

„So kontrolliert geformt, so klassisch konstruiert Marguerite Yourcenars Literatur auch wirken mag – in ihrem Privatleben glich die leidenschaftliche Altphilologin und Bibliotheksliebhaberin nicht im Mindesten einer verstaubten Gelehrten. Sie war der freieste Mensch, den man sich denken kann und eine große Bohemienne des zwanzigsten Jahrhunderts.“

Durch ihre ungewöhnliche Lebensart und Denkweise stellte die Schriftstellerin die Mitglieder der Académie Française vor außergewöhnliche Herausforderungen: 1980 sollte Marguerite Yourcenar – immerhin schlappe 345 Jahre nach der Gründung – als erste Frau in die altehrwürdige Gesellschaft aufgenommen werden. Erst durch eine Intervention des französischen Präsidenten wurde die Aufnahme einer Frau überhaupt möglich – aber dann ging es um die Wahl der „Uniform“ bei der Aufnahmezeremonie, die traditionell männlich geprägt, mit Hut und Degen ausgestattet war. Yves Saint Laurent und Cartier mussten schließlich ran – ein Prozess und Gezeter, das Yourcenar, so Ursula März, mit „stoischem Vergnügen“ beobachtete:

„Sie hat sich dem Herrenclub nicht aufgedrängt; sie hat es abgelehnt, die üblichen Vorstellungsgespräche bei den Akademiemitgliedern zu absolvieren; sie hat sich geweigert, ihre Kandidatur, was ebenfalls zum üblichen Akademieritual gehört, selbst anzumelden. Auch jetzt gibt sie keinen Kommentar. Sie kommt nicht als Bittstellerin. Sie lässt sich bitten und kommt als Fürstin. So hat sie schließlich, freizügig im Umgang mit Geld wie mit Leidenschaften, immer gelebt: im Bewusstsein geistigen Adels und im Bewusstsein, etwas Besonderes zu sein.“

Und weit mehr noch – meiner Meinung nach – kommt dieses Bewusstsein in dem kleinen, schmalen Roman mit seinem traurigen Ende zum Tragen denn in dem Werk, mit dem sie berühmt wurde, ihrer Biographie Kaiser Hadrians („Ich zähmte die Wölfin“). „Der Fangschuß“ ist eine Erzählung von Wölfen, die, obwohl gefangen in den Grenzen von Klasse und Kaste, nicht zähmbar sind – Leidenschaften, die nicht beherrschbar sind, Grausamkeiten, die im Krieg zu Tage treten. Yourcenar, der Freigeist, schrieb hier über tragisch Gefangene – ergreifend und unvergesslich.


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LESARTEN: Die „Zeit“ meint – diese Bücher überdauern die Zeit.

Da behaupte noch mal einer, auf „die Blogger“ höre niemand: Kaum tauschen Maren und ich uns aus über die Frage, ob es auch für jüngere Leser (Mitt-Dreißiger und drunter) so etwas wie einen literarischen Kanon gibt (nachzulesen ist das „Gespräch“ unter den „Lese-Omas“ bei meinen zehn Fragen zu Büchern), da startet die ehrwürdige Zeit dieses Projekt: In einer Serie werden die wichtigsten Romane der jungen Literatur vorgestellt. Man habe die Weltliteratur durchforstet, leidenschaftlich diskutiert und sich für 15 Romane dieses Jahrhunderts entschieden, die die Redaktion für die besten hält, „für Meisterwerke, die bleiben werden und nicht mit dem Tag vergehen.“ Die Redaktion ruft ausdrücklich zu Widerspruch und Diskussion auf – und weist fürsorglich darauf hin, dass „Unendlicher Spaß“ bereits 1996 erschien.

PS: Das mit der Zeit war natürlich reiner Zufall. Seit wann hört die schon auf Lese-Omas?

Und das sind die ersten elf Titel auf der Liste:

  1. Jonathan Franzen – Die Korrekturen. Jan Brandt schreibt: „Wenn es einen Einwand gegen Franzen gibt, dann ist es diese ästhetische Rückwärtsgewandtheit: Er ist ein reaktionärer Idealist, der einen Feldzug gegen die Verlockungen des Informationszeitalters führt.“
    Beitrag: „Der analoge Triumph“
  2. Jennifer Egan – Look at me. Der Roman erschien kurz vor 9/11 und handelt von einem geplanten Terrorakt in New York. „Mir kam der furchtbare Gedanke, dass ich eine Komplizin war“, äußert Jennifer Egan im Interview mit Susanne Mayer.
    Beitrag: „Ahnen, was passieren wird“
  3. Orhan Pamuk – Schnee. „Orhan Pamuk hat sein Meisterwerk Schnee vor den Attentaten von 9/11 geschrieben, der Roman spielt in den 1990er Jahren, erschienen ist er 2002, und er nimmt vorweg, was seit dem Einsturz des World Trade Center die globalisierte Welt aus den Fugen hebt: dass der Fundamentalismus im Namen des Islams in die westliche Modernisierung eingewoben ist, noch im abgelegensten Nest der Provinz und dass der Staat kaum Antworten auf die Gewalt kennt, außer seinerseits durch Gewalt, Militär, Überwachung zu reagieren“, schreibt Elisabeth von Tadden.
    Beitrag: „K wie Kristall“
  4. Daniel Kehlmann – Die Vermessung der Welt. Ulrich Greiner nimmt Stellung für das Buch: „Nein, Kehlmann war nicht dabei, und dies ist kein historischer Roman, sondern ein virtuoses Spiel mit Dichtung und Wahrheit. Die historischen Fehler, die dem Buch vorgeworfen werden, hat Kehlmann in poetischer Freiheit absichtsvoll eingebaut.“
    Beitrag: „Ein virtuoses ironisches Spiel“
  5. Marie NDiaye – Drei starke Frauen. „Als ich das Buch vor acht Jahren schrieb, sprach noch niemand von den Flüchtlingen. Für mich waren sie Helden“, äußert die Schriftstellerin im Gespräch mit Iris Radisch. Heute würde sie dieses Buch nicht mehr so schreiben – auch wenn sie hofft, „dass seine Geschichten wahr bleiben.“
    Beitrag: „Eine Chiffre für das Fremdsein“
  6. Péter Nádas – Parallelgeschichten. „Es gibt keinen anderen Autor, der mit dieser obsessiven Insistenz jede Pore der Epidermis untersucht hat, die dünne Membran zwischen innen und außen“, meint Michael Krüger. Und sagt: „Vielleicht lesen künftige Generationen dieses Buch als düstere Prophetie dessen, womit sie sich herumzuschlagen haben. Sie werden es nicht bereuen.“
    Beitrag: „Die Haut und das Ich“
  7. Haruki Murakami – 1Q84. „Japanische Literatur wirkt auf den Außenseiter so klar und so verschlossen wie ein Zengarten, der bei aller Übersichtlichkeit doch einen Sinn hat, der sich ihm nicht erschließt“: Burkhard Müller versucht dem Sinn, im „Opus Magnum“ des japanischen Starautors nachzuspüren.
    Beitrag: „Waisenkinder dieser Zeit“
  8. Herta Müller – Atemschaukel. „Das Besondere an diesem Buch ist die Sprache, in der das Schicksal von Leopold Auberg, dem Alter Ego Pastiors, in 64 kurzen Kapiteln erzählt wird“, meint Alexander Cammann. „Denn Müller poetisiert das Grauen.“
    Beitrag: „Die Schönheit der Wörter, das Grauen der Lager“
  9. Vladimir Sorokin – Der Schneesturm. Stefanie Schlamm sprach mit Sorokin über dieses Werk. Auf ihre Frage „Sie selbst werden gerne als moderner Klassiker bezeichnet. Doch sind Sie nicht eher ein düsterer Romantiker?“ antwortet Sorokin ganz lapidar: „Dazu möchte ich nichts sagen.“
    Beitrag: „Das eisige Drama der Provinz“
  10. Michel Houellebecq – Karte und Gebiet. Für den Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich ist der im Roman portraitierte Künstler, „der, gerade weil er als solcher unfasslich bleibt, viel provokanter als die Künstlerfiguren anderer Romane der letzten Jahre.“
    Beitrag: „Der Wahnwitz des Betriebs“
  11. John M. Coetzee – Tagebuch eines schlimmen Jahres. „In Coetzees Tagebuch eines schlimmen Jahres kehren die früheren Möglichkeiten des Romans zurück. Der Ruhm des Nobelpreisträgers macht sie auf der großen literarischen Bühne salonfähig“, urteilt Stephan Wackwitz.
    Beitrag: „Die erneuerte Tradition“

Am kommenden Donnerstag werden die letzten vier Bücher in diesem „Kanon des jungen Jahrhunderts“ in der Zeit vorgestellt. Und was haltet ihr von der Liste? Welche Romane könntet ihr euch auf den letzten vier Plätzen vorstellen, welches der vorgestellten Werke haltet ihr für fehlplatziert, welches Buch wird überschätzt, welches vermisst?

Nachtrag zur Komplettierung der Liste:

12. Chimamanda Ngozi Adichie – Americanah. „Es passiert viel in diesem Roman, der auf drei Kontinenten spielt, doch es werden diese Blogeinträge sein, die Americanah seinen Nachhall bescheren. Sie sind ein Zeitdokument der Ära Obama, sie sind erhellend und unterhaltsam, ernüchternd und brutal“, urteilt Jackie Thomae.
Beitrag: „Was Sie schon immer über Farben wissen wollten“

13. Karl Ove Knausgård – Sterben/Lieben/Spielen/Leben/Träumen. „Aber ich wollte mich mit Min Kamp auch befreien von diesen stilistischen Erwartungen. Ob es gut oder schlecht geschrieben ist, finde ich uninteressant. Interessant ist, was darin zum Ausdruck kommt. Also versuchte ich, schnell zu schreiben und unterhalb meiner eigenen Standards, dafür näher am Leben.“ Der Norweger im Interview zu seinem Mammut-Schreib-Projekt.
Beitrag: „Ein Bedürfnis nach Revanche“

14. Rainald Goetz – Klage. In diesem Buch, meint David Hugendick, lärmt die Gegenwart so oft, „dass es bisweilen kaum auszuhalten ist.“ Aber der aktuelle Büchner-Preisträger lärmt halt besonders gut. AMORE!
Beitrag: „Tiefenamputiertheit“

15. Roberto Bolaño – 2666. „Aber oh Wunder: Bolaño lesen, das gilt auch für das von Christian Hansen bewunderungswürdig übersetzte 2666, ist ganz leicht. Er verzichtet auf hochtrabende Stilistik und geht seinen Lesern nie mit überlegener Besserwisserei auf die Nerven“, meint Heinrich von Berenberg. D`accord!
Beitrag: „Ästhet und Folterknecht“


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Pierre Bost: Bankrott

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„Sie aßen nun zusammen, und Brugnon zeigte nun eine ganz andere Haltung, ruhig, sanft. Man erriet, daß sich dahinter eine große Leere verbarg, aber die Fassade schien solide, als hätte sich Brugnons Schutzmantel plötzlich verhärtet und sei nun undurchdringlich. Es war kein Schleier, sondern ein Panzer. Brugnon war nicht geheilt, aber eingesperrt. Er sprach ruhig und es war zu spüren, dass er sein ganzes Leiden tief in sich vergaben hatte und davon nicht mehr sprechen, es schweigend in einer Ecke verenden lassen würde. Poussain sagte sich sehr wohl, dass das vielleicht noch schlimmer war, aber dennoch freute er sich, egoistisch und ermattet, wie er war, darüber, Brugnons Weinen und Klagen nicht mehr zu hören.“

Pierre Bost, „Bankrott“, 1928.
In deutscher Übersetzung 2015 beim Dörlemann Verlag erschienen.

Und wieder eine Pretiose aus dem Hause Dörlemann: „Bankrott“ ist einer der früheren Romane des literarischen Tausendsassas Pierre Bost. Wie „Ein Sonntag auf dem Lande“ (1945) – übrigens der letzte Roman, den Bost schrieb, dann wandte er sich bis zu seinem Tode 1975 dem Film zu und war als Drehbuchautor erfolgreich – liegt nun auch dieses Werk in einer Übersetzung von Rainer Moritz vor, die die melancholisch-schillernde Eleganz dieses Romanciers präzise trifft.

Wie andere französischen Schriftsteller steht Pierre Bost in der Tradition des psychologischen Schreibens, des Aufblätterns seelischer Vorgänge en détail – ohne jedoch dabei in ein den Leser meist anödendes „Psychologisieren“ zu geraten. Das Abtauchen in die Abgründe einer Seele erfolgt hier mit Stil, die „Anatomie eines Untergangs“ in elegantem Setting mit Champagner und Grandezza. Vom „Setting“, vom Flair weht uns noch ein Hauch „Fin de Siècle“ an, und doch hält bereits auch die Moderne, die kalte, automatisierte Atmosphäre in diese Geschichte ihren Einzug:

„Oh, ihr Stenotypistinnen, um euch zu beschreiben, müsste man Worte verwenden, die nur für euch erfunden wurden. Der mechanische, kompliziert gebaute Körper, der den eurigen oberhalb eurer Fingernägel verlängert, hat eure weiblichen Formen verändert, eure Ellbogen zusammengepresst, aus euren Fingern Zorngeschrei hervorschießen lassen und hinter euren Köpfen eine offensichtliche Nackenlinie enthüllt. Die alten Floskeln, die man für Frauen, wie ihr keine mehr seid, verwendet hat, können euch nicht erfassen und umschreiben, aber auch die modernen Formeln, die dem Rhythmus der Maschinen und Hektik angepasst, diese Floskeln bei denen sich alle Sprachen der Welt ein Stelldichein geben, alle kurzlebigen Leidenschaften, alle eleganten Formen ohne Anmut, die uns heute gefallen, diese modernen Wörter, die man gern verabscheuen würde und die dennoch anziehend sind, auch die würden euch nicht angemessen beschreiben. Ihr seid eine verwirrende Mischung, ein hybrides Wesen, halb lebend, halb tot, halb Frau, halb Maschine.“

Aber auch Brugnon, der an sich und der Welt verzweifelnde Protagonist, ist ein Mensch der Zwischenzeit: Geprägt vom Berufsethos seines Vaters, übernimmt Brugnon dessen Handelsfirma und übernimmt sich dabei. Er, halb patriarchalischer Firmenleiter wie sein Senior, halb sich als modernen Manager sehend, kommt mit den Entwicklungen des Marktes nicht zurecht. Im Wunsch, die Firma, die Lebensmittelpunkt und Lebensinhalt ist, immer größer zu sehen, wachsen zu lassen, zu erweitern und an die Spitze zu treiben, lässt sich Brugnon auf Spekulationen und Fehlinvestitionen ein. Beinahe sehenden Auges treibt er in Konkurs – um diesen letzten Endes abzuwenden, fehlen dem bis dahin schon völlig apathischen Brugnon jegliche Widerstandskraft und Energie.

So hat Bost nur vordergründig einen Roman über einen wirtschaftlichen Bankrott geschrieben – es ist vor allem das Psychogramm eines Menschen, der einen seelischen Bankrott erleidet, der sein ganzes Leben falschen Werten, falschen Vorstellungen untergeordnet hat. Brugnons Leben spielt sich hauptsächlich zwischen den vier Wänden seines Büros (seine Wohnung wird im Buch nicht einmal tangiert) ab – das gibt ihm Sicherheit, das gibt ihm Gerüst. Vorstellungen wie die, einmal Urlaub zu machen, lehnt er entrüstet ab. Und die einzigen beiden Menschen, mit denen er eine engere Bindung unterhält, sind sein Sekretär Poussain (eher eine hierarchisch stark eingeschränkte Zweckgemeinschaft, Poussain wird als Seelentröster „missbraucht“) und die zu seiner langjährigen Geliebten Simone. Dies alles fällt in sich zusammen, als Brugnon in einer einseitigen „amour fou“ für die junge, kühle Stenotypistin Florence entbrennt. Die Zuneigung wird nicht erwidert, Brugnons mühsam errichtetes Lebenskartenhaus bricht zusammen. Dem Gefühl, eine wahre Leidenschaft zu erleben, hält er nicht stand.

„Poussain hätte gern etwas gesagt, aber wie sollte diese Flucht begreifen, dieses Verschwinden von Brugnon, der um sich herum nichts als Schranken aufbaute? Es schien so, dass ihn die Worte nicht erreichten und von einem harten, unsichtbaren Panzer abprallten, der von Minute zu Minute stabiler wurde. Poussain sah Brugnon, wie man im Traum diejenigen sieht, die sich entfernen, entfernen, von einem Fluss hinweggetragen, schon so weit weg, dass ihre Schreie gar nicht mehr ankommen, ihre Gesten vergeblich sind, dass man nicht einmal mehr weiß, ob sie in Lebensgefahr sind und rufen, da alles von nun an unvermeidlich und leicht ist, in einer ruhigen und verzweifelten Welt.“

Bost zeigt sich als ein feiner, feinfühliger Zeichner von Charakteren und Seelenregungen. Auch die – heute vielleicht altmodisch erscheinenden – Liebestaten und Handlungen von Simone, der Geliebten, die sich körperlich verweigert, aber dem langjährigen Freund und Vertrauten eine selbstlose Treue erhält, werden so selbstverständlich und nachvollziehbar:

„In ihr war nicht mehr genügend Kraft, dass sie sich anderem als ihrer eigenen Qual hätte zuwenden können. Es schien ihr nun, dass sie genug Leid angehäuft hatte, wie bei einem Schatz, mit dem man, ums sich verdientermaßen zu erholen, endlich allein sein will, um diesen Reichtum zu zählen. Sie wollte fliehen, weit fortgehen, ohne Brugnon.“

Sie bleibt, wider besseres Wissen.

In seinem Nachwort schreibt Rainer Moritz:

„Das Schicksal des alle Energie verlierenden Brugnon darf man als psychologisches Kabinettstück lesen, das die Zerrissenheit eines eindimensionalen Menschen aufzeigt. Die Art und Weise, wie Bost diesen glücklosen Unternehmer zeichnet, hat freilich auch mit der Zeit zu tun, in der Bankrott spielt. In kleinen Exkursen (…) zeigt Bost, wie der technische und wirtschaftliche Fortschritt in die Psyche der Akteure eingreift.“

Brugnon, der sich in einer Tradition von Unternehmern sieht, die sich „hocharbeiteten“, die Fleiß und Energie als wichtigste Grundlagen des Erfolgs werten, sieht sich vom Zeitalter der Maschinen überrollt: Sowohl der Markt als auch das Leben sind durch eigenes Handeln nicht mehr lenkbar. Der wirtschaftliche Niedergang geht mit dem seelischen Zusammenbruch einher: heute würde man von einem klassischen Burnout sprechen.

Mit Dank an den Dörlemann Verlag für das Besprechungsexemplar.

Gestoßen bin ich auf das Buch beim Blog von Muromez, seine Rezension hier.


Ein noch weitaus abgründigeres Werk der französischen Literatur:
„Gegen den Strich“ von Joris-Karl Huysmans.

Im Vergleich zu Floressas Des Esseintes, dem Helden dieses Romans aus dem Jahre 1884, ist Dorian Gray ein bodenständiger Pragmatiker. Mir ging dieses Vorzeigewerk der literarischen Dekadenz jedoch eher gegen den Strich: Lebende Schildkröten mit Goldrücken, seitenweise Dekorfragen, luxuriöse Langeweile – dafür muss man die Nerven erst mal haben.
Aus den Verlagsangaben: „Floressas Des Esseintes flieht vor der Grobheit und Banalität der Zeitgenossen ins Exil seines Landhauses, wo das Schlafzimmer als Mönchszelle gestaltet, seine Dienerin als Nonne verkleidet ist. Alles Natürliche, der Außenwelt Zugehörige wird konsequent ferngehalten, aus Kunst und Künstlichem schafft er sich sein eigenes Paradies.  Die Tage verrinnen in ausschweifenden Phantasien über symbolistische Gemälde und Literatur, Schwelgereien in Farben und Düften, Träumen, die ihm die Wirklichkeit ersetzen; nach immer morbideren Sinnesreizen verlangt es Des Esseintes.“

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Karim Miské: Arab Jazz

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Bild: (c) Michael Flötotto

Wer etwas über die innere Befindlichkeit einer Gesellschaft erfahren möchte, ist mit Kriminalliteratur nicht schlecht bedient. Wenn sie denn auch noch so hervorragend flüssig geschrieben ist wie das Romandebüt des Journalisten und Filmemachers Karim Miské. Bereits ab 2006 arbeitete der Pariser, Sohn eines Mauretaniers und einer Französisin, an „Arab Jazz“ (was den deutschen Verlag dazu verleitete, diesen eingängigen Titel, der bei den meisten Übersetzungen beibehalten wurde, durch „Entfliehen kannst du nie“ zu ersetzen, das weiß der Himmel).
Jedenfalls ist Miské, wie vor wenigen Tagen in der Süddeutschen zu lesen war, nun ein begehrter Interviewpartner: Hat er doch mit dem 2012 veröffentlichten, inzwischen mehrfach mit Preisen ausgezeichneten Krimi, quasi die Pariser Geschehnisse der vergangenen Wochen vorweggenommen. So schreibt Axel Hücke im SZ-Feuilleton (20.2.2015/“Hättet ihr uns mal gefragt“):

„Es spielt unter islamistischen Muslimen, ultraorthodoxen Juden, rechtsradikalen Polizisten und Zeugen Jehovas. Und es spielt im 19. Arrondissement von Paris und damit zufälligerweise in genau den Straßen, in denen Saïd und Chérif Kouachi aufgewachsen sind. In denen sie 1992 ihre tote Mutter in der gemeinsamen Wohnung entdeckten; sie hatte sich umgebracht, als sie zum sechsten Mal schwanger geworden war. Die Straßen, in denen ultraorthodoxe  Juden und radikale Islamisten Tür an Tür wohnen. Die Straßen, durch die die Kouachis nach dem Anschlag auf das Satire-Magazin Charlie Hebdo flohen. Auch der Hassprediger Farid Benyettou, der die Brüder 2005 vom Dschihad überzeugte, kommt unter anderem Namen in „Arab Jazz“ vor. Bei unserem Treffen wird Miské sagen, der Prozess gegen die Brüder und ihren „Mentor“ 2008 habe das Buch stark geprägt, ihn habe beeindruckt, wie es diesem Benyettou gelungen ist, seinen blanken Hass religiös zu verkleiden.“

Ein Einwanderer mit psychischen Problemen, die bestialisch ermordete Tochter strenger Zeugen Jehovas, Jungs, die Salafisten in die Hände geraten, junge Frauen, die auf jüdisch-orthodoxe Weise an Fremde verheiratet werden sollen, korrupte, rassistische Polizisten sowie ein originelles, intellektuelles Ermittlerpaar: Diese Gemengelage nutzt Miské nicht nur für eine rasant daherkommende Handlung mit überraschenden Wendungen, sondern auch, um einen glasklaren Blick auf den Zustand des modernen Frankreichs zu zeigen. Hass, Brutalität, Orientierungslosigkeit – da trifft die Verführungskunst orthodoxer Prediger auf offene Gemüter. Denn eine ganze Generation wird ausgeschlossen und vernachlässigt, steht außerhalb. Das wird allerdings nicht mit erhobenem Zeigefinger erzählt, sondern in einen raffinierten Plot verkleidet, stilistisch sind deutliche Anklänge bei Ellroy  zu erkennen (der Titel „Arab Jazz“ ist eine Hommage an den US-Amerikaner und dessen Roman „White Jazz“, was von Weißen verursachter Trubel bedeutet). Aktueller können die Bezüge kaum sein – so wenn die Kommissarin, Tochter weißrussischer Einwanderer, auf den älteren Kollegen, „eingeborener“ Franzose trifft, dann ist sie „charlie“:

„Ekelhaft. Der Kerl ist einfach nur ekelhaft. Allein sein Anblick weckt in ihr das Bedürfnis nach einer Dusche. Er ist einer von den ewig Gestrigen – fett, aber muskulös, ein verbitterter Rassist, überzeugter Macho und verbissener Schwulenhasser. Und natürlich Antisemit, vor allem wohl deshalb, weil man ihn mit seinem elsässischen Nachnamen oft für einen Juden hält. Wenn sie ihm gegenübersteht, lässt Rachel unwillkürlich die engelsgleiche Antirassistin heraushängen, oder sie gibt sich als Wachhündin und Abonnentin der Satirezeitschrift Charlie Hebdo.“

Miské zeigt, wie Jugendliche aus Einwandererfamilien – egal ob zuhause der Islam gepredigt oder die Thora gelesen wird – zunächst eben durchaus wie in einem „melting pot“ zusammenleben, bis die Ereignisse Fronten schaffen und einige in die Radikalität, andere in die Kriminalität treiben. A lost generation. Das alles, wenn auch etwas brutal, rasant, temporeich und äußerst unterhaltsam geschrieben von einem, der die Lebensumstände dieser Generation kennt: Miské arbeitete an einer Langzeit-Filmdokumentation über die Fundamentalistenströmungen in Frankreich, als er mit dem Buch begann.

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Albert Cohen: Die Schöne des Herrn

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Sissi-Statue auf Korfu. Bild von Devanath auf Pixabay

„Erklären Sie auch die Gründe für die Verführungswut Don Juans. Denn in Wirklichkeit ist er ja keusch und hat nicht viel für diese Bettgefechte übrig, findet sie eintönig und primitiv, lächerlich im Grunde. Aber sie sind unerlässlich, damit die Frauen ihn lieben. So sind sie nun mal. Sie bestehen darauf. Und er braucht ihre Liebe. Erstens als Ablenkung, um den Tod zu vergessen und dass es kein Leben danach gibt, keinen Gott, keine Hoffnung, keinen Sinn, nur das Schweigen eines unbeseelten Alls. Kurzum, aus Liebe zu einer Frau sich das Leben kompliziert machen, um die Angst zu übertönen. Zweitens die Suche nach Trost. Ihre Anbetung tröstet ihn über sein Alleinsein hinweg.“
Albert Cohen, „Die Schöne des Herrn“.

Neben Abbruch-Büchern, Flutsch-Büchern, Empfehlungs-Büchern, Lebens-Büchern gibt es in meinem Leserleben noch die besondere Kategorie der Bücher, die ich mir für bessere Zeiten aufhebe. Bücher, in die ich reingelesen habe, fasziniert war, aber weiß: Dieses Buch geht nebenher nicht einfach so. Dieses Buch braucht Zeit. Seine Zeit. Ein Buch für den Super-SUB sozusagen.
Das ist jener Stapel ungelesener Bücher, der auf die Zeiten der Ruhe, der Kontemplation, des Müßiggangs wartet – auf einen sehr, sehr langen Urlaub (der nicht ansteht), auf ein Sabbatjahr (das unrealistisch ist) oder die Rente (also in 15,16, 17 Jahren, wenn die Herrschaften in Berlin sich da mal festlegen wollen).

Bei mir liegen auf diesem Stapel vor allem die Franzosen. Warum? Je ne sais pas. Aber ich denke: der Proust, die Balzacs, die Stendhals, jetzt sind sie schon so alt, mögen sie noch ein wenig sich gedulden. Erdrückt werden sie derzeit von einem Wucht-Franzosen, der nicht allzu sehr hier bekannt ist: Albert Cohen. Weil aber dessen Buch „Die Schöne des Herrn“ schon beim ersten Reinschnuppern so seltsam faszinierend ist, möchte ich doch ein wenig dafür die Trommeln schlagen – wer weiß, vielleicht findet sich auf diesem Wege ein Financier, eine Mäzenin, die mir einen langen Leseurlaub am Geburtsort Cohens ermöglicht…

Dort, in der Stadt Korfu, stieß ich erstmals auf den Namen dieses Schriftstellers (1895 geboren auf Korfu, 1981 verstorben in Genf), der in Frankreich und der Schweiz zu den Großen zählt. Eine Tafel nahe der Synagoge in der Altstadt Korfus erinnert an den berühmten Sohn der Insel – der allerdings nur seine Kindheit dort verbrachte. Die Familie, französischer Abstammung, zog 1900 nach Marseille, später studierte Cohen in Genf Jura und nahm die Schweizer Staatsbürgerschaft an. Er war als Rechtsberater für die Jewish Agency und die UNO tätig, ansonsten widmete er sich dem Schreiben. Sein Hauptwerk ist die Romantetralogie „Solal“ – in neuerer Übersetzung ins Deutsche liegt allerdings nur deren dritter Teil, „Die Schöne des Herrn“ vor, 2012 bei Klett-Cotta erschienen.
Einmal neugierig gemacht durch diese simple Tafel, bestellte ich beim Buchhändler meines Vertrauens unbesehen diesen Roman, den derzeit einzig greifbaren Nicht-Antiquarischen – um zunächst vor Schreck einmal zu prokrastrinieren.

Schreckmoment 1: Allein der dritte Teil der Tetralogie umfasst 891 eng- und kleinbedruckte Seiten!
Schreckmoment 2: Der Klappentext. Von Elke Heidenreich. Elke Heidenreich. Na ja.
Sie flötet: „Wenn ich jetzt sagen müsste, welches das schönste Buch ist, was ich in meinem Leben gelesen habe, wäre es dieses.“

Einen echten Bibliomanen schreckt aber letztendlich auch Frau Heidenreich nicht ab. Dagegen jedoch: Der Respekt vor dem Werk. Ich habe ein Viertel des Buches gelesen und beschlossen – ich will die ganze Tetralogie. Und ich will die Zeit dazu. Und weil beides noch in weiter Ferne steht, liegt das Buch nun erst einmal auf dem Super-SUB.
Wer schon vorher dem Charme Albert Cohens und seiner Hauptfigur Solal erliegen will, dem sei diese euphorische Besprechung von Andreas Isenschmid in der ZEIT nahegelegt:
http://www.zeit.de/2013/20/albert-cohen-die-schoene-des-herrn
Auf der Verlagsseite findet sich eine Leseprobe:
http://www.klett-cotta.de/buch/gegenwartsliteratur/die_schoene_des_herrn/21745

Djuna Barnes: Paris, Joyce, Paris

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Bild von Pexels auf Pixabay

„Als ich eines Abends aus dieser Kirche kam, schaute ich ins Café Aux Deux Margots hinein und trank ein Glas Wein, während Joyce, James Joyce, der Autor des verbotenen Ulysses, über die Griechen sprach.
Ein ruhiger Mann, dieser Joyce, mit dem Hinterkopf eines afrikanischen Götzen, lang und flach. Dem Hinterkopf eines Mannes, der mit der vulgären Notwendigkeit geistigen Stauraums gebrochen hatte.“

„Joyce lebt in einer Art dem Zufall überlassener Zurückgezogenheit. Es freut ihn, wenn Freunde vorbeischauen, und angeblich geht er dann überall mit hin und trinkt, was sich bietet. Er hat einen Widerwillen gegen Kunstgespräche, und seine Freunde sind ganz gewöhnliche Menschen.
Sein Hauptthema ist die griechische Mythologie, und er wird niemals müde, darüber zu sprechen, was es mit dem Ursprung des namens Orion auf sich hat, ein Stück Aufklärung, das dem streng akademischen Geist höchst anstößig erschiene, denn er macht aus den Griechen `ungezogene Jungs´, und sorgt dafür, dass sie sich, über die Kluft hinweg, mit Rabelais die Hand schütteln.“

Djuna Barnes, „Paris, Joyce, Paris“, insel taschenbuch

Wenn Djuna Barnes (1892-1982) über Joyce in diesem schmalen Buch im Anschluss an das zweite Zitat noch schreibt: „Er gleitet von einem Thema zu nächsten, ohne eindeutige Unterteilungen vorzunehmen“, so ist darin vielleicht auch eine Selbstskizzierung enthalten. Abschweifend, assoziativ, mysteriös ihr Stil. Aber auch: Leichthändige, luftige Skizzen. Das alles sind diese drei Impressionen, dieses Trio kurzer Stücke über die Stadt, in der die amerikanische Schriftstellerin lange Jahre lebte. 1919 kam sie erstmals nach Paris – zuhause bereits eine anerkannte Journalistin, im Auftreten außergewöhnlich und extravagant. Sie blieb, trotz ihrer anfänglichen leichten Enttäuschung (oder enttäuschten Erwartungshaltung) bis 1940.

Paris, so möchte man meinen, war für die Bohémienne aus Greenwich Village, wie gemacht. Doch es ist durchaus nicht Liebe auf den ersten Blick. In „Vagaries Malicieuses“, dem ersten der im Taschenbuch versammelten Prosastücke, wird die Stadt an der Seine einem kritischen, ironisch-distanzierten Blick unterworfen:

„Ich antwortete ihm, der Blumenmarkt lasse mich vergleichsweise kalt. „Denn einmal“, sagte ich, „hatte ich einen Freund, dem ich Blumen schickte, und nun, da ich keine mehr schicken darf, gehören Blumen für mich zu den Dingen, über die ich besser nicht nachdenke“, und ich setzte hinzu, der Vogelmarkt löse in mir Empfindungen aus, denen ich nicht nachgeben könne. Ich hätte nämlich gern fünf zierliche Freundinnen, denen ich sie schicken könnte. Fünf kleine Mädchen, die mit geschlossenen Augen und geöffneten Händen in einer Reihe sitzen müssten, um fünf sich drängende Hänflinge in Empfang zu nehmen. (…)
Und was nun die Gemüsemärkt und Märkte angeht, wo Fisch und Leber und Hirne in Tümpeln ebenso kalten wie schönen Bluts liegen, über all diese Dinge mag ich überhaupt nicht nachdenken…“

Leicht macht Djuna Barnes ihren Lesern den Zugang nicht. Abschweifende Gedanken, herumschweifende Sätze – erst nach und nach erschließt sich der Sinn, wird die Spöttelei in den maliziösen Launen, Einfällen (ihre Biographin Kyra Stromberg weißt im Nachwort des Buches darauf hin, dass Barnes auch aufgrund ihrer bleibend mangelhaften Beherrschung der französischen Sprache oftmals Mutter- und Gastsprache mischte wie in den „Vagaries Malicieuses“) zu einer versteckten Liebeserklärung an die Stadt Paris.

„Spötter behaupten, Djuna Barnes habe mit ihrem feingestochenen Stil, der bombastisch und theatralisch, aber auch kalt und messerscharf sein kann, keine Romane, Theaterstücke, Kurzgeschichten, Essays und so weiter verfasst, sondern lauter erste Sätze. Wahr ist, dass viele ihrer Sätze so komplex sind, dass man ihre Bedeutung nicht beim ersten Lesen verstehen kann“, so Verena Auffermann in einem biographischen Aufsatz über die Barnes. Deren Pariser Jahre fallen in ihre größte Zeit – später wird sie, eine der bekanntesten „expatriates“, verarmt und vergessen in New York leben. Doch in den 20er Jahren ist sie Mitglied und Vorzeigefrau der amerikanischen Emigranten an der Seine.

„…in jenem wuseligen Paris, in dem James Joyce lebt, den Djuna Barnes verehrt wie niemanden sonst. Aber auch Ezra Pound, T. S. Eliot, Ernest Hemingway und Scott Fitzgerald haben sich dort eingefunden. Sie haben alle ihre Rolle beim Aufbruch in die Moderne. Die Rolle der Frauen im Kreis der Intellektuellen und Künstler war weit mehr als die der Hebamme bei der Geburt des Modernism. 1922 verlegte Sylvia Beach, die in der Rue de l`Odéon ihre Buchhandlung betrieb, den Ulysses von James Joyce. Die Journalistin Janet Flanner schrieb ihre Letters from Paris, die im New Yorker erschienen. Berenice Abbott fotografierte das Pariser Leben, Gertrude Stein hielt Hof und arbeitete nachts an ihrer eigenen Moderne. Djuna Barnes war 1919 im Auftrag von „McCall`s Magazine nach Paris gekommen.“

Verena Auffermann über Djuna Barnes in „Leidenschaften – 99 Autorinnen der Weltliteratur“, btb Taschenbuch.

So war also Paris. Für Djuna Barnes aber – wie auch für die anderen der genannten Literaten, bis auf die Stein, die Joyce in herzlicher Abneigung verbunden war – war er das Epizentrum: Der Schöpfer des „Ulysses“. Eines der drei Prosastücke ist ausschließlich ihm gewidmet: „James Joyce“, ein Portrait, das 1922 wenige Wochen nach dem Erscheinen des Mammutwerkes in der „Vanity Fair“ erschien. Das erste Zusammentreffen, es wird geradezu mystifiziert:

„Und dann, eines Tages, kam ich nach Paris. Ich saß im Café Aux Deux Margots, das auf die kleine Kirche Saint-Germain-des-Prés hinausgeht, und sah, wie sich aus dem feuchten Nebel ein großer Mann löste, der, den Kopf leicht gehoben und abgewandt, dem Wind ein wohlgeordnetes Durcheinander von rotem und schwarzem Haar überließ, das sich an einem vorgereckten Kinn in einem schütteren Keil fortsetzte.“

Mit Worten Bilder schaffen, Szenen festhalten – das ist eine Qualität, die der amerikanische Journalismus hatte. Zumal sich Djuna Barnes sich auch nicht um journalistische – oder andere – Konventionen kümmerte, literarische Grenzen überschritt. das Portrait wird zu einer eindeutigen Ergebenheitserklärung:

„Man sagt ihm nach, er sehe gleichzeitig traurig und müde aus. Er sieht zwar traurig aus, und er sieht auch müde aus, doch ist das die Traurigkeit eines Mannes, der ein mittelalterliches Anrecht auf eine Betrübnis erwirkt hat, die ohne Zeit ist und ohne Ort; es ist die Müdigkeit eines Mannes, der sich aus freien Stücken der Schaffung einer Überfülle in der Beschränkung verschrieben hat.“

„Das ist ungefähr Joyce, und man fragt sich doch, ob Irland nicht endlich seinen Mann hervorgebracht hat.“

1941, schon in den USA, erinnert sich Djuna Barnes an ihr Paris, an ihrer Pariser Jahre. Ein wehmütiges „Klagelied auf das Linke Ufer“ entsteht. Erinnerungen an Menschen, Orte, vor allem aber an James Joyce:

„James Augustin Joyce (er war dank der geistigen Verwirrung eines Gemeindeschreibers in Rathgar Augusta getauft worden) wies einem Zeitalter den Ausgang.“

Durch den Tod, die Flucht vor den Nazis, durch einen Ozean getrennt von all jenen, die sie kannte und liebte, entfährt ihr in diesem Essay ein letzter Seufzer:

„Das Schreckliche ist ja nicht, dass all diese Dinge geschehen konnten, sondern, dass sie alle vorbei sind.“