Wilhelm Genazino: Tarzan am Main

„Wer in einem Flugzeug sitzt und sich langsam der Stadt Frankfurt am Main nähert, wird Opfer einer harmlosen Blendung. Etwa fünfzehn Minuten dauert der Sinkflug, und er spielt sich über schier endlosen Häusermeeren ab. In der Mitte des Panoramas erhebt sich machtvoll eine Wand von Hochhäusern, die zusammengewachsen scheinen. Wer die Geographie nicht kennt, hält den riesigen Teppich für Teile von Frankfurt, das seit langer Zeit damit leben muss, dass sie für die amerikanischste Stadt Deutschlands gehalten wird.“

Wilhelm Genazino, „Tarzan am Main. Spaziergänge in der Mitte Deutschlands“, 2013, Hanser Verlag

Über den Wolken scheint nicht nur die Freiheit grenzenlos zu sein. Eine Täuschung. Denn im Grunde, so macht es Wilhelm Genazino seinen Lesern deutlich, ist Frankfurt ein provinzielles Dorf, dessen Stadtkern in 20 Minuten durchquert werden kann (wenn einem nicht ständig die Massen an überwiegend asiatischen Touristen im Weg stünden). Zu gern wäre ich mit dem mittlerweile über 70jährigen Schriftsteller, dessen Romanhelden durch die Bank exzellente Flaneure sind, durch „Mainhattan“ oder auch „Painfurt“, wie ich es nenne, gebummelt. Hab` mich aber nicht getraut, bei ihm zu klingeln. Stattdessen habe ich seinen „Tarzan am Main“ als Begleitung dabei.

Eine Sammlung kurzer Texte, die verkürzt und fälschlicherweise oft „Genazinos Frankfurt-Buch“ genannt wird. Natürlich nehmen die Stadtbetrachtungen in diesem schmalen Band einen breiten Raum ein – zugleich sind sie aber auch ein Aufhänger für Biographisches. Genazino, der 1970 nach Frankfurt kam, um dort beim Satiremagazin „Pardon“ zu arbeiten, erzählt von den Anfängen seiner Schriftstellerexistenz, vom Schriftstellerdasein an sich („Ich sitze am Schreibtisch und suche nach Wörtern“), von den „zwiespältigen Wochen“ des Wartens auf die Herren vom Deutschen Literaturarchiv Marbach, die seine Aufzeichnungen übernehmen wollen („Vorlass“ genannt), von Kollegen (und dem leidigen und sträflich nachlässigen Umgang der Hochkultur mit den unterschätzten Vertretern des Fachs „Humor“ wie seinem Freund Robert Gernhardt). Es ist also ein Buch über das Spazierengehen UND das Schreiben.

Beides gehört für den Büchner-Preisträger unmittelbar zusammen, denn:
„Vermutlich ist der Schreibende das Gefäß einer Reizung, für die er sich immer besser präparieren lernt. Aus diesem Grund ist es irreführend, sich Literatur nur aus Sprache bestehend vorzustellen. Ohne die andauernde Wechselbelebung zwischen äußeren Bildern, ihrem verzögerten inneren Echo und deren Drang nach Gestaltung würde niemand schreiben wollen.“

Ich schreib hier keine Literatur. Und doch merke ich, dass mich meine Frankfurt-Eindrücke der letzten Tage so beschäftigen, dass ich sie schreibend erfassen will. Für eine Besucherin für mich aus der bayerischen Provinz ist die Stadt, die ich bislang nur vom Weg vom Bahnhof bis zur Buchmesse und zurück kannte, eine Stadt der Extreme: Himmelsstürmende Wolkenkratzer, Obdachlose auf Matratzenlager am Boden. Christopher-Street-Day auf der Zeil, der brummelnde alte Hesse, Schwulen-und-Ausländer-Hass-Parolen in seine Bierflasche murmelnd. Menschenmassen zwischen Alter Oper und Hirschgraben, dazwischen, beim Bücherflohmarkt am „Haus des Buches“, plötzlich ein Ort gepflegter Ruhe.

Dass Genazino, dieser begnadete Alltagsbeobachter, in seinen Frankfurt-Beobachtungen keine Sehenswürdigkeiten (Römer, Paulskirche, Bankenviertel, Schaumankai, Goethehaus) abhandeln würde, davon bin ich ausgegangen. Wer sich der „Seele“ dieser Stadt ein wenig annähern möchte, für den ist der „Tarzan am Main“ (das Titel“bild“ entstammt eigentlich einer Vignette über Genazinos Geburtsstadt Mannheim, wo sich Klein-Genazino inmitten der Kriegstrümmer vorstellte, er könne sich mit Lianen buchstäblich abseilen) richtig. Und es erklärt sich aus Buch und Stadterleben auch, warum Frankfurt den passenden Nährboden abgab, damit Genazino hier mit seinem „Abschaffel“ das Genre des Angestelltenromans „erfinden“ konnte. Im Park joggt ein junger Mann an mir vorbei, eigentlich noch ein Milchgesicht, an den Füßen stinkteure Sneakers, und hechelt beim Laufen in sein Headset: „Ja, Mama, aber die haben gesagt, dass ich dieses Jahr noch nicht zum Consultant upgegradet werden kann.“ That`s Ebbelwei-City.

Hingewiesen sei noch auf eine ausführliche Besprechung des „Frankfurt“-Buches bei Culturmag.

„Zum einen gefällt sich die Stadt in ihrer hausbackenen Eppelwoi-Seligkeit, zum anderen will sie als Mainhattan gelten. Man muss annehmen, dass Menschen, die derlei Verschmelzungen angemessen finden, noch nie in New York gewesen sind.“

„Frankfurts vielleicht heikelstes Kapitel ist die Zeil. Die Straße wird allgemein für das Zentrum der Stadt gehalten, weil hier tagtäglich abertausende von Menschen unterwegs sind und immer nur eines wollen: kaufen, kaufen, kaufen.“

„Das Erhabene in der Moderne entsteht durch den ungeplanten Zusammenprall von Elend und Kitsch.“

„An manchen Nachmittagen, besonders im Frühjahr und im Sommer, verwandeln sich Teile der Innenstadt in eine Art Szenario der Verwahrlosung. (…) Ich fürchte sowieso, unser Wirtschaftssystem hat einen Grad von Geschlossenheit erreicht, der die einmal Ausgeschlossenen nicht mehr zurücklässt. (…) Wie sehr die heutige Gesellschaft in geschlossene Segmente auseinandergefallen ist, kann man erleben, wenn man einen Abend in der Oper oder im Schauspielhaus verbringt. Wer in der Pause – ein Glas Prosecco für fünf Euro in der Hand – ein wenig im weiträumigen Foyer umherwandelt, kann ganz nah und doch im Dunkeln die herumhuschenden Schatten derer sehen, die in der Grünanlage unmittelbar vor dem Theater die Nacht verbringen.“

„Die moderne Stadt bringt kaum noch bemerkenswerte ästhetische Reize hervor, die von den Menschen ein längeres Verweilen fordern.“


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