Nicola Förg: Scharfe Hunde

img_5126

Bild: Florian Pittroff, https://flo-job.de/

Ehrlich gesagt war es mein erster Alpen-Krimi von Nicola Förg. Das Hauptpersonal: Hundewelpen, die aus einem umgestürzten Lkw krabbeln, drei Tote und die Ermittlerin Irmi Mangold samt ihrer Kollegin Kathi Reindl. Das ist der Plot, aus dem die „Scharfen Hunde“ sind.

Nicola Förg greift ein hochbrisantes Thema auf: Hundehandel! Und es ist eine durchaus gute Idee, dieses Thema kriminalistisch zu verarbeiten, so dass noch mehr Menschen darauf aufmerksam werden.

Aber schön der Reihe nach:

Was haben der Besitzer einer Outdoor-Agentur, ein Camping-Urlauber aus Holland und eine reiche Oma miteinander zu tun? Erst einmal nichts, außer, dass sie alle an einer Eisenhut-Vergiftung gestorben sind. War es Suizid oder Mord?

Die Spuren führen Irmi und Kathi in die Touristikbranche. Dort gibt es Streit um eine Ferienkarte, die den Touristen kostenlose Zusatzleistungen ermöglicht. Einer der Toten hatte nicht von dieser Ferienkarte profitiert! Wurde er deshalb umgebracht?

Im Grunde geht es bei den „Scharfen Hunden“ jedoch nicht sehr kriminalistisch à la Holmes & Co zu. Die Morde sind vielmehr die Verzierung zum eigentlichen Plot „Hundehandel“.

Leider waren mir die beiden Ermittlerinnen nicht sonderlich sympathisch, was meine Krimi-Lese-Freude auch ein wenig gemindert hat. Denn da war es wieder, das Klischee vom grummligen Allgäuer. Und das Vermengen privater und dienstlicher Handlungszweige find ich jetzt nicht so klasse. Eine private Szene hat es mir aber doch angetan. Und zwar als Irmi ihre alte Freundin Eszter bei Recherchearbeiten in Ungarn trifft: „Wo sind sie, die Jahre?“ Ja, wo waren sie geblieben? Sie saßen in den Falten und im Bauchspeck, sie lauerten in alten Liedern und alten Fotos. Sie traten ans Tageslicht aus uralten Serien. Daktari, Der Doktor und das liebe Vieh – schlechte Dialoge, schlecht ausgeleuchtete Sets, endlose Kameraeinstellungen, aber trotzdem so schön, so anders.

Das Buch ist gut zu lesen, entwickelt spannende Szenen, beschreibt Umstände, Geschehnisse und Personen sehr gut. Was mir immer wichtig ist und sich auch hier bewährt: Der Kniff mit den relativ kurzen Kapiteln. Das fördert die Freude am Lesen, da man immer denkt: „Ach ein Kapitel schaff ich noch…“. Und so kommt man gut durch die 320 Seiten. Hangelt sich von Kapitel zu Kapitel, steigt immer tiefer in den Plot ein und fiebert dem Ende und der Auflösung des Falles entgegen. Nicola Förg schreibt herrlich leicht, liebenswürdig und spannend. Und ganz wichtig: Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Am Ende ist es nicht der Täter, von dem man glaubt, er ist der Täter.

Ein Beitrag von Florian Pittroff
www.flo-job.de

Verlagsangaben zum Buch:
https://www.piper.de/buecher/scharfe-hunde-isbn-978-3-86612-418-9

Im Pressedossier verrät der Verlag noch einiges mehr über die Autorin und ihr ungewöhnliches Krimithema:

Nicola Förg, Bestsellerautorin und Journalistin, hat mittlerweile 17 Kriminalromane verfasst, an zahlreichen Krimi-Anthologien mitgewirkt und 2015 einen Islandroman vorgelegt.  Die gebürtige Oberallgäuerin, die in München Germanistik und Geographie studiert hat, lebt heute mit Familie sowie Ponys, Katzen und anderem Getier auf einem Anwesen in Prem am Lech – mit Tieren, Wald und Landwirtschaft kennt sie sich aus.

Engagement für den Tier- und Umweltschutz: Nicola Förg wurde 2012 vom bayerischen Tierschutzbund, 2015 vom Garmischer Tierheim sowie 2015 und 2016 vom bayerischen Jagdverband für ihr Engagement ausgezeichnet. Sie setzt sich nicht nur auf ihrer wöchentlichen Tierseite im „Münchner Merkur“ für Tiere und Umwelt ein, sondern widmet sich auch in ihren Romanen oft Themen des Tier- und Naturschutzes.

Im Interview mit dem Piper Verlag erzählt sie, wie sie auf das Thema kam:

Frau Förg, dieses Mal haben es die beiden Garmischer Kommissarinnen mit illegalem Welpenhandel zu tun.  Gibt es einen derart mafiös organisierten Handel mit Tierbabys aus Osteuropa ?

Leider ja, und zwar mit steigender Tendenz. Die Welpen kommen aus Ungarn, Polen, Tschechien und der Slowakei. Es handelt sich meist um Rassen, die gerade „in“ sind. Die Niederlande und Belgien agieren dabei als Transit- und Umschlagsländer für die armen Wesen, die aus so genannten „Vermehrerstationen“ stammen. Die Hundemütter sind nichts anderes als Gebärmaschinen, die ohne Unterlass Welpen „produzieren“. Sie leben unter erbärmlichen Bedingungen und werden später – wenn ausgelaugt  – „entsorgt“.  Die Welpen werden den Müttern viel zu früh entrissen, sind oft krank, traumatisiert und in keiner Weise sozialisiert. Spätere Besitzer geraten in einen Strudel von Verzweiflung – man will dem Tier ja helfen – und die Tierarztkosten explodieren meist.

Lohnt sich das Geschäft für die Welpendealer? Und was riskieren sie, wenn sie erwischt werden?

Allerdings, der illegale Tierhandel ist nach dem Waffen- und dem Drogenhandel das lukrativste Geschäft und fällt aufgrund seiner festen Struktur und des länderübergreifenden Netzwerkes unter die organisierte Kriminalität. Betrug, Korruption, Tierquälerei sind darin ebenso enthalten wie Körperverletzung, Bedrohung und Erpressung. Das Internet macht das Geschäft zudem einfach, die einschlägigen Börsen sind voll von „süßen Welpen“. Die Dealer werden immer gerissener: die Annoncen klingen seriöser, schlechtes Deutsch wird vermieden, und verräterische Billigangebote werden durch höhere Preise ersetzt. Diese mafiösen Zirkel zu sprengen ist sehr schwer, doch in den letzten Jahren sind die Behörden sehr aktiv.  Da mittlerweile Haftstrafen verhängt wurden, die über einem Jahr hinausgehen, werden die Taten als Verbrechen definiert.

Sie haben wie immer gründlich recherchiert, bevor Sie Irmi Mangold und Kathi Reindl auf diesen Fall angesetzt haben. Wer hat Ihnen dieses Mal als Experte zur Seite gestanden?

Ich hatte mit Birgitt Thiesmann von VIER PFOTEN und Tessy Lödermann, Vizepräsidentin des Bayerischen Tierschutzbundes großartige Expertinnen. Beide haben seit Jahren mit diesem relativ neuen Zweig der organisierten Kriminalität zu tun. Birgitt Thiesmann war selbst in Vermehrerstationen in Osteuropa (wie sie auch Irmi Mangold in meinem Krimi in Ungarn kennenlernt), um das Leid zu dokumentieren und mit Hilfe der örtlichen Tierschützer und der Polizei die Hunde dort herauszuholen. Tessy Lödermann ist auch in der Hinsicht involviert, dass sie – fliegen solche Transporte auf – die sicher gestellten Welpen händeringend in den Tierheimen unterzubringen sucht. Aber das sind oft Hunderte kranker Tiere – wohin damit?

Ingeborg Gleichauf: Poesie und Gewalt. Das Leben der Gudrun Ensslin

2flo

Bild: Florian Pittroff, https://flo-job.de/

Auf den ersten Seiten der Biografie von Ingeborg Gleichauf heißt es irgendwann: “Die junge Gudrun Ensslin hat nichts Eigenbrötlerisches, Strenges oder gar Verbissenes. Ihr Hauptcharakterzug scheint in der Tat eine große Aufgeschlossenheit (…) zu sein.“ Und am Ende des Buches steht dann: “Im Gefängnis und während des Prozesses sind ihr die Worte, deren unendliche Möglichkeiten sie sehr früh erkannt hatte, schließlich ganz ausgegangen. Im Laufe ihres Lebens war immer weniger von ihrer individuellen Persönlichkeit hörbar gewesen in dem, was sie sagte, schrieb und schließlich tat.“

Zwischen diesen beiden Hauptpolen bewegt sich das Buch. Über die Entwicklung der RAF erfährt der Leser relativ wenig. Zeitumstände? Zweitrangig! Ingeborg Gleichauf stürzt sich ganz auf die Person und den Menschen Gudrun Ensslin. Wie kam es, dass aus einem interessierten Mädchen, aus einer klugen Studentin, eine Ikone der Rote Armee Fraktion wurde, die am 18. Oktober 1977 nach der gescheiterten Entführung und der Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer im Hochsicherheitsgefängnis Stammheim gemeinsam mit Andreas Baader und Jan-Carl Raspe Selbstmord beging?

Auf insgesamt 330 Seiten geht Ingeborg Gleichauf auf Spurensuche, die in Bartholomä auf der Schwäbischen Alb beginnt. Bartholomä ist der Ort, in dem Gudrun Ensslin 1940 geboren wird und wo sie einen Teil ihrer Kindheit verbringt.

Ensslins Begegnung mit Bernward Vesper, dem Sohn des Nazi-Dichters Will Vesper und der Wechsel vom beschaulichen Tübingen nach Berlin brachten erste Unruhe in ihr Leben.

Schön nachzuvollziehen ist der eigentliche Bruch in Ensslins Leben. Der Tod des Studenten Benno Ohnesorg auf der Anti-Schah-Demonstration 1967 in Berlin und die Begegnung mit Andreas Baader. Hier kann man die Veränderungen von Ensslin förmlich spüren.

Ja, die Biografie „Poesie und Gewalt. Das Leben der Gudrun Ensslin“ ist ein Zeitzeugnis mit neuen Aspekten und Möglichkeiten, spannend und interessant geschrieben, ohne Effekthaschereien. Ja, die Autorin gibt sich Mühe, hinter die Fassaden zu blicken. Und, ja, Ingeborg Gleichauf versucht neue Zugänge zur Person zu finden. Es gelingt oft – aber nicht immer. Manchmal erinnerte mich das Buch auch an eine wissenschaftliche Arbeit und das nahm mir so ein bisschen die Freude am Lesen. Ich wäre gerne öfter tiefer eingetaucht. Mir fehlen in dem Buch an manchen Stellen einfach die Geschichten, die Erzählungen. Wie war das damals, „was hat die Zeit mit uns gemacht“– um es mit Udo Lindeberg zu sagen.

Am Ende der Spurensuche ist aus dem Ich das Wir des Kollektivs der in Stammheim lebenslänglich einsitzenden Terroristen geworden. „Ensslin hätte Schriftstellerin oder Journalistin werden können. Sie hatte so ein Sensorium für Literatur“, sagt Gleichauf und wagt eine mutige Einschätzung: Wenn sie gleich nach dem Abitur gefördert worden wäre, wenn jemand mit ihr gesprochen hätte, wäre ihr Leben anders verlaufen. Weg von der Gewalt.

Ein Gastbeitrag von Florian Pittroff
www.flo-job.de

Angaben zum Buch beim Verlag:
https://www.klett-cotta.de/buch/Geschichte/Poesie_und_Gewalt/74784

Miroslav Nemec: Die Toten von der Falkneralm

Florian_Nemec

Bild: Florian Pittroff, https://flo-job.de/

Miroslav Nemec, den viele als Ivo Batic aus dem Münchner „Tatort“ kennen, hat einen Krimi geschrieben. Dass er sich nun – ganz als er selbst – zur Hauptfigur seines Romans macht und dabei natürlich in Sachen Mord ermittelt, entbehrt nicht einer gewissen Komik.

Nemec soll bei einem „Mörderischen Wochenende“ aus einem Krimi von Henning Mankell lesen und über „Mord in Fiktion und Wirklichkeit“ diskutieren. Und so fährt er an einem Freitag im August in das Berghotel „Falkneralm“, zu dem nur eine einsame Steilbahn führt. Doch das Wochenende wird alles andere als erfreulich: Nicht nur kommt ein gewaltiger Gewittersturm auf, plötzlich kommen nacheinander auch drei Gäste zu Tode. Unfall oder Mord? Die Berchtesgadener Polizei hakt den Fall schnell ab. Doch der Fernsehkommissar und Schauspieler Miroslav Nemec und die Polizeimeisterin Bergending aus Augsburg beginnen zu zweifeln, ob wirklich alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Die Ermittlungen beginnen.

Der Roman „Die Toten von der Falkneralm“ verwischt die Grenzen zwischen der realen Person Miroslav Nemec und seiner fiktiven Hauptfigur. Gut dargestellt ist dabei die unterschiedliche Wahrnehmung des ermittelnden Fernsehstars durch die Menschen, auf die er im Roman trifft. Manch einer denkt sich, der Schauspieler Nemec wolle sich ja nur wichtigmachen bei der Aufklärung des Falles im Berghotel „Falkneralm“. Andere gehen davon aus, wer einen Kommissar im deutschen Fernsehen spielt, der müsse sich auch ein bisschen mit Polizeiarbeit und Aufklärung auskennen. Miroslav Nemec und der Leser hängen zwischen diesen beiden Gegensätzen fest.

Im Laufe der Geschichte bekommt man zudem Einblicke in das „echte“ Leben des Schauspielers. Miroslav Nemec berichtet über seine Kindheit, über Frau und Kind („Sie hatte Mila extra früher aus dem Kindergarten abgeholt, damit sie sich noch vom Papa richtig verabschieden konnte“), über Kollegen am Theater oder die Arbeit am „Tatort“:  „Dummerweise war gestern nicht, wie ursprünglich geplant, der letzte Drehtag für den Tatort gewesen“.

Als Leser dachte ich manches Mal, dies seien eigentlich alles Dinge, die besser in eine Biographie passen würden. Der Kriminalfall an sich ist weder furchtbar originell noch schrecklich spannend. Die Sprache des Buches wirkt – trotz Hilfe durch einen Ghostwriter – mitunter etwas holperig und nicht ganz ausgereift. Trotzdem eine unterhaltsame Angelegenheit.

Das Buchcover, in grün gehalten, Grafik und Schrift angepasst an die Buchcover der Edgar Wallace Krimiklassiker, ist allerdings sensationell!

Und dennoch, das Buch lässt einen irgendwie zwiespältig zurück – frei nach Bert Brecht: „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen/ Den Vorhang zu und alle Fragen offen“.

Das Buch erschien im Knaus Verlag, Informationen samt Leseprobe sind hier zu finden.

Ein Gastbeitrag von Florian Pittroff, www.flo-job.de

Ferdinand von Schirach: Terror

Florian_Schirach

Bild: Florian Pittroff, https://flo-job.de/

Ferdinand von Schirachs „Terror“ ist ein Buch von bedrückender Aktualität. Plötzlich hat man Paris wieder vor Augen. Der Text stellt die Frage, wie wir künftig leben wollen. Muss man sich in Zeiten wie diesen für die Freiheit oder für die Sicherheit entscheiden? Ist die Würde des Menschen trotz Terror unantastbar oder doch antastbar? Schirach macht die Leser zu Geschworenen.

Der Plot: Auf dem Flug von Berlin nach München bringt ein Terrorist eine Lufthansa-Maschine in seine Gewalt und will sie über der Allianz-Arena bei München abstürzen lassen. Und zwar während eines Länderspiels. Die Arena ist mit 70.000 Menschen restlos ausverkauft. Zwei Kampfjets der Luftwaffe versuchen, das Flugzeug zur Landung zu zwingen – ohne Erfolg. Sie eskortieren die Maschine und kurz vor dem Stadion beschließt einer der beiden Eurofighter-Piloten, den Airbus abzuschießen. Die 164 Insassen werden alle getötet – die 70.000 im Stadion werden jedoch durch den Abschuss alle überleben.

Aufgearbeitet wird die ganze Geschichte in einer Gerichtsshow. Das Spannende daran ist, dass der Leser als mündiger Bürger quasi im Saal dabei ist, in Entscheidungsprozesse eingebunden wird und Entwicklungen mitbekommt, in einem Moment noch den Verteidiger, im anderen Augenblick aber auch die Staatsanwältin versteht, sich in den Gewissenskonflikt  des Piloten einfühlen kann – oder eben nicht. Jeder kann für sich entscheiden.

Die Aufgabe des Lesers wird durch die Plädoyers des Verteidigers und der Staatsanwältin nicht leichter. Oft hat man Aha-Erlebnisse, ist sich plötzlich ganz sicher: „Ja so ist das – man kann niemals ein Leben gegen ein anderes aufrechnen“. Und nur einen kurzen Moment später denkt man: „Doch das kann man nicht nur, das muss man sogar“. Der Zwiespalt wächst, die Unsicherheit wird größer, der Gewissenskonflikt hat einen fest im Griff: Wie wiegt man Menschenleben gegeneinander auf? Ferdinand von Schirach hält uns mit seinem Buch genau diese Frage vor Augen.

Ein tiefgründiges Buch, in dem Nüchternheit groß geschrieben wird. Für Emotion und Gefühl ist der Leser zuständig. Schirachs Rede auf Charlie Hebdo ist ebenfalls in diesem Band enthalten. Alles unbedingt lesenswert!

In der dramatischen Fassung geht „Terror“ bereits um die Welt, das Theaterstück war und ist an zahlreichen Bühnen im In- und Ausland zu sehen. Und die Zuschauer werden jeweils direkt vor die Gewissensfrage gestellt: Was ist Schuld?
Und am 17. Oktober 2016 folgt die Fernsehpremiere in der ARD – auch diese interaktiv, auch dort sollen die Zuschauer anstelle eines Gerichtes entscheiden. Man darf gespannt sein.
Mehr Information dazu: http://www.schirach.de/category/neuigkeiten/

Mehr zum Buch beim Piper Verlag und weitere Pressestimmen finden sich hier: https://www.piper.de/aktuelles/buchblog/ferdinand-von-schirachs-terror

Ein Gastbeitrag von Florian Pittroff, www.flo-job.de

 

Jean-Philippe Toussaint: Fußball

Florian_Fuß1

Bild: Florian Pittroff, https://flo-job.de/

Jean-Philippe Toussaint ist ein Schriftsteller (und Regisseur), der viel über die elementaren Dinge des Lebens schreibt – und das meist sehr lesenswert: „Das Badezimmer“, „Sich lieben“, „Fernsehen“, so lauten die Titel einiger seiner Werke. Zuletzt, 2013, „Nackt“. Und nun, fast logisch, folgt „Fußball“. Na ja, die Einführung hier ist jetzt nicht ganz so ernst zu nehmen – das „lesenswert“ jedoch auf jeden Fall. Selbst ich habe, obwohl wenig fußballaffin, in der Buchhandlung einen Blick in diese Neuerscheinung geworfen – und mich prompt festgelesen. Toussaint schreibt klug und unterhaltsam, eine runde Sache – finden auch Oliver Fritsch in der „Zeit“ und Florian Pittroff bei Sätze&Schätze.

Jean-Philippe Toussaint, „Fußball“, Frankfurter Verlagsanstalt, 2016

„Dieses Buch wird niemandem gefallen, den Intellektuellen nicht, die sich für Fußball interessieren, den Fußballliebhabern nicht, die es zu intellektuell finden
werden.“
So schreibt Jean-Philippe Toussaint zu Beginn seines Buches „Fußball“. Ich würde es ganz anders sehen. Dazu aber später mehr!

„Fußball“ ist sehr unterhaltsam und in erster Linie eine ganz große Liebeserklärung an die schönste Nebensache der Welt. Es geht nämlich nicht nur um Tore, Meisterschaften und Spielzüge. Jean-Philippe Toussaint ist seit Kindesbeinen an vom runden Leder und der Jagd danach angetan. Er brüllt aber keine ein- oder zweideutigen Schlachtrufe aufs Feld, sondern er erinnert sich an seine Kindheit und reflektiert über den Zauber und die Einzigartigkeit des Spiels. So schreibt Toussaint zum Beispiel über den Zauber der Farben des Fußballs, das Grün des Rasens und die Trikots der Nationalmannschaften.

Er schreibt über das besondere Verhältnis der Zeit während eines Fußballspiels.
Wir sind über die Dauer des Spiels in einem Zeitkokon eingesponnen, geschützt vor den Verletzungen der Außenwelt (…) In dem klar umrissenen Moment, in dem wir ein Fußballspiel sehen, ist das Ergebnis unbekannt und der Verlauf ungewiss, es ist uns also nicht möglich, unsere Aufmerksamkeit auch nur für einen Moment fallen zu lassen und uns von unserem Platz zu entfernen (…) Aus diesem Grund verliert Fußball sofort all seinen Reiz, sobald das Resultat bekannt ist.“

Fußball ist also nur in Echtzeit genießbar. Man müsse ihn sofort verzehren, „wie Austern, Meeresschnecken, Langustinen oder Garnelen“. Der Leser erfährt keine bloßen Fußball(binsen)weisheiten, sondern besondere Dinge über das Gesamterlebnis Fußball – feinsinnig und leise erzählt. Manchmal fast lyrisch, aber immer spannend. Eine wunderbare Huldigung an den Fußball. Und da sind wir wieder am Anfang – das ist ein Buch sowohl für Fußballliebhaber also auch für Intellektuelle.

Letztlich kann man es nicht besser beschreiben als Jean Birnbaum von der Zeitung „Le Monde“: „In seiner unvergleichbaren Art, ebenso sensibel wie schelmisch, erschafft Jean-Philippe Toussaint Bilder vom Fußball, die von der Begeisterung der Kindheit, seiner Beschwörungsmacht und seiner fragilen Klarheit erzählen. Bilder, die Toussaint entstehen lässt, um der Literatur ein Fest zu bereiten.“

Florian Pittroff 

www.flo-job.de

Winfried Stephan: Nicht schon wieder keine Tore

Florian_fuß2

Bild: Florian Pittroff, https://flo-job.de/

Jetzt geht das wieder los! In meiner Wahrnehmung teilt sich die Welt ab Freitag wieder in jene, die an akutem Fußballfieber leiden und in jene, die vernunftbegabt sind, dem Ganzen wenig abgewinnen und immer noch Lesen die beste aller Freizeitbeschäftigungen finden. Tatsächlich aber gibt es nicht wenig Grenzgänger die Lesen, Schreiben und Fußballspieler auf einen Nenner bringen. Einer davon ist mein Kollege und Co-Autor hier: Florian Pittroff, der sich kurz vor der Europameisterschaft noch durch einige Fußballbücher gelesen hat.

Beispielsweise durch dieses druckfrische Diogenes-Werk:
„Nicht schon wieder keine Tore“, Geschichten und Gedichte rund um den Fußball, herausgegeben von Winfried Stephan, Mai 2016, Diogenes Verlag

 Schade, die „Geschichten und Gedichte rund um den Fußball“ beginnen etwas zäh. Es ist – um in der Fußballersprache zu bleiben – zu Beginn ein Abtasten. Die fiktiven Briefe des Bundestrainers an seine Frau Daniela von Moritz Rinke kommen etwas langatmig um die Kurve. Und auch die autobiografische Erzählung „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“ von Friedrich Christian Delius sowie die Erzählung „1954“ von Günter Grass nehmen nicht so richtig Fahrt auf.

Aber das bleibt im Verlaufe der 272 Seiten zum Glück nicht so. Ein Höhepunkt: „Dantes Tragödie“. Das ist die Geschichte über den verheerenden Fußballabend, den der brasilianische Verteidiger Dante bei der Weltmeisterschaft 2014 im legendären Halbfinale gegen die DFB-Elf erlebte. Schlagfertig und wortgewandt erzählen Tim Jürgens und Philipp Köster, wie der Brasilianer zum Einsatz kommt, wie es nach 29 Minuten 5:0 für Deutschland steht und wie der schwärzeste Tag im Leben von Dante seinen weiteren Verlauf nimmt. „ Es war einer der Tage, an denen jeder noch in Jahrzehnten weiß, wo er sich aufhielt, als es passierte. Die Antwort des brasilianischen Verteidigers Dante lautet: “Ich war in der Hölle“.

Friedrich Torberg, Urs Widmer, Wiglaf Droste und Benedict Wells leisten ihren Beitrag dazu, dass die Begegnung, respektive das Buch, dann doch immer besser wird. Neben  Schriftstellern kommen auch Fußballer zu Wort – beispielsweise Sepp Maier, Günter Netzer, Uli Hoeneß, der sich an seinen verschossenen Elfer beim EM-Finale 1976 erinnert oder Paul Breitner, der von der Erfüllung eines Jugendtraums und von Real Madrid erzählt. Über das bemerkenswerteste Kunstereignis des Jahres 1929 – Schalke 04 gegen Arminia Hannover – hat Bertolt Brecht einen Text verfasst. Oder doch nicht? Die unglaubliche Geschichte die dahinter steht, ist reizvoll und interessant zugleich.

Eine dann doch ganz gelungene literarische Einstimmung auf das bevorstehende Fußball-Fest!

Florian Pittroff

www.flo-job.de

Soviel sei verraten: 1929 schrieb Bertolt Brecht den Text „Das größte Kunstereignis“ und ernannte den Fußball zur fruchtbarsten Kunstform des 20. Jahrhunderts.

Zwei Zitate:

„In einer Umfrage der «Literarischen Welt» haben sich einige Herren zum bemerkenswertesten Kunsterlebnis des Jahres 1929 geäußert. Gerhard Hauptmann nannte die Aufführung eines (eigenen) Stücks, Franz Werfel sprach sich für die Gedichte seiner Freunde aus, Th. Mann bekannte sich zu einer Oper. Ich bedaure alle drei, zünde meine Zigarre an und stimme für das interessanteste Spiel der Deutschen Meisterschaft, Schalke 04 gegen Arminia Hannover, das mit 6 zu 2 endete.“

„Keine Theateraufführung verhilft auch nur einem Zuschauer zu ebensolcher Freude wie den 10 000 Anhängern ein Siegestor in der 89. Minute, keine Chopin- oder Hölderlin-Matinee versetzt in so ehrliche Trauer wie der Verlusttreffer. Wie bei allen interessanten Lebenslagen zahlt man auch im Fußball den Spaß mit dem Risiko eines großen Verlusts. Gutes Amüsement hat schon immer Nerven und Mut verlangt. Aus oben genannten Gründen stimme ich dafür, das Spiel Schalke – Hannover als Kunstereignis des Jahres 1929 zu wählen, den Stürmer Ernst Kuzorra als Künstler des Jahres auszuzeichnen und Fußball als fruchtbarste Kunstform des 20. Jahrhunderts zu sehen.“

Friedrich Ani: Der einsame Engel

florian_ani

Bild: Florian Pittroff, https://flo-job.de/

Friedrich Ani bei „Literatur im Biergarten“ in Augsburg im Sommer 2015. © flo-job büro

Ein Beitrag von Florian Pittroff

Den Deutschen Krimi Preis gewinnt Friedrich Ani in Serie – so wie zuletzt im Januar mit dem Roman „Der namenlose Tag“, erschienen bei Suhrkamp.

„Wie war dein Wochenende?“, fragte sie, und obwohl sie keine Antwort erwartete, schaute sie mich an wie jemand, der am Wortetropf hing. Ich sagte: „Ich war monumental bebiert.“

So beginnt der neueste Roman „Der einsame Engel“ von Friedrich Ani. Hier steht eigentlich alles drin, was ich an Friedrich Ani so sehr liebe. Es ist die Sprache, es sind die Worte, die Wortschöpfungen und die Wortideen. Noch ein Beispiel:

„Schön war, dass sie nachts keine Fragen stellte, als ich am offenen Fenster  (…) stand, überwältigt von meinen Tränen, die all die Jahre ungeweint geblieben waren.“

Im Mittelpunkt des Plots steht ein Gemüsehändler, der unversehens verschwindet. Tabor Süden übernimmt die Ermittlungen nach einem Geschäftsmann. Seine Mitarbeiterin hat gemeldet, dass er verschwunden ist. Dabei stößt Süden auf Hinweise, dass der Vermisste Affären mit mehrere Frauen – auch mit Minderjährigen – hatte und dabei doch stets einsam blieb. Machtspielchen, Lügen und Intrigen, Schweigen und Ungerechtigkeiten: all das kommt an die Oberfläche.

Tabor Süden ermittelt also wieder einmal. Ich weiß nicht, der wievielte Roman mit diesem Charakter es ist. Für mich war es der Erste mit dem Protagonisten Tabor Süden. Und ich war von der ersten Zeile an begeistert und gefesselt. Die einzelnen Personen sind detailliert beschrieben und geschildert. Der Leser ist gleich drin im Geschehen – die Handlung ist spannend und kurzweilig. „Der einsame Engel“ ist ein scharfsinniger und gefühlvoller Krimi über das Fremdsein und die Einsamkeit in der Liebe und in anderen Beziehungen. Ani schreibt, versetzt sich in den Leser, der Leser fühlt sich in die Geschichte versetzt, erspürt die Gefühle der Geschichte, die Traurigkeit der Personen und die Atmosphäre.

Nicht wirklich was für Hardcore- Krimifans, die mehr so auf Entführung, Aktion und vom häufigen Schusswaffen-Gebrauch stehen. Die Bücher von Friedrich Ani sind ganz offenbar nicht das, was die Mehrheit der Leser unter einem normalen Krimi versteht. In „Der einsame Engel“ wird nicht nur ein Fall gelöst, sondern Ani wagt auch den Blick auf die menschliche Seele.

Über den Gastautor:

Florian Pittroff ist Magister der Literaturwissenschaften und Kunstgeschichte und arbeitet seit mehr als 25 Jahren als Journalist und Texter. Seine Buchbesprechungen waren unter anderem zu lesen im Kulturmagazin „a3kultur“ und im deutschsprachigen Männermagazin „Penthouse“.  Er verfasste Kulturbeiträge für das Programm des „Parktheater Augsburg“, war unter anderem verantwortlich für die Medien- & Öffentlichkeitsarbeit des kulturellen Rahmenprogramms „City Of Peace“ (2011) und die deutschsprachigen Slam-Meisterschaften (2015) in Augsburg. Florian Pittroff erhielt 1999 den Hörfunkpreis der Bayrischen Landeszentrale für neue Medien für den besten Beitrag in der Sparte Kultur.

www.flo-job.de

Karen Duve: Macht

„Je weiter ich mich dem Gänsemarkt nähere, desto voller wird es. Man kommt kaum noch durch. Okay, es ist Double-Shoppingday, aber erstaunlicherweise sind es vor allem Männer, haufenweise Männer, die aus allen Nebenstraßen quellen, und sie sehen nicht gerade aus, als wären sie in die Stadt gefahren, um neue T-Shirts zu kaufen. Einige von ihnen könnten Hooligans sein – fette Wampen, üble Haarschnitte, aggressive Fressen. Hooligans am frühen Morgen, sie brüllen herum, riechen nach Pommes frites und schwappen den Inhalt ihrer Bierflaschen über die Leute. Andere sehen aus wie Paketboten (…)
Langsam dämmert mir, wo ich hier hineingeraten bin. In eine MASKULO-Demonstration. Ich schaue mich genauer um. Tatsächlich ist weit und breit keine einzige Frau zu sehen. Laut einer BILD-Online-Umfrage von letzter Woche soll der durchschnittliche Demonstrant bei der Anti-Frauen-Bewegung MASKULO aus der Mittelschicht stammen und sowohl gebildet als auch berufstätig sein, was jetzt nicht ganz meinem persönlichen Eindruck entspricht.“

Karen Duve, „Macht“, 2016, Galiani Berlin

Ein Gastbeitrag von Florian Pittroff

Soviel gleich vorne weg – es ist kein Buch für zarte Gemüter. Karen Duve mutet ihren Lesern einiges zu: Einen bitterbösen Machtkampf zwischen Mann und Frau. Die Zeiten, als Männer mehr verdient haben als Frauen und in den Chefetagen der großen Konzerne und der noch größeren Politik das Sagen hatten, gehören längst der Vergangenheit an.

Karen Duve hat fast alles in ihrem neuesten Buch verarbeitet, was in den letzten Jahren in irgendeiner Form gesellschaftspolitisch im Fokus stand. An erster Stelle den Feminismus: Im  Jahre 2031 heißt es beispielsweise konsequent Bundeskanzlerin, ganz gleich welches Geschlecht die/der Amtsträger/in hat. Aber auch der Klimawechsel, die Demokratie und ihre Krisen sowie die „Islamisierung“ des Abendlandes werden be- und verarbeitet. Und selbst der von Medien und Kommerz gepflegte Hype um die ewige Jugend darf nicht fehlen. Da wird der Ausspruch „Altwerden ist nichts für Feiglinge“ zu „Altwerden ist nur was für Feiglinge“. Im Jahre 2031 gibt es nämlich die Verjüngungspille Ephebo. Hier wird das hohe Lied auf die Jugend gesungen – nicht ohne fahlen Beigeschmack. Denn die, die die Pille nehmen und nicht altern, riskieren, an Krebs zu erkranken.

Der Plot des Romans ist bereits im Klappentext kompakt zusammengefasst:

„Wir schreiben das Jahr 2031: Staatsfeminismus, Hitzewellen, Wirbelstürme, Endzeitstimmung und ein 50-jähriges Klassentreffen in der Hamburger Vorortkneipe ›Ehrlich‹. Dank der Verjüngungspille Ephebo, der auch Sebastian Bürger sein gutes Aussehen verdankt, sehen die Schulkameraden im besten Rentenalter alle wieder aus wie Zwanzig- bis Dreißigjährige, und als Sebastian seine heimliche Jugendliebe Elli trifft, ist es um ihn geschehen. Alles könnte so schön sein, wäre da nicht Sebastians Frau, die ehemalige Ministerin für Umwelt, Naturschutz, Kraftwerkstilllegung und Atommüllentsorgung, die er seit zwei Jahren in seinem Keller gefangen hält. Dort muss sie ihm seine Lieblingskekse backen und auch sonst in jeder Hinsicht zu Diensten sein. Seiner neuen Liebe steht sie jetzt allerdings im Weg. Bei dem Versuch, sich seine Frau vom Hals zu schaffen, löst Sebastian eine Katastrophe nach der anderen aus…“

In manchen Momenten erinnert das Buch an Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ oder aber auch an Georg Orwells „1984“, ebenso sind Anklänge an Natascha Kampuschs Buch zu finden. Islamisierung, Kellergefängnis und düstere Zukunftsvisionen. Doch trotz alledem: Karen Duves Roman „Macht“ ist gut und flüssig zu lesen, man ist sofort mitten im Geschehen und fiebert dem großen Finale entgegen. Man möchte wissen, wie dieses düstere und gleichzeitig leichte Buch über das bevorstehende Ende der Menschheit ausgehen wird.

Eine Breitseite hat Karen Duve auch auf die Jugend – die mir sehr gut gefällt, weil dann manchmal doch so wahr:
„(…) Da sitzen sie mit ihren verkümmerten Streichholzärmchen und ihren wischenden Riesendaumen und (…) halten sich für überlegen, weil sie besser mit dem Internet umgehen können als die Generation vor ihnen“.

Über den Gastautor:

Florian Pittroff ist Magister der Literaturwissenschaften und Kunstgeschichte und arbeitet seit mehr als 25 Jahren als Journalist und Texter. Seine Buchbesprechungen waren unter anderem zu lesen im Kulturmagazin „a3kultur“ und im deutschsprachigen Männermagazin „Penthouse“.  Er verfasste Kulturbeiträge für das Programm des „Parktheater Augsburg“, war unter anderem verantwortlich für die Medien- & Öffentlichkeitsarbeit des kulturellen Rahmenprogramms „City Of Peace“ (2011) und die deutschsprachigen Slam-Meisterschaften (2015) in Augsburg. Florian Pittroff erhielt 1999 den Hörfunkpreis der Bayrischen Landeszentrale für neue Medien für den besten Beitrag in der Sparte Kultur.

www.flo-job.de

Über das Buch:

Einen Überblick über die Pressestimmen findet man auf der Seite des Verlags. Im Feuilleton kam der Roman nicht nur gut weg – „das beleidigt Literatur und Verstand“ harschte Christoph Schröder in der Zeit, etwas gnädiger, aber auch nicht allzu überzeugt, urteilte Gunda Bartels im Tagesspiegel über das Buch der „lauten Moralistin“ Karen Duve. Ach ja … ich habe es hier liegen, schon einmal parallel zu Florian Pittroff reingelesen und finde die Geschichte um das psychopathische Weichei Sebastian einfach einmal schon sehr unterhaltsam!