Judith Schalansky: Atlas der abgelegenen Inseln

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Bild von LuisValiente auf Pixabay

„Dieser Atlas ist somit vor allem ein poetisches Projekt. Wenn der Globus rundherum bereisbar ist, besteht die eigentliche Herausforderung darin, zu Hause zu bleiben, und die Welt von dort aus zu entdecken.“

Judith Schalansky, „Atlas der abgelegenen Inseln“, 2009.

Judith Schalansky im Vorwort zum „Atlas der Abgelegenen Inseln“. Dieses literarisch-kartographische Experiment erschien 2009 im mare Verlag.Das Buch gibt es inzwischen auch als Taschenbuchausgabe –  zu empfehlen für Bibliophile ist jedoch das gebundene Exemplar, das auch von der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet wurde.

Wie schön, dass uns Judith Schalansky an ihren Entdeckungsreisen – seien es zu Inseln rund um den Globus oder auch zur heimischen Flora und Fauna – immer wieder teilhaben lässt. Vor der Fahrt zu den abgelegenen Inseln muss man jedoch gewappnet sein. Es erwartet uns kein Tripp auf die Malediven mit Vollpension, weißem Muschelstrand, dezenter Musik und immer während blauem Himmel. „Das Paradies ist eine Insel. Die Hölle auch.“

Und auf den meisten Inseln, die Judith Schalansky vorstellt, geht es eben mehr oder weniger höllisch, selten jedoch himmlisch zu: Kaum auszuhalten auf dem Eiland „Einsamkeit“ im Nordpolarmeer, Iwojima, gezeichnet von den Spuren des Krieges und bekannt aus Clint Eastwoods gleichnamigen Film. Oder St. Helena – muss man nicht mehr viel zu sagen. Napoleon war es dort furchtbar öde.

Verschwundene Seefahrer, abgestürzte Pilotinnen, abgesetzte Diktatoren: Inselgeschichten wimmeln vor Tragik. Judith Schalansky hat zu jedem Eiland ein wunderbares Portrait geschrieben: Kurz, knapp, präzise, pointiert. So schön lesbar und unterhaltsam, dass man eigentlich gottfroh ist, diese Inselgeschichten in aller Sicherheit zuhause lesen zu können, ohne auf große Abenteuerfahrt zu müssen. Jahrelang hat die Autorin dafür in Bibliotheken und Archiven recherchiert, Karten und Begleitmaterial studiert – dafür gebührt ihr eigentlich auch Dank von jedem Reiseveranstalter: Ein Atlas an Orte, an die man niemand leichtfertig hinsenden sollte.

Trotzdem ruft der Begriff „Insel“ bei vielen Menschen zunächst Sehnsüchte wach, ruft Bilder von Blumenkränzen und Hulahoop-Reifen hervor. Bestes Beispiel: Meine Buchhändlerin. Beim Abkassieren verlor sie mit dem Blick auf das Buch minutenlang jede Aufmerksamkeit. Raffinierterweise ist die Taschenbuchausgabe auch aufgemacht wie ein kleiner Langenscheidt. „Ach, Inseln, Urlaub! Wo steht das Buch?“ – „Ja, hier bei Ihnen – hinten in der Ecke für besondere Bücher!“ – „Ich muss mal wieder weg, das hole ich mir.“ – „Ähmm, das ist kein Reisebuch…“. War ihr nicht zu vermitteln, dass das zwar ein tolles Buch ist, aber die Reiseziele nicht zu empfehlen sind – das Wort Insel überdeckte alles.

Jedenfalls – der Atlas ist ein schöner Leseausflug. So oder so. Und das muss man auch mal schaffen: Mit zwei Büchern in enger Zeitfolge von der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet zu werden. Judith Schalansky ist es gelungen – mit ihrem Atlas der abgelegenen Inseln, zunächst erschienen bei mare. Und natürlich mit „Hals der Giraffe“ (Link zur Besprechung) bei Suhrkamp. Beides wunderschöne Bücher, habtisch, optisch, inhaltlich – Judtih Schalansky schreibt einen blendenden Stil, hat einen Sinn für das Skurrile und viel trockenen Humor. Schalansky, die Kunstgeschichte studiert hat, widmete sich zunächst dem Buchdesign – was ein Glück, möchte man sagen, dass sie auch selber schreibt. Eine, die beides kann – eine Wortbildkünstlerin.

Und für alle, die jetzt schon die Winterferien planen, hier ein kurzer Ausflug zur Weihnachtsinsel:
„Die Regenzeit lockt sie aus ihren Höhlen. Jedes Jahr im November machen sich 120 Millionen geschlechtsreife Krabben auf den Weg zur See. Ein roter Teppich breitet sich über die Insel aus. Mit Tausenden von Schritten krabbeln sie über Asphalt und Türschwellen, klettern über Mauern und Felswände, schieben ihre feurigen Panzer auf zwei starken Scheren und acht dünnen Beinen seitwärts zur See und werfen kurz vor Neumond ihre schwarzen Eier in die Brandung. Nicht alle kommen ans Ziel. Ihr Feind lauert überall: Woher er kommt, weiß niemand genau. Irgendwann war die Gelbe Spinnerameise da, von Besuchern eingeschleppt. Die Invasoren sind nur vier Millimeter groß, aber ihre Armee ist vernichtend. (…) Auf der Weihnachtsinsel herrscht Krieg.

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Roger Willemsen: Die Enden der Welt

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Bild: (c) Michael Flötotto

LEBENSZEIT: „Ich habe meine Frist. Ich erfülle sie.“ Dies sagte Roger Willemsen in einem Interview mit der KNA vor einigen Jahren. Die Lebensreise dieses großartigen Denkers und feinsinnigen Essayisten ging  viel zu früh zu Ende.

Willemsen, ein Reisender, der wusste: Reisen beinhaltet auch die Möglichkeit des Verlorengehens.

„Der Reisende muss neben allen anderen Gefahren auch die Skepsis gegenüber der Anhäufung des Nutzlosen überwinden. Die Neugier findet ja immer auch dies. Vom eigenen Ich muss sie sich ab-, der Welt muss sie sich zuwenden und weiß nicht einmal, was sie finden wird. Trotzdem kann es geschehen, dass sie schließlich den Horizont erweitert.“

Roger Willemsen, „Die Enden der Welt“, S. Fischer Verlag, 2010

Zu Beginn seiner, einer faszinierenden Lesereise an die Enden der Welt, begegnet Roger Willemsen einem  achtjährigen Jungen im Krankenhaus, der an einem bösartigen Hirntumor leidet und nur noch wenige Monate zu leben hat. Ungeachtet des nahenden Endes – für das Kind besteht der Klinikalltag aus Routine, ihm ist langweilig. Und so beginnt die erzählerische Reise – indem Willemsen mit dem Jungen in Gedanken reist, indem er dann für sich selbst die Welt durchmisst, die das Kind wahrscheinlich nie mehr sehen wird. Und zeigt: Die mächtigste Grenze ist der Tod. Aber auch aus anderen Gründen stößt man mitunter beim Reisen an „Die Enden der Welt“.

„Wenn Menschen eine Aura haben, warum sollten Städte keine haben? Eine Anmutung zumindest, manchmal Verheißung, manchmal Einschüchterung. Im Namen fasst sich der Nimbus einer Stadt zusammen: Kinshasa. Angereichert von Zeitungsfotos und Reportagefetzen der jüngeren Zeit, Begegnungen mit Menschen von dort, die zum Namen der fernen Heimat einen Gesichtsausdruck annehmen, schmerzlich, betrübt, entsagend, fatalistisch, voller Ärger, mit sich ringend.

Kinshasas Aura ist eine dunkle, in der die Kolonial- und die Militärfarben das Spektrum bestimmen. Auch Kinshasa stand einmal für Schlaghosen, für den „Rumble in the Jungle“, für „Soukous“, den „Rumba-Rock“. (…) Doch hat der jüngste Krieg auch diese Bilder fast getilgt und die seinen darüber gelegt, die verborgener Leichen in Straßengräben, die marodierenden Banden in den Außenbezirken, die der Plünderungen, Vergewaltigungen, Verstümmelungen und Morde, die der Entfesselung von Gewalt, die des blutigen Sturms auf die Hauptstadt an dessen Ende ein Gewaltherrscher namens Kabila die Regentschaft übernahm.“

Reisen an die Enden der Welt. Das sind nicht nur die Orte, an denen die Welt scheinbar ins Meer fällt. Oder Orte, an denen der Hund begraben ist. Es sind auch die Landschaften, in denen der Mensch untergeht vor ihrer Naturgewalt. Oder ein Menschleben – so im Kongo – schlicht und einfach nicht viel Wert hat. Willemsen hat in diesem ungewöhnlichen Reisebuch die Erfahrungen aus drei Jahrzehnten versammelt – Erfahrungen, so scheint es, die mehr sind als aus nur einem Menschenleben.

Wo Sonne ist, ist auch Schatten

22 Stationen auf fünf Erdteilen besucht, ja seziert beinahe auf literarische Weise Roger Willemsen in diesem Expeditionsbericht, der jedoch nicht geschrieben wurde, um auch noch den letzten Winkel des Globus auszuleuchten. Die dunklen Ecken bleiben dunkel, denn, so wird deutlich: Die Welt, das ist der Mensch. Und wo es Sonne gibt, wird es immer auch Schatten geben – Schatten, vom Menschen gemacht, Schatten, vom Menschen erduldet, die dunkle Aura, die auch am Licht nicht vergeht.

Willemsen ist an Orten wie Gibraltar, Hongkong, Timbuktu, Minsk, Orvieto, selbst im Himalaya und am Nordpol nicht auf der Suche nach herausragenden optischen oder sprachlichen Bildern. Ihn treibt die Neugier, selbst an diesen extremen Orten im Alltäglichen einzutauchen – wie ein Reporter, allerdings sprachlich und philosophisch über die Reportage weit hinausgehend.  Mitten im Buch deutet Willemsen an, dass das Reisen auch mit Verschwinden verbunden ist, mit der Auslöschung des Ichs – der Tod ist ein Leitmotiv, sei es bei einem zufälligen Zusammentreffen in einem Krankenhaus in Minsk, sei es als Zeugnis eines Suizids auf der Expedition an den Nordpol.

Der Auslöschung entgegen

„Statt neue Erkenntnisse über die Welttopographie einzusammeln, fährt dieser Erzähler der Auslöschung entgegen. Das Ziel heißt Ich-Verlust, nicht Selbstbestätigung, und deshalb ist das Werk als Fahrtenbuch annähernd unbrauchbar, als Roman aber fulminant“, schrieb Daniel Haas in der FAZ. „Überall spürt der Erzähler anthropologische Extreme auf, kulturelle Kuriositäten, soziale Bizarrerien. In Indien lässt er sich von Eunuchen segnen, im Kongo gerät er in die Mühlen kafkaesker Behörden, in Katmandu hat er ein Tête-à-tête mit Geistern und Scheintoten. Aber als touristisches Panorama taugen diese Texte ebenso wenig wie ein Armutsbericht der UN oder eine Doktorarbeit zum Thema ethnische Diversität.“

Als was taugen – wenn Tauglichkeit ein literarisches Kriterium wäre – diese Reiseerfahrungen dann? Auch wenn es Roger Willemsen nicht um die Bedienung des mit dem Reisen verbundenen Klischees der Selbsterfahrung durch Grenzüberschreitung geht, sondern um dessen Gegenteil – des Verschwindens, der Zurücknahme des Ichs: Eine Selbsterfahrung macht der Autor, die ich gut teilen kann. Ausgerechnet in Hongkong, im technologisiertesten, im luxoriösten aller seiner Reiseziele überkommt ihn das heulende Elend. Dort, inmitten der aufgerüsteten Zivilisation, überfällt ihn das Alleinsein. Man mag noch soviel reisen, am Ende der Welt steht man alleine da.

Hier: Roger Willemsen im Interview.

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