#VerschämteLektüren (14): Nebelschwaden wabern über dem grauen Sofa

Claudia ist eine passionierte Leserin – davon spricht ihr Blog „DASGRAUESOFA“ Bände. Bei der Auswahl zeitgenössischer Literatur verlasse ich mich gerne auf die Tipps, die sie zu bieten hat: Ihr Urteil hat Hand und Fuss, sie zeigt Stärken und Schwächen von Büchern auf, die ich nachvollziehen kann, selbst wenn ich das Buch „anders“ lese. Kurzum: Eine Leserin mit Sinn und Verstand. UMSO ERSCHÜTTERNDER ist es zu erfahren, dass einst über dem grauen Sofa fantastische Nebelschwaden aufzogen…:

„Ich muss gestehen: Ich habe sie auch alle gelesen, die verschämten Lektüren, die hier schon vorgestellt worden sind – ich bin in mindestens 11 Bänden Angélique durch Frankreich, über das Mittelmeer in den Orient und später bis nach Kanada gefolgt  (und wie langweilig war danach der Geschichtsunterricht), habe in den Südstaaten-Romanen von Gwen Bristow in gleich drei Bänden eine Plantagenbesitzerfamilie und ihre unglaublichen Schicksale über die Jahrhunderte verfolgt, und natürlich in Margret Mitchells „Vom Winde verweht“ mit Scarlett O´Hara geliebt, gelitten und gekämpft.

Als ich unlängst bei den #VerschämteLektüren den Beitrag zum Märchenprinzen und andere Verweise auf „feministische“ Literatur las und ich überlegte, warum der Titel so ganz und gar an mir vorbeigegangen ist, da fielen mir doch weitere verschämte Lektüren ein, die ich möglicherweise zu der Zeit gelesen habe: nämlich die Fantasy- Werke von Marion Zimmer Bradley!

„Die Nebel von Avalon“ gehören natürlich dazu – und siehe da: ich kann mich an nichts mehr erinnern, mit Ach und Krach fällt mir noch Tintagel ein, die Burg in Cornwall, aber wahrscheinlich auch nur, weil meine Freundin im Sommer da gewesen ist, und die Nebel über dem See, die mit dem Boot und viel (esoterischem) Glück durchpaddelt werden müssen, um von dem christlichen Kloster nach Avalon zu kommen. Und Artus und der Merlin fallen mir natürlich ein und Morgaine, die Fee. Das war es aber auch schon.

Und dann gibt es noch die Darkover-Saga der Autorin. Auf einem fernen Planet, der von einer roten Sonne beschienen und deshalb ein recht unfreundliches Klima hat, ist ein Raumschiff der Erde gestrandet, die Überlebenden bauen eine neue mittelalterlich-agrarische Kultur auf, mit adeligen Herrschaftsfamilien und vor allem ganz viel telepathischen Kräften. Mehr ist mir davon auch nicht in Erinnerung, obwohl ich einige Bände damals sehr gerne gelesen.  Selbst beim Recherchieren und Nachlesen des ein oder anderen Titels, der mir dann doch bekannt vorkommt („Gildenhaus Thendara“ zum Beispiel) , kommt nichts an Erinnerung an die Handlung zurück. Es muss wohl doch eine ganz nachhaltig beeindruckende Lektüre gewesen sein (hihihi)!

Dafür ist aber das Nachlesen der Autorinnenbiografie bei Wikipedia sehr erhellend. Von der Groschenheftschreiberei über religiös-esoterische Weltbilder bis zu Missbrauchsvorwürfen  hat die Autorin wohl ein sehr spannendes Leben geführt…

Was wir so alles gelesen haben. Und dass doch noch etwas Vernünftiges aus uns geworden ist! Da werde ich wohl nicht mehr mit dem Wimpern zucken, wenn mir mal wieder jemand etwas über Panem-Bände, Vampir-Romane oder sonstige merkwürdigen Lektüren etwas erzählt.

Konsequenterweise hat dann auch keines der Bücher in meinem Regal bis heute überlebt, ich bin da sehr rigoros mit dem Ausmisten und Verschenken. Die verschämteste Lektüre, die ich gefunden habe, sind fünf Bände Donna Leon.

Und hier geht es zu einem Sitz- und Leseplatz auf dem grauen Sofa: http://dasgrauesofa.wordpress.com/

Peter Wawerzinek: Schluckspecht

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Bild von Photomat auf Pixabay

„Nichts dagegen zu sagen gibt es zum Film mit Nicholson in der Irrenanstalt. Der gefällt ihr ausnehmend gut. Den kann sie sich immer wieder ansehen. Der hat so viel mit dem Leben zu tun, seiner zeitweiligen Vergeblichkeit. Dass man nicht aufhören darf, an die Flucht zu glauben. Die sanften Berge. Das schöne Licht der Sonne, die sich auf dem Wasser eines kleinen Baches spiegelt. Die gleiche Landschaft taucht zum Schluss wieder auf, wenn der mächtige Indianer das eckige Monstrum von Waschbecken samt Sockel aus der Verankerung im Fußboden reißt und durchs Anstaltsfenster wuchtet, durchs Loch in die Freiheit springt, mit federndem Schritt davonläuft. Die Irrenanstalt sieht dem Ulenhof ähnlich. (…)
Man zählt, sagt sie, wenn man sich therapieren und vom Alkohol wegbringen lässt, nicht mehr zu den Verrückten, nicht mehr zu den Normalen, ist ein menschliches Zwischending. Alle Schluckspechte werden aus dem Nest gekickt.“

Peter Wawerzinek, „Schluckspecht“, Galiani Berlin, 2014.

Ein Buch, das umhaut. In einem Zug gelesen – gelesen wie ein süchtiger Schluckspecht. Ein Buch, das sich einer gewöhnlichen Besprechung beinahe entzieht. Denn die Handlung, sie ist schnell umrissen, wäre schnell erzählt, wäre eigentlich so eintönig, wie es der Alltag eines suchtkranken Menschen unter Umständen ist – weil die, die die Sucht am Wickel hat, von ihr täglich beherrscht werden, weil es da wenig anderes gibt. Wäre da nicht die Sprache dieses Dichters, für den das Schreiben selbst zur heilsamen Therapie wurde.

„Also sitze ich auf des Doktors Rat hin an meinen Schreibtisch und schreibe den Verlauf meines Lebens bis zu jenem Punkt nieder, an dem mir alle Fäden aus den Händen glitten (…). Und schreibe wie im Rausch im Schreibzimmer, das nicht viel größer ist als das Cockpit eines Flugzeugs. (…). Nachdenken führt in ungeahnte Tiefe.“

Peter Wawerzinek beschreibt in „Schluckspecht“ seine eigene Suchtlaufbahn und den Ausstieg daraus – als Stipendiat in Wewelsfleth lebt er nahe des Heims „Eulenhof“. Dort gelingt ihm der Weg vom Vollrausch hin zum kontrollierten Trinken. Zu dieser Zeit hatte er bereits mit „Das Kind, das ich war“ einen Namen in der Literaturszene. Trotzdem lebte er weiter im Rausch, überwand diesen erst durch eine langjährige Behandlung. Noch in der Therapie schreibt Wawerzinek das mit dem Bachmann-Preis ausgezeichnete Buch „Rabenliebe“. Und nun „Schluckspecht“ als literarisches Dokument einer Rückkehr – ins literarische Leben, ins rauschfreie Leben.

Wie Wawerzink, selbst 30 Jahre am Trinken, das erzählt, wie er den langsamen Weg hinein und den noch längern aus der Sucht heraus in Worte gefasst hat: Sprachmächtig, burlesk, tragisch-komisch, voller Trauer und voller Lebenslust.

Und ohne Schonung für sich selbst:

„Am Zerfall ist nichts heilig. Der Zerfallene ist ein verworfener Satz, flüchtig zu Papier gebracht. Am Anfang ist der Säufer noch Mensch. Am Ende ist dieser Mensch nur noch Säufer.“

Wie die Alkoholsucht sich einschleicht:

„Tante Luci hat immer gesagt, man bekommt es mit, wenn einem die Liebe erscheint, man ist bis dahin von Blindheit geschlagen. Die Liebe kommt einfach so auf einen zu. Die Liebe ist plötzlich da. (…). Und alles mache die Liebe schön. Und es würde einem so richtig warm ums Herz, und die Liebe beflügelt einen, und man möchte, wenn man die Liebe gespürt hat, fortan nicht mehr ohne Liebe sein. Denn nur die Liebe führe einen sanft bei der Hand in unbekannte Bereiche. Genauso geht es mir mit der Schwarzen Johanna. Sie ist meine erste Liebe, auch wenn sie kein Mädchen ist.“

Wohin die Sucht führt, wenn für keine andere Liebe mehr Platz ist:

„Meine psychische Gesamtsituation ist nicht die allerbeste. Ich lasse mich gehen. Aus der Unklammerung der Kumpels in die selbst auferlegte Einsamkeit, ins Sololeben übergewechselt, bin ich nicht mehr in der Lage, Ordnung zu wahren, mit System den Tag zu bestreiten. (…) Mir fehlt es an Ordnungssinn, der Wohnschlauch ist lang und eng, müllt schnell zu. Ich liege ausgestreckt in stabiler Seitenlage. Die Wange ruht auf der linken oder auf der rechten Hand, je nachdem. Ich wasche mich nur kurz, wenn ich zur Kneipe gehe. Ich bin tagelang zu Hause, gehe nicht an die Tür.“

Aber es geht auch der Weg heraus – wenn er auch lange dauert, von Rückfällen und Verlusten geprägt:

„Und langsam rede ich es mir auch nicht mehr ein, sondern spüre die Kraft, die in mir wächst. Und kann erste positive Energien abrufen, mich überwinden. Und es fehlt mir nichts zum Leben. Dann aber überkommt es mich hinterrücks, von weiß nicht woher, in Clifden angekommen. Ich steige vom Rad ab und gehe in den Pub. Und trinke, weil mir danach ist, ein Bier. Und der Doktor redet nicht dagegen, sondern trinkt mit. Und das ist genau das, was mir das Bier verleidet und am nächsten Tag so zusetzt. Dass ich mich besaufen durfte. (…). Und der Doktor hat die Fenster aufgerissen. Und hakt nicht nach, stochert nicht in der Wunde, setzt mir nicht zu, stellt keine Fragen, dass es mir peinlich ist, ich aus dem Zimmer stürme, am Strand all meine Last herausschreie, wie die Welle gischte, brande, gegen mich schäume.“

Peter Wawerzinek hat es geschafft. Man wünschte jedem, der an dieser Krankheit leidet, er fände einen Doktor: Der das Fenster zum Leben wieder öffnet.

„Schluckspecht ist Beichte, Befreiungsschlag und Beschreibung eines jahrzehntelangen Leidenswegs, durch den grammatischen Kunstgriff des Präsens nah und listig an den Leser gerückt. (…) Der Roman umreißt die enge Welt, in der Peter Wawerzinek als haltloser Trinker ziemlich genau drei Jahrzehnte lang lebte. Er erzählt die Geschichte seiner Sucht weder als Heroenstück noch als Verteufelungsschrift.“

So ein Zitat aus dem Magazin Profil von der Verlagsseite. Mehr zum Buch dort: http://www.galiani.de/buecher/peter-wawerzinek-schluckspecht.html

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Dashiell Hammett: Der dünne Mann

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Ich kann mir nicht vorstellen, wie ein Detektiv jemals zurechtkommen soll, ohne mit dir verheiratet zu sein, aber übertreiben tust du`s deswegen doch. Studsy, der Morelli anstößt, das ist genau meine Vorstellung von etwas, worüber man sich lange Zeit keine Gedanken zu machen braucht. Eher würde ich mir schon Gedanken darüber machen, ob sie Sparrow fertiggemacht haben, um zu verhindern, dass ich was abkriege, oder um zu verhindern, dass ich was erzählt kriege. Ich bin müde.“
„Ich auch. Sag mir eines, Nick. Sag mir die Wahrheit: als du mit Mimi gerungen hast, hast du da nicht eine Erektion bekommen?“
„Oh, so `n bisschen.“
Sie lachte und stand vom Fußboden auf. „Also wenn du kein widerwärtiger alter Wüstling bist“, sagte sie. „Sieh mal, es ist schon hell.“

Dashiell Hammett, „Der dünne Mann“, 1934.

Die Schlafzimmergespräche von Nora und Nick Charles sind eben etwas anders wie bei anderen Leuten. Mit seinem letzten Roman schuf Dashiell Hammett (1894-1961) das wohl charmanteste und glamouröseste Detektivpärchen der Literatur. Und hinterließ ein literarisches Zeugnis, das scheinbar ganz leicht und leichtlebig von der Krankheit erzählt, die sein Leben jahrelang prägte: Im „dünnen Mann“ wird gesoffen, was das Zeug hält.

Als der Roman 1934 erschien, hatte Hammett wegen seiner Alkoholsucht und einem Leben, das wie eine nimmerendende Party erschien, bereits mehrere Jahre nichts mehr veröffentlicht. Zuvor kam der Rausch – der Rausch des Erfolgs. Der Schulabbrecher, der sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hielt, als Pinkerton-Detektiv Erfahrungen sammelte und als Pulp-Autor mäßige Resonanz bekam, war auf einer unglaublichen Welle geritten – beinahe im Halbjahrestakt erschienen ab 1929 die Romane „Die rote Ernte“, „Der Fluch des Hauses Dain“, „Der Malteser Falke“ und „Der gläserne Schlüssel“. Dashiell Hammett gilt noch vor Raymond Chandler als Schöpfer der „hard boiled novel“, die realistisch die schwarze Seite Amerikas darstellt: Verbrechen und Korruption in der schönen Neuen Welt.

Diese neue Art der harten Krimis kam an. Hammett wurde zum Liebling Hollywoods, “the hottest thing in town”, wie es die Dramatikerin Lillian Hellman in ihren Erinnerungen formulierte. Hellmann lernte Hammett kennen, als er auf dem Gipfel des Erfolgs stand: Frauenheld, Partylöwe, Dauerzecher. Literarisch jedoch schien er am Ende, wie Hellman 1965 in Erinnerungen an ihn schreibt:

“When I first met Hammett he was throwing himself away on Hollywood parties and New York bars: the throwing away was probably no less damaging but a little more forgiveable because those who were there to catch could have stepped from The Day of the Locust. But he knew what was happening to him and, after 1948, it was not to happen again. It would be good to say that as his life changed the productivity increased, but it didn’t. Perhaps the vigor and the force had been dissipated. But, good as it is, productivity is not the only proof of a serious life and now, more than ever, he sat down to read.”

“Because on the night we had first met he was getting over a five-day drunk and he was to drink very heavily for the next eighteen years. And then one day, warned by a doctor, he said he would never have another drink and he kept his word except for the last year of the one martini, and that was my idea.”

1948 also wird Hammett „trocken“, doch bis dahin ist es noch ein langer Weg und die schriftstellerische Produktivität längst schon versiegt. Denn sein letzter Roman, „Der dünne Mann“, erscheint 1934, danach nur noch Erzählungen. Gewidmet ist der „dünne Mann“ Lillian Hellman – und durchaus kann man sich vorstellen, dass die Dialoge zwischen Nick und Nora, so locker wie aus einer Noël Coward-Komödie, aus dem „echten“ Leben gegriffen sind. Nick und Nora, Dashiell und Lillian – ein Paar wie Scott und Zelda, Dashiell der große Gatsby des Thrillers, leichtlebig, charmant, hedonistisch. Hellmann schildert den Entstehungsprozess des Krimis:

“I had known Dash when he was writing short stories, but I had never been around for a long piece of work. Life changed: the drinking stopped, the parties were over. The locking-in time had come and nothing was allowed to disturb it until the book was finished. I had never seen anybody work that way: the care for every word, the pride in the neatness of the typed page itself, the refusal for ten days or two weeks to go out even for a walk for fear something would be lost. It was a good year for me and I learned from it and was; perhaps, a little frightened by a man who now did not need me. It was thus a happy day when I was given half the manuscript to read and was told that I was Nora, It was nice to be Nora, married to Nice Charles: maybe one of the few marriages in modern literature where the man and woman like each other and have a fine time together. But I was soon put back in place—Hammett said I was also the silly girl in the book and the villainess.”

Zunächst stößt “Der dünne Mann” jedoch auf wenig Gegenliebe: Etliche Magazine lehnen eine Veröffentlichung ab, zu ungewöhnlich und außer der Reihe ist das Buch, es wird, gemessen an seinen Vorgängern, als “zu leicht” empfunden. Tatsächlich ist es das am wenigsten „schwarze“, das komödiantischste und leichteste seiner Bücher, wenn es auch immer noch genügend „Hard-boiled“ -Elemente und eine spannende Story in sich birgt. Als es dann herauskommt, straft der Erfolg alle Kritiker lügen – schon kurz nach Erscheinen des Buches kommt die Verfilmung mit William Powell und Myrna Loy ins Kino, weitere Dünne-Mann-Geschichten, die Hammett als Auftragsarbeiten für Hollywood schreibt, und Filme mit der Erfolgsbesetzung folgen.

Nick Charles ist durchaus ein Abbild Dashiell Hammetts zu der Zeit, als dieser Lillian Hammett kennenlernt: Der frühere Detektiv, der inzwischen den Ehestand, das ironische Geplänkel mit seiner Liebsten, aber auch die täglichen Drinks genießen will.

Nora konnte in dieser Nacht nicht schlafen. Sie las Schaljapins Erinnerungen, bis ich zu dösen begann, worauf sie mich mit der Frage weckte: „Schläfst du?“
Ich bejahte es.
Sie steckte eine Zigarette für mich an und eine für sich selber. „Spielst du nie mit dem Gedanken, dich ab und zu bloß so aus reinem Vergnügen wieder einmal als Detektiv zu betätigen? Ich meine, wenn irgendwas Besonderes anliegt, wie die Lindb—„
„Liebling“, sagte ich, „mein Tip lautet, dass Wynant sie umgebracht hat und die Polizei ihn auch ohne meine Mithilfe schnappen wird. Für mich jedenfalls ist das völlig bedeutungslos.“
„Das habe ich nicht eigentlich gemeint, aber —„
„Aber außerdem habe ich auch nicht die Zeit dazu. Ich bin viel zu sehr damit beschäftigt, darauf aufzupassen, dass du keinen Cent von dem Geld verlierst, um dessentwillen ich dich geheiratet habe.“ Ich küsste sie. „Meinst du nicht, ein Drink würde dir vielleicht zum Schlaf verhelfen?“
„Nein, danke.“
„Vielleicht, wenn ich einen nehme.“

Alles Abwehren jedoch fruchtet nicht: Nick Charles wird wider Willen in einen komplizierten Mordfall hineingezogen und auch bei der einen Leiche bleibt es nicht. Schon der erste Absatz des Buches zieht mitten hinein in den Fall – und in die „coole“ Welt des Detektivs:

„Ich lehnte am Tresen eines Speakeasy in der Fifty-second Street und wartete darauf, dass Nora ihre Weihnachtseinkäufe beendete, als ein junges Mädchen, das mit drei anderen Leuten an einem Tisch gesessen hatte, aufstand und zu mir herüberkam. Es war zierlich und blond, und ob man sein Gesicht betrachtete oder seine Gestalt in dem rauchblauen Sportkostüm, das Ergebnis war gleichermaßen zufriedenstellend.“

Das Mädchen, Dorothy, ist die Tochter eines früheren Klienten von Nick Charles, dem Erfinder Clyde Wynant. Und sie ist, wie der Herr Papa und der Rest der Familie, mit „exzentrisch“ noch wohlwollend beschrieben. Die Herrschaften, samt der dubiosen Sekretärin und Geliebten des Erfinders, die als erste ihr Leben lassen muss, sind allesamt sinister und hinter dem Geld des „dünnen Mannes“ her (erst mit den Nachfolgefilmen wird der Detektiv selbst zum „dünnen Mann“). Charles will sich heraushalten und gemütlich seine Weihnachtscocktails süffeln – bis jedoch nächtens ein Krimineller in seinem Schlafzimmer steht, mit der Pistole wedelt, die Polizei für Randale sorgt und nicht zuletzt Ehegattin Nora ihre Neugierde nicht bezähmen kann. Mit viel Witz und ebenso viel Spannung wird die Geschichte temporeich vorangetrieben. Und endet mit einer Überraschung: Alle sind verdächtig, aber der Mörder ist…

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Luigi Bartolini: Fahrraddiebe

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Man weiss, dass Verlaine die Diebe liebte. Weil er zusammen mit ihnen im Gefängnis sass, deshalb liebte er sie. Und er nannte sie „die lieben Diebe“. Und was Mörder angeht, so nannte er sie „die süssen Mörder“. Aber das war für ihn lediglich eine Frage des Reims, höchstens eine Frage von Worten, der klingelnden Worte von Dichtern – die nichts bedeuten in der nackten Wirklichkeit der Dinge.“

Luigi Bartolini, „Fahrraddiebe“.

Die nackte Wirklichkeit der Dinge – dies darzustellen war ein Kennzeichen des italienischen Neorealismus. Und dazu gehörte auch die Darstellung der nackten Not im Italien der Kriegs- und Nachkriegszeit. Wo der Diebstahl eines Fahrrads eine Bedrohung der nackten Existenz sein konnte.
Selten jedoch dass, aber manchmal eben doch, ich sagen muss: Ich ziehe die Literaturverfilmung dem Buch vor. „Fahrraddiebe“, 1946 von Luigi Bartolini geschrieben, 1948 von Vittorio de Sica verfilmt, ist einer dieser Fälle. Beide, Film wie Buch, gelten als Meisterwerke des italienischen Neorealismus. Bis auf Ort und Zeit (das Rom der 40er Jahre) und die Rahmenhandlung des Fahrraddiebstahls sowie dem Versuch des Besitzers, wieder an den Drahtesel zu kommen, sind Buch und Film zwei paar italienische Stiefel.

Luigi Bartolini (1892-1963) war nicht nur als Schriftsteller äußerst produktiv und bekannt, sondern auch als preisgekrönter bildender Künstler. Mit seinen kritischen, teil sehr polemischen Schriften zu Kunst und Kultur spaltete er oftmals die Gemüter. Auch politisch nahm er kein Blatt vor den Mund: Wegen seiner kritischen Artikel wurde der bekennende Antifaschist während der Mussolini-Diktatur zeitweise verhaftet und musste vorübergehend Rom verlassen.  Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte er als Professor an der römischen Kunsthochschule tätig werden.

Man gehe jedoch aufgrund der politischen Haltung nicht davon aus, Bartolini sei ein Menschenfreund gewesen – nimmt man den Erzähler aus „Fahrraddiebe“ als alter ego des Autoren, so trifft man dabei eher auf einen polemischen, überheblichen und wenig sympathischen Misanthropen. Diesem wird am 28. September 1944 sein Fahrrad gestohlen, als er in einem Laden nur kurz Schuhwichse kaufen will. Die Jagd nach seinem Eigentum, das für ihn nicht nur als Fortbewegungsmittel zwischen den verschiedenen Redaktionen wichtig ist, sondern vor allem als Möglichkeit, der Stadt und den Menschen zu entfliehen, wird zu einer tour de force quer durch la citta apertà. Bartolini nimmt den Leser mit, dahin, wo es wirklich weh tut: In die finsteren Gassen, wo sich Hehler, Gauner, Schieber und Huren tummeln. In die finstere Unterwelt rund um den Campo dei Fiori und in das Viertel Trastevere, heute ein für Touristen aufgehübschtes Viertel, seinerzeit Hort der Kleinkriminellen und Verbrecher.

Dies ist eine Qualität des Buches: Durch die realistische Schilderung der Armut und des Niedergangs ist es ein Zeitdokument, ein Abbild Italiens in den letzten Kriegswirren. Beinahe so erschreckend in den Zustandsbeschreibungen wie Malapartes Neapel-Roman „Die Haut“. Abgemildert wird dies durch philosophische Einsprengsel über das Verlieren und das Finden und den Wert des Lebens an sich:

„Es geht im Leben darum, Verlorenes wiederzufinden. Man kann es einmal, zweimal, dreimal wiederfinden, so wie es mir gelungen ist, mein Fahrrad wiederzufinden. Doch das dritte Mal wird kommen, und nichts mehr werde ich finden. So ist es, wiederhole ich, mit dem ganzen Dasein. Es ist ein Lauf über Hindernisse, bis man endlich verliert oder stirbt. Ein Lauf über Hindernisse von Kindheit an!“

Die mehrfache Wiederholung alltäglicher Banalitäten, ständige verbale Ausfälle gegen alles und jeden – Briten, Deutsche, Amerikaner, Gauner, Frauen, Händler – und ein leicht larmoyanter Unterton dämpften bei mir das Lesevergnügen erheblich. Das Buch endet zumindest mit dem Rückkauf des gestohlenen Drahtesels, der Erzähler kann weiterradeln…Ciao!

Auch de Sica zeichnet in seinem Film ein Bild des trostlosen Roms, zeitlich versetzt in die Nachkriegszeit. Statt des Ich-Erzählers spielt ein Arbeiter die Hauptrolle, der mit Plakatekleben seine Familie durchbringen muss. Das Rad ist unabdingbare Voraussetzung für den Job. Als es gestohlen wird, ist damit tatsächlich die Existenzgrundlage geraubt. In Begleitung seines kleinen Sohnes Bruno geht der Arbeiter auf die ergebnislose Suche. Am Ende gerät er selbst in Versuchung zu stehlen – ein Mundraub im klassischen Sinne aus Not, der dem Film mehr Menschlichkeit einhaucht, als das Buch in sich birgt. Zudem vermittlen die familiären Szenen, die Vater-Sohn-Beziehung menschliche Wärme in einer Zeit der Not – Lichtblicke, die der Literaturvorlage fehlen.

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Charles Portis: True Grit

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„Heutzutage glaubt kein Mensch mehr, dass ein vierzehnjähriges Mädchen mitten im Winter sein Elternhaus verlassen könnte, um den Mord an seinem Vater zu rächen; aber damals erschien einem das nicht so seltsam – wenn ich auch sagen muss, dass es sicher nicht alle Tage vorkommt.“

Charles Portis, „True Grit“, erstmals erschienen 1968, rororo-Taschenbuch 2010.

Jeder Mann, der einen Liebesroman geschrieben hat, muss anschließend etwas Ordentliches tun, meint Alex Capus. Nämlich einen Western schreiben.

Ab und an muss man dann auch als Leser(in) etwas Ordentliches tun. Nämlich einen Western lesen. Als Kind habe ich – wie viele Kinder auch – diese Geschichten geliebt. In eine chaotische Welt brachten sie Gesetz und Ordnung. Wichtiger aber war vor allem: Man wusste einfach, wo man dran war, mit den Menschen. Ein Mann, ein Wort, ein Colt, ein Tomahawk. Der Wunsch nach Eindeutigkeit verliert sich mit den Jahren. Helden stürzen von ihrem Sockel. Die Bedürfnisse sind nicht mehr naiv, von Geschichten wird nicht mehr die Erfüllung dieser Bedürfnisse erwartet.

Mit Ecken und Kanten

Doch, siehe da: Auch der Western ist erwachsen geworden. Aufgefallen ist mir dies zunächst über das Kino – Lone Ranger, Django Unchained, The Good, The Bad, The Weird, Die Ermordung des Jesse James: Man spricht von einer Wildwest-Renaissance. Mit den stereotypen Klischees wird nebenbei gründlich aufgeräumt – der tapfere Held, der edle Wilde, der zynische Kopfgeldjäger, deren Zeiten sind vorbei. Helden haben Ecken und Kanten. Oder sind 14 Jahre alt und ein Mädchen.

Der Roman „True Grit“, veröffentlicht 1968, bereits 1969 unter dem Titel „Die mutige Mattie“ in deutscher Übersetzung erschienen, erzählt die Geschichte dieses Mädchen, das mit einem versoffenen Marshall und einem trottelig erscheinenden Texas-Ranger auszieht, den Mörder seines Vaters zu finden. Niemand ist in diesem Roman so, wie er nach gängigen Konventionen sein sollte, und auch die „Gerechtigkeit“ ist nicht mehr das, was sie einmal war: Mattie erreicht ihr Ziel, verliert dabei jedoch einen Arm und jede Menge Illusionen. Nur glaubensfest, das bleibt die redegewandte, altkluge, manchmal äußerst nervige Göre bis ins hohe Alter.

Verfilmung durch die Coen-Brüder

Mattie hat echten Schneid (true grit). Die trockene, lakonische Ausdrucksweise, schwarzer Humor und herrliche Dialoge – ein Lesegenuss für einen literarischen nachmittäglichen Rachefeldzug. Bereits 1969 wurde das Buch, das zunächst in der Saturday Evening Post erschien, mit John Wayne verfilmt. Für seine Rolle als „The Marshall“ erhielt er dann endlich den ersehnten Oscar. Zur Abrundung der Lektüre ist jedoch die 2010-er Verfilmung der Coen-Brüder eher zu empfehlen. Jeff Bridges einmal mehr in einem Coen-Film – den verlotterten Marshall gibt er ebenso lässig-verspult wie seinerzeit den großen Lebowski. Für die Coens war dies erst die zweite Literaturverfilmung nach „No country for old men“, der 2007 ins Kino kam. Auch dieser Film eine hervorragende Adaption des Romans von Cormac McCarthy – auch ein Autor, der den neuen, den anderen wilden Western schreibt.

Star des Buchs, Star des Films ist jedoch die redselige, halsstarrige Mattie, Sturkopf bis zur letzten Seite, Jahre später nach dem Geschehen:

„Ich hätte mich nicht sonderlich anstrengen müssen, um mich zu verheiraten. Es geht aber keinen Menschen etwas an, ob ich geheiratet habe oder nicht. Ich kümmere mich nicht um das Gerede. Wenn ich wollte, könnte ich einen alten Pavian heiraten – und ihn zum Kassierer machen! Ich hatte ganz einfach nie Zeit für solche Spielereien. Eine Frau, die Grips im Kopf hat und kein Blatt vor den Mund nimmt, ist da vielleicht ein bisschen im Nachteil; besonders wenn sie einen Ärmel hochgesteckt trägt und eine kranke Mutter zu versorgen hat.“