#MeinKlassiker (27): Peggy, Goethe, der Faust und Lehren fürs Leben

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Bild von lilidail auf Pixabay

Lange Zeit hat uns Peggy Richter auf ihrem Blog „Entdecke England“ mit ihren Beiträgen über Land und Leute, Geschichte und Kultur, Führungen durch die Museen und Dichterhäuser in London und ganz Großbritannien begeistert. Mit ihr ließ sich England wunderbar entdecken. Wer ihren Blog verfolgt, weiß jedoch, dass der Brexit auch hier seine Folgen hat: Peggy und ihre Familie verlassen England in Richtung Dubai. Ich möchte ihr und ihren Lieben an dieser Stelle noch einmal alles Gute für den Neustart wünschen – und ich freue mich auf ihre Beiträge aus einer ganz anderen Welt.
Zuvor hat Peggy mich jedoch mit ihrem Klassiker ziemlich überrascht: Eigentlich rechnete ich mit einem der großen britischen Schriftsteller. No way! Faust sollte es sein. Grandios, fand ich – denn was wäre eine Klassikerreihe ohne Goethe?

Ich kann mich noch genau erinnern, als ich die alte geschwungene Treppe in meiner neuen Schule hochging. Es war 1990 und es roch nach Bohnerwachs und großen Erwartungen. Ein knappes Jahr zuvor war die Mauer gefallen und ich, in der DDR aufgewachsen, fühlte, dass mir die ganze Welt offenstand. Alles, was ich tun musste, war, meinen Weg mit Bedacht wählen und ihn zielstrebig verfolgen. Aber welcher Weg war der Richtige? In dieser Zeit, als die Möglichkeiten grenzenlos schienen, es aber keine Orientierungspunkte gab, weil alles bisher Bekannte plötzlich keinen Bestand mehr hatte; in dieser Zeit, als das gesellschaftliche Chaos mit meinem pubertären Gefühlschaos Hand in Hand ging, traf ich einen Gelehrten auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Sein Name war Faust. Er hatte viel studiert, fühlte sich aber weiter denn je davon entfernt, das Geheimnis des Lebens zu lüften. Auf den ersten Blick war er kein sehr sympathischer Zeitgenosse, ein Nörgler, einer, der nie zufrieden war. Aber je näher ich ihn kennenlernte, desto mehr fühlte ich mich ihm verbunden.

Wie bei Faust schlugen auch in meiner Brust zwei Herzen: Einerseits wollte ich wissen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, andererseits wirkten die Mädchen und Jungs, die sich heimlich vom Schulhof schlichen, um zu rauchen, cooler und irgendwie näher am Leben. Faust entflieht der Studierstube, die ihm zum Gefängnis geworden ist, mithilfe von Mephisto. Auf der Suche nach dem höchsten Glücksgefühl, probiert er alles aus, was das Leben zu bieten hat: ein Saufgelage in Auerbachs Keller, die Verführung Gretchens und allerlei andere Zerstreuungen. Ich stürzte mich derweil mit einer Packung Zigaretten ins Leben. Aber genau wie Faust stellte ich bald fest: Nur weil ich irgendwo dabei war, fühlte ich mich noch lange nicht zugehörig. Ich war Zuschauer in einem Stück, das mich nicht wirklich interessierte. Und die Zigaretten haben mir auch nicht geschmeckt. Ich musste meinen eigenen Weg zum Glück finden.

Faust hat mich, die ich selbst eine Suchende war, tief berührt. Dieser innere Kampf zwischen dem, was man ist, und dem, was man gerne sein will, die richtige Mischung aus Pflicht und Kür, Forscherdrang und Lebensfreude zu finden, das waren und sind für mich die Kernthemen des Lebens. Wer ist schon immer voll und ganz mit seinem Leben zufrieden? Und was würde einen noch antreiben, wenn man es wäre? Leben ist vor allem Veränderung. Es besteht aus einem ständigen Austarieren der verschiedenen Kräfte, die in einem selbst und in der Gesellschaft wohnen. Diese werden zum Teil von Mephisto, dem „Geist, der stets verneint“, der „das Böse will und das Gute schafft“, verkörpert. Er lockt mit Versuchungen und führt in Sackgassen, aber er ist auch der Mut, gegen den Mainstream zu schwimmen und Neues zu entdecken.

Am Ende des zweiten Teils findet Faust seine Erfüllung, als er dem Volk hilft, neues Land zu gewinnen. Und auch im wahren Leben gibt es meiner Erfahrung nach keine Zufriedenheit, wenn man nicht eine Aufgabe hat, in der man aufgeht. Wer kennt nicht dieses tiefe innere Glücksgefühl, nachdem man etwas geschafft hat – sei es im Beruf, am Ende einer langen Wanderung, wenn man Tomaten im eigenen Garten erntet oder einen Blogartikel online gestellt hat? Oder, um es mit Faust zu sagen:

„Das ist der Weisheit letzter Schluss:

Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,

Der täglich sie erobern muß.“

Der besondere Reiz von Faust liegt für mich allerdings darin, dass er viele Facetten hat. Gleich zu Beginn streiten Dichter und Theaterdirektor darüber, ob ein Stück nur dann gut ist, wenn es ein Kassenschlager ist. Fausts Seele ist der Wetteinsatz eines Spiels zwischen Gott und Teufel, was dem Stück eine transzendentale Note verleiht. Faust verkauft dem Teufel seine Seele, um etwas zu erreichen, das er aus eigener Kraft nicht schafft – eine immer wieder gern verwendete Metapher in Film und Literatur. Und da ist Gretchen, von Faust verführt und verlassen und dadurch zum Kindsmord getrieben. Das Werk strotzt vor Themen, die in abgewandelter Form nichts an Aktualität verloren haben, die oft ambivalent sind und deshalb zum Nachdenken anregen. Deshalb ist er der Klassiker, der mich bis heute am nachhaltigsten beeindruckt hat.

Peggy Richter
https://entdeckeengland.com/

Ulrich Peltzer: Das bessere Leben

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Bild: (c) Michael Flötotto

Please allow me to introduce myself
I’m a man of wealth and taste
I’ve been around for a long, long year
Stole many a man’s soul and faith…

Pleased to meet you: Es gibt Bücher, die entwickeln ihren eigenen Sound. Und manche setzen diesen Sound im Kopf frei, beim Lesen jagen Versatzstücke durchs Hirn, Stimmen, Sätze, Songs. „Das bessere Leben“ von Ulrich Peltzer ist ein derartiges Buch für mich. Ein vielstimmiger literarischer Trip durch die komplexe, unüberschaubare Welt der Manager, Global Player und Businesstypen, mit Abstechern in rheinländische Reihenhausbiederkeit und in die hippe Kunstszene, zudem ein Parforceritt durch die gescheiterten Utopien des 20. Jahrhunderts. Moskau, Wien, Rotterdam, London, Mailand, Frankfurt, Turin, China, Brasilien, USA – nur einige der Schauplätze, die im Roman eine Rolle spielen. Und die Sprache sitzt. Das Fragmentarische, Zersplitterte der Sätze, die ständigen Wechsel der Erzählerstimmen, das Gehetzte der Gedanken, die Gedankensprünge, ein stetiger Strom, ein Bewusstseinsstrom, die lose verknüpften Erzählstränge, die doch so dicht verwoben sind: Das alles macht das Buch zu einer Herausforderung. Ja, die ersten Seiten sind mühsam, aber dann entwickelt sich ein Sog des Erzählens, der das Buch herausfordernd und herausragend macht.

„Was möglich gewesen wäre, unter Umständen, aber nicht eingetreten ist. In der Wirklichkeit gibt es keinen Konjunktiv als Rettung, dachte Möhle, nur in der Kunst. Die aus einem einzigen Hätte-könnte-würde besteht und mit den Fakten macht, was sie will. Beziehungsweise … sich das Recht nimmt, zu entscheiden, wie eine Erzählung in Worten und Bildern zusammenhängen soll, solange die Wahrscheinlichkeit gewahrt bleibt. Sie nicht vollends ins Phantastische abdriftet, oder? Was ist denn schon wahrscheinlich? Eins so gut wie das andere, im Prinzip, in der Vorstellung. Nur leider mangelt`s an der oft im Leben, im Wirklichen. Wo man wie festgenagelt an Dingen festhält, die es nicht wert sind, die ihrer Bedeutung verlustig gegangen sind, manchmal von heut auf morgen.“

Zwei Typen stellt Peltzer aus der Armee moderner Geschäftsleute in seinem  Roman in den Mittelpunkt: Den Sachlichen, der im Getriebe weltweiter Geschäfte eher verfangen ist und den Strippenzieher, der vom Spiel an sich gefangen ist.

Jochen Brockmann, einer der beiden Hauptfiguren des Romans, steht vor dieser Situation: Der kühl denkende Ingenieur und Sales Manager, Anfang 50, geschieden, die Exfrau sucht ihr Heil in Yogaübungen und Zen, die Tochter in der Kunst, die Geliebten in der Flucht (resp. er in der Flucht vor ihnen), der Kontakt zu Geschwistern und Eltern lose und unterkühlt. Privat ist da nicht viel in diesem Leben, das auf Geschäftsreisen spielt. Und auch beruflich wird ihm der Boden unter den Füßen weggezogen: Das italienische Familienunternehmen wird von jungen Dynamikern überrollt, Brockmann ist ein Auslaufmodell. Midlife-Crisis setzt ein: War es dass, das gute Leben? Konsumkäufe auf Reisen und eine kleine Grafiksammlung?

Faust:

„Ich fühl`s, vergebens hab`ich alle Schätze
Des Menschengeists auf mich herbeigerafft,
Und wenn ich mich am Ende niedersetze,
Quillt innerlich doch keine neue Kraft;
Ich bin nicht um ein Haar breit höher,
Bin dem Unendlichen nicht näher.“

Sein Gegenpart: Sylvester Lee Fleming, ebenfalls ein „global player“, Strippenzieher und Verstrickter zugleich – in undurchsichtige, nur scheinbar legale „Versicherungs“-geschäfte. Einer, der verführerisch ein besseres Leben verspricht – seinen Kunden, Jungmanagern, die er an der goldenen Leine hält, auch den wenigen Menschen, die er etwas weiter hineinlässt in seine private Gefahrenzone. Ein Mephisto mit Beschädigung: Sich unruhig in Hotelzimmer wälzend, an der Vergangenheit knabbernd, ein vereinsamter Höllenhund. Getrieben von Überdruss, Zynismus, scheinbarer Abgeklärtheit (auch da liegt eine buchstäbliche Leiche im Keller des Gewissens).

Mephistopheles:

„Wer lange lebt, hat viel erfahren,
Nichts Neues kann für ihn auf dieser Welt geschehn.“

Ganz wie Mephistopheles trifft Fleming den Brockmann in der Phase seines größten Zweifels und der Resignation an, versucht ihn, in seine zwielichtigen Geschäfte zu verstricken, ist der Verführer. Brockmann widersteht. Das Ende bleibt offen. Das Flugzeug zum nächsten Geschäft hebt ohne ihn ab. Der letzte Satz eine Andeutung:

„Darf ich mich Ihnen vorstellen?“, sagt plötzlich der Mann auf dem Nebensitz. Warum nicht?

Mephisto alias Fleming verführt das nächste Opfer, money makes the world go round, die Kapitalismusmaschine dreht sich weiter.

Und Brockmann, findet er vielleicht das bessere Leben? Im Rückzug ins Private? Von den Boni an der Seite von Angelika lebend – jene durchaus kein naives Gretchen, sondern eine gestandene, kluge, welterfahrene Frau? Auch dies muss sich die Leserin, der Leser selbst zu Ende schreiben, diese nur „angezettelte“ Liebesgeschichte.

Vielfach wurde in den Rezensionen auf die „Leerstellen“ hingewiesen, die Peltzer in seinem Buch hinterlässt: Nicht „zu Ende“ erzählte Lebensgeschichten, lose verlaufende Erzählstränge. Scheinbare Erklärungen liefert die Politik am Fließband. Erklärungsversuche sind Sache der Philosophen. Die Literatur – wenn sie denn in so gelungener Form daherkommt – erfüllt eine andere Funktion: Sie erzählt von der Welt und zwingt im besten Falle zum Weiterdenken. Zum Selberdenken.

Und gerade dies ist eine der großen Stärken dieses Romans: Peltzer ist nicht nur ein hochverdichtetes Abbild unserer durchkapitalisierten Gegenwart gelungen, eine Darstellung des Hamsterrades, in dem sich Menschen bewegen. Die zahlreichen Bezüge und Hinweise auf vergangene und verlorene Utopien und Illusionen – jenen der Studentenbewegung, die im Terror der RAF endeten bis hin zu jenen des Sozialismus, die im Blut des real existierenden Stalinterrors versanken – münden alle in die Frage: Was ist es, „Das bessere Leben“?

„Ich bin der Geist, der stets verneint!
Und das mit Recht; denn alles, was entsteht,
Ist wert, daß es zugrunde geht;
Drum besser wär`s, daß nichts entstünde.“

Solch mephistophelischen Fatalismus hinterlässt der Peltzer-Roman dennoch nicht – aber er bedient auch nicht mit oberflächlichen Antworten in billiger Ratgeber-Manier.

Habe nun ach! Dies Buch gelesen und studiert: Und mich der Magie seiner Sprache ergeben. Mein persönliches Fazit nach wochenlangem Long- und Shortlist-Lesen: Ich weiß nicht, ob es der beste Roman des Jahres ist – diese Aussage halte ich per se für gewagt. Aber von all jenen, die mir im Zuge des Buchpreisbloggens in die Finger kamen, ist es mein Favorit. Ulrich Peltzer, das bessere Lesen. Am Montag, nach der Buchpreis-Verleihung, wissen wir mehr.

Das Buch kann bei buchhandel.de bestellt werden: Ulrich Peltzer, „Das bessere Leben“, S. Fischer Verlag, 2015.

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