Tobias Premper: Mississippi Orangeneis Blues

MISSISSIPPI ORANGENEIS BLUES

Wenn das Leben nur dies sein könnte: Eine Fahrt mit dir und dem Kleinen auf dem Mississippi, wir füttern uns gegenseitig mit Orangeneis und irgendwer spielt den Blues.

Tobias Premper, „Mississippi Orangeneis Blues“, 2016, Steidl Verlag

Wenn ein Buch nur dies sein kann: Du blätterst es auf, an einer beliebigen Stelle, Bilder entstehen, für Minuten bist du entführt in eine andere Welt. Wer dem derzeit grauen Wetter und seiner ebenso nassen wie bleiernen Wolkendecke entfliehen will und faktisch nicht kann, wer den Mississippi Orangeneis Blues und eine Sehnsucht nach Realitätsflucht in sich trägt, dem empfehle ich die Miniaturen von Tobias Premper.

Doch Obacht: Mit seinen Kürzestgeschichten, die manchmal nur wenige Sätze umfassen, selten mehr als eine halbe Seite einnehmen, entführt Premper keinesfalls in ein vermeintliches Paradies oder heile Welten. Sie erzählen von Sehnsüchten, von kleinen wie großen Träumen, vom Alltag, dem man entfliehen will, von Orten, an denen man nie ankommt.

Schwankend zwischen „ALTE ORDNUNG“:

Find Dein Tor, geh hindurch und bleib dort!

und einer „LIEBESERKLÄRUNG“, die den Wunsch nach Verrücktheiten beinhaltet:

Ich will mit dir nach Usbekistan und den Nomaden heißen Tee über die Turbane schütten. (…) Und im Traum springen wir über wilde Kaninchen und schweben selbst über unseren Verstand hinaus.

Tagträumer und versponnene Seelen werden an diesen Miniaturen ihre Freude haben: Immer wieder durchbricht Tobias Tremper scheinbar alltägliche Szenen mit einem feinen Sinn für das Absurde. Schon der Prolog wirkt wie ein Gemälde von Matisse. Oder meinetwegen auch Dalí. Eine Blume wächst aus einem Zeh. Tote Enten treiben in einem Bassin. Eine Frau und ein Kind auf einem Elefanten. Träumt der namenslose Ich-Erzähler oder ist er schon wach? Nichts ist, wie es scheint, nichts bleibt, wie es war, gebrochene Atmosphäre schon am aufbrechenden Morgen:

MORNING HAS BROKEN

Ich saß in einem Café und frühstückte. Gelobt die Amsel, die draußen vor dem Fenster sang, und die beiden Frauen am Nachbartisch, eine schöner als die andere. Ganz still und unbeweglich saßen sie da, und die Musicbox spielte etwas von Duke Ellington. Plötzlich hakte die Platte, und ein kahlköpfiger Zwerg mit Schnauzbart kam zu meinem Tisch. Er roch nach Schweiß und trug rote Damenschuhe. Der Kleinwüchsige fragte, ob er sich zu mir setzen dürfe, aber ich sprang auf und lief nach draußen. Hätte ich ein Auto gehabt, ich wäre bis zum Kap Deschnjow gefahren. Ich besaß jedoch nicht einmal ein Fahrrad. Dann begann es, aus heiterem Himmel honigsüße Tropfen zu regnen, und ich dankte dem Herrn.

„Mississippi Orangeneis Blues“ ist kein Buch, das man in einem Stück wegliest – sondern eines, in dem man immer wieder blättert, auch zufällig Seiten aufblättert, um je nach Stimmungslage und Leselust sich auch in die eigenen Weltfluchtgedanken hineinzulesen. Um sich dann an komplizierten Tagen still und leise seufzend zu sagen:

OHNE TITEL #3

Wenn das Leben nur dies sein könnte: Salat aufessen, Liebe machen.

Den poetischen Miniaturen ist anzumerken, dass sie einem Lyriker entsprungen sind: Der Bildende Künstler und Schriftsteller hat einige Gedichtbände und gibt seit 2006 Boxenbücher heraus – in der Auflage limitierte Text- und Bildeditionen, die zum Teil auch Originalzeichnungen beinhalten. Einen Eindruck davon gewinnt man auf seiner Homepage: http://www.tobiaspremper.com/

„Mississippi Orangeneis Blues“ erschien, wie bereits sein Debütroman „Erst einmal für immer“ und weitere Bücher mit Kürzestgeschichten beziehungsweise Notizen im Steidl Verlag.

Über die Prosa von Tobias Premper zeigte sich David Hugendick begeistert, verweist in einem Artikel auf die Tradition der Vignette bei anderen Großen der Literatur wie Tucholsky, Lichtenberg und Daniil Charms:

„Im besten Fall können solche Vignetten wahre Erkenntnisbomben sein, in denen bisweilen mehr steckt als in 563 Romanseiten voller serienmäßig zartfühlender Gesellen. (…) Premper, in Celle geboren, nach Berlin umgezogen, hat ebenfalls eine Neigung zur fröhlichen Skurrilität, zur in Raum und Zeit unfixierten Momentaufnahme, die man nicht zu einem großem Bild zusammenfügen muss und auch gar nicht soll. Alltag, Märchen, Dialog, eine in Gold gerahmte Flüchtigkeit, deren Moral oder Sinn der Autor bisweilen provokant verweigert. Oder er knüpft ganze Sinngirlanden, um sie am Ende mit Witz zu zerreißen.“

Quelle: http://www.zeit.de/kultur/literatur/2013-09/Tobias-Premper-Durch-Baeume-Hindurch

In diesem Sinne: Immer wieder einmal in den Miniaturen geistig Spazierengehen, mit Tobias Premper durch die Straßen flanieren, und dabei über Lakritze schleckende Verlobte, Käferinnen im Rentner oder einfach auch über das „NICHTS“ stolpern, schmunzeln, wehmütig lächeln, träumen, bummeln.


Verlagsangaben zum Buch:
https://steidl.de/Buecher/Mississippi-Orangeneis-Blues-0108233138.html

Bild zum Download: Schwarzdrossel


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Marco Kerler: Volkslyrik

Duve

Bild: (c) Michael Flötotto

Befürchtung
(Für mich)

Ich träumte von einer Messe
auf der ich einen Stand hatte
Und Leute in Scharen kamen
damit ich ihnen Gedichte schreibe

Nun sitze ich alleine hier
kleiner Stand auf einer Messe
und schreibe keine Gedichte
damit ich mehr von ihnen träume

Marco Kerler, aus: „Volkslyrik“, edition dreiklein, 2016

Über den türkischen Schriftsteller Yasar Kemal las ich unlängst, dass er sich in jungen Jahren, als er sich endlich den Kauf einer Schreibmaschine leisten konnte, als Straßenschreiber in einer Kleinstadt seine ersten Groschen verdiente. Er verfasste Briefe und Dokumente für Bauern, die nicht lesen und schreiben gelernt hatten. Dabei muss er auch, so stelle ich mir das vor, für manch einen auch eine Mischung aus Seelsorger, Beichtvater, Journalist und vielleicht ein Freund geworden sein – denn hier zum Schreiben unmittelbar auch das Gespräch, das Sprechen, das Zuhören, das Nachfragen und das Verstehen.

Er hat im besten Sinne den Volksmund erlebt – nicht umsonst erregten seine Erzählungen in der Türkei so großes Aufsehen, waren sie doch neu, modern und ungewohnt, weil nicht in einer Kunstsprache, sondern in der Umgangssprache der Landbevölkerung verfasst.

Ein wenig hat mich das Lyrik-Experiment des Ulmers Marco Kerler an diese Tradition der Stadtschreiber erinnert – und nicht von ungefähr lautet daher auch der Titel seines neuen Lyrikbandes (beim Verlag „edition dreiklein“ erschienen): „Volkslyrik“.

Im vergangenen März verlegte Marco Kerler seinen Schreibtisch in den öffentlichen Raum: Neun Tage lang, acht Stunden täglich, gab er auf der Ulmer Messe „Kunstschimmer“ richtiggehende Dichter-Sprechstunden: Jeder Messe-Besucher konnte ihn ansprechen. Ihm Gedanken, Wünsche, aber auch Sorgen und Ängste anvertrauen. Marco Kerler hörte zu und setzte das Gesprochene in Lyrik um – eine „Verdichtung“ des Lebens sozusagen.

Denn unter den 100 Gedichten, die nun im Band „Volkslyrik“ enthalten sind, findet sich das, was das Leben ausmacht: Freude, Trauer, Wut, Alltagsgrau und schöne Erinnerungen, Weinen, Schmunzeln, Lachen, manchmal aber auch einfach nur ein wenig müde Plattheit.

Beim Blättern und Lesen meint man fast schon, eine Ahnung von den Menschen zu bekommen, die mit Marco Kerler gesprochen haben. Die Gedichte, meist nur wenige Sätze, ja vielmehr Satzfragmente, zeichnen doch ein kleines Portrait von der jeweiligen Person, zumindest eine Momentaufnahme der Stimmungen.

So beispielsweise:

Strom
(Für Angustias Fernandez Garcia)

Am Haken
zappelig sein
ist meine Ungeduld
nicht frei

Ich möchte entwischen
den Farbströmen gleich

Dichten und mit der Sprache spielen, das beweist der Band zudem, ist weder eine Alters- noch eine Bildungsfrage: Auch im Gespräch mit ganz jungen Messebesuchern entstanden kurze Stücke, entstand „Volkslyrik“:

Familie
(Für Amelie – 12 Jahre)

Mit der Mama streiten
weil wir uns missverstehen
ist Familie
schnell wieder
vergessen

„9 Tage Messe, unzählige Kippen, 100 Gedichte und Kaffee“ später war das lyrische Live-Experiment beendet. Schön, dass sowohl Poet und Verlag bereit waren, die so entstandenen Gedichte nicht nur „in der Zeitneutralität des Papiers“ zu konservieren, sondern sie auch als überaus fein illustriertes Taschenbuch herauszubringen. Die auf die Gedichte und deren Stimmungen fein abgestellten Illustrationen stammen von Benjamin Baumann, die grafische Gestaltung von Marion Hartlieb.

Dass Marco Kerler auch sonst nicht im abgeschlossenen Dichterturm schreibt, sondern den Beat der Straße sucht, das wird an seiner Homepage deutlich:
http://www.marcokerler.de/

Und ebenso lohnt sich ein Besuch bei der „edition dreiklein“ – eine toll gemachte Internetseite und Bücher, die auch durch ihre Gestaltung ins Auge springen:
http://dreiklein.de/

Ein schöner Bericht über den Verlag – bestehend aus Marion Hartlieb, Martin Gehring und den Verlagskatzen Moses und Nini findet sich hier:
http://www.swp.de/ulm/lokales/ulm_neu_ulm/ein-kleinverlag-aus-ulm_-die-edition-dreiklein-14410468.html

Lydia Daher: Kleine Satelliten

brief»(Das ist leicht zu verstehen und leicht auszuhalten. Aber niemand kann es verstehen und niemand kann es aushalten.) (Which is easy to comprehend and easy to cope with. Yet no-one seems to be able to understand or cope.)«

Alle Zitate aus: Kleine Satelliten, Lydia Daher / Warren Craghead III, MaroVerlag 2016.

Manchmal muss man sich ein großes Stück von der Welt entfernen, um sie wenigstens in Ansätzen zu verstehen. Vielleicht gerade in Zeiten wie den unseren: Von oben betrachtet, mit einem gehörigen Abstand, erscheint alles zwar nicht weniger chaotisch – aber über allem schwebend erringt man eine Art Souveränität und Distanz zu den Dingen.

 »Oder: Sieh, so zart meine Linie, dass sie an sich selbst zerbricht. Or: Look at my lines, tender enough to crush themselves.«  

Auf eine solche Reise nimmt einen die Lyrikerin und Musikerin Lydia Daher mit ihrem neuesten Buch, erschienen im Augsburger MaroVerlag, mit: „Kleine Satelliten“ ist ein Werk, das nur auf den ersten Blick filigran und minimalistisch wirkt. Wer sich mit diesen Text-Vignetten und den skizzenhaften Bleistiftzeichnungen von Warren Craghead III auf eine Reise begibt, der spürt bald die Kraft, die Melancholie, aber auch den Zorn und die Zweifel, die in diesen Zeilen stecken.

Schon bei vergangenen Arbeiten überschritt Lydia Daher Genre-Grenzen, tauschte sich mit Künstlern anderer Sparten aus, suchte die Zusammenarbeit. Für „Kleine Satelliten“ ließ sie „lines, snapshots and fragments“ in zwei unterschiedlichen Übersetzungen vom Deutschen in das Englische durch Lukas Wahden und Paul-Henri Campbell auf die Reise gehen. Adressat war der amerikanische Zeichner Warren Craghead III, der ebenfalls auch schon mit anderen Lyrikern und Schriftstellern „Kollaborationsprojekte“ und Gemeinschaftsproduktionen unternommen hatte.

»Ich werde nie aufhören schön zu malen, dich zu sehen auf Kosten des Lichts, in einer Verkettung von Tauschakten.« 

Von Lydia Daher hatte er eines auf den Weg mitbekommen: Sich völlig frei zu fühlen im Umgang mit ihren Texten, sie lediglich als Materialsammlung zu sehen – er könne kürzen, herauspicken, arrangieren und neu arrangieren. Craghead III unternahm jedoch etwas ganz anderes: Er sah die verschiedenen Übersetzungen, sah wie einzelne Wörter den Zeilen neue, andere Bedeutungen geben können, griff diesen Faden auf und „schrieb“ die Gedichte von Lydia Daher zeichnend weiter. So ist das Buch in drei Kapitel – deutsches Original sowie die beiden Übersetzungen – unterteilt und von Textfragment zu Textfragment kann man beim Betrachten nachvollziehen, wie das zunehmende Verständnis des Zeichners für die deutschen Zeilen sich in neue Kreativität umsetzt. Das Verweben von Text und Zeichnung, von verschiedenen Sprachen und deren unterschiedlichen Interpretationen – das führt zu einem feinen, rätselhaften Gewebe aus Sprach- und Bildkunst. Das Ineinanderfließen der sprachlichen Varianten verdeutlicht das spielerische Element, das auch Cragheads Illustrationen innewohnt. Am Ende schreibt der Zeichner an die Texterin: „So this project at times is like a beautiful confusion.“

»Und wieder ein sonnenfleckenfreier Tag, wo alles übergeht in Ideologie, in einen persönlichen Notfallplan.«

Die Gedichte Lydia Dahers – dem Buch übrigens als herausnehmbares Textblatt beigelegt – wirken selbst schon wie kleine Satelliten: Manchmal sieht man ein blinkendes Licht am Nachthimmel, weiß nicht, ob man sich täuscht, denn schon ist es wieder hinter einer Wolke verschwunden. Viel zu fern, um (be-)greifbar zu sein. Und doch irgendwie auch vertraut, man schickt einen kurzen Gruß nach oben…

Aus dem Gedicht „Kleine Satelliten“: „Einsam und am Wasser ging ich. Fing Stille. Streute sie aus. Denn falls ich verloren ginge man sollte mich finden.“

 »Once in a dream not far from here, my language vanished in pictures.«

Sprache und Bild gehen so einen Dialog ein, überlagern sich, kreuzen sich, lassen dem betrachtenden Leser (oder dem lesenden Betrachter) zugleich aber auch genügend Spielraum für eigene Reisen, für eigene Interpretationen und Deutungsmöglichkeiten. Zugleich zeigt dieser Gedicht- und Kunstband aber auch auf, was möglich ist, wenn sich zwei Künstler offen begegnen, wenn Mut zur Kollaboration besteht, wenn der eigene Anteil nicht für sakrosankt gehalten wird. „Die Grenze zwischen Text und Bild löst sich auf, Zeichnung wird Poesie und Worte werden zu Bildern“ ist im Verlagstext zu lesen – und in diesem Falle ist das tatsächlich nicht zu hochgegriffen: „Kleine Satelliten“ ist auch ein kleines Gesamtkunstwerk, das jedoch nicht nur bestaunt, sondern auch enträtselt werden will.

 »Ein Bild sagt: Es gibt hier nichts, was nicht vorher schon fehlte. An image speaks: There is nothing here that hasn’t been missing before.«

Das Buch erfreut auch durch seine überaus ansprechende Gestaltung durch den Verlag: Originell verpackt in Schweizer Klappenbroschur beinhaltet der Band zusätzliche Text-Beileger. Wer sich von den Satelliten packen lässt, kann zu dem einzelne Motive als Postkarten und Plakate erstehen. Oder sollte unbedingt eine der Performances von Lydia Daher besuchen.

Ein ausführliches Interview mit Lydia Daher zum Projekt führten Mitarbeiter der Kulturzeitschrift „Schau ins Blau“:
http://www.schauinsblau.de/6-transkulturalitaet-und-ethik/bild-and-ton/bildende-kunst/how-words-and-images-slip-in-and-out-of-each-other/

Informationen zu den beiden Künstlern und zum Verlag:

www.lydiadaher.de

www.craghead.com

www.maroverlag.de

Mehr zum Buch, den Plakaten und Postkarten:

Maro Verlag

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Florian L. Arnold: „Die Ferne“

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Bild von David Mark auf Pixabay

„Kein Mensch hatte ein größeres Verlangen nach Büchern als Itys. Wenn er nicht Vater und Mutter bei ihren Forschungsarbeiten unterstützte oder sich um die Instandhaltung des Hauses kümmerte, sah man Itys lesend. Vielleicht besaß er einmal etwas Geld, vielleicht sogar ein Vermögen, doch er steckte jeden Cent in seine Bücher, von denen er manche in bestimmten Abständen verkaufte, um neue Bücher erwerben zu können. Er trug die Bücher in seinen Anbau, wie ein verwildertes Tier seine Beute in Sicherheit bringt. (…).

Jeder Winkel war mit Regalen und Konstruktionen für seine Bücher genutzt, selbst in die Schrägen des Daches hatte er Bücher gefügt.
Hast Du die alle gelesen?, fragte ich ihn. Er nickte nur. Was steht in den Büchern?, fragte ich weiter. Gedichte, antwortete er, Gedanken, auch Fragen. Vieles, das man nicht sofort verstehen soll; und darum muss man es immer wieder lesen. (…).

Sieh nur, sagte er und hielt mir einige seiner Schätze hin: Sie sind so kostbar, weil sie sich mit Geschichten vollgesogen haben, sie sind durch hunderte Hände gegangen. Sieh nur hier, sagte er und ließ mich selbst die Bücher durchblättern. (…)

Itys forderte mich auf, am Papier zu riechen, forderte meine Fingerkuppen zu einer Reise über das Papier auf:

Nun rate, sagte er, wie viele Fingerkuppen sind wohl über diese staubstumpfen, sandgelben Papierebenen geglitten?“

Florian L. Arnold, „Die Ferne“, Mirabilis Verlag, 2016.

Ein fast schon mystisches Verhältnis zu Büchern vermittelt Itys dem Kind Evren – etwas, das sein weiteres Leben, seine Lebenssuche wesentlich prägen wird. Denn Evren, der zuerst seine Eltern, Vulkanforscher, verlieren wird, dann fast sein eigenes Leben aus Trauer um diese Verluste und schließlich auch den Assistenten der Wissenschaftler, Itys, der für das Kind wie ein zweiter Vater war, wird im Grunde sein ganzes weiteres Leben nach Geschichten forschen …

Der zweite veröffentlichte Roman von Florian L. Arnold, der bereits 2015 mit seiner Novelle „Ein ungeheuerlicher Satz“ (ebenfalls im Mirabilis Verlag erschienen) auf der Hotlist der Unabhängigen Verlage auf sich aufmerksam machte, ist schwer einem Genre zuzuordnen: Zeit und Orte wirken unbestimmt. Auf der Suche nach seinen Wurzeln begibt sich der junge Mann in ein sagenumwobenes Land namens Gadjan. Mit der fortschreitenden Erzählung wird auch in die (fiktive) Historie dieses (fiktiven) Landes eingeführt – ein Sehnsuchtsort, der bereits dem Untergang preisgegeben ist.

Und dennoch ist „Die Ferne“ kein Buch aus dem Genre „Fantasy“ oder „Saga“. Alles ist Metapher: Die Suche nach dem verlorenen Land, das ist die Suche nach Herkunft, Zugehörigkeit, Prägung, aber auch nach Zukunft, Ziel und Sinn. „Eine bildgewaltige Erzählung über die Irrwege des Erinnerns, über Freundschaft und Liebe, Einsamkeit und Verlust“, heißt es im Klappentext zum Buch und weiter: „Mit unbändiger Fabulierlust schafft der Autor unglaubliche Szenarien: ein Füllhorn von Bildern und Personen, in dem existenzielle Erfahrung und sinnliche Fantasiewelten zusammenwachsen.“

Die Kurzbeschreibung könnte etwas irreführend sein: Bei so manchem Leser könnten „unbändige Fabulierkunst“ und „Fantasiewelten“ Hoffnungen auf Einhörner, Hobbits oder ähnliches wecken – und der wäre dann enttäuscht. Denn tatsächlich fehlt es an solchen Fabelwesen – obwohl die Erzählung Mythen und Phantasien von verlassenen Einöden voller Vulkangestein heraufbeschwört, so ist sie im Kern durch und durch real und menschlich: Sie handelt von einem, der alles verloren hat und auf der Suche ist, nicht zuletzt auch auf der Suche nach sich selbst.

Florian L. Arnold erzählt dies in einer ganz eigenen Sprache, die – passend zur Passion der Vulkanforscher – einen gleichsam wie ein Lavastrom beinahe magnetisch in die Geschichte einsaugt: Es ist dieses Sprachvermögen, eine ganz eigene Sprachmelodie, die den Leser durch diesen schwer einzuordnenden, aber nicht minder faszinierenden Roman trägt.

„Am Abend finde ich Obdach unter einem breiten Felsüberhang, von dem aus ich den Blick zurück in die Senke von Bavren und hinein in den Sonnenuntergang genieße. Später senkt ein schwarzer Himmel sich auf das Khpȗhi, und die eben noch gläsern wirkenden, zerrissenen Zinnen der Berge brennen in unheimlichen roten und violetten Farben, um kurz darauf in aschfarbene Stille zu sinken: Denn selbst in die größte Finsternis nehmen meine Augen einen Teil des Lichtes dieser Welt mit.“

Der Roman selbst ist vollgesogen mit Geschichten, geschrieben in einer Sprache, die den Eindruck unterstützt, einem Gelehrten früherer Tage, einem Weltenforscher alten Schlages auf der Spur zu sein. Ergänzt wird der so gelungen altertümlich anmutende Text durch Fotografien des Ulmer Autors, der als freier Zeichner, Schriftsteller sowie im Duo mit Rasmus van Beusten auch als Kopf der Ulmer Literaturwoche und eines eigenen Verlages multitalentisch unterwegs ist.

Wie aus dem Schöpfer eines Klavierkonzertes „für einen halben Konzertflügel und Entenschnattern“ der ernsthafte Schriftsteller Florian L. Arnold wurde, kann man hier lesen: http://www.florianarnold.de/

Mehr zum Buch beim Mirabilis Verlag: http://www.mirabilis-verlag.de/