KURZ&KNAPP: Salonbücher

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Bild: (c) Michael Flötotto

Die Buchhandlung am Obstmarkt und ihr Inhaber, Kurt Idrizovic, sie gelten in Augsburg als literarische Institution: Das ist eben einer jener Buchhändler, die Literatur leben – man werfe nur einen Blick auf den umfangreichen Veranstaltungskalender. Neben der „Literatur im Biergarten“ ist der „Literarische Salon“ eine der Reihen,  die fester Bestandteil des Augsburger Kulturlebens sind. Einige Male im Jahr diskutieren hier vor Publikum literaturaffine Menschen in dem wunderbaren Ambiete der denkmalgeschützten Haag-Villa.  Ich durfte mich nun als „Debütantin“ erstmals mit ins Gefecht werfen.

Denn tatsächlich wurde der Abend ziemlich lebhaft, so temperamentvoll und mit sehr differenzierten Meinungen wurde diskutiert. Das kann hier nachgelesen werden:
„Fabelhafte Kontroversen über Literatur“.

Die drei Bücher des Abends, kurz&knapp, nochmals aus meiner Sicht:

„Die zehn Lieben des Nishino“ von Hiromi Kawakami
Die Schriftstellerin, in Japan eine Bestseller-Autorin, unternimmt hier ein Experiment, das anderen (beispielsweise Eva Menasse mit „Quasikristalle“ und Jurek Becker mit „Amanda Herzlos“) jedoch schon weitaus besser gelungen ist: Sie stellt eine Figur in den Mittelpunkt ihres Romans, eben jenen Herrn Nishino, der aus unterschiedlichsten Perspektiven vorgestellt wird. Zehn Frauen erzählen von ihrer Liebesbeziehung zu Nishino, der für mich jedoch bis zum Ende schemenlos, eigentlich ein nicht greifbares Phantom blieb. Sollte dies das Ziel der Autorin gewesen sein – Nishino als einen im Grunde nicht liebesfähigen Mann, der einfach nur Variationen der „Liebe“ spielt, darzustellen – so ist ihr dies durchaus gelungen.
So nichtssagend wie die Hauptfigur erschienen mir jedoch auch die einzelnen Geschichten – ein Buch, von dem wenig übrigbleibt, das mich zudem sprachlich nicht überzeugen konnte. Alle zehn Geschichte sind in einem einheitlichen Ton gehalten, plätschern ein wenig vor sich hin, da kommt kein Koikarpfen ins Strudeln. Strittig war beim „Literarischen Salon“ vor allem der Liebesbegriff, der in diesem Buch zum Tragen kommt: Mit dem Gefühl der Liebe hat dies wenig zu tun, es geht vielmehr um Beziehungen, die fast schon nüchtern und kaufmännisch eingegangen werden. Die analytische Kälte, die zeitweise aus den Reflektionen der Frauen klingt, sie könnte interessant sein – dazu aber reicht es in diesem Buch aber sowohl sprachlich als auch stilistisch leider nicht.

„Die zehn Lieben des Nishino“ erschien im Hanser Verlag.

„Ich kann dich hören“ von Katharina Mevissen
Von Victor Hugo stammt das Zitat „Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist“. Ein Satz, der einfach treffend ist für diesen schönen Debütroman der 1991 geborenen Autorin Katharina Mevissen. Er trifft auf mehreren Ebenen zu: Da steht ein junger Mann, Musikstudent, Cellist, im Mittelpunkt, der in gewisser Weise von Sprachlosigkeit betroffen ist. Der Konflikt mit seinem Vater, selbst Musiker, kaum greifbar für seine Kinder, die Beziehung zu seiner Tante, die Mutterersatz war und nun ihr eigenes Leben führen will, die sich anbahnende Liebesgeschichte mit einer WG-Genossin, all das sind Themen, die Osmans Leben überlagern, für die er jedoch keine Worte findet. Zugleich kommt er durch Zufall in Kontakt mit der Welt der Gehörlosen (nicht direkt, sondern über ein Aufnahmegerät).
Auch auf dieser Ebene werden die Grenzen von Kommunikation, Varianten der Sprache und Sprachlosigkeit, austariert.
Sprache als Thema, Sprache, die überzeugt: Katharina Mevissen findet vor allem für die Musik wunderbare Worte, bringt sie auf dem Papier zum Erklingen. Ihr Stil, der variationsreich ist, von spröde bis zu poetisch reicht, hat mich durch dieses Buch getragen. Ein wenig zuviel waren mir die angerissenen Themen – neben der Metaebene der Kommunikation auch die Problematik der Migration, weiblicher Selbstbestimmung, Familienpsychologie und vieles mehr. Dennoch, alles in allem ein sehr überzeugendes Debüt, nachzulesen beispielsweise auch in der Kritik im Deutschlandfunk.

„Ich kann dich hören“ erschien im Wagenbach Verlag.

„Die Nebelkrähe“ von Alexander Pechmann
Auf diesen Roman war ich richtig neugierig: Alexander Pechmann kannte ich bislang nur als Übersetzer von Klassikern wie Mark Twain, Melville und Henry James. Wie geht jemand, der mit solchen Stilvorbildern vertraut ist, selbst mit Sprache um? Einfach überzeugend!
„Die Nebelkrähe“ ist ein klug konstruiertes, stilistisch elegantes und atmosphärisch dichtes Buch, das nicht nur Oscar Wilde-Fans zu unterhalten vermag. Denn der exzentrische irische Schriftsteller, vielmehr sein Geist, der sich zwei Jahrzehnte nach Wildes Tod wieder Gehör verschafft, steht gewissermassen im Mittelpunkt des Geschehens. Pechmann stützt sich dabei auf eine wahre Geschichte: 1924 veröffentlichte eine gewisse Hester Dowden das Buch „Oscar Wilde from Purgatory“, Protokolle spiritistischer Sitzungen, in denen der Schriftsteller zur Nachwelt sprach.
Das Medium in Pechmanns Roman ist ein traumatisierter Kriegsteilnehmer, ein eigentlich aller Esoterik abgeneigter Mathematiker, der jedoch von Träumen und Stimmen verfolgt wird. Um seinen psychischen Problemen auf den Grund zu kommen, landet er schließlich bei einer spiritistischen Gesellschaft. Hier begegnet er auch Dorothy Wilde, der Nichte des Schriftstellers – eine interessante Frau, auch im „echten Leben“, da würde sich noch ein eigener Roman anbieten.
Die beiden beginnen die Herkunft eines Kinderbildes, das der Mathematiker Vane im Krieg anvertraut bekam und das auch der Auslöser seiner Träume ist, zu recherchieren. Eine Recherche, die mitten hineinführt in das „Swinging London“ der 1920er-Jahre, in die feinen Herrenclubs ebenso wie in die Bar eines Drogenbarons, selbstverständlich ins Theater, aber auch an weitaus dunklere Orte. Pechmann zeichnet nicht nur ein lebhaftes Bild der Metropole dieser Jahre, sondern vermittelt in diesem unterhaltsamen Roman auch eine Botschaft im Sinne Oscar Wildes (oder dessen Geist, je nachdem) und Shakespeares: „There are more things in heaven and earth, Horatio, than are dreamt of in your philosophy.“

„Die Nebelkrähe“ erschien im Steidl Verlag.

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Österreichische Melange mit Eva Menasse, Christoph Ransmayr und Lili Grün

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Bild: (c) Michael Flötotto

Die kluge Erzählerin: Eva Menasse

Über Jahre hinweg hat Eva Menasse skurrile Tiermeldungen aus Zeitungen und Zeitschriften gesammelt. Von Igeln, die in Eisbechern ersticken, von Schmetterlingen, die die Tränen von Krokodilen trinken und Raupen, die sich, wenn sie fressen, zum Opfer machen. Ihren acht Erzählungen im neu erschienenen Band „Tiere für Fortgeschrittene“ stellt sie je eine dieser Meldungen voran. Nicht immer wird der Zusammenhang zum Erzählten unmittelbar deutlich, doch die Grundaussage wird klar – mag die Natur auch noch so komplizierte Verhaltens- und Überlebensmuster im Tierreich vorgesehen haben, der Mensch schlägt sie alle. Mit einem glasklaren Blick schaut Eva Menasse quasi wie durch ein Mikroskop auf unsere Spezies. Die Protagonisten ihrer Erzählungen kommen alle aus dem Milieu der gut bis sehr gut situierten Mittelschicht, meist akademisch gebildet und kreativ tätig und überwiegend in Beziehungskrisen verfangen. Der geschiedene ältere Mann, der durch ein junges Paar in der Nachbarschaft über seine vergangene Beziehung zu reflektieren beginnt, der Regisseur, der zwischen vertrauter Ehe und Seitensprung pendelt, die Patchworkfamilien, in denen die Beziehungsgeflechte zwischen Vätern, Müttern und Kindern tatsächlich an einen Bienenstaat im Aufruhr erinnern.

Eva Menasse schaut wohlmeinend auf ihre Protagonisten, packt aber gerne auch den satirischen Stachel aus:
Micol, ein entzückend exaltiertes Wesen mit vielen Talenten, hatte es zu nicht mehr als einer wohlbestallten Ehe mit einem nach außen hin milden Mann gebracht. Sie war recht hübsch – wenn man den demonstrativ unfrisierten Typ mag – und blieb es tröstlich lange.“

Während der überwiegende Teil der Erzählungen ganz pointiert das Tier Mensch unter die Lupe nimmt und Eva Menasse dessen Verhalten in den verschiedenen Stadien seines Kreislaufes – von der Brutpflege, der Aufzucht, über das Flüggewerden, Balzverhalten bis hin zum Ende – unter natürlichen Bedingungen studiert, ist die längste (und für mich schwächste) Story „Schafe“ eine Versuchsanordnung. Sie handelt von der Gruppendynamik einiger Künstler, die in einer Art Kolonie zusammengepfercht sind. „Schafe“ zeigt zugleich die Stärke und die Schwäche des Buchs: Das geschilderte akademische großstädtische Mittelstands-Milieu ist ein Ausschnitt aus Gottes reicher Tierwelt, es gleicht auch ein wenig einer Nabelschau einer bestimmten Schicht, deren Probleme nicht jeden Leser interessieren dürfte. Wer darüber hinwegliest, wird jedoch wunderbar unterhalten: Eva Menasse zeichnet ein kluges, satirisch-charmantes Bild des merkwürdigen Verhaltens moderner Großstädter.

Verlagsangaben zum Buch:
http://www.kiwi-verlag.de/buch/tiere-fuer-fortgeschrittene/978-3-462-04791-2/

Der Doyen der österreichischen Literatur: Christoph Ransmayr

Treibt die Figuren Eva Menasses der Wunsch nach Zugehörigkeit an, so wird die Hauptfigur in Christoph Ransmayrs jüngstem Roman „Cox oder Der Lauf der Zeit“ von einem anderen allzu menschlichen Wunsch getrieben: Dem Wunsch nach Überwindung der Zeit, dem Wunsch nach Unsterblichkeit.

Der Uhrmacher Alister Cox, nur ganz ungefähr von Ransmayr einer tatsächlichen historischen Figur, dem Briten James Cox angelehnt, erleidet nach dem Tod seiner vergötterten Tochter eine fundamentale Sinnkrise. Selbst aus einfachen Verhältnissen stammend, hat er sich zum Automatenbauer der europäischen Königshäuser des 18. Jahrhunderts hochgearbeitet, spät erst geheiratet und ein Kind gezeugt. Dessen Tod zeigt dem kühl denkenden Ingenieur seine Grenzen auf: Nicht alles ist kontrollierbar, nicht alles kann gemessen werden. Ein Ruf an den fernen, unbekannten Hof des gottgleichen Kaisers von China kommt dem verzweifelten Mann daher gerade recht – eine Flucht ins Unbekannte. In Qiánlóng, dem Herrscher, der über Tod und Leben bestimmt, der den Lauf von Flüssen regulieren kann, Mauern errichtet, Städte gründet, andere vernichtet, trifft Cox im Grunde einen Gleichgestimmten, einem, der im selben Takt läuft, einer den der Wunsch nach Unsterblichkeit antreibt. Der Kaiser gibt Cox und seinen Mitarbeitern einen Auftrag, der nicht zu bewältigen scheint: Die Engländer sollen eine Uhr erschaffen, die die Ewigkeit misst.

„Er wollte weder Urteile noch Meinungen oder Expertisen zu einer Mechanik hören, die wie keine andere an seine Existenz rührte, schien diese Maschine doch mehr und mehr zum Zeichen und Symbol seines Daseins zu werden: Sie stand über den Zeiten der Sterblichen wie der Herr der zehntausend Jahre.“

In diesem Roman steckt so vieles, dass man ihn mehrmals lesen sollte und auch kann – nicht zuletzt auch deshalb, weil Ransmayrs hochpoetische, manchmal etwas altertümlich erscheinende Sprache für mich immer wieder ein Genuss ist. „Cox oder Der Lauf der Zeit“ erzählt von der Macht und den Grenzen der Kunst, erzählt von den Allmachtsphantasien, die Künstler und Kaiser gleichermaßen hegen, erzählt von den Grenzen, die auch wir Menschen, und seien wir noch so kreativ oder technisch begabt, nicht überwinden können. Zugleich ist greift auch dieser im historischen Setting angesiedelte Roman eines der durchgängigen Themen Ransmayrs auf: Die Reise als Weg der Läuterung, der Selbstfindung. Und das Buch beinhaltet einen kleinen Trost – wenn auch die Zeit nicht alle Wunden zu heilen vermag, sie kann sie immerhin lindern.

Verlagsangaben zum Buch:
http://www.fischerverlage.de/buch/cox/9783100829511

Eine wiederentdeckte Stimme aus Wien: Lili Grün

Spielten die ersten beiden Romane „Alles ist Jazz“ und „Zum Theater!“ in Berlin und im Theater-Milieu, so griff die Wiener Autorin Lili Grün 1936 auf ein Milieu zurück, das sie aus ihren Jugendjahren gut kannte. Ihr wohl letzter Roman „Junge Bürokraft übernimmt auch andere Arbeit…“ ist im Wien der Jahre nach dem 1. Weltkrieg angesiedelt. Die junge Susi Urban, eigentlich das etwas wilde und behütete Nesthäckchen einer Kaufmannsfamilie, muss den wirtschaftlichen und sozialen Abstieg der ihren miterleben: Der Vater fällt im Krieg, der größere Bruder gerät aus der Bahn, der Laden wird verkauft, und es beginnt für sie, die ältere, zickige Schwester und die hilflose Mutter ein täglicher Kampf um das Notwendigste. Ohne fundierte Ausbildung schlägt sich Susi mehr oder weniger tapfer durch verschiedene Stellungen, träumt im Kino von der großen Liebe, macht Erfahrungen mit schmierigen verheirateten Männern und oberflächlichen Studenten und erlangt am Ende eine klein-große Einsicht: Sie muss ihren eigenen Weg gehen.

„Wir sehen ihr noch lange, lange nach, der kleinen Susi Urban, die hier mit der roten Straßenbahn davonfährt, um in das ernste, gefahrvolle Leben zu kommen, das Leben einer alleinstehenden, arbeitenden Frau. Wenn sie tüchtig ist, wird sie das Glück finden. Nicht das ganz große Glück, vielleicht nur ein bescheidenes, kleines, auf das jeder Mensch im Leben Anspruch hat.“

Nach ihrer Wiederentdeckung mit den beiden oben genannten Romanen und dem Band „Mädchenhimmel!“ wurde Lili Grün oftmals mit Irmgard Keun und Mascha Kaléko verglichen – der nüchterne, oft kokett-freche Ton, die Thematik der „Neuen Frau“ in der Weimarer Republik, die Schilderungen einer Welt zwischen Büroalltag und Nachtleben, zwischen Emanzipation und dem Traum vom großen Glück, der Sound der neuen Sachlichkeit. Mit ihrem letzten Buch, das zu ihren Lebzeiten „nur“ als Fortsetzungsroman im „Wiener Tag“ erscheinen konnte, schlug Lili Grün nochmals einen neuen Ton an – der Roman ist „wienerischer“ in der Sprache, das Milieu ist nicht das der Künstlerszene, sondern handelt von „einfachen“ Leuten, vor allem aber wird das Bild der Büro-Angestellten, das gemeinhin für das der emanzipierten Frau stand, kritisch hinterfragt.

Anke Heimberg, die engagierte Lili Grün-Herausgeberin, betont in ihrem Nachwort: „Doch erlebt die von Kind an mehr an der Hauswirtschaft interessierte und „häuslich“ orientierte Susi Urban die Berufstätigkeit und die damit einhergehende ökonomische Unabhängigkeit und Selbstbestimmung der Frauen ihrer Zeit nicht als Befreiung, sondern als individuelle Überforderung (…).“

Aber: „Gegen Ende des Romans nimmt Lili Grün das traditionelle Ideal der Frau als Hausfrau, Ehefrau und Mutter, das sie zeitweise als Gegenentwurf zum progressiven Bild der emanzipierten „Neuen Frau“ formuliert, wieder zurück. Möglicherweise in Hinblick auf die zur Zeit der Entstehung des Romans europaweit zu beobachtenden reaktionären gesellschaftlichen Entwicklungen der 1930er-Jahre und der zu erwartenden Auswirkungen u.a. auf das weibliche Geschlechterrollen-Verständnis, macht sie deutlich, dass die Zeit der „Aufbruchsphantasien“ zwar vorbei, am bereits Erreichten aber unbedingt festzuhalten ist.“

Warum dieser Roman, der so charmant-leicht daherkommt, damit zugleich auch immens modern und aktuell ist, muss ich somit vielleicht nicht mehr eigens betonen …

Die Wiederentdeckung von Lili Grün ist dem AvivA-Verlag und Herausgeberin Anke Heimberg zu verdanken, „Junge Bürokraft übernimmt auch andere Arbeit…“ erschien 2016.

Verlagsangaben zum Buch:
https://www.aviva-verlag.de/programm/junge-b%C3%BCrokraft-%C3%BCbernimmt-auch-andere-arbeit/

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Eva Menasse: Quasikristalle

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Sallys spontane Liebe zu Berlin bestand genau darin, dass man untertauchen, in Parallelwelten leben konnte, von deren Existenz jemand wie Xane nichts ahnte. Die Stadt kam Sally vor wie eine fernsehturmhohe Schichttorte; jeder grub sich in seiner sozialen Lage horizontal voran. Die hauchfeinen, transparenten Trennscheiben dazwischen waren schwer überwindbar.“

Eva Menasse, „Quasikristalle”, 2013, Kiepenheuer & Witsch

Jeder Mensch lebt in seiner eigenen Welt – und doch ist er so viele Menschen und Welten zugleich. Geprägt durch die unterschiedlichen Rollen, die dieser Mensch in seinen verschiedenen Umfeldern einnimmt. Der Familienmensch, der private Mensch, der einzelne Mensch und der Mensch als Herdentier.

Wie sehen mich andere? Wo bin ich wie? Wer bin ich und wenn ja, wie viele?
Eva Menasse betreibt dieses Gedankenspiel in ihrem jüngsten Roman „Quasikristalle“ mit leichter Hand. Eine Person wird besichtigt. Xane, die kreative Wienerin, die schließlich in Berlin landet, wird portraitiert: Von Freundinnen und Männern, Kindern, frustrierten Angestellten und bildungsbürgerlichen Vermietern. Jeder derselben interpretiert, analysiert und seziert die Person Xane. Für jeden erscheint sie in einem anderen Licht.
Xane ist viele Frauen. Das Fragmentarische der einzelnen Kapitel gibt das Gesamtbild. Portraits wie an einer Perlenkette, jede Perle jedoch schimmert anders – das macht die Qualität des Buches aus.

Eva Menasse schreibt geistreich und leicht. Manchmal leider auch zu nah am Klischee. Manchmal auch nah am Kitsch. Deshalb sind die Quasikristalle letztendlich auch „nur“ Beinahdiamanten. An und für sich ist es eine interessante Idee, sich einer Figur aus verschiedenen Perspektiven anzunähern. Doch die einzelnen Kapitel sind von unterschiedlicher Qualität. Und der elegante Sprachstil der Autorin ist hier nicht nur von Vorteil: Obwohl aus verschiedenen Perspektiven berichtet wird, sind sich die Stimmen letztendlich doch zu ähnlich. Trotzdem: Für einen schönen Lesenachmittag gibt es auch eine schlechtere Wahl.

Weitaus begeisterter rezensierte Ijoma Mangold das Buch in der Zeit:

Erst mal sieht das Buch nämlich aus wie vergnügliches, kluges easy reading, in einer geistreichen Sprache mit viel Bosheit und Wiener Schmäh. Die Raffinesse des Romans aber liegt ganz in seiner Konstruktion. Jedes Kapitel ist aus der Perspektive einer anderen Figur erzählt, und man braucht als Leser Zeit, bis einem klar wird, dass alle diese Blickwinkel um die Protagonistin Xane Mole kreisen. Ihr Leben wird erzählt, von der Kindheit bis ins Alter, und wie mit den Kapiteln die Lebensphasen am Leser vorbeiziehen wie Wolken am Himmel, entsteht gleichsam im Rücken dieser prallen, gegenwartsgesättigten Lebensgeschichte die Melancholie der vergehenden Zeit. Wie heißt es in Hofmannsthals Terzine über die Vergänglichkeit? „Dies ist ein Ding, das keiner voll aussinnt, / Und viel zu grauenvoll, als daß man klage: / Daß alles gleitet und vorüberrinnt.“

Für ihn ist der Roman der Versuch, das Vergehen der Zeit selbst erfahrbar zu machen – am Lebensweg einer Person, Xane, gesehen aus verschiedenen Perspektiven: Von der Jugendfreundin in der Pubertät bis zu den genervten Freundinnen der Xane späterer Jahre und aus Sicht der Stieftochter. Quasikristalle, so schreibt Mangold, sei auch ein „Roman serieller Abschiede“:

„Das Leben setzt sich aus Verbindungen und Auflösungen zusammen, die ein Muster ergeben, dessen Gesetzmäßigkeiten nur schwer zu erkennen sind Ganz wie jene Quasikristalle, die der israelische Chemiker Daniel Shechtman 1982 entdeckte: Verknüpfungsmuster, die nach Zufall aussehen, weil wir ihre aperiodische Ordnung nicht erkennen.“

Letztendlich ist aber auch dies das große Manko des Romans: Die Verknüpfungen, das Wiederkehrende, die Unausweichlichkeit mancher Ereignisse – dem Leser werden sie, gleichsam aus der dritten Perspektive, deutlich und erklärbar. Man wünschte sich jedoch, ein abschließendes Kapitel fügte diese auch für die Hauptfigur zu einem Muster, einem Verhaltensmuster – man mag auch sagen und hoffen: einer Erkenntnis – zusammen. Doch dies bleibt aus – ohne „Moral“ endet die Geschicht´.

Vielleicht aber gilt einfach auch nur das Zitat von Janet Frame, das Eva Menasse ihrem Roman als Leitmotiv voranstellt:

„Nichts war einfach, bekannt, sicher, geglaubt, verbürgt“.

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Ulrich Becher: Murmeljagd

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Bild von analogicus auf Pixabay

Dieses Buch haut einen um wie eine Naturgewalt. Es macht atemlos. Und zunächst auch sprachlos. Als ich es zur Seite legte, war ich mir nicht sicher, ob ich überhaupt eine halbwegs anständige Besprechung dazu zustande bekäme. Sicher bin ich mir immer noch nicht. Aber es sollte, ja, es muss vorgestellt werden – denn jeder, der Sprache und das Spiel mit ihr liebt, der Wortkapriolen zu schätzen weiß, der sehen und lesen und lernen möchte, wie phantastisch phantasievoll man mit Sprache umgehen kann, der wird daran seine Freude haben. Und noch mehr: Einen langen, nachklingenden Genuss.

1969 erstmals erschienen, ist „Murmeljagd“ von Ulrich Becher (1910-1990) lange so etwas wie ein Geheimtipp gewesen. Dabei brächten Buch und Autor alle Voraussetzungen mit, in eine Ruhmeshalle der sprachmächtigsten, exaltiertesten und umwerfendsten Werke des vergangenen Jahrhunderts zu gelangen. Und man hätte sogar den Vorteil, Ulrich Becher als „Drei-Länder-Schriftsteller“ für sich vereinnahmen zu können: Becher, zwar 1910 in Berlin geboren, hatte über seine Mutter, eine Pianistin, Schweizer Wurzeln. Sein Schwiegervater war in Österreich ein Berühmter: Roda Roda. Österreich und die Schweiz zudem Stationen im Exil.
Und vor allem war Becher wohl ein allseits talentierter Mensch: Er studierte Jura, wurde der einzige Meisterschüler von George Grosz und begann zu schreiben. 1932 erschien sein Debüt „Männer machen Fehler“ – das kaum ein Jahr später von den Nationalsozialisten als entartete Literatur eingestuft wurde.

„Er konnte etwa für sich beanspruchen, der jüngste Autor gewesen zu sein, dessen Bücher die Nazis verbrannten. Keine geringe Ehre, das musste einer erst schaffen: knapp über zwanzig, ein erster schmaler Band und schon ein entarteter Staatsfeind. Becher war, als bildender Künstler, als der er begann, Schüler von George Grosz, fing an zu schreiben, floh aus den genannten Gründen über Österreich und die Schweiz schließlich nach Brasilien, schrieb eine ganze Reihe Romane, Erzählungen und Theaterstücke und starb, relativ vergessen, 1990 in Basel. Sein Theaterstück „Der Bockerer“, das  er gemeinsam mit Peter Preses verfasste, ist seit der Verfilmung mit dem Volksschauspieler Karl Merkatz immerhin in Österreich nationales Kulturgut, wenngleich dort kaum ein Mensch weiß, wer es eigentlich geschrieben hat“, so die österreichische Schriftstellerin Eva Menasse in ihrem lesenswerten Artikel in der „Welt“.

Der Verlag Schöffling brachte das Buch heraus (inzwischen ist es auch bei btb als Taschenbuch erschienen). Und in der Presse brach Begeisterung aus, als handele es sich darum, das Erscheinen eines fulminanten Debütromans (siehe die Pressestimmen auf der Verlagsseite) zu feiern. Gut für das Buch, schade für Ulrich Becher: Der hätte die Aufmerksamkeit zu Lebzeiten genossen und verdient, Aber ihm ging es wohl, wie vielen seiner Schicksalsgenossen: Die Naziverfolgung, das Exil – es zerstörte viele Existenzen und Karrieren. Nicht alle von denen, die überlebten, fassten später wieder Fuß.

Das Überleben in finsteren Zeiten, die Flucht vor den Häschern, Exil und Vertreibung: Das sind auch die Hauptthemen dieser 700 Seiten starken, turbulenten Parforcejagd durch die Schweiz. Eine Berg- und Talfahrt, eine Tour de Force: Knallbunt und prallvoll wie das Leben, ab und an auch zappenduster und schwarz wie der Tod.

Den abtrünnigen Adeligen Albert Trebla, der sich – noblesse oblige – dem Sozialismus verschrieb, hat es (nach dem Anschluss von Österreich „heim ins Reich“) mit seiner Frau Xane in die Schweiz verschlagen. Dort versucht man einigermaßen durchzukommen, ständig unter Kuratel durch die Schweizer Behörden, versucht, mit den Verwandten im Vielvölkerstaat Österreich Kontakt zu halten, und, wenn möglich, weiter Politik zu treiben. Plötzlich häufen sich im Umfeld Treblas jedoch undurchsichtige Unfälle mit tödlichem Ausgang. Der Exilant wird auch in der Schweizer Bergwelt zum Gejagten – in seiner Gedankenwelt jedenfalls. Zwei Murmeltierjäger geraten ihm ins Visier, sein Verdacht: Mögliche Nazischergen. Trebla wird zum „Murmelmurmeljäger“. Zugleich häufen sich die finsteren Nachrichten aus der Heimat von Freunden und Weggenossen, die in den Konzentrationslagern und am spanischen Himmel ihr Leben verlieren.
Was Trebla, der seine Frau zwar abgöttisch liebt, jedoch nicht davon abhält, sich durch die Lokalitäten zu charmieren, den einen oder anderen amourösen Fehltritt zu begehen und letztendlich doch seine geliebte Xane noch zu schwängern.

Man sieht: In diesem Buch liegt alles nahe beieinander, Liebe und Leid, Leben und Wahn. Und dies in einer Sprache, die in ihrer Lust zum Spiel an Arno Schmidt erinnert, die die elegante Grandezza eines Heimito von Doderer mit der speziell österreichischen Melancholie eines Joseph Roth vereint. Manches Mal kapriolt er vielleicht zu sehr, manches Mal macht ihm das Groteske so viel Freude, dass man als Leser um das Niveau zu bangen beginnt – aber schnell schlägt Becher dann die nächste Volte. Und man ist schon wieder im besten Sinne: Mitgenommen. Dazu kommen noch zahlreiche Anspielungen und Verweise auf Jahrhunderte europäischer Geschichte und Kultur, die man beim ersten Lesen des Buches wohl auch kaum in ihrer Fülle erfassen kann. Hilfreich ist da die grandiose Seite des Schweizers Dieter Häner – dank dieser Hilfe wird so manches aufgeschlüsselt und erläutert, nicht zuletzt auch den Fluch „Fix Laudon!“, den Trebla zu gerne in den Mund nimmt.

Noch einmal seine Verehrerin Eva Menasse zum Schluss:

„Mag sein, dass einige dramaturgische Volten zu gewagt sind, mag sein, dass in diesem Buch zu viel und zu aufsehenerregend gestorben wird, mag sogar sein, dass der Schluss des Romans gegen den Rest etwas abfällt – dies ist dennoch eines der ganz seltenen Bücher, die einen mit physischer Gewalt ergreifen, die einen ihre Geschichte hören, riechen, schmecken, erleiden lassen. Und schließlich beweist dieses Hauptwerk eines fast vergessenen Teufelskerls wieder einen Hauptsatz der Literatur: Nur wer, wie Ulrich Becher, der Katastrophe auch ihre Grotesken abzulauschen versteht, vermag seinen Leser wahrhaft zu erschüttern. Denn das tiefste Erschrecken liegt direkt neben dem brüllenden Lachen, nirgendwo sonst.“

Stoff zum Weiterlesen:

Eva Menasse über Murmeljagd in der „Welt“
„Murmeljagd“-Leseprojekt
Leseprobe bei Schöffling

 

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