LITERARISCHE ORTE: Katherine Mansfield in einer deutschen Pension

„Es war zehn Uhr vormittags, ein grauer Tag, der vom flüchtigen Aufflackern blassen Sonnenscheins seltsam aufgehellt wurde. Sooft die jähe Helligkeit in ihr Zimmer drang, sah es unaufgeräumt und verschmutzt aus. Sie zog die Markisen herunter – doch dadurch entstand eine anhaltende, weißliche Helle, die ebenso schlimm war. Das einzige, was in diesem Zimmer lebte, war ein Glas mit Hyazinthen, das ihr die Tochter der Vermieterin geschenkt hatte; es stand auf dem Tisch und verströmte aus plumpen Blütenkolben einen kränklichen Duft; sogar dicke Knospen entfalteten sich und die Blätter glänzten wie Öl.“

Katherine Mansfield, „Der Pendelschlag“ aus der Erzählsammlung „In einer deutschen Pension“.

9,80 Euro und eine Stunde Zugfahrt. Schon bin ich von Augsburg in Bad Wörishofen. Oft zieht es mich jedoch nicht dahin, aus eigenem Antrieb niemals. Zu eng gepresst, zu inhomogen erscheint mir der Ort mit seinem auf wenigen Quadratmetern zusammengebauten Hotels, Pensionen, Gästehäusern. Dazwischen, in moderner Glasoptik, ein Unterwäsche-Outlet, Spielhallen, Sportstätten. Die Therme, ein riesiges Ding, auf der grünen Wiese, auf der anderen Seite die Autobahnausfahrt mit Erlebnispark und Fast Food-Restaurants. Der Kurgast will unterhalten werden.

Die Fußgängerzone, in fünf Minuten durchlaufen, katapultiert einen zwischen „Schuh-Boutique“ und „Blusen-Paradies“ in die 1970er-Jahre. Die Auslagen der Geschäfte sind auf den Geschmack der Kurgäste ausgerichtet. Die Pudeldichte ist hier außerordentlich hoch. Bei meiner Spurensuche meine ich sogar der lebensklugen und dem Likör zugeneigten Tante aus der „Zürcher Verlobung“ (die Lilo Pulver damals riet, nur nicht den stocksteifen Paul Hubschmied zu ehelichen) zu begegnen, lila Haare, lila Königspudel. Gott, jetzt bin ich gedanklich schon in den 1950er-Jahren gelandet …

Wie aus der Zeit gefallen

Ich fühle mich wie aus der Zeit geworfen. Und stelle mir vor, wie es der erst 20-jährigen Katherine Mansfield ergangen sein muss, als ihre Mutter sie in den Kneippkurort verfrachtete. 1909 war das: Ein Jahr zuvor war Katherine dem strengen Regiment der Mutter nach Europa entkommen. Im fünften Monat schwanger, eine Kürzest-Ehe hinter sich – sie hatte ihren Gesangslehrer, der nicht Vater ihres Kindes war, geheiratet und noch in der Hochzeitsnacht verlassen – und mit einer Frau zusammenlebend: Binnen Monaten war sie zum dunkelschwarzen Schaf der Familie geworden.

In Bad Wörishofen, das durch den Pfarrer und Naturheilkundler Sebastian Kneipp populär geworden war, soll die junge Frau sich weniger dem Wassertreten widmen, sondern dort möglichst unauffällig entbinden und das Kind dann zur Adoption freigeben.

„Annie Beauchamp begleitete ihre Tochter im Mai 1909 ins bayerische Wörishofen und überlässt sie dort ihrem Schicksal. Die Familie überweist ihr zwei Pfund pro Monat, was angesichts der finanziellen Verhältnisse der Beauchamps einer Enterbung gleichkommt“, schreibt Verena Auffermann in ihrem Portrait der Schriftstellerin in dem Sammelband „Leidenschaften – 99 Autorinnen der Weltliteratur“.

Allein in der bayerischen Provinz

Katherine – die sich beim Eintrag in das Gästebuch des Hotels, in dem sie zuerst untergebracht wird – als Schriftstellerin verewigt, soll ihre Mutter nie wieder sehen. Und das Kind wird nie das Licht der Welt erblicken: Die Fama geht, sie habe in der Pension Müller, in der sie untergebracht war, beim Heben ihres Koffers eine Fehlgeburt erlitten.

„Ob die Geschichte mit dem Koffer stimmt oder ob diese Fehlgeburt in Wahrheit nicht ein Abbruch war, weiß niemand“, so Dörte Hansen in ihrem Nachwort zu „Fliegen, Tanzen, Wirbeln, Beben“. „Alles, was sie zwischen ihrer Rückkehr nach London 1909 und dem Jahr 1914 erlebt, bleibt obskur, weil Katherine Mansfield, die penible Redakteurin ihres Lebens, sämtliche Notizen aus dieser Zeit vernichtet.“

Es sind ihre „Jammertagebücher“: Und was sie insbesondere in jenem halben Jahr in der bayerischen Provinz zu jammern hatte, das erschließt sich heute allenfalls aus ihrem Werk. Möchte man eine Ahnung davon haben, wie es der jungen Frau in dieser fremden, engen Welt tatsächlich erging, muss man in ihren ersten veröffentlichten Erzählungen auf Spurensuche gehen. Verena Auffermann:

„Katherine Mansfield (…) sieht sich in der fremden Umgebung um und entdeckt eine verrückte, kränkelnde Gesellschaft, eitel, hochgestochen, wehleidig. Und sie erkennt, dass sich ihr eigener Schmerz und ihre Trauer um das ungeborene Kind am besten mit der Beobachtung anderer betäuben lassen. Sie schreibt auf, was ringsum an den Tischen, auf den Parkbänken und beim Luftbad auf fetten bayerischen Wiesen zu sehen und zu hören ist.“

In einer deutschen Pension

Ihre Beobachtungen aus der Bad Wörishofer Zeit münden in einen Band mit 13 Erzählungen. „In a german pension“ erscheint 1911 und begründet den literarischen Ruhm Manfields. Die Stories sind eine Mischung aus satirischen Bildern und Milieustudien. Die deutschen Kurgäste werden überwiegend als selbstzufriedene Patrioten mit seltsamen Manieren („Stimmt es“, fragte die Witwe und stocherte, während sie sprach, mit einer Haarnadel in den Zähnen, „daß Sie Vegetarierin sind?“) und einem Hang zu üppigen Fleischgerichten mit Sauerkraut überzeichnet. Das Bild vom polternden „Mahlzeit!“-Deutschen mag im England der Vorkriegszeit mit zum Erfolg des Buches beigetragen haben. Die Stärken von Katherine Mansfield liegen jedoch in den subtileren Beobachtungen.

„Die Geschichten sind düster und allzu satirisch, journalistisch unterkühlt – sie selbst empfand sie später als unreif – aber die Familienbeziehungen, die sie dort in all ihrer Verlogenheit bloßstellt, sind doch scharf beobachtet“, so schreibt es Anthony McCarten in seinem Vorwort zu einer 2012 erschienen Gesamtausgabe aller 74 Erzählungen von Katherine Mansfield.

Sie, die „Meisterin der Nebenbemerkung“, wie Verena Auffermann ihren Essay übertitelt, stellt in diesen frühen Geschichten vor allem Frauen und Mädchen in den Mittelpunkt. Mein Favorit in der deutschen Pension ist „Frau Brechenmacher nimmt an einer Hochzeit teil“. Schon wie die vielfache Mutter sich in der Enge der eigenen Behausung, umlagert und gestört von den Kindern, in ihr Festtagsgewand zwängt, wie der Mann, ein Postbote, den ganzen Raum und die Aufmerksamkeit für sich in Anspruch nimmt – Frau Brechenmacher muss sich im dunklen Flur anziehen -, wie bei der Hochzeit die anwesenden Frauen die Braut durchhecheln, wie Frau Brechenmacher mehr und mehr von der Vorfreude auf das Fest in ein resigniertes Erkennen ihres eigenen Lebens gleitet, aber vor allem wie sie dann im Ehebett auf den betrunkenen Gatten wartet, schicksalsergeben – das alles ist so ergreifend, so scheinbar ohne Anstrengung, so nüchtern erzählt, dass schon hier die große Autorin, zu der Katherine Mansfield in ihrer kurzen Lebensspanne wird, erkennbar ist.

„s` ist immer gleich“, sagte sie. „Überall in der weiten Welt ist`s gleich – du lieber Gott – wie blöd!“
Dann verblaßte auch die Erinnerung an die Hochzeit. Sie sank aufs Bett, und wie ein Kind, das darauf gefaßt ist, daß man ihm weh tut, legte sie den Arm übers Gesicht – und Herr Brechenmacher kam hereingetaumelt.“

Das Leben der Frauen

Wer in den Geschichten aus der deutschen Pension nur die satirische Aufarbeitung einiger Monate in der bayerischen Provinz oder der eigenen traumatischen Erfahrungen mit der Schwangerschaft – in etlichen der Erzählungen spielen Geburtsvorgänge eine Rolle – sieht, der greift jedoch zu kurz. Bereits in diesen Stories ist ein Lebensthema der Katherine Mansfield angelegt: Das Leben der Frauen in den Zwängen und Verpflichtungen, die Ehe, Familie und Umwelt ihnen auferlegen, die Suche der Frau nach neuen Rollenmodellen. Skizziert ist dies im vermutlich autobiografischsten Text des Erzählbandes, in „Der Pendelschlag“. Eine angehende Schriftstellerin, die sich kurz ausmalt, wie es wäre, die Mätresse eines wohlhabenden Mannes zu sein – anstelle an einem ebenso armen Schriftstellers zu hängen, verbunden durch die gemeinsame Krankheitserfahrung:

„Wäre sie glücklich gewesen, als sie ihm das erstemal begegnete, hätte sie ihn überhaupt nicht angeschaut – aber sie waren ja wie zwei Patienten im gleichen Krankenhaussaal gewesen – jeder hatte Trost in der Krankheit des andern gesucht – eine reizende Grundlage für ein Liebesverhältnis!“

Mit dem Casimir aus der Erzählung mag der polnische Schriftsteller Floryan Sobienowski gemeint gewesen sein: Durch ihn lernte sie das Werk Anton Tschechows kennen, das sie ihr Leben lang verehrte, aber er steckte sie auch mit Gonorrhoe an, eine Krankheit, die sie, zusätzlich zu der 1917 diagnostizierten Tuberkulose, ein Leben lang beutelte.

Ein einschneidendes Erlebnis

So wurde der Aufenthalt in Bad Wörishofen (das in den Erzählungen übrigens niemals namentlich genannt wird, allenfalls ist von einem fiktiven „Mindelbau“, wohl in Namensanlehnung an den Nebenfluss der Donau die Rede) trotz seiner Kürze zu einem einschneidenden Erlebnis für Katherine Mansfield. Mit dem Kurort ist die ganze Tragik ihres Lebens verbunden – „Verstoß“ und Enterbung durch die Familie, Verlust des ungeborenen Kindes, eine einschränkende und belastende Erkrankung.

Auch die Erfahrung der Armut und Entbehrung, des Lebens in schäbigen Pensionszimmern, die Unbehaustheit und die Verletzlichkeit, die mit dem Gefühl einhergeht, eine „Fremde“ zu sein, all das wird sie bis zu ihrem Tod begleiten.

Während die Wörishofener Zeit tiefe Spuren in Katherine Mansfield hinterließ, ist es andersherum nicht ganz so bestellt: Zwar begegnet man allen Ecken und Enden dem Konterfei von Sebastian Kneipp, doch der Aufenthalt der Schriftstellerin wurde ist weniger sichtbar. Die „Pension Müller“ musste irgendwann weichen, entstanden ist dort eine moderne Wohnanlage – der „Wohnpark Mansfield“. Und zum 130. Geburtstag der Schriftstellerin wurde im weitläufigen Kurpark eine Gedenkstatue enthüllt: Mitten im Grün eine lesende Katherine Mansfield, ganz „Die fortschrittliche Dame“ (eine weitere Erzählung aus der deutschen Pension):

Am Rand des Feldes erhob sich ein mächtiger Nadelwald – einladend und kühl sah er aus. Ein weiterer Wegweiser bat uns, den markierten Weg nach Schlingen zu nehmen und Papier und Obstschalen in den zu diesem Zweck an den Bänken befestigten Drahtbehältern zu deponieren. Wir setzten uns auf die erste Bank, und Karl durchwühlte mit großem Interesse den Drahtbehälter.

„Ich liebe Wälder“, sagte die fortschrittliche Dame und lächelte gequält in die Luft. „In einem Wald scheint sich mein Haar zu regen und sich gleichsam an seinen wilden Ursprung zu erinnern.“

PS: Noch ein Wort zur Ehrenrettung des Kurortes. Nur fünf Minuten Fußweg und man entkommt dem engbebauten Städtchen, am Kneipp-Brunnen vorbei und befindet sich mitten in dem über 160.000 Quadratmeter großen Kurpark. Einmal beschaulich in die Gradier-Anlage, unter großem Quietschen im eisigen Wasser kneippen und dann über Katzenköpfe hinweg auf den Barfußpfad – ich glaube, das hätte auch einer Katherine Mansfield, die immer auch etwas Verspieltes, Kindliches in sich hatte, Freude gemacht…


Weiterführende Informationen:

Katherine Mansfield, „Sämtliche Erzählungen“, herausgegeben und aus dem Englischen von Elisabeth Schnack, Diogenes Verlag

Ein Portrait der Schriftstellerin im Deutschlandfunk

Verena Auffermann, Gunhild Kübler, Ursula März, Elke Schmitter: „Leidenschaften – 99 Autorinnen der Weltliteratur“, btb Taschenbuch

Hier geht es zum Kurpark Bad Wörishofen

Bild zum Download: Skulptur im Kurpark Bad Wörishofen


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Lawrence Block (Hg.): Nighthawks. Stories nach Gemälden von Edward Hopper

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Bild von StockSnap auf Pixabay

„Wer sind Sie?“
Bosch erstarrte.
„Wie meinen Sie das?“, fragte er.
„Mit wem identifizieren Sie sich?“, fragte sie. “Mit dem einsamen Mann, dem Paar, das nicht allzu glücklich wirkt, dort zu sein, oder dem Mann hinter dem Tresen? Wer sind Sie?“
Bosch wandte den Blick von ihr ab, betrachtete wieder das Bild.
„Ich weiß nicht recht“, antwortete er. „Und Sie?“
„Definitiv der Einzelgänger“, sagte sie. „Die Frau wirkt gelangweilt. Sie inspiziert ihre Fingernägel. Ich langweile mich nie. Ich nehme den Einsamen.“
Bosch starrte auf das Gemälde.
„Ja, ich auch, schätze ich“, sagte er.
„Was glauben Sie, was für eine Geschichte steckt dahinter?“, fragte sie.
„Wie, bei denen? Wie kommen Sie darauf, dass es eine Geschichte gibt?“
„Es gibt immer eine Geschichte. Malen heißt Geschichten erzählen. Wissen Sie, warum es Nighthawks heißt?
„Nein, eigentlich nicht.“

Michael Connelly, „Nachtfalken“, in: „Nighthawks. Stories nach Gemälden von Edward Hopper“, herausgegeben von Lawrence Block, Pegasus Books 2016, in deutscher Übersetzung 2017 beim Droemer Verlag.

Es ist eines der berühmtesten Gemälde der modernen Kunst, dieses Bild von den einsamen Nachtfalken in einer amerikanischen Bar. 1942 entstanden, inspiriert es bis heute andere Kunstschaffende, seien es Maler, Musiker oder auch Autoren. Von Gottfried Helwein bis Banksy, von Tom Waits bis zu den Nighthawks, von Peter Handke über Richard Ford bis hin zu Joyce Carol Oates – die auch in dieser Anthologie vertreten ist, allerdings mit einer Erzählung zu einem anderen Hopper-Gemälde, „Eleven A. M.“ (1926) – sie alle griffen auf dieses Motiv, das wie kein anderes die Einsamkeit in der Moderne symbolisiert, zurück.

Edward Hopper (1882 – 1967) gilt als der Chronist der Ödnis der amerikanischen Vorstädte und der Provinz, seine Gemälde erzählen von Einsamkeit, isolierten Menschen, sie sprechen von der Monotonie des Lebens und enttäuschten Erwartungen. Wer Hopper als den Vertreter des amerikanischen Realismus in der Malerei begreift, der begreift auch, dass es nicht viel ist, was das Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu bieten hat.

Seine Bildgestaltung, die klaren Konturen, die präzisen Formen, sie scheint einzelne Momente festzuhalten, Momentaufnahmen, beinahe wie in der Fotografie. Und doch laden vor allem die melancholischen Unterströmungen – bedrückt wirkende Menschen, eine Körperhaltung, die Zweifel und Einsamkeit vermittelt, verlassene Orte – geradezu ein, das Bild über den festgehaltenen Moment hinaus zu erforschen, die dahinterliegende Geschichte zu ergründen.

Anlässlich einer Hopper-Ausstellung schrieb der Schriftsteller John Updike:

„Der Mensch war Hoppers Hauptmotiv, wenngleich er Personen nicht besonders gut malen konnte. Sie erscheinen oft steif und fahl; die überzeugendsten sind jene mit sanft angedeuteten Gesichtern, wie die grübelnde Frau in Hotel Room (1931) und New York Movie (1939). Dennoch empfinden wir seine Porträts der conditio humana bewegender und eindrücklicher als diejenigen von weit lebendiger malenden Zeichnern wie Reginald Marsh und Thomas Hart Benton. Hopper war vergleichsweise zurückhaltend; statt seine Subjekte für eine Aussage zu benutzen – über unsere naturwüchsigen Energien, wie bei Marsh, oder als prismatische Verdichtung unserer sozialen Welt, wie bei Benton –, scheint Hopper darauf zu warten, dass seine Figuren von sich aus das Geheimnis ihrer Bedeutung lüften. Wie bei Vermeer sickert ein Geheimnis in das Bild ein und durchtränkt noch die unscheinbarsten Handlungsebenen.“
Quelle: https://www.zeit.de/2004/23/Hopper 

Dieses Geheimnis, das alles durchtränkt – es brachte wohl auch den amerikanischen Kriminalschriftsteller Lawrence Block dazu, etliche seiner Kolleginnen und Kollegen anzugehen und um Geschichten zu einzelnen Hopper-Bildern zu bitten.

Im Vorwort dieses Sammelbandes, der 2016 in den USA erschien und deutscher Übersetzung sowie in schöner Gestaltung Ende 2017 beim Droemer Verlag (jeder Story ist auf einer Seite das entsprechende Hopper-Gemälde vorangestellt), stellt Block jedoch eines klar:

„Hopper war jedes Mal bestürzt, wenn seine Arbeiten als Illustrationen abqualifiziert wurden. Wie bei allen anderen abstrakten Expressionisten auch, galt sein Interesse Form, Farbe und Licht, nicht der Bedeutung oder dem Erzählerischen.
Hopper war weder Illustrator noch narrativer Künstler. Seine Bilder erzählen keine Geschichten. Stattdessen vermitteln sie – kraftvoll und unwiderstehlich – den Eindruck, dass sich darin Geschichten verbergen, die nur darauf warten, erzählt zu werden.“

17 Autoren erzählen also in „Nighthawks“ Geschichten zu Gemälden Hoppers, darunter unter anderem zu den titelgebenden Nachtfalken, zu Summer Evening (1947), Hotel Room (1931), New York Movie (1939) und weiteren Bildern, die durch ihre Bildsprache bis heute prägender Bestandteil der amerikanischen Kultur sind. Bei einem Herausgeber wie Block, selbst mehrfach preisgekrönter Kriminalautor, liegt es nahe, dass unter den beteiligten Schriftstellern etliche aus diesem Genre kommen. So unter anderem Megan Abbott, Jeffery Deaver und Lee Child. Außerdem ließen sich auch, wie bereits erwähnt, Joyce Carol Oates und zudem Stephen King, um die zwei bekanntesten Namen dieser Anthologie zu nennen, von Hoppers Darstellungen inspirieren.

Nicht alle der Erzählungen sind literarisch auf einer Höhe. So wirkte „Abenddämmerung“ von Robert Olen Butler zum 1914 entstandenen Bild „Soir bleu“ auf mich etwas konstruiert, dagegen fällt „Zimmer am Meer“ von Nicholas Christopher zu “Rooms by the Sea“ (1951) thematisch und sprachlich aus dem Rahmen, doch alle Stories eint, dass das Geheimnis hinter dem Bild meist ein düsteres und nicht selten ein blutiges ist. Die Geschichten (und damit auch die Bilder) erzählen von Männern, die aus Liebe töten, von Frauen, die Sadisten in die Hände fallen, die Frauen, die sich und andere rächen, von enttäuschten Hoffnungen und gebrochenen Herzen.

Meist ist das jeweilige Bild „nur“ die Grundlage, auf der sich eine Geschichte dazu entwickelt, das Gemälde als Anstoß der schriftstellerischen Phantasie. Dass die Gemälde selbst thematisiert werden – so wie in Michael Connellys Beitrag – oder gar Edward Hopper selbst mittelbar auftritt, bildet die Ausnahme. Für diese sorgt die Kunsthistorikerin Gail Levin, die als die Fachfrau zu Hoppers Werk gilt, Bücher über ihn herausgab und Hopper-Ausstellungen kuratierte. Inwieweit ihre fiktive Erzählung vom Prediger, der sammelt, einen Kern der Wahrheit enthält, entzieht sich meiner Kenntnis. Dadurch offenbart sich jedoch ein kleiner Mangel dieses schön gemachten Buches: Ein Überblick mit den wichtigsten Daten zu Hopper wäre eine feine Ergänzung gewesen.

Abgesehen davon ist „Nighthawks“ ein unterhaltsam zu lesendes Experiment: Das Buch zeigt aufs Beste, wie sich Künste gegenseitig inspirieren können – und welche Gedanken ein Bild in Gang zu setzen vermag. Ein Projekt, das im Grunde Auftakt zu einer Reihe sein könnte: Es gibt noch einige Künstler und Bilder mehr, zu denen man herrliche Geschichten erzählen kann.

Informationen zum Buch: https://www.droemer-knaur.de/buch/9376030/nighthawks

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Die reisefreudigen Briten

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Ich könnte sagen, daß mich keine menschliche Begegnung wirklich überrascht, wäre da nicht diese eine Sorte von Mensch, auf die ich fortgesetzt stoße und die in mir jedesmal ein belustigtes Staunen auslöst. Ich meine die alte Engländerin, die meistens mit entsprechenden Mitteln allein lebt und überall in der ganzen Welt zu finden ist, selbst an Orten, wo man sie am wenigsten vermutet. Man wundert sich schon kaum mehr, wenn man hört, daß in der Villa auf dem Hügel am Rande einer kleinen italienischen Stadt eine Engländerin wohnt, die einzige, die es weit und breit gibt, und wenn einem eine einsame Hazienda in Andalusien gezeigt wird, muß man beinahe darauf gefasst sein, daß dort seit vielen Jahren eine alte Engländerin lebt. Mehr ist man schon überrascht zu erfahren, daß die einzige weiße Person in einer gottverlassenen Stadt mitten im ländlichen China kein Missionar, sondern eine Engländerin ist und da für sich lebt, keiner weiß, weshalb.“

W. Somerset Maugham, aus der Erzählung „Die alte Engländerin“.

Es sind jedoch nicht nur die alten Engländerinnen, die an jeder Ecke des Globus auf einen lauern – auch deren männliches Pendant ist weit verbreitet. Eine Reise ohne Anekdoten von Zusammentreffen mit Engländern kann eigentlich nicht wahrhaft als Reise bezeichnet werden. Gleichwohl an welche Ecke der Welt es einen verschlägt, man kann sich sicher sein: Ein Angehöriger des Vereinigten Königreiches war bereits da, ist immer noch da oder wird gleich kommen. Als ob ihnen die eigene Insel immer wieder zu eng wird, zählen sie mit Sicherheit zu den reiselustigsten Völkern.
Unter Elizabeth I. & Co. eroberten sie die Welt noch mit ihrer Flotte, unter der heutigen Lizzie mit ihren Badelaken. Und nicht von ungefähr machte der Franzose Jule Vernes in seinem Klassiker „In 80 Tagen um die Welt“ einen britischen Gentleman, Phileas Fogg, zur Hauptfigur.
Mag man den „Playa del Ingles“ jedoch innerlich verfluchen und vermeiden, die Reisefreudigkeit der Briten hat auch ihre guten Seiten: Nicht nur die englische Küche, auch die englische Literatur wurde dadurch unendlich bereichert. Im literarischen Trio stelle ich heute drei Beispiele solcher reisender und schreibender Briten vor – drei Männer, drei Generationen, und doch durch eine literarische Tradition und freundschaftliche Bande miteinander verknüpft. Und zwischendrin schmuggle ich noch eine Information in eigener Sache rein, über die ich mich freue wie über jedes Treffen mit einem Reise-Briten…

William Somerset Maugham:

„Was kann einer von England wissen, der nur England kennt?“, diese Frage lässt William Somerset Maugham in einer seiner Erzählungen fallen. Maugham (1874-1965) selbst war ein Kosmopolit, wie er im Buche steht: Geboren als Sohn eines englischen Anwalts in Paris, studierte er später in Heidelberg, dann in London. Als Mitglied des MI5 kam er im Ersten Weltkrieg durch ganz Europa und die USA, aber auch als Zivilist unternahm er immer wieder ausgedehnte Reisen, unter anderem in die Südsee. Maugham, der als Kind zunächst nur französisch sprach und nach dem frühen Tod seiner Eltern erst im Alter von zehn Jahren zu Verwandten nach England kam, starb letztendlich in seiner wahren Heimat – an der französischen Riviera.

Unter den zahlreichen Erzählungen, die er neben seinen Romanen (zu denen mit „Der Menschen Hörigkeit“ einer meiner Favoriten zählt) schrieb, dominieren jene, die in die weite Welt entführen. Allerdings: Ein Zuckerschlecken, so scheint es, ist der Aufenthalt in tropischer Hitze oder der Südsee-Sonne für die meisten seiner Protagonisten nicht. Da sieden die Leidenschaft, da kocht das Blut. Mord, Mesalliancen und Malaria strecken reihenweise Ladies&Gentlemen nieder, es wird geliebt, gelitten, gestritten, gemeuchelt, gemordet und dazu vor allem viel gesoffen, um der Langeweile des Kolonialalltags zu entkommen. Neben den Kolonialgeschichten dominieren das erzählerische Werk des W. S. Maugham die Erzählungen rund um den Schriftstellerspion Ashenden: Einige der schreibenden Kollegen und Nachfolger Maughams haben sich da abgeguckt, wie man wirklich schön schreibt. Denn William Somerset Maugham war nicht nur ein lakonischer, aber immer auch freundlich gestimmter Beobachter menschlicher Umtriebe, sondern daneben auch einer, der ebenso elegant wie bissig-humorvoll schreiben konnte.

William Somerset Maugham, „Gesammelte Erzählungen“, Zwei Bände in Kassette, Diogenes Verlag, ISBN 978-3-257-06490-2

Zwei Kostproben:

Aus der Erzählung „Das runde Dutzend“:
„So ist das mit dem Ruhm“, meinte er bitter. „Wochenlang war ich der Mann in England, über den am meisten gesprochen wurde. Schauen Sie mich doch an. Sie müssen meine Fotografien in den Blättern gesehen haben. Mortimer Ellis.“
„Tut mir furchtbar leid“, sagte ich und schüttelte den Kopf.
Er machte eine kleine Pause, um seiner Eröffnung Wirkung zu verleihen.
„Ich bin der berühmte Bigamist.“

Aus der Erzählung „Der schöpferische Impuls“:
„Denn es muß festgestellt werden, daß es bei Mrs. Albert Forrester ungewöhnlich gutes Essen, ausgezeichnete Weine und vorzügliche Zigarren gab. Jedem, der literarische Gastfreundschaft genossen hat, muss dies bemerkenswert erscheinen, denn literarische Menschen denken in der Regel hoch und leben einfach; ihre Seele ist mit geistigen Dingen beschäftigt, und sie bemerken nicht, daß der Braten hart ist und die Kartoffeln kalt. Das Bier mag noch angehen, aber der Wein ist eher ernüchtern, und sich an den Kaffee heranzuwagen ist nicht ratsam.“

Patrick Leigh Fermor:

Wie William Sommerset Maugham war auch Patrick Leigh Fermor (1915-2011) ein Reisender, ein Schreibender und ein Spion – er arbeitete für den SOE (Special Operation Executive). In Griechenland gilt er bis heute noch als Held – Fermor organisierte aus dem Untergrund heraus den Widerstand gegen die Nazis und war 1944 wesentlich beteiligt an der Entführung des dortigen Befehlshabers Heinrich Kreile nach England.

Fermor, Sohn eines Geologen, reiste schon früh durch die Welt – auch ihm war die Wanderlust in die Wiege gelegt worden. Die Wanderlust pflegte er im buchstäblichen Sinne: Sein Hauptwerk sind jene drei Bücher, in denen er seine Fußwanderung nach Konstantinopel festhält. Die Reisebücher, allesamt erst lange nach der Wanderung geschrieben und erschienen, sind nicht nur für Wandervögel ein Genuss. Bereichert durch das immense politische und kulturelle Wissen des Schriftstellers sind sie wahrhaftige Literaturreisen, auf die man gerne mitgenommen wird.

Unter diesen Perlen ragt der einzige Roman, den der Autor, Spion im Dienste Ihrer Majestät, der 2004 geadelt wurde, wie ein kleines schillerndes literarisches Juwel hervor. „Die Violinen von Saint-Jacques“ (das englische Original erschien 1953) erzählt vom Untergang einer Antilleninsel Ende des 19. Jahrhunderts. Vom Vulkanausbruch, der eine französische Kolonialgemeinschaft mit sich reißt, berichtet Jahrzehnte später die einzig Überlebende. Ihren jungen Zuhörer entführt sie ebenso wie die Leser dieses Romans zu einem sprachlich opulenten Ausflug in eine buchstäblich versunkene Welt. Patrick Leigh Fermor schwelgt in Dekor und Details im Stil eines Oscar Wilde. Französische Eleganz, karibische Exotik, Liebe, Leidenschaft und Lavahitze: Eine kleine Geschichte (190 Seiten), ganz nah am Kitsch im positiven Sinne, die einen mit ihrer Anmut vollständig aus dem Alltag entreißen kann.

Patrick Leigh Fermor, „Die Violinen von Saint-Jacques“, Neuauflage 2013, Dörlemann Verlag, ISBN 9783908777977.

Bruce Chatwin:

Chatwin blieb wenig Zeit zu schreiben: Der 1940 in Sheffield geborene Schriftsteller starb bereits 1989 in Nizza. Mit 18 Jahren begann Chatwin als Botenjunge bei „Sotheby`s“ – und war wenige Jahre später dort verantwortlich für die Abteilung für impressionistische Kunst. Dort wie später bei seiner Stelle bei der Sunday Times hielt es ihn jedoch nicht lange. Ihn zog es auf Reisen und zum Schreiben: Sein Vorbild war Patrick Leigh Fermor, zu dem ihn eine enge Freundschaft verband. Chatwins Asche wurde neben einer kleinen Kirche auf der griechischen Halbinsel Peloponnes, wo Patrick Leigh Fermor lebte, beigesetzt.

Titel seines ersten Buches war „In Patagonien“, wo er sich nach der Kündigung bei der Sunday Times aufhielt, eine Besprechung seines bekanntesten Buches, „Traumpfade“, findet sich auf dem Blog unter diesem Link:
https://saetzeundschaetze.com/2016/02/13/bruce-chatwin-traumpfade/

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Martina Altschäfer: Brandmeldungen

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Die Bahnhofshalle, die wir kurz darauf betraten, war prachtvoll ausgestattet und vermittelte auf einen Blick einen Eindruck von der vergangenen Größe und dem ehemaligen Reichtum des Landes. Der eindrucksvolle Raum wurde von einem mächtigen stählernen Himmel überspannt, die Wände zierten meisterhaft ausgeführte Malereien, die von der glorreichen Stadtgeschichte erzählten. Durch schlanke hohe Fenster floss Licht über gleichermaßen geschmackvoll wie bequem aussehende Wartebänke und zauberte grafische Muster auf stumpfe Marmorfliesen. Die Schalter, die sich an beiden Seiten der Halle befanden, waren verwaist, ihre Fensteraugen mit braunem Packpapier verklebt. Ein Hauch von Melancholie umwogte unsere Knöchel und es roch irgendwie abgestanden, nach verbrauchter Zeit.“

Aus der Erzählung „Nach Süden“ aus „Brandmeldungen“, Martina Altschäfer, 2017, Mirabilis Verlag.

Ein Paar strandet auf einem Bahnhof im Süden, kein Zug fährt mehr, das Geld ist weg. So weit, so klassisch. Doch aus dieser zunächst konventionell erscheinenden Erzählsituation bindet Martina Altschäfer ein kleines, surreales Traumgewinde, das uns zunächst in ein unterirdisches Labyrinth führt, in dem der Bahnhofswärter Gegenstände von gestrandeten Reisenden hortet. Ein wenig Unbehagen kommt auf, doch der Tausch zweier gußeisener Pfannen gegen einen Schattenspringer, ein winziges Pferdchen, hilft zurück ins Freie. Und zwei gestohlene Goldbarren verhelfen dem Paar schließlich aus der Stadt …

Diese kurze Umschreibung einer Erzählung aus dem Band „Brandmeldungen“ vermittelt vielleicht einen Eindruck vom Stil, den Martina Altschäfers Stories prägen: Die Hauptfigur, meist eine Ich-Erzählerin, gerät aus einer alltäglichen Situation – ein Verehrer überbringt ein Geburtstagsgeschenk, ein schwarzer Kater stattet dem Garten einen Besuch ab, ein Ritt auf dem Pferd durch die Berge – in eine absurde Verstrickung: Das Geschenk, ein Welpe, beginnt zu fliegen, der Kater beginnt zu sprechen, das Pferd beginnt zu hyperventilieren. Manchmal wird man als Leser auch mitten hineingeschleudert in das skurrile Geschehen – wenn beispielsweise ein Ford Mustang aus der titelgebenden Erzählung den schmalen Wohnungsflur versperrt.

Aus dem Alltäglichen das Wunderbare, Merkwürdige, Abseitige herauszuschälen: Das ist die Kunst, die Martina Altschäfer in diesem kurzem Erzählband pflegt. Hierin liegt auch ihre Stärke – „Der Pekinese“, die Erzählung von einem Kriegsheimkehrer aus den Augen eines Kindes, fällt hier beinahe ein wenig aufgrund der konventionellen Entwicklung ab. Aber ansonsten überwiegen in diesem feinen, schmalen Band die Geschichten, die einen mit ihrer skurrilen Konzeption einfangen. Martina Altschäfer schreibt dabei nicht grell und laut, sondern beinahe zart und still, in den Worten passend zu ihren hintergründigen Illustrationen auf Transparentpapier, die die Erzählungen bereichern.

Die Autorin hat Bildende Kunst und Germanistik an der Johannes Gutenberg Universität in Main und Freie Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf studiert. Sie wurde für ihre künstlerische Arbeit bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Einen Einblick in ihre Bilderwelt erhält man hier: http://www.altschaefer.de/

Der Erzählband „Brandmeldungen“ erschien im kleinen, feinen Mirabilis Verlag.

Verlagsinformationen zum Buch:
http://mirabilis-verlag.de/produkt/martina-altschaefer-brandmeldungen-erzaehlungen/

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Wolfgang Borchert: Hinter den Fenstern ist Weihnachten.

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Bild von Couleur auf Pixabay

Im Bunker hält man das nicht aus. Und als dein Gesicht von dem Auto hellgemacht wurde, sah ich, daß du blaue Schatten um die Augen hast. Vielleicht ist das eine, bei der man`s leichter hat, dachte ich. Deswegen laufe ich hinter dir her.

Wir beide sind ganz allein in der Stadt. Hinter den Fenstern, da ist Weihnachten. Manchmal sieht man hinter den Gardinen die Kerzen vom Tannenbaum. Im Bunker könnte man das jetzt nicht aushalten, wenn sie singen. Du hast blaue Schatten unter den Augen. Vielleicht bist du eine von denen, die abends unterwegs sind. Die Schatten hast du von der Liebe. Aber jetzt sind sie ganz anders, jetzt singen sie Weihnachtslieder und schämen sich, weil sie weinen müssen. Ich bin weggegangen.

Ob du ein Zimmer hast? Und einen Tannenbaum? Mein Gott, wenn du ein Zimmer hättest? Merkst du, daß ich hinter dir hergehe? Wir sind ganz allein in der Stadt. Und die Laternen stehen Posten. Die Posten haben Zigaretten, weil heute Weihnachten ist, und die glimmen im Finstern: Hörst du, hinter den Fenstern machen sie Weihnachten. Sie sitzen auf weichen Stühlen und essen Bratkartoffeln. Vielleicht haben sie sogar Grünkohl. Aber dann sind sie reich. Aber sie haben ja auch Gardinen, dann haben sie auch Grünkohl. Wer Gardinen hat, ist reich. Nur wir beiden sind draußen. Da hast blaue Schatten an den Augen, das hab ich gesehen, als das Auto vorbeifuhr. Ich möchte, daß du die Schatten von der Liebe hast. Ich weiß sonst nicht, wohin. Im Bunker singen sie. Das hält man nicht aus.

Immer wenn eine Laterne kommt, seh ich deine Beine. Da kann man schon allerhand dran sehen, wie die Beine sind. Die anderen reden auch immer von den Beinen bei ihren Weibern. Sie sagen immer Weiber. Wenn sie abends nach Hause kommen, reden alle von ihren Weibern. Weiber, sagen sie immer. Immer bloß so Weiber. Die ganze Bude ist dann voll davon, wenn sie von den Beinen reden, von ihrer Brust und der rosa Unterwäsche.

Merkst du nicht, daß ich immer hinter dir hergehe? Immer, wenn eine Laterne kommt, hälst du den Kopf weg. Ich bin dir wohl zu klein, wie? Ja, mit einmal ist man wieder zu klein. Für den Krieg war man auch nicht zu klein. Nur für so was, was schön ist. Du brauchst gar nicht so zu rennen, ich lauf dir doch nach. Wenn ich denke, was du noch alles hast außer den Beinen, dann kann man sich schon allerhand ausdenken. Die andern haben das jeden Abend. Unter den Laternen sind deine Knie ganz weiß. Immer wenn ich dich bei einer Laterne überhole, hälst du dein Gesicht weg.

Im Vorbeigehen kann ich dich riechen. Aber du merkst gar nicht, daß ich was von dir will. So schnell wirst du mich nicht los. Ich weiß sowieso nicht, wohin. Bei solchem Nebelwetter ist es im Bunker immer naßkalt. Kann doch sein, daß du ein Zimmer hast. Bloß nicht bei deinen Eltern. Bei Freunden. Dann kannst du mich doch mitnehmen. Dann sitzen wir nebeneinander auf deinem Bett. Und der Nebel und die Kälte stehen vor der Tür. Und dann sind deine hellen Knie ganz dicht neben mir. Und du hast einen Tannenbaum. Und dann teilen wir uns ein Stück Brot. Du hast doch bestimmt Brot. Die andern erzählen immer, daß sie von ihren Weibern was zu essen kriegen. Ihr eßt ja nicht soviel wie wir. Wir haben meistens Hunger. Ich auch, du. Aber du hast vielleicht was. Wenn du bei deinen Eltern wohnst, das ist natürlich Mist. Dann müssen wir unten im Treppenhaus bleiben. Das geht auch. Die andern bleiben auch oft mit ihren Weibern im Treppenhaus. Aber Weihnachten? Mein Gott! Im Treppenhaus.

Du riechst gut. Ich gehe ganz dicht hinter dir und kann dich riechen. Mein Gott, du riechst so nach allerhand. Da kann man sich allerhand bei vorstellen. Wenn das bei uns im Bunker man mal so riechen würde. Aber da riecht es immer nach Tabak und Leder und nassen Klamotten. Du riechst ganz anders, so was hab ich noch nie gerochen. Bei der nächsten Laterne rede ich dich an. Die Straße ist gerade ganz leer. Aber wenn ich dich anrede, ist vielleicht alles vorbei. Du antwortest vielleicht gar nicht. Oder du lachst mich aus, weil ich dir zu jung bin. Älter als zwanzig bist du aber auch noch nicht.

Da kommt die Laterne. Deine Knie sind ganz hell im Dunkeln. Die Laterne kommt. Jetzt muß ich gleich was sagen. Oder doch nicht? Vielleicht ist dann alles aus. Die andern können das alle. Die haben alle ihre Weiber. Da ist die Laterne. Wenn ich jetzt rede, ist vielleicht alles aus. Die Laterne. Nein, ich warte noch ein paar Laternen. Noch nicht. Der Nebel ist gut. Du siehst wenigstens nicht, daß ich noch nicht so alt bin. Aber ich kenn welche, die haben schon eine, und sind auch nicht älter. Ja, jetzt ist man mit einmal wieder zu klein. Fürs Soldatsein war man nicht zu klein. Und jetzt läuft man rum. Im Nebel nachts. Und jeden Abend reden die andern von ihren Weibern. Davon kann man nachher nicht einschlafen. Die Luft im Bunker ist dann ganz voll davon. Von ihren Weibern. Und von dem nassen Nebel nachts. Draußen. Aber du, du riechst gut. Deine Knie sind ganz hell im Dunkeln. Sie müssen ganz warm sein, deine Knie. Wenn die nächste Laterne kommt, rede ich dich an. Vielleicht wird es was. Mensch, du riechst so. Das hab ich noch nie gerochen. Kuck mal, hinter den Gardinen haben sie Weihnachten. Vielleicht auch Grünkohl. Nur wir beide sind draußen. Wir sind ganz allein in der Stadt.-

Wolfgang Borchert

Diese Weihnachtsgeschichte von Wolfgang Borchert (1921 – 1947) wurde erst 1961 in der Erzählsammlung „Die traurigen Geranien und andere Geschichten aus dem Nachlaß“ veröffentlicht. Sie mag ein wenig ungehobelt, unausgereift wirken – aber dennoch zeugt sie vom großen Talent des jungen Schriftstellers, der viel zu früh starb. Er prägte das Schreiben der jungen Generation, die nach dem Zweiten Weltkrieg erst wieder zu sich finden musste – und die wußten, wie es ist, nach Krieg, Flucht und Vertreibung „draußen vor der Tür“ zu sein.

Mir scheint diese Geschichte für dieses Weihnachten passend: Soviele Menschen bleiben draußen, haben ihre Heimat verloren und fühlen sich als Fremde in diesem Land. Und in den nächsten Tagen wird ihnen dieses vielleicht noch verstärkt bewußt. Und im Grunde ist ja die ganze Weihnachtsgeschichte die Geschichte von der Unbehaustheit eines Paares, vom Ankommen und neuer Hoffnung.

Richard Yates: Eine letzte Liebschaft

Yates

Bild: (c) Michael Flötotto

„Betty“, sagte Miller. „Tust du mir einen Gefallen?“ Er beobachtete, wie sich ihr Stirnrunzeln im Licht der vorbeigleitenden Straßenlaterne in einen gekränkten Blick verwandelte. „Halt den Mund. Halt bitte einfach den Mund.“

Richard Yates, „Eine letzte Liebschaft. Short Storys“, Deutsche Verlags-Anstalt, 2016.

Eins und doppelt möchte man sein. Die romantische Idee des Ineinander-Verschmelzens, die regelmäßig an den Klippen des Alltags zerschellt. Einer, der gerade dieses mit wenigen, knappen Sätzen beschrieb, war Richard Yates. Schon in seinem bekanntesten Roman „Revolutionary Road“ gibt es sie, diese Szenen einer Ehe – da liegt so viel Unausgesprochenes zwischen dem Paar, soviel ungelebte Möglichkeiten, soviel unerfüllte Wünsche.

Den bitteren Geschmack der Enttäuschung – ihn transportierte der amerikanische Schriftsteller (1926 – 1992) auch in seinen letzten Erzählungen, neun short storys, die zu Lebzeiten nie veröffentlicht wurden und nun erstmals in deutscher Übersetzung erschienen sind.

In eine „Eine letzte Liebschaft“ – übrigens ist ausgerechnet die titelgebende Erzählung, in der Yates ausnahmsweise aus der Perspektive einer Frau schreibt, das schwächste Stück dieses Erzählbandes – sind Geschichten versammelt, die um Missverständnisse kreisen, um Vorverurteilungen, um falsche Träume. Der Buchhalter, der an dem Tag, an dem er von seiner Frau verlassen wird, auch feststellen muss, dass andere ihm mit Ablehnung begegnen, wird radikal von allen Selbsttäuschungen befreit. Eine Ehefrau, die auf einer Party gerne Heldengeschichten ihres Mannes aus dem Weltkrieg hören würde – doch dieser schweigt aus guten Gründen. Ein Tuberkulosekranker, der sich in die falsche Frau verliebt und abserviert wird – ihr Brief ersetzt das, was heute wohl in einer SMS beinhaltet wäre.

Richard Yates erzählte in seinen Stories wie in den Romanen von zerbrochenen Träumen und einsamen Seelen. Er benötigte keine ausführlichen psychologischen Schilderungen – die Erzählungen sind kurz, knapp, mit wenigen Worten, einzelnen Szenen wird das Dilemma des Vereinzelten angerissen und beleuchtet. Oder, wie Manuela Reichart in einem Beitrag beim Deutschlandradio Kultur betont: Yates, einer der sie malte, „solche literarischen Augenblicke, die wie in einem Brennglas Menschen und ihre Versehrt­heiten deutlich machen.“

Yates, ein Meister der Zwischentöne, dessen Texte sich immer wieder um die Fragilität des Lebens drehen, der sich den Außenseitern, den Verlassenen, den Einsamen zuwendet. Und doch: So hoffnungslos deren Lage auch zu sein scheint, so öde, trist und langweilig ihr Alltag ist, alle klammern sich mit einem letzten Rest verzweifelter Hoffnung an die dünnen, abgewetzten Fäden, mit denen sie noch lose mit ihrem gesellschaftlichen Umfeld verbunden sind. Das angestrengte Aufrechterhalten bröckelnder Fassaden, das Bewahren eines letzten Restes von Würde, die niemals endende Hoffnung auf ein Stück vom Glück – das ist es, was Yates` Figuren am Leben hält. Ganz typisch sind dafür die dahinsiechenden Kriegsveteranen, die von einem vergangenen Leben und ihren „Heldentaten“ erzählen: Diebeszügen, Besäufnissen, Liebschaften, Ehebruch. Oder Betty Meyers, die Navy-Ehefrau, die sich aus Langeweile und Frustration einem Aufreißer hingibt.

Die anrührendste der neun Erzählungen stellt jedoch ein Kind in den Mittelpunkt: Die kleine Eileen. Sie findet 50 Cents, malt sich aus, was sie sich mit diesem persönlichen Besitz an Wünschen erfüllen könnte – und wird prompt von den Erwachsenen des Diebstahls bezichtigt. Hier zeigt Yates eine seiner hervorragenden Eigenschaften als Autor: Die Wärme, das Mitgefühl, das er für seine Figuren, die Schwachen und Verletzten, aufbrachte.So schreiben kann einer nur, der selbst oft genug schwach und verletzt war – und weiß, wie Einsamkeit klingt:

„Pollock war jetzt ganz von dem Gefühl beherrscht, erschreckend allein zu sein, aller Sicherheit beraubt; ihn überkam die Angst, die ein Kind ergreift, das in einer Menschenmenge verloren geht.“

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.randomhouse.de/Buch/Eine-letzte-Liebschaft/Richard-Yates/DVA-Belletristik/e431496.rhd

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Michael Lichtwarck-Aschoff: Als die Giraffe noch Liebhaber hatte

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Bild von Michael Treu auf Pixabay

„Aber sie gab nichts darauf. Maëlis war eine Geschichtenfinderin. Wenn ich heute die verheimlichten, unerzählten Geschichten des Dorfes in den Apothekerschränken sammle, dann stelle ich mir vor, Maëlis schaut mir dabei zu und nickt mit dem Kopf. Während ich meine Geschichten nur entgegennehme und neben Ölsardinendose und Zibartenglas ins Regal stelle, tauchte Maëlis ihre Geschichten in eine Art chemisches Bad. Sie reinigte sie darin bis zur Durchsichtigkeit, ließ die Details auskristallisieren. Durch eine komplizierte chemische Reaktion konnten die Geschichten Farben annehmen wie die Fenster von Sainte Madeleine, wenn die Sonne durchscheint.“

Michael Lichtwarck-Aschoff, „Als die Giraffe noch Liebhaber hatte. Vier Entdeckungen“, Klöpfer & Meyer, 2017.

Eines ist gewiss: Auch Michael Lichtwarck-Aschoff ist so ein Geschichtenerzähler, einer, der das Material in seinem Schreiblabor dreht, wendet, untersucht, pflegt und poliert, bis die Sätze Farbe annehmen, bis die Geschichten leuchten. Sie nehmen einen gefangen, diese vier Erzählungen um große Wissenschaftler, um ihre Entdeckungen, ihre Irrwege. Vier Erzählungen, vier Entdeckungen – auch in literarischer Hinsicht. Es sind die Sprache, eine Art poetischer Sachlichkeit, und die geschickten Konstruktionen, mit denen Michael Lichtwarck-Aschoff selbst eine Leserin wie mich, deren Hirn beim Stichwort „Naturwissenschaft“ unweigerlich etwas bockt, einnimmt.

Erzählt werden entscheidende Momente, Wende- und Endpunkte, die mit den Forschungen der gar nicht so fröhlichen Wissenschaftler Étienne Geoffroy Saint-Hilaire, Antoine de Lavoisier, Louis Pasteur und Claude Bernard zusammenhängen. Deutlich wird dabei: Der Dienst im Namen der Menschheit, der Forschungseifer, um tödliche Krankheiten zu bannen und das menschliche Dasein zu verbessern, er ist oft genug auf Zufall gebaut, auf persönlicher Besessenheit, Ehrsucht und Ehrgeiz. Forschungs- und Geltungsdrang gehen – wie bei Lavoisier – Hand in Hand, eine Entdeckung ist – wie bei Pasteur – manchmal auch einfach Glück in einem riskanten Spiel. Die Leidenschaft der Erkenntnis, gedämmt durch die Erfordernisse des Lebens.

„Vier Jahre würde ihm sein Augenlicht bleiben. Der junge Charcot wäre am Ende allerdings nicht mehr da, um ihn in den jardin und seiner Liebe Zarafa zuzuführen. Auf Charcot warteten schon die Hysterikerinnen von Paris.“

Ungewöhnlich sind die Erzählperspektiven, mit denen Einblick in die jeweiligen Laboratorien gewährt wird. Es ist der junge Charcot, der, lange bevor er als Neurologe Berühmtheit erlangt, den erblindenden Zoologen Saint-Hilaire täglich in den Jardin du Roi zu dessen großer Liebe, der Giraffe Zarafa, begleitet. Es ist ein Labordiener auf der Suche nach einem Fasan für Marie Lavoisier, der die Leser in die Regeln chemischer Versuche einführt. Es ist der Sohn einer Blinden, der mit Claude Bernards Theorie vom „inneren Milieu“ konfrontiert wird. Wissenschaft von unten, sozusagen – und Erzählkonstruktionen, die zudem unaufdringlich deutlich machen, wie sehr jede Forschung und deren Ergebnisse jeweils auch mit dem „äußeren Milieu“ zusammenhängt und verknüpft ist. Das Menschen- und Weltbild immer auch geprägt von den politischen Verhältnissen, Französischer Revolution, Julirevolution, Pariser Akademikerstreit, um nur einige Stichworte zu nennen.

„Ein großer Revolutionär ist man heute schnell. (…) Ich bin nur die Beiköchin, ich habe nicht  gewusst, dass man auch ein Revolutionär der Chemie sein kann. Und was man dafür mit der Chemie anstellen muss. Was der große Herr Lavoisier außer Revolutionmachen sonst so macht, das weiß ich allerdings sehr gut: Ein Steuereintreiber ist er und von allen der gnadenloseste. Von uns nimmt er und stellt der königlichen Brut draußen in Versailles ein Schloß hin. Euer Herr Lavoisier, dem vor lauter Revolution der Hals schwillt, hat Paris mit einer dicken Mauer eingeschlossen. Keiner von uns kann heraus oder herein, ohne für jeden Schritt zu zahlen. Eine Mauer, damit wir an unseren eigenen Ausdünstungen ersticken. Wenn er die Chemie so geläufig beherrscht wie das Steuereintreiben, dann muss die Chemie sich wirklich fürchten.“

Stoff- und Ortswechsel: „In diesem Jahr 1940, als der Sommer kein Ende nahm“ ist die längste Erzählung dieses Bandes und jene, die mich an meisten eingenommen hat. Aus mehrstimmiger Perspektive wird wie unter einem Brennglas gebündelt und verdeutlicht, was in jenem kleinen elsässischen Ort Steige im Sommer 1940 geschah – in jenem Ort, in dem Joseph Meister, der erste Mensch der von Pasteur vollständig gegen Tollwut geimpft worden war, geboren wurde. Meister ist für die Menschen dort ein Held der Wissenschaft – aber auch einer, der sich als Symbol eines aufgeklärten Menschenbildes, einer fortschrittlichen Medizin den Hass eines Nazianhängers zuzieht, der vom gesunden Volkskörper predigt, der keine Impfungen benötigt, weil so die Schwächsten von der Natur ausselektiert werden.

Wie sich die geistige Tollwut in das Örtchen einschleicht, wie sehr dieses Jahr die Menschen prägt, das erzählt der Autor feinsinnig, behutsam, in einer zurückhaltenden, ruhigen Sprache, dezent. Und lässt durch seine Erzählweise dem Leser auch eine eigene Deutungsweise offen.

Es sind keine fröhlichen Geschichten von freigeistigen Wissenschaftlern, vielmehr sind sie von feinsinniger Melancholie umhaucht. Und doch: So über die Fortschritte vor allem in der Medizin zu lesen, bereitete mir große Freude.

Michael Lichtwarck-Aschoff ist ein Autor, der in seiner eigenen Vita die beiden Disziplinen der Medizin und der Literatur vereinigt: Der 71jährige arbeitete Jahrzehnte als Intensivmediziner, war für Forschungstätigkeiten in München, Basel und Uppasala, zudem außerplanmäßiger Professor für Anästhesiologie und Intensivmedizin. Sein Erzähldebüt „Hoffnung ist das Ding mit Federn“ erschien 2016 und wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet. „Als die Giraffe noch Liebhaber hatte“ ist sein zweites veröffentlichtes Buch, ein feines, intelligentes und intellektuelles Lesevergnügen.

Verlagsinformationen zum Buch:
http://www.kloepfer-meyer.de/Autoren/182/Lichtwarck-Aschoff_Michael.html

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John Fante: Little Italy

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Bild von StockSnap auf Pixabay

„Sie waren beide etwa gleich alt, aber während man in Mamas Gesicht statt der fünfunddreißig gut fünfundvierzig Jahre ablesen konnte, erschien Coletta wie fünfundzwanzig. Mamas Gesicht war von vier Kindern gezeichnet, ja sogar von Hugo; man konnte darin Jahrhunderte voller Aufregung entdecken, Generationen voller Plackerei und eine Ewigkeit mit Arbeit und Sorgen.“

Aus: „Eine Braut für Dino Rossi“ von John Fante in „Little Italy“, 2016, MaroVerlag Augsburg

Als im vergangenen Jahr „1933 war ein schlimmes Jahr“ in der Übersetzung von Alex Capus erschien und es sogar in das „Literarische Quartett“ schaffte, schien es, als sei hier ein vergessener Autor geradezu aus dem Nichts wieder aufgetaucht. Tatsächlich aber gab es schon zuvor einige der Bücher des amerikanischen Schriftstellers John Fante, den Charles Bukowski als „seinen Gott“ bezeichnete, auch in deutschen Übersetzungen zu entdecken, unter anderem im Goldmann Verlag und bei dem Indie-Verlag aus Augsburg, der seit Jahrzehnten das Andenken amerikanischer Autoren wie  Bukowski, Ginsberg und eben auch Fante pflegt. So erschien 2016 im MaroVerlag der Band „Little Italy“  mit 20 Erzählungen, die auf Anregung Bukowskis bei der „Black Sparrow Press“ 1985 unter dem Titel „The Wine of Youth“ herausgegeben wurden, im Herbst folgt der Roman „Westlich von Rom“.

Der Erzählband „Little Italy“ ist ein durchaus geeigneter Einstieg in den fantesken Themenkreis, in dessen Büchern abwechselnd zwei Familien im Mittelpunkt stehen, die Bandinis und die Molises, italienische Einwandererfamilien, die sich mehr schlecht als recht in den Vereinigten Staaten durchschlagen. Armut, Arbeitslosigkeit, Ausgrenzung wegen der Herkunft, harte Väter, abgearbeitete Mütter und dazwischen junge Männer, gefangen in den Widersprüchen der katholischen Kirche, die in den Familien eine große Rolle spielt, und den eigenen Leidenschaften (die da sind Baseball, Mädchen und kleine Gaunereien).

„Er wollte diesen Handschuh haben, aber er wusste auch, dass er ihn sich nicht kaufen konnte, darum hätte er die ganze Sache besser vergessen sollen. Tat er aber nicht. Er stand vor dem Schaufenster, und man will es nicht glauben, da ist der Teufel vorbeigekommen. Ich weiß, wie sich der Junge gefühlt hat, ich habe selbst oft genug die Stimme des Teufels in mir gehört und es sieht so aus, als lungert der immer da vor den Schaufenstern herum und wartet auf Opfer (…).“

Es ist diese Mischung aus lakonischer Flappsigkeit, gekoppelt mit einem subtilen Humor, der für Fantes Erzählweise einnimmt – eine Mischung, die auch über die dunkleren Seiten im Kosmos der Familie Bandini, von der in „Little Italy“ erzählt wird, hinwegträgt. Denn man kommt von ganz unten, muss sprichwörtlich jeden Cent zweimal umdrehen, hangelt sich durch. In „Ein Maurer im Schnee“ heißt es:

„Der Winter in Colorado war erbarmungslos. Jeden Tag rieselte der Schnee vom Himmel, und abends tauchte die untergehende Sonne die Rockies in ein deprimierendes Rot. (…) Mein Vater war Maurer. Wegen des Schnees konnte er allerdings nicht arbeiten. Sein Mörtel gefror, bevor er abbinden konnte, und seine Finger waren in der Kälte kaum zu gebrauchen. Dabei war er ein Mann der Tat und brauchte immer Beschäftigung. Je länger der Schnee liegen blieb, desto ungenießbarer wurde Vater zu Hause.“

Erzählt wird aus der Perspektive des jungen Arturo – ganz offensichtlich ein Alter Ego John Fantes – der zwischen Familienzugehörigkeit und Ausbruchswillen schwankt. Auch als er nach Los Angeles geht, um Schriftsteller zu werden, lassen ihn die familiären Bande nicht los, bleibt er ein Produkt seiner Herkunft. Sei es bei einer Begegnung mit einem Priester während eines Erdbebens in Los Angeles (die Story trägt bezeichnenderweise den Titel „Zorn Gottes“), sei es bei Gebeten an die Mutter Gottes um Geld für die Miete, Aufträge für Drehbücher und Vergeltung an einem Jugendfeind, sei es in den verfahrensten Situationen down in Hollywood: Glaube und Familie sind Himmel und Hölle zugleich, Gefängnis und Sicherheitsnetz:

„Dann ging ich in die andere Richtung und verschmolz langsam mit der hysterischen Menge, ließ mich mittreiben und wusste, dass ich allein war und dass mein Sündenregister bald wieder ausgeglichen sein würde, dank meiner Kirche, die vor allem ein feiner Kerl war.“

Manch einem mögen diese Stories, die so detailreich aus einem bestimmten Milieu erzählen, zu redundant erscheinen, zu wenig abwechslungsreich in der Thematik. Für echte Fantianer dagegen und solche, die in diesen Kreis eintreten wollen, bieten sie eine Essenz des Werks Fantes, authentisch, lebendig, menschlich auch an den düstersten Stellen.

Den von Kurt Pohl und Rainer Wehlen übersetzten Erzählungen hat der Verlag ein Vorwort von Charles Bukowski aus dem Jahr 1979 vorangestellt. „The dirty old man“ bewunderte den Schriftsteller, pilgerte täglich an seiner Tür vorbei:

„Fante war mein Gott, und ich wusste, dass man die Götter in Ruhe zu lassen hatte, man klopfte nicht an ihre Tür. (…) Bedingt durch andere Umstände lernte ich dieses Jahr den Autor endlich kennen. Es gibt noch viel, viel mehr über John Fante zu erzählen. Eine Geschichte, die von schrecklichem Glück und einem schrecklichen Schicksal und von einem seltenen, natürlichen Mut handelt. Eines Tages wird sie erzählt werden, aber ich hab das Gefühl, es wäre ihm nicht recht, wenn ich sie hier wiedergeben würde. Ich will nur soviel sagen, dass die Art seiner Worte und seine eigene Art sich gleichen: stark und gut und warmherzig.“

So ist es, so sind diese Stories aus Little Italy in Colorado: Stark und gut und warmherzig.

Verlagsinformationen zum Buch:
John Fante, Little Italy

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Michael Klein: Mark Twain in Bayern

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Mark Twain mochte München. Auch im Winter. Bild von Michael Siebert auf Pixabay

„Eine deutsche Tageszeitung ist die traurigste sämtlicher menschlicher Erfindungen.“ 

Michael Klein (Hg.), „Mark Twain in Bayern“, Allitera Verlag, München, 2016. 

Mark Twain muss Bayern sehr zu schätzen gewusst haben. Ein Indiz dafür: Obwohl er insgesamt rund ein halbes Jahr seines Lebens unter weißblauem Himmel verbracht hatte, klammerte er den Freistaat (damals Königreich) aus seinem satirischen Reisebericht „Ein Bummel durch Europa“ – den er in München schrieb – weitgehend aus.

Dreimal in seinem 74jährigen Leben hielt sich der amerikanische Schriftsteller in Bayern auf: Mit seiner Familie verbrachte er 1878/79 einen Winter in München, eine zweite Reise führte ihn 1891 nach Nürnberg und Bayreuth und 1893 begleitet er seine Frau Olivia zur Kur nach Bad Tölz. Akribisch hat der Autor und Übersetzer Michael Klein die schriftlichen Spuren dieser Reisen zusammengetragen: Briefe und Reiseberichte, in denen Mark Twain von seinen Erlebnissen erzählt, aber auch die literarischen Erzeugnisse, in die das, was der Schriftsteller in Bayern erlebte, einfloss. Michael Klein, der bereits 2015 das Buch „Mark Twain in München“ (Morio Verlag)  veröffentlicht hat, ist Herausgeber das Bandes „Mark Twain in Bayern“, in dem erstmals alle „bayerischen Texte“ des Schriftstellers erschienen sind, manche davon in deutscher Erstveröffentlichung.

Mit staunenden Augen blickt Mark Twain auf „Bavarian Gemütlichkeit“, genießt die Weihnachtszeit und Lebkuchenseligkeit in München, versucht seine Deutsch-Kenntnisse aufzupolieren und insbesondere beim ersten Besuch eine veritable Schreibkrise zu überwinden. Was nach anfänglichen Startschwierigkeiten gelingt: Mark Twain kommt in München zur Ruhe, der „Bummel durch Europa“ nimmt zwischen Museums- Ausstellungsbesuchen (München galt auch damals schon als Kunststadt von sehr gutem Ruf) und dem Studium der Bräuche und Sitten langsam Gestalt an.

In seinen Briefen und privaten Texten schildert Twain seine täglichen Erlebnisse – er räsoniert über die Sinnhaftigkeit des Meldewesens für Ausländer, begeistert sich für die Tradition des Schäfflertanzes und mokiert sich aber ebenso auch über das örtliche Zeitungsangebot – für den Journalisten, der Zeit seines Lebens ein eifriger Zeitungsleser blieb, waren die deutschen Newspapers schlichtweg eine große Enttäuschung:

„Wenn man einen Münchner Bürger fragt, welches die beste Münchner Tageszeitung sei, wird er einem unweigerlich antworten, dass es nur eine einzige gute Münchner Tageszeitung gäbe und dass sie in Augsburg erscheine, das in einer Entfernung von etwa siebzig bis achtzig Kilometern liegt. Das ist ungefähr so, als würde man sagen, die beste New Yorker Zeitung erscheine irgendwo draußen in New Jersey. (…) Die gesamte, auseinandergelegte Zeitung ist nicht annähernd so groß wie eine einzige Seite des New York Herold. Natürlich ist sie beidseitig bedruckt, aber die Typen sind derart groß, dass der gesamte Inhalt in der Schriftgröße des Herold auf eine einzige Seite desselben gehen würde (…).“ 

Aber hätte er nicht nur versucht, Deutsch zu lernen, sondern auch das Bayerische, so hätte sein Urteil über alles andere sicher gelautet: „Passt scho!“.  Michael Klein stellt in informativen Einleitungen die Texte Twains aus Bayern in die richtigen biographischen und zeitgeschichtlichen Zusammenhänge. So wird auch verständlich, warum in dieses Buch die beiden Erzählungen Twains „Das Geständnis eines Sterbenden“ und „Der gestohlene weiße Elefant“ Eingang gefunden haben. In München besuchte Mark Twain 1879 ein Leichenschauhaus, damals durchaus eine selten zu findende Einrichtung. Hintergrund war die verbreitete Angst, scheintot begraben zu werden. Für den phantasievollen Geist Mark Twains die Inspiration zu einer Kriminalgeschichte, die in den Vereinigten Staaten spielt, ihren Ausgang aber in Bayern hat. Und der „weiße Elefant“, eine seiner berühmtesten Erzählungen, ist einfach ein Beispiel dafür, dass Twain in München seine Schreibblockade überwand und zu alter Form zurückfand – entstand die Erzählung doch in jenem ersten Münchner Winter.

Im Grunde hätte „die Weltstadt mit Herz“ auch einen großen Anteil im Reisebuch „Ein Bummel durch Europa“ haben sollen, wie Michael Klein schreibt,

„vergleichbar den Passagen über die Neckarfloßfahrt, Heidelberg oder die Tour durch die Schweiz, die lange Textstrecken in seinem im März 1880 erschienen Buch ausmachen. Mit Entwürfen über München hatte er begonnen, doch blieben seine Schilderungen sehr berichtsartig und während der Arbeit an seinem Buchmanuskript veränderten sich dessen Motive und Tonfall. Mark Twain verstärkte die fiktiven, flunkernden und humoristischen Elemente und am Ende stellte er fest, dass seine München-Texte sich in diesen Stil nicht mehr harmonisch würden einfügen lassen.“ 

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Natürlich darf die Konfrontation mit Wagner-Musik nicht fehlen. Bild von Mikhail Vachtchenk0 auf Pixabay

Dass Mark Twain dann einige Jahre später ausführlich über Franken schreibt, hängt damit zusammen, dass er für die „New York Sun“ von den Bayreuther Festspielen berichten sollte. Der Wagner-Kult: Eine Steilvorlage für den Satiriker, der aber als Privatmann, so Michael Klein, ein durchaus ambivalentes Verhältnis zur Oper und Richard Wagner im Speziellen hatte, das „von entsetztem Spott bis zu echter, leidenschaftlicher Begeisterung“ reichte. Gleichwohl ist „Am Schrein zu St. Wagner“ (in voller Länge auch hier zu finden) einer der unterhaltsamsten Texte zu diesem eigenartigen Phänomen:

„Gestern wurde „Tristan und Isolde“ gespielt. Ich habe alle Arten von Zuschauern gesehen – in Theatern, Opern, Konzerten, bei Vorlesungen, Predigten und Trauerfeiern – aber keine war der der Wagnerzuschauer in Bayreuth gleich in Bezug auf konzentrierte, ehrfurchtsvolle Aufmerksamkeit, absolute, versteinerte Aufmerksamkeit bis zum Ende eines Akts, mit der am Anfang des Akts eingenommenen Haltung vollkommen intakt. Man kann keine Bewegung der soliden Masse von Köpfen und Schultern entdecken. Man scheint mit den Toten im Dunkel eines Mausoleums zu sitzen. Man weiß, dass sie zutiefst erschüttert sind; dass es Zeiten gibt, wenn sie aufstehen wollen und ihre Tücher schwenken wollen und ihre Zustimmung hinausschreien wollen, und Zeiten, wenn ihnen Tränen herunterlaufen, und es wäre eine Erlösung, wenn sich ihre angestauten Gefühle in Seufzern oder Schreien entladen könnten; man hört jedoch keinen einzigen Laut bis sich der Vorhang schließt und die letzten Töne verklungen sind; dann erwachen die Toten auf einmal auf und erschüttern das Haus mit ihrem Beifall. Jeder Sitz ist im ersten Akt voll; es gibt keinen leeren im letzten Akt. Falls jemand auffallen will, soll er hierher kommen und sich inmitten eines Akts entfernen. Es würde ihn berühmt machen.“ 

Dass Michael Klein sich die Mühe gemacht hat, die Texte Mark Twains zu und aus Bayern zusammenzutragen und zusammenhängend zu präsentieren, dürfte nicht nur echten Twain-Experten gefallen – der Sammelband ist ein unterhaltsames Kompendium für alle Leser, die Twain UND Bayern mögen und Lust haben, mit liebevollem Spott auf dieses eigenartige Land zu blicken.

Informationen zum Buch:
„Mark Twain in Bayern“ erschien in der „edition monacensia“ im Allitera Verlag. Seit 2002 bringt Elisabeth Tworek, Leiterin der Monacensia, Literaturarchiv und Bibliothek der Landeshauptstadt München, ausgewählte Werke renommierter Münchner Autorinnen und Autoren des 19., 20. und 21. Jahrhunderts in der »edition monacensia« heraus.

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Jack London: Das Haus von Mapuhi und Mord auf Bestellung

„Der Mann, der das andere Kind festhielt, berührte Raouls Schulter und zeigte auf etwas. Da sah er, wie hundert Fuß entfernt die Mormonenkirche taumelnd davonglitt. Sie war aus ihren Fundamenten gerissen, und Sturm und Wellen hoben und schoben sie Richtung Lagune. Eine erschreckende Wasserwand brach über sie herein, kippte sie um und schleuderte sie gegen ein Dutzend Kokospalmen. Die Trauben von Menschen fielen wie reife Kokosnüsse. Als die Welle abfloss, wurden sie am Boden sichtbar; einige lagen regungslos, andere wanden und krümmten sich. Sie erinnerten ihn seltsam an Ameisen. Er war nicht schockiert. Er war bereits jenseits des Grauens.“

Aus „Das Haus von Mapuhi“, Jack London, C. H. Beck textura, 2016.

Mit seinen Romanen und Erzählungen über die raue Welt Alaskas war Jack London (1876 – 1916) wohlhabend geworden. Doch der Kalifornier war nicht der Typ, der sich mit einem dicken Bankkonto zur Ruhe setzen würde. London, der immer zu großen Ideen neigte, wollte sich mit dem erschriebenen Geld einen Traum erfüllen – in sieben Jahren die sieben Weltmeere durchqueren. Weit kam er nicht: Der Bau seiner Yacht Snark Plänen trieb ihn bereits vor dem Ablegen tief in die Schulden. Und als 1907 endlich die Segel Richtung Honolulu gehisst werden konnten, wurde schnell deutlich, dass die Snark alles andere als besonders seetauglich war. Es grenzte an ein Wunder, dass die Reisenden mit dem leckenden Boot Honolulu erreichten und die Reise sogar über Hawaii, Tahiti, die Fidschi-Inseln bis zu den Neuen Hebriden und die Salomon-Inseln weiterging. Im Südpazifik war dann jedoch, nach erst zwei Jahren, Schluss: Jack London, gesundheitlich sowieso angegriffen, musste wegen schwerer Malaria-Anfälle zur Behandlung nach Sydney.

Doch trotz der von Pech und Pannen geprägten Ozeanumsegelung erschloss sich der Schriftsteller eine neue Welt – auch in literarischer Hinsicht. Wie Andreas Nohl, der Schriftsteller und renommierte Übersetzer englischsprachiger Klassiker betont, schrieb London

„… auch während der Reise täglich sein Pensum. So schuf er (…) zahlreiche Südseegeschichten, die er eilends an große Zeitschriften verkaufte, um sich und seine Crew finanziell über Wasser zu halten (und seine Gläubiger ruhigzustellen.“

Fünf der besten „Südseegeschichten“ Jack Londons sind in dem Band „Das Haus von Mapuhi“ enthalten. Das Buch erschien 2016 zum 100. Todestag des Schriftstellers in der Reihe „textura“, übersetzt von Andreas Nohl. Nohl, der auch der „Schatzinsel“ von Robert Louis Stevenson eine frische Prise eingehaucht hat, findet für London ebenfalls den passenden Ton: Er vermag es, die Modernität dieses kraftvollen Schriftstellers zu transportieren.

Die Erzählungen zeigen alles andere als ein unberührtes Südseeparadies: Die Einwohner der Inseln sind zum einen den Gewalten der Natur ausgeliefert, wie die titelgebende Geschichte „Das Haus des Mapuhi“ eindrucksvoll aufzeigt. Ebenso schwelen aber auch die Konflikte zwischen Ureinwohnern und den Europäern, die in „Koolau, der Aussätzige“ zu einem Aufstand Leprakranker führen oder in „Familienstolz“ zur Verleugnung des Halbbruders, der von einer indigenen Mutter stammt.

Ob Jack London von Männerfreundschaften, von Freiheitskämpfern oder Überlebenden eines Hurrikans  erzählt: Neben der Natur spielt das Streben nach Glück der Menschen eine Hauptrolle. Erstaunlich ist dabei die Bandbreite: Mitreißende Abenteuergeschichten, aber auch so ein anrührendes Erzählstück wie „Ah Kims Tränen“. Der chinesische Junggeselle hat in Honolulu sein finanzielles Glück gemacht – doch die Frau seiner Träume darf er nicht heiraten, weil sie sich nicht an die strengen Sitten der chinesischen Kolonie hält. Erst der Tod der Mutter erlöst ihn von seinem Bann.

Es zeigt sich, wie genau London bei seinen Reisen die Menschen verschiedener Klassen und Rassen kennenlernte und beobachtete. Zugleich aber ist der lebenslang aktive Sozialist auch ein Sozialdarwinist, einer, der dem Credo des „Survival of he fittest“ anhängt. Es überleben die Stärkeren – und das ist in seinen Augen auf menschlicher Ebene „der weiße Mann“. Obwohl London die Folgen der Kolonialisierung wahrnahm und in seinen „Südseegeschichten“ thematisierte – die Ausbeutung der Arbeiter, die Sklaverei, das Einschleppen von Krankheitserregern, die Verarmung der Einheimischen –, steckte in ihm auch ein Rassist.

Klaus Daniel vom Blog BücherKaterTee zeigte dies unlängst bei einer Besprechung von Jack Londons „Jerry, der Insulaner auf“. Der Schriftsteller Georg Klein schrieb im August 2000 für die Frankfurter Rundschau über dieses Buch:

„Wer Londons Tiergeschichten liest, ahnt, wie närrisch es ist, rassistisches Gedankengut ausrotten zu wollen. Überall, wo die komplexen Verhältnisse zwingen, kompliziert zu denken, wächst die Sehnsucht nach einfach strukturierten Erklärungsmodellen.“

Quelle: Georg Klein, „Schund & Segen. Siebenundsiebzig abverlangte Texte“, Rowohlt Verlag, 2013.

Das Konzept der Überlegenheit einer bestimmten Klasse liegt auch einer Besonderheit im Werk Jack Londons (der in seinen wenigen Lebensjahren 27 Romane, zudem etliche autobiographische Werke, zahllose politische Essays, Reportagen, Essaysammlungen und fast 200 Kurzgeschichten schrieb) zugrunde: Der Agententhriller „Mord auf Bestellung“, ein Genre, das sonst nicht mit dem Namen London verbunden wird.

Handlung: Der diabolische Ivan Dragomiloff ist Kopf einer Attentatsagentur – die Killer ermorden rund um die Welt gegen Honorar Menschen, sofern diese nach Ansicht der Agentur gegen die Gesetze der Gesellschaft verstoßen. Dieses Gesetz der Agentur ist ehern – und tritt daher auch in Kraft, als ein Kopfgeld gegen Dragomiloff selbst ausgesetzt wird (ausgerechnet von Winter Hall, einem jungen Mann, der die Nichte des Russen ehelichen will). Neben einer Verfolgungsjagd durch die Vereinigten Staaten, zahllosen Toten und einer Liebesgeschichte mit Hindernissen ist der Roman vor allem geprägt von Diskussionen über Recht und Moral, Schuld und Sühne zwischen Dragomiloff und Winter Hall.

Das Buch erschien im Jubiläumsjahr 2016 im Manesse Verlag. Doch auch Eike Schönfeld – neben Andreas Nohl gegenwärtig einer der besten Übersetzer englischer und amerikanischer Literatur – kann diesen seltsamen Hybrid aus Abenteuergeschichte, Thriller und Philosophiediskurs nicht wirklich retten. Jack London war 1909 nach seinem Südseeabenteuer abgebrannt – sowohl an Geld als auch an Einfällen. Die Idee zu „The Assassination Bureau Ltd.“ kaufte er seinem jüngeren Schriftstellerkollegen Sinclair Lewis ab. Doch London brach die Arbeit am Manuskript 1910 ab, kam offenbar nicht weiter.

1963 wird das Manuskript, wie Freddy Langer im Nachwort der deutschen Übersetzung ausführt, dem Krimiautor Robert L. Fish aus dem Nachlass Jack Londons zugespielt. Fish greift den Faden auf und spinnt das Werk fort. Im Grunde also ein Roman, geschrieben von zwei Autoren – dies hätte meiner Meinung nach deutlich vom Verlag schon auf dem Cover hervorgehoben werden müssen.

Man merkt dem Buch diesen Bruch durchaus an: Ist Jack Londons Anteil eher „philosophisch“ aufgeladen, so treibt Fish den zweiten Teil in stringenter Thrillermanier voran. Überzeugen kann das Endprodukt nicht: Das ganze logische Gerüst erscheint wenig schlüssig, der kriminalistische Teil war nicht Londons Stärke, die moralphilosophischen Dialoge sind zwar intelligent angelegt, aber driften zu sehr von der Rahmenhandlung ab. Nicht von ungefähr ließ London das Manuskript in der Schublade verschwinden: Dass es nun als „Meisterwerk“ vermarktet wird, sehe ich sehr kritisch.

Interessant ist das Buch eher für London-Leser, die sich eingehender mit der Persönlichkeit des Schriftstellers beschäftigen wollen: Denn mit Dragomiloff zeichnet er einen jener kraftvollen „Übermenschen“, die er in seinem Werk (siehe den „Seewolf“) des Öfteren auftreten lässt. Jene Übermenschen, die darüber entscheiden, wer leben darf und wer nicht, jene Übermenschen, für die auch Rassismus ein denkbares Erklärungsmuster ist.

Andreas Nohl schreibt über ihn:

„In gewisser Weise hatte er den Nietzscheanischen Vulgärmythos vom Übermenschen (Overman oder Superman) zur eigenen Lebensmaxime erhoben. All dem haftete etwas ebenso Zwanghaftes wie Überlebensgroßes an, eine übersteigerte Version des amerikanischen Optimismus.“

Und dennoch, trotz all dieser Makel, war Jack London in seiner besseren Texten ein mitreißender Schriftsteller – einer, der immer wieder dazu verführt, dem Ruf der Wildnis zu folgen.

Verlagsangaben zu den genannten Büchern:

Das Haus von Mapuhi:
http://www.chbeck.de/London-Haus-Mapuhi/productview.aspx?product=16572659
Mord auf Bestellung:
https://www.randomhouse.de/Buch/Mord-auf-Bestellung/Jack-London/Manesse/e467041.rhd

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