Volker Weidermann: Träumer – als die Dichter die Macht übernahmen

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Bild: Florian Pittroff, https://flo-job.de/

Ein Beitrag von Florian Pittroff

Es hätte auch ein dickes, unspannendes Sachbuch werden können. Aber weit gefehlt. Es ist ein außergewöhnliches Buch und ein interessantes zugleich geworden. Volker Weidermann erzählt auf 284 Seiten ein eigentlich trockenes Kapitel der deutschen Geschichte wie einen spannenden Roman, ja fast wie einen Krimi.

Wann gab es das schon einmal – eine Revolution, durch die die Dichter an die Macht gelangten? Doch es gibt sie, die kurzen Momente in der Geschichte, in denen alles möglich erscheint, heißt es  im Klappentext. Und das Buch selbst startet mit den Worten: „Natürlich wäre es ein Märchen gewesen, nichts als ein Märchen, das für ein paar Wochen Wirklichkeit  geworden war. Und jetzt war es eben vorbei“.

Wir schreiben das Jahr 1919. Es ist die Zeit der Münchner Räterepublik und der Leser ist immer am Ort des Geschehens. Eben nicht nur dabei, sondern mittendrin als Augenzeuge der Geschehnisse damals in München.

Das Buch von Volker Weidermann fängt Stimmen und Stimmungen in dieser hochexplosiven und aufgeladenen Atmosphäre sehr gut ein.

Fast könnte man sagen,  der Leser ist auf Du und Du  mit Kurt Eisner, Erich Mühsam, Rainer Maria Rilke, Oskar Maria Graf, Thomas Mann und all den anderen. Volker Weidermann  erklärt nicht  nur, sondern  entwickelt eine spannende und gleichzeitig leichtfüßige Geschichte, die eher als Roman denn als Erklärstück durchgeht. So macht Geschichte Spaß. Wäre es so mal in der Oberstufe des Gymnasiums gewesen.

Da pilgert zum Beispiel Oskar Maria Graf mit Lederhose durch München, rettet einen Soldaten vor Prügeln, um danach aber irgendwie den Anschluss an die Revolution zu verpassen und lieber im „Franziskaner“ Bier und Wurst bestellt. Da kommt Thomas Mann nicht besonders gut weg: „Hört, ich bin weder eine Jude, noch ein Kriegsgewinnler, noch sonst etwas Schlechtes, ich bin ein Schriftsteller, der sich dies Haus (seine Villa in Bogenhausen) von dem Gelde gebaut hat, das er mit seiner geistigen Arbeit verdient. (…).“ Das mit dem Verdienst durch geistige Arbeit stimmte so nicht ganz: Das Haus hatte noch vor dem 1. Weltkrieg die mit dem reichen jüdischen Mathematikprofessor Alfred Pringsheim verheiratete Schwiegermutter  bezahlt. Weidermann: „Mann war in diesen Tagen von antisemitischer Stimmung ganz erfüllt  und er war sicher, dass München (…) diese fundamentale Abneigung mit ihm teilte“.

Eine Besonderheit dieses Buches sind eben diese Worte und Sätze, die Weidermann den Protagonisten in den Mund legt. Ob Oskar Maria Graf, Ernst Toller, Erich Mühsam oder all die anderen dies tatsächlich so gesagt haben, dafür gibt es natürlich keine wirklichen Belege. Das tut in diesem Falle auch nichts zur Sache. Die Zitate machen das Buch zu einem einfühlsamen und lebendigen Werk. Sie untermauern die Gefühle, das Denken und die Beweggründe aller Personen, die sich in München in den Jahren 1918/1919 Gedanken umdie Zukunft Deutschlands und Bayern gemacht haben.

Last but not least erfährt der Leser dann in einem Nachwort noch, wie es weitergegangen ist, mit dem einen oder anderen Dichtern nach diesen rauschhaften Tagen.

Florian Pittroff
www.flo-job.de 

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.kiwi-verlag.de/buch/traeumer-als-die-dichter-die-macht-uebernahmen/978-3-462-31788-6/

Hans Weinhengst: Turmstraße 4

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Bild von Tina T. auf Pixabay

„Wenn er auch seinen Eltern und Geschwistern in Liebe verbunden war: Aber seit der Kündigung des Vaters herrschten innerhalb der Familie niederschmetternde Schwermut und abstoßende Gereiztheit. Zu seinem bisherigen Elend und zu den Widrigkeiten seines hoffnungsleeren Arbeitslosendaseins kam nun eine neue Sorge: Er fürchtete um seine Geliebte. Ihn bedrückten nicht einfach nur Eifersucht, sondern die lähmende Angst, ihm würde das bei weitem Beste genommen, das er je gehabt hatte, das einzige Licht in seinem dunklen Alltag, von dem er hoffte, es könnte seine herzerwärmende Sonne in einer kalten, egoistischen Welt sein.“

Hans Weinhengst, „Turmstraße 4“, OA 1934, in deutscher Übersetzung bei edition atelier, Wien, 2017.

Wien, 1930: Die Liebe in Zeiten von Armut und Massenarbeitslosigkeit. Eine tieftraurige, aussichtslose Angelegenheit. Dem jungen Pärchen Martha und Karl ist kein Glück vergönnt, die Zweisamkeit währt nicht lange. Dies allein schon aus praktischen Gründen: Die beiden leben mit ihren Familien in beengten Verhältnissen, in einem der abgewirtschafteten Wohnblöcke der Wiener Arbeiterviertel Wiens, Turmstraße 4. Der Mietblock, er spielt eine zentrale Rolle in diesem Roman aus der Zwischenkriegszeit. Das Buch beginnt mit einer eindringlichen Schilderung dieser Behausung:

„Ein grauer, heruntergekommener Wohnklotz. Das ist das Haus Nummer 4 in der Turmstraße. Wenn ich „grau“ sage, beschreibe ich die Farbe der Mauern nicht ganz treffend. Sie sind in Wahrheit undefinierbar widerwärtig (…). Das Hausinnere zeigt auf den ersten Blick unverhohlen, dass die gesamte Konstruktion einzig dem Streben nach Ausbeutung folgt: Das Stiegenhaus und die Gänge sind schmal, der erdrückend enge Hof – „Lichthof“ genannt – ist der den Bauvorschriften geschuldete einzige freie Raum, die Wohnungen sind winzig, dafür aber zahlreich.“

Und der sprachliche Stil dieses österreichischen Autoren Hans Weinhengst zeigt ebenfalls unverhohlen, dass hier einer einem besonderen Streben folgt: Weinhengst (1904 – 1945) war Schriftsteller, Übersetzer, Sozialdemokrat und Anti-Faschist. Und so bleibt bei seinem einzigen Roman, „Turmstraße 4“, der 1934 erstmals erschien, manches Mal der literarische Stil zugunsten einer Botschaft, die vermittelt werden soll, auf der Strecke, nimmt das Buch eher die Form einer engagierten Reportage denn eines belletristischen Werkes an:

„Wenn es abends zu schneien begann, bildeten sich lange Schlangen Arbeitswilliger vor den Aufnahmestellen für Schneearbeiter. Viele dieser hungernden und unzureichend bekleideten Personen mussten nach mehrstündigem Stehen in eisigem Wind aufgeben und fortgehen – oder weggetragen werden. Später, im Verlauf des Morgens, wenn man mit den Einstellungsmodalitäten begann, kam es oft zu wilden Handgreiflichkeiten wegen der wenigen Stunden schlecht bezahlter Arbeit. Wer je Zeuge einer solchen Szene wurde, und wer einmal gesehen hat, wie die mehreren Hundert, die nicht das Glück hatten, eine Schaufel in die Hand zu bekommen, mit hängenden Köpfen – manche in Tränen ausbrechend – davonschlichen, nennt diese Menschen nie wieder „arbeitsscheue Schmarotzer“.“

Doch über diese stilistischen Ausreißer kann man gut und gerne hinwegsehen – lohnens- und lesenswert ist dieser Roman allemal. So unmittelbar, so eindrücklich erzählt Hans Weinhengst von den Mühen der Arbeiterebene, gibt einen eindrücklichen Blick frei auf das Leben der Menschen, die das Elend des Ersten Weltkrieges und dessen Folgen auszubaden hatten. Vom Krieg traumatisierte Väter, ausgezehrte, überarbeitete Frauen, eine Jugend ohne Perspektiven – Arbeitslosigkeit, drohende Wohnungslosigkeit, Armut und der Zwang in die Kleinkriminalität, um überhaupt zu überleben, das sind die Möglichkeiten, die sich Martha, Karl und ihresgleichen eröffnen.

Die anrührende Liebesgeschichte mit ihrem tragischen Ende ist der kleine Kunstgriff, den sich Weinhengst erlaubt, um so einer wohl erhofften breiten Leserschaft ein reales Abbild seiner Zeit zu geben. Einem breitem Publikumserfolg stand jedoch vor allem ein besonderer Umstand im Wege: Hans Weinhengst war einer der bedeutendsten Verfechter des Esperanto in Österreich. Als führendes Mitglieder der sozialistischen Esperanto-Bewegung schrieb und veröffentlichte er seine Texte – Lyrik, Erzählungen sowie seinen einzigen Roman –  ausschließlich in dieser Kunstsprache. So wurde das Buch in einem ungarischen Esperanto-Verlag 1934 verlegt, erst fast 80 Jahre später erschien es nun erstmals in deutscher Übersetzung durch Christian Cimpa.

Es lag nicht nur allein am aufkommenden Faschismus in Österreich, dass Hans Weinhengst als überzeugter Anhänger der Esperanto-Bewegung oftmals isoliert war. Kurt Lhotzky zeichnet im Nachwort zu der deutschsprachigen, beim Wiener Verlag „edition atelier“ erschienenen Ausgabe die wechselvolle Geschichte der österreichischen Esperanto-Bewegung nach. Leute wie Weinhengst waren davon überzeugt, die Kunstsprache könne zur internationalen Verständigung beitragen, dazu, dass sich Proletarier aller Länder auch sprachlich vereinigen können – meist aber stießen die sogenannten „Arbeiteresperantisten“ jedoch sowohl bei den sozialistischen Parteien als auch bei den Esperanto-Gesellschaften auf Widerstand und Ablehnung.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Hans Weinhengst auch von der österreichischen Literaturgeschichte fast vergessen. Auch wenn der Roman stilistisch nicht in der ersten Liga spielt – ein Verdienst des Verlages ist es dennoch, ihn nun nach so langer Zeit zugänglich zu machen. „Turmstraße 4“ ist ein beinahe dokumentarisches Buch, das unmittelbar, ehrlich und authentisch von der Armut, ihren Folgebedingungen und der Unmöglichkeit, dem ganzen Kreislauf aus eigener Kraft zu entkommen, erzählt.

Und eine eigene Erwähnung wert ist mir die wunderbare Titelgestaltung durch Jorghi Poll, die mir schon bei „Marylin“ von Arthur Rundt so sehr ins Auge fiel.

Verlagsinformationen zum Buch:
http://www.editionatelier.at/turmstrasse-4.html

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Peter Rosegger: Weltgift

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Bild von holzijue auf Pixabay

„Hadrian Hausler war mit seiner That überaus zufrieden. Jetzt hing er nicht mehr in der Luft, jetzt stand er fest auf der Scholle. (…) Welch eine Aufgabe! Sie, die heute noch lachen über den durchgebrannten Kompagnon Hausler, werden mir noch ein Denkmal setzen. Ein Denkmal war immer mein Ideal. Eins aus Erz auf Sandsteinsockel. Marmor hält nicht in diesem Klima.“

Peter Rosegger,, „Weltgift“, 1903, neu aufgelegt 2016 beim Septime Verlag.

Peter Rosegger? Irgendwo, irgendwann hatte ich das Vorurteil aufgegriffen, der Rosegger sei eine Art österreichischer Ganghofer und mich nie mit ihm beschäftigt. Meine Neugierde wurde durch den Septime Verlag in Wien geweckt – er gab nun den 1903 erstmals veröffentlichten Roman „Weltgift“ wieder heraus, verbunden mit dem Hinweis auf dessen sozialkritische Aktualität, die uns heute wieder ansprechen könnte.

Rosegger (1843 – 1918), als Waldbauernbub in eine Region mit hohem Analphabetismus hineingeboren, der kaum Chancen auf eine gute Bildung hatte, wurde durch sein erzählerisches Talent früh entdeckt. Einige Förderer und Gönner (darunter ein Bierbaron) ermöglichten ihm den Besuch der Grazer Handelsakademie. Von da an war kein Halten mehr: Rosegger avancierte schnell zum vielgelesenen Autor, ein Volksschriftsteller, der 1913 sogar für den Literaturnobelpreis im Gespräch war.

Parallelen zu Ganghofer gibt es durchaus, insbesondere in sozialen und politischen Fragen – Haltungen, vom Zeitgeist geprägt, die sich aus unserer heutigen Perspektive einer simplen schwarz-weiß Bewertung entziehen. Beide konservativ in ihren Ansichten, Rosegger monarchietreu, Ganghofer deutlich nationalistisch. Beide verfassten, angesteckt vom Weltenbrand, während des Ersten Weltkriegs kriegsverherrlichende Texte, obwohl Rosegger beispielsweise vor der Jahrhundertwende ein aktives Mitglied der pazifistischen Bewegung in Österreich war. Die Werke der beiden Autoren wurden posthum von den Nationalsozialisten für deren Zwecke vereinnahmt. Und beide sind bis heute schwer einzuordnen, werden je nach Standpunkt nach wie vor für gewisse Zwecke genutzt oder abgelehnt, wie auch ein Artikel anlässlich des 170. Geburtstages von Rosegger im österreichischen „Profil“ zeigt.

Parallelen im Werk sind zu finden in der Auseinandersetzung mit der sozialen Lage der Bauern, dem Auseinanderklaffen der Klassen, den Konflikten, die im Zuge der Industrialisierung entstehen, aufgezeigt oftmals am Gegensatz von Stadt und Land.

So begeht auch die Hauptfigur des Romans „Weltgift“, Hadrian („Hadri“) Hausler – kein Häusler, sondern Sohn aus gutem Hause, jedoch nirgends daheim und auch in sich unbehaust – Landflucht: Der Fabrikantensohn, seines verschwenderischen, sinnlosen Lebens in der Stadt überdrüssig, schlägt die Firmennachfolge aus und versucht in der österreichischen Provinz als Gutsherr Fuß zu fassen. Und scheitert auch daran grandios. Von einem betrügerischen Verwalter eh schon um das letzte Hemd gebracht, ruiniert ihn ein Hochwasser vollends. Einziger Halt ist sein junger Geselle Sabin, den der von der Frauenwelt enttäuschte Hausler- seine Geliebte heiratet des besseren Ertrags wegen seinen Vater- in fast schon homoerotischer Weise verehrt. Zwar ist diese – zudem einseitige Männerfreundschaft – zurückhaltend dargestellt. Doch sowohl dies als auch andere Szenen des Romans wurden bei dessen Erscheinen von der konservativen Öffentlichkeit als „lüstern“ empfunden. Gerald Schöpfer zitiert in seinem Nachwort zu „Weltgift“ aus dem „katholischen Schulvereinskalender“ von 1903:

„Darum findet sich in seinen Geschichten so manches, was ein reines Gemüt abstößt und ein gläubiges Herz im Innersten verwundet. Aber gerade diese pikante Sauce behagt dem lüsternen Gaumen der meisten Leser.“

Heute könnte wohl das persilreinste Herz kaum mehr erotisch Anstößiges in diesem Roman finden: Rund um Hausler finden sich allerlei junge Leute, bändeln an und heiraten am Ende ordnungsgemäß. Während die Städter, allen voran Hausler und seine ehemalige Geliebte, wegen ihrer Gewandung das „grüne Fräulein“ genannt, verderben.

Aber auch das sozialkritische Element ist eher durch die enthusiasmisierte Leseraugen zu entdecken: Mit dem Begriff „Weltgift“ meint Rosegger die „Verdorbenheit“ der Städte, die ländlichen Tugenden entgegengesetzt wird, die aber auch schon auf das Land zugreift:

„Es ist bekannt, daß im Landvolk das Ideal vom Guten mehr gilt, als das vom Schönen. Je ursprünglicher ein Volk, je mehr lebt es in der tüchtigen That, je weniger hat es mit der Kunst zu schaffen. Je mehr ein Volk sich verfeinert, um so mählicher entfernt es sich von dem Begriff Tugend, um so mehr nähert es sich dem, was man unter Brüdern Kunst nennt. In den Städten macht Tugend niemand mehr Freude, nur wenigen Ehre, sie ist verachtet wie eine altväterische Sache, und an ihre Stelle ist vielfach der Schönheitssinn getreten.“

Das ist das Problem dieses Romans: Man könnte in ihn alles Mögliche hineindeuten. Wenn einer der Bergbauernbuben, in der Stadt zum Mediziner herangebildet, seine Philosophie des Übermenschen, die Züge der Euthanasie in sich trägt, auspackt – dann weiß man nicht, soll es einen gruseln oder ist dies ironisch verpackte Zeitkritik. Vieles davon würde sich nur mit einer eingehenderen Beschäftigung mit der Biographie des Schriftstellers klären – dafür jedoch spricht mich dessen Werk wiederum nun doch nicht stark genug an.

Das Werk des einstigen Volksschriftstellers wird heute, so ließ ich mir sagen, allenfalls noch im österreichischen Fernsehen durch verkitschte Verfilmungen vermittelt. Jö schau – das ist allerdings auch nicht schön: Denn durch seinen eigenartigen Humor, der immer wieder zwischen den Zeilen herausspringt, vermittelt Rosegger durchaus, zumindest in „Weltgift“, dass da was Widerspenstiges in ihm lauert. Und diese feine Ironie wiederum macht den Roman durchaus als „Schmankerl“ lesenswert.

Die Verlagsangaben zum Buch:
http://www.septime-verlag.at/Buecher/buch_weltgift.html

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Paul Klee: Gedichte

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„Der Luftballon“, 1926. Bildquelle: Wikimedia Commons

„Je schreckensvoller die Welt ist, desto abstrakter die Kunst, während eine glückliche Welt eine diesseitige Kunst hervorbringt.“

Dichter malen mit Worten. Maler schreiben mit Bildern. Manche können beides. So Paul Klee (1879-1940), der dichtende Maler, malende Dichter, Dichtermaler. Er wirkt nicht nur durch sein bildnerisches Werk. Auch durch seine Tagebücher. Vor allem jedoch durch seine Gedichte. Klee war schon früh ein intensiver Leser, verfasste bald eigene Texte. Das Schreiben wird intensiver, als er seine spätere Frau Lily Stumpf kennenlernt. In den Tage-, den sogenannten „Geheimbüchern“, sind um die Jahrhundertwende zahlreiche Gedichte an und über „Eveline“ zu finden. Und, so meint sein Sohn Felix später, der vielfach Begabte sei sich „in seiner künstlerischen Entwicklungszeit“ nicht immer in klaren gewesen, „ob er zur Musik, zur Malerei oder zur Dichtung“ greifen sollte. Die Malerei wird sein Hauptmedium werden – doch der spielerische, fast schon dadaistische Umgang mit Sprache bleibt ein Erkennungsmerkmal Klees, sei es in seinen verschnörkelten Bildtiteln oder in den „Schriftbildern“.

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Paul Klee als Soldat, 1916. Bildquelle: Wikimedia Commons

In diesem Beitrag möchte ich mich auf eine Lebensphase Klees konzentrieren, die für ihn – wie für andere Künstler seiner Generation – prägend wurde: Die Katastrophe des Ersten Weltkrieges.

Auch Paul Klee wird von der Kriegsmaschinerie erfasst, ist ab 1916 zum Militärdienst verdonnert. Er kommt als Kunstmaler bei den „Königlich-Bayrischen Fliegertruppen“ an verschiedenen Orten in Einsatz, muss die Tarnbemalung der Kampfflugzeuge ausbessern.

Ab Januar 1917 ist er auf einem Flugplatz bei Augsburg stationiert, auch hier als Maler, Schreiber und gelegentlich als Fotograf.

Perversion des Krieges: Flugschüler fallen ständig mit ihren Maschinen vom Himmel, verunglücken tödlich während der Ausbildung. Das Flugzeug als neues technisches Kampfmittel wird hinter der Front erprobt, auch hier um den Einsatz des Lebens. Klee muss diese Trümmerreste fotografisch dokumentieren, hält sich das mit kaum verdeckten Zynismus vom Leib:

“Habe heute den kaputten Aeroplan aufräumen helfen, auf dem zwei Flieger vorgestern ihr Leben lassen mußten. Er war übel zugerichtet. Die Arbeit war ganz stimmungsvoll.”

Sich wappnen durch Distanz zum Geschehen?

„Ich bin gewappnet,
ich bin nicht hier,
ich bin nicht in der Tiefe,
bin fern…
ich bin so fern…
Ich glühe bei den Toten.“ (1914).

(Alle Gedichtzitate aus: „Gedichte“, Paul Klee, Herausgeber Felix Klee, erschienen im Arche Verlag)

Wie jedoch das Schreckliche in der Kunst ausdrücken? Wie das Grauen, das eine Katastrophe auslöst, in Wort und Bild festhalten? Klee, der noch 1914 mit August Macke zur berühmten Tunisreise aufbricht – „Die Farbe hat mich!“ – kommt zurück in ein Europa, das bereits brodelt. Wenige Monate später ist nichts mehr, wie es vorher war. Anders als seine Malerkollegen Franz Marc und August Macke lässt Klee sich nicht vom Hurra-Patriotismus anstecken. Klee bleibt der kühle Skeptiker, dem diese Aufwallungen wohl schon vom Charakter her fremd sind. August Macke fällt bereits im September 1914 in der Champagne, Franz Marc am 4. März 1916 in Verdun. Dieses Datum hat für Klee eine besondere Bedeutung: Einen Tag später, am 5. März, erhält er seinen Einberufungsbefehl.

Dabei ist er Pazifist. Heute wird dazu oft der Zusatz gestellt: Ein „passiver“. Was hat das zu bedeuten? Kriegsdienstverweigerung gab es zu Zeiten des 1. Weltkrieges nicht. Verweigern gab es in einem Staat, der letztendlich Militärstaat war, nicht. Wer verweigerte, wurde als Psychopath eingestuft, von Militärärzten wieder fronttauglich gemacht. Klees deutscher Vater hatte sich nie um die Einbürgerung seines Sohnes in die Schweiz, wo Klee geboren war, bemüht. Also war für den Künstler, der damals in München lebte, der Weg vorgezeichnet. Er hatte Frau und Kind. Hätte er desertieren sollen?

Traum

Ich finde mein Haus: leer,
ausgetrunken den Wein,
abgegraben den Strom,
entwendet mein Nacktes,
– gelöscht in die Grabschrift.
Weiß in weiß.
(1914).

Spurensuche im Werk: Da ist der Widerstand durchaus zu spüren.

 “Ich habe diesen Krieg längst in mir gehabt. Daher geht er mich nichts an. Um mich aus meinen Trümmern herauszuarbeiten, mußte ich fliegen. Und ich flog. In jener zertrümmerten Welt weile ich nur noch in der Erinnerung, wie man zuweilen zurückdenkt. Somit bin ich abstract mit Erinnerungen’.”

Dieser Tagebucheintrag von 1915 wird oftmals dafür angeführt, dass Klee ein kühler, beinahe distanzierter Beobachter des von ihm als „wahnsinnig“ bezeichneten  Krieges gewesen sei, fast ungerührt geblieben sei von der „Urkatastrophe“. War es so?

Es scheint auch, als verlasse die in Tunesien gefundene Farbe wieder das Bild. Kleinformatige Zeichnungen, oft auf amtlichem Vordruckpapier, auf Flugzeugmaterial hergestellt, Entwürfe ohne Farbe, aber nicht farblos. Dies war freilich auch dem Materialmangel geschuldet. Und inhaltlich eben durchaus nicht distanziert vom Geschehen rings um ihn. Schon die Titel sprechen Bände: „Die beiden Schreie“, „Der Tod für die Idee“ oder auch „Fitzlibutzli“, diese Ironisierung des Kaisers Wilhelm II, der Titel angelehnt an das Gedicht von Heinrich Heine, an den „vitzlibutzli“.

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„Fitzlibutzli“, 1918, Bildquelle: Wikimedia Commons

Klee desertiert anders, muss wohl auch Abstand nehmen durch die Flucht nach Innen. Denn während der gesamten Einsatzzeit hängt wie ein Damoklesschwert die Möglichkeit, dass er doch an die Front versetzt wird, über ihm. Nicht von ungefähr in dieser Zeit auch seine Lektüre, beispielsweise „Robinson Crusoe“. Kleine Fluchten mit Hilfe der Literatur? Oder der Künstler, gefangen auf einer seltsamen Insel? Denn dem Grauen an der Front gegenüber steht der langweilige Alltag, der Stumpfsinn und Bürokratismus in der Kaserne, die Entfernung zur Familie, der Stubendienst. Anhand vieler Postkarten, die Klee an seine Frau und den Sohn schreibt, wird deutlich, welche Einschränkungen die kreative Seele in dieser fremden Welt erleben muss. Aber er hat auch Glück – Vorgesetzte, die sein Talent respektieren, ihm gewisse Freiheiten geben. Selbst die Arbeit an Ausstellungen ist möglich. Es entstehen „Schubladenbilder“ – Skizzen, die er in der Schreibstube fertigt, die er schnell in eine Schublade schieben kann, wenn jemand kommt.

Klee behält also Bodenhaftung. Das „Fliegen“ in seinen Tagebucheintragungen ist nicht im wörtlichen Sinne zu verstehen. Der Flug, das Abheben, dies meint zum einem die Distanz in der Kunst zur Realität:

 “Um mich aus meinen Trümmern herauszuarbeiten, musste ich fliegen. Und ich flog.”

Auch die religiösen, die mythischen Themen nehmen zu. „Und es ward Licht“ heißt ein Bild. Klee entdeckt später weitere Flugobjekte, in seinen letzten Lebensjahren werden die Engelsbilder zu einem wichtigen Bestandteil seines Schaffens.

Elend

Land ohne Band,
neues Land,
ohne Hauch
der Erinnerung,
mit dem Rauch
von fremden Herd.
Zügellos!
wo mich trug
keiner Mutter Schoß.
(1914)

Doch ganz realitätsabgewandt ist Klee, wie oben schon angeführt, eben nicht.
„Der Krieg fördert die Production im ethischen Sinne“, schreibt er. Was meinen soll: Die Auseinandersetzung mit dem Kriegs-Wahnsinn findet durchaus ihren Niederschlag, wenn auch nicht so eindeutig und plakativ erkennbar wie in Noldes „Soldaten“ oder Beckmanns „Kriegserklärung“. Bei Klee geschieht dies verschlüsselter, weniger deutlich, erkennbar jedoch an einigen stilistischen Mitteln: Winkelformationen, Zickzack-Linien, die auch aggressiv zu deuten sind, tauchen in dieser Zeit auf – und interessanterweise hören die auch kurz nach dem Krieg wieder auf. Symbole für Bedrohung, Angst, für Krieg und Zerstörung. Mit Mitteln des Konstruktivismus gegen die allgemeine Destruktion.

Eine deutliche Sprache spricht das Bild “Der Held mit dem Flügel”: Eine verstörende Radierung, die einen missgestalteten Krieger mit verkümmertem Engelsflügel zeigt.

Klee notiert dazu am Bildrand:

“Von der Natur mit einem Flügel besonders bedacht, hat er sich daraus die Idee gebildet, zum Fliegen bestimmt zu sein, woran er zugrunde geht.”

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Irmgard Keun: Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften

„Wenn sie meinen, ein Kind hätte keine Sorgen, dann ist das dumm von ihnen. Immer sagen sie: Ach, so eine sorglose Kindheit, nie kommt sie wieder. Aber ein Kind hat bestimmt viel mehr Sorgen als ein Erwachsener.“

Irmgard Keun, „Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften“, 1936, Neuauflage 2016 bei Kiepenheuer & Witsch.

Eine Autorin, ein Sprachstil, eine Erzählperspektive – und doch zwei so unterschiedliche Bücher. In ihrem 1938 erschienenen Roman „Kind aller Länder“ wirkt der Stil zum Teil aufgesetzt, das kindliche Geplauder auf den Leser auch ermüdend. Ganz anders dagegen ist dies bei den Erzählungen, die Irmgard Keun zwei Jahre zuvor verfasste. Auch hier lässt die Autorin den Leser die Welt (oder vielmehr die „kleine“ Welt des Mädchens, die auf die Heimatstadt Keuns, Köln, schließen lässt) durch die Augen eines Kindes betrachten. Zu den überwiegend vergnüglichen, eher leichtgewichtigen Geschichten passt die kindliche erzählerische Stimme gut.

Es sind „Lausmädchengeschichten“: Die junge Protagonistin, eine Drittklässlerin, ist eine Renitente, die gegen die falsche Moral Erwachsener aufbegehrt. Man könnte die Erzählungen – die aufeinander aufbauen und somit eine Art Fortsetzungsroman ergeben – in der Tradition der Geschichten Ludwig Thomas verorten. Ein Kind decouffriert die Scheinmoral der Erwachsenen, rebelliert gegen altjüngferliche Tanten, bissige Nachbarinnen, scheinheilige Lehrerinnen. Das wäre insofern gute Unterhaltungsliteratur.

Wäre da nicht das emanzipatorische Element: Es ist ein Mädchen, ein „Wildfang“, das mit seiner „Buben-Gang“ die Nachbarschaft in Atem hält. Und der Zeitpunkt, an dem Keun ihre Erzählungen verortet hat: Die Lausmädchengeschichten spielen im letzten Jahr des Ersten Weltkrieges.

Keun gibt ihrer kleinen Heldin eine frühkindliche Skepsis mit: Wenn in der Schule Hurra-Patriotismus gepredigt wird, wenn vom „perfiden Albion“ die Rede ist, so stellt die Protagonistin dem die Erfahrungen ihrer Lebenswelt gegenüber – die Lebensmittelknappheit, die in allen Haushalten herrscht, die Hamsterei und das Betteln bei den Bauern, die existentiellen Sorgen, die den Alltag prägen, die Männer mit den „abgeschossenen Armen“, die aus dem Krieg zurückkehren. Und dominiert wird der Ton vor allem durch das kindliche Mitgefühl, das Kategorien wie „Freund und Feind“, die dem Nationalismus entspringen, einfach noch nicht kennt.

Einen zentralen Platz nimmt dabei die Erzählung „Wir schreiben an den Kaiser“ ein:

„Und ich schreibe dem Kaiser, dass ich mit sehr viel klugen erwachsenen Leuten gesprochen habe, und die meinten nun, Frieden wär viel schöner als Krieg, und überhaupt dauerte der Krieg jetzt lang genug und wäre eine Schweinerei, als Kaiser würde er so was sicher gern wissen, und er müsste doch immer in seinem Schloß sein und regieren, aber ich könnte ja herumlaufen und hören, was die Leute reden. Und das Beste wäre, er würde abdanken.“

Wie bei „Kind aller Länder“ ist es also auch in diesen Erzählungen der Kindermund, der frech und vergnüglich Wahrheit kundtut, jene Wahrheit, die Erwachsene offen nicht zu formulieren wagen. Bedenkt man, dass einige dieser Erzählungen vor 1936 zum Teil noch in deutschen Zeitungen veröffentlicht wurden, so könnte man diese „kindliche Weltanschauung“ auch als mutiges, satirisches Mittel von Irmgard Keun werten: Eintreten für Pazifismus war im Nationalsozialismus ein gefährliches Unterfangen. Verpackt in diese Lausmädchengeschichten kann man jedoch die eine oder andere Spitze auch als Seitenhieb der Autorin auf die Ereignisse im „Dritten Reich“ interpretieren.

Verwegen genug dazu war die Keun, die 1935 beim Landgericht Berlin eine Schadenersatzklage wegen des Verdienstausfalles, den sie durch die Beschlagnahmung ihrer ersten Bücher erlitten hatte, einreichte – natürlich ohne Erfolg. 1936 entschloss sie sich dann zum Exil – die Lausmädchengeschichten erschienen als ihr erstes Exil-Buch und fanden zunächst, auch bedingt durch die politischen Umstände, wenig Resonanz.

Im Gesamten sind die Erzählungen politisch jedoch überwiegend harmlos und unverfänglich. Ein idealer Lesestoff ebenfalls für die Leser der Nachkriegszeit: Wie Hiltrud Häntzschel in ihrer rororo-Monographie über Irmgard Keun berichtet, werden die „unverfänglichen Episoden“ zu ihrem auflagenstärksten Buch nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Insbesondere in „schicken neuen Illustrierten, in der „Ford-Revue“ zum Beispiel, werden ihre kleinen Geschichten gern gedruckt und sicherlich nicht schlecht honoriert.“

Eine der dezidiert pazifistischen Stories – „Als ich Bazillenträger war“ – wurde von Irmgard Keun erst nachträglich, bei einer Neuauflage 1959, dem Buch hinzugefügt. Weil der kleine Bruder der Erzählerin Scharlach hat, wird sie für einige junge Soldaten zum Mädchen, mit dem sie unbedingt freundschaftlich verkehren möchten, in der Hoffnung, sich mit Scharlach anzustecken und so der Rückkehr an die Front zu entgehen.

Dass diese Geschichte erst später von Irmgard Keun zu den Erzählungen dazu genommen wurde sowie eine Entstehungsgenese der Geschichten hätte ich anstelle des Auszugs aus Volker Weidermanns „Das Buch der verbrannten Bücher“ bei der Neuauflage 2016 zwar bevorzugt. Da Kiepenheuer & Witsch die Bücher der Autorin verdienstvollerweise wieder auflegt, hoffe ich jedoch, dass dem auch die längst anstehende, umfassende Irmgard Keun-Biographie folgt.

Informationen zur Neuauflage gibt es hier:
http://www.kiwi-verlag.de/buch/das-maedchen-mit-dem-die-kinder-nicht-verkehren-durften/978-3-462-31639-1/

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Thomas Lang: Immer nach Hause

Lang

Bild: (c) Michael Flötotto

„Er verspürt kein Bedürfnis, seine stehen gebliebene Welt wieder aufzuziehen. Deshalb begegnet ihm auch nicht die Frage, ob er überhaupt den Schlüssel dazu besitzt. Ab und zu weht ein Hauch von der wärmeren Welt hinter den sieben Bergen herein, die er wieder verliert. Leichter Föhn, der den Wachsmann nicht zum Schmelzen bringen kann, ihn höchstens biegsam macht. Er fängt an, seiner Sehnsucht zu misstrauen. Der Traum vom Süden kommt ihm verlogen vor, mehr Flucht als Zuflucht. Nun baut er am nördlichen Ufer des Untersees ein Haus, das ist etwas Richtiges, Realität. Elisabeth ist seine nächste Flucht. Vollkommen bleibt sie nur, solange er sie erträumt. Heftig stößt er das E an, es kippt zurück auf die Füße: M. Mia hat Macken. Mia ist echt. Das Echte, Wahre, Schlechte, dieser kleinere Teil des Lebens. Der größere bleibt Möglichkeit. Er kann nicht Vagabund und gleichzeitig solide sein, nicht schweben und am Boden gehen, nicht Gatte sein und Liebhaber. Nicht betrachten und gleichzeitig tun. Es geht nicht, geht nicht, geht nicht.“

Thomas Lang, „Immer nach Hause“, Berlin Verlag, 2016.

Es ist so eine Sache mit Künstlerromanen: Sind sie gut geschrieben, neigt man dazu, das Geschriebene mehr und mehr als bare Münze zu nehmen, das fiktive Element zu vergessen. Im günstigsten Fall ist der Autor nicht nur ein talentierter, sondern auch ein kluger Schriftsteller, der sein Künstlerbild auf die Beine ausreichender Quellenrecherche stellt, das gesicherte Wissen gekonnt in sein Erzählgewebe einknüpft. Ich bin zwar keine Hesse-Expertin, aber mir scheint: Thomas Lang ist dies mit seinem Buch über Hesses erste Ehe überaus gut gelungen.

Der Bachmann-Preisträger nahm sich eines Lebensabschnittes von Hermann Hesse an, der bei dessen Gefolgschaft als eher unproduktiverer Zeitraum gilt: Hermann Hesse war gerade mit „Peter Camenzind“ und „Unterm Rad“ als erfolgreicher Schriftsteller hervorgetreten und konnte daher 1904 auch die neun Jahre ältere Maria Bernoulli heiraten – eine selbständige, emanzipierte Frau, die in Basel als Fotografin reüssiert hatte. Hesse war 27 Jahre alt.

Das Paar beschloss gemeinsam, Basel den Rücken zu kehren und zog nach Gaienhofen an den Bodensee: Ein eigenes Haus als Rückzugsort in der ländlichen Idylle, als Schreibraum für Hermann, Haus und Garten als Betätigungsfeld für „Mia“. Doch beider Traum steht auf zerbrechlichem Grund: Und dies arbeitet Thomas Lang in seinem Roman einfühlsam heraus. Er zeichnet die Szenen einer Ehe – und was mir dabei ausgesprochen gut gefällt, ist, dass er beiden versucht, gerecht zu werden, so man das als Außenstehender überhaupt kann. Erfreulicherweise bedient er sich nicht der Klischeefalle vom bindungsunfähigen Künstler, dessen Schaffen sich alles unterzuordnen hat: Hesse, so liest man gelegentlich, sei ja eigentlich beziehungsunfähig gewesen. Ein oberflächliches Urteil, das Thomas Lang ganz leise und unterschwellig unterläuft.

Lang entwirft ein Portrait von Hesse, das den Schriftsteller in anhaltender Gewissensnot zeigt, immer schwankend zwischen Pflicht- und Verantwortungsgefühl und dem Bewusstsein, dass der Lebensentwurf in Gaienhofen im Grunde für beide gescheitert ist, für ihn und Mia, die auf dem Land mehr und mehr isoliert lebt, kaum mehr kreativ sein kann, zudem vom Gatten, der öfters auf Reisen flieht, lange alleine gelassen wird.

Natürlich verbirgt Thomas Lang bei diesem Psychogramm einer Ehe nicht die Grausamkeiten, die man sich – bewusst und unbewusst – gegenseitig zufügt. Am Anfang ist da etwas Hoffnung und viel guter Wille, wie auch die dem Buch vorangestellten Zitate aus Hesse-Briefen untermauern:

„Und nun beginnt die Ehe, mein Leben vollends zu ändern, indem sie wenigstens dem ewigen Wandern und Zigeunern ein Ende macht. Ich muß regelmäßig arbeiten, um für den Haushalt zu sorgen u. s. w., aber im Grunde bummle ich doch meistens, nur mit etwas schlechterem Gewissen.“

Doch mit der Zeit weichen die guten Vorsätze den alltäglichen Reibereien, anhaltende Missverständnisse, Schweigen, Streit, Auseinanderleben. Mia ist sich bewußt, dass sie für Hesse anfangs eine „harmlos scheinende Liebesgeschichte war“, die sich zu „einem völligen Roman“ auswuchs, dass Hesse im Grunde noch immer das Bild der verehrten Elisabeth, die ihn jedoch nie erhörte, im Herzen und im Hirn trägt.
Er dagegen fühlt sich unverstanden, oftmals von ihrer Kälte abgelehnt, häufig nur wie ein geduldeter Gast im Gaienhofener Haus. Die drei Söhne, trotz einiger zärtlicher Vater-Sohn-Szenen im Buch, stören den Schriftsteller bei der Arbeit, sind auswärts untergebracht, ein ewiger Quell des Streits zwischen den Eltern. Dabei sollten die Kinder das fragile Gebilde ketten:

„Als er noch einmal ins Schlafzimmer kam, um seiner kranken Frau ade zu sagen, schaute sie ihn mit so einem seligen Blick an. Jede Spur von Unglück war daraus verschwunden. Dieses Rätsel entschlüsselt sich ihm jetzt: Es war der Blick der befruchteten Frau. Genau so hat sie ihn angesehen, als sie ihm von der ersten Schwangerschaft berichtete. Und so halb schwindelig wie damals fühlt er sich heute. Es ist wohl wieder etwas unterwegs, denkt er, ohne sich darüber freuen zu können. Die Stricke, die ihn an Gaienhofen binden, verwandeln sich in Ketten.“

Zwei, die im Grunde nicht zueinander passten, scheitern, reiben sich auf, trotz besten Willens: Eine alltägliche Geschichte. Die „Schuldfrage“ zu stellen, wie es bei Berühmtheiten wie den Hesses und anderen oftmals geschieht, ist müßig. Erschwerend, auch dies greift Thomas Lang in seinem Roman auf, wirken zudem die Einschränkungen während der Jahre des Ersten Weltkrieges, Existenzsorgen und das Gefühl der Bedrohung, das auch im abgelegenen Gaienhofen spürbar war.

Für Hesse und seine Frau endete die „Geschichte“ dramatisch genug: Mia muss wegen ihrer schweren Depressionserkrankung in Behandlung, auch der Schriftsteller begibt sich in psychologische Behandlung. 1918 ist das Paar dann faktisch getrennt, das Gefühl einer Schuld, eines Versagens – davon zeugen Aussagen Hesses späterer Jahre – trägt er mit sich.

Thomas Lang ist mit diesem Künstlerroman ein sehr einfühlsames, vielschichtiges Portrait gelungen, in dem viel Sympathie für den „Sonderling“ Hesse durchklingt. Sprachlich und in literarischer Hinsicht ist der Roman ein Lesegenuss: Flüssig geschrieben, feine Beobachtungen, abwechslungsreiche, lebendige Dialoge, Szenen, gewürzt mit trockenem Humor. Bei der Recherche wurde er unter anderem durch Hesse-Koryphäe Volker Michels unterstützt, die Enkelin Sibylle Siegenthaler-Hesse gab ihm Einblick in unveröffentlichte Briefe zwischen Hesse und seinem Sohn Martin, außerdem standen ihm auch weitere Quellen zur Verfügung.

Der Roman erschien nun im Berlin Verlag, weitere Angaben hier.

Thomas Lang betreibt auch eine eigene Homepage: http://thomaslang.net/

Der Schriftsteller arbeitet bereits an einem neuen Projekt: Mit Unterstützung des Literaturportals Bayern entsteht der Netzroman „Der gefundene Tod“, an dem sich interessierte Leser beteiligen können. Weitere Informationen dazu gibt es unter diesem Link: https://www.literaturportal-bayern.de/blog?task=lpbblog.default&id=1240

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Georg Fink: Mich hungert

„O, Krieg ist Krieg. Macht dem Krieg ein Ende, und es gibt keine Feinde! Die Ursache wolltet ihr bestehen lassen, und ihr empörtet euch moralisch über ihre Folgen. Unterernährung – Wir kannten sie von jeher. Man hat Kinder photographiert, skelettierte Säuglinge an den leeren Brüsten ihrer Mütter. Auf einmal sah man sie! Warum? Jetzt konnte man sie zur Propaganda gebrauchen! Jetzt bediente man sich ihres Elends, ihres Jammers, um das Mitleid der Welt – für sie? nein! für sich! – zu gewinnen. Aber leere Brüste, verhungerte Säuglinge hatte es schon vorher, schon immer gegeben! Da sah sie niemand, denn sonst hätte man selbst helfen müssen. Plötzlich wurde das Proletariat entdeckt, sein abgehärmtes Gesicht, seine verkrüppelten Knochen, sein leerer Topf…“

„Mich hungert“, Georg Fink (Kurt Münzer), Erstausgabe 1929, 2014 im Metrolit Verlag wieder erschienen.

Als am 10. Mai 1933 von den Nationalsozialisten die Bücher missliebiger Autoren verbrannt wurden, war auch ein Roman darunter, der vier Jahre zuvor als ein literarisches Ereignis (neben „Im Westen nichts Neues“ und „Berlin Alexanderplatz“, ebenfalls 1929 erschienen) gefeiert worden war: „Mich hungert“ von dem bis dato völlig unbekannten Autoren Georg Fink. Das Buch, angeblich die Autobiographie eines Proletarierkindes im Vorkriegs-Berlin, verkaufte sich sensationell, wurde von Thomas Mann und Ernst Weiß gelobt und in 13 Sprachen übersetzt. Mit den Flammen 1933 verschwand auch der Roman aus dem Bewusstsein – verbrannt und vergessen. Doch jetzt wurde das Buch wiederentdeckt – dank des Metrolit Verlag, der es im Frühjahr 2014 wieder aufgelegt hat.

Dem Vergessen entrissen

Dass solche Bücher dem Vergessen entrissen werden, ist eine wichtige und löbliche Tat an sich. Doch allein sein Schicksal macht ein Buch nicht zu großer Literatur, zu einem großen Roman – den literarischen Stil zu überhöhen, diese Beurteilung mag einigen Rezensenten in der Freude der Wiederentdeckung aus der Feder geflossen sein. Denn Georg Finks halbdokumentarischer Roman hinterließ bei mir stark gemischte Gefühle. So eindrucksvoll und eindrücklich diese Schilderung einer Kindheit in Armut vor und nach dem 1. Weltkrieg ist, so nackt und nüchtern die Situation des städtischen Proletariats im Berlin in den Jahren nach 1900 gezeichnet wird, so stilistisch schwer erträglich sind etliche Passagen, in denen der angebliche Ich-Erzähler melodramatisch, eigentlich weinerlich und schwülstig über sein eigenes Schicksal, die Liebe zu seiner Mutter schreibt oder allgemein-philosophisch wird. Als Schilderung seiner Zeit, als authentische Darstellung der Verelendung der Großstadtbevölkerung ist dieses Buch ein wichtiges Dokument. Literarisch bleiben Fragezeichen offen.

Fragezeichen warfen im Erscheinungsjahr auch die Auskünfte über den angeblichen Autoren Georg Fink auf. Der renommierte Autor Kurt Münzer hatte das Manuskript dem Cassirer Verlag empfohlen, stellte sich später als Mentor des jungen Schriftstellers dar und schrieb selbst beinahe hymnisch anmutende Besprechungen über das Buch. Erst im Schweizer Exil gestand Kurt Münzer ein, dass es sich um eine anfängliche Selbstinszenierung, die ihre Eigendynamik entwickelt hatte, gehandelt habe. Jetzt – 2014 – ist das nur noch eine zusätzliche Anekdote zum Buch. Und trotz der angesprochenen Mängel: Wer sich mit deutscher Geschichte beschäftigt, insbesondere mit Sozialgeschichte, wer Interesse an der Entwicklung nach dem 1. Weltkrieg hat und Einblick erhalten will in deutsche Umstände nach 1918, für den kann dieser Roman eine aufschlussreiche Quelle sein. Denn ganz unbekannt waren dem Autoren Münzer/Fink die dargestellten Milieus sicher nicht.

Von der Verelendung ganzer Bevölkerungsschichten

Finks Roman erzählt von der Nachkriegs- und Inflationszeit am Beispiel einer Familie in Berlin-Mitte, die durch die Alkoholexzesse des Vaters mehr und mehr verelendet. Georg König, die jugendliche Hauptfigur, wird schon als Kind zum Betteln gezwungen, die Schwester zur Prostitution herangezogen, ein weiterer Bruder wird kriminell. Nur Georg, der diese Entwicklung aus der Rückschau erzählt, kann aufgrund seiner schulischen Begabung und durch die Förderung eines Fabrikanten dem Leben auf der Straße entkommen.

– In geradezu apokalyptischer Befriedigung wird der Zusammenbruch von Gesellschaft und Moral entworfen. Doch alles das vergeht über dem Zusammenbruch der überarbeiteten Mutter. „So habe ich den Krieg erlebt, und alle seine Schrecken versanken vor Mutters erstem Wehlaut.“ Nicht zuletzt diese mit Remarque geteilte wehe Weichheit sehnsüchtiger Muttersymbiose mag es gewesen sein, die den Erfolg von Finks Roman ausmachte. Hier teilten sich indes auch die Wege der literarischen Kriegsverarbeitung. Solch klagendes Weh, das ein Gutteil der damaligen Literatur über das Elend der betrogenen Jugend durchzieht, war den anderen ein Gräuel. –
so Erhard Schütz in einer Besprechung in der „Zeit“.

Man urteile selbst – zwei Textpassagen, die aufzeigen, wie sehr Münzer/Fink zwischen kritisch-anteilnehmender Bestandsaufnahme und elegischem Ton schwankt:

„Die Armen hatten es gut. Ihre Männer fielen: umso besser: es gab die Rente. Und die kam ins Haus und wurde nicht vertrunken und mit Straßenmädchen durchgebracht, die Gattinnen hatten bloß zu lachen, aber die Mütter zu weinen. Und in unsern Häusern, wo dreißig und fünfzig Parteien in Höfen, Seitenflügeln, Quergebäuden, Kellern und den leer gewordenen Ställen lebten, gab es viel Aufschrein, Schluchzen nachts, Ausbrüche von Jammer und Geheul, wenn die Kinder die letzte Verlustliste brachten, wenn die Postbotin mit bebendem Mund ein Päckchen abgab…“

„So begann der Krieg. Vier Jahre floß Blut aus der Menschheit. Ich begriff so wenig. Aber doch sah ich den Sonnenschein auf der Erde liegen, starrte in den silbernen Mond, in die Sterne. O, wie gelassen, wie beseligt, wie schön alles im All – und auf Erden!…Ich sah in den Mond, mit Ehrfurcht und Entsetzen: es focht ihn nicht an. Bedeutete das so wenig? Waren wir ein Nichts? Unser Leben nur ein Traum der unausgekühlten Erde, ein Spiel ihres Feuers?“


Bild zum Download: Marode Fassade


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LITERARISCHE ORTE: Tod und Amüsement in Davos und München.

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Bild: Birgit Böllinger

Lebewohl, Hans Castorp, des Lebens treuherziges Sorgenkind! Deine Geschichte ist aus. Zu Ende haben wir sie erzählt; sie war weder kurzweilig noch langweilig, es war eine hermetische Geschichte. Wir haben sie erzählt um ihretwillen, nicht deinethalben, denn du warst simpel. Aber zuletzt war es deine Geschichte; da sie dir zustieß, mußtest du`s wohl irgend wohl hinter den Ohren haben, und wir verleugnen nicht die pädagogische Neigung, die wir in ihrem Verlaufe für dich gefaßt, und die uns bestimmen könnte, zart mit der Fingerspitze den Augenwinkel zu tupfen bei dem Gedanken, daß wir dich weder sehen und hören werden in Zukunft.

Fahr wohl – du lebest nun oder bleibest! Deine Aussichten sind schlecht; das arge Tanzvergnügen, worein du gerissen bist, dauert noch manches Sündenjährchen, und wir möchten nicht hoch wetten, daß du davonkommst. Ehrlich gestanden, lassen wir ziemlich unbekümmert die Frage offen. Abenteuer im Fleische und Geist, die deine Einfachheit steigerten, ließen dich im Geist überleben, was du im Fleische wohl kaum überleben sollst. Augenblicke kamen, wo dir aus Tod und Körperunzucht ahnungsvoll und regierungsweise ein Traum von Liebe erwuchs. Wird auch aus diesem Weltfest des Todes, auch aus der schlimmen Fieberbrunst, die rings den regnerischen Abendhimmel entzündet, einmal die Liebe steigen?

FINIS OPERIS.

Finis operis – das Werk mag zu Ende sein, der Leser mit dem Werk noch lange nicht. „Der Zauberberg“ von Thomas Mann: Der Mount Everest der klassischen Moderne. Wer ihn besteigt, den lässt der Berg nicht los – man kann sich nicht einfach so abseilen aus diesem Jahrhundertroman, da hat einer verbale Haken und Ösen gelegt, die den Leser, der den Gipfel, sprich das Finale erreicht, lange an sich binden.

Lange ist es her, dass ich mich in diesem Opus verstiegen habe – und doch, jetzt beim Besuch der aktuellen Zauberberg-Ausstellung im Literaturhaus München genügten einige optische und akustische Anreize und ganze Gesteinsbrocken dieses Romans liegen wieder frei da. Was in meinen Augen für die Wertigkeit, für die Bedeutung des Textes, die er für mich hatte und hat, spricht.

„Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken.“

Zuviel darf man jedoch von einer Literaturhaus-Ausstellung nicht erwarten: Keine vollständige Erschließung eines so komplexen Romans, keine Interpretationshilfen und Deutungen, keine Werkgeschichte – wer das sucht, der ist mit der beim S. Fischer Verlag erschienenen Fassung innerhalb der Werkausgabe, dem dazugehörigem Kommentarband und den Erläuterungen von Michael Neumann sowie der entsprechenden Sekundärliteratur besser bedient. Die Ausstellung kann allenfalls eine Einstiegshilfe sein oder Lust darauf machen, die Höhen von Davos wieder einmal zu erklimmen – und diesen Zweck erfüllt sie recht unterhaltsam. „Tod und Amüsement“ (nach einem Zitat Manns zu seinen Darstellungsabsichten beim Schreiben des Romans) lautet der Untertitel zu der Schau, die noch bis zum 26. Juni in München zu sehen ist.

Die Kuratoren und Ausstellungsgestalterinnen, so stand es im Münchner Merkur zu lesen, „verstiegen sich eben nicht in den Klüften des wissenschaftlichen Hochmassivs, sondern blieben im Davoser Sanatorium für geldige Tuberkulosekranke. Die Berge rings um diesen eigentümlichen Mikrokosmos bleiben imposante Kulissen auf Großfolie und im Video – und lassen nur milde ahnen, dass sie symbolisch gewaltig aufgeladen sind.“

Von einer Videofahrt mit der Räthi-Bahn gelangt man als Besucher immer tiefer in das Innere eines Sanatoriums und seine Verstrickungen: Von der Sonnenliege bis zum Röntgenapparat, von der Ruhekur bis zu den nächtlichen Ausschweifungen. Die Ausstellung teilt sich auf in verschiedene Themenkomplexe, aber einen eigentlichen roten Faden gibt es nicht – und das ist für mich die Schwäche der Schau: Zuviel gestreift, zu wenig vertieft. So erfährt man einiges über die Entstehungsgeschichte – 1912 besuchte Mann seine Katia während ihres Kuraufenthaltes in der Schweiz. Seine Skepsis gegenüber der geldbringenden Kurpfuscherei verbarg er nicht – doch was zunächst als amüsante „short story“ im Gegenentwurf zum „Tod in Venedig“ angelegt war, wuchs sich bis zur Veröffentlichung 1924 zu einem über 1000-Seiten-Werk aus.

Mit Film- und Tondokumenten, Tagebuchauszügen und umfangreichen Fotomaterial werden die Tage der Manns in Davos veranschaulicht, treten die Menschen zutage, die Mann letztlich das Material für seine Typen lieferten. Frau Stöhr, Naphta und Settembrini, die verrucht-verführerische Madame Chauchat und nicht zuletzt wird an Mynheer Peeperkorn nochmals der damalige Skandal um das Buch aufgezeigt – herrlich ist es zu lesen (bzw. über die Audioführung zu hören), welche bebende Erregung Gerhart Hauptmann plagte, der sich in dem den Alkohol zugeneigten Kaufmann wiedererkannte. Beinahe schäumt er über „den Lumpensammler“, den  jüngeren Literaturnobelpreisträger, der zu allem Überfluss auch noch „schlechtes Deutsch“ schreibt.

Tod und Eros, Tuberkulose und Tändeleien, die Musik als „Paradigma aller Kunst“ und der Film als Inspiration, schaurig anzusehende Medizingeräte: An Information rund um einige der Zauberberg-Stationen mangelt es nicht. Die philosophischen Aspekte dieses Mammuts, die Reflektionen über die Zeit im Roman („Luxuriös ist oder war alles dort oben, auch der Begriff der Zeit“, so Mann 1939), die mir ins Gedächtnis eingebrannt sind, und vor allem die Bedeutung des Zauberbergs als der Götterdämmerungs-Roman, der erschien in jener Zwischenzeit, als zweimal die Welt brannte – das kommt in der Ausstellung zu kurz, war wohl auch nicht ihr Anliegen.

Da hilft nur eines – von wegen „FINIS“ und Ziel erreicht, das erneute Lesen des Zauberbergs möge beginnen…

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Steffen Kopetzky: Risiko

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Bild von ErikaWittlieb auf Pixabay

„Das erste große Geschäft, das die Welt revolutioniert hat, war …nun?“
Zickler dachte nach, was Helphand zuvor gesagt hatte. Religion – Zucker fürs Volk.
(…)
„Aber Zucker wurde immer billiger. Das nächste große Geschäft musste her.“
Jetzt wusste Zickler natürlich schon, worauf es hinauslief: Opium. (…)
Mittlerweile, so führte Helphand aus, habe sich die Industrie tatsächlich gegenüber der agrarischen Produktion und den Genussmitteln, mit denen einst das große Geld verdient worden war, einen Vorrang erarbeitet. Das Genussmittel der Gegenwart sei etwas anderes: Energie.

Steffen Kopetzky, „Risiko“, Klett-Cotta Verlag, 2015.

Wenn Putin und Obama dieser Tage um die Deutungshoheit im Anti-Terrorkrieg rangeln, so glauben vermutlich nur noch hoffnungslose Romantiker, hier ginge es allein um humanitäre Hilfe für die syrische Bevölkerung und den Schutz westlicher demokratischer Werte. Es geht vor allem um die Stoffe, die das Weltgetriebe schmieren: Macht und Öl.

Wer Wind sät, wird Sturm ernten: Seit mehr als anderthalb Jahrhunderten werden der Nahe Osten und die Arabische Welt vom Westen als eine Art riesiges Depot betrachtet. Die Erdölvorkommen und andere Rohstoffe weckten und wecken Begehrlichkeiten. Die Kriege der jüngsten Zeit – wesentlich von wirtschaftlichen Motiven angetrieben – sie sind der Boden, auf denen der Terror wächst. Öl und Macht sind sowohl Motiv und Ziel aller machtstrategischen Planspiele, die die sogenannten Großmächte steuern. Das ist heute so, das war vor einem Jahrhundert so.

Der Krieg ist die Mutter fast allen Wahnsinns: Und so erinnert Steffen Kopetzky in seinem über 700 Seiten starken Roman „Risiko“ an ein wahnwitziges deutsch-türkisches Unternehmen, das einige deutsche Soldaten mitten in das „great heartland“ imperialistischer russischer und britischer Politik führen sollte. Noch nie hatten zuvor Deutsche Afghanistan betreten – doch 1914 machte sich ein von Berlin gesteuerter Trupp nach Kabul auf, um von dort aus in einem deutsch-türkischen Bündnis die Völker des zerfallenden Osmanischen Reiches in einem „Dschihad“ gegen die Russen und Briten aufzuwiegeln. Was Lawrence of Arabia wenig später gelang – die zerstrittenen Stämme und Völker zu vereinen – endet bei dem deutschen Unternehmen in einem Fiasko.

Die Realität holt die Berliner Planspiele ein: Die Wirklichkeit am Tigris, in der siechenden Stadt Isfahan, in der Salzwüste Kewir und im harschen afghanischen Gebirge ist eben eine andere als das, was sich die Strategen in der wilhelminischen Hauptstadt zusammenträumten. Wobei der Motor dieser wahnwitzigen Operation ein durchaus erfahrener Orientalist war: Max von Oppenheim, der sich unter anderem als Archäologe einen Namen gemacht hatte.

Nicht von ungefähr nannte Kopetzky seinen Roman jedoch auch nach einem Brettspiel, das, wie sich der Kaffeehaussitzer auch in seiner Besprechung erinnert, Mitte der 80er-Jahre vor allem von der männlichen Jugend begeistert gespielt wurde: „Risiko“ taucht im Buch als „Großes Spiel“ auf, das deutsche und türkische Offiziere fesselt. Der Krieg als Spiel – die Menschen und Einheiten werden zu Figuren, die strategischen Gesichtspunkten geopfert werden.

Geschickt treibt Kopetzky dieses Spielmotiv immer wieder voran, verknüpft die Erzählebene mit historischen Hintergründen, zeigt die politischen und militärischen Verwerfungen auf. Daneben führt er neben seinen fiktiven Hauptfiguren – unter anderem wird das Buch getragen von einem jungen bayerischen Marinefunker und dessen Gegenspieler, einem englischen Spion (der in die Rolle eines indischen muslimischen Prinzen schlüpft, zunehmend Identität sowie Verstand verliert und dabei nicht von ungefähr an den oben genannten Lawrence of Arabia erinnert) – auch historische Personen ein, unter anderem Max von Oppenheim als Stratege ohne Fortune. Der Vater von Albert Camus als algerisch-französischer Soldat hat ebenso einen Auftritt wie ein Verwandter von Robert Musil.

Für Kopetzky spricht, dass er besser als seine Strategen im Buch die Fäden in der Hand behält, die Nebenstränge der Erzählungen gut verknüpft und zusammenführt. Rund zehn Jahre soll der Autor für dieses Buch recherchiert haben – diese akribische Kenntnis über ein Einzelunternehmen in diesem „Großunternehmen“ des Ersten Weltkriegs geht allerdings manches Mal auch zu Lasten des Erzählflusses: „Risiko“ ist, wie es im Deutschlandradio hieß, ein „pompöses Orient-Abenteuer“, manche „Troddel“ an diesem Faktenteppich ist denn aber auch ein wenig zuviel.  An einigen wenigen Stellen braucht man als Leser durchaus langem Atem oder die Geduld eines Wüstenbewohners, um im Bild zu bleiben.

Dennoch: „Risiko“ ist ein gut lesbarer Abenteuerroman, hat seine Schmökerqualitäten und bietet einen Einblick in ein politisches Unterfangen, das uns heute wieder berührt – die Namen Damaskus, Aleppo, Kabul, sie prägen wieder unsere Nachrichten. Dass das Buch allerdings nicht von der Long- auf die Shortlist gelangte, ist in meinen Augen verständlich: Bis auf einige Längen durchaus flüssig erzählt, bleibt es sprachlich jedoch auf einer konventionellen Ebene. Und die Deutungsebene hinkt hinter dem Erzählen hinterher – die Figuren bleiben stellenweise eindimensional und blass, die eingebaute Liebesgeschichte ein wenig seicht (und ist im Grunde auch überflüssig), manchmal greift Kopetzky auch stilistisch etwas daneben. Dazu mehr in der Besprechung der „Zeit“, deren Tenor ich jedoch nicht teile: So trocken wie die Wüste ist „Risiko“ durchaus nicht – aber eben auch kein Roman, der Leser mitreißen wird, die wenig Affinität zu solchen Themen haben.

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