Vom singenden Tresen bis zu „Peng Peng Parker“: Die Literaturwoche Donau 2021 ist ein Fest für alle Sinne

Ein Fest für alle Sinne – für Augen, Ohren, aber vor allem aber für den Verstand: Dies verspricht sie erneut zu werden, die Literaturwoche Donau. Im Grunde sind es über zwei Wochen, bei denen die unabhängige Literatur aus ganz besonderen Verlagen in der Donaustadt im Mittelpunkt steht. Von Samstag, 31. Juli bis Dienstag, 17. August erwartet das Publikum ein Programm, das einen Mix aus Bekanntem und Neuem, Debütantinnen und „alten Hasen“, ernster Literatur und feiner Lyrik, schrägen und schwarzhumorigen Texten und mitreißenden Performances bietet.

Die Literaturwoche Donau 2021, kurz LiWo 2021, setzt wie gewohnt einen Fokus auf den „Indie-Bereich“: „Wir bieten eines der ganz wenigen Literaturfestivals, die sich nicht auf die großen Namen des Literaturbetriebs und marktführenden Verlage stützen, sondern die ganz bewusst die reiche Vielfalt der unabhängigen Verlagsszene feiern“, sagt Autor Florian L. Arnold. Er und Rasmus Schöll, Inhaber der Aegis Buchhandlung Ulm, riefen 2013 genau für diesen Zweck die Literaturwoche ins Leben. Der Erfolg gab ihnen mit ihrem ungewöhnlichen Konzept recht: Jahr für Jahr zog die „LiWo“ mit ihren außergewöhnlichen Lesungen an außergewöhnlichen Orten – selbst der Turm des Ulmer Münsters wurde dafür bestiegen – mehr und mehr Publikum an. Auch überregional wurde die LiWo zum Anziehungspunkt für Literaturinteressierte. „Wenn Leute für eine Lyriklesung Schlange stehen, dann heißt das schon was“, so Rasmus Schöll.

Es war denn auch für die ehrenamtlich tätigen Organisatoren einer der schwersten Momente, als 2020 wegen Corona das fertig geplante Festival abgesagt werden musste. „Wir wollten wunderbare neue Bücher der unabhängigen Verlagsszene, die es im Coronajahr ohnehin nicht eben leicht hatten, mit Leidenschaft vorstellen“, bedauert Florian L. Arnold, „jetzt starten wir eben mit neuem Elan und Zuversicht in die LiWo 2021.“

Und das Programm hat es in sich: Zum Auftakt kommen am Samstag, 31. Juli, die Schriftsteller Manja Präkels, die für ihren Debütroman „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ 2018 unter anderem mit dem Anna Seghers Preis ausgezeichnet wurde, und Markus Liske mit ihrem Musikprojekt „Der singende Tresen“. Ihr Abend „Das seid ihr Hunde wert!“ ist eine wunderbare Hommage an den lebenslustigen Dichter und Revolutionär Erich Mühsam, der von den Nationalsozialisten erschlagen wurde.

Danach folgen weitere bekannte und preisgekrönte Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus der Indieszene, talentierte Debütanten, leise Lyriker und viel Musik. Bis zum furiosen Ende der LiWo 2021 mit der Lyrikerin Nora Gomringer und Jazz-Musiker Philipp Scholz am Dienstag, 17. August. Mit „Peng Peng Parker“ widmen sich die beiden der 1893 geborenen und 1967 in New York gestorbenen Dichterin, Dramatikerin und Werbetexterin Dorothy Parker, die sowohl für ihre messerscharfe Zunge als auch für ihren enormen Alkoholkonsum bekannt wurde. Sie schrieb über die Liebe und das Leben, seufzend und lachend, immer trinkfest. Das New York der 1920er Jahre ist ohne sie undenkbar.

Das Plakatmotiv entwarf der Künstler und Illustrator Joachim Brandenberg (Offenbach). http://joachimbrandenberg.de/

Der Corona-Situation angepasst werden alle Lesungen, soweit es die Witterung möglich macht, unter freiem Himmel angeboten. Sollte das Wetter nicht mitspielen, finden die Veranstaltungen im Cabaret Eden in Ulm (Karlstraße71) statt. Das Festival wird durchgehend ehrenamtlich organisiert. Dennoch verzichten die Macher auf feste Eintrittspreise. „Jeder soll die Veranstaltungen besuchen und Kultur genießen können, unabhängig vom Einkommen – dies erscheint uns gerade in Coronazeiten sehr wichtig“, betont Arnold. Spenden an den Abenden oder direkt an den Trägerverein, den Literatursalon Donau e.V., sind dagegen höchst willkommen. Die Literatuwoche wird präsentiert vom Literatursalon Donau in Zusammenarbeit mit der Aegis Buchhandlung und dem Topalian & Milani Verlag. Ermöglicht wird das Festival durch die Förderung der Stadt Ulm und der Museumsgesellschaft Ulm. Mit etwas Sorge blicken die Organisatoren daher auf die kommenden Jahre: “Wir werden sehen, wie sich Corona auf die kommunale Förderung der Kultur und unsere Veranstaltung auswirken wird“, so Arnold, „wir werden dafür einstehen, dass auch Literatur abseits des Mainstreams ihren öffentlichen Platz erhält.“

Den hat sie auf jeden Fall im Rahmen der LiWo 2021. Alle weiteren Informationen zu den Veranstaltungen finden sich im Programmflyer beziehungsweise auf der Homepage www.literatursalon.net

Den Programmflyer mit allen Terminen und ausführlichen Infos gibt es zum Download hier – bitte gerne Weiterreichen!

Erich Mühsam: Sich fügen heißt lügen

Der Gefangene

Ich hab’s mein Lebtag nicht gelernt,
mich fremdem Zwang zu fügen.
Jetzt haben sie mich einkasernt,
von Heim und Weib und Werk entfernt.
Doch ob sie mich erschlügen:
Sich fügen heißt lügen!

Ich soll? Ich muß? – Doch will ich nicht
nach jener Herrn Vergnügen.
Ich tu nicht, was ein Fronvogt spricht.
Rebellen kennen bessre Pflicht,
als sich ins Joch zu fügen.
Sich fügen heißt lügen!

Der Staat, der mir die Freiheit nahm,
der folgt, mich zu betrügen,
mir in den Kerker ohne Scham.
Ich soll dem Paragraphenkram
mich noch in Fesseln fügen.
Sich fügen heißt lügen!

Stellt doch den Frevler an die Wand!
So kann’s euch wohl genügen.
Denn eher dorre meine Hand,
eh ich in Sklavenunverstand
der Geißel mich sollt fügen.
Sich fügen heißt lügen!

Doch bricht die Kette einst entzwei,
darf ich in vollen Zügen
die Sonne atmen – Tyrannei!
dann ruf ich’s in das Volk: Sei frei!
Verlern es, dich zu fügen!
Sich fügen heißt lügen!

Erich Mühsam, August 1919.

„Erich wie? Mühsam. Erich Mühsam. Tatsächlich wissen heute Viele mit dem Namen nichts mehr anzufangen. Auch in den Reihen der Buchhandlungen sucht man meist vergeblich nach ihm. Ein Symptom dafür, dass die kulturelle Erinnerungsarbeit außerhalb einiger kleiner linksintellektueller Kreise hier jahrzehntelang geschlafen hat. Oder – schlimmer Verdacht – gar schlafen wollte?“

So stand es 2003 in der „Zeit“ zu lesen, als zum 125. Geburtstag des Schriftstellers und Anarchisten Erich Mühsam ihm die Stadt München eine Ausstellung widmete. 2018 lenkt zumindest das Gedenkjahr an die 100 Jahre zurückliegende Revolution in Bayern und das kurze Experiment der Räterepublik wieder das Augenmerk auf diese Namen: Erich Mühsam, Gustav Landauer, Kurt Eisner. Eine Regentschaft der Poesie, schnell niedergeknüppelt.

Wer war dieser Mann, der zeitlebens den aufrechten Gang übte?
Biographisches in aller Kürze:
1878 in Berlin geboren, Kind jüdischer Eltern (1926 trat er aus dem Judentum aus), aufgewachsen in Lübeck. Dort wird der sprachlich begabte Schüler, der früh schon eigene Texte schreibt, 1896 vom Gymnasium wegen „sozialistischer Umtriebe“ verwiesen. Dem Wunsch des Vaters – der eine zeitlang die Lübecker Löwen-Apotheke, heute auch aufgrund ihrer Ausstattung ein Anziehungspunkt für Touristen, betrieb – beginnt Mühsam eine Lehre zum Apothekergehilfen. Das Verhältnis zum Vater bleibt schwierig, wie aus Mühsams Tagebüchern zu erlesen ist:

„Meines Vaters zweiundsiebzigster Geburtstag. Das Datum weckt in mir Gefühle, die fernab sind von kindlicher Freude und fröhlicher Mitfeier. Bei allen guten Gefühlen, die ich mir noch für meinen Vater erhalten habe, bei allem Respekt vor vielen Zügen seines Charakters, bei aller Sympathie, die wohl im Blut liegt, bei allem Mitleid an den mancherlei Nöten die er trägt, an denen selbst, zu denen ich Ursache bin – das Gefühl der Dankbarkeit, das doch im Empfinden des Kindes gegen die Eltern als das natürlichste gilt, ist mir völlig verloren gegangen. Wenn ich mich frage, wofür soll ich ihm danken? so fällt mir in der Tat nichts weiter ein außer der Tatsache, daß er mich gezeugt hat, und die Gedanken, die sich hieran anschließen, sind so bitter, daß sie mir Franz Mohrsche Betrachtungen nahelegen. Wahrhaftig! Daß er mich ernährt hat, erhebt ihn, der es ohne Not konnte, nicht über andre Menschen, nicht über arme Tagelöhner, die viele Kinder vor Hunger schützen und liebend betreuen. Daß er mir einige Schulbildung ermöglichte, solange bis ich selbst mich voll Ekel aus der Schule davonmachte, das ist kein Grund zu Dankgesängen. Tat er es doch gewiß nicht, um mich zu dem zu machen, was ich werden wollte und mußte, zu dem, was ich ward. Für seine Erziehung? Es steigt etwas wie Haß in mir auf, wenn ich daran zurückdenke, wenn ich mir die unsagbaren Prügel vergegenwärtige, mit denen alles, was an natürlicher Regung in mir war, herausgeprügelt werden sollte. Man kannte meine Neigung, Bücher zu lesen. Nie erhielt ich welche geschenkt, und als man dahinter kam, daß ich nachts heimlich aufstand, an den Bücherschrank der Eltern ging und mir die Werke Kleists, Goethes, Wielands, Jean Pauls herausholte, da verschloß man den Schrank und nahm mir die einzige Möglichkeit, meine tiefe Sehnsucht zu befriedigen. Geld bekam ich nie in die Hand.“

2. September 1910

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Gedenktafel für Erich Mühsam an einem Wohnblock in Oranienburg, Berliner Straße Ecke Erich-Mühsam-Straße. Bildquelle: By Jumbo1435 – Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=14039283

Ab 1901 lebt er in Berlin, lernt dort den Schriftsteller Gustav Landauer (Ehemann von Hedwig Lachmann) kennen, zu dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbindet. Hier fällt die Entscheidung, dem bürgerlichen Beruf nicht nachzugehen, hier wird Erich Mühsam zum freischaffenden Schriftsteller.

„Ich wollte Schriftsteller werden, beichtete ich meiner Mutter, als ich glaubte, ich würde es in der Apothekerlehre nicht mehr aushalten. Tränen, Begütigungen, Aufregungen. Schließlich hieß es: gut, mach dein Gehilfenexamen, dann darfst du Schriftsteller werden. Die Mutter starb. Um den Vater in seinem Gram nicht zu kränken, gab ich meiner Schwester Margarete das heilige Versprechen, bis zum Examen würde ich mich von aller Literatur und allen Interessen, die mich bewegten fernhalten, bis zum Gehilfenexamen. Ich hielt das Versprechen. Was es mich gekostet hat, kann kein Mensch ermessen. Ich machte auch das Examen. ¾ Jahre darauf tat ich, was ich tun wollte und mußte. Ich ging nach Berlin als Gehilfe und sprang von dort heraus – in die Neue Gemeinschaft. Jetzt war ich Schriftsteller. Mein Vater in Verzweiflung. Er wollte mich aushungern.“

2. September 1910

Nach Wanderjahren, die ihn nach München, Wien, Paris, Zürich führen, kommt er 1909 nach München. 1915 heiratet er Kreszentia Elfinger, seine „Zensl“: Obwohl anderen Frauen nach wie vor nicht abgeneigt, wird sie seine innige Lebensgefährtin, die ihm auch während der Jahre der Haft Stütze und Hilfe ist. Eines seiner humorvollen Gedichte gibt vielleicht auch die Richtung dieser Beziehung vor:

So warb der Sportsmann Max sein Weib Marie:
“Willst du es mit mir wagen, meine Teure?
Begleite mich zur ewigen Kahnpartie:
Ich rudre dich durchs Leben, und du steure!”

 

1918 wird Erich Mühsam erstmals zu sechs Monate Festungshaft wegen politischer Betätigung verurteilt. Das hält ihn jedoch nicht davon ab, nach der Entlassung wieder politisch aktiv zu werden. 1919 wird er, an der Seite seines Freundes Gustav Landauer, einer der führenden Köpfe der Münchner Räterepublik. Nach deren Niederschlagung wird Mühsam zu 15 Jahre Festungshaft verurteilt, fünf Jahre davon, bis zur Amnestie, verbringt er im Gefängnis in Niederschönenfeld (das Gefängnis zwischen Augsburg und Donauwörth existiert heute noch).

Am 15. Oktober 1921 schreibt er in sein Tagebuch:
„Vorgestern waren 30 Monate herum, seit ich von Zenzls Seite aus dem Bett geholt wurde. 2½ Jahre in Haft! Eine nette Spanne Zeit, die mir vom Leben gestohlen wurde. Heut aber ist ein Jubiläum, das auch nicht stillschweigend übergangen werden soll: 1 Jahr Niederschönenfeld! Der Teufel hol’s. Ein Jahr Daumenschrauben, immer fester, immer enger.“

1924 kaum entlassen, nimmt Mühsam, der inzwischen nach Berlin zurückgekehrt ist, seine politischen Tätigkeiten sofort wieder auf. Unmittelbar nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten wird Mühsam verhaftet, seine Bücher vom Regime verbannt und verbrannt. Knapp anderthalb Jahre „Schutzhaft“ übersteht Mühsam, ohne von seinen politischen Überzeugungen einen Deut abzurücken. In der Nacht vom 9. auf 10. Juli 1934 wird er von SS-Leuten im KZ Oranienburg ermordet. Zu Tode geprügelt und dann aufgehängt, erzählen Überlebende der KZ-Haft später.

Seine Worte brennen heute noch:

„Anarchie ist Freiheit von Zwang, Gewalt, Knechtung, Gesetz, Zentralisation, Staat. Die anarchische Gesellschaft setzt an deren Stelle: Freiwilligkeit, Verständigung, Vertrag, Konvention, Bündnis, Volk.

Aber die Menschen verlangen nach Herrschaft, weil sie in sich selbst keine Beherrschtheit haben. Sie küssen die Talare der Priester und die Stiefel der Fürsten, weil sie keine Selbstachtung haben und ihren Verehrungssinn nach außen produzieren müssen.“

Das Zitat entstammt einem Aufsatz zur Anarchie, erschienen im Kain-Kalender 1912 – die von Erich Mühsam herausgegebene Zeitschrift „Kain“ mit dem Untertitel „Zeitschrift für Menschlichkeit“ erschien von 1911 bis 1919, allerdings nicht in den Kriegsjahren.

Doch das politische Engagement ist nur eine Seite dieses Schriftstellers, der so viele Talente in sich trug – auch als Kabarettist und mit seinen Zeichnungen wußte er zu unterhalten.

Erinnernswert sind beispielsweise seine Schüttelreime:

„Man wollte sie zu zwanzig Dingen
in einem Haus in Danzig zwingen.“

Mühsam schüttelte neben (oder auch trotz) der zeitaufwändigen politischen Agitationsarbeit scheinbar mühelos noch zahlreiche humorvolle, satirische oder auch ganz liebevolle Texte aus dem Ärmel. Unter anderem schrieb er, beispielsweise gemeinsam mit Hanns Heinz Ewers, als „Onkel Franz“ auch für Kinder. Eines seiner Kindergedichte ist „Der Faulpelz“:

Der Faulpelz

Otto, Otto, lerne!
Lerne dein Gedicht!
Tust du es nicht gerne,
Hilft’s dir dennoch nicht.

In der Schule morgen
Weißt du dir es Dank. –
Otto sitzt in Sorgen
Auf der Gartenbank.

Otto sitzt in Kummer
Unterm Lindenbaum;
Und er sinkt in Schlummer,
Weiß es selber kaum.

Fanny und Lenore
Treiben mit ihm Spaß,
Kitzeln ihn am Ohre
Mit dem Zittergras.

Otto’s Geist ist ferne,
Und er merkt es nicht; –
Otto, Otto, lerne!
Lerne dein Gedicht!

Eines seiner bekanntesten Gedichte ist von zeitloser Aktualität:

Der Revoluzzer

War ein mal ein Revoluzzer
im Zivilstand Lampenputzer;
ging im Revoluzzerschritt
mit den Revoluzzern mit.

Und er schrie: “Ich revolüzze!”
Und die Revoluzzermütze
schob er auf das linke Ohr,
kam sich höchst gefährlich vor.

Doch die Revoluzzer schritten
mitten in der Straßen Mitten,
wo er sonsten unverdrutzt
alle Gaslaternen putzt.

Sie vom Boden zu entfernen,
rupfte man die Gaslaternen
aus dem Straßenpflaster aus.
zwecks des Barrikadenbaus.

Aber unser Revoluzzer
schrie: “Ich bin der Lampenputzer
dieses guten Leuchtelichts.
Bitte, bitte, tut ihm nichts!

Wenn wir ihn’ das Licht ausdrehn,
kann kein Bürger nichts mehr sehen.
Laßt die Lampen stehn, ich bitt! –
Denn sonst spiel ich nicht mehr mit!”

Doch die Revoluzzer lachten,
und die Gaslaternen krachten,
und der Lampenputzer schlich
fort und weinte bitterlich.

Dann ist er zu Haus geblieben
und hat dort ein Buch geschrieben:
nämlich, wie man revoluzzt
und dabei doch Lampen putzt.


Weitere Informationen:

Tagungen, eine Schriftenreihe, ein Erich-Mühsam-Preis, der Aufbau eines Archivs – dem hat sich die Erich-Mühsam-Gesellschaft verschrieben, die einen Platz im Lübecker Buddenbrookhaus fand (Mühsam und Thomas Mann waren am dortigen Katharineum Schulkameraden): www.erich-muehsam-gesellschaft.de

Seine umfangreichen Tagebücher, die einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der Zeitgeschichte leisten, sind in den vergangenen Jahren beim Verbrecher Verlag erschienen. Online zu finden sind sie hier.

Bild zum Download: Stolperstein für Erich Mühsam in Lübeck


 

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Paul Scheerbart: Katerpoesie

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Bild: Birgit Böllinger

Moderner Gassenhauer

Der Eremit ist dick und groß;
Er haßt die Nebenmenschen bloß.
Er liebt nur seine Klause
Und bleibt daher zu Hause.

Die ganze Welt ist ihm Pomade.
Die Nebenmenschen sagen: schade!
Das aber rührt den Teufel nicht.
Hat er nur stets sein Leibgericht,
So ist ihm alles piepe –
Der Haß und auch die Liepe.

Auch der, der diese Verse schrieb, blieb sein Leben lang ein Einzelkämpfer. Er war der Dichter, der sein Leben dem Perpetuum Mobile widmete. Er war der Zeichner, der den Verlag der Phantasten gründete. Und er war der Lyriker, dessen Buch als eines der ersten im Rowohlt Verlag erschien: Paul Carl Wilhelm Scheerbart (1863-1915), der auch unter den Pseudonymen Kuno beziehungsweise Bruno Küfer arbeitete.

Erich Mühsam schrieb in seinen “Unpolitischen Erinnerungen”:
“Es wird — hoffentlich! — nicht nötig sein, Scheerbart als Dichter vorzustellen. Obgleich seine Bücher, die es so sehr verdient hätten, keine hohen Auflagen erreicht haben und, wie es scheint, jetzt völlig vom Markt verschwunden sind, hat es doch eine Zeit gegeben, die dem humorvollsten Phantasten und dem phantasievollsten Humoristen der modernen deutschen Literatur wenigstens die platonische Anerkennung nicht schuldig blieb. Die Zeit aber, die diesen kosmischen Spötter als sich zugehörig erkennen wird, diese Zeit, daran zweifle ich nicht, wird noch kommen. Es wird die Zeit sein, die von Freiheit des Menschen und seiner Gedanken- und Gefühlswelt wissen und die hinter dem dröhnenden Lachen des Dichters, der seine philosophischen Romane auf dem Mond und dem Jupiter spielen läßt, den tiefsten sozialen Ernst heraushören wird. Wer Paul Scheerbart persönlich nahestand, der sah, wie einheitlich diese Persönlichkeit war.”

Dies war 1927 – Scheerbart war gerade nur zwölf Jahre vorher, völlig verarmt und in Folge eines Gehirnschlags, gestorben. Schon zu Lebzeiten hatten seine Bücher keine hohen Auflagen erreicht. Zwar erschien Scheerbarts erster Roman, “Die große Revolution”, 1902 im Insel Verlag, 1909 verlegte Ernst Rowohlt Scheerbarts skurrile Gedichtsammlung “Katerpoesie”. Obwohl er somit zu den Gründungsschriftstellern zweier bedeutender Verlage zählte – der Bekanntheitsgrad Paul Scheerbarts blieb begrenzt. Immer noch gilt er als “Geheimtipp” oder etwas für literarische Kenner – dabei ist er einer der großen Autoren phantastischer Literatur, seine versponnene Poesie beeinflusste DADA und die Expressionisten.

Scheerbart lässt sich in keine Schublade pressen. Einerseits schrieb er humorvolle, warmherzige, ironische, skurrile, vor Lebenslust sprühende Verse, aber andererseits entwarf er phantastische Welten, stilisierte seine eigene zu einer Kunstwelt, ging gedanklich über Grenzen, über die ihm nicht jeder folgen mochte oder folgen kann.

Viel zitiert werden die letzten beiden Sätze am Ende der “Katerpoesie”: “Charakter ist nur Eigensinn. Es lebe die Zigeunerin!”. Das Gedicht in voller Länge zeugt von der inneren Verfasstheit seines Schöpfers:

Sei sanft und höhnisch!
Charakter-Cyklus

Charakter ist nur Eigensinn;
Ich bin mit mir zufrieden.
Ich geh nach allen Seiten hin;
Wir sind ja so verschieden.

Geht mir mit der Quälerei!
Sie macht wirklich kein Vergnügen;
Mir kann nur die Wurschtigkeit
Toll und voll und ganz genügen.

Was wie ein Schienenpaar zerfahren ist,
Das ist noch härter als der Antichrist.

Ich möcht am liebsten meine Tinte
Dem Menschenvolk ins Blutgeäder spritzen.
Ich will mich bloß nicht so erhitzen.

Glaube mir:
Ich streichle dir
Die zarten vollen Wangen.
Glaube mir:
Ich hab nach dir
Wahrhaftig kein Verlangen.
Ich will dir immer gut sein!
Bleibe mir nur ewig fern
Wie der stille Abendstern.

Ich hab die ganze Nacht gelacht –
Natürlich – nur im Traume!
Jetzt bin ich endlich aufgewacht –
Natürlich – noch im Raume!
Ich kann nun nicht mehr lachen!
Was soll ich also machen?
Weiterwachen?

Sei klein – dann ist die Welt so groß!
Sei schwach – dann ist die Welt so stark!
Sei dumm – dann ist die Welt so klug!
Sei stumm – dann ist die Welt so laut!
Sei arm – dann ist die Welt so reich!

Reimerei und Schweinerei!
Mir ist alles einerlei!
Alte Katzen sind nicht blöde.
Aber jene Untermenschen,
Die ich täglich braten möchte,
Machen mir die Welt so öde.

Mir ist alles einerlei!

Mensch, sei frei!

Ach, nur im Dunkeln
Funkeln die Sterne.

Freche Fratze,
Deine Glatze
Ist nicht alt,
Auch nicht jung,
Bloß voll Dung,
Hast du bald
Dung genung?

Die Eitelheit, die Eitelkeit –
Die steckt ja wohl im Narrenkleid.
Doch bei den steifen ernsten Leuten –
Da steckt sie unter allen Häuten.

Der Nebel meiner Lebensqual
Ist dunkel, trüb und fett.
Ich liege still zu Bett.

Fahrig, lax, frivol und wischig
Ist die große Alterskunst –
Gräßlich ist der ganze Dunst.

Doch die stillen Flaggenstöcke –
Freunde, die laßt stehen,
Wenn auch die Spektakelfeste
Lichterloh vergehen.

Die Flaggenstöcke gingen tief
In unsre alte Erde ‘rein.
Wir aber gingen immer schief –
Im Sonnen- wie im Mondenschein.

Alte böse Menschen schimpfen
Über meine Lustigkeit.
Und das ist doch weiter nichts als
Alter, dunkelgelber Neid.

Du kindische Kröte,
Dich quetsch ich zu Brei.
Ich mag doch nicht hören
Die Mopslitanei,
Die sich lustig macht
Über den, der lacht.

Ich schmiß einen Menschen zum Fenster hinaus –
Natürlich – nur im Traume!
Ich fragte höflich die Mama:
Wozu ist das Männchen da?

Was denkt sich denn der junge Fant?
Ich liebte nie mein Vaterland.
Das tun ja schon so viel Soldaten!
So selbstgefällig bin ich nicht!

Lieber süßer Kannibale,
Liebst du meine Tante Male?
Friß sie auf – sie ist gesund –
Ihre Welt wird ihr zu bunt.

Klarheit wollt ihr?
Dicke Klarheit?
Seid ihr echte Untermenschen?
Wollt ihr nicht den kummervollen
Rausch der Ewigkeit umhalsen?
Wollt ihr nicht den götterhaften
Allempfindungsdünkel kosten?
Aber nein: ihr seid gescheidter;
Eure Sehnsucht will ins Bettchen,
Denn der liebe Sandmann kam.

Ich weiß, was ich begehrte;
Nie klar wird das Verklärte.
Mit den Ketten will ich rasseln,
Daß das Trommelfell euch platze!
Es erblüh in euern Dasseln
Alles Glück in einem Satze.

Ach, nur im Dunkeln
Funkeln die Sterne.
Breite Nachtkapuzen,
Ich will euch nur uzen!
Keiner sticht euch tot!
Alles ist im Lot!

Überwinden, überwinden
Wollen wir die letzten Trümpfe.
Und wenn wir das Letzte finden,
Machen wir uns auf die Strümpfe.

Charakter ist nur Eigensinn.
Es lebe die Zigeunerin!

Schluß!!

Seine Leidenschaft: Das Perpetuum mobile

Sein Werk und seine Interessen waren dergestalt vielfältig, dass dies in einer Kurzbiographie kaum umrissen werden kann. Neben dem Schreiben beschäftigte er sich vor allem mit Architektur und Erfindungen. So beeinflusste er mit seinen Aufsätzen zur Glasarchitektur auch die jungen Bauhaus-Architekten. Bruno Taut widmete ihm ein Glashaus bei der Werkbundausstellung 1914, mit dem Taut erstmals auch internationale Anerkennung fand. Ebenso faszinierend sind Scheerbarts Versuche zum “Perpetuum mobile”. Er beschäftigte sich jahrelang mit dieser Forschungsarbeit. Das Perpetuum mobile war für ihn “Wüstenkultur im großen Stil. Dagegen ist der Panamakanal eine Bagatelle.“ Mehr dazu findet man in einer der umfangreichsten Sammlungen im Netz unter www.scheerbart.de.

Völlig verarmt starb Paul Scheerbart 1915 an einem Gehirnschlag. Später wurde von Walter Mehring verbreitet, er habe sich aus Protest gegen den Ersten Weltkrieg zu Tode gehungert. Das Gerücht ließ sich nicht halten. Hungrig – im mehrfachen Sinne – materiell, aber vor allem geistig – hungrig nach Wissen, neugierig und phantasievoll, das war Scheerbart aber wohl sein Leben lang.

Nie verzagen, niemals klagen!
(1892)

Nie verzagen, niemals klagen!
Sei mein stetes Fluchtpanier.
Hab ja längst gelernt entsagen;
Niemals ich den Mut verlier.

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Hedwig Lachmann: Gesammelte Gedichte

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Bild von Alain Audet auf Pixabay

Spaziergang

Die Sonne steht schon tief. Wir scheiden bald.
Leis sprüht der Regen. Horch! Die Meise klagt.
Wie dunkel und verschwiegen ist der Wald!
Du hast das tiefste Wort mir nicht gesagt. –

Zwei helle Birken an der Waldeswand.
Ein Spinngewebe zwischen beiden, sieh!
Wie ist es zart von Stamm zu Stamm gespannt!
Was uns zu tiefst bewegt, wir sagen’s nie. –

Fühlst du den Hauch? Ein Zittern auf dem Grund
Des Sees. Die glatte Oberfläche bebt.
Wie Schatten weht es auch um unsern Mund –
Wir haben wahrhaft nur im Traum gelebt. –

Hedwig Lachmann (1865-1918)

Prägen Landschaften die Menschen, die in ihnen leben?
Ich meine: In gewisser Weise schon.
Die jüdische Dichterin Hedwig Lachmann wuchs in der unspektakulären Landschaft Mittelschwabens auf, wo sie nach einem wechselvollen Leben auch starb. Das Kleinräumige, das nach Weite schreit, das herbstlich Karge, das sich im Sommer fast schon wieder in das Kitschig-Liebliche wandeln kann, das Bodenständige, das Zurückgenommene  – all das ist in dieser Landschaft. Und es ist in den Gedichten Lachmanns zu spüren, die immer wieder in diese schwäbische Gegend zurückkehrte: Hier war ihre Familie, hier ihre Heimat.

Ebenso sind in den Gedichten auch Sehnsucht nach einem stillen Ort, nach menschlicher Wärme und eine leise Herzensklugheit zu spüren, die jene in den Blick nimmt, die keinen Ort mehr haben:

Winterbild

In meinem Zimmer ein paar frische Blumen,
Die allen Wintermissmut mir vertreiben.
Ein Vöglein pickt vor meinem Fenster Krumen
Und guckt dabei zutraulich durch die Scheiben.

In Stroh und Bast die Bäume eingeschlagen,
Damit der strenge Frost sie nicht berühre,
Die Beete wohl verwahrt vor kalten Tagen –
Und, blossen Haupts, ein Bettler vor der Türe.

Diese Mischung aus leiser Melancholie und Mitgefühl ist ein Kennzeichen dieser Dichterin, die dem Vergessen zum Opfer fiel. Wer nur diese Seite ihrer Lyrik kennenlernt, erhält jedoch ein falsches, einseitiges Bild: Hedwig Lachmann war ebenso eine engagiert politisch denkende Frau, eine, die ihren Weg wählte und ging, jedoch ohne viel Aufhebens darum zu machen. Mir scheint, sie war eine stille Unangepasste – eine, die früh selbständig war, die zum selbständig Denken erzogen worden war und durchaus auch deshalb nicht den einfachsten ihr dargebotenen Weg einschlug.

Hedwig Lachmann kam im August 1865 in Pommern zur Welt. Sie war die Älteste der sechs Kinder des Kantors Isaac Lachmann und dessen Frau Wilhelmine. Die Familie zieht 1873 nach Hürben bei Krumbach um. In diesem  schwäbisch-bayerischen Ort existierte von 1675 bis 1942 eine meist sehr große jüdische Gemeinde, allein um 1840 gehörten zu ihr 652 Mitglieder. Bereits um 1900 war die Gemeinde jedoch auf 123 Personen gesunken. 40 Jahre später überleben nur wenige Hürbener Juden, die rechtzeitig auswandern konnten, den Nationalsozialismus.

Als Hedwig Lachmann nach Hürben kommt, ist die jüdische Gemeinde bereits sehr klein, aber noch intakt. Ihr Vater ist dort ebenfalls als Kantor und Lehrer tätig. Sie selbst besucht die Mädchenschule in Krumbach und legt dank ihrer Sprachbegabung bereits mit 15 Jahren ein Lehrerinnen-Examen in Augsburg ab. 1882 – also gerade erst 17 Jahre alt – übernimmt sie ihre erste Stellung als Gouvernante in England, dann folgen Aufenthalte in Dresden, ab 1887 in Budapest, ab 1889 schließlich lebt sie in Berlin.

 

Schon zu dieser Zeit schrieb Lachmann eigene Gedichte und arbeitete ab und an journalistisch. Ihre ersten Veröffentlichungen umfassen jedoch vor allem noch Nachdichtungen und Übersetzungen, unter anderem “Ungarische Gedichte” von Alexander Petöfi sowie Nachdichtungen der Lyrik Edgar Allan Poes. Gefördert wurde ihr Talent vor allem von Richard Dehmel, mit dem sie ab 1892 einen intensiven Briefwechsel führt. Mit dem Lyriker verbindet sie eine komplizierte Beziehung – er, damals noch verheiratet mit der Märchendichterin Paula Oppenheimer, sehnt sich nach einer Ménage à trois, will die Lachmann nicht nur platonisch lieben. Sie schreckt davor zurück – und entzieht sich der Situation durch ihren Umzug nach Budapest. Die Freundschaft zu Dehmel zerbricht endgültig 1914, als dieser sich, wie so viele andere Intellektuelle, vom Taumel der Kriegsbegeisterung mitreißen ließ. Er ließ sich, so schreibt sie an einen Freund, “von der Sturzwelle der nationalen Leidenschaft fortreißen”, er habe “seinen Beruf verkannt.”

Auch wenn Hedwig Lachmann sich selbst nicht als Anarchistin bezeichnete, politisch Stellung nahm sie gleichwohl. Vor allem für einen unbedingten Pazifismus. Ihr Antikriegsgedicht ist auch als entschiedene Reaktion auf den blinden Nationalismus der Vorkriegsjahre zu verstehen:

Mit den Besiegten

Preist Ihr den Heldenlauf der Sieger, schmückt
Sie mit dem Ruhmeskranz, Euch dran zu weiden –
Ich will indessen, in den Staub gebückt,
Erniedrigung mit den Besiegten leiden.

Geringstes Volk! verpönt, geschmäht, verheert
Und bis zur Knechtschaft in die Knie gezwungen –
Du bist vor jedem stolzeren mir wert,
Als wär’ mit dir ich einem Stamm entsprungen!

Heiß brennt mich Scham, wenn das Triumphgebraus
Dem Feinde Fall und Untergang verkündet,
Wenn über der Zerstörung tost Applaus
Und wilder noch die Machtgier sich entzündet.

Weit lieber doch besiegt sein, als verführt
Von eitlem Glanz – und wenn auch am Verschmachten,
Und ob man gleich den Fuß im Nacken spürt –
Den Sieger und das Siegesglück verachten.

Bei Richard Dehmel lernt Hedwig Lachmann jedoch bereits 1899 Gustav Landauer kennen – es muss, so kitschig das klingt, Liebe auf den ersten Blick gewesen sein. Denn das Paar entscheidet sich unmittelbar nach dem ersten Zusammentreffen für einen gemeinsamen Aufenthalt in England, obwohl Landauer noch verheiratet ist. 1902 kehren sie mit ihrer in England geborenen ersten Tochter nach Berlin zurück, der gemeinsame Freund Erich Mühsam besorgt ihnen dort eine Wohnung. Erst 1903 kann sich Gustav Landauer scheiden lassen und Hedwig Lachmann heiraten, 1906 wird die zweite Tochter Brigitte geboren. Die beiden geben sich zunächst großen Halt, auch wenn sich Landauer in der Zeit ihrer Ehe auch in andere Frauen verliebt.

Aus deiner Liebe …

Aus deiner Liebe kommt mir solch ein Segen,
Sie macht mein Herz so sorglos und so fest,
Ich kann so ruhig mich drin niederlegen,
Wie sich ein Kind dem Schlafe überlässt.

Ich geh dahin von Zuversicht getragen,
Seit neben deiner meine Seele schweift;
So, wie man wohl an schönen Sommertagen
Durch reife Ährenfelder sinnend streift.

Da gleiten sanft die Finger über Blüten
Und Halme hin, wie eine Mutter pflegt,
Und alles Leben möchte man behüten,
Das seine heil’ge Saat zum Lichte trägt.

1902 veröffentlicht Hedwig Lachmann wieder eigene Gedichte – zuvor war sie vor der Außenwelt vor allem durch ihre Übersetzungen von Poe, Oscar Wilde und Balzac hervorgetreten. Einige dieser Übertragungen sind durchaus noch in Gebrauch: So Balzacs „Frau von 30 Jahren“, erschienen als Fischer Klassik Taschenbuch. 1905 folgt eine Oscar-Wilde-Monographie aus ihrer Feder

1917 ziehen die Landauers wegen der schlechten Ernährungslage zurück nach Bayern – Hedwig kehrt an den Ort ihrer Kindheit zurück. Am 21. Februar 1918 stirbt sie in Krumbach an einer Lungenentzündung. Sie ist dort auf dem jüdischen Friedhof im Orsteil Hürben begragen. Der tieferschütterte Landauer gibt im Jahr nach ihrem Tod ihre “Gesammelten Gedichte” bei Kiepenheuer heraus. Landauer selbst wird 1919, nach dem Scheitern der Münchner Räterepublik, von Soldaten ermordet.

Hedwig Lachmann hat viele wunderbare Gedichte hinterlassen, die es wieder zu entdecken gilt. Und sie gab ihr Talent trotz des viel zu kurzen Lebens weiter: Ihr Enkel ist Mike Nichols, geboren 1931 in Berlin als Michael Igor Peschkowsky, der als Regisseur unter anderem mit “Die Reifeprüfung”, “Catch 22″ und “Silkwood” für gutes Kino sorgte.

 

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Hanns Heinz Ewers: Freche Fee und lustiger böser König

Heute wollen viele Mädchen wie Prinzessin Lillifee sein. Da wünschte man sich fast, die Eltern würden Hanns Heinz Ewers kennen und dessen Märchen. Und ihren Nachwuchs zur Abwechslung einmal damit vertraut machen. Pädagogisch klug wäre das freilich dann nicht, wenn man schon früh einen anpassungsfähigen Leistungsträger heranziehen will. Denn die Märchen dieses 1943 verstorbenen Kultautors, der heute leider beinahe vergessen ist, die sind gegen den Strich gebürstet. In diesen Erzählungen aus einem ganz eigenen Zauberkosmos spielt, tobt und regiert das wilde, ungebärdige, aber dennoch (oder gerade deswegen) ganz und liebenswerte Kind.

So morbide Hanns Heinz Ewers sich in seinen Werken für Erwachsene gab, so zauberhaft licht und leicht schrieb er für Kinder. Tatsächlich sind ja auch der „Lustmord einer Schildkröte“ und andere Erzählungen nichts anderes als phantastische, exotische, überbordernde Märchen für Erwachsene. Und während dort die Lust am Übertreten von Grenzen eine „gefährliche“ Seite hat und mit Drogenexzessen, Vodoo und Orgien einhergeht, drückt sich dieses Grenzenlose in seinen Geschichten für Kinder durch eine schier unbegrenzte Phantasie und einen verspielten Witz aus, der diese Märchen zu einem echten Lesevergnügen macht.

Eines meiner Lieblingsstücke erzählt von der Ginsterhexe oder „Wie der Fasching entstand“:

„Denn die Schwester ihrer Urgroßmutter, die Prinzessin Johanna Nepomuca Hubertina hatte damals, als sie noch ein junges Mädchen war, durchaus keinen Prinzen heiraten wollen, und auch keinen Grafen und keinen Fürsten oder Herzog. Die seien ihr alle viel zu dumm, hatte sie gesagt und dann hatte sie den krummbeinigen Zauberer Kakerlak geheiratet. Das hatte natürlich einen großen Skandal im ganzen Lande gegeben, aber darum hatte sich die Prinzessin gar nicht bekümmert. Sie war einfach mit Kakerlaken durchgegangen, war mit ihm durch die ganze Welt gereist und hatte überall herumgezaubert. Der alte Zauberer, der gar nicht mehr erwartet hatte, daß ihn auf seine alten Tage noch so ein hübsches, junges Prinzeßchen heiraten würde, gewann sie sehr lieb und lehrte sie zum Dank alle Zauberkunststücke und Hexengeheimnisse, die es auf der ganzen Welt gab.“

Man sieht: Prinzessin Johanna Nepomuca Hubertina ist ein echter Eigensinn, ein Original. Und davon gibt es in den Ewers-Märchen einige, die den Leser durch mehrere Geschichten begleiten: Die widerspenstige Lise, die auf ihrer Reise durch die Milchstraße sogar die Engelchen in ihren Schabernack einspinnt, den etwas schnöseligen Otto Bender aus gutem Hause, der von „Underdog“ Joseph Quetschbüdel zu allerlei Abenteuern verführt wird und vor allem Josephs Großmutter, die die herrlichsten Geschichten kennt.

Trotz seiner Drogenabstürze und politischen Verwirrungen bis hin zur Anbiederung an die Nazis – irgendwie bleibt einem dieser Autor gerade durch solche Geschichten sympathisch, denn man merkt diesen Märchen an: Hanns Heinz Ewers war und schrieb selbst wie ein großes Kind, voller Abenteuerlust, voller Lebensfreude und Lust am Fabulieren. Und dieser Spieltrieb sowie die unersättlich erscheinende Neugier auf die Welt, die den erwachsenen Schriftsteller zwar auf unzählige Reisen führten, aber auch oft genug in die Bredouille brachten, dies hat etwas Kindliches, das er sich und seinen Lesern auch in seinen Märchen bewahrt. Freilich setzt er sich damit auch in Gegensatz zur Welt der Erwachsenen oder nimmt diese ironisch aufs Korn:

„Die Feenprinzessin las also „Neueste Nachrichten“ und da sie natürlich gern die neuesten Nachrichten aus aller Welt kennen lernen wollte, so las sie weiter. Sie erfuhr, daß ein Kind sich ganz schrecklich verbrannt hatte, weil es unvorsichtigerweise mit Streichhölzchen gespielt habe, und das tat ihr sehr leid. Sie erfuhr auch, daß ein neues Denkmal enthüllt worden sei und daß jemand eine Rede dabei gehalten habe, und das war ihr ganz egal. Und dann stand noch in der Zeitung, wie hoch der Weizen im Preise stehe und wie hoch der Roggen und was ein Schwein koste und was ein Ochse. Und das war ihr erst recht gleichgültig. Aber vom Feenland stand gar nichts in der dummen Zeitung, und darüber ärgerte sich die Prinzessin Bora, sie hätte so gern was über ihre Verbannung gelesen. Aber sie wußte schon, woher das kam: seit nämlich der Herr Purzel Minister von Avalon war, wurde die Zensur dort ganz außerordentlich streng geübt, und das ist auch der Grund, warum wir Menschen so wenig Nachrichten vom Feenlande bekommen können.“

Dass die Leser heute wieder mehr aus dem Feenlande des Hanns Heinz Ewers lesen können, ist auch einem Mann mit zu verdanken: Sven Brömsel, der auch mitverantwortlich für den Band „Lustmord einer Schildkröte“ bei der Anderen Bibliothek war, ist ebenfalls Herausgeber von „Freche Fee und lustiger böser König“. Das Buch mit den Ewers-Märchen, die damit nach fast 100 Jahren erstmals wieder aufgelegt wurden, erschien in der schönen, liebevoll gemachten Reihe „Literarische Kunststücke“ (die auch andere literarischen Schätze, u.a. von Paul Heyse und Jean Paul zu bieten hat) beim Verlag Ripperger & Kremers und sei jedem mit Kind im Herzen an dasselbe gelegt.

Den Eindruck, hier schrieb das Kind im Manne, bestätigt Sven Brömsel in seinem fachkundigen Nachwort:

„Das Äußre ist ein in Geheimnißzustand erhobenes Innre – Die Novalis-Sentenz könnte als Motto für Hanns Heinz Ewers` gesamtes Schaffen dienen. Seine Märchen sind für die Zeit zwischen 1902-1905 sehr unprätentiös und bestechen noch heute, jenseits höherer Moral und politischer Korrektheit mit Charme und Lässigkeit. Und wirklich, der Dichter ist sein Leben lang – wie die Kunstfigur Jupp Quetschbüdel – ein Lausebengel geblieben.“

Gute Aufsätze, aber schlechte Manieren, ein renitentes Wesen, Schulverweis, Jurastudium und Ausflüge in die Halbwelt, Festungshaft und Studentenverbindung, Rauswurf wegen Faulheit und Impertinenz aus dem Staatsdienst, Varietékünstler, Schriftsteller, Frauenheld, Filmschaffender, Weltreisender und Skandalautor: Der Ewers hat beileibe nichts ausgelassen. Und alles ausgekostet – bis zur bitteren Neige, wie Sven Brömsel schreibt.

„Der gefeierte Autor, Filmemacher, Myrmekologe, Freund sphärischer Musen und realer Drogen hatte die Sinne für Tagespolitik verloren und glaubt, nunmehr 60-jährig mit einem Horst Wessel-Roman reüssieren zu müssen. Zum ersten Mal versucht er sich, mit seiner Kunst anzubiedern – und es wird ein miserables Werk. Aber es ist nicht schäbig genug, um den Nazis zu gefallen, denn es wird, neben seinen ganzen wundervollen Büchern, die auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden, verboten. Der magische Erzähler Hanns Heinz Ewers ist nun ein aus seiner Märchenwelt derb erwachter Autor und stirbt 1943 vereinsamt in Berlin.“

Das Märchenerzählen lag Hanns Heinz Ewers im Blut. Das Talent hat er von der Mutter, der er mit Johanna Nepomuca Hubertina unverkennbar ein literarisches Denkmal setzte. Ihr, der Märchenerzählerin, half HHE schon in frühen Jahren aus, geriet sie ins Stocken – seine Phantasie versiegte offenbar nie. Sein Freund Erich Mühsam schrieb 1904 über ihn, er habe eine neue Ära der Kinderliteratur eingeleitet:

„Im Gegensatz zu allen anderen Kinderbüchern vereinigt es die Anschaulichkeit, den plastischen Stil, die behagliche Vertrautheit, die notwendig ist, um sich dem Kinde verständlich zu machen mit einer erquickenden Phantasie, einem entzückend naiven Humor, und einem prachtvollen Verständnis für alles das, was das Leben in der Kinderseele pulsieren lässt.“

Ewers veröffentlicht zwischen 1901 und 1923 zahlreiche Märchenbücher. Für den vorliegenden Band wurden vor allem Geschichten aus den Jahren bis 1905 ausgewählt. Der Verlag ließ diese von Elena Zjazeva neu illustrieren.


Verlagsinformationen zum Buch:
https://verlag-ripperger-kremers.de/freche-fee-maerchen

Bild zum Download: Drehorgelfigur


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Hanns Heinz Ewers: Lustmord einer Schildkröte

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Bild von reneecporter auf Pixabay

„Dies ist keine sodomistische Geschichte. Es ist eine ganz einfache, wahre Geschichte, und alles, was dabei wüst ist, ist von oben bis unten von mir dazu gelogen worden. Das wird man gleich sehn – aber nur dadurch wurde eigentlich eine Geschichte daraus.“

Eine Warnung vorneweg: Das ist ein Buch für Erwachsene. Aber nicht für Erwachsene, die fürchten, „Michel von Lönneberga“ könnte blonde Schwedenbuben diskriminieren. Bevor aber falsche Erwartungen geweckt werden: Erwachsenenbuch meint nicht Erwachsenenbuch im Sinne Erwachsenenfilmecke. Es geht um Geschichten und nichts anderes als das – Geschichten jedoch, die düster, morbide, lasziv, exzessiv und hintersinnig sind.

„Als ich zwanzig Jahre alt war, wusste ich bestimmt: mir kann keine Frau etwas vormachen.
Als ich dreißig alt war, war ich dessen nicht mehr ganz so sicher.
Heute weiß ich: man lernt nie aus bei den Frauen. Immer neue Kunststücke hecken sie aus, um die männliche Tugend zu Fall zu bringen.“

Würde man politische Unkorrektheit als einen Maßstab anlegen, dann hätte Hanns Heinz Ewers (1871-1943) sein Maß mehr als erfüllt: Der deutsche „Edgar Allen Poe“ – dieser Ruf eilte ihm zu seiner Zeit voraus – schreckte vor nichts zurück. Kannibalismus, Voodoo-Kult, Rachemord und Mundraub, Drogenexzesse und andere Süchte waren seine Themen, degenerierte Adelige, rachsüchtige Halbseidene und weitere sinistre Gestalten sein literarisches Personal, Sodom und Gomorrha seine Zweitadresse. Im wahren Leben ließ er es ebenfalls krachen – ein schillernder Wanderer zwischen den Milieus und Kontinenten, einer, der sowohl auf Reisen in der Außenwelt als auch in die Innenwelt Grenzen überschritt. Einer, der international berühmt und berüchtigt war für Leben und Werk, und ab 1900 bis zum Ende der Weimarer Republik zu den Schriftsteller-Stars zählte: Ein skandalträchtiger Autor, ein Exot selbst in den „Goldenen Zwanzigern“, in denen es an Exzentrikern nicht mangelte. Freund von Erich Mühsam, Liebhaber von Else Lasker-Schüler, ein Lieblingskind der Boheme. Immer aber auch zwischen den Stühlen, für einen Aufruhr gut – Jünglinge fielen bei seinen Lesungen in Ohnmacht, die Damen der Unter-, Halb- und sonstiger Welt ihm zu Füßen. Und er kostete das alles reichlich aus – um letztendlich diese Lebenserfahrungen in Literatur zu wandeln.

„Meine Herrn, wir stehn in zwei Lagern, zwischen denen es eine Einigung nicht gibt. Sie vertreten den großen Humanitätsglauben, dass das Wohl des gesamten Menschengeschlechtes das einzige Kriterium sei, nach dem alle Dinge gemessen werden sollten. Mir dagegen ist das Wohl und Wehe der Menschheit vollständig gleichgültig.“

Zuletzt überspannte selbst er jedoch den Bogen deutlich, als er sich den Nationalsozialisten andiente, vielleicht auch von deren „esoterischen“ Seite, verkörpert durch Himmler & Co., stark angezogen fühlte – um dann dennoch die Verbrennung seiner „dekadenten“ Schriften miterleben zu müssen.

Heute gehört er zu den Vergessenen der deutschen Literatur. Auch der wunderbar aufgemachte Band „Lustmord einer Schildkröte“, der 2014 als Band 356 bei der Anderen Bibliothek erschien, hat noch nicht zu der vielleicht erhofften Ewers-Renaissance geführt – die Rezensionen in den Feuilletons der größeren Zeitungen sind überschaubar, Besprechungen kaum zu finden. Ein schöner Beitrag beim WDR findet sich zum Nachhören hier:
http://www.wdr3.de/literatur/lustmordeinerschildkroete104.html

Die abseitig-abgründige Themenwahl, die Kollaboration mit den Nationalsozialisten – sie verstellen heute wahrscheinlich den Blick auf das Werk. Dass HHE im Auftrag Hitlers ein Horst-Wessel-Buch schrieb (das jedoch missfiel und verboten wurde), erscheint heute – auch mit dem Hinweis, dass Ewers streckenweise ein von Drogen verwirrter, schillernder Vogel war – nur schwer entschuldbar.

„Ich möchte im Gegenteil behaupten, dass ich, insbesondere unter Künstlern, das Individuum noch nicht kennengelernt habe, das bis in den letzten Grund psychisch eingeschlechtlich zu nennen gewesen wäre. Unsere Mannheit in allen Ehren, aber sie hindert nicht, dass überall und immer wieder das Weibliche in uns zum Durchbruch kommt.“

„Es ist nicht auszuschließen, dass der etwas drogenzerrüttete Ewers die Nationalsozialisten kurzzeitigen mit seinem künstlerischen Ich des Nazi-Draufgängers der 1890er-Jahre kontextualisiert. (Anmerkung der Blogbetreiberin: Im zweiten Fall steht „Nazi“ für den mundartlichen Ausdruck für Schürzenjäger, den Ewers in einer frühen Erzählung nutzte)“, schreibt Sven Brömsel in seinem informativen Nachwort zu „Lustmord einer Schildkröte“. Jedenfalls: Ewers, 1932 in die NSDAP eingetreten, wird zwar als NS-Pressereferent für das Ausland eingesetzt, von vielen Nazi-Größen jedoch als suspekt und dekadent betrachtet. Und muss die Mesalliance teuer bezahlen: Verbrennung der Bücher, Veröffentlichungsverbot, durch die Nähe zu Röhm gerät Ewers auf die SS-Todeslisten und muss schließlich untertauchen. Und er bezahlt posthum bis heute – sein schillerndes Auftreten, als er sich noch neben Hitler und Goebbels sonnte, verdeckt seinen Einsatz für Opfer des Regimes, denen er zum Untertauchen und zur Flucht verhalf. Und es verdeckt bis heute den Blick auf sein Werk.

„Bittsteller ist in seiner Eigenschaft als Schulinspektor – in vierzehn Gemeindeschulen, einer Realschule, einer Bürgermädchenschule und einem Lehrerseminar – häufig Zeuge der schamlosesten Vorgänge. Unter Anleitung der Lehrer, die darin nur den vorgeschriebenen Unterrichtsbüchern folgen, werden die jungen Seelen genötigt, das Geschlechtsleben der Pflanzen bis in die kleinste Einzelheit zu studieren. Ohne mit der Wimper zu zucken, führt der Lehrer die reinen Gemüter in einen Pfuhl des Lasters, in ein Sodom der unerhörtesten Perversionen.“

Aber seine Literatur war frei von der nationalsozialistischen volkstümelnden Ideologie, frei von Blut-und-Boden-Romantik, wenn auch nicht frei von rassistischen Anwandlungen. Letztere sind einesteils im Kontext der Zeit zu werten, andererseits gehören sie aber auch zur Kunst der Provokation, die Ewers pflegte. Ein ständiger Tabubrecher, der politische Korrektheit ad absurdum führte und in seinen Texten versuchte, die moralische Basis seiner Leser zu erschüttern. Er war ein Weltbürger und Überschreiter von Grenzen – im Leben schritt er jedoch oftmals leider auf die falsche Seite. Seine letzten Worte an seine Sekretärin waren: „Jennylein, was war ich für ein Esel!“

Die politischen Verwirrungen, aber auch die Einordnung als „Paradiesvogel“, vielleicht auch als Zeiterscheinung einer dekadent anmutenden Ära sind es, die eventuell bis heute den Zugang erschweren. So meint man auch bei der Hanns-Heinz-Ewers-Gesellschaft, HHE sei vergessen, weil:

Dafür gibt es eine ganze Reihe von ernstzunehmenden Gründen. Schon zu Lebzeiten wurde Ewers mit heftigen Vorwürfen konfrontiert: Zu dekadent war seine Themenwahl, die kaum ein Tabu der damaligen Zeit ausließ. Später kollaborierte er fatalerweise mit dem Dritten Reich, freilich ohne dabei sein Engagement für die Gleichberechtigung der Juden aufzugeben.

Ewers, der seine künstlerische Laufbahn als Kabarettist begann, saß stets zwischen allen Stühlen. Er schrieb erfolgreich satirische Fabeln, in denen er scharfzüngig das Spießbürgertum attackierte, im gleichen Atemzug veröffentlichte er liebevoll gestaltete Märchenbücher für Kinder. Mit der meisterhaften Schilderung der Femme Fatale „Alraune“ erlangte er Weltruhm und avancierte zum meistverkauften deutschen Autor seiner Zeit. Außerdem ging Ewers als einer der ersten Filmpioniere in die Geschichte ein, mit „Der Student von Prag“ erfand er den Autorenfilm und schrieb Dutzende Drehbücher, bis er schließlich von den Nazis Schreibverbot erhielt und damit bis zu seinem Tode praktisch mundtot gemacht wurde.

Der Einfluss von Hanns Heinz Ewers auf die phantastische Literatur, insbesondere in Frankreich und den USA, darf nicht unterschätzt werden. In Deutschland half er, die Geisteshaltung und die Mentalität der Weimarer Republik und der „Goldenen Zwanziger“ zu prägen: Zu auflagenstark waren seine Romane, zu präsent war seine persönliche Erscheinung im öffentlichen Leben, um übersehen zu werden. Selbst Bertolt Brecht sah sich gezwungen, sich mit dem „Fachmann für Entschleierung“ auseinanderzusetzen. Dennoch findet Ewers in der herkömmlichen Literaturgeschichtsschreibung nicht mal als Fußnote Erwähnung.

Lässt man alle Vorbehalte beiseite, so kann man mit „Lustmord einer Schildkröte“ tatsächlich eine literarische Welt entdecken, die lustvoll in ein dunkles Fantasia entführt. Aus dem enormen Œvre Ewers, der unheimlich, fast schon magisch produktiv war, haben Marcus Born und Sven Brömsel eine Auswahl aus den Erzählungen getroffen, die die ganze düstere und zugleich kunterbunte Welt abbilden, die diesem herrlich ver-rückten Schriftstellergehirn entsprungen sind.

„Mit seiner Leidenschaft für die Abgründe der menschlichen Psyche, der entgrenzenden Erotik und der Schilderung von Spielarten des Todes provoziert Ewers seine Leser.“ Dies als Zitat aus dem Verlagstext. Zwischen „Schwarzer Romantik“ und „Bildmagischer Avantgarde“ finden sich aber auch kurze Prosastücke, in denen Ewers in der Manier à la Tucholsky und Ringelnatz sowohl Spießbürgertum als auch Hautevolee karikiert, die großes Vergnügen bereiten – sei es die Petitesse „Sie haben meine Mutter gekannt…“, der spielerisch-versponnene „Lustmord einer Schildkröte“ bis hin zu „Die Petition“ und der leise-melancholischen Erzählung vom ehrgeizigen, aber einsamen Briefkasten.

Tatsächlich erreichen es die Erzählungen bis heute noch, dass man als Leser ab und an mit dem Atem stockt, eigene Positionen hinterfragt oder einfach auch voyeuristisch auf die Seiten linst. Es sind Geschichten – abgründig, lebenssatt, grenzüberschreitend, augenblinzelnd, mitreißend. Korrekte, fade, blutleere Geschichten gibt es genug – und deshalb empfehle ich: HHE lesen.

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