„Middle England“: Nostalgie im Gartencenter

EIN GASTBEITRAG VON VERONIKA ECKL

Am Abend vor dem endgültigen Austritt Großbritanniens aus der EU rief mich mein italienischer Freund Paolo an, der als Professor an einer mittelgroßen englischen Universität in einer mittelgroßen englischen Stadt unterrichtet. Paolo verkündete mir, er werde nun ins Pub gehen und sich betrinken, um das Ereignis gebührend zu betrauern. Die Stimmung an der Uni sei schlecht, ein feiner Riss ziehe sich schon seit längerem durchs akademische Milieu: Die Briten hier, die Ausländer dort. Che brutto, hässlich sei das. Naja, dachte ich, schon klar, dass ein Italiener und glühender Europäer das in der Fremde so empfinden muss. Wir lamentierten ein bisschen über die Borniertheit der Brexit-Befürworter und diese Niederlage für Europa, dann machte sich Paolo auf ins Pub und ich dachte erst wieder an seinen Kummer, als ich den im Februar auf Deutsch erschienenen jüngsten Roman von Jonathan Coe aufschlug, Middle England. Das fast 500 Seiten starke Opus ist ein literarisches Psychogramm der Nation, in dem der Autor beschreibt, wie der Brexit das Land spaltet, und zwar bis in Familien- und Liebesbeziehungen hinein. Liest man Coe, dann hatte mein Freund Paolo mit seinen Schilderungen nicht übertrieben.

Fans von Jonathan Coe sind die Protagonisten aus Middle England nicht unbekannt, denn sie stammen aus den beiden Vorgängerromanen The Rotter’s Club und The Closed Circle. Aus Benjamin, dem jungen Mann von einst, ist ein zu Beginn des Romans noch erfolgloser Schriftsteller geworden, der in einer idyllisch gelegenen alten Mühle am Fluss Weltflucht betreibt, Musik hört und an seinem Lebenswerk arbeitet, einem viel zu langen, quasi unpublizierbaren Werk über die Liebe seines Lebens. Veröffentlicht wird es schließlich von seinem alten Freund Philip, der einen kleinen, eher unbedeutenden Verlag betreibt. Die Männer verbindet, dass sie dieselbe elitäre Privatschule in Birmingham besucht haben – und es ist von einer herausragenden, feinsinnigen Komik, wie Coe die beiden dieses unaufdringliche, aber doch vorhandene Elitebewusstsein an einem sehr britischen Ort pflegen lässt: dem Gartencenter Woodlands, das, so wird betont, sogar ein eigenes Hinweisschild an der Autobahn hat. Coe beschreibt es über Seiten hinweg als “ein mächtiges Imperium, dessen Untertanen stundenlang durch verschiedene Bezirke und Provinzen wandern konnten“, also als eine Art British Empire im Miniaturformat, in dem eine dezente Nostalgie gepflegt wird.

Der Dritte im Bund der Schulfreunde ist Doug, ein linksliberaler Journalist, der inzwischen aber dank der Heirat mit einer reichen Erbin im eleganten Londoner Stadtteil Chelsea lebt. Dort ist dieser Roman über die englische Seele nun eben nicht angesiedelt, sondern in den Midlands, in der Gegend also, in der früher Kohle abgebaut wurde und in der heute noch die englische Industrie – oder das, was von ihr übrig blieb – ansässig ist. Es ist ein Landstrich, auf den Coes Londoner Figuren ein wenig naserümpfend herabblicken – zu kalt, zu grau, zu provinziell. Und hier tut er sich schon auf, der Riss, denn während Benjamins Nichte Sophie, eine junge, ehrgeizige Kunsthistorikerin, es genießt, in London auf der Straße lauter verschiedene Sprachen zu hören, ist ihre unleidliche Schwiegermutter Helena im rauhen Norden überzeugt, dass Ausländer die Wurzel allen Übels sind – was sie nicht hindert, eine litauische Haushaltshilfe zu beschäftigen. Sophies schwuler Arbeitskollege Sohan aus Sri Lanka jammert, weil er seines frisch angetrauten Ehemanns wegen von London nach Birmingham umziehen muss – Benjamins Vater Colin steht indes krank und fassungslos vor den Trümmern dessen, was einmal sein Leben und seine Heimat war, vor einem stillgelegten Automobilwerk.

So entfaltet Coe ein Panorama der britischen Gesellschaft, die sich in Leavers und Remainers spaltet; am nächsten dran ist man als Leser wohl an Sophie, die im Universitätsmilieu aufsteigen will und aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen den Fahrlehrer Ian heiratet. Meisterhaft beschreibt Coe, wie die unterschiedlichen politischen Einstellungen der beiden ihre Beziehung schleichend vergiften: Ian verbittert, weil ihm eine Kollegin mit Migrationshintergrund bei der Beförderung vorgezogen wird, und leidet daran, sich von Sophie nicht bestärkt zu fühlen. Die wiederum kommt ins Straucheln, als ihr eine Studentin vorwirft, eine Kommilitonin diffamiert zu haben, die kurz vor einer Geschlechtsumwandlung steht – und das ihr, die sich doch mehr als alle anderen um political correctness bemüht!

Was die Protagonisten da im Kleinen verhandeln, das sind Themen, die keinesfalls typisch britisch sind. Wir kennen sie in Deutschland ebenso: Diese Verunsicherung der Mittelschicht, eine mehr oder weniger latente Fremdenfeindlichkeit, den zunehmenden Populismus und das Ringen um politische Korrektheit, das in Absurdität münden kann. Wie Coe diese Themen in Szene setzt, das ist allerdings sehr britisch, sehr scharfsinnig, sehr humorvoll: Wenn sich etwa Sophie und Ian die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in London im Fernsehen ansehen, und sie, die an Sport eigentlich desinteressierte Intellektuelle, von der feinsinnigen Selbstdarstellung der Nation fasziniert ist, während ihm das Spektakel zunehmend auf die Nerven geht – dann weiß der Leser bereits, dass diese Ehe eine schwierige werden wird.

Witz und Melancholie durchziehen den Roman gleichermaßen, doch Coe macht keinen Hehl daraus, auf welcher Seite er steht. Am Ende, als klar ist, dass es zum Brexit kommen wird, lassen sich Benjamin und seine Schwester Lois, die nach Jahrzehnten noch traumatisiert ist von den Bombenanschlägen in Birmingham, in Frankreich nieder und eröffnen ein Bed and Breakfast in einer umgebauten Mühle. Emigranten sind sie, Heimatvertriebene im Geiste, auch wenn sie versuchen, sich auf dem Kontinent ihr kleines Paralleluniversum zu schaffen. Fast möchte man weinen, wenn Benjamin dort in nächtlicher Nostalgie einen Song der englischen Folksängerin Shirley Collins hört: „Adieu to old England, adieu…“

Es bleibt nur noch, sich zu betrinken.

Von Veronika Eckl


Informationen zum Buch:

Jonathan Coe
Middle England
Aus dem Englischen von Cathrine Hornung und Dieter Fuchs
Folio Verlag Wien und Bozen
Hardcover, 480 Seiten, 25,00 Euro
ISBN 978-3-85256-801-0

 

 

Historisches Spektakel und Zeitgeschichte – Frauen schreiben

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Bild: Michael Flötotto

Vom „Opus Magnum“ einer Literaturnobelpreisträgerin über das Romandebüt einer Literaturkritikerin: In diesem „Kurz & Knapp“ ist wie in einer Wunderkiste alles drin. Es spiegelt meine Lektüren in den vergangenen Wochen: Vom hochkonzentrierten Lesen an einem nicht anspruchslosen Werk mit 1200 Seiten bis hin zum Wunsch, danach hemmungslos schmökern zu dürfen.

Olga Tokarczuk – Die Jakobsbücher

Das jüngste Werk der Literaturnobelpreisträgerin ließ mich etwas ratlos zurück. Überwiegend wurden „Die Jakobsbücher“ im Feuilleton als „Opus Magnum“ der polnischen Schriftstellerin gefeiert, als ein Roman, der vor allem in Polen – wo das Buch ja auch bei Nationalisten auf heftigen Widerstand und zu Bedrohungen der Autorin führte – zu einem neuen, anderen Blick auf die europäische und polnische Geschichtsschreibung führt.

Zugegeben: Sprachlich und stilistisch (offenkundig auch eine Meisterleistung der Übersetzer Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein) ist dieses Mammutwerk faszinierend. Olga Tokarczuk führt einen auf den Spuren des Sektengründers Jakob Frank auf „eine große Reise über sieben Grenzen, durch fünf Sprachen und drei große Religionen, die kleinen nicht mitgerechnet“, wie es der opulente Untertitel des Romans besagt.

Das „Barockspektakel“ (so Insa Wilke im WDR als eine der wenigen kritischen Stimmen) entfaltet an der Figur dieses Mannes ein Bild vom jüdischen Leben in Polen im 18. Jahrhundert, von der Verfolgung des Judentums zwischen willkürlichen Pogromen und den Versuchen zur Emanzipation oder auch Anpassung. So zeigen die Jakobsbücher auch die Wanderungsströme der Menschen durch Europa und den Orient nach – Frank selbst tritt beispielsweise zwischenzeitlich zum Islam über, bis er seine Anhängerschaft in das Christentum und nach Offenbach am Main führt (hier begegnet er übrigens auch Sophie von La Roche, eine der vielen Personen, die im Roman ihren Auftritt haben).

„Die Jakobsbücher“ bewegt durch eine Recherche, die jüdische Geschichte als europäische Geschichte festschreibt – und es bestürzt durch die Einsicht, dass Wissen allein nicht klug macht“, urteilt Amelia Wischnewski im NDR. Dem kann ich zustimmen. Und dennoch ließ mich die zweiwöchige Lektüre unzufrieden zurück: Warum so viele Menschen auf den faulen Zauber eines Jakob Frank hereinfielen, welche Faszination der Mystizismus  vor allem auf die Ärmsten ausübte, die ihn als Ausweg aus ihrem irdischen Leid begreifen mussten, all dies geht in der Fülle des Romans unter und wäre doch das Kernmotiv. In der Bloggerwelt hat sich auch Ruth Justen von „Ruth liest“ mit diesem Mammutwerk beschäftigt.

Für den noch jungen Kampa Verlag, der seit einiger Zeit die Werke von Olga Tokarczuk in deutscher Sprache wieder auflegt beziehungsweise neu herausgibt, war die Verleihung des Literaturnobelpreises an die polnische Schriftstellerin ein Glücksfall. Für die Leserinnen und Leser ist es dies auch – aber ich würde zum Einstieg andere Bücher von ihr empfehlen, unter anderem „Unrast“, das mich vor Jahren wirklich begeisterte. 

Informationen zum Buch:
Olga Tokarczuk
Die Jakobsbücher
Kampa Verlag
Aus dem Polnischen von Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein
1184 Seiten | Gebunden |42,00 Euro
ISBN 978 3 311 10014 0 | Auch als E-Book


Stefanie de Velasco – Kein Teil der Welt

In zwei Büchern von einer Sekte zur anderen: Stefanie de Velasco hat ihre eigene Kindheit und Jugend unter „Jehovas Zeugen“ – die strenggenommen ja als Glaubensgemeinschaft und nicht als Sekte zu bezeichnen sind – in diesem Coming-of-Age-Roman verarbeitet. Erzählt wird aus der Perspektive von Esther, der von einem Tag auf den anderen nicht nur die beste Freundin Sulamith entrissen wird und die zudem mit ihrer Familie von West- nach Ostdeutschland zieht. Dort, am Heimatort der verstorbenen Großmutter, wollen ihre Eltern kurz nach der Wende ihre missionarische Tätigkeit entfalten und ein neues Netz der Zeugen aufbauen.

Stefanie de Velasco erzählt eindringlich vom bedrückenden Innenleben der Glaubensgemeinschaft, von der Enge und der Restriktionen, die sich die Anhänger selbst auferlegen. Wie Esther versucht, gegen die „liebevolle Härte“ der Eltern ihren eigenen Weg zu finden, wie sie sich gegen die Gruppenregeln stellt, weil sie Wünsche und Bedürfnisse hat wie andere Teenager auch, das ist bewegend zu lesen. Eine ausführliche Kritik findet sich bei „arcimboldis world“.

Informationen zum Buch:
Stefanie de Velasco
Kein Teil der Welt
Kiepenheuer & Witsch
432 Seiten | Gebunden |22,00 Euro
ISBN: 978-3-462-05043-1 | Auch als E-Book


Ursula März – Tante Martl

Nach den literarischen Ausflügen in fremde Welten tat ein Besuch bei „Tante Martl“ richtig gut. Aufmerksam gemacht hat mich auf das Romandebüt der bekannten Literaturkritikerin Ursula März Anna von der Buchpost.

Tante Martl ist eine Tante, wie sie vielleicht viele noch kennen, die Verwandte haben, die zur „Kriegsgeneration“ gehören: Ältere Menschen, in den 1940-er-Jahren geboren, geprägt von den Erlebnissen und Umbrüchen dieser Zeit. Tante Martl trägt jedoch ein besonderes Kainsmal: Sie ist die vom Vater ungeliebte dritte Tochter, die doch endlich ein Sohn hätte werden sollen. Wie sich die ewige Junggesellin für die Familie aufopfert und dabei doch ihr eigenes Terrain erobert, wie sie ihren störrischen Charakter und ihre Schrulligkeiten beibehält, die ganze Widersprüchlichkeit dieses Charakters, das zeichnet Ursula März sehr sensibel, mit viel Wärme und Zuneigung. Ein wunderbares Frauenportrait, sehr empfehlenswert!

Informationen zum Buch:
Ursula März
Tante Martl
Piper Verlag
192 Seiten | Gebunden |20,00 Euro
EAN 978-3-492-05981-7


JP Delaney: The Girl Before

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Bild: Florian Pittroff, https://flo-job.de/

Ein Beitrag von Florian Pittroff

JP Delaney präsentiert mit „The Girl Before“ einen Thriller, der den Leser nicht mehr loslässt. Es gibt zwei Handlungsstränge. Zuerst erfolgt die Rückblende: „Damals. Emma“. Und dann „Heute: Jane“. Die Idee mit zwei unterschiedlichen Handlungen, die sich dann doch zu einer Geschichte verquicken, gefällt mir sehr gut. Ebenso, dass die einzelnen Kapitel jeweils kurz und knapp gehalten sind. Zum einem wird der Leser dadurch immer wieder zum Weiterlesen animiert und es verleiht dem Buch eine gewisse Dynamik.

Der Plot: Nach einem Schicksalsschlag braucht Jane dringend einen Neuanfang. Daher überlegt sie nicht lange, als sie die Möglichkeit bekommt, in ein hochmodernes Haus in einem schicken Londoner Viertel einzuziehen. Die Miete ist gering, doch der Regelkatalog, den der neue Mieter einhalten muss, ist alles andere als gewöhnlich. Doch bald erfährt Jane, dass ihre Vormieterin im Haus verstarb – und ihr erschreckend ähnlich sah.

Die Story rund um das Architektenhaus überzeugt, denn JP Delaney schafft es, sofort eine beklemmende Atmosphäre zu schaffen. Der Spannungsbogen, der zu Beginn richtig abgeht, hängt dann allerdings durch. Der Mittelteil hatte ziemliche Längen, war zum Teil sehr vorhersehbar und unspannend. Aber, oh Glück, danach zog die Geschichte wieder an. Beim Zusammenfädeln der beiden Erzählstränge und bei der der Auflösung wurde das Tempo deutlich erhöht und man wollte das Buch nicht mehr zur Seite legen.

Die zwei – respektive vier Protagonisten – sind gut dargestellt. Die Story um das kalte Architektenhaus und die beiden Frauen Jane und Emma ist mit einer dicken Portion Sex aufgehübscht. „Ernsthaft spannend wird „The Girl before“, als sich herausstellt, dass die beiden Frauen Jane und Emma keineswegs nur bemitleidenswerte Opfer sind, sondern auch ihre kleinen, schmutzigen Geheimnisse haben – und nicht nur sie.“, schreibt Lukas Jenkner in der Stuttgarter Zeitung.

Seinem Fazit schließe ich mich an:  Mit „The Girl Before“, seinem ersten Psychothriller, ist JP Delaney „perfekte Thrillerkost auf hohem Niveau“ gelungen. Die Verfilmung ist bereits in Planung. Und beim Lesen fiel mir unter anderem ein berühmtes Vorbild ein: „Rebecca“ von Alfred Hitchcock.

Florian Pittroff
www.flo-job.de

Verlagsinformationen:
https://www.randomhouse.de/Paperback/The-Girl-Before-Sie-war-wie-du-Und-jetzt-ist-sie-tot-/JP-Delaney/Penguin/e502770.rhd

 

 

#MeinKlassiker (35): Herbert liest … Lady Chatterley – Erosion, Emotion und Erotik

Für mich war dies einer der ersten Blogs, denen ich „begegnet“ bin: Herbert zählt für mich zu den „Urgesteinen“ in der Blogosphäre. Er betreibt das Schreiben über Literatur mit wahrer Leidenschaft: Seine Leseinteressen sind vielfältig, seine Besprechungen mannigfaltig. Der Blog aus.gelesen ist eine wirkliche Fundgrube für alle wilden Leser: Da findet man Rezensionen zu Klassikern, zu Neuerscheinungen auch abseits des Mainstreams, aber auch zu Sachbüchern und Büchern, die sich sonst niemand vorzustellen traut. Und auch für #MeinKlassiker stellt er ein außergewöhnliches Buch vor – zu seiner Zeit ein Skandal, heute gehört es zu den Jahrhundertwerken der Literatur.

Vor einigen Wochen las ich eine recht positive Rezension über den Roman Lady Chatterley von D.H. Lawrence, die mich daran erinnerte, daß ich noch diese ‚Langversion‘, die zweite Bearbeitung des Stoffes durch Lawrence, im Regal stehen hatte [Anmerkung: die grünen Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Roman, die rot markierten Passagen habe ich der Lady Chatterely-Ausgabe der Deutschen Buch-Gemeinschaft von 1967 entnommen]. Zudem passte dieser Roman in gewisser Weise zu meiner gerade beendeten Lektüre von Pat Barkers Trilogie über den 1. Weltkrieg [3], hängt die Geschichte, die uns Lawrence erzählt, doch ursächlich mit diesem Krieg zusammen.


1917 nämlich heirateten der 29jährige Clifford Chatterley und die 23jährige Constance Reid. Die beiden verlebten vier (Flitter)wochen zusammen, bevor Clifford wieder in den Krieg nach Flandern ziehen musste. Von dort kam er in Einzelteilen, die sich erstaunlicherweise noch einmal flicken ließen, zurück. Der Unterkörper Cliffords jedoch blieb gelähmt, die von beiden nicht sonderlich hoch geschätzten leiblichen Freuden der Ehe waren damit perdu, Constance war von der Ehefrau zur Pflegerin eines Kriegsversehrten geworden. Das gemeinsame Eheleben erschöpfte sich fortan in Lesen, Vorlesen und in Diskussionen.

Sie wurden in der ersten Zeit erstaunlich gut mit dieser Situation fertig. Clifford wohnte ein großer Lebenswille inne, für Constance war es nicht in Frage gestellte Pflicht. Doch im Lauf der Monate und Jahre trat schleichende Verbitterung ein, die Kontakte nach außen wurden selten(er), vor allem jedoch Constance funktionierte mehr und mehr wie ein Automat. Ihr Vater, der zu Besuch kommt, sieht seiner Tochter das Unglück an, rät ihr dringend, unter Menschen zu gehen, ihr Leben zu leben. Aber erst als der Zustand der jungen Frau so ernst wird, daß ihre Schwester sie zum Arzt bringt und der ihr sehr eindringlich ins Gewissen redet, gibt sie nach. In Mrs. Bolton findet sie eine verwitwete Frau, die Erfahrung in der Betreuung von Kranken hat und die die Pflege von Clifford Chatterley übernimmt.

Clifford Chatterley seinerseits hat sich die Vorwürfe seines Schwiegervaters – trotz der auf Gegenseitigkeit beruhenden Abneigung der beiden Männer – zu Herzen genommen, in einer Schlüsselszene des Romans reden die beiden Eheleute miteinander über dieses Thema. Ist zuerst der Mann in der Offensive, indem er seine Frau Constance ermuntert und auffordert, unter Leute zugehen und sich zu öffnen, dreht Constance, die anfänglich unangenehm von dem Gespräch berührt ist, den Spieß um und drängt ihren Mann in die Defensive. Denn dieser hat die Konsequenzen seines Vorschlags offenkundig nicht zu Ende gedacht: Was, wenn sie einen Mann kennenlernt, was, wenn sie mit diesem Mann schläft – oder gar ein Kind bekommt?

Letztlich gesteht Clifford ihr das Recht auf diese sexuelle Freiheit zu. Auch ein eventuelles Kind wäre für ihn kein Problem, denn letztlich ist für ihn nicht entscheidend, wer das Kind gezeugt hat, sondern, wer es erzieht. Trotzdem stellt er seiner Frau die Bedingung, daß der Liebhaber, dem sie sich hingibt, gleichrangig sein sollte.

Gleichrangig, denn Clifford vertritt eine sehr klassenbewusste Einstellung: es gibt die, die oben sind, die denken, handeln, Verantwortung tragen und so den Lauf der Welt bestimmen und es gibt die unten, die kaum Menschen zu nennen sind, weil sie Massen sind, die geführt werden müssen und zu arbeiten haben.

Was Constance angeht, ist es mit dieser einschränkenden Bedingung schon zu spät – was Clifford natürlich nicht ahnt. Was ihm nur auffällt ist, daß seine Frau von manchem ihrer Waldspaziergänge mit vollerblühter Schönheit, mit einem inneren Strahlen wieder zurück nach Wragby kommt. Denn im Wald lauern auf Constance nicht die Räuber, sondern es wartet in seiner Hütte der Wildhüter, Oliver Parkin, auf sie. Ihrer Ladyship kam der Wildhüter in der täglichen Begegnung anfänglich zwar eher grob vor, doch eines Tages hatte sie ihn bei einem ihrer Spaziergänge an seiner Hütte überrascht, als er sich wusch. Der heimliche Anblick dieses weißen, seiner Kleidung entledigten männlichen Oberkörpers rührte in seiner Vollkommenheit tief in ihr ein Begehren auf, das sie so noch nicht gekannt und das sie bei ihrem Mann nie erlebt hatte.

However, die beiden überspringen eines Tages die Schranke der gesellschaftlichen Trennung und aus diesen ersten, verstohlenen Begegnungen, die Constances Körper förmlich erwecken und sie selbst in eine anderen – man kann es nicht anders sagen – Bewusstseinszustand einführen, entwickelt sich eine Liebesbeziehung, die sich im wesentlichen auf die körperlichen Aspekte gründet.

Es setzt nun in ‚Connie‘ ein langsamer Erosionsprozess ein. Ist ihr Mann Clifford ein strikter Vertreter der englischen Klassengesellschaft und ihr Liebhaber Oliver ein Angehöriger der Arbeiterklasse, so steht sie jetzt zwischen ihnen. Dieses ‚Dazwischen‘ bezieht sich sowohl auf das Körperliche, aber auch auf das Gesellschaftliche, denn im Gegensatz zu ihrem Mann sieht sie die Angehörigen der Arbeiterklasse nicht per definitionem als minderwertig an, sondern billigt ihnen all das zu, was Clifford ihnen an Werten abspricht.

Wird die Bindung zwischen Constance und ihrem Liebhaber trotz gelegentlicher kurzer Eintrübungen immer enger (und im gleichen Maß die zu ihrem Mann immer brüchiger), so entwickelt sich auf der anderen Seite nach anfänglicher Abneigung Cliffords gegen seine Pflegerin Mrs. Bolton auch hier eine besondere Beziehung mit ihrer eigenen, subtilen Intimität, eine Beziehung, die jedoch nie die Klassenschranke überschreitet.

Im Sommer fährt Constance wie im Winter verabredet mit ihrer älteren Schwester Hilda und dem Vater nach Frankreich, in die Sommerfrische. Anfänglich genießt Constance diese Fahrt, aber bald erträgt sie die gesellschaftliche Atmosphäre in der Villa, in der sie unterkommen, nicht mehr. Dazu kommt, daß sie von zuhause beunruhigende Nachrichten erhält: des Wildhüters wildes Weib, von dem er schon lange getrennt lebt, aber (noch) nicht geschieden ist, ist von ihrem Liebhaber vor die Tür gesetzt worden und wieder bei Parkin aufgetaucht. Im Naturzustand soll sie in seinem Bett gelegen und ihn zur Begattung aufgefordert, ja, gedrängt haben. Parkin sei, so bekommt sie in Briefen berichtet, da er dieses Weib nicht loswerden konnte, zurück zu seiner Mutter gegangen, doch jetzt verbreite Bertha Coutts unsägliche und unsagbare Einzelheiten über Intimitäten aus der Zeit der Ehe in den Dörfern, die das Ansehen Parkins schwer beschädigen würden…. Constance war ob der Nachrichten not amused, es war ein harter Kampf für sie, sich über ihre Eifersucht auf Bertha Coutts zu erheben und ihren Hass gegen ihn, weil er mit Bertha Coutts in Verbindung gewesen war, zu überwinden. Es drängte sie nach Hause.

In den wenigen Wochen der Sommerfrische hat sich vieles geändert, grundlegend geändert. Constance ist trotz der Einwürfe ihrer Schwester, solche Männer seien allenfalls für einen temporären Lustgewinn akzeptabel, entschlossen, ihren Mann zu verlassen und Parkin zu heiraten. Clifford seinerseits überrascht sie mit der Tatsache, daß er unter dem Einfluss und der Ermunterung von Mrs. Bolton gelernt hat, sich auf Krücken fortzubewegen. Parkin dagegen hat mittlerweile seine Stellung als Wildhüter bei Clifford gekündigt und will in Sheffield im Stahlwerk arbeiten.

Constance besucht ihn dort, er lebt bei einer ihm bekannten Familie. Es ist der erste ‚wirkliche‘ Kontakt, den sie mit einer Arbeiterfamilie hat, er ist ernüchternd. Vor allem aber ist sie schockiert darüber, daß Parkin all die Ausstrahlung, die er im Wald, in Wragby auf sie ausübte, unter diesen Verhältnissen verloren hat. Sie kann ihm jedoch jetzt das Versprechen abnehmen, mit dieser schweren Arbeit, für die er einfach nicht geeignet ist, aufzuhören und eine kleine Farm zu bewirtschaften, die Constance von ihrem Geld kaufen will. Mit dieser Überwindung seines Stolzes (ein Mann lässt sich schließlich von einer Frau nichts schenken oder kaufen) gewinnt Parkin wieder ein wenig von seinem alten Wesen zurück.. und wie ein ganz normales Liebespaar aus der Arbeiterschicht verabreden die beiden sich und gehen in ein Waldstück, um sich hinter Büschen versteckt zu lieben… wobei sie jedoch vom örtlichen Wildhüter ertappt werden….


John Thomas und Lady Jane bzw. in der ‚endgültigen‘ Version ‚Lady Chatterleys Lover (bzw. kürzer einfach nur Lady Chatterley) ist einer der großen Ehebruchsromane des letzten Jahrhunderts. In seinem Nachwort zu der von mir gelesenen Ausgabe gibt Roland Gart (seinerzeit Cheflektor des Heinemann-Verlags, London, in dem die erste englische Ausgabe erschien) eine kurze Darstellung der Veröffentlichungsgeschichte dieses Romans, von dem Lawrence insgesamt drei Versionen verfasst hat. Die vorliegende ist die umfangreichste, die 1954 das erste Mal in Italien publiziert worden ist. Die erste englischsprachigen Ausgaben erfolgten erst 1972 in London und New York.

Das Buch – und damit ist jetzt im wesentlichen Lady Chatterley gemeint – war zu seiner Zeit ein Skandal. Die Darstellung einer echten Liebesbeziehung zwischen einem einfachen Mann aus der Arbeiterklasse mit einer jungen, verheirateten Frau der Oberklasse war an sich schon skandalös, sie ging weit über ein möglicherweise still duldbares Verhältnis dieser Art, das sich auf Sex beschränkte, hinaus. Daß der Autor diesen Sex für seine Zeit deutlich schildert, daß (in der deutschen Übersetzung) der Begriff ‚ficken‘ (im englischen Original unprintable (four-letter) words) häufig auftaucht, daß die Befriedigung der durchaus aktiv auf Sex drängenden Frau durch den Mann eine so große Rolle spielt, weil diese nicht nur zum Höhepunkt kommt, sondern sich auch das Bewusstsein und die Wahrnehmung ihres Selbst durch dieses sexuelle Erlebnis wandelt, hat noch bis in die 60er Jahre hinein zu Problemen bei der Publikation des Romans geführt.

Trotzdem wäre (und ist) die Einordnung von Lady Chatterley als (nur) erotischem Roman irreführend. Die Erotik und der Sex sind für Lawrence Mittel zum Zweck. Welch anderen Weg hätte er gehabt, eine Verbindung zwischen zwei Angehörigen der Unter- bzw. Oberschicht zu schaffen als über diese ‚unkontrollierte‘, über ein heimlich duldbares erotisches Verhältnis hinaus wachsende Liebesbeziehung. Denn in Wirklichkeit ist Lady Chatterley als Gesellschaftsroman zu lesen.

England hat im Ersten Weltkrieg enorme Verluste erlitten, über 700.000 Soldaten fielen auf dem Kontinent, in England selbst waren die Opferzahlen geringer, aber auf der Insel herrschte Not und Elend. Dies konnte nicht ohne Rückwirkungen auf die Gesellschaftsstruktur bleiben – und blieb es nicht [3]. Die Oberschicht sah sich durch aufmüpfige Arbeiter, die beispielsweise bolschewistisches Gedankengut verinnerlicht hatten, bedrängt und bedroht. Mein Gott, wenn wir hier in England eine Revolution bekommen, wie gern würde ich mit Maschinengewehren gegen den Mob vorgehen … Diese verdammten Sozialisten und Bolschewisten.. muss sich Constance Weihnachten von ihren Gästen anhören. Auch ihr Mann Clifford ist Mustervertreter einer Einstellung, daß die von altersher gegebene Teilung der Gesellschaft in ‚unten‘ und ‚oben‘ einer natürlichen Ordnung entspricht, Lawrence macht seine Einstellung stellvertretend für seine gesellschaftliche Schicht in vielen Diskussionen, die Clifford und Constance führen, deutlich. In anderer, i.e. erotischer Hinsicht ist Hilda, die Schwester Constances, Vertreterin dieser überkommenen Einstellung, sie will der Schwester deutlich machen, daß Männern der unteren Klasse allenfalls fürs Bett in Frage kommen, aber man ansonsten nichts mit ihnen zu tun haben sollte. Ein Gedanke wie ‚Heirat‘ sei geradezu abwegig.

Lawrence macht damit Constance, die selbst der Oberschicht angehört, zur Verteidigerin der ‚Interessen‘ der unter Klasse. Der Wildhüter, Oliver Parkin, wäre schwerlich selbst in der Lage gewesen, mit Clifford Chatterley zu diskutieren. In der endgültigen Version der Lady Chatterley ist Lawrence von dieser konsequenten Trennung der Klassen dann aber abgewichen: die Rolle des Wildhüters Parkin nimmt dort der Mellors ein, der fast ein Gentleman sein könnte…, der Offizier war, Sprachen beherrschte…

Es gibt einige sehr symbolträchtige Szenen im Buch. Schon die ganze Konstellation der Figuren ist ein Bild: Der Angehörige der Oberklasse, Clifford Chatterley, ist gelähmt, so daß er sich ohne fremde Hilfe nicht fortbewegen kann. Das Sexuelle sprich: Vitale galt ihm schon vor seiner Verwundung nicht viel, so daß ihm danach nur noch das Denken, Reden und Planen blieb. In einer Szene beschreibt Lawrence, wie auf einem Waldspaziergang, bei dem Clifford Constance begleitet, der Motor des Rollstuhls seinen Dienst versagt. Mit kaum zu bändigender Wut muss Clifford erdulden, daß ein Vertreter der Arbeiterklasse, nämlich der Wildhüter, ihn nach Hause schiebt. Ein schönes Bild dafür, daß die Oberklasse ohne die Arbeiter aufgeschmissen wäre….

[Clifford] war noch ohne Liebeserfahrung, als er heiratete, und das Sexuelle galt ihm nicht viel. … Und Connie schwelgte in dieser Intimität jenseits alles Geschlechtlichen, …. beschreibt es Lawrence in der endgültigen Version der Lady Chatterley. Parkin dagegen, obwohl aus schlechter Erfahrung heraus was Frauen angeht, sehr zurückgezogen, gelingt es sehr schnell, Connies dazu zu bringen, unbewusst spitze, helle Schreie auszustoßen. Ein Naturtalent.

Überhaupt – und dies las sich für mich jetzt unfreiwillig komisch – konstruiert Lawrence um das Zeugungsorgan des Wildhüters einen förmlichen Kult. Spürt Constance schon beim Anblick des bloßen Oberkörpers, daß es eine Welt gab, die rein und machtvoll leuchtete, daß sie einen Körper sah, der das Dunkel durchdrang wie eine Offenbarung, so deutlich wurde ihr, daß es Gott auf Erden gab; oder Götter. Im Verlauf ihrer Affäre sollte sie realisieren, was ein Phallus wirklich war: Es war ein primitiver, grotesker Gott – aber lebendig und unaussprechlich lebensvoll, … die Auferstehung des Fleisches. .. bei einem wirklichen Mann (wie dem Wildhüter) hat der Penis ein eigenes Leben und ist der zweite Mann im Mann. …. der Phallus im alten Sinne hat Wurzeln, die tiefsten aller Wurzeln in der Seele, … und durch die phallischen Wurzeln gelangt die Inspiration in die Seele. Oder kurz gesagt: Er hat etwas Sternengleiches an sich … wie ein kleiner Gott. … und so konnte es für Parkin nicht einfach ’nur ficken‘ geben, da bei ihm ‚ficken‘ immer bis zu den phallischen Wurzeln der Seele reichte. … Männer wie Clifford dagegen haben einen garstigen Penis, mit dem sie schmutzige Spiele treiben wie kleine Jungs. … Diese Passagen wirken auf uns heutige Leser etwas … nun ja.. lächerlich, sie müssten allerdings, um sie wirklich einordnen zu können, im zeitgeschichtlichen Kontext gesehen werden, der möglicherweise im Kreise der englischen Intellektuellen Strömungen mit solchen Einstellungen aufweist. Das habe ich zugegebenermaßen nicht gemacht…. Zu berücksichtigen ist jedenfalls, daß Lawrence zur Bloomsbury-Group um Virginia Woolf und deren Schwester Vanessa Bell gezählt wird, der ’sich aus den moralischen Fesseln ihrer Erziehung zu befreien‘ trachtete [2].

Und ebenso Constance selbst war in den phallischen Kreis des Fleisches eingeschlossen, so sehr, daß sie den Wildhüter meist ohne Unterwäsche unter dem Kleid zu tragen, besuchte… Mit dieser letzten Bemerkung werde ich jetzt den erotischen Aspekt des Romans weitestgehend ad acta legen.

Aber selbst Parkin mit seinem ’sternengleichen‘ Körper und dem kleinen Gott zwischen den Beinen ist zwar Angehöriger der Unterschicht, aber kein wirklicher Arbeiter: als er gegen Ende des Romans Wragby verlässt und in Sheffield in einer Stahlfabrik arbeitet, verliert er allen Glanz und geht fast unter.

Kommen wir noch kurz auf Constance zu sprechen. Auch ihr Körper steht für etwas, ist Symbol für die dem Untergang geweihte Dekadenz der Oberschicht: Ihr Körper wurde nichtssagend, wurde schwer und trüb – so viel nutzlose Substanz! … Das geistige Leben! Eine jähe Welle wütenden Hasses überspülte sie – dieser Schwindel! Diese sehr negative Selbstwahrnehmung Connies ließe sich jetzt noch einige Absätze lang zitieren. Erst die Bekanntschaft und Erweckung durch den Wildhüter ließ sie wieder erblühen…


Die große Krise für die beiden Liebenden kommt, als Connie im Urlaub ist. Der vierzig(sic!)jährige Parkin wird vom Teufel versucht, dem Teufel in Gestalt seiner Frau. Von der lebte er zwar schon seit Jahren getrennt, aber jetzt taucht sie wieder auf und will ihn um jeden Preis verführen. Und was könnte normalerweise verführerischer sein als der bloße Frauenkörper, mit dem sie sich ihm anbietet? Doch Parkin widersteht der Versuchung, zwar gelingt es ihm nicht, den Teufel/seine Frau zu vertreiben, aber er selbst flieht ihn/sie. Die Nachricht von diesen Vorkommnissen, die Connie in ihrem Urlaub erhält, stürzt sie in tiefer Verzweiflung, hilft aber auch, in sich Klarheit zu schaffen über das, was sie wirklich will.

Denn das ist die große Unsicherheit, die beiden innewohnt: für ihn ist die Frage, ob sie tatsächlich die Klassenschranke überspringen wird und alles für ihn aufgibt, denn die gesellschaftliche Ächtung ihrer ehemaligen Klasse dürfte ihr sicher sein. Und für sie ist die große Frage natürlich, was kommt, wenn sie alles hinter sich lassen wird. Denn auch Parkin muss noch an sich arbeiten, seinen Stolz überwinden und akzeptieren, daß es in dieser Beziehung nicht so sein wird, daß der Mann seine Frau versorgt. Apropos: eine Heirat – auch dies dürfte damals ein Skandalon gewesen sein – planen die beiden nicht, im Gegenteil sieht Connie die Ehe als Tod einer Beziehung, weil man sich im Lauf der Jahre gegenseitig nur noch auf die Nerven geht.

John Thomas & Lady Jane und Lady Chatterley sind Romane, die sich doch durch mehr als Kürzungen oder Ergänzungen unterscheiden. Die Figur des Wildhüters ist anders angelegt, Parkin ist urtümlicher, während Mellors (wie er in Lady Chatterley heißt) mit viel gutem Willen fast akzeptabel sein könnte, auch der Schluss ist anders. In Lady Chatterley bittet Connie ihren Mann, sie freizugeben, den Abschluß bildet ein langer Brief Mellors an seine Geliebte, in dem unter anderen dieser bemerkenswerte Satz steht: So liebe ich denn jetzt die Keuschheit, weil sie der Friede ist, der dem Ficken entspringt. In John Thomas & Lady Jane dagegen bildet die schon erwähnte deprimierende Szene, in der die beiden Liebenden im Park vom Wildhüter aufgescheucht werden, nachdem sie die alte, schäbige Kirche, in der Byrons Herz bestattet worden war, besucht hatten, das Ende des Buches mit einem abschließenden Blick vom Hügel auf die tote Landschaft, unter der die Kohle und das Eisen liegen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Als Erotikon ist Lady Chatterley heutzutage kaum noch auf- oder erregend, die Passagen um den im Urgrund wurzelnden Phallus wirklicher Männer wirken im Gegenteil eher skurril. Lesenswert dagegen ist das Buch immer noch wegen der Beschreibung der Verhältnisse im England nach dem Ersten Weltkrieg, dessen Folgen die althergebrachte Gesellschaftsstruktur aufzubrechen droht. Sozialismus, Bolschewismus, die rapide Fortschreitende Industrialisierung – all das sind Herausforderungen, der die Klassengesellschaft in England in ihrem überkommenen Strukturen kaum erfolgreich entgegentreten konnte. Möglicherweise liegen hier sogar (zwar keine phallischen, aber immerhin) gesellschaftliche Wurzeln für die momentanen politischen Wirren der Insel, sprich, die Einstellung zur EU. Für die Schwierigkeiten, diese Klassenschranken zu durchbrechen, stehen Constance und Parkin, ihr (gemeinsames) Schicksal läßt Lawrence jedoch offen.

Ob sich Lady Chatterley bzw. John Thomas & Lady Jane (mit dieser Selbstbezeichnung übrigens beendet Mellors in Lady Chatterley seinen abschließenden Brief an seine Geliebte), die ja durchaus ihren Umfang – und damit ihre Längen – haben, heute noch zu lesen lohnt? Das ist die Frage, die ich hier auch nicht beantworten kann…. 😉

Abschließen möchte ich jedoch noch einen der ’schönen‘ Sätze, die Lawrence verfasst hat und die schätzungsweise damals die Gemüter angeheizt haben, zitieren:

Wir haben eine Flamme ins Sein gefickt.
Sogar die Blumen sind ins Sein gefickt
von der Sonne und der Erde.

Nun denn….

Links und Anmerkungen:

[1] zu D.H. Lawrence und seinem Werk: Michael Schmitt:
Der zwiespältige Prophet; in: https://www.nzz.ch/der-zwiespaeltige-prophet-1.653784
[2] vgl. im Wikibeitrag zur V. Woolf: https://de.wikipedia.org/wiki/Virginia_Woolf#Bloomsbury_Group
[3] vgl die Trilogie von Pat Barker, die sich mit diesem Thema auseinandersetzt: https://radiergummi.wordpress.com/tag/pat-barker/

D.H. Lawrence
John Thomas & Lady Jane
Übersetzt aus dem Englischen von Susanna Rademacher
mit einem Nachwort von Roland Gart
Italienische Erstausgabe: Mailand, 1954
Englische Erstausgabe: London, 1972
Amerikanische Erstausgabe: NY. 1972
diese Ausgabe: diogenes, TB, ca. 500 S., 1978

D.H. Lawrence
Lady Chatterley
diverse, teils ‚bereinigte‘ Ausgaben von ‚Lady Chatterley`s Lover‘ erschienen ab 1932 in verschiedenen Verlagen
Der/Die Übersetzer/in dieser Ausgabe ist nicht angegeben
Deutsche Buch-Gemeinschaft, HC, ca. 380 S., 1967

Herbert Schmidt
https://radiergummi.wordpress.com/

Alan Alexander Milne: Pu der Bär

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Bild von redmupfe auf Pixabay

Wir gehen auf eine Expedition“, sagte Christopher Robin, als er aufstand und sich abbürstete. „Danke, Pu.“

„Auf eine Expotition?, sagte Pu eifrig. „Ich glaube, auf so was war ich noch nie. Wohin müssen wir um auf diese Expotition zu kommen?“

„Expedition, dummer alter Bär. Da ist ein x drin.“

„Ach!“, sagte Pu. „Ich weiß.“ Aber das stimmte eigentlich gar nicht.

„Wir werden den Nordpohl entdecken.“

„Ach!“, sagte Pu wieder. „Was ist der Nordpohl?“, fragte er.

„Das ist eben etwas, was man entdeckt“, sagte Christopher Robin leichthin, denn genau wusste er es auch nicht.

„Pu der Bär“, Alan Alexander Milne, 1926

Die größten Abenteuer finden im Kopf statt. Dann ist es auch möglich, jeden Tag auf eine „Expotition“ zu gehen, selbst an so trist-grauen Februartagen wie diesen. Dann lässt sich immer „irgendwas“, wie Pu schließlich meint, entdecken. Und wenn man dann noch gute Freunde hat wie Ferkel, Känga mit Ruh, Eule und I-Ah, dann macht es auch nichts aus, wenn die Expotition etwas wild wird und nebenbei das Essen ausgeht: Hauptsache, man ist zusammen.

Es ist vor allem die Freundschaft, die in dieser kleinen, skurrilen Clique herrscht, die Alan Alexander Milne in seinem Buch feiert. Milne (1882-1956) studierte Mathematik, arbeitete dann aber als Journalist und wurde Mitherausgeber der Satirezeitschrift „Punch“.

„Pu der Bär“ schrieb er 1926 für seinen Sohn Christopher Robin, der durch das Buch ebenfalls weltberühmt wurde. Harry Rowohlt, der geniale Übersetzer und Verfasser von „Pooh`s Corner“, meinte dazu in der ihm eigenen Art:

„Und Christopher Robin findet heute natürlich nichts alberner, als wenn man zu ihm sagt: Ach, Sie sind Christopher Robin? Wie nett. Dann erzählen Sie mal.“ Fehlte nur noch: „Ich habe Sie mir viel jünger vorgestellt.“

Die Kolumne „Pooh`s Corner“, in der die Meinungen eines Bären von sehr geringem Verstand zu lesen waren, erschien in der Zeit. Dass der bärige Rowohlt Verstand hatte: Keine Frage. Manchmal ist es aber auch klüger, sich erst einmal dumm zu stellen. Und im Übrigen: Was nützt einem der Verstand, wenn man kein Herz hat? Pu, das ist klar, hat eines.

„Pu der Bär“ sollte man übrigens in zwei Sprachen lesen, so Deutsch die Mutter(Vater)sprache ist: Das englische Original ist bezaubernd, nicht weniger rühmenswert jedoch die Übersetzungsleistung von Rauschebart Harry Rowohlt. Trotzdem hinterlässt dieser Klassiker unter Kinderbüchern bei mir immer wieder den Eindruck, es sei letztendlich doch ein Buch für Erwachsene: Die können herzlich und laut lachen über die Exzentriker, die Christopher Robins Welt bevölkern. Kinder sitzen staunend daneben und wundern sich, warum die Alten plötzlich so losgackern.

Vielleicht ist beim Lachen auch etwas Schadenfreude dabei – meint man doch, in I-AH seinen sturen, stets miesepetrigen Nachbarn zu erkennen, und Ferkel ist die aufgeschreckte Kollegin im Büro hinten rechts. Übrigens blieb natürlich auch dieses Kinderbuch von Analysen nicht verschont. Gunter Müller hat in seinem Buch „Fette Vögel gehen öfter fremd“ (2012) skurrile Studien zusammengefasst. Und da ist über „Pu der Bär“ zu lesen:

„Der stets unglückliche Pu hat gleich mehrere Störungsbilder. Am auffälligsten ist seine Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung. Außerdem leidet er an einer obsessiven Fixierung auf Honig, was auch seine Fettleibigkeit erklärt. Das kleine Ferkel, das so süß ist, wenn es ängstlich, errötet und nervös umherirrt, leidet an einer Angststörung. Auch die Eule hat mit erheblichen Entwicklungsstörungen zu kämpfen. Es handelt sich wohl um eine Legasthenikerin, die durch altkluges Verhalten versucht, ihre phonologischen Defizite zu überspielen.“

Was soll`s. Wenn wir alle perfekt wären, wäre die Welt stinklangweilig. Und es gäbe keinen „Pu der Bär“.

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#MeinKlassiker (28): Gunnar und sein kriminell guter Klassiker von Eric Ambler

„Genreliteratur“: Was eigentlich nur die inhaltliche Klassifikation erleichtern sollte, dient leider oft genug auch als Qualitätsaussage. Wo Genre draufsteht, kann keine gute Literatur drin sein – so lautet häufig der Kurzschluss hierzulande. Das trifft alle Genres – auch die Kriminalliteratur, die oftmals in die reine Unterhaltungsecke gesteckt wird. Dabei gab und gibt es hochklassige (Krimi-)Autorinnen und Autoren, die manchen Belletristen an Talent weit überragen. Aber der Literaturnobelpreis für einen Krimischriftsteller? Beinahe undenkbar. Das wäre noch sensationeller als jener an Bob Dylan. Zumindest bei #MeinKlassiker sollen diese Genregrenzen nicht bestehen – und daher freut es mich, dass Gunnar Wolters, ein ausgesprochener Spannungsfachmann vom Blog Kaliber.17 | Krimirezensionen hier seinen Klassiker vorstellt:

Als Birgit mich fragte, ob ich auch einen Beitrag zu #MeinKlassiker beitragen möchte, war ich sofort Feuer und Flamme, zumal ich bemerkt habe, dass die Kriminalliteratur in dieser Reihe bislang etwas unterrepräsentiert ist. Nun war noch die Frage offen, welches Buch ich auswähle. Und da kam ich relativ schnell auf einen Autor, den ich zwar erst vor knapp zwei Jahren für mich entdeckt habe, der mich aber so beeindruckt hat, dass ich mich seitdem Stück für Stück durch seine Werke lese: Eric Ambler. Sein herausragendes Werk ist das 1939 erschienene „Die Maske des Dimitrios“.

Wenn ich danach gegangen wäre, welches Buch oder welcher Autor mich schon am längsten begleitet und was ich am häufigsten gelesen habe, dann hätte ich sicherlich Arthur Conan Doyle vorstellen müssen. Sein Sherlock Holmes ist eine Figur für die Ewigkeit und war auch mein Einstieg ins Krimigenre. Ich habe mich jedoch anders entschieden und zwar aus dem Grund, um zu zeigen, was mich an der Kriminalliteratur begeistert, nämlich, dass sie dahin geht, wo es weh tut und auf unbequeme Art gesellschaftliche und politische Missstände entlarvt. Daher möchte ich den eingefleischten Belletristikern unbedingt raten, ab und zu auch mal einen Krimi in die Hand zu nehmen. Wer abseits der Auslegeware der großen Buchhandlungsketten tiefer ins Genre eintaucht, wird auch mit literarisch hochwertiger Lektüre belohnt, z.B. mit Eric Ambler (dessen Gesamtwerk übrigens gerade bei Hoffmann & Campe wiederveröffentlicht wird).

„Die Maske des Dimitrios“ wurde 1939 als fünfter Roman von Eric Ambler veröffentlicht und ist wohl sein bekanntestes Werk. Der Roman gilt als prägend für das damals noch relativ junge Genre des Thrillers. Er ist äußerst fein konzipiert in einer episodenhaften Struktur mit vielen Dialogen, Abschnitten in Briefform und (inneren) Monologen. Auch die Verfilmung aus dem Jahr 1944 ist ein Klassiker des „film noir“.

Der Roman beginnt ganz harmlos mit einer Urlaubsreise von Charles Latimer. Latimer ist Volkswirtschaftsdozent und inzwischen erfolgreicher Krimi-Autor. In Istanbul lernt er den Geheimdienst-Oberst Hakki kennen. Dieser ist ein Fan Latimers und versucht, ihm ein eigenes Manuskript unterzujubeln. Um ihn weiter zu beeindrucken, nimmt Hakki Latimer mit auf seine Dienststelle und zeigt ihm dort die Akte „Dimitrios“. Ein Berufskrimineller, schon lange international von der Polizei gesucht. Dimitrios‘ Leiche wurde im Bosporus aufgefunden. Latimer darf sogar dessen Leichnam ansehen. Er ist zunehmend fasziniert von der Person des Dimitrios und beginnt aus literarischem Interesse eine Recherche. Doch was als spielerische Spurensuche beginnt, wird bald ein gefährliches Spiel. Die Nachforschungen führen Latimer quer durch Südeuropa auf den Spuren der kriminellen Karriere des Dimitrios als Mörder, Attentäter, Spion, Zuhälter und Rauschgifthändler. Schließlich führt Latimers Weg nach Paris, wo die Maske des Dimitrios gelüftet wird.

Doch es nützte nichts, ihn mit Begriffen wie „Gut“ und „Böse“ erklären zu wollen. Das waren lediglich barocke Abstraktionen. Die Elemente der neuen Theologie hießen „gutes Geschäft“ und „schlechtes Geschäft“. Dimitrios war nicht böse. Er war logisch und konsequent, so logisch und konsequent im europäischen Dschungel wie das Giftgas Lewisit und die Leichen von Kindern, die bei einem Luftangriff auf eine offene Stadt umkommen. Die Logik von Michelangelos David, von Beethovens Streichquartetten und Einsteins Theorien war durch die Logik des Börsenhandbuchs und Hitlers Mein Kampf ersetzt worden. (S.289)

Was mich an Eric Amblers Politthrillern von Beginn an ansprach, ist das von ihm beschriebene Geflecht von Politik, Wirtschaft und Verbrechen. Seine Thriller handeln durchgehend von Machtpolitik, (Staats-)Terrorismus und den Auswüchsen des Kapitalismus. So ist es auch in „Die Maske des Dimitrios“. Ambler spricht zahlreiche politische Themen im Roman an: Der griechisch-türkische Krieg 1922 mit dem Massaker von Smyrna (Izmir), die Destabilisierung Bulgariens und Jugoslawiens durch politische Attentate oder Spionage zwischen Italien und Jugoslawien (Der Faschismus ist auch immer wieder ein Thema in seinen Romanen, allerdings mehr in den vorherigen). Grundtenor ist jedoch die unheilvolle Allianz zwischen Großkapital und international organisiertem Verbrechen (ein eindeutig zeitloses Thema). Ambler war über seine Romane zeitlebens ein Kritiker der Auswüchse des Kapitalismus und dessen verschiedenen Ausprägungen im (Neo)kolonialismus und Faschismus (als linker Intellektueller brauchte Ambler ein paar Romane, um sich auch am Stalinismus abzuarbeiten). Im Roman übernimmt der Journalist Marukakis die Rolle des mahnenden Anklägers („Wenn ein Attentat für das Geschäft gut ist, wird es ein Attentat geben“, S.104). Zunächst schüttelt Latimer darüber noch etwas den Kopf, doch er wird im weiteren Verlauf eines besseren belehrt.

Amblers Romane sind zudem alles andere als Mainstream. Natürlich könnte man mäkelnd einwerfen, dass der Roman mit Spannungsbögen und Action heutiger Thriller nicht ganz mithalten kann und dass aktuelle Autoren eher nach dem Motto „Show, don’t tell“ arbeiten, aber für meinen Geschmack macht er das durch einen sehr feinen, eleganten, an manchen Stellen auch humorvollen Stil mehr als wett. Was mich an Ambler reizt, sind die intelligenten und raffinierten Plots, in denen die Wirklichkeit so dargestellt wird, wie sie vermutlich auch ist, komplex, undurchsichtig und zumeist zynisch. Interessant ist auch immer wieder seine Figurenwahl, indem er konsequent mehr oder weniger Unbeteiligte, Normalos ins Getümmel wirft und schaut, wie sie darin zurechtkommen. So wie in „Die Maske des Dimitrios“ die Hauptfigur des Charles Latimer. Dieser ist ehemaliger Volkswirtschaftsdozent, der sich inzwischen erfolgreich ganz auf das Schreiben von Cosy-Krimis konzentriert hat. Latimer ist durchaus das, was man sich unter einem englischen Professor der damaligen Zeit vorstellt, distinguiert, etwas bieder, bislang existiert Kriminalität für ihn mehr oder weniger nur in der Fiktion. Latimer ist auch nicht wirklich Handelnder, sondern nach kurzer Zeit hetzt er von Ort zu Ort den Informationen hinterher, die ihm häppchenweise über Dimitrios gegeben werden.

Als „Klassiker“ zeichnet den Autor Ambler ebenfalls aus, dass er so etwas wie der Chronist des 20.Jahrhunderts ist. Sein erster Roman erschien 1936 unter den drohenden Vorzeichen des kommenden Zweiten Weltkriegs, der letzte 1982 im Ost-West-Konflikt mit seinen schmutzigen Stellvertreterkonflikten. Und dennoch fällt immer wieder seine Zeitlosigkeit bei seiner Themenwahl auf, seine Plots könnten kaum verändert auch in der heutigen Zeit spielen. So las ich im Frühjahr letzten Jahres seinen vorletzten Roman „Bitte keine Rosen mehr“ aus dem Jahr 1977 über die „Steuervermeidungsbranche“, als just die „Panama Papers“ die Schlagzeilen bestimmten. Das ist auch das, was mich an „Klassikern“ (des Kriminalromans) reizt: Der historische Kontext mit direkten Bezügen zu gegenwärtigen Situationen. Eric Ambler ist hier ein Paradebeispiel und sein „Die Maske des Dimitrios“ daher #MeinKlassiker.

Gunnar Wolters
Mitwirkender bei www.krimirezensionen.de

A. L. Kennedy: Gleissendes Glück

„Waren Sie jemals glücklich? Sagen Sie ehrlich, waren Sie jemals wirklich glücklich, können Sie sich erinnern? So richtig, im Hier und Jetzt, durch Mark und Bein und Fleisch und Blut glücklich, kein Ende in Sicht? Hm?“

A. L. Kennedy, „Gleissendes Glück“, 2000

Schon bei der ersten Begegnung zwischen Mrs. Brindle und Professor Gluck (aufgemerkt: nicht Glück!) kommt es zu diesen Fragen – den wichtigsten, intimsten, persönlichsten Fragen, die man einem anderen Menschen stellen kann. The „the pursuit of happiness“: In den USA  verfassungsmäßig verankert, hierzulande zumindest Voraussetzung zur gesellschaftlichen Teilhabe. Wir sind zum Glücklichsein geradezu verdammt. Alle miteinander. Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Und wem das Meisterstück misslingt, der hat einfach noch nicht genug geübt, der hat seine Persönlichkeit noch nicht ausreichend optimiert.

Gut, dass Prof. Gluck Psychologieprofessor ist und Glücksvorträge hält. Damit lässt sich sattes Geld verdienen. Gluck ist also einer dieser modernen Glücksapostel, die den Unglücklichen in den Sattel helfen. Ein Herr von Hirschhausen, allerdings auf Nobelpreis-Niveau. Wobei die Art seiner Forschung, wie so manches andere auch in diesem Buch, im Ungefähren bleibt. Aber deutlich wird von Seite zu Seite: Der Glücksprediger hat sein eigenes Unglück. Und das ist von ganz schlechten Eltern: Sexuell erregen kann er sich nur noch durch Gewaltpornographie, eine normale Liebesbeziehung erscheint ihm unmöglich.

Gluck darf die Fragen nach dem Glück also kraft seiner Profession auch vor Publikum stellen. Dass sie für ihn und Mrs. Brindle zu einer besonderen Bedeutsamkeit gelangen werden, ahnen zunächst weder Gluck noch Brindle noch der Leser. Von Beginn an birgt dieses Buch etwas Irritierendes, etwas Verstörendes. Das immer wieder entgleisende Glück, das so „lautlos“, wenn man dieses vom geschriebenen Wort sagen kann, daher kommt, diese poetisch-lakonische Sprache, die Nüchternheit der Beschreibung, dies alles wird immer wieder durchbrochen.  Als ob die Autorin sagen möchte: „Liebe Leute, nistet euch nicht ein: Macht es Euch nicht gemütlich. Das ist keine nette Liebesgeschichte.“ Vielmehr: Ein düsteres Psychogramm, ein Psychothriller.

Wie mit einem Durchschlaghammer bricht die Gewalt ein

Dieses Buch ist ein Angriff. Zuerst findet man sich in der netten, durchschnittlichen Küche der netten, durchschnittlichen Mrs. Brindle wieder. Nach und nach kommen Einschnitte in dieses mittelständische Idyll. Wie mit einem Durchschlaghammer meißelt die Autorin Szenen verbaler, psychischer und physischer Gewalt dazwischen.

 „Fotze.

Mittwoch abend, nach dem Abendessen, das in jeder Hinsicht zufrieden stellend war, wollte sie ihm einen Kaffee ins Wohnzimmer bringen und ließ die Tasse fallen. Ihre Hand vergaß sich. Mr. Brindle hörte den Aufprall des Porzellans und des Inhalts, stand auf und sah einen Moment zu, wie die dunkle heiße Flüssigkeit in seinen Teppich einzog. Dann trat er auf sie zu und schlug sie. „Fotze.“ Schlug sie ins Gesicht, weil es ihm inzwischen egal war.“

Schläge mitten hinein in die mittelenglische Beschaulichkeit. Wenige Bücher haben mich nachhaltig  so irritiert, so verstört wie dieses. Die Figuren sind kaum fassbar – Alter, Herkunft, Entwicklung, diese Hilfestellungen gibt A.L. Kennedy nicht. Auch die Anordnung der geographischen Schauplätze bleibt eng, klein – ein Hotelzimmer, eine Abstellkammer. Das Buch ist beinahe wie ein Kammerspiel – drei Menschen, und sonst nichts.

Von ungefähr erinnert es an „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ und „Szenen einer Ehe“. Die alltägliche Selbst- und Gegenzerfleischung mancher Paare, allerdings in weniger glamourösen oder intellektuellen Setting. Der Roman ist in der Normalität, in der durchschnittlichen Welt verankert – dort wo alles so geregelt schein, wo aber auch, wie die Statistiken zeigen, die Hölle der ehelichen Gewalt hinter den Fassaden tobt. Und beim Lesen dieses Buches ging es mir wohl wie jemanden, der den täglichen Krieg bei den Nachbarn nicht mehr überhören kann oder will: Man ist schockiert, man will reflexartig wegstreben, man fühlt sich hilflos.

Mrs. Brindle jedoch ist, auch wenn sie zu Beginn so bieder, so langweilig und in ihrer Gotteshysterie leicht neurotisch wirkt, so hilflos nicht. Am Ende findet sie mit dem Professor eine seltsame Form des Glücks – nachdem Mrs. Brindle beinahe von ihrem Ehemann zu Tode geprügelt wurde. Eine der am schwersten erträglichen Szenen in diesem Buch. Und es schwer erfassbar ist, ja, eigentlich nicht zu fassen, warum die Protagonistin nach einigen Wochen bei ihrem Liebhaber zum prügelnden Ehemann zurückkehrt. Bis es zur letzten Eskalation kommt.

 Wenig nachvollziehbare Wendungen

Dies war jedoch eine der für mich weiteren nicht nachvollziehenden Wendungen in diesem eigentlich schmalen Roman. Vieles erschien mir unlogisch: Eine unterdrückte Ehefrau, die zu einem Psychoseminar nach Stuttgart reist? Ein Erotomane, der sich nur durch Handansichselbstanlegen befriedigen kann, aber in eine Dame in Tweed verliebt?

Ich mochte die Figuren dieses Romans nicht. Ich verstand ihre Obsessionen nicht. Ich konnte ihre Entscheidungen nicht teilen. Ich konnte nichts von dem, was Mrs. Brindle tat, nachvollziehen. Doch bei allem Widerstreben – losgelassen hat mich diese Dreiecksgeschichte nicht. Da gräbt sich etwas beim Lesen ins Unterbewusste ein. Man rätselt auch nach der letzten Seite weiter.

Eines ist der der Autorin ganz offensichtlich gelungen: Zu vermitteln, dass „das Böse“ auch unter der scheinbar heilen Schicht lauert. Dass Gewalt nicht nach Gründen suchen muss. Sie ist einfach da – so wie hinter der Haustür der ordentlichen Mrs. Brindle.


2016 kam eine deutsche Verfilmung des Romans in die Kinos. Zur Kritik in der FAZ hier:
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kino/video-filmkritiken/filmkritik-zu-gleissendes-glueck-14487268.html

Der Roman wurde bei dtv 2016 neu aufgelegt, Informationen zum Buch:
https://www.dtv.de/buch/a-l-kennedy-gleissendes-glueck-8652/

Bild zum Download: Gartenzaun


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