Anita Brookner: Seht mich an

1983 veröffentlichte Anita Brookner den Roman “Seht mich an”, der nun in deutscher Erstübersetzung beim Eisele Verlag erschien. Ein berührend melancholisches Buch über ein gesellschaftliches Phänomen: Einsamkeit.

„Als Nancy die Tür hinter mir abgeschlossen hatte, wie sie es üblicherweise tat, wenn ich ihr nicht sagte, dass ich noch einmal ausgehen wollte, roch ich die dumpfe, eingeschlossene Luft dieser Wohnung und rüstete mich, das rituelle Mahl auf dem rituellen Tablett tapfer durchzustehen. Ich wusste, wie unerträglich dies alles war, und ich ertrug es nur, weil mir ein flüchtiger Blick in die Welt draußen vergönnt gewesen war. Ich wollte nur sehen, wie die anderen, die freien Menschen, ihr Leben führten, und dann konnte ich mein eigenes beginnen.“

Anita Brookner, „Seht mich an“


Wer bewusst, oder weil es das Leben so mit sich brachte, als Single lebt, der lernt im Laufe der Zeit vor allem eines: Das eigene Leben in die Hand zu nehmen, zu wissen, dass es bereits da ist, dieses Leben, und seine Grundzüge von anderen allenfalls minimal beeinflusst werden können. Die Hoffnung auf die eine lebensverändernde Begegnung, sie trügt und täuscht. Verändern kann man sein eigenes Leben nur selbst. Eine Lektion, die Frances Hinton, die Hauptfigur in Anita Brookners drittem Roman, auf eine sehr schmerzhafte Weise erfährt.

Geprägt von einer eleganten Melancholie

Der Inhalt dieses Romans, der von einer eleganten Melancholie durchzogen ist, ist in wenigen Sätzen umrissen. London, die 1980er-Jahre. Frances Hinton lebt nach dem Tod ihrer Mutter allein mit dem alten irischen Hausmädchen Nancy in einer etwas skurrilen Wohnung, arbeitet in der Bibliothek eines medizinischen Forschungsinstituts und ist im Privatleben vor allem von alten Menschen umgeben, den Bibliotheksbesuchern, Kolleginnen im Ruhestand, dem ehemaligen Arzt ihrer Mutter. Erst als sie sich mit dem jungen Wissenschaftler Nick und dessen Frau Alix anfreundet, mit ihnen „klassische Bohemeabende“ verbringt, scheint sich in diesem eintönigen Alltag etwas zu verändern:

„Ich sprach mit niemanden über diesen Wandel in mir, über das Gefühl, das ich hatte, das Leben habe sich mir geöffnet, und zwar nicht nur zur Besichtigung, sondern, was mehr bedeutete, damit ich aktiv daran teilnahm.“

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Der Rausch der Leichtigkeit, er hält nicht lange an: Zwar geht Frances zu James, einem Wissenschaftler an ihrem Institut (und in ihrem reduzierten Leben der einzig verfügbare Single-Mann) eine Art kindlicher Freundschaft ein. Im Grunde ein Flirt, der vor allem aus ausgedehnten Spaziergängen durch das immer verregnete London besteht und recht zaghaft vor sich hindümpelt. Erst als Frances mehr und mehr gewahr wird, dass sie bei dieser kleinen Clique immer eine außenstehende Beobachterin bleiben wird, dass James vielleicht ihre letzte Chance ist auf ein klassisches Lebensmodell, das den Menschen als Paar definiert, startet sie einen fast schon verzweifelt anmutenden Verführungsversuch. Der demütigend für sie endet: „Nicht mit dir, Frances. Nicht mit dir.“

Regression zum kindlichen Ich

Nach einem letzten Zusammentreffen mit den sogenannten „Freunden“ im Restaurant, kehrt sie in ihre Wohnung und zu Nancy zurück, bricht innerlich zusammen und mutiert dabei beinahe zum Kind, das von der Haushälterin umsorgt und gepflegt werden muss.

„Aus tiefem ungetrübten Schlaf tauchte ich immer wieder auf – vielleicht war nur eine Viertelstunde vergangen -, in einen Zustand totaler Regression, als wäre ich, liebevoll umsorgt, in den Ferien, und vor mir läge ein Tag voller Überraschungen und Freude. Ich finde, dass dies einer der übelsten Streiche ist, die wir uns selbst spielen: diese Unfähigkeit, uns freizumachen von der frühen, kindlichen Erwartungshaltung.“

Gerade dieses Zitat zeigt die Tragik dieses Romans: Frances, die so klar und hellsichtig ihren eigenen Charakter analysiert, die einen durchaus kritischen Blick auf ihre Freunde, insbesondere die egozentrische, verwöhnte, „raubtierhafte“ Alix hat, jene Frances also, die weiß, dass ihre Lebens- und Moralvorstellungen anders geprägt sind, will sich dennoch dem gesellschaftlichen Diktum unterwerfen. Das da, bis in unsere heutigen Tage hinein, lautet: Es ist nicht gut, dass der Mensch (und insbesondere die Frau) allein bleibt. Es macht einem beim Lesen beinahe wütend, ja es schmerzt, zu lesen, wie sehr sie sich zwischenzeitlich verbiegen will, um den Erwartungen an eine Frau auf dem Heiratsmarkt zu entsprechen:

„…ich durfte dabei nicht störrisch oder schwierig sein. Weihnachten stand vor der Tür, und wir hatten es gemeinsam zu feiern. Ich musste also ganz unbeschwert sein.“

Daniel Schreiber über das Lebensmodell “Single”

Wer könnte geeigneter sein, ein Nachwort zu diesem Roman zu schreiben, als der Autor von „Allein“, Daniel Schreiber? Brookner habe in diesem und ihren anderen Romanen immer wieder deutlich gemacht, „was auf dem Spiel stand, wenn man allein lebte, und wie begrenzt die Möglichkeiten für alleinstehende Frauen in einer Gesellschaft waren, die dieses Lebensmodell nicht für beschützenswert, respektabel oder auch nur akzeptabel hielt, sondern bestenfalls für bemitleidenswert.“

„Seht mich an“ (eine Formel, die im Roman immer wieder, einmal fordernd, einmal flehend, wiederholt wird) macht noch einmal bewusst: „Alleinsein“ und „Einsamkeit“ sind unterschiedliche Dinge. Doch wo die Entscheidung zum „Alleinsein“ gesellschaftlich nicht anerkannt ist, wird der Mensch, der sich bewusst oder unbewusst dafür entscheidet – und dies tut Frances, die bei all ihren Anpassungsbemühungen doch immer auch ahnt, dass sie sich bei der Annäherung an Alix & Co. auf einem für sie „falschen“ Weg befindet – auch ein Stück weit in die Einsamkeit getrieben. Das Thema des Romans ist hochaktuell: Immer mehr Menschen leben als Singles und Einsamkeit ist beinahe ein gesellschaftliches Phänomen.

Betrachtet man Anita Brookners Leben, so liegt es nahe, dem Roman autofiktionale Züge zuzuschreiben: Wie ihre Hauptfigur lebte Brookner alleine, arbeitete als Kunsthistorikerin, kannte dieses Singleleben mit seinen Schattenseiten – den scheinbar anteilnehmenden Fragen, warum es denn nie geklappt habe, den Katzentisch im Restaurant, den langen Stunden an den Feiertagen – aus eigenem Erleben. Daniel Schreiber führt in seinem Nachwort aus, Brookner habe später bedauert, „Seht mich an“, das 1983 in England erschien, geschrieben zu haben – der Roman sei verantwortlich für ihren Ruf einer alten Jungfer, die über alte Jungfern schreibt. Dementsprechend wenig wurde ihr literarisches Werk wahrgenommen: „Alte Jungfern“ – wieviel Missachtung schon in diesem Ausdruck liegt! – interessierten in den Feuilletons wenig, galten als langweilig.

Übersehen wurde dabei, mit welcher Eleganz und Präzision Anita Brookner schrieb, mit wieviel Feingefühl für innere Vorgänge und Schwingungen, ohne je ins Sentimentale abzugleiten. Es ist an der Zeit, Anita Brookner zu sehen.


Bibliographische Angaben:

Anita Brookner
Seht mich an
Übersetzt von Herbert Schlüter
Eisele Verlag, 2023
ISBN978-3-96161-153-9

Jonathan Coe: Middle England

„Adieu to old England, adieu“: Mit feiner Ironie entfaltet Jonathan Coe ein Panorama der britischen Gesellschaft, die sich in Leavers und Remainers spaltet.

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Bild von Johannes Plenio auf Pixabay

EIN GASTBEITRAG VON VERONIKA ECKL

Am Abend vor dem endgültigen Austritt Großbritanniens aus der EU rief mich mein italienischer Freund Paolo an, der als Professor an einer mittelgroßen englischen Universität in einer mittelgroßen englischen Stadt unterrichtet. Paolo verkündete mir, er werde nun ins Pub gehen und sich betrinken, um das Ereignis gebührend zu betrauern. Die Stimmung an der Uni sei schlecht, ein feiner Riss ziehe sich schon seit längerem durchs akademische Milieu: Die Briten hier, die Ausländer dort. Che brutto, hässlich sei das. Naja, dachte ich, schon klar, dass ein Italiener und glühender Europäer das in der Fremde so empfinden muss. Wir lamentierten ein bisschen über die Borniertheit der Brexit-Befürworter und diese Niederlage für Europa, dann machte sich Paolo auf ins Pub und ich dachte erst wieder an seinen Kummer, als ich den im Februar auf Deutsch erschienenen jüngsten Roman von Jonathan Coe aufschlug, Middle England. Das fast 500 Seiten starke Opus ist ein literarisches Psychogramm der Nation, in dem der Autor beschreibt, wie der Brexit das Land spaltet, und zwar bis in Familien- und Liebesbeziehungen hinein. Liest man Coe, dann hatte mein Freund Paolo mit seinen Schilderungen nicht übertrieben.

Zöglinge einer elitären Privatschule in Birmingham

Fans von Jonathan Coe sind die Protagonisten aus Middle England nicht unbekannt, denn sie stammen aus den beiden Vorgängerromanen The Rotter’s Club und The Closed Circle. Aus Benjamin, dem jungen Mann von einst, ist ein zu Beginn des Romans noch erfolgloser Schriftsteller geworden, der in einer idyllisch gelegenen alten Mühle am Fluss Weltflucht betreibt, Musik hört und an seinem Lebenswerk arbeitet, einem viel zu langen, quasi unpublizierbaren Werk über die Liebe seines Lebens. Veröffentlicht wird es schließlich von seinem alten Freund Philip, der einen kleinen, eher unbedeutenden Verlag betreibt. Die Männer verbindet, dass sie dieselbe elitäre Privatschule in Birmingham besucht haben – und es ist von einer herausragenden, feinsinnigen Komik, wie Coe die beiden dieses unaufdringliche, aber doch vorhandene Elitebewusstsein an einem sehr britischen Ort pflegen lässt: dem Gartencenter Woodlands, das, so wird betont, sogar ein eigenes Hinweisschild an der Autobahn hat. Coe beschreibt es über Seiten hinweg als “ein mächtiges Imperium, dessen Untertanen stundenlang durch verschiedene Bezirke und Provinzen wandern konnten“, also als eine Art British Empire im Miniaturformat, in dem eine dezente Nostalgie gepflegt wird.

Die englische Seele haust in den Midlands

Der Dritte im Bund der Schulfreunde ist Doug, ein linksliberaler Journalist, der inzwischen aber dank der Heirat mit einer reichen Erbin im eleganten Londoner Stadtteil Chelsea lebt. Dort ist dieser Roman über die englische Seele nun eben nicht angesiedelt, sondern in den Midlands, in der Gegend also, in der früher Kohle abgebaut wurde und in der heute noch die englische Industrie – oder das, was von ihr übrig blieb – ansässig ist. Es ist ein Landstrich, auf den Coes Londoner Figuren ein wenig naserümpfend herabblicken – zu kalt, zu grau, zu provinziell. Und hier tut er sich schon auf, der Riss, denn während Benjamins Nichte Sophie, eine junge, ehrgeizige Kunsthistorikerin, es genießt, in London auf der Straße lauter verschiedene Sprachen zu hören, ist ihre unleidliche Schwiegermutter Helena im rauhen Norden überzeugt, dass Ausländer die Wurzel allen Übels sind – was sie nicht hindert, eine litauische Haushaltshilfe zu beschäftigen. Sophies schwuler Arbeitskollege Sohan aus Sri Lanka jammert, weil er seines frisch angetrauten Ehemanns wegen von London nach Birmingham umziehen muss – Benjamins Vater Colin steht indes krank und fassungslos vor den Trümmern dessen, was einmal sein Leben und seine Heimat war, vor einem stillgelegten Automobilwerk.

Ein Panorama der britischen Gesellschaft

So entfaltet Coe ein Panorama der britischen Gesellschaft, die sich in Leavers und Remainers spaltet; am nächsten dran ist man als Leser wohl an Sophie, die im Universitätsmilieu aufsteigen will und aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen den Fahrlehrer Ian heiratet. Meisterhaft beschreibt Coe, wie die unterschiedlichen politischen Einstellungen der beiden ihre Beziehung schleichend vergiften: Ian verbittert, weil ihm eine Kollegin mit Migrationshintergrund bei der Beförderung vorgezogen wird, und leidet daran, sich von Sophie nicht bestärkt zu fühlen. Die wiederum kommt ins Straucheln, als ihr eine Studentin vorwirft, eine Kommilitonin diffamiert zu haben, die kurz vor einer Geschlechtsumwandlung steht – und das ihr, die sich doch mehr als alle anderen um political correctness bemüht!

Was die Protagonisten da im Kleinen verhandeln, das sind Themen, die keinesfalls typisch britisch sind. Wir kennen sie in Deutschland ebenso: Diese Verunsicherung der Mittelschicht, eine mehr oder weniger latente Fremdenfeindlichkeit, den zunehmenden Populismus und das Ringen um politische Korrektheit, das in Absurdität münden kann. Wie Coe diese Themen in Szene setzt, das ist allerdings sehr britisch, sehr scharfsinnig, sehr humorvoll: Wenn sich etwa Sophie und Ian die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in London im Fernsehen ansehen, und sie, die an Sport eigentlich desinteressierte Intellektuelle, von der feinsinnigen Selbstdarstellung der Nation fasziniert ist, während ihm das Spektakel zunehmend auf die Nerven geht – dann weiß der Leser bereits, dass diese Ehe eine schwierige werden wird.

Adieu to old England, adieu…

Witz und Melancholie durchziehen den Roman gleichermaßen, doch Coe macht keinen Hehl daraus, auf welcher Seite er steht. Am Ende, als klar ist, dass es zum Brexit kommen wird, lassen sich Benjamin und seine Schwester Lois, die nach Jahrzehnten noch traumatisiert ist von den Bombenanschlägen in Birmingham, in Frankreich nieder und eröffnen ein Bed and Breakfast in einer umgebauten Mühle. Emigranten sind sie, Heimatvertriebene im Geiste, auch wenn sie versuchen, sich auf dem Kontinent ihr kleines Paralleluniversum zu schaffen. Fast möchte man weinen, wenn Benjamin dort in nächtlicher Nostalgie einen Song der englischen Folksängerin Shirley Collins hört: „Adieu to old England, adieu…“

Es bleibt nur noch, sich zu betrinken.


Informationen zum Buch:

Jonathan Coe
Middle England
Aus dem Englischen von Cathrine Hornung und Dieter Fuchs
Folio Verlag Wien und Bozen, 2020
Hardcover, 480 Seiten, 25,00 Euro
ISBN 978-3-85256-801-0


Über die Autorin dieses Beitrags:

Veronika Eckl studierte Romanistik und Germanistik. Es folgten journalistische Lehr- und Wanderjahre bei der »Süddeutschen Zeitung«, der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«, der »Katholischen Nachrichten-Agentur« und beim »Bayerischen Rundfunk«. Nach ihrer Redakteursausbildung ging sie nach Rom, wo sie längere Zeit als Journalistin arbeitete und das Latium für sich entdeckte. Heute arbeitet sie hauptberuflich als Lehrerin für Deutsch, Französisch und Italienisch.

JP Delaney: The Girl Before

JP Delaney hat mit „The Girl Before“ seinen ersten Psychothriller vorgelegt. Alles in allem perfekte Thrillerkost auf hohem Niveau.

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Bild: Florian Pittroff, https://flo-job.de/

Ein Gastbeitrag von Florian Pittroff

JP Delaney präsentiert mit „The Girl Before“ einen Thriller, der den Leser nicht mehr loslässt. Es gibt zwei Handlungsstränge. Zuerst erfolgt die Rückblende: „Damals. Emma“. Und dann „Heute: Jane“. Die Idee mit zwei unterschiedlichen Handlungen, die sich dann doch zu einer Geschichte verquicken, gefällt mir sehr gut. Ebenso, dass die einzelnen Kapitel jeweils kurz und knapp gehalten sind. Zum einem wird der Leser dadurch immer wieder zum Weiterlesen animiert und es verleiht dem Buch eine gewisse Dynamik.

Der Plot: Nach einem Schicksalsschlag braucht Jane dringend einen Neuanfang. Daher überlegt sie nicht lange, als sie die Möglichkeit bekommt, in ein hochmodernes Haus in einem schicken Londoner Viertel einzuziehen. Die Miete ist gering, doch der Regelkatalog, den der neue Mieter einhalten muss, ist alles andere als gewöhnlich. Doch bald erfährt Jane, dass ihre Vormieterin im Haus verstarb – und ihr erschreckend ähnlich sah.

Beklemmende Atmosphäre im Architektenhaus

Die Story rund um das Architektenhaus überzeugt, denn JP Delaney schafft es, sofort eine beklemmende Atmosphäre zu schaffen. Der Spannungsbogen, der zu Beginn richtig abgeht, hängt dann allerdings durch. Der Mittelteil hatte ziemliche Längen, war zum Teil sehr vorhersehbar und unspannend. Aber, oh Glück, danach zog die Geschichte wieder an. Beim Zusammenfädeln der beiden Erzählstränge und bei der der Auflösung wurde das Tempo deutlich erhöht und man wollte das Buch nicht mehr zur Seite legen.

Die zwei – respektive vier Protagonisten – sind gut dargestellt. Die Story um das kalte Architektenhaus und die beiden Frauen Jane und Emma ist mit einer dicken Portion Sex aufgehübscht. “Ernsthaft spannend wird „The Girl before“, als sich herausstellt, dass die beiden Frauen Jane und Emma keineswegs nur bemitleidenswerte Opfer sind, sondern auch ihre kleinen, schmutzigen Geheimnisse haben – und nicht nur sie.”, schreibt Lukas Jenkner in der Stuttgarter Zeitung.

Seinem Fazit schließe ich mich an:  Mit „The Girl Before“, seinem ersten Psychothriller, ist JP Delaney “perfekte Thrillerkost auf hohem Niveau” gelungen. Die Verfilmung ist bereits in Planung. Und beim Lesen fiel mir unter anderem ein berühmtes Vorbild ein: „Rebecca“ von Alfred Hitchcock.


Informationen zum Buch:

JP Delaney
The Girl Before
Penguin Verlag, 2017
ISBN: ‎ 978-3328100997


Über den Gastautor:

Florian Pittroff ist Magister der Literaturwissenschaften und Kunstgeschichte und arbeitet seit mehr als 25 Jahren als Journalist und Texter. Seine Buchbesprechungen waren unter anderem zu lesen im Kulturmagazin „a3kultur“ und im deutschsprachigen Männermagazin „Penthouse“.  Er verfasste Kulturbeiträge für das Programm des „Parktheater Augsburg“, war unter anderem verantwortlich für die Medien- & Öffentlichkeitsarbeit des kulturellen Rahmenprogramms „City Of Peace“ (2011) und die deutschsprachigen Slam-Meisterschaften (2015) in Augsburg. Florian Pittroff erhielt 1999 den Hörfunkpreis der Bayrischen Landeszentrale für neue Medien für den besten Beitrag in der Sparte Kultur.

www.flo-job.de

#MeinKlassiker (35): Herbert liest … Lady Chatterley – Erosion, Emotion und Erotik

Der Literaturblogger Herbert Schmidt bespricht für die Reihe einen Roman, der einst als Skandal galt: “Lady Chatterley” von D. H. Lawrence.

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Bild von Mabel Amber, still incognito… auf Pixabay

Für mich war dies einer der ersten Blogs, denen ich “begegnet” bin: Herbert zählt für mich zu den “Urgesteinen” in der Blogosphäre. Er betreibt das Schreiben über Literatur mit wahrer Leidenschaft: Seine Leseinteressen sind vielfältig, seine Besprechungen mannigfaltig. Der Blog aus.gelesen ist eine wirkliche Fundgrube für alle wilden Leser: Da findet man Rezensionen zu Klassikern, zu Neuerscheinungen auch abseits des Mainstreams, aber auch zu Sachbüchern und Büchern, die sich sonst niemand vorzustellen traut. Und auch für #MeinKlassiker stellt er ein außergewöhnliches Buch vor – zu seiner Zeit ein Skandal, heute gehört es zu den Jahrhundertwerken der Literatur.

Vor einigen Wochen las ich eine recht positive Rezension über den Roman Lady Chatterley von D.H. Lawrence, die mich daran erinnerte, daß ich noch diese ‘Langversion’, die zweite Bearbeitung des Stoffes durch Lawrence, im Regal stehen hatte [Anmerkung: die grünen Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Roman, die rot markierten Passagen habe ich der Lady Chatterely-Ausgabe der Deutschen Buch-Gemeinschaft von 1967 entnommen]. Zudem passte dieser Roman in gewisser Weise zu meiner gerade beendeten Lektüre von Pat Barkers Trilogie über den 1. Weltkrieg [3], hängt die Geschichte, die uns Lawrence erzählt, doch ursächlich mit diesem Krieg zusammen.


1917 nämlich heirateten der 29jährige Clifford Chatterley und die 23jährige Constance Reid. Die beiden verlebten vier (Flitter)wochen zusammen, bevor Clifford wieder in den Krieg nach Flandern ziehen musste. Von dort kam er in Einzelteilen, die sich erstaunlicherweise noch einmal flicken ließen, zurück. Der Unterkörper Cliffords jedoch blieb gelähmt, die von beiden nicht sonderlich hoch geschätzten leiblichen Freuden der Ehe waren damit perdu, Constance war von der Ehefrau zur Pflegerin eines Kriegsversehrten geworden. Das gemeinsame Eheleben erschöpfte sich fortan in Lesen, Vorlesen und in Diskussionen.

Sie wurden in der ersten Zeit erstaunlich gut mit dieser Situation fertig. Clifford wohnte ein großer Lebenswille inne, für Constance war es nicht in Frage gestellte Pflicht. Doch im Lauf der Monate und Jahre trat schleichende Verbitterung ein, die Kontakte nach außen wurden selten(er), vor allem jedoch Constance funktionierte mehr und mehr wie ein Automat. Ihr Vater, der zu Besuch kommt, sieht seiner Tochter das Unglück an, rät ihr dringend, unter Menschen zu gehen, ihr Leben zu leben. Aber erst als der Zustand der jungen Frau so ernst wird, daß ihre Schwester sie zum Arzt bringt und der ihr sehr eindringlich ins Gewissen redet, gibt sie nach. In Mrs. Bolton findet sie eine verwitwete Frau, die Erfahrung in der Betreuung von Kranken hat und die die Pflege von Clifford Chatterley übernimmt.

Clifford Chatterley seinerseits hat sich die Vorwürfe seines Schwiegervaters – trotz der auf Gegenseitigkeit beruhenden Abneigung der beiden Männer – zu Herzen genommen, in einer Schlüsselszene des Romans reden die beiden Eheleute miteinander über dieses Thema. Ist zuerst der Mann in der Offensive, indem er seine Frau Constance ermuntert und auffordert, unter Leute zugehen und sich zu öffnen, dreht Constance, die anfänglich unangenehm von dem Gespräch berührt ist, den Spieß um und drängt ihren Mann in die Defensive. Denn dieser hat die Konsequenzen seines Vorschlags offenkundig nicht zu Ende gedacht: Was, wenn sie einen Mann kennenlernt, was, wenn sie mit diesem Mann schläft – oder gar ein Kind bekommt?

Letztlich gesteht Clifford ihr das Recht auf diese sexuelle Freiheit zu. Auch ein eventuelles Kind wäre für ihn kein Problem, denn letztlich ist für ihn nicht entscheidend, wer das Kind gezeugt hat, sondern, wer es erzieht. Trotzdem stellt er seiner Frau die Bedingung, daß der Liebhaber, dem sie sich hingibt, gleichrangig sein sollte.

Gleichrangig, denn Clifford vertritt eine sehr klassenbewusste Einstellung: es gibt die, die oben sind, die denken, handeln, Verantwortung tragen und so den Lauf der Welt bestimmen und es gibt die unten, die kaum Menschen zu nennen sind, weil sie Massen sind, die geführt werden müssen und zu arbeiten haben.

Was Constance angeht, ist es mit dieser einschränkenden Bedingung schon zu spät – was Clifford natürlich nicht ahnt. Was ihm nur auffällt ist, daß seine Frau von manchem ihrer Waldspaziergänge mit vollerblühter Schönheit, mit einem inneren Strahlen wieder zurück nach Wragby kommt. Denn im Wald lauern auf Constance nicht die Räuber, sondern es wartet in seiner Hütte der Wildhüter, Oliver Parkin, auf sie. Ihrer Ladyship kam der Wildhüter in der täglichen Begegnung anfänglich zwar eher grob vor, doch eines Tages hatte sie ihn bei einem ihrer Spaziergänge an seiner Hütte überrascht, als er sich wusch. Der heimliche Anblick dieses weißen, seiner Kleidung entledigten männlichen Oberkörpers rührte in seiner Vollkommenheit tief in ihr ein Begehren auf, das sie so noch nicht gekannt und das sie bei ihrem Mann nie erlebt hatte.

However, die beiden überspringen eines Tages die Schranke der gesellschaftlichen Trennung und aus diesen ersten, verstohlenen Begegnungen, die Constances Körper förmlich erwecken und sie selbst in eine anderen – man kann es nicht anders sagen – Bewusstseinszustand einführen, entwickelt sich eine Liebesbeziehung, die sich im wesentlichen auf die körperlichen Aspekte gründet.

Es setzt nun in ‘Connie’ ein langsamer Erosionsprozess ein. Ist ihr Mann Clifford ein strikter Vertreter der englischen Klassengesellschaft und ihr Liebhaber Oliver ein Angehöriger der Arbeiterklasse, so steht sie jetzt zwischen ihnen. Dieses ‘Dazwischen’ bezieht sich sowohl auf das Körperliche, aber auch auf das Gesellschaftliche, denn im Gegensatz zu ihrem Mann sieht sie die Angehörigen der Arbeiterklasse nicht per definitionem als minderwertig an, sondern billigt ihnen all das zu, was Clifford ihnen an Werten abspricht.

Wird die Bindung zwischen Constance und ihrem Liebhaber trotz gelegentlicher kurzer Eintrübungen immer enger (und im gleichen Maß die zu ihrem Mann immer brüchiger), so entwickelt sich auf der anderen Seite nach anfänglicher Abneigung Cliffords gegen seine Pflegerin Mrs. Bolton auch hier eine besondere Beziehung mit ihrer eigenen, subtilen Intimität, eine Beziehung, die jedoch nie die Klassenschranke überschreitet.

Im Sommer fährt Constance wie im Winter verabredet mit ihrer älteren Schwester Hilda und dem Vater nach Frankreich, in die Sommerfrische. Anfänglich genießt Constance diese Fahrt, aber bald erträgt sie die gesellschaftliche Atmosphäre in der Villa, in der sie unterkommen, nicht mehr. Dazu kommt, daß sie von zuhause beunruhigende Nachrichten erhält: des Wildhüters wildes Weib, von dem er schon lange getrennt lebt, aber (noch) nicht geschieden ist, ist von ihrem Liebhaber vor die Tür gesetzt worden und wieder bei Parkin aufgetaucht. Im Naturzustand soll sie in seinem Bett gelegen und ihn zur Begattung aufgefordert, ja, gedrängt haben. Parkin sei, so bekommt sie in Briefen berichtet, da er dieses Weib nicht loswerden konnte, zurück zu seiner Mutter gegangen, doch jetzt verbreite Bertha Coutts unsägliche und unsagbare Einzelheiten über Intimitäten aus der Zeit der Ehe in den Dörfern, die das Ansehen Parkins schwer beschädigen würden…. Constance war ob der Nachrichten not amused, es war ein harter Kampf für sie, sich über ihre Eifersucht auf Bertha Coutts zu erheben und ihren Hass gegen ihn, weil er mit Bertha Coutts in Verbindung gewesen war, zu überwinden. Es drängte sie nach Hause.

In den wenigen Wochen der Sommerfrische hat sich vieles geändert, grundlegend geändert. Constance ist trotz der Einwürfe ihrer Schwester, solche Männer seien allenfalls für einen temporären Lustgewinn akzeptabel, entschlossen, ihren Mann zu verlassen und Parkin zu heiraten. Clifford seinerseits überrascht sie mit der Tatsache, daß er unter dem Einfluss und der Ermunterung von Mrs. Bolton gelernt hat, sich auf Krücken fortzubewegen. Parkin dagegen hat mittlerweile seine Stellung als Wildhüter bei Clifford gekündigt und will in Sheffield im Stahlwerk arbeiten.

Constance besucht ihn dort, er lebt bei einer ihm bekannten Familie. Es ist der erste ‘wirkliche’ Kontakt, den sie mit einer Arbeiterfamilie hat, er ist ernüchternd. Vor allem aber ist sie schockiert darüber, daß Parkin all die Ausstrahlung, die er im Wald, in Wragby auf sie ausübte, unter diesen Verhältnissen verloren hat. Sie kann ihm jedoch jetzt das Versprechen abnehmen, mit dieser schweren Arbeit, für die er einfach nicht geeignet ist, aufzuhören und eine kleine Farm zu bewirtschaften, die Constance von ihrem Geld kaufen will. Mit dieser Überwindung seines Stolzes (ein Mann lässt sich schließlich von einer Frau nichts schenken oder kaufen) gewinnt Parkin wieder ein wenig von seinem alten Wesen zurück.. und wie ein ganz normales Liebespaar aus der Arbeiterschicht verabreden die beiden sich und gehen in ein Waldstück, um sich hinter Büschen versteckt zu lieben… wobei sie jedoch vom örtlichen Wildhüter ertappt werden….


John Thomas und Lady Jane bzw. in der ‘endgültigen’ Version ‘Lady Chatterleys Lover (bzw. kürzer einfach nur Lady Chatterley) ist einer der großen Ehebruchsromane des letzten Jahrhunderts. In seinem Nachwort zu der von mir gelesenen Ausgabe gibt Roland Gart (seinerzeit Cheflektor des Heinemann-Verlags, London, in dem die erste englische Ausgabe erschien) eine kurze Darstellung der Veröffentlichungsgeschichte dieses Romans, von dem Lawrence insgesamt drei Versionen verfasst hat. Die vorliegende ist die umfangreichste, die 1954 das erste Mal in Italien publiziert worden ist. Die erste englischsprachigen Ausgaben erfolgten erst 1972 in London und New York.

Das Buch – und damit ist jetzt im wesentlichen Lady Chatterley gemeint – war zu seiner Zeit ein Skandal. Die Darstellung einer echten Liebesbeziehung zwischen einem einfachen Mann aus der Arbeiterklasse mit einer jungen, verheirateten Frau der Oberklasse war an sich schon skandalös, sie ging weit über ein möglicherweise still duldbares Verhältnis dieser Art, das sich auf Sex beschränkte, hinaus. Daß der Autor diesen Sex für seine Zeit deutlich schildert, daß (in der deutschen Übersetzung) der Begriff ‘ficken’ (im englischen Original unprintable (four-letter) words) häufig auftaucht, daß die Befriedigung der durchaus aktiv auf Sex drängenden Frau durch den Mann eine so große Rolle spielt, weil diese nicht nur zum Höhepunkt kommt, sondern sich auch das Bewusstsein und die Wahrnehmung ihres Selbst durch dieses sexuelle Erlebnis wandelt, hat noch bis in die 60er Jahre hinein zu Problemen bei der Publikation des Romans geführt.

Trotzdem wäre (und ist) die Einordnung von Lady Chatterley als (nur) erotischem Roman irreführend. Die Erotik und der Sex sind für Lawrence Mittel zum Zweck. Welch anderen Weg hätte er gehabt, eine Verbindung zwischen zwei Angehörigen der Unter- bzw. Oberschicht zu schaffen als über diese ‘unkontrollierte’, über ein heimlich duldbares erotisches Verhältnis hinaus wachsende Liebesbeziehung. Denn in Wirklichkeit ist Lady Chatterley als Gesellschaftsroman zu lesen.

England hat im Ersten Weltkrieg enorme Verluste erlitten, über 700.000 Soldaten fielen auf dem Kontinent, in England selbst waren die Opferzahlen geringer, aber auf der Insel herrschte Not und Elend. Dies konnte nicht ohne Rückwirkungen auf die Gesellschaftsstruktur bleiben – und blieb es nicht [3]. Die Oberschicht sah sich durch aufmüpfige Arbeiter, die beispielsweise bolschewistisches Gedankengut verinnerlicht hatten, bedrängt und bedroht. Mein Gott, wenn wir hier in England eine Revolution bekommen, wie gern würde ich mit Maschinengewehren gegen den Mob vorgehen … Diese verdammten Sozialisten und Bolschewisten.. muss sich Constance Weihnachten von ihren Gästen anhören. Auch ihr Mann Clifford ist Mustervertreter einer Einstellung, daß die von altersher gegebene Teilung der Gesellschaft in ‘unten’ und ‘oben’ einer natürlichen Ordnung entspricht, Lawrence macht seine Einstellung stellvertretend für seine gesellschaftliche Schicht in vielen Diskussionen, die Clifford und Constance führen, deutlich. In anderer, i.e. erotischer Hinsicht ist Hilda, die Schwester Constances, Vertreterin dieser überkommenen Einstellung, sie will der Schwester deutlich machen, daß Männern der unteren Klasse allenfalls fürs Bett in Frage kommen, aber man ansonsten nichts mit ihnen zu tun haben sollte. Ein Gedanke wie ‘Heirat’ sei geradezu abwegig.

Lawrence macht damit Constance, die selbst der Oberschicht angehört, zur Verteidigerin der ‘Interessen’ der unter Klasse. Der Wildhüter, Oliver Parkin, wäre schwerlich selbst in der Lage gewesen, mit Clifford Chatterley zu diskutieren. In der endgültigen Version der Lady Chatterley ist Lawrence von dieser konsequenten Trennung der Klassen dann aber abgewichen: die Rolle des Wildhüters Parkin nimmt dort der Mellors ein, der fast ein Gentleman sein könnte…, der Offizier war, Sprachen beherrschte…

Es gibt einige sehr symbolträchtige Szenen im Buch. Schon die ganze Konstellation der Figuren ist ein Bild: Der Angehörige der Oberklasse, Clifford Chatterley, ist gelähmt, so daß er sich ohne fremde Hilfe nicht fortbewegen kann. Das Sexuelle sprich: Vitale galt ihm schon vor seiner Verwundung nicht viel, so daß ihm danach nur noch das Denken, Reden und Planen blieb. In einer Szene beschreibt Lawrence, wie auf einem Waldspaziergang, bei dem Clifford Constance begleitet, der Motor des Rollstuhls seinen Dienst versagt. Mit kaum zu bändigender Wut muss Clifford erdulden, daß ein Vertreter der Arbeiterklasse, nämlich der Wildhüter, ihn nach Hause schiebt. Ein schönes Bild dafür, daß die Oberklasse ohne die Arbeiter aufgeschmissen wäre….

[Clifford] war noch ohne Liebeserfahrung, als er heiratete, und das Sexuelle galt ihm nicht viel. … Und Connie schwelgte in dieser Intimität jenseits alles Geschlechtlichen, …. beschreibt es Lawrence in der endgültigen Version der Lady Chatterley. Parkin dagegen, obwohl aus schlechter Erfahrung heraus was Frauen angeht, sehr zurückgezogen, gelingt es sehr schnell, Connies dazu zu bringen, unbewusst spitze, helle Schreie auszustoßen. Ein Naturtalent.

Überhaupt – und dies las sich für mich jetzt unfreiwillig komisch – konstruiert Lawrence um das Zeugungsorgan des Wildhüters einen förmlichen Kult. Spürt Constance schon beim Anblick des bloßen Oberkörpers, daß es eine Welt gab, die rein und machtvoll leuchtete, daß sie einen Körper sah, der das Dunkel durchdrang wie eine Offenbarung, so deutlich wurde ihr, daß es Gott auf Erden gab; oder Götter. Im Verlauf ihrer Affäre sollte sie realisieren, was ein Phallus wirklich war: Es war ein primitiver, grotesker Gott – aber lebendig und unaussprechlich lebensvoll, … die Auferstehung des Fleisches. .. bei einem wirklichen Mann (wie dem Wildhüter) hat der Penis ein eigenes Leben und ist der zweite Mann im Mann. …. der Phallus im alten Sinne hat Wurzeln, die tiefsten aller Wurzeln in der Seele, … und durch die phallischen Wurzeln gelangt die Inspiration in die Seele. Oder kurz gesagt: Er hat etwas Sternengleiches an sich … wie ein kleiner Gott. … und so konnte es für Parkin nicht einfach ‘nur ficken’ geben, da bei ihm ‘ficken’ immer bis zu den phallischen Wurzeln der Seele reichte. … Männer wie Clifford dagegen haben einen garstigen Penis, mit dem sie schmutzige Spiele treiben wie kleine Jungs. … Diese Passagen wirken auf uns heutige Leser etwas … nun ja.. lächerlich, sie müssten allerdings, um sie wirklich einordnen zu können, im zeitgeschichtlichen Kontext gesehen werden, der möglicherweise im Kreise der englischen Intellektuellen Strömungen mit solchen Einstellungen aufweist. Das habe ich zugegebenermaßen nicht gemacht…. Zu berücksichtigen ist jedenfalls, daß Lawrence zur Bloomsbury-Group um Virginia Woolf und deren Schwester Vanessa Bell gezählt wird, der ‘sich aus den moralischen Fesseln ihrer Erziehung zu befreien’ trachtete [2].

Und ebenso Constance selbst war in den phallischen Kreis des Fleisches eingeschlossen, so sehr, daß sie den Wildhüter meist ohne Unterwäsche unter dem Kleid zu tragen, besuchte… Mit dieser letzten Bemerkung werde ich jetzt den erotischen Aspekt des Romans weitestgehend ad acta legen.

Aber selbst Parkin mit seinem ‘sternengleichen’ Körper und dem kleinen Gott zwischen den Beinen ist zwar Angehöriger der Unterschicht, aber kein wirklicher Arbeiter: als er gegen Ende des Romans Wragby verlässt und in Sheffield in einer Stahlfabrik arbeitet, verliert er allen Glanz und geht fast unter.

Kommen wir noch kurz auf Constance zu sprechen. Auch ihr Körper steht für etwas, ist Symbol für die dem Untergang geweihte Dekadenz der Oberschicht: Ihr Körper wurde nichtssagend, wurde schwer und trüb – so viel nutzlose Substanz! … Das geistige Leben! Eine jähe Welle wütenden Hasses überspülte sie – dieser Schwindel! Diese sehr negative Selbstwahrnehmung Connies ließe sich jetzt noch einige Absätze lang zitieren. Erst die Bekanntschaft und Erweckung durch den Wildhüter ließ sie wieder erblühen…


Die große Krise für die beiden Liebenden kommt, als Connie im Urlaub ist. Der vierzig(sic!)jährige Parkin wird vom Teufel versucht, dem Teufel in Gestalt seiner Frau. Von der lebte er zwar schon seit Jahren getrennt, aber jetzt taucht sie wieder auf und will ihn um jeden Preis verführen. Und was könnte normalerweise verführerischer sein als der bloße Frauenkörper, mit dem sie sich ihm anbietet? Doch Parkin widersteht der Versuchung, zwar gelingt es ihm nicht, den Teufel/seine Frau zu vertreiben, aber er selbst flieht ihn/sie. Die Nachricht von diesen Vorkommnissen, die Connie in ihrem Urlaub erhält, stürzt sie in tiefer Verzweiflung, hilft aber auch, in sich Klarheit zu schaffen über das, was sie wirklich will.

Denn das ist die große Unsicherheit, die beiden innewohnt: für ihn ist die Frage, ob sie tatsächlich die Klassenschranke überspringen wird und alles für ihn aufgibt, denn die gesellschaftliche Ächtung ihrer ehemaligen Klasse dürfte ihr sicher sein. Und für sie ist die große Frage natürlich, was kommt, wenn sie alles hinter sich lassen wird. Denn auch Parkin muss noch an sich arbeiten, seinen Stolz überwinden und akzeptieren, daß es in dieser Beziehung nicht so sein wird, daß der Mann seine Frau versorgt. Apropos: eine Heirat – auch dies dürfte damals ein Skandalon gewesen sein – planen die beiden nicht, im Gegenteil sieht Connie die Ehe als Tod einer Beziehung, weil man sich im Lauf der Jahre gegenseitig nur noch auf die Nerven geht.

John Thomas & Lady Jane und Lady Chatterley sind Romane, die sich doch durch mehr als Kürzungen oder Ergänzungen unterscheiden. Die Figur des Wildhüters ist anders angelegt, Parkin ist urtümlicher, während Mellors (wie er in Lady Chatterley heißt) mit viel gutem Willen fast akzeptabel sein könnte, auch der Schluss ist anders. In Lady Chatterley bittet Connie ihren Mann, sie freizugeben, den Abschluß bildet ein langer Brief Mellors an seine Geliebte, in dem unter anderen dieser bemerkenswerte Satz steht: So liebe ich denn jetzt die Keuschheit, weil sie der Friede ist, der dem Ficken entspringt. In John Thomas & Lady Jane dagegen bildet die schon erwähnte deprimierende Szene, in der die beiden Liebenden im Park vom Wildhüter aufgescheucht werden, nachdem sie die alte, schäbige Kirche, in der Byrons Herz bestattet worden war, besucht hatten, das Ende des Buches mit einem abschließenden Blick vom Hügel auf die tote Landschaft, unter der die Kohle und das Eisen liegen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Als Erotikon ist Lady Chatterley heutzutage kaum noch auf- oder erregend, die Passagen um den im Urgrund wurzelnden Phallus wirklicher Männer wirken im Gegenteil eher skurril. Lesenswert dagegen ist das Buch immer noch wegen der Beschreibung der Verhältnisse im England nach dem Ersten Weltkrieg, dessen Folgen die althergebrachte Gesellschaftsstruktur aufzubrechen droht. Sozialismus, Bolschewismus, die rapide Fortschreitende Industrialisierung – all das sind Herausforderungen, der die Klassengesellschaft in England in ihrem überkommenen Strukturen kaum erfolgreich entgegentreten konnte. Möglicherweise liegen hier sogar (zwar keine phallischen, aber immerhin) gesellschaftliche Wurzeln für die momentanen politischen Wirren der Insel, sprich, die Einstellung zur EU. Für die Schwierigkeiten, diese Klassenschranken zu durchbrechen, stehen Constance und Parkin, ihr (gemeinsames) Schicksal läßt Lawrence jedoch offen.

Ob sich Lady Chatterley bzw. John Thomas & Lady Jane (mit dieser Selbstbezeichnung übrigens beendet Mellors in Lady Chatterley seinen abschließenden Brief an seine Geliebte), die ja durchaus ihren Umfang – und damit ihre Längen – haben, heute noch zu lesen lohnt? Das ist die Frage, die ich hier auch nicht beantworten kann…. 😉

Abschließen möchte ich jedoch noch einen der ‘schönen’ Sätze, die Lawrence verfasst hat und die schätzungsweise damals die Gemüter angeheizt haben, zitieren:

Wir haben eine Flamme ins Sein gefickt.
Sogar die Blumen sind ins Sein gefickt
von der Sonne und der Erde.

Nun denn….

Links und Anmerkungen:

[1] zu D.H. Lawrence und seinem Werk: Michael Schmitt:
Der zwiespältige Prophet; in: https://www.nzz.ch/der-zwiespaeltige-prophet-1.653784
[2] vgl. im Wikibeitrag zur V. Woolf: https://de.wikipedia.org/wiki/Virginia_Woolf#Bloomsbury_Group
[3] vgl die Trilogie von Pat Barker, die sich mit diesem Thema auseinandersetzt: https://radiergummi.wordpress.com/tag/pat-barker/

D.H. Lawrence
John Thomas & Lady Jane
Übersetzt aus dem Englischen von Susanna Rademacher
mit einem Nachwort von Roland Gart
Italienische Erstausgabe: Mailand, 1954
Englische Erstausgabe: London, 1972
Amerikanische Erstausgabe: NY. 1972
diese Ausgabe: diogenes, TB, ca. 500 S., 1978

D.H. Lawrence
Lady Chatterley
diverse, teils ‘bereinigte’ Ausgaben von ‘Lady Chatterley`s Lover’ erschienen ab 1932 in verschiedenen Verlagen
Der/Die Übersetzer/in dieser Ausgabe ist nicht angegeben
Deutsche Buch-Gemeinschaft, HC, ca. 380 S., 1967

Herbert Schmidt
https://radiergummi.wordpress.com/

Alan Alexander Milne: Pu der Bär

A. A. Milne schrieb „Pu der Bär“ 1926 für seinen Sohn Christopher Robin. Ein Klassiker, der vor allem eines feiert: Die Bande der Freundschaft.

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Bild von redmupfe auf Pixabay

Wir gehen auf eine Expedition“, sagte Christopher Robin, als er aufstand und sich abbürstete. „Danke, Pu.“

„Auf eine Expotition?, sagte Pu eifrig. „Ich glaube, auf so was war ich noch nie. Wohin müssen wir um auf diese Expotition zu kommen?“

„Expedition, dummer alter Bär. Da ist ein x drin.“

„Ach!“, sagte Pu. „Ich weiß.“ Aber das stimmte eigentlich gar nicht.

„Wir werden den Nordpohl entdecken.“

„Ach!“, sagte Pu wieder. „Was ist der Nordpohl?“, fragte er.

„Das ist eben etwas, was man entdeckt“, sagte Christopher Robin leichthin, denn genau wusste er es auch nicht.

„Pu der Bär“, Alan Alexander Milne, 1926

Die größten Abenteuer finden im Kopf statt. Dann ist es auch möglich, jeden Tag auf eine “Expotition” zu gehen, selbst an so trist-grauen Februartagen wie diesen. Dann lässt sich immer “irgendwas”, wie Pu schließlich meint, entdecken. Und wenn man dann noch gute Freunde hat wie Ferkel, Känga mit Ruh, Eule und I-Ah, dann macht es auch nichts aus, wenn die Expotition etwas wild wird und nebenbei das Essen ausgeht: Hauptsache, man ist zusammen.

Es ist vor allem die Freundschaft, die in dieser kleinen, skurrilen Clique herrscht, die Alan Alexander Milne in seinem Buch feiert. Milne (1882-1956) studierte Mathematik, arbeitete dann aber als Journalist und wurde Mitherausgeber der Satirezeitschrift „Punch“.

„Pu der Bär“ schrieb er 1926 für seinen Sohn Christopher Robin, der durch das Buch ebenfalls weltberühmt wurde. Harry Rowohlt, der geniale Übersetzer und Verfasser von „Pooh`s Corner“, meinte dazu in der ihm eigenen Art:

„Und Christopher Robin findet heute natürlich nichts alberner, als wenn man zu ihm sagt: Ach, Sie sind Christopher Robin? Wie nett. Dann erzählen Sie mal.“ Fehlte nur noch: „Ich habe Sie mir viel jünger vorgestellt.“

Die Kolumne „Pooh`s Corner“, in der die Meinungen eines Bären von sehr geringem Verstand zu lesen waren, erschien in der Zeit. Dass der bärige Rowohlt Verstand hatte: Keine Frage. Manchmal ist es aber auch klüger, sich erst einmal dumm zu stellen. Und im Übrigen: Was nützt einem der Verstand, wenn man kein Herz hat? Pu, das ist klar, hat eines.

„Pu der Bär“ sollte man übrigens in zwei Sprachen lesen, so Deutsch die Mutter(Vater)sprache ist: Das englische Original ist bezaubernd, nicht weniger rühmenswert jedoch die Übersetzungsleistung von Rauschebart Harry Rowohlt. Trotzdem hinterlässt dieser Klassiker unter Kinderbüchern bei mir immer wieder den Eindruck, es sei letztendlich doch ein Buch für Erwachsene: Die können herzlich und laut lachen über die Exzentriker, die Christopher Robins Welt bevölkern. Kinder sitzen staunend daneben und wundern sich, warum die Alten plötzlich so losgackern.

Vielleicht ist beim Lachen auch etwas Schadenfreude dabei – meint man doch, in I-AH seinen sturen, stets miesepetrigen Nachbarn zu erkennen, und Ferkel ist die aufgeschreckte Kollegin im Büro hinten rechts. Übrigens blieb natürlich auch dieses Kinderbuch von Analysen nicht verschont. Gunter Müller hat in seinem Buch „Fette Vögel gehen öfter fremd“ (2012) skurrile Studien zusammengefasst. Und da ist über „Pu der Bär“ zu lesen:

„Der stets unglückliche Pu hat gleich mehrere Störungsbilder. Am auffälligsten ist seine Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung. Außerdem leidet er an einer obsessiven Fixierung auf Honig, was auch seine Fettleibigkeit erklärt. Das kleine Ferkel, das so süß ist, wenn es ängstlich, errötet und nervös umherirrt, leidet an einer Angststörung. Auch die Eule hat mit erheblichen Entwicklungsstörungen zu kämpfen. Es handelt sich wohl um eine Legasthenikerin, die durch altkluges Verhalten versucht, ihre phonologischen Defizite zu überspielen.“

Was soll`s. Wenn wir alle perfekt wären, wäre die Welt stinklangweilig. Und es gäbe keinen „Pu der Bär“.

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