Neil MacGregor: Shakespeares ruhelose Welt

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Bild von Martin Ludlam auf Pixabay

„Es liegt eine merkwürdige Kraft in Dingen: Sie können, einmal hergestellt, unser Leben verändern.“

Neil MacGregor, „Shakespeares ruhelose Welt“

Seltsam ist`s, im Nebel zu wandeln…seit Tagen hängt eine Nebelwand über der Fuggerstadt. Von der Straße dringen die Geräusche nur wie in Watte gepackt in mein Arbeitszimmer. Selbst das Augsburger Rathaus, sonst vom Bürofenster fast handgreiflich nah, bleibt in ein diffuses Licht gehüllt. Das Wahrzeichen der Stadt im Nebelkleid. Ich überlege, ob vor 400 Jahren, als der Grundstein für diesen Bau, der, so ein neuzeitlicher Slogan, „Bürgersinn und Bürgerstolz“ repräsentieren soll – und – so ist doch anzunehmen – auch in der freien Reichsstadt zum Repräsentationszweck der wenigen Privilegierten, der wenigen wirklich „Freien“, vor allem auf dem Rücken des städtischen „Unterbaus“ erhoben wurde, ein Bau, der wahrscheinlich Leben&Kraft der Handwerker, Arbeiter, Arbeitssklaven kostete – gut, ich überlege, ob dieser Bau auch schon vor vierhundert Jahren wochenlang im Nebel versank. Und warum sich die Augsburger Patrizier darin überschlugen, Florenz, die mächtige Konkurrentin im Handel, durch Kopieren des Renaissancestils zu übertrumpfen, statt Eigenes zu gestalten, und ob auch an der Themse heute Nebel herrscht…

Vom nebeligen Augsburg 2014 zur Grundsteinlegung 1615 in der freien Reichsstadt sind es nur wenige Schritte zurück in das London der 1590er Jahre. Ein Denkmal wie das Augsburger Rathaus vermag immer noch Geschichten zu erzählen vom Ehrgeiz und den Ambitionen reicher Kaufleute, von Machtbewusstsein und Machtdemonstrationen, von Konkurrenz und Wettbewerb in einer bereits globalisierten Welt.

Einer, der solche Geschichten ebenfalls trefflich wiedergibt, ist Neil MacGregor. Der Kunsthistoriker war Leiter der National Gallery in London, seit etlichen Jahren ist er der oberste Hüter des Sammelsuriums im British Museum. Bereits mit seiner „Geschichte der Welt mit 100 Objekten“ landete er einen Bestseller. Zum Shakespeare-Jubiläumsjahr kam nun ein „Sequel“ – bewusste Wortwahl, denn dieses Buch lebt mit und vom Medium Bild und der multimedialen Weiterverwertung als Radioreihe und Hörbuch. „Shakespeares ruhelose Welt“, ein schön aufgemachter Bildband, der am Beispiel von 20 Objekten mitten hineinstößt in das turbulente, von der Pest gebeutelte, von den Iren und Schotten in die Zange genommene, den Spaniern und Katholiken unterwanderte, Magie-gläubige, nach Italien schielende und von aufständischen Lehrlingen gerüttelte London unter Elisabeth I.

Neil MacGregor erhebt nicht den Anspruch, Shakespeares Dramen zu analysieren oder Neues aus dem Dichterleben zu enthüllen.

„Vom Charisma der Dinge bewegt, unternimmt dieses Buch zwanzig Reisen in eine vergangene Welt – dies aber nicht in der Absicht, uns irgendeinem bestimmten Heiligen oder Helden näher zu bringen, schon gar nicht der Gestalt im Zentrum des Geschehens selbst, William Shakespeare. Wir wissen über das, was er tat, recht wenig, können nicht hoffen, mit auch nur annähernden Sicherheit aufzudecken, was er dachte, woran er glaubte. Shakespeares innere Welt bleibt, so bitter das ist, im Dunkeln. Stattdessen aber erlauben uns die Objekte in diesem Buch, an den Erfahrungen seines Publikums teilzuhaben (…).“

Wahren Shakespearianern bietet dieser opulente Bildband also keine neuen Erkenntnisse zu Leben und Werk. Es ist aber auch weitaus mehr als nur ein „coffee table book“, das sich im Jubiläumsjahr hübsch auf dem Wohnzimmertisch ausmacht. Kein „biopic“ auf Papier to go ohne inhaltlichen Anspruch – sondern ein fundiert und lebendig geschriebener Führer durch die englische Geisteswelt und Geschichte dieser dramatischen Zeit. Das Buch eröffnet einen Blick auf die Welt, in der der Dichter und seine Anhänger lebten. Unterstützt von den Shakespeare-Kennern des British Museums, das im vergangenen Jahr die Ausstellung „Shakespeare: Staging the world“ zeigte, verknüpft Neil MacGregor historisches Geschehen, Zeitkolorit, Dokumentiertes mit den Dramen und der Gedankenwelt Shakespeares. Und zeigt damit auch auf, wie modern der Dichter zu seiner Zeit war…

Ein Beispiel: Noch die Eltern des Dramatikers, mutmaßt Neil MacGregor, hatten wohl nie das Ticken einer Uhr gehört. Zimmeruhren waren um 1590 etwas Neues, ein Statussymbol. „Zeit des Wandels, Wandel der Zeit“ ist dieses Kapitel überschrieben. Mit den Uhren wird das Diktat der Zeit ein anderes, wird sich der Alltag der Menschen verändern. Reflektionen über die Zeit – sie sind auch ein fester Bestandteil Shakespearscher Werke. MacGregor verknüpft dieses geschickt, zeigt, was die Stunde geschlagen hat – sowohl im Alltag der Leute, als auch auf der Bühne des „Globe“.

Weil man vom Schöpfer von „Romeo und Julia“, „Othello“, „Hamlet“ und „Macbeth“ so wenig wissen kann, bringt der MacGregor die Welt, in der Shakespeare lebte, auf andere Weise nahe – mit Gabeln, Mützen, Kelchen, Spiegeln. In einem, dem letzten Kapitel macht der Kunsthistoriker das Shakespear`sche Werk zum Objekt: Denn nicht nur die Dinge haben die Macht (siehe Eingangszitat), das Leben der Menschen  zu verändern.

Auch die Worte, die Sprache können es auf den Kopf stellen, uns zu Taten bewegen, eine Welt zum Einsturz bringen. So mancher ist in ein Shakespeare-Stück gegangen und kam, wie nach einem Sommernachtstraum, als ein anderer heraus. Und auch  450 Jahre nach seiner Geburt ist der große Dramatiker und Lyriker William Shakespeare immer noch ein großer Weltveränderer – der Zauber und die Macht seiner Worte ungebrochen. Sein Werk hat die Jahrhunderte überlebt, und viel mehr als das: Es ist immer noch in uns lebendig. Dies verdeutlicht Neil MacGregor eben vor allem im letzten Kapitel „Shakespeare erobert die Welt“. Lauten könnte es auch: „Shakespeare hilft, in der Welt zu bestehen“. Denn selbst in den dunkelsten Winkeln hilft und trägt das Dichterwort weiter – sei es bei der Trauung von Marcel Reich-Ranicki im Warschauer Ghetto, sei es im Gefängnisalltag auf Robben Island. Für ein einziges Buch durften sich die Gefangenen rund um Nelson Mandela für die lange Dauer der Haft entscheiden – die Wahl fiel auf Shakespeares gesammelte Werke.

Neil MacGregor, „Shakespeares ruhelose Welt“, C. H. Beck, 2013, 347 Seiten mit 125 farbigen Abbildungen, 29,95 Euro.

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Kurt Kreiler: Der zarte Faden, den die Schönheit spinnt

Kreiler

Bild: (c) Michael Flötotto

„Empfanget, werte Dame, den roh und rauhen Vers,
leiht der Erzählung Euer Ohr, mit der ich vor Euch tret.“

Edward de Vere

Am 26. April 2014 wird – allen Zweiflern und Skeptikern zum Trotz – sein 450. Tauftag gefeiert: William Shakespeare, der wohl berühmteste Dramatiker und Dichter der Welt, manche sagen auch: „der Beste“, soll drei Tage zuvor das Licht der Welt erblickt haben, gesichert ist nur der Taufeintrag im Kirchenregister in Stratford-upon-Avon. Bevor ich jedoch den kompletten Beitrag im Konjunktiv verfasse und hätte, könnte, wäre schreibe: Gehen wir davon aus, dass es so ist, dass Shakespeare tatsächlich geboren wurde, und zwar in diesem April anno 1564 und zwar in der bei Birmingham gelegenen Stadt – es kann auch anderes behauptet werden, wie dieser Beitrag noch zeigen wird.

Vieles liegt im Dunkeln über Leben und Wirken des William Shakespeare: Schlug am 23. April tatsächlich die Geburtsstunde des „Gulielmus filius Johannes Sakspere“? Wo ging er zur Schule? Wann heiratete er? Wo sind die berühmten „verlorenen acht Jahre“? Und: Welche der überlieferten Sonette sowie der „Comedies, Histories and Tragedies“, die sich in „First Folio“ (herausgegeben von Freunden Shakespeares nach seinem Tod 1616) befinden, sind tatsächlich von ihm? War der Mann aus Stratford gar nur die Lerche, ein anderer jedoch die Nachtigall? Sein oder Nichtsein – Fragen über Fragen.

So hält der Dramatiker noch heute nicht nur das Theaterpublikum in Atem, sondern auch Scharen von Wissenschaftlern. Mit Wortfeldanalysen werden seine Texte und Zeitgenössisches auf den Ursprung hin untersucht, Historiker kramen in Archiven, Literaturwissenschaftler studieren hingebungsvoll Quellen. Nur eines scheint gewiss: Auch im 450. Geburtsjahr werden neue Theorien und Sensationen zu Shakespeares Leben und Sein die Runde machen.

Die Zuordnung Shakespear`scher Werke zu Francis Bacon oder Christopher Marlowe kursiert schon seit langem. Doch aller guten Dinge sind drei: Seit den 1920er Jahren gibt es auch die sogenannte „Oxford-Bewegung“, die nun durch einen deutschen Autoren weiter befeuert wird: Shakespeare war nicht Shakespeare, sondern Edward de Vere, Earl of Oxford, alias „Meritum petere grave“ alias „Master Fortunatus Infoelix“ alias „Spraeta tamen vivunt“ alias „Ferenda Natura“. Unter diesen Pseudonymen – „Es ist schwer, das Verdiente erbitten zu müssen“, „Der unglücklich Beglückte“, „Das Verschmähte lebt dennoch“ und „Die zu ertragende Natur“ – soll der lebenslustige Earl of Oxford (1550-1604) seine Gedichte veröffentlicht haben.

Dass zwischen den Lebensjahren, den vermeintlichen, des Shakespeare aus Stratford-upon-Avon und des Earls eine Lücke klafft und auch ansonsten die Oxford-These nicht allzu sehr gestützt wird, ficht Kurt Kreiler nicht an. Bereits 2009 veröffentlichte der Münchner Schriftsteller das Buch „Der Mann, der Shakespeare erfand“ – und heimste damit ein wenig Lob, vor allem aber viel Kritik und auch Häme ein. Von „Verschwörungstheorien“, „ausgemachtem Humbug“ und „obskurem Geniekult“ war in den Rezensionen die Rede, kurzum: Kreilers Theorie wurde von den Anglisten zunichte gemacht, bestenfalls als exotische Randnotiz zur Kenntnis genommen.

Doch Kurt Kreiler bleibt dabei: Es war die Lerche, und nicht die Nachtigall. In einem neu erschienenen Gedichtband beim Insel Verlag – „Der zarte Faden, den die Schönheit spinnt“ – veröffentlicht Kreiler hundert Gedichte des Earls, die er herausgefunden, übersetzt und kommentiert hat. Und wiederholt seine These: „Ein einmaliger Vorgang: Der Dichter – Edward de Vere, Earl of Oxford (1550-1604) – verbirgt seinen Namen von Anfang an hinter einem Schleier. Sein poetisches Werk, das sich von der mausgrauen Dutzendware der Zeit abhebt, wird aus dem Verkehr gezogen, weil es die höfische Gesellschaft provoziert – und entschwindet die nächsten Jahrhunderte den Blicken der Leser. (…) Allerdings gewinnen die Oxfordschen Gedichte ihren Wert nicht durch die mögliche Zuschreibung an William Shakespeare. Umgekehrt: Ihre Qualität stützt die These, dass Edward de Vere, Earl of Oxford, ab 1593 unter dem Pseudonym WILLIAM SHAKESPEARE publizierte.“

Wie Urs Jenny in seinem kenntnisreichen Spiegel-Essay „Der Dichter und sein Doppelgänger“ 2009 so trefflich schreibt: „Die Debatte wird weitergehen. Vielleicht ist das Geheimnis des Autodidakten Shakespeare aus der Provinz ganz einfach: Eben weil man nichts über ihn weiß, traut man dem Mann aus Stratford alles zu.“

Und in der FAZ hieß es:
„Tobias Döring lässt keinen Zweifel daran, dass er die in Kurt Kreilers Buch dargelegte, bereits seit 1920 kursierende These, hinter William Shakespeare stecke in Wahrheit der anonym bleiben wollende 17. Earl of Oxford, Edward de Vere, für ausgemachten Humbug hält. Als Anhänger einer „gut organisierten Oxford-Bewegung“ gehe es dem deutschen Autor darum, diese These zu untermauern, erklärt der Rezensent, der sich allerdings vor allem mit nicht belegten „Verschwörungstheorien“ und obskurem „Geniekult“ konfrontiert sieht. Für diesen Leserkreis sei es schlechterdings undenkbar, dass der Sohn eines Handschuhmachers derart tiefen Einblick in die englische Adelsgesellschaft haben sollte, weshalb sie de Vere, von dem offiziell lediglich mittelmäßige dichterische Werke bekannt sind, die berühmten Shakespeare’schen Dramen zuschrieben, erklärt der Rezensent. Wenn es aber darum geht, sich ein Bild von der elisabethanischen Gesellschaft und deren adligen Vertretern zu machen, kann man sich durchaus an den vielen Geschichten und Anekdoten des Autors erfreuen, für schlüssige Beweisführungen allerdings empfiehlt der Rezensent lieber die Sherlock Holmes-Romane von Conan Doyle.“
Quelle: Perlentaucher

Sei es, wie es will – wer „Venus & Adonis“, die vermutlich 1592 entstandene Versdichtung Shakespeares liebt, der wird auch die 100 schönen Gedichte am Faden des Edwards de Vere schätzen.  Shakespeare oder nicht Shakespeare: Gleichwohl, die Verse, zumeist der Liebe gewidmet, sprühen vor Sinnlichkeit, Witz, Lebendigkeit und Übermut.

„Ich weis nicht, ob ich Ew. Gn. beleidigen werde, indem ich Ihnen diese ungefeilten Zeilen zueigne…“ so Shakespeare (vermutlich) in seiner Widmung an den Grafen von Southampton und Freiherrn von Tichfield. Mit diesem Understatement läutet er eines der sinnlichsten Versepen der Literatur ein.

Auszug:
„Der Schweis begann der schönen Stirn
Der liebesiechen Liebesgöttin
Jetzt zu entquillen. Denn
Der Schatten war dem Ort entwichen,
Wo sie mit ihrem Liebling lag;
Und Titan, von der Mittagshitze müd,
Schos einen glühnden Blick auf sie,
Und wünschte dem Adon
Die Zügel seines feurigen Gespanns
Und sich des Knaben Plaz.-
(In der Übertragung von Heinrich Christoph Albert, aus der deutschen Erstausgabe 1793).

Und so schmachtet und spöttelt Edward de Vere:

Und wenn ich`s tat, was dann?

Und wenn ich`s tat, was dann?
Seid Ihr darum betrübt?
Das Meer hat Fisch für jedermann.
Und Ihr? was wollt ihr mehr?

So sprach sie, die ich liebt,
so hat sie mich verwirrt:
und warf mir dies als Frage hin,
in der ich mich verirrt.

Da sagte ich zu ihr:
Ein Fischer wünscht sich wohl,
daß allzeit auf hohem Meer
er ganz alleine wär.

So wünscht` auch ich: umsonst.
Doch da es nicht sein kann,
laßt andre ausfahr`n nach dem Fang
und leer laßt meinen Kahn.

Ein tiefer Abgrund war das Meer (Auszug)
Ein Liebender, den das Meer von seiner Lady trennt, beklagt sich

Ein tiefer Abgrund war das Meer,
das Hero von Leander trennte,
doch kein Bedenken hielt ihn mehr,
es gab nichts, das ihn retten konnte.
Schuldlos gab er sich selber hin,
den Willen Neptuns zu erfülln.

O gier`ger Schlund, verhexte Wellen,
O grause Flut, schmählicher Pfuhl,
gewillt, die Liebenden zu quälen
und Mann und Frau Gewalt zu tun.
Das offne Maul bleibt aufgesperrt,
bis es sein in die Tiefe zerrt.

Wie auch immer man Edward de Vere und die Theorie von Kurt Kreiler einordnen will – unterhaltsam zu lesen sind beide Bücher:

Kurt Kreiler, „Der Mann, der Shakespeare erfand“, insel taschenbuch 4015
Broschur, 595 Seiten, ISBN: 978-3-458-35715-5

Edward de Vere, „Der zarte Faden, den die Schönheit spinnt“, Insel Verlag, gebunden, 401 Seiten, ISBN: 978-3-458-17587-2

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Mark Twain: Ist Shakespeare tot?

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Bild von ANThy auf Pixabay

„Als Shakespeare 1616 starb, verfügte die Londoner Welt über großartige literarische Produktionen, die ihm zugeschrieben wurden und die seit vierundzwanzig Jahren höchstes Ansehen genossen. Doch sein Tod war kein Ereignis. Er sorge nicht für Betroffenheit, er erregte keine Aufmerksamkeit.“

Mark Twain, „Ist Shakespeare tot?“, Piper Verlag, 2016.

Heutzutage ist das anders: Von den wenigen biographischen Daten, die man von William Shakespeare hat, ist zumindest der Todestag gesichert: Der 23. April 1616. Und 400 Jahre danach gedenkt die Welt jenes Mannes aus Stratford-on-Avon mit allerhöchster Aufmerksamkeit. Aber im Grunde bräuchte es keine Jubiläen, um an den berühmtesten aller Dichter zu erinnern. Denn jede Minute wird – bewußt oder unbewußt – irgendwo auf der Welt ein Shakespeare-Zitat ausgesprochen, jeden Tag irgendwo auf dem Globus ein Shakespeare-Stück aufgeführt. Der Mann und sein Werk: Sie überstrahlen noch immer alles und alle.

Doch wer war Shakespeare? Seit jeher brodelt die Gerüchteküche: Dass einer aus einfachen Verhältnissen, ohne nennenswerte Bildung, ohne akademische Karriere, ohne die entsprechenden Verbindungen zum berühmtesten Dichter seiner und der nachfolgenden Zeiten aufsteigt – das befeuert die Phantasie. Shakespeare – also jener Shakespeare aus Stratford – so ist die überwiegende Meinung, war nicht Shakespeare, jedenfalls nicht der Mann, der „Romeo und Julia“, „Hamlet“ und „Der Sturm“ schrieb.

Im Grunde ist es für mich zweitrangig, wer Shakespeare wirklich war, solange es diese wunderbaren Stücke gibt und sie immer wieder neu adaptiert und interpretiert werden. Die zeitweise erbittert geführten Debatten zwischen „Shakespearianern“ und „Baconisten“ sind in ihrem Ernst und in ihrer Absurdität streckenweise befremdlich. Und wer für Aufsehen sorgen will, kommt irgendwann mit einem neuen Shakespeare – beispielsweise de Vere – daher. Doch wenn schon spekulieren, dann wenigstens so vergnüglich, wie es nun in einem von Nikolaus Hansen übersetzten Text des bejahrten Mark Twain geschieht.

1909 veröffentlicht der amerikanische Schriftsteller und Satiriker ein schmales Buch: „Is Shakespeare dead?“ und bekennt frei heraus:

„Im Wir-nehmen-an-Handel machen drei separate und voneinander unabhängige Kulte miteinander Geschäfte. Zwei dieser Kulte sind unter den Namen Shakespearianer und Baconisten bekannt, und ich bin der dritte – der Brontosaurier. Der Shakespearianer weiß, dass Shakespeare der Verfasser von Shakespeares Werken ist. Der Baconist weiß, dass Francis Bacon ihr Verfasser ist; der Brontosaurier weiß nicht so genau, wer von beiden sie geschrieben hat, ist aber recht entspannt und zufrieden der festen Überzeugung, dass Shakespeare es nicht war, und er hegt die starke Vermutung, dass Bacon es war.“

Ganz so entspannt bleibt der alte Mark Twain – beim Verfassen des Textes immerhin schon 73 Jahre alt – jedoch im Verlaufe des Büchleins nicht. Die hauptsächliche These, auf die er sich als Beinahe-Baconist stürzt: Die Shakespeare-Dramen zeugen von einem profunden juristischen Wissen, das sich ein ungebildeter Geldmensch aus einem Kaff namens Stratford niemals habe aneignen können. Francis Bacon dagegen war, so Mark Twain, ein Universalgenie mit klassischer Bildung, ein strahlender Stern am Horizont. Sicher ist es zwar in seinen Augen nicht, dass Bacon Shakespeare war – aber so gut wie unmöglich, dass eben jener Shakespeare Shakespeare war.

Hauptsache jedoch, er war:

„Es hat nur einen Shakespeare gegeben. Zwei kann es nicht gegeben haben; schon gar nicht zwei zur selben Zeit. Es braucht Ewigkeiten, einen Shakespeare hervorzubringen, und weitere Ewigkeiten für einen, der ihm ebenbürtig ist. Diesem war niemand vor seiner Zeit ebenbürtig; und niemand in seiner Zeit; und niemand seither. Die Aussichten, jemand könnte ihm in unseren Zeiten ebenbürtig sein, sind nicht gerade rosig.“

Neue Erkenntnisse in Sachen Shakespeare-Detektei birgt dieser Text von Mark Twain dem Leser nicht. Auch war der Satiriker schon in besserer Form: Es gibt unterhaltsamere und bissigere Texte von ihm. Aber dennoch: Mark Twain ist Mark Twain, gerade auch wenn er über einen Shakespeare schreibt, der nicht Shakespeare war. Und so ist der schmale Band eine vergnügliche Lesestunden-Fußnote für alle Shakespeare-Fans und oder eben Liebhaber jenes Dramatikers, der wer auch immer war …

Der Piper Verlag, dem ich für das Rezensionsexemplar danke, hat für das Buch Leander Haussmann für ein Vorwort gewonnen – und der Regisseur und Schauspieler fährt Mark Twain in einem Brief auf dem Verlagsblog vergnüglich in die Parade: Shakespeare war ein Kollektiv, ein „writers room“.
Zum Blog: https://www.piper.de/aktuelles/buchblog/leander-haussmann-schreibt-an-mark-twain

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Inger-Maria Mahlke: Wie ihr wollt

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Bild: (c) Michael Flötotto

Alles ist faul im Staate Heinrich Blaubarts und seiner Nachkommen. Da wird am Hofe Elisabeths I. antichambriert, hofiert, intrigiert, um Leib, Leben und Status gekämpft und dennoch ist aufgrund verwickelter Verwandtschaftsverhältnisse, unüberschaubarer Machtspiele und unüberbrückbarer Religionsfragen kein Kopf vor dem Rollen sicher. Und über alledem thront die Queen – die die Fäden in harter Hand hält, die die Puppen tanzen lässt.

Inger-Maria Mahlke hat sich eine der turbulentesten Epochen der englischen Geschichte für ihren Roman „Wie ihr wollt“ herausgepickt. Und legt damit ein Buch vor, das kräftig gegen die allgemeinen Klischees und gegen den Strich in Sachen Historienroman gebürstet ist: Die Heldin, das ist keine strahlende, liebreizende, holde Jungfer, ein positiver Held fällt komplett aus, und überhaupt mangelt es an echten Sympathieträgern in diesem Roman, in dem alles Verwicklung ist bis hin zur überaus verschachtelten Erzählstruktur und seiner düsteren, ausweglosen Kammerspiel-Atmosphäre. Zudem wird der historische Stoff, der eine interessante Figur des elisabethanischen Zeitalters in den Mittelpunkt rückt, durch eine moderne, frische Sprache konterkariert.

Also die Warnung gleich vorneweg: Das ist kein Roman fürs „easy reading“. Wer sich die englische Geschichte und Shakespeare-Dramen nicht bereits schon verinnerlicht hat, wird sich zunächst bei der Lektüre dieser „literarischen Aneignung eines historischen Stoffes“ (so die Autorin über ihren Roman) schwer tun. Und auch der vorangestellte Stammbaum sowie Kurzcharakteristika der Figuren am Ende des Buches erleichtern den Lesefluss nicht – das Buch ist beinahe aufgebaut wie ein Puzzlespiel, mit Sprüngen vor- und rückwärts durch die Chronologie und Familiengeschichte, so sprunghaft wie der Gedankenfluss der Anti-Heldin.

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Mary Grey, einer kleinwüchsigen Adeligen mit entfernten Thronansprüchen und einer unstatthaften Heirat. Wer Elisabeths ehernen Willen zuwider handelte, wurde kurzerhand verbannt (die gesündere Variante), in den Tower verfrachtet oder geköpft. Nicht wenige aus Mary Greys Verwandtschaft ereilte dieses Schicksal – getowert und geköpft. Für letzteres schien jedoch auch die echte Mary Grey nicht wichtig oder gefährlich genug – jahrelang wurde sie bei königlichen Gewährsleuten gefangen und vom Hofe fern gehalten. Der Roman setzt dort an, als die frisch verwitwete Mary sich um eine Rehabilitierung bemüht – erlebtes Erzählen, Tagebuchnotizen der Protagonistin, Erinnerungsfetzen und kleine dramatische Szenen mit ihrer Dienstmagd fügen sich nur allmählich zu einem Gesamtbild zusammen.

Im Grunde ist der Roman ein düsteres Kammerspiel mit zwei Personen – ein Beziehungsdrama zwischen einer eingesperrten Kleinwüchsigen, die trotz innerer Opposition und Rebellion auch die Träume von Anerkennung und Aufstieg nicht unterdrücken kann und ihrer sperrigen, wortkargen Dienerin, die Reibungsfigur, Gefangenenwärterin und Verbindungsperson zur Außenwelt zugleich ist.

Wer die Lesekonzentration für die sprunghafte Erzählweise aufbringt, der kommt in den Genuss eines durchaus unterhaltsamen Psychogramms: An den bissigen Ergüssen des „Giftzwergs“ Mary Grey, die in inneren Monologen zunehmend deutlicher ihre Verbitterung und Bosheit über Intriganten, Karrieristen und Wendehälse ausschüttet, kann man sich ergötzen.

Ans Herz wächst einem die arme Gefangene dennoch nicht. Mary Grey ist letzten Endes keine Identifikationsfigur – ist sie doch nicht nur in den Ketten ihrer körperlichen Behinderung gefangen, sondern auch in den Ketten ihrer eigenen (Macht-)Ansprüche. Ihr Käfig ist – trotz allem Willen zur Selbstbehauptung – auch ein Selbstgewählter. Sie bleibt eine Getriebene, eine, die nach öffentlicher Anerkennung als Mitglied des Hofes hungert. Zwar könnte man Mary Grey trotz ihrer Widersprüchlichkeit und äußerlichen Machtlosigkeit auch als moderne Frauenfigur interpretieren – in ihren Tagebucheinträgen wird der kritische, distanzierte Blick auf Ränkespiele und Neurosen deutlich, analysiert sie das Geschehen klar und begehrt dagegen zumindest in ihren Notizen auf, auch wenn sie selbst Gefangene ihrer eigenen Herkunft bleibt. Dennoch bleibt sie als Figur ambivalent, zweideutig.

Das trotzige „Wie ihr wollt“ des Titels bezeichnet ein Anti-Programm zum shakespearianischen Illyrien in „Was ihr wollt“: Wer mich (Mary Grey) nicht will, der hat halt schon gehabt…eine Trotzreaktion, weil die Hauptfigur nur zu deutlich erfährt, wie es ist, wenn man in mehrfacher Hinsicht nicht dazugehört, wenn man ausgeschlossen bleibt.

Der Roman ist konzeptionell eine Herausforderung – man könnte auch sagen: streckenweise etwas mühsam in seiner Verklitterung. Doch Inger-Maria Mahlke punktet (bei mir zumindest) mit einer lakonischen, teils bissigen, teils knochentrockenen Sprache. Dennoch war ich über die Platzierung auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis überrascht – aber so ist es eben mit Jury-Entscheidungen: Wie es Euch gefällt.

Inger-Maria Mahlke, „Wie ihr wollt“, Berlin Verlag, 2015, 272 Seiten.
Bestellmöglichkeit bei Buchhandel.de.

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Evelyn Waugh: Wiedersehen mit Brideshead

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1981 wurde der Roman durch das britische Fernsehen verfilmt – Schauplatz der Dreharbeiten für das fiktive Brideshead war Howard Castle in Yorkshire.Bild von Pexels auf Pixabay

„Die Erbauer ahnten nicht, wie sehr man ihr Werk einmal missbrauchen würde. Sie bauten ein neues Haus aus den Steinen einer alten Burg, und Jahr für Jahr, Generation um Generation bereicherten sie und vergrößerten es. Jahr für Jahr reifte das Holz im Park heran, bis bei einem unerwarteten Frost Hoopers Zeitalter anbrach. Das Haus verkam und das ganze Werk wurde zunichtegemacht; Quomodo sedet sola civitas. Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch.“

Evelyn Waugh, „Wiedersehen mit Brideshead“, 2013 in neuer Übersetzung als Schmuckausgabe mit Schuber und Lesebändchen beim Diogenes Verlag erschienen, 544 Seiten, ISBN 978-3-257-06876-4.

Quomodo sedet sola civitas: Und wie liegt die Stadt so wüst! Wie einst der Prophet Jeremiah in seinen Klageliedern, so klagt auch Captain Charles Ryder bei seinem „Wiedersehen mit Brideshead“: Wie liegt der Landsitz, der ihm wenige Jahre zuvor die Welt bedeutete, so wüst, von seinen Bewohnern verlassen, von Soldaten als vorübergehende Unterkunft belegt, niedergekommen und missbraucht vor ihm.

„Wiedersehen mit Brideshead“ ist ein seltsames Buch. Es weckt Enthusiasmus oder aber Verdruss. Andere Leser empfahlen mir es wärmstens: „Ein einzigartiges Lesevergnügen, ein Genuss, sagenhaft!“  Auf dem Blog eines anderen Lesers war zu sehen, er habe sich selten so gelangweilt und gequält mit einem Buch. Bei seinem Erscheinen 1944 erntete der Autor Kritik und böse Worte. Heute gilt es als das englische Gegenstück zu „The great Gatsby“: Die brillante Schilderung des Niedergangs einer bestimmten Klasse.

Seit ich aus dem Leserausch wieder aufgetaucht bin, bin auch zwischen den Polen gefangen. Die Rezension musste einige Wochen warten. Ich war mir nicht schlüssig, ich war irritiert.

Tatsächlich – beim Wiedersehen mit Brideshead kann man die Welt vergessen. „Die heiligen und profanen Erinnerungen des Hauptmanns Charles Ryder“, so der Untertitel, entwickeln eine magische Sogwirkung. Die Sprache, mich hat vor allem die Sprache (und hier muss auch der Übersetzer unter dem Pseudonym (?) „pociao“ erwähnt werden), der Stil, die Atmosphäre gefangen genommen. Die Sprache in diesem opulenten Roman, der sich um eine Familie im Niedergang und die unheilbare Liebe des Aufsteigers Charles Ryder zu deren Mitgliedern dreht, ist wirklich von einer einzigartigen Macht und stilistischen Schönheit. Voller unverwechselbarer und unvergesslicher Momente – seien es die Dialoge zwischen Charles Ryder und seinem skurril-exzentrischen und lieblosen Vater, die düstere Kulisse im afrikanischen Exil des alkoholkranken Jugendfreundes oder auch die erste Begegnung mit seiner späteren großen Liebe.

Die eigentliche Hauptrolle spielt – neben der Religion, dazu aber später mehr  – tatsächlich ein Haus, besser gesagt einer dieser typischen englischen Landsitze mit Brunnen, Butler, Kindermädchen und allem was dazu gehört. Als Waugh das Buch 1944 schrieb, da „war der heutige Kult um die englischen Landsitze unmöglich vorauszusehen“, so der Autor in einem 1959 verfassten Vorwort.

„Damals schien es, als wären die uralten Stätten, die zu den bedeutendsten künstlerischen Errungenschaften unserer Nation gehören, dazu bestimmt, wie die Klöster des sechzehnten Jahrhunderts der Plünderung und dem Zerfall anheimzufallen“.

Waugh setzte mit seinem Buch diesen einzigartigen Landgütern ein literarisches Denkmal – das zunächst auf Skepsis und Kritik stieß.

Zum einem lag der Misserfolg wohl daran, dass Waugh mit seinem Buch zu offen an die englische Nationalwunde rührte: Das Ende des Empires, der Niedergang des Adels, eine gewisse Erstarrung in den 1920er und -30er Jahren, in denen der Roman hauptsächlich spielt.

Zum anderen thematisiert Waugh eine Minderheit im anglikanischen Großbritannien: Die aristokratische Familie Flyte ist geprägt von ihrer streng katholischen Moral, Abweichungen und Sünden werden geahndet, schwarze Schafe aus der Herde verbannt, selbst die Liebe hat sich dieser Konvention zu beugen. Somit wird „Wiedersehen mit Brideshead“ zu einem der traurigsten, aber auch unbegreiflichsten Liebesromane des letzten Jahrhunderts. Dass Kirche und Klassenbewusstsein den menschlichsten Gefühlen entgegenstehen können – das war für mich irritierend an einem Roman, der in den 1930ern und zumal noch in Großbritannien spielt. Ungeduld, ja Ärger und fast Zorn empfand ich dabei stellenweise – ich wollte Julia, Charles` große Liebe rütteln, sie anherrschen, einen Gott fahren zu lassen, der die Menschen auf Erden unglücklich macht.
(Na, wenn das kein Zeichen für die stilistische Qualität eines Buches ist: Dass man beim Lesen mit den Figuren nicht nur lebt, sondern auch mit ihnen spricht.)

Kurz zum Handlungsablauf: Charles Ryder kehrt als Captain der englischen Armee nach Jahren nach Brideshead zurück. Während seiner Studienzeit in Oxford lernte er zunächst den jüngsten Sohn der Familie, Sebastian, kennen (und lieben). Dieser leidet, wie alle der Kinder der Familie Flyte, unter den strikten religiösen Normen und Regeln, die vor allem von der Mutter, Lady Marchmain, vorgegeben werden. Lord Marchmain ist bereits vor Jahren nach Venedig geflüchtet, lebt dort mit einer Geliebten, die Ehe besteht nur noch auf dem Papier und der Form halber. Letztendlich scheitern alle Protagonisten an den selbstgewählten Konventionen und Pflichten: Sebastian wird alkoholkrank und verkümmert im Ausland, Julia, seine Schwester, versagt sich nach einer unglücklichen Ehe dem möglichen Glück mit Charles und jener – der sicher auch von der Faszination des Reichtums und des Adels angezogen wurde – bleibt allein und zwischen allen Klassen haften.

Es wird in diesem Roman viel getrunken unter den Männern, und so kommen auch weinselige Wahrheiten auf den Tisch:

„Ich habe dich ausdrücklich und detailliert vor der Flyte-Familie gewarnt. Charme ist die große englische Plage. Außerhalb dieser feuchten Insel existiert sie nicht. Sie erfasst und zerstört alles, was sie berührt. Sie zerstört die Liebe, sie zerstört die Kunst, und sie hat, so meine große Befürchtung, auch dich zerstört, Charles.“

Zerstört, allein, gebrochen: das sind sie am Ende alle. Ein Buch, das von Verlusten handelt, solchen, die unausweichbar sind, solchen, die unnötige Opfer sind. Julia und Charles bei ihrem Abschied:

„Jetzt werden wir beide allein sein, und ich kann dir nicht dabei helfen, es zu verstehen.“
„Ich möchte es dir nicht leichter machen. Ich hoffe, es bricht dir das Herz, aber ich verstehe es.“
Die Lawine war herabgestürzt, die Bergflanke blieb kahl zurück. Die letzten Echos verhallten auf den weißen Hängen; der neue Eishügel funkelte und lag still im schweigenden Tal.

Exzentriker und Ekelpaket

Die irritierende Thematik des Romans ist eng mit der Biographie seines Schöpfers verknüpft: Evelyn Waugh, ein Exzentriker, Dandy, Ekelpaket zuweilen. 1903 in London geboren, die Familie gehört dem britischen Bildungsbürgertum an, bereits der Vater ist ein bekannter Journalist und Publizist. Auch Waugh studiert unter anderem in Oxford, schlägt zunächst den Weg des Journalisten ein, fällt aber vor allem durch Trinkgelage und einen exzessiven Lebensstil auf. 1928 heiratet er, trennt sich aber bereits ein Jahr später, veröffentlicht die ersten satirischen Romane und kehrt dann genauso konsequent, wie er zuvor den Lebemann markierte, dieser Lebensweise den Rücken. 1930 konvertiert er zum Katholizismus. Seine erste Ehe wird 1936 aufgelöst, er heiratet ein zweites Mal, und bezieht mit seiner zweiten Frau, mit der er sieben Kinder hat, einen englischen Landsitz. Waugh stirbt 1966 auf seinem Landsitz in Sommerset.

„Wiedersehen mit Brideshead“ gilt als vollendete Gestaltung eines Grundthemas, das Waugh auch in seinen satirischen Romanen immer wieder aufgreift: Die Kluft zwischen der Verklärung einer idealisierten Vergangenheit und der Gegenwart, die die Figuren auf die nüchternen Tatsachen des Lebens zurückwirft.


Zwei weitere Bücher des Autors kann ich aus eigener Leseerfahrung wärmstens empfehlen – darüber hinaus zeigen sie die Vielgestaltigkeit dieses Schriftstellers:

„Tod in Hollywood“ ist eine 1948 erschienene Satire, eigentlich von ihm als „angloamerikanische Tragödie“ bezeichnet. Während der romantische Realismus von „Brideshead“ in seiner Heimat auf Kritik stieß, war die amerikanische Unterhaltungsindustrie von dem Roman begeistert – Waugh reist nach Hollywood, um über eine eventuelle Verfilmung zu verhandeln. Heraus kommt jedoch ein Buch, mit dem dieser bissige Brite den ewigen Kult der Amerikaner um Jugend und Schönheit bis auf die Spitze karikiert. Ein junger britischer Schriftsteller, als Autor in den Filmstudios gescheitert, strebt eine Karriere als Tierleichenbestatter bei den „Ewigen Jagdgründen“ an, bei denen die Reichen und Gelangweilten ihren überfütterten Schoßtieren einen würdigen Abschied geben. Was absurd klingt, könnte heute durchaus Realität sein…

„Befremdliche Völker, seltsame Sitten“ erschien in „Die Andere Bibliothek“ und ist eine köstlich zu lesende Reisereportage, wenn auch nicht frei von der Perspektive eines snobistischen Angehörigen einer Kolonialmacht.

Aus dem Verlagsprogramm:
»Ein englischer Snob in Afrika«
Als Evelyn Waugh am 10. Oktober 1930 von London aus nach Addis Abeba aufbrach, wusste er nicht recht, was ihn erwarten würde. Aus einer Laune heraus hatte er beschlossen, aus dem fernen Afrika über die Krönung von Haile Selassie zum König der Könige in Äthiopien zu berichten. Alle bedeutenden Weltmächte reisten zu den Feierlichkeiten in die unfertige Hauptstadt Äthiopiens – und bauschten das Ereignis gewaltig auf. In Europa klangen die Berichte von der ungeheuerlichen Prachtentfaltung bei der Krönungszeremonie des Königs der Könige wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Waugh dagegen fühlte sich wie ein englischer Gentleman inmitten geschmackloser Barbarei und sah ganz andere Dinge als seine Journalisten-Kollegen – und auch bei seiner Heimreise über Aden, Sansibar, Kenia, Belgisch-Kongo und Südafrika zeigte sich Waugh als Mann totaler Illusionslosigkeit mit staubtrockenem Humor.

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Literarische Orte: Stefan Zweig Ausstellung – Abschied von Europa

 

Als die alte Welt vor Hass zu lodern beginnt, ist auch er zur Flucht gezwungen: Stefan Zweig, einer der Verfechter des europäischen Gedankens, verlässt 1935 Salzburg. Auch England ist nur Zwischenstation, 1940 emigriert er mit seiner Ehefrau Lotte nach Brasilien.

Am 14. Juni 1940 schreibt Stefan Zweig in seinem Tagebuch über die bürokratischen Schwierigkeiten, die ihm die Ausreise von England nach Südamerika bereitet:

„Ich habe nicht das Mindeste erreicht, weiß heute nicht, was wird, ob und ob überhaupt (,) habe nur Zeit verloren, Nerven verbraucht, nicht eine Minute etwas Vernünftiges denken können. Dazu die lähmend(en) Nachrichten – die Hakenkreuzflagge auf dem Eiffelturm! Hitlersoldaten als Garde vor dem Arc de Triomphe. Das Leben ist nicht mehr lebenswert. Ich bin fast 59 Jahre und die nächsten werden grauenhaft sein – wozu alle diese Erniedrigungen noch durchmachen.“

Stefan Zweig, Tagebücher, Ausgabe S. Fischer Verlag, 1984

Aber auch dort, in der „Neuen Welt“, ist für ihn kein Bleiben mehr – im Februar 1942 scheidet er mit seiner Frau aus dem Leben.

Paul Zech, langjähriger Vertrauter des Schriftstellers, der selbst nach Südamerika geflüchtet war, erinnert sich:

„Wollen wir doch nicht vergessen, dass Stefan Zweig in den beiden letzten Jahren der Emigration mehr gelitten hat, als in den vorhergehenden Jahren seines Lebens überhaupt. Er wurde die Dämonen nicht mehr los, die sich in sein Denken hineinbohrten und mit Fieberanfällen sein Blut unruhig machten, seine Nerven strapazierten und einen ruhigen Schlaf nicht mehr aufkommen ließen.“

Zweig hatte ihm gegen Ende seines Lebens geschrieben:

„Schließlich bin ich ja auch nicht zivilisationsmüde, aber müde dieses Schlachtens ohne Sinn, das kein Ende nehmen will. Es wäre dumm und verlogen, Dir nun zu sagen: Sei guten Mutes, es wird alles wieder besser werden. Nein. Wir brauchen einen ganz anderen Mut…“

Beide Zitate aus: „Stefan Zweig – Paul Zech, Briefe 1910 – 1942, Fischer Taschenbuch 1986

Verloren war die Welt von Gestern.

„Wir brauchen einen ganz anderen Mut!“ – dieses Zitat steht auch über der Ausstellung „Stefan Zweig – Abschied von Europa“, die 2015 im Literaturhaus München zu sehen war.

 

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Edmund de Waal: Der Hase mit den Bernsteinaugen

„Und Viktor saß auf einem Stuhl neben dem Küchenherd, der einzige Platz im Haus, wo es warm war. Jeden Tag verfolgte er in der Times die Nachrichten über den Krieg, an Donnerstagen las er die Kentish Gazette. Er las Ovid, besonders die „Tristia“, die Gedichte aus dem Exil. Beim Lesen strich er sich mit der Hand über das Gesicht, damit die Kinder nicht sahen, welche Wirkung der Dichter auf ihn hatte. Er las beinahe den ganzen Tag über, außer wenn er seinen kurzen Spaziergang die Blatchingdon Road hinauf und zurück unternahm oder ein Schläfchen hielt. Gelegentlich ging er den ganzen Weg ins Stadtzentrum in Halls Antiquariat, wo der Buchhändler Mr. Pratley besonders freundlich zu Viktor war, während der die Bände von Galsworthy, Sinclair Lewis und H. G. Wells befühlte.
Manchmal erzählte er den Buben, wenn sie aus der Schule heimkamen, von Aeneas und seiner Rückkehr nach Karthago. Dort sind an die Wände Szenen aus Troja gemalt. Erst dann, konfrontiert mit den Bildern dessen, was er verloren hat, kann Aeneas endlich weinen. „Sunt lacrimae rerum“, sagt Aeneas. Es sind die Tränen der Dinge, liest Viktor dort am Küchentisch, während die Buben ihre Algebra-Aufgaben erledigen.“

Edmund de Waal, „Der Hase mit den Bernsteinaugen“, 2012, Zsolnay Verlag

Die Tränen des Aeneas kann auch Viktor Ephrussi teilen – so unendlich viel hat er verloren im von den Nationalsozialisten angeschlossenen Österreich: Seine Frau, Freunde und Familienmitglieder, sein Vermögen, Haus und Besitz. Aber vor allem auch sein Vertrauen darin, trotz der jüdischen Herkunft als vollwertiges Mitglied in der Gesellschaft angekommen zu sein. Edmund de Waal erzählt die Geschichte seiner Familie über Generationen und Lebenswege hinweg – von Odessa über Paris und Wien bis hin zu den Exilorten in England und Japan. Leitfiguren dabei bilden 264 Netsuke, Miniatur-Schnitzereien aus Holz und Elfenbein aus Japan. Sie liegen in der Vitrine des britischen Keramikkünstlers Edmund de Waal, Nachkomme der jüdischen Familie Ephrussi.

Auf welchen – teilweise abenteuerlichen – Wegen sie dorthin gelangten, schildert de Waal in diesem Familienalbum. Angekauft von einem kunst- und feinsinnigen Vorfahren im Paris der Belle Epoque wird die Sammlung der filigranen japanischen Kostbarkeiten im Wien der Jahrhundertwende vom Dekorationsobjekt und Liebhaberei zum Kinderspielzeug, das ein arisches Stubenmädchen schließlich versteckt in einer Matratze vor der Beutegier der Nationalsozialisten rettet.

Dramatische Familiensaga

Die Netsuke – der titelgebende Hase mit den Bernsteinaugen ist einer davon – sind der Leitfaden für diese dramatische Familiensaga. Sie sind auch ein Symbol dafür, wie eine jüdische Familie, gleich wo, ob Paris, Wien oder andernorts, und gleich viel, wie hoch der Preis für die Assimilierung war, immer wieder auf Antisemitismus stößt. De Waal unterlegt dies mit fundiert recherchierten Informationen – erschreckend zu erfahren, wie auch anerkannte französische Künstler, beispielsweise die Goncourt-Brüder, verbal gegen das Judentum hetzten.

Die Ephrussi, von denen de Waal erzählt, waren einst an Reichtum und Einfluss den Rothschilds ebenbürtig. Mit dem österreichischen Anschluss setzte der Niedergang ein – das Bankhaus und das gesamte Vermögen wurden arisiert, Teile der Familie ermordet, andere in die ganze Welt verstreut.

„Der Hase mit den Bernsteinaugen“ gleicht einem literarischen Netsuke: Auf kleinstem Raum komprimiert de Waal die Wanderungen einer Familie durch Europa, kombiniert Kunstreflektionen, Zeitgeschichte und Biographisches, zeigt die Entwicklung des europäischen Judentums exemplarisch an einer, an seiner Familie auf. Dies macht das Buch nicht unbedingt leicht lesbar – aber auch der Wert eines Netsuke erschließt sich nicht auf den ersten Blick.

Edmund de Waal, 1964 in Nottingham geboren, studierte in Cambridge. Er ist Professor für Keramik an der University of Westminster. „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ erschien 2011 im Original, die deutschsprachige Ausgabe dann beim Zsolnay Verlag und als Taschenbuch bei dtv.

 

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Julian Barnes: Eine Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln

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Bild von Ben Kerckx auf Pixabay

„Aber letztendlich, was können wir dafür, wir sind halt Holzwürmer.“

Julian Barnes, „Eine Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln“

Und manches Mal sind Holzwürmer vielleicht sogar die besseren Menschen – auf diesen nihilistischen Gedanken könnte man durchaus kommen bei der Lektüre dieses wundersam-eigenartigen Buches. In zehn Kapiteln schreibt Julian Barnes über die Arche Noah, Wale und im Wal Gefangene, Schiffbrüchige, Piraten, Untergehende, solche, die sich gerade noch über Wasser halten und solche, die sich in diesem treiben lassen. Und er schreibt über Holzwürmer, die halt dann doch den längeren Atem haben als diese seltsame Spezies Mensch, die es fertigbringt, den Ast, auf dem sie sitzt, selber abzusägen. So dumm wäre ein Holzwurm denn doch nicht.

Man kann über dieses Buch vieles schreiben. Auch so:

„Eine Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln beantwortet die Frage nach Fortgang und „Ziel“ der Menschheit sowie nach der Möglichkeit, sie wahrhaft und eindeutig zu erzählen. Im Sinne der postmodernen Theorie negativ: Geschichte zerfällt in Geschichten, die sich negativ widersprechen, relativieren oder auch kommentieren und ergänzen können. Charakteristisch für Barnes ist jedoch die Einbettung dieses theoretischen Gehalts in überraschende Handlungen und einen ironischen Erzählton.“ (Quelle: „Harenberg. Das Buch der 1000 Bücher).

Man könnte aber auch sagen: Charakteristisch ist für Julian Barnes, dass er sich bei allem Weltzweifel und Skeptizismus, den er gegenüber der Fortschritts- und Entwicklungsfähigkeit seiner Mitmenschen hegt, einen Glauben bewahrte – den, das die Liebe manches heilt. Und die dem ganzen Treiben auf Archen und Schiffen letzten Endes einen Sinn gibt.

„Und so ist es auch mit der Liebe. Wir müssen daran glauben, sonst sind wir verloren. Vielleicht erreichen wir die Liebe nicht, oder wir erreichen sie und stellen dann fest, daß sie uns unglücklich macht; trotzdem müssen wir daran glauben. Tun wir das nicht, dann kapitulieren wir einfach vor der Geschichte der Welt und vor anderer Leute Wahrheit.“

Ein großes Wort, ein naiver Gedanke, mag man meinen. Aber diesem Glauben hat der Leser schließlich das zehneinhalbste Kapitel zu verdanken. Jenes Kapitel, übertitelt „In Klammern“, das insbesondere jetzt beim Wiederlesen zu einem der berührendsten und schönsten Texte von Julian Barnes wird. Denn: 2008 verlor der englische Schriftsteller seine Frau Pat, mit der er über 30 Jahre lang zusammen war, nach einer Tumordiagnose innerhalb weniger Wochen. 2014 erschien sein Buch „Levels of life“ (eine ausführliche Besprechung findet sich bei den Zürcher Miszellen).

Ein Verlust, ein Einschnitt im Leben dieses Mannes, dessen Bedeutung für Barnes bei der Lektüre von „In Klammern“ deutlich wird. Denn dieses Kapitel ist eine der schönsten Liebeserklärungen, die ich bei einem männlichen Schriftsteller an seine Frau gelesen habe. Nur der Beginn davon:

„Ich erzähle Ihnen jetzt mal was von ihr. Es ist dieser mittlere Abschnitt der Nacht, wenn kein Licht durch die Vorhänge dringt, das einzige Straßengeräusch das Gequengel eines heimkehrenden Romeos ist, und die Vögel noch nicht mit ihrem routinemäßigen und doch aufmunternden Geschäft begonnen haben. Sie liegt auf der Seite, von mir weggedreht. Ich kann sie in der Dunkelheit nicht sehen, doch nach dem gedämpften Auf und Ab ihres Atems könnte ich Ihnen einen Plan von ihrem Körper zeichnen. Wenn sie glücklich ist, kann sie stundenlang in der gleichen Stellung schlafen. Ich habe in den kloakigen Teilen der Nacht immer schön auf sie aufgepasst, und ich kann bezeugen, daß sie sich nicht bewegt. Natürlich mag das einfach an guter Verdauung und ruhigen Träumen liegen; aber für mich ist es ein Zeichen von Glücklichsein.“

Dieses Behüten und Beobachten in der Nacht bringt Barnes auf Reflexionen über die Liebe und die Unmöglichkeit, darüber in Prosa zu schreiben:

„Aber es gibt kein Genre, das auf den Namen Liebesprosa hört. Das klingt unbeholfen, fast wie ein Widerspruch in sich. LIEBESPROSA – EIN HANDBUCH FÜR TRANTÜTEN. Zu finden in der Abteilung Laubsägearbeiten.“

Barnes ist ein Schriftsteller, der Worte abwägt, seziert, ihren Einsatz durchdenkt. Und so philosophiert er über das Wesen der Liebe, fordert auf „bei der Liebe, ihrer Sprache und ihren Gesten“ präzise zu sein.

„Wenn sie unsere Rettung sein soll, müssen wir sie so klar betrachten, wie wir lernen sollten, den Tod zu betrachten.“

Um dennoch feststellen zu müssen: Das Geheimnis der Liebe, das Geheimnis von Paaren, es ist nicht zu ergründen. Gelänge es, bräuchte man nicht mehr darüber zu schreiben. Gelänge es, wäre es das Ende der Welt – was gäbe es dann noch zu tun? Gelingt die Liebe jedoch nicht, so hat Barnes einen guten Rat:

„Trotzdem müssen wir an Liebe glauben, genau wie wir an Willensfreiheit und objektive Wahrheit glauben müssen. Und wenn die Liebe eine Enttäuschung ist, sollten wir der Geschichte der Welt die Schuld geben.“

Barnes musste in diesen Nächten – in denen er dies dachte und den Schlaf seiner Frau bewachte – der Welt keine Schuld geben. Er konnte schreiben: „Für mich ist SIE der Mittelpunkt der Welt.“

Sein Mittelpunkt ist von ihm gegangen – und dies macht dieses wunderschöne Kapitel in der Geschichte der Welt jetzt zu etwas ganz Neuem, nun beim Wiederlesen. Und das Wort von Philip Larkin, das Barnes zitiert, – „Die Liebe ist, was von uns überlebt“ – bekommt nochmals eine andere, eine besondere Bedeutung.

Angaben des Verlages zum Buch: Hier.

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#VerschämteLektüren (20): Der Krimiblogger mag es auch mal cozy – Ludger Menke und Inspector Jury.

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Bild: Karl Ludger Menke

Allen meinen Leserinnen und Lesern hier wünsche ich ein SUPERGUTES NEUES JAHR!!! Ich hoffe, Ihr seid gut gerutscht, hattet einen guten Start in 2015 und seid auch bereit für eine neue Runde an verschämten Lektüren.
Zum Start in 2015 wird es spannend mit Ludger Menke alias Krimiblogger. Ludger schreibt über Kriminalliteratur auf mehreren social media-Kanälen – am besten mache man sich ein Bild über seine Aktivitäten unter krimiblog.com.
In einem Interview im  Forum SteglitzMind sagt Ludger über sich:
„Mein Aliasname Krimiblogger verrät es: Ich mag Krimis, Thriller, Spannungsromane und auch Schund. Was genau Krimi ist, kann ich nicht sagen, meine Blogs spiegeln auch meine Suche nach Definitionen und Begriffserklärungen wider. Im Laufe der Zeit bin ich vorsichtiger geworden, ein Buch als „Krimi“ zu bezeichnen. Daneben versuche ich aber auch über den literarischen Tellerrand zu schauen.“
Wenn einer gesteht, „Schund“ zu mögen, dann macht das durchaus neugierig, was Ludger wohl bei den verschämten Lektüren auspackt. Here we go:

Sie sind die “guilty pleasures” der Krimileser, Krimikritiker hingegen rümpfen oft die Nase über sie: die Cozies. Rätselkrimi, Landhauskrimi, Häkelkrimi – so lauten die Etiketten, mit denen im Deutschen die kuscheligen Spannungsromane bezeichnet werden. Cozies gehören schon lange zu den Unterarten der Kriminalliteratur. Bereits im “Goldenen Zeitalter” der Detektivgeschichten, zwischen den beiden Weltkriegen im 20. Jahrhundert, wurden massenhaft Cozies veröffentlicht. Nicht nur berühmte Autoren wie Agatha Christie, Dorothy L. Sayers (red. Anmerkung: Bei Sätze&Schätze rangiert sie unter der Kategorie „Flutschbuch“:
http://saetzeundschaetze.com/2014/09/21/flutschbuch-11-dorothy-sayers-hochzeit-kommt-vor-dem-fall/)
oder Margery Allingham schrieben damals die mittlerweile oft als harmlos verspotteten Geschichten, auch längst in Vergessenheit geratene Schriftsteller wie Mavis Doriel Hay, John Bude oder John G. Brandon erreichten mit ihren Geschichten ein großes Publikum.

Die Tradition der Mordsgeschichten, die in der Regel im ländlichen England spielen, deren Morde zwar skurril ausschauen, aber kaum detailliert geschildert werden, und bei denen es meistens einen kleinen und überschaubaren Kreis von Verdächtigen gibt, wurde bis heute von Schriftstellern fortgesetzt. Die US-amerikanische Autorin Martha Grimes, 1931 in Pittsburgh geboren, begann Anfang der 1980er Jahre mit der Veröffentlichung ihrer Inspektor-Jury-Reihe, die mittlerweile 22 Bände umfasst. “The Man With a Load of Mischief” heißt ihr erster Roman, der 1987 in der Übersetzung von Uta Goridis unter dem Titel “Inspektor Jury schläft außer Haus” bei Rowohlt erschien. Und in ihm finden sich alle wichtigen Aspekte, die einen guten Cozy ausmachen: Der Krimi spielt im ländlichen und hübsch verschneiten Long Piddelton, bizarre Morde an Zugereisten geschehen in den örtlichen Pubs, eine exzentrische Gesellschaft von Schriftstellern, Schauspielern und Adeligen beherrscht das Geschehen und selbstverständlich muss einer von ihnen die Morde – denn natürlich bleibt es nicht bei einem Toten – begangen haben. In dieses schaurige Spektakel schickt Scotland Yard den charmanten Inspektor Richard Jury als Aufklärer, der sich, wie es sich für einen Cozy gehört, in eine der Verdächtigen verliebt, der Lyrikerin Vivian Rivington.

Neben ihr zählen der windige Kriminalschriftsteller Oliver Darrington und seine gar reizende Sekretärin Sheila Hogg, der attraktive Wirt und ehemalige Schauspieler Simon Machett, der schwule Antiquitätenhändler Marshall Trueblood, die exzentrische Lady Agatha Ardry und ihr Neffe, Melrose Plant, der freiwillig seinen Adelstitel abgegeben hat, zu dem Ensemble der Verdächtigen. Wie es sich für einen Cozy gehört, führen die aktuellen Verbrechen – ein Opfer wird an einer Skulptur an einer Kneipe zur Schau gestellt, ein anderes Opfer landet mit dem Kopf in einem Bierfass – zurück zu Gewaltverbrechen in der Vergangenheit. Angereichert wird diese harmlose und kurzweilige Mörderjagd mit literarischen Anspielungen. Melrose Plant, der sich zum mitermittelnden Freund von Inspektor Jury mausert, zitiert mühelos französische Lyriker, dezente Hinweise zu Agatha Christie und Arthur Conan Doyle werden gestreut und selbstverständlich spielt Shakespeare eine wichtige Rolle, denn der Schlüssel zur Aufklärung der aktuellen Morde könnte in einer “Othello”-Aufführung liegen, die bereits vor vielen Jahren über die Bühne ging.

Dem strengen Blick eines Literaturkritikers können diese literarischen Anspielungen wohl kaum genügen. “The Man With a Load of Mischief”, ist, wie fast jeder Cozy, Unterhaltungsliteratur, die sich mit Klischees schmückt und die keinen literarischen Anspruch hat. Stilistisch ist der Roman handwerklich sauber und unaufregend verfasst, Martha Grimes stellt das Ensemble-Spiel ihrer Figuren in den Mittelpunkt und geht vor allem der Frage nach, wie sich Menschen verhalten, wenn sie mit Mord konfrontiert werden. Der Roman – wie fast alle Inspektor-Jury-Bücher – hat kaum einen politischen oder gesellschaftlichen Anspruch, wirkt in sich sogar eher konservativ und verklärend. Dennoch habe ich mich über zwanzig Jahre nach meiner ersten Lektüre auch beim erneuten Lesen gut amüsiert. Wie so oft bei Unterhaltungsliteratur sind es oft die Freiräume, die der Autor seinen Lesern lässt. Grimes schafft skurrile Figuren und beschreibt dennoch nicht alles bis ins Detail, sondern lässt ihren Lesern den Platz für eigene Bilder. Vielleicht liegt darin die Kraft und das Geheimnis guter Cozies: Das Erschaffen der Landschaften und der Personen. Doch zum Leben erweckt sie letztlich erst der Leser in seinem Kopf. Und das macht mir auch heute noch, nach vielen, vielen kriminalliterarischen Meisterwerken, immer noch einen Heidenspaß!

P.S.: Wer die deutschen Ausgaben heute sucht, der schaue in Antiquariaten bitte nach den alten Ausgaben mit den schönen Umschlag-Illustrationen von Bruce Meek. Leider wurden die späteren Jury-Romane mit Umschlägen versehen, die an die bunten Zeichnungen von Meek nie heranreichten. Und Meek gab mit seinen Bildern die Atmosphäre der Grimes-Romane perfekt wider.

Bibliographische Angaben:
Martha Grimes: The Man With A Load of Mischief. – Boston : Little, Brown & Company, 1981. – ISBN: 0316328804

E-Book-Ausgabe: Martha Grimes: The Man With A Load of Mischief. – New York: Scribner, 2013. – ISBN 978-1-4767-3294-7

Deutsche Ausgabe: Martha Grimes: Inspektor Jury schläft außer Haus / Deutsch von Uta Goridis . – Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1987, ISBN 3-499-15947-3

Und hier geht es zum lesens – UND! – sehenswerten Blog von Ludger: https://krimiblog.com/

#VerschämteLektüren (12): Peggy und ein „beschämender“ Büchertausch in Phnom Penh

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Viel Schmalz und kurzlebige Ehen hat Peggy zu bieten. Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

Wer England entdecken will, der ist bei Peggy wirklich in besten Händen. Auf ihrem Blog „entdecke england“ berichtet sie von Land und Leuten, Kultur und Natur, Geschichte und Geschichten und allerlei Bemerkenswertem – immer ergänzt durch wunderbare Fotos und persönlichen Anmerkungen, so dass man sich fast wie vor Ort fühlen kann beim Lesen. Very, very british – und mit viel Liebe zur Nation der Exzentriker. Und ihre #VerschämteLektüren haben natürlich auch mit einem der vielen, vielen Exzentriker auf dem englischen Thron zu tun…

Philippa Gregory: “The Other Boleyn Girl” und “The Boleyn Inheritance”

„Früher habe ich gerne historische Romane gelesen. Ich sage früher, nicht, weil ich heute nicht hin und wieder mal einen zur Hand nehme. Aber seit ich historische Sachbücher lese, was ich erst nach meinem Umzug nach England begonnen habe, werde ich immer kritischer. Und das verdirbt mir immer öfter den Spaß am Lesen. Viele historische Romane habe ich mittlerweile ausrangiert, aber von diesen beiden konnte ich mich noch nicht trennen.

Ja genau, hier geht es um die immer wieder faszinierende Geschichte von Henry VIII und seinen sechs Frauen. Das erste Buch wird aus der Perspektive von Mary Boleyn erzählt, Anne Boleyn’s Schwester und Geliebte des Königs. Im zweiten Buch erzählen abwechselnd Lady Jane Grey, Katherine Howard und Anne of Cleves über ihre Erfahrungen am Tudor-Hof. Die Bücher haben alles, was man von einem Schmöker erwartet: Liebe, Intrigen, Spannung, Verrat und natürlich jede Menge Hinrichtungen. Warum ich mich von den Büchern noch nicht trennen konnte, liegt aber vor allem daran, dass mich Philippa Gregory mit ihrer Erzählkunst gefühlt mit die Tudorzeit genommen hat. Altertümliche Redewendungen wie „breaking the fast“ statt „breakfast“ geben zumindest mir als Laien das Gefühl von Authentizität und nach den Beschreibungen mancher Hygienerituale hatte ich das dringende Bedürfnis, duschen zu gehen.

„The Boleyn Inheritance“ habe ich übrigens damals auf unserer Weltreise in einem Backpacker-Café in Phnom Penh gefunden. Um meine Schmach komplett zu machen, habe ich es gegen (wohlgemerkt ausgelesene) Kurzgeschichten von Herman Melville eingetauscht. Es hat mich einige Überzeugungskraft gekostet, bis die Cafébesitzerin bereit war, so ein dünnes Buch gegen ein dickes (obwohl es so dick auch wieder nicht ist) einzutauschen. So schätzt eben jeder den Wert von Büchern anders ein.“

Wer mit Peggy England kennenlernen möchte, der findet den Blog hier: https://sand-und-mehr.com/

Bild zum Download: Braut Karlsbrücke