Jasmin Schreiber: Marianengraben

„Was mich dem Leben immer ein bisschen misstrauisch gegenüberstehen lässt: Die Unvorhersehbarkeit, also eigentlich das, was den meisten Menschen so gut gefällt. Sie finden es spannend – ich finde es nur beunruhigend, denn unvorhersehbar ist nicht nur der Überraschungsbesuch der besten Freundin, die wir seit Jahren nicht gesehen haben, unvorhersehbar sind auch all die Enden, die auf uns warten. Das Ende der Freundschaft, der Liebe, des Lebens des kleinen Bruders – dein Ende. Beile, die in die Angelschnüre fallen, die uns alle miteinander verbinden. Beile, die auch unsere Angelschnur zerrissen haben, deine und meine.“

Jasmin Schreiber, Marianengraben.

Nein, für das Unvorhersehbare ist die Biologiestudentin Paula ganz offensichtlich nicht gemacht – eine Nachdenkliche, eine Grüblerin, eine Einzelgängerin. Und doch trifft sie das Schlimmste, was einen treffen kann: Der Verlust eines Menschen, den man liebt, der einem am nächsten ist. In Paulas Fall ist das Tim, ihr zehnjähriger Bruder, beim Urlaub mit den Eltern im Meer ertrunken, mitten aus dem Leben gerissen. Auch Paula ertrinkt: In einem Meer an Selbstvorwürfen, Trauer und Depression.

Und dennoch, so widersprüchlich es scheint, ist dieser Roman einer, der einen auch schmunzeln lässt, lauthals lachen, der einem das Gefühl beinahe greifbar vermittelt, dass das Leben eben nicht nur unvorhersehbar ist, sondern dass neben der Trauer auch Freude und Hoffnung ihren Platz haben. Ein herzerwärmendes Buch, ein leichtes Buch trotz seines schweren Themas. Ein Roman, der durch Melancholie und liebevollen Humor besticht, der von Lebensfreude spricht und von der menschlichen Kraft des Weitermachens.

Auch wenn einer der skurrilen Protagonisten, ein Huhn namens Lutz, einen grausamen Tod stirbt: „Marianengraben“ ist ein Buch der Hoffnung. Das liegt zum einem an der leicht fließenden Sprache von Jasmin Schreiber, die einen durch den Roman trägt. Sie hat das Talent, lebendige Dialoge voller Sprachwitz zu gestalten, ohne dass dies zu platt oder umgangssprachlich klingt. Und zugleich beweist sie mit ihrem Debütroman ihr Geschick für außergewöhnliche Geschichten.

Jasmin Schreiber bringt Paula mit Helmut zusammen: Ein wahrhaft ungleiches Paar. Die junge, übergewichtige Studentin, mitten in einer tiefen Depression, und der wortkarge, mürrische Rentner, der buchstäblich seine letzten Atemzüge vor sich hat. Und doch verbindet sie ein gemeinsames Schicksal: Beide trauern sie um ihre liebsten Menschen.

Der Zufall führt sie nachts auf einem Friedhof – eine von jenen leicht skurrilen Szenen, an denen dieser Roman nicht arm ist – zusammen. Aus der grabräuberischen Begegnung wird eine Fahrgemeinschaft: Mit einem altersschwachen Wohnmobil machen sie sich von Frankfurt auf zu einer Reise in die Berge, wo Helmut die Asche seiner ehemaligen Frau in deren Heimatort bringen will. Ganz langsam die beiden sich dabei näher, werden Freunde über Alters- und Erfahrungsgrenzen hinweg:

„Meinen Freunden oder Eltern konnte ich sowas nicht erzählen, alle machten sich permanent Sorgen um mich und beobachteten mich wie ein Pantoffeltierchen unter dem Mikroskop, bereit, bei den kleinsten Anzeichen abnormen Verhaltens – was auch immer sie damit genau meinten – sehr, sehr besorgt zu sein und mir das auch genauso zu sagen. Wenn Trauer eine Sprache wäre, hatte ich jetzt zum ersten Mal jemanden getroffen, der sie genau so flüssig sprach wie ich, nur mit einem anderen Dialekt.“

Wie der an Lungenkrebs leidende Helmut, der selbst nicht gerade ein Sonnenschein ist, Paula verbal aus ihrem schwarzen Loch reißt, wie sie durch ihn lernt, mit Abschieden und Enden (denn Paula erlebt auch das Ende von Helmut) umzugehen, das ist so leicht erzählt, dass das Traurige nicht zu schwer wird.

Und auch wenn Paula an einer Stelle des Buches sagt:

„Wäre Sehnsucht eine olympische Disziplin, ich hätte uns längst Gold geholt“,

so ist man sich, einmal am Ziel dieses außergewöhnlichen literarischen Roadmovies angekommen, sicher, dass die Protagonistin nun auch für weitere Disziplinen gerüstet ist.

Zur Autorin:

Jasmin Schreiber, geboren 1988, ist studierte Biologin und arbeitet als Kommunikationsexpertin und Autorin. 2018 gewann sie den Digital Female Leader Award und wurde als Bloggerin des Jahres ausgezeichnet. Sie arbeitet ehrenamtlich als Sterbebegleiterin und Sternenkindfotografin. Unter @LaVieVagabonde kann man ihr bei Twitter folgen.

Zum Buch:

Jasmin Schreiber
Marianengraben
Eichborn Verlag 2020
Gebunden mit Schutzumschlag, 254 Seiten, 20,00 €
ISBN: 978-3-8479-0042-9


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Akwaeke Emezi: Süßwasser

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Schon während ihrer KIndheit in Nigeria ist Ada nie allein: Die „Brüderschwestern“ sind immer in ihr. Bild von Etinosa Yvonne auf Pixabay

„Vorhin, als wir sagten, sie sei wahnsinnig geworden, haben wir gelogen. Sie war immer bei Verstand. Es ist nur so, dass sie mit uns kontaminiert war, mit einem göttlichen Parasiten, der viele Köpfe hatte, der brüllte im Marmorzimmer ihres Kopfes. Jeder kennt die Geschichten von hungrigen Göttern, von ignorierten Göttern, von verbitterten, betrogenen und rachsüchtigen Göttern. Darin besteht die oberste Pflicht: Füttere deine Götter. Wenn sie (wie wir) in deinem Körper leben, finde einen Weg, werde kreativ, zeig ihnen das Rot deines Glaubens, deines Fleisches; beruhige die Stimmen mit dem Wiegenlied eines Altars. Es ist nicht so, als könntest du vor uns fliehen – wo solltest du schon hinrennen?“

Akwaeke Emezi, „Süsswasser“, 2018, Eichborn Verlag, Übersetzung aus dem Amerikanischen von Anabelle Assaf und Senthuran Varatharajah

Jeder von uns trägt Dämonen in sich. Meist schrecken wir vor ihnen zurück, verscheuchen sie. Wer will schon gerne mit seinen dunklen Seiten konfrontiert werden?

Manchmal nehmen diese Stimmen, die uns etwas einflüstern, die uns belagern, jedoch auch überhand, ergreifen das Regiment. Und einige wenige Male tragen sie vielleicht dazu bei, dass wir gewisse Dinge unbeschadet überstehen. So haben Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung häufig traumatische Kindheitserfahrungen gemacht, die eine junge Seele zerbrechen könnten: Die Krankheit, die uns scheinbar Gesunden wie eine Belastung erscheint, kann unter Umständen auch der Schutz sein vor einer Realität, die anders nicht zu ertragen wäre.

Ada jedenfalls, die Protagonistin in diesem kraftvollen Debütroman, ist mit ihren inneren Stimmen immer im Dialog, ringt mit ihnen, braucht sie aber auch, um Phasen der Haltlosigkeit und Entwurzelung zu überstehen. Wenn die Welt außerhalb zu ungeheuerlich wird, dann stehen ihr ihre „Brüderschwestern“, die „Ungeheuer“ in ihrem Innern, bei. Ebenso aber treiben sie sie auch dazu, über ihre Grenzen zu gehen, Menschen von sich zu stoßen, sich selbst und andere zu verletzen.

Ada zeigt die klassischen Symptome einer jungen Frau mit Borderline-Störung: Sie ritzt sich, hat Phasen, in denen sie sich zum Skelett herunterhungert, trinkt, nimmt Drogen, stürzt sich wahllos in sexuelle Abenteuer. Das Buch entwickelt sich langsam, beginnt mit der Kindheit Adas in Nigeria: Schon hier sind die inneren Stimmen da, lauern förmlich auf das traumatische Ereignis, das ihnen Raum gibt. Die Autorin und Videokünstlerin Akwaeke Emezi, selbst wie ihre Hauptfigur von nigerianisch-tamilischen Wurzeln (der Roman trägt wohl auch autobiographische Züge) erzählt dies aus verschiedenen Perspektiven. Mal übernimmt Ashughara, der laute, energische Dämon die Regie in Adas Innerem, mal der ruhigere Saint Vincent.

Zum Ausbruch kommen die Geister, als Ada, getrennt von ihrer Familie, in einem amerikanischen College von einem Freund über Wochen hinweg vergewaltigt wird – das Ereignis, das alles auslöst, das sie ins Schleudern bringt. Wie sie allmählich und Jahre später zu einem annäherndem Gleichgewicht und einer Selbstwahrnehmung, die nicht von Dämonen bestimmt ist, gelangt, das erzählt dieses Buch.

Dennoch: „Süßwasser“ ist mehr als eine sprachlich gelungene, halbfiktive „Krankheitsgeschichte“. Es ist ein literarischer Befreiungsschlag auf mehreren Ebenen. Ein Manifest der Selbstbestimmung trotz einer psychischen Störung – die, auch dies wird deutlich, eben nicht nur aus den selbstzerstörerischen Phasen besteht, sondern auch Kreativität, Tiefe, Gestaltungskraft auslöst.

Anne Haeming hob diesen Aspekt in ihrer Besprechung bei „Spiegel online“ hervor:

„Das Schema, mit dem Emezi hantiert, ist seit Charlotte Brontës „Jane Eyre“ fest in der Literatur verankert: „die Verrückte auf dem Dachboden“, die Frau als Monster. Lange die gängige Lesart von weiblichen Figuren, die nicht der wie auch immer definierten Norm entsprechen. Ganz zu schweigen vom Hysterie-Gaga, mit dem Generationen von Frauen stigmatisiert wurden.

Dieses Stigma begannen Autorinnen des 20. Jahrhunderts aufzubrechen, allen voran Toni Morrison in „Menschenkind“, Margaret Atwood mit „Alias Grace“, Leslie Marmon Silko in „Ceremony“, aber auch schon Virginia Woolf in ihrem metamorphotischen „Orlando“: Sie zeigen Frauen mit fragmentierten Identitäten, die entweder vielstimmig auf ihr erlebtes Trauma antworten, sich so ins Überleben retten oder ihre innere Vielfalt nicht als Abweichung begreifen. Sondern als bereichernd.“ 

Man kann den Roman jedoch auch lesen als Dokument einer Auseinandersetzung mit einem Leben, das geprägt ist von verschiedenen kulturellen Identitäten: Auf der Suche nach einem wirtschaftlichem Auskommen verschlägt es Adas Eltern um die halbe Welt. Die Wurzel- und Heimatlosigkeit von Wirtschaftsemigranten schlägt sich in den Seelen ihrer Kinder nieder – auch am amerikanischen College erlebt Ada, wie es ist, trotz maximaler Anpassung nie ganz dazuzugehören, schon durch Geburt und Hautfarbe irgendwie „anders“ zu sein.

Dies alles kleidet Emezi in eine Sprache und einen Stil, den man – in Anlehnung an die südamerikanische Tradition – einem magischen Realismus afrikanischer Herkunft zuordnen könnte.

Mehr Information:

Verlagsangaben zum Buch: „Süßwasser“

Homepage der Künstlerin: https://www.akwaeke.com/

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Ryszard Kapuściński: Meine Reisen mit Herodot

„Irgendwann würde ich gern ins Ausland fahren.“
„Ins Ausland?“ sagte sie verwundert und leicht erschrocken, denn damals war es noch keine Selbstverständlichkeit, ins Ausland zu fahren.
„Wohin? Wozu?“ fragte sie.
„Ich habe an die Tschechoslowakei gedacht“, antwortete ich. Es ging mir nicht darum, etwa nach Paris oder London zu reisen, o nein, solche Ziele versuchte ich mir gar nicht erst vorzustellen, und sie interessierten mich auch nicht, ich wollte nur irgendwo die Grenze überschreiten, egal, welche, denn wichtig war für mich nicht der Ort, das Ziel, das Ende, sondern der beinahe mystische und transzendentale Akt des Überschreitens der Grenze.

Ryszard Kapuściński, „Meine Reisen mit Herodot“.

Ein knappes Jahr nach diesem Gespräch mit seiner Chefredakteurin ist es für den jungen polnischen Journalisten soweit – „Wir schicken Dich ins Ausland. Du fährst nach Indien.“ Und als Reisebegleiter gibt sie ihm mit: Herodot, dessen Historien.

Ein Buch, das Ryszard Kapuściński durch sein ganzes weiteres Reporterleben begleiten wird, das ihm, den späteren weltberühmten Reisenden, unverzichtbar wird. Herodot, der erste aller Reisereporter, wird ihm zum Freund, zum Begleiter und Unterstützer, mit dessen Schriften er sich auf allen seinen eigenen Reisen auseinandersetzt, an denen er sich, so scheint es, auch festhält an Orten, an denen er Fremder und Beobachter bleibt.

„Meine Reisen mit Herodot“ ist ein mit viel Bedacht und bedächtig geschriebenes Buch – nach der Lektüre von P. J. O`Rourkes „Reisen durch die Hölle“ (Die andere Bibliothek) musste ich mich an dieses ganz andere Tempo wieder gewöhnen – vom rasanten Höllentrip zur philosophischen Wanderung durch die Welt. Beide Bücher lohnt es sich jedoch, zeitlich in Abfolge zu lesen – gelten beide Autoren doch auch als großartige Reporter und Reiseschriftsteller. Ihre Ziele waren zum Teil – wenn auch zeitversetzt – dieselben. Die Welt ist vielfältig – auch, weil jeder sie mit anderen Augen betrachtet.

 Die Vielfalt der Welt ausloten

„Herodot erkannte als erster, dass die Vielfalt der Welt immanenter Bestandteil ihres Wesens war. „Nein, wir sind nicht allein“, sagt er den Griechen in seinen Historien, und um das zu belegen, unternimmt er seine Reisen in die Welt. “Wir haben Nachbarn, und die haben Nachbarn, und alle zusammen bewohnen wir einen Planeten“. Für einen Menschen, der bis dahin in seiner kleinen Heimat lebte, die er problemlos zu Fuß durchmessen konnte, war das neue, planetare Ausmaß der Wirklichkeit eine Entdeckung, die sein Bild von der Welt vollständig veränderte.“

Wenn „Kapu“ hier von Herodot schreibt, so schreibt er eigentlich auch von sich selbst: Für einen jungen Polen zu Zeiten des Kalten Krieges war es eine Unwahrscheinlichkeit, ja Ungeheuerlichkeit, reisen zu dürfen, einen Blick hinter den Eisernen Vorhang werfen zu können. Und so tapst beinahe unbeholfen der Reporter aus dem Osten durch ein Indien, das ihm zunächst fremd bleibt – ein bisschen mit den staunenden Augen eines Kindes, die Kapuscinski auch im hohen Alter nicht verlieren wird.

Ratgeber und Freund

Herodot ist ihm der Ratgeber, der weise, ältere Freund, der nicht nur das Reisen an sich lehrt, sondern auch eine moralische Haltung des Reisens vermittelt – eine Offenheit beizubehalten, die andere Völkern, andere Sitten nicht an der Folie der eigenen Herkunft misst, die beobachtet und weitergibt, nicht beurteilt, die den Maßstab der eigenen tradierten Werte zurückstellen kann.

Wo O`Rourke stürmt, tastet „Kapu“ sich heran, wo der Amerikaner einen sarkastischen, manchmal zynischen Blick auf das Geschehen wirft, wägt der Pole eher ab – für meinen Geschmack manchmal zu zögerlich und bedächtig – und nähert sich den Geschehnissen mit Herodot in der Hand.

„Herodot genießt die Lebensfülle, um das Fehlen von Telefon und Flugzeug weiß er nicht, er kann sich nicht einmal darüber grämen, dass er kein Fahrrad besitzt. Die Dinge werden erst Jahrtausende später auftauchen, und er kommt wunderbar ohne sie aus. Das Leben der Welt und sein eigenes Leben haben ihre eigene Kraft, ihre eigene Energie. Die spürt er, von ihr wird er beflügelt. Sicher war das ein Grund dafür, dass er so freundlich, offen und zuvorkommend war, denn nur einem solchen Menschen enthüllen Fremde ihre Geheimnisse. Einem düsteren, verschlossenen Menschen würden sie sich nicht anvertrauen, finstere Naturen wecken in anderen den Wunsch, sich zurückzuziehen, auf Distanz zu gehen, ja sie rufen Ängste wach. Mit einem solchen Charakter versehen, hätte er nichts in Erfahrung bringen können – und wir besäßen heute nicht sein Werk.

Daran musste ich denken, und dabei fühlte ich gleichzeitig, nicht ohne Verwunderung und sogar Beunruhigung, dass ich mich, je mehr ich mich in die Historien vertiefte, immer stärker emotional und gedanklich mit der von Herodot beschworenen Welt und ihren Ereignissen identifizierte. Die Zerstörung Athens beschäftigte mich mehr als der jüngste Militärputsch im Sudan, und die Versenkung der persischen Flotte erschütterte mich tiefer als die nächste Militärrevolte im Kongo. Die von mir erlebte Welt war jetzt nicht nur Afrika, über das ich als Korrespondent einer Nachrichtenagentur berichten sollte, sondern auch jene andere, die vor Jahrhunderten untergegangen war, weit weg von hier.“

Es scheint aber auch, als bräuchte der Journalist bei seinen Reisen im Herzen der Finsternis Herodot als Freund, der ihn beruhigt ob der Grausamkeiten, die Menschen anderen Menschen gegenüber auszuüben in der Lage sind. Im Kongo, diesem zutiefst zerrütteten Land, schildert „Kapu“, wie es ist, „allein einer sich straflos fühlenden Gewalt“ gegenüberzustehen. „In so einem Moment wird die Welt öde, menschenleer, sie verstummt und verschwindet.“ Herodot, dessen Historien ja auch eine Abfolge von Kriegen, Schlachten, Folterungen und Vergewaltigungen sind, erinnert ihn daran – auch wenn dies nichts relativiert – dass das Böse so alt ist wie die Menschheit. Herodot zeigt ihm aber auch auf, dass auch das Schöne, der Geist, die Wissenschaften so alt sind wie die Menschheit. Und er lehrt den Reisereporter genau hinzusehen und zu erklären: So wie die Kriege der Perser und Griechen ihre Wurzeln haben, so haben die Bürgerkriege im Kongo ihre Geschichte, geprägt von Sklaverei und Kolonialismus. Auch wenn dieses Wissen wenig hilfreich ist in dem Moment, in dem der Reporter einem Milizionär oder einem fremd gesteuerten Kindersoldaten machtlos gegenübersteht: Dieses Wissen um die Vergangenheit trägt für ihn dazu bei, die Welt zu verstehen.

Und es gibt ein weiteres Band, das den Reporter des 20. Jahrhunderts mit dem Reporter der Antike verbindet. Nico Bleutge meinte in der Neuen Zürcher Zeitung: „Er schätzte die Offenheit Herodots und seinen Sinn für die Flüchtigkeit der Erinnerung. In Kapuściński gibt es eine große Sehnsucht nach einer „umfassenden Sprache“, die nicht nur Wörter, sondern auch das Minenspiel, die Gestik und die Bewegungen des Körpers umfasst. Diese winzigen Regungen versucht Kapuściński in seinen Reportagen einzuholen. Und sie sind es auch, die sein Schreiben über Herodot bestimmen.“

Ryszard Kapuściński (1932 – 2007) bereiste zwischen 1956 und 2006 mehr als 100 Länder, hielt die Folgen der Dekolonisation, von Bürgerkriegen, Aufständen und Revolutionen fest, dokumentierte aber auch Alltägliches und Alltagsleben. Er gilt als Reporter des Jahrhunderts und als Poet der Reisereportage, seine Bücher wurden in fast 40 Sprachen übersetzt.

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