Maria Leitner: Amerikanische Abenteuer

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Mahnmal in Saint-Laurent-du-Maroni. Bild von Paul Cornec auf Pixabay

„It pays to advertise“ (Reklame lohnt). Das ist der Wahlspruch der amerikanischen Bourgeoisie. Mit vollkommener Konsequenz wird er ausgeführt. „Amerika ist Gottes eigenes Land.“ Hier zu leben ist ein außerordentlicher Vorzug, wofür man ewig dankbar sein muss. (Nicht nur Gott, sondern auch der Bourgeois.) In jeder Form wird den Arbeitern versichert, dass ihnen kein anderes Land der Welt solche „Chancen“ bietet, dass hier der Weg allen Tüchtigen offen steht. Wie sieht es in Wirklichkeit aus? Eine neue Regierungsstatistik besagt, dass 76 Prozent aller Einwohner der Vereinigten Staaten vollkommen mittellos sterben. Die Elendsviertel in den amerikanischen Großstädten müssten jeden denkenden Menschen zu der Frage zwingen: Wieso ist das in dem reichen Amerika, in dem „Paradies“ möglich? Die Statistiken sind da, die Elendsviertel sind sichtbar, aber sie werden überstrahlt von der Reklame.

Maria Leitner, Zitat aus: „Weißer Abschaum. Aus dem amerikanischen Arbeiterparadies“, erschienen in der Arbeiter-Illustrierten-Zeitung Berlin, 1929.

Die Journalistin und Schriftstellerin Maria Leitner kannte das Elend der amerikanischen Arbeiter aus eigener Erfahrung mehr als genug. Sie wusste, wie es ist, vor „einer Madam“ im Stellungsbüro zu sitzen und zu hoffen, dass die Befragung gut für einen ausgeht. Sie kannte die Sorgen der Emigranten mit zwei, drei Jobs. Leute, die sich kaum über Wasser halten können, von denen aber in der „alten“ Heimat angenommen wird, sie lebten im Wohlstand und angenehm. Sie kannte die dunklen, ungeheizten Hinterzimmer für die „Dienstboten“, die Erniedrigungen durch die Arbeitgeberin, das Hoffen und Bangen in drittklassigen Künstleragenturen. Sie kannte das alles aus eigener Anschauung:

„Als Arbeitssuchende oder Stubenmädchen, Weberin oder Zigarettenarbeiterin erprobte sie in über 80 Stellungen zwischen 1925 und 1928 den amerikanischen Alltag“, so Helga W. Schwarz im Nachwort zu „Amerikanische Abenteuer“.

Helga W. Schwarz dagegen kennt wohl Maria Leitner wie niemand sonst: Die 1938 in Chemnitz geborene Ingenieurin kaufte sich 1962 für eine Zugfahrt „Eine Frau reist durch die Welt“, ein Reportagenroman Maria Leitners, der 1932 erstmals erschienen und später in einem Verlag der DDR neu aufgelegt wurde. Die Chemnitzerin war begeistert von dem Mut dieser Frau, die allein, auf sich gestellt, nicht nur in Nordamerika jobbte, sondern auch als Journalistin für den Ullstein Verlag in den europäischen Kolonien  in Teilen Südamerikas, unter anderem in Guayana und der berüchtigten Teufelsinsel), unterwegs war. Mit diesen Berichten, die zwischen 1925 und 1931 entstanden, gelang Leitner „der Durchbruch als Journalistin in Deutschland“.

Das Schicksal der 1892 im kroatischen Varaždin, damals zu Österreich-Ungarn gehörend, geborenen Leitner, die 1942 auf der Flucht vor den Nationalsozialistin in Marseille entkräftet starb, ließ Helga W. Schwarz nicht mehr los: Jahrzehntelang erforschte sie, unterstützt von ihrem Ehemann Wilfried, das wechselvolle und abenteuerliche Leben dieser Frau, die als linke, sozialkritische Autorin immer wieder aus den Ländern, in denen sie lebte, flüchten musste und denn weiter so wachsam und kritisch durch die Welt wanderte. Helga W. und Wilfried Schwarz zeichnen für die beim AvivA-Verlag erschienen Bände mit Arbeiten Maria Leitners verantwortlich. Gemeinsam sind sie zudem Herausgeber des 2017 in erweiterter Fassung veröffentlichten Sammelbandes „Abenteuer Amerika“ mit Originaltexten von 1925 bis 1935.

Die Reportagen aus Nord- und Südamerika, in denen Leitner mit kritischem Blick von der sklavenähnlichen Ausbeutung der Arbeiterinnen und Arbeiter in den Kolonien und  dem Elend der Gefangenen auf der Teufelsinsel (ihr berühmtester Häftling war Alfred Dreyfus) berichtet, sind in diesem Buch als Originaltexte, oftmals ergänzt durch Faksimiles der jeweiligen Zeitungsausgaben, enthalten. Bereichert wird dies noch durch den Abenteuerroman „Wehr dich, Akato!“. Der Text, der zunächst in der Arbeiter-Illustrierten-Zeitung erschien und aufgrund des Verbots der Zeitung nicht weiter veröffentlicht werden konnte, war lange nur als Fragment bekannt. Dass er nun erstmals in vollständiger Fassung vorliegt, auch dies ist der unermüdlichen Forschung von Helga W. Schwarz zu verdanken.

Ein Vergleich mit den „rasenden“ Reportern jener Zeit, Egon Erwin Kisch und Albert Londres, der 1923 ebenfalls über die Zustände in Guyana berichtet hatte, drängt sich förmlich auf: Wie ihre beiden männlichen Kollegen war Maria Leitner bei der Berichterstattung die Außensicht nie genug, sie schlüpfte in Rollen, um aus eigener Erfahrung berichten zu können, um vor allem das Leben derjenigen, die unter den politischen und wirtschaftlichen Zuständen dieser Zeit zu leiden hatten hatten, selbst zu spüren. Dabei sind ihre Reportagen jedoch nicht nur sozial- und kolonialkritisch, sondern durch Fakten untermauert und ergänzt. Sie zeigt auf, wie der Kolonialismus und wirtschaftliche Ausbeutung zusammenhängen:

„Einer der wichtigsten Naturschätze in Südamerika ist das Petroleum. Man kann die Rolle des „flüssigen Goldes“ in allen Unruhen nicht übersehen.
In Peru besitzen die Amerikaner 81 Prozent der Petroleumfelder, in Venezuela 40 Prozent, in Kolumbien sogar 100 Prozent“, schreibt sie 1931 für das Magazin „Uhu“ aus Südamerika. „Auf einem Atlas war die Petroleumerzeugung der Welt grafisch dargestellt. Die Vereinigten Staaten führten bei weitem. Im Jahre 1929 haben sie 68 Prozent der gesamten Weltproduktion geliefert; Venezuela, das an zweiter Stelle steht, 9,4 Prozent; Sowjetrussland, an dritter Stelle, 6,6 Prozent. Auch beim Verbrauch des Petroleums führen die Staaten. 60 Prozent des Weltbedarfs wird von ihnen in Anspruch genommen.“

Die prozentualen Anteile haben sich zwar inzwischen verändert – doch in der Darstellung vom Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Ausbeutung und politischer Instabilität sind die Texte von Maria Leitner noch immer aktuell. Mit ihrem genauen Blick und ihrem analytischen Denken wäre Maria Leitner wohl auch heute eine unbequeme Kritikerin der „Globalisierung“.

Maria Leitner, „Amerikanische Abenteuer“, herausgegeben von Helga und Wilfried Schwarz, NORA Verlagsgemeinschaft, Berlin, 2017, ISBN 978-3-86557-421-3, 22,00 Euro.

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Was suchen wir hier? Gustav Regler in Mexiko

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Bild von Andii Samperio auf Pixabay

Ein Gastbeitrag von Dr. Jürgen Neubauer

Als Gustav Regler und seine Frau Marieluise im Frühsommer 1940 auf der Flucht vor den Nationalsozialisten nach Mexiko kamen, hatten sie nicht die geringste Vorstellung, was sie dort erwartete und was sie dort sollten. „Was suchten wir drüben? Was erwarteten wir?“, schrieb Regler später. Die beiden waren nie auf den Gedanken gekommen, nach Mexiko zu gehen und wussten nichts von dem Land. Doch da Regler Kommunist war und in Spanien gegen Franco gekämpft hatte, ließen die Amerikaner die Flüchtlinge nicht bleiben, und so mussten sie nach Mexiko weiterreisen. Hier wurden sie als Antifaschisten mit offenen Armen aufgenommen.

Als jemand, der in Mexiko lebt und über das Land schreibt, interessiere ich mich fast naturgemäß für andere deutschsprachige Autoren, die über das Land geschrieben haben: Harry Kessler, der rote Graf, der Ende des 19. Jahrhunderts nach Yucatán reiste; der Archäologe Eduard Seler, der wenig später die Huasteca erkundete; die Abenteuerschriftsteller Friedrich Gerstäcker und B. Traven mit ihren abenteuerlichen Biografien; oder der rasende Reporter Egon Erwin Kisch, der ein Jahr nach den Reglers nach Mexiko kam und für die kommunistische Exilzeitung landauf landab reiste.

Gustav Regler, der am 25. Mai 1898 in Merzig im Saarland zur Welt gekommen war, hat für mich jedoch einen ganz besonderen Reiz, weil er wider Willen nach Mexiko kam, und weil er ein Suchender war, der sich das Leben und Schreiben nie leicht machte. Immer saß er zwischen allen Stühlen, überall eckte er an, mit allem lag er überkreuz. Als einstiger Katholik hatte er sich mit Glaubenseifer in den Kommunismus gestürzt, und nach dem Hitler-Stalin-Pakt hatte er sich genauso leidenschaftlich mit den Genossen überworfen. Als die Vereinigten Staaten dem vermeintlich fanatischen Kommunisten die Tür wiesen, war aus ihm längst ein fanatischer Antikommunist geworden. Und dass dieser so europäische und rationale, wenngleich impulsive, dialektische Materialist nun ausgerechnet nach Mexiko kam, in dieses exotische, irrationale und magische Land, war nur eine weitere von vielen Verkantungen in seiner Biografie.

Schon die Ankunft der Reglers in Mexiko stand unter keinem guten Stern. Das einzige, was sie sich von dem Land erhofften, war „Erholung von der Gefahr und unseren utopischen Verirrungen“. Doch Erholung war ihnen nicht vergönnt, und die Verirrungen holten sie schon ein, kaum dass sie einen Fuß ins Land gesetzt hatten. Als sie im Zug vom Hafen in die Hauptstadt eine Zeitschrift aufschlugen, grinste ihnen die Leiche Trotzkis entgegen, der wenige Wochen zuvor in Coyoacán von stalinistischen Häschern ermordet worden war. Marieluise warf die Zeitung aus dem Fenster, doch das Unheil nahm seinen Lauf.

In der Hauptstadt suchten die Reglers zunächst die Nähe der anderen deutschen Flüchtlinge, doch schon bald bewahrheiteten sich die Ängste, wie Gustav später in seiner Autobiografie Das Ohr des Malchus schilderte:

Das gelobte Land war da! Man verabschiedete nicht nur das Gestern, sondern auch das Heute; man konnte seine Erinnerungen abwerfen wie schmutzige Verbände. Wir lebten viele Monate in diesem Glück, aber dann brachten die Schiffe die früheren Freunde an die sicheren Ufer von Mexiko, und alles änderte sich. Die KP gab einen Geheimbefehl: „Regler ist nicht mehr mit uns, also ist er gegen uns.“ Bibelfeste Kommunisten! Sie hatten Erfolg. Am nächsten Tag war ich ein Himmler-Agent.

Marieluise drängte Gustav, die Stadt zu verlassen und in den Urwald zu ziehen. Stattdessen mieteten sie ein Gartenhäuschen zwischen San Ángel und Coyoacán im Süden der Hauptstadt, wo auch Frida Kahlo, Diego Rivera und viele andere Künstler lebten.

Hier war Marieluise – Mieke, wie sie genannt wurde – in ihrem Element. Als Tochter des Malers Heinrich Vogeler war sie in der Künstlerkolonie Worpswede aufgewachsen und selbst Malerin. Anders als Gustav ließ sie sich von Mexiko faszinieren, sog gierig alles Neue auf, flog an den Pazifik und stieg auf die Pyramiden von Teotihuacán. In Mexiko lernte sie Surrealisten wie Leonora Carrington, Remedios Varo, Alice Rohan, Wolfgang Paalen und Onslow Ford kennen und entdeckte eine neue Wirklichkeit für sich, die den armseligen Materialismus, dialektisch oder nicht, weit hinter sich ließ. Für sie und ihre neuen Freunde war Mexiko das surrealistische Land schlechthin, und ein weit aufgesperrtes Tor zum Unbewussten. Bei Wolfgang Paalen las sie den Satz „die Stufen der Pyramide, deren Gipfel über die Leere der Vernunft hinausragt“ und war begeistert.

Dorthin vermochte ihr der rationale Gustav nicht zu folgen. Auch von Coyoacán aus wetterte er gegen die einstigen Weggefährten und verstrickte sich in ideologische Handgemenge. Die Folgen ließen nicht auf sich warten. „Ein Pestkordon legte sich um unser Leben“, schrieb er später. Die Angst kam zurück, finstere Gestalten standen vor ihrer Tür. Während die Reglers unterwegs waren, räumten Einbrecher das Gartenhaus so gründlich aus, als seien sie mit einem Möbelwagen vorgefahren. Die Kommunisten agitierten weiter. Egon Erwin Kisch, zu Berliner Zeiten ein Freund von Mieke, warf Gustav in einem Zeitungsartikel vor, Kommunisten verraten zu haben, um in die Vereinigten Staaten ausreisen zu dürfen. Lüge oder nicht, diese Anschuldigung hatte lange Beine: Als Gustav wenig später ein Einreisevisum für die Vereinigten Staaten abholen wollte, zuckte der Konsul bedauernd die Schultern: abgelehnt. Am selben Abend eröffnete ihm Mieke, dass sie Brustkrebs hatte. Wie im Delirium dachten die beiden eine Nacht lang über Selbstmord nach, doch als am nächsten Morgen die Sonne aufging, entschieden sie für das Leben und für ihre neue Heimat Mexiko.

Jede Minute ist kostbar … Wenn wir es tun, ist alles für immer erloschen, Augen, Stimmen, die Farben – was ist der Sinn? … Warum sollten wir nach dem Norden ziehen? Hier ist unser Ägypten – Mexiko hat alles: unberührbare Berge, undurchdringliche Wälder, Felsen mit wehenden Wasserschleiern, Buchten, die nie ein Kriegsschiff verschmutzt hat, Indios, die Spielzeuge weben, Orchideen mit bienenkleinen Blüten, Dörfer, die noch im Anfang aller Zeiten liegen – warum weglaufen und nicht wissen, wohin man rennt?“

Wo sie nun schon einmal in diesem geheimnisvollen Land gestrandet waren, wollten sie es auch entdecken. Das sollte neuen Sinn stiften, wo es keinen mehr gab. Doch da Mieke bald zu schwach war, um selbst zu reisen, machte sie Gustav zu ihrem Auge und schickte ihn nach Papantla, Puebla, Oaxaca, und in immer neue Winkel. Während er unterwegs war, schrieb sie ihm Briefe, mit denen sie ihn wie an der Hand durch Mexiko führte.

So folgten mir Briefe auf meine Reisen, Ratschläge, die meine Abenteuer reicher gestalten sollten. Sie hatte sorgfältig den archäologischen Atlas des Landes studiert, ließ mich von unausgegrabenen Stätten wissen, lenkte mich von einer Gräberstadt zur anderen, verlangte Telegramme über Funde, die ich gemacht hatte, beschrieb mir die rätselhaften monticuli, denen ich am nächsten Tag begegnen würde, peitschte mich auf mit den Lockungen neuer Fata Morganas, ließ mich ihre Krankheit vergessen; die route imperial der wundersamen Entdeckungen schien kein Ende zu haben; immer tiefer führte sie mich ins Land hinein.

Wenn Gustav dann nach Hause kam, dann zeichnete und malte Mieke, was er ihr schilderte. Von ihrem kleinen Garten in Coyoacán aus spürte sie Mexiko und seine Magie inniger als er. Er wollte nicht mehr reisen, wollte nur bei ihr sein. Doch als im Februar 1943 in Michoacán ein neuer Vulkan aus dem Boden brach, drängte sie ihn, nach Uruapan zu fahren und ihr das Naturschauspiel zu beschreiben, und später schickte sie ihn nach Janitzio, um den Tag der Toten für sie zu sehen. So entdeckte schließlich auch Gustav Mexiko.

Aus dieser Zeit stammt eines der letzten gemeinsamen Fotos des Paars, das in ihrem Garten in Coyoacán aufgenommen wurde. Sie sitzt zerbrechlich auf einem Klappstuhl, einen Rebozo um die Schultern gelegt, während er neben ihr auf dem Boden kniet und liebevoll einen Arm um ihre Knie gelegt hat. Er scheint ihr etwas ins Ohr zu flüstern, sie lächelt verschämt und blickt zu Boden. Sie rang noch fast zwei Jahre lang mit dem Krebs, dann starb sie am 21. September 1945.

Nach ihrem Tod flüchtete sich Gustav in die Arbeit und folgte dem Weg, den ihm Mieke vorangegangen war. Jetzt kam er auf den Gedanken, über Mexiko zu schreiben. Zwei Jahre später war sein Reisebuch Vulkanisches Land fertig. Auch wenn er Mieke mit keinem Wort erwähnt, war das Buch sein Denkmal für sie, die ihn von ihrem Garten in Coyoacán ausgesandt hatte, um das Land für sie zu erkunden. Auf jeder Seite ist sie zu spüren, und auf jeder Seite fehlt sie.

Vulkanisches Land ist nicht einfach ein Reisebericht, sondern Reglers Ringen mit Mexiko und seinem eigenen Schicksal. Als Untertitel wählte er Ein Buch von vielen Festen und mehr Widersprüchen, doch die Widersprüche sind vor allem seine eigenen – die eines in der Rationalität gefangenen Menschen in einem fremden Land, das ihm irrational erscheint. Kein Wunder, dass in seinem Buch recht wenig von der Sinnlichkeit und Sinnenfreude Mexikos zu spüren ist. Regler kennt kaum Geschmäcker und Gerüche, kaum Geräusche und Gefühle, kaum Formen und Farben. Er ordnet und ackert und grübelt und rechtet und windet und quält sich. In keinem Moment kommt er Mexiko so nahe, wie Mieke es war. Ihm geht ihre Seele ab. Und doch sieht er als Ungeborgener Dinge und spürt Abgründe, wie sie ein Kisch mit seinen ideologischen Gewissheiten nie gesehen hätte.

Das Buch war kein Erfolg, ebensowenig wie sein schmaler historischer Roman Amimitl, der ebenfalls 1947 bei einem kleinen Verlag im Saarland erschien. In Deutschland hatte man zu dieser Zeit andere Sorgen und interessierte sich nicht für ferne Länder. Für Gustav war es trotzdem eine Befreiung. Kaum war es erschienen, reiste er zum ersten Mal wieder nach Deutschland.

Bibliografie

Vulkanisches Land. Ein Buch von vielen Festen und mehr Widersprüchen (1947). Göttingen: Steidl, 1987.

Amimitl oder Die Geburt eines Schrecklichen (1947). In: Werke, Band 7. Basel/Frankfurt: Stroemfeld/Roter Stern, 1995.

Das Ohr des Malchus. Eine Lebensgeschichte (1958). In: Werke, Band 10, Basel/Frankfurt: Stroemfeld/Roter Stern, 2007.

Jürgen Neubauer

Der Autor dieses Gastbeitrages, Jürgen Neubauer lebt seit 2004 in Mexiko. 2017 veröffentlichte er seinen literarischen Reisebericht „In Mexiko“, mehr dazu gibt es auch auf seinem Blog zu lesen: „In Mexiko“https://inmexiko.wordpress.com/.
Da einer meiner Schwerpunkte als Leserin die Literatur der Weimarer Republik ist, war für mich Gustav Regler, über den Jürgen auch in seinem Buch schreibt, von besonderem Interesse. Ich freue mich sehr über diesen Gastbeitrag zu Reglers 120. Geburtstag und bedanke mich nochmals herzlich bei Jürgen für diese Bereicherung meines Blogs. Auch bei ihm wird heute ein Beitrag über Regler und dessen Jahre in Mexiko erscheinen – ich wünsche uns viele interessierte Leser!

Zum Beitrag: „Exil in Mexiko“: https://inmexiko.wordpress.com/2018/05/24/die-reglers/

 

 

Albert Londres: Ein Reporter und nichts als das

Londres„Er reist wie andere Opium rauchen oder Kokain schnupfen. Das war sein Laster. Er war abhängig von Schlafwagen und Passagierdampfern. Und nach jahrelangen unnötigen Fahrten durch die ganze Welt war er sich ganz sicher, daß weder ein noch so verführerischer Blick einer intelligenten Frau noch die Verlockung eines Geldschranks für ihn den teuflischen Charakter einer einfachen, rechteckigen, kleinen Zugfahrkarte hatten.“

Albert Londres, „Ein Reporter und nichts als das“, Die Andere Bibliothek, 2013.

Liest man die Reportagen von Albert Londres, dann drängt sich der Vergleich zu einem anderen Reporter-Star dieser Zeit, Egon Erwin Kisch (1885-1948), förmlich auf. Während Kisch deutschen Journalisten bis heute ein Vorbild ist und seit 1977 der nach ihm benannte Preis für aufklärenden, investigativen und sprachlich niveauvollen Journalismus, vergeben wird, so ist Londres (1884 – 1932) das französische Pendant: Dort gilt er nach wie als Inbegriff des „rasenden Reporters“, seit 1933 gibt es den Albert-Londres-Preis für investigativen Journalismus.

Tucholsky würdigte den Reporter 1925 in der „Weltbühne“:

„Albert Londres ist eine Nummer für sich. Man stelle sich einen Egon Erwin Kisch vor, der nicht aus Prag stammt – das geht nicht –, also man denke sich einen gebildeten Mann, der von einer großen Reporterleidenschaft wirklich besessen durch die Welt getrieben wird. Londres ist ein Reporter und nichts als das: keine langatmigen Untersuchungen, keine exakten Dokumente, sondern: Wo ist etwas los? Ich will dabei sein! Ihr werdet lesen.“

Doch es musste fast 90 Jahre dauern, bis einige seiner ausgewählten Reportagen in deutscher Sprache erschienen. Vor allem „Die Andere Bibliothek“ kann sich einmal mehr dieses Verdienst anheften. „Ein Reporter und nichts als das“ – der Titel ist dem Tucholsky-Zitat entnommen – bündelt drei Reportagen des Franzosen, die verdeutlichen, warum er ein Vorbild für viele Journalisten – insbesondere jene, die die literarisch gehobene und politische Reiseberichterstattung pflegen – wurde. Die drei Reportagen  „China aus den Fugen“ (1922), „Ahasver“ (1929/1930) und „Perlenfischer“ (1931) sind  journalistische Kunststücke und literarische Juwelen. Brillant geschrieben, von einer stilistischen Eleganz und formalen Vielfalt geprägt, reißen sie den Leser mitten hinein ins jeweilige Herz der Finsternis, nehmen ihn mit auf die Reise und übertragen auf ihn diese Mischung aus kontemplativen Flanieren, Schauen und Beobachten und der Atemlosigkeit, die eintritt, wenn die Ereignisse sich überstürzen und der Reporter sich plötzlich mitten im Auge des Sturms befindet.

Unbeteiligt, unvoreingenommen, aber niemals distanziert blickt Londres, der seine Reporterkarriere beim „Le Matin“ begann, später bei Le Petit Journal und bei Excelsior zu einem der bestbezahlten Vertreter seiner Zunft wurde, auf die örtlichen Begebenheiten, auf die politischen Unruhen, die Ränke der Machthaber, das alltägliche Leid der Unterdrückten, gemäß seinem Wahlspruch:

Notre rôle nest pas dêtre pour ou contre, il est de porter la plume dans la plaie.“
– Unsere Rolle besteht weder in einem Dafür noch einem Wider, wir müssen die Feder an die Wunde setzen.

Dies tut Londres mit etlichen Berichten, die für Aufsehen, politische Diskussionen und Veränderungen sorgen, sei es über die französischen Straflager in Französisch-Guayana, die Zustände in Nervenheilanstalten oder aber auch sein Bericht über die Tour de France, wo er als einer der ersten einen Dopingfall aufdeckt.

Zwar betonte er von sich selbst, ein Reporter sei stets unvoreingenommen, kenne keine Linie, außer der einzigen, der Eisenbahnlinie – doch Londres, so mag man wie Marko Martin im Nachwort des Buches vermuten, ist ein „Herzens-Anarchist“. Zuweilen verlässt er die Position des Beobachters und wirbelt gehörig mit, rettet nebenbei eine Kurtisane („China aus den Fugen“) oder ermahnt die Perlenketten tragenden Damen, angesichts ihres Schmucks („Perlenfischer“) nicht zu vergessen, wieviel Blut das Geschmeide die ausgebeuteten Perlentaucher kostet.

Auch wenn sich Albert Londres wohl gerne weltläufig und kaltschnäuzig gab – er war nicht „nur“ ein Reporter, sondern mehr als das. Spürbar wird dies in der umfangreichsten der drei Reportagen, in „Ahasver ist angekommen“. Obwohl kein Jude, wird die Sympathie des Reporters für das jüdische Volk in diesem Bericht, der ihn rund um die Welt führt, mehr als deutlich. Schon das Unternehmen an sich ist von sagenhaftem journalistischen Ehrgeiz – Londres reist 1929 über London in die Tschechei, die Karpaten und weiter via Czernowitz, Lemberg und Warschau nach Palästina. Er schildert die bedrückende Situation der Ostjuden, die Armut, die Ausgrenzung, die ewige Flucht, aber auch die Kluft zwischen orthodoxem Judentum und den jungen Zionisten, für die Palästina gleichzeitig Sehnsuchtsort und Heilsversprechen ist.

Auch für Londres ist Palästina Endpunkt der Reise, dort angekommen, gerät er mitten hinein in das politische Spannungsfeld zwischen Engländern, Arabern und Juden. Die Reportage, wenige Jahre vor seinem Tod entstanden, ist eines seiner Meisterstücke, eine eingehende Abbildung der bedrückenden Lebenssituation der osteuropäischen Juden kurz vor dem Massenmord.

„Polen, Rumänien sind aus Rußland hervorgegangen. Aber Polen und Rumänien haben aus Rußland ihren Vorrat an Antisemitismus erworben. Ein Jude ist dort immer ein Jude. Unter Umständen ist er ein Mensch, aber in jedem Fall ist er weder Pole noch Rumäne. Und wenn er Mensch ist, dann muss man ihn daran hindern, groß zu werden. Von der ganzen Geschichte der Juden hat Osteuropa nur die von Hiob behalten. (…). Das jüdische Problem ist kompliziert, aber ich glaube, daß es sich in einer Frage nach der Luft zusammenfassen läßt. Atmen oder nicht atmen können. Nicht mehr und nicht weniger.“

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.die-andere-bibliothek.de/Originalausgaben/Ein-Reporter-und-nichts-als-das::631.html

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Volker Weidermann: Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft

„In Zeiten, die Zeit hatten, hatte man an der Kunst etwas aufzulösen. In einer Zeit, die Zeitungen hat, sind Stoff und Form zu rascherem Verständnis getrennt. Weil wir keine Zeit haben, müssen uns die Autoren umständlich sagen, was sich knapp gestalten ließe.“

Karl Kraus, „Heinrich Heine und die Folgen“

Volker Weidermanns biographischer Roman „Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft“ das wäre wohl so ein Büchlein, an dem Karl Kraus seine spitze Zunge geschärft hätte. Ein Ergebnis „impressionistischen Feuilletonismus“ hätte er es wohl genannt.

Sagen wir mal: Es ist ein Stimmungsbild, mit viel literaturwissenschaftlichem Know-how routiniert gepinselt. Solche Bücher sind geradezu en vogue – man denke nur an den Erfolg des anderen Sommer-Buches eines anderen Journalisten, „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“. Jüngere Geschichte, in anmutige Form verpackt, wohldosiert.

Ja, Ostende – man muss es nicht lesen, es schadet aber auch keinem. Gesetzt den Fall, man greift denn doch noch (einmal) zu den Originalen, liest Stefan Zweig, Joseph Roth, neben deren Romanen und Essays auch ihren Briefwechsel, begegnet dem kunstseidenen Mädchen nach Mitternacht und dem rasenden Reporter in deren ECHTEN Büchern. Ostende erfüllt seinen Zweck allenfalls als Appetithäppchen. Dafür jedoch ist es mit viel feuilletonistischer Routine zusammengesetzt.

Weidermann beschreibt die Begegnung einiger Schriftsteller 1936 im Badeort Ostende. Vor allem das Zusammentreffen der beiden so unterschiedlichen Freunde aus Österreich steht im Mittelpunkt: Stefan Zweig, die Welt von gestern noch frisch betrauernd, aber im zweiten Frühling mit einer neuen Liebe, Joseph Roth, haltlos, orientierungslos, bodenlos dem Alkohol verfallen. Mit Irmgard Keun, die die Sommer- und Exilgemeinde aufmischt, kommt noch einmal ein Silberstreif an den Roth`schen Horizont. Dennoch: Alle wissen, es ist Götterdämmerung, das Heil besteht nur noch in der Flucht. Ostende, `36, das ist ein letzter „magischer“ Sommer, in dem persönliche und politische Hoffnungen wie kurze Leuchtfeuer aufflackern und ebenso schnell erlöschen.

Ein kurzes Feuer ist auch das wenig mehr als 150 Seiten umfassende Buch. Zwar durchaus: Informativ, sich auf die Quellen stützend, wörtliche Zitate aus Briefen und Aufsätzen einflechtend, faktenreich, dort, wo die Situation der Schriftsteller und Journalisten abgebildet wird, die vor den Nazis flüchten mussten. Dort, wo Weidermann jedoch vom Biographischen verstärkt in das Romanhafte gleitet, erreicht das Buch seine Grenzen.

„Ein paar Tage später sitzen sie noch einmal alle zusammen. Alle braun gebrannt, außer Roth, dem alten Sonnenfeind. Sie sitzen wieder im Flore, mit Blick aufs Meer und die Badehäuschen. Christiane Toller strickt trotzig vor sich hin, Gisela Kisch lacht, wann immer es etwas zu lachen gibt und auch wenn es nichts gibt, Lotte Altmann ist still, und nur wenn sie leise hustet, bemerkt die große Runde, dass sie noch da ist, Schachfuchs schaut aufs Meer, Stefan Zweig sitzt zwischen Lotte und Fuchs, raucht und hört zu, wenn Egon Erwin Kisch von Spanien spricht, vom Krieg der Kommunisten, neuesten Berichten von der Front, und Arthur Koestler von seinen Reiseplänen, die ihn in Francos Hauptquartier führen sollen.“

Es scheint, als habe Weidermann der Ehrgeiz gepackt, das „Who-is-who“ der Ostender Exilgemeinde 1936 in einen Satz zu pressen. Stimmungsvolle Stillleben – die Charaktere werden skizziert und angepinselt, mehr jedoch nicht. Von seinem (vermutlich) insgeheimen Vorbild Stefan Zweig, dem Meister des psychologisierenden biographischen Romans („Maria Stuart“, „Marie Antoinette“), bleibt der FAZ-Feuilletonchef weit entfernt.

Was bleibt von der Lektüre? Hunger nach Zweig und Roth im Original. Die Zeit sollte man sich, gerade in einer Zeit, die keine Zeit hat, etwas aufzulösen, dringend nehmen.


Bild zum Download hier: Strandhütte Travemünde


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