Edna O`Brien: Das Mädchen

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Bild von Etinosa Yvonne auf Pixabay

„Nicht, Maryam … Nicht“, sagte Buki in tadelndem Ton. Ich schluckte meine Tränen herunter, schämte mich. Was war mit dem Mädchen passiert, das ich einmal gewesen war. Es war fort. Ich hatte keine Liebe mehr in mir. Ich wollte sterben. Ich will sterben, flüsterte ich. Ich wusste nicht, was ich sagte. Ich wusste nicht, wie nah der Tod sein konnte, dass er über uns schwebte.

Edna O`Brien, „Das Mädchen“.

Edna O`Brien geht nicht nur dahin, wo es schmerzt, sondern wo es beinahe unerträglich wird. Die große, streitbare irische Schriftstellerin hat schon mit ihren ersten Romanen Frauen eine Stimme gegeben, Damals den jungen Frauen Irlands, die sich aus der Enge ihrer Heimat befreien wollten. Ihre Stimme, so klar, so scharf und präzise, so eindringlich und aufrüttelnd: Ihre Trilogie um die „Country Girls“ erboste die Etablierten, wurde vom Iris Censorship Board verboten und in einigen irischen Städten öffentlich verbrannt.

Das könnte ihrem jüngsten Buch auch passieren, wenn auch in einem anderen Teil der Welt. 2016 und 2017 bereiste die Schriftstellerin, die heuer 90 Jahre alt wird, Nigeria. Eine Zeitungsmeldung von einer der 2014 von der islamistischen Terrormiliz Boko Haram verschleppten Schülerinnen, der die Flucht gelungen war und die monatelang im nigerianischen Urwald überlebt hatte, ließ die große Dame der irischen Literatur nicht mehr los.

Die Geschichte der 276 Schülerinnen, die nachts aus einem christlichen Internat in Chibok entführt wurden, ging vor sechs Jahren um die Welt. Jahre später wurden 82 Schülerinnen nach Verhandlungen der nigerianischen Regierung von Boko Haram freigelassen, anderen gelang die Flucht. Doch immer noch ist der Verbleib von über 100 der jungen Frauen ungeklärt. Ihr Schicksal ist längst schon von anderen Nachrichten verdrängt, kaum einer mehr fragt nach ihnen oder dem Leben, das die Frauen nach ihrer Befreiung führen. Wäre da nicht Edna O`Brien.

Sie begegnete bei ihren Reisen den Überlebenden des Terrors, fand Zugang zu ihnen, hörte ihre Geschichten. All dies verdichtete sie in einer Figur, dem Mädchen Maryam. Eine fleißige Schülerin, deren Erzählung mit den Worten beginnt:

„Ich war einmal ein Mädchen, aber ich bin es nicht mehr.“

Die Perspektive der Ich-Erzählerin, die Erzählweise im Präsenz, dies beides macht diesen Roman so unmittelbar, die Sprache so direkt, als stünde dieses Mädchen außerhalb ihres geschundenen Körpers und blickte aus dieser Distanz auf das Geschehen. Anders ist es vielleicht für die Betroffenen auch kaum zu ertragen – fällt es doch schon der Leserin schwer, den Misshandlungen und Vergewaltigungen der Frauen auf dem Papier zu folgen. Am Beispiel der Boko Haram zeigt Edna O`Brien auf, warum Frauen unter Kriegen und Terror doppelt und dreifach leiden: Sie sind nicht nur Vertriebene und Verletzte, ihre Körper werden instrumentalisiert, unterworfen, die psychischen Schäden wirken sich auf die Vergewaltigten selbst, aber auch auf ihre Angehörigen aus.

„Werde ich jemals die Liebe kennenlernen.
Werde ich je wieder irgendwo zu Hause sein.“

Maryam, die zwangsverheiratet wird und ein Kind bekommt, gelingt schließlich mit ihrer Freundin Buki bei einem Luftangriff auf eines der Lager der Terrormiliz die Flucht. Monatelang irren die beiden Frauen durch den Urwald, Buki stirbt schließlich an einem Schlangenbiss, Maryam wird von Nomaden gerettet. Doch die Rückkehr, wo sie zunächst durch einen Empfang beim Präsidenten gefeiert und ein weiteres Mal verdinglicht wird, wie eine Trophäe des Krieges ausgestellt, ist schwierig: Von ihrer Familie hat nur die Mutter überlebt, im Dorf wird sie als „Buschfrau“ misstrauisch beäugt, das Kind wird ihr zunächst weggenommen.

Nur wenige Menschen begegnen ihr menschlich, so wie der Kommandant eines kleinen Militärpostens, von dem sie aufgegriffen wird:

„Er entschuldige sich, wenn die beiden Tölpel etwas grob gewesen seien, ich müsse mir klarmachen, dass ich für sie kein Mädchen sei, nicht einmal ein Mensch, ich sei eine Todesbotin, ein Lockvogel, zur Ablenkung von einem Angriff gesandt.“

Maryam, vom misstrauischen Stiefvater im einstmaligen Elternhaus eingesperrt, gelingt schließlich ein zweites Mal die Flucht – weg vom Heimatdorf in die Anonymität der Stadt. In einem Kloster und später in einer kirchlichen Schule auf dem Land, wo sie als Hilfslehrerin arbeiten kann, findet sie Unterschlupf und eine neue Perspektive.

Nigeria, eines der bevölkerungsreichsten Länder der Erde und die größte Volkswirtschaft auf dem afrikanischen Kontinent, ist zugleich seit der 1999 beendeten Militärdiktatur auch ein zerrüttetes Land: Von Korruption der Elite und Armut der Masse geprägt, von zahlreichen ethischen und politischen Konflikten. Der Kommandant führt Maryam vor Augen, wie wenig ein einzelnes Frauenleben da zählt:

„Ich bin, könnte man sagen, zum letzten Akt erschienen. Dieselben Bäume, dieselbe Dunkelheit, dieselbe dräuende Ungewissheit. Warum erzähle ich dir das … Weil ich dich nicht kenne und weil du mich nicht kennst, und weil du nicht weißt, in welche Welt du zurückgekommen bist.“
Er nimmt einen Zeitungsausschnitt aus der Schublade und liest mir die neueste Statistik vor:
„In diesem Land sind bis zu zwei Millionen Menschen aus ihrer Heimat geflohen, 1,9 Millionen Menschen sind vertrieben, 5,2 Millionen Menschen hungern, und geschätzte 450 000 Kinder leiden an Unterernährung.“

Doch Edna O` Brien wäre nicht diese großartige Schriftstellerin, gäbe sie nicht ihrem Mädchen eine Kraft, die vielen Frauen innewohnt, innewohnen muss. Den Worten ihrer Mutter, es läge nicht in ihrer Kraft, etwas zu ändern, weil sie Frauen seien, setzt Maryam eine Tat entgegen: Sie nimmt ihr Kind, geboren aus einer erzwungenen Ehe in der Sklaverei, gegen alle Widerstände an, sie nimmt ihr Kind und ihr eigenes Leben in die Hand.

Informationen zum Buch:

Edna O`Brien
Das Mädchen
Hoffmann und Campe Verlag, 2020
Übersetzung: Kathrin Razum
Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 256 Seiten, 23,00 Euro
ISBN: 978-3-455-00826-5


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Edna O`Brien: Die kleinen roten Stühle

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Sarajevo. Bild von olafpictures auf Pixabay

„Das Letzte, was sie von ihm sahen, war seine große Gestalt, ungebeugt, aber gedemütigt, als er aus dem Bus ausstieg, und so wie das Sonnenlicht zuvor das junge Eschenlaub umschmeichelt hatte, schabte es jetzt über das metallene Armband, mit dem seine Hände gefesselt waren.
Es war alles so schnell gegangen, so „unspektakulär“, wie sie fanden, dass keiner recht wusste, was er sagen sollte.“

Edna O`Brien, „Die kleinen roten Stühle“, OA 2015, Steidl Verlag Göttingen, 2017.

So unspektakulär wie die Festnahme eines der schlimmsten europäischen Kriegsverbrecher, so scheinbar unspektakulär beginnt dieses Buch. Ein Fremder kommt in eine abgelegene irische Gemeinde Cloonoila. Geheimnisvoll und charismatisch. Und trotz seiner esoterisch angehauchten Therapiepraxis, die er bald eröffnet, gewinnt „Dr. Vlad“ die Sympathien der Dorfleute, des Pfarrers und der anderen Obrigkeiten, der Kneipengänger, vor allem aber auch die Herzen der Frauen und Kinder.

Ganz sacht, ganz sanft führt die großartige irische Erzählerin Edna O`Brien – hier kongenial übersetzt von Kathrin Razum und Nikolaus Stingl – in das Geschehen ein. Und dennoch spürt man, dass unter der idyllischen Oberfläche das Böse lauert, dass es darauf wartet, hervorzubrechen. Es wird die attraktive Fidelma treffen, mit aller Grausamkeit und Gewalt. In Fidelmas Wesen liegt es, anders zu sein, auszubrechen aus diesem Soziotop, in dem sie kinderlos, die Reste eines unrentablen Modegeschäfts abwickelnd, an der Seite ihres muffigen Ehemann unausgefüllt verharrt. Der Ausbruch wird anders, grausamer kommen, als sie es sich denkt – und doch vielleicht in ihren Träumen schon vorwegnimmt. In ihren Träumen nimmt Vlad Besitz von ihr, zeugt ihr ein Kind, „unser Kleines, kostbare Frucht unseres Verrats.“

„Es war der Nebel, der mich dazu brachte. Ein weißer Nebel, der wie ein fließender Mousselin hin und wieder unsere Gegend einhüllt. Manchmal kommt er nachts, manchmal in den frühen Morgenstunden. Er setzt sich über Grenzen hinweg, verwebt benachbarte Grafschaften. Ich war darin unsichtbar und mein kleiner hellgrüner Citroën ebenso, ungesehen schwebten wir durch ihn hindurch.“

Tatsächlich wie benebelt erscheint Fidelma, als sie Vlad bedrängt, ihr ein Kind zu zeugen – und der Fremde zeigt bei den intimen Treffen erstmals sein eigentliches, sein wahres Gesicht: Dominant und manipulierend, ohne Empathie. Als durch einen Zufall seine wahre Identität an das Licht kommt, ist es die schwangere Fidelma, die auf unbeschreiblich schreckliche Weise einen Preis für ihren Wunsch zu zahlen hat. Wie ihr das ungeborene Kind genommen wird, das ist eine Szene von unvorstellbarer Grausamkeit, für mich war sie kaum auszuhalten – und dennoch ist sie zugleich notwendig für die weitere Entwicklung dieses Romans. Der Leser wird, buchstäblich mit der Brechstange, mit der Fidelma vergewaltigt wird, von der Fiktion in die Realität getrieben. Was Menschen anderen Menschen antun können, das, so zeigt diese Schlüsselszene vielleicht sogar eindrücklicher, als es die in einem nüchternen Gerichtssaal verlesenen Protokolle vermocht hätten. Diese Grausamkeit, sie entspringt nicht der Phantasie einer Autorin, sondern sie ist in der Welt, sie ist bittere Realität.

Auch Martin Zähringer geht in seiner Buchvorstellung für den NDR auf diese Szene ein:

„Die nun geschilderten Grausamkeiten sind fiktiv, aber sie sind keineswegs nur Schockeffekte einer Romanerzählung. Denn die literarisch in Irland inszenierte Sphäre der Gewalt führt nach und nach zu ihrem Sitz im wirklichen Leben: Das ist die Stadt Sarajewo, die im Bosnienkrieg vom 5. April 1992 bis zum 29. Februar 1996 von bosnischen Serben und Paramilitärs belagert und bombardiert wurde.“

Quelle:
http://www.ndr.de/kultur/buch/Edna-OBrien-Die-kleinen-roten-Stuehle,diekleinenrotenstuehle100.html

Dr. Vlad, das ist der Kriegsverbrecher Radovan Karadžić, der 2016 vom UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag zu 40 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Ein Psychiater (der unter anderem auch für den FC Barcelona tätig gewesen war) und ein Poet. Und zugleich ein Massenmörder. Unfassbar, unbegreiflich: Wie kann das zusammen gehen? Wie kann ein Mensch überhaupt zu solchen „un“menschlichen Taten fähig sein?

Das ist die Grundfrage, die Fidelma – die aus der Gemeinschaft verstoßen, vom Mann verflucht, ins englische Exil vertrieben, ihr Leben als Reinigungsfrau in London fristet und dort andere Ausgestoßene, Flüchtlinge, Verfolgte und deren traumatische Geschichten kennenlernt – schließlich bis nach Den Haag treibt. Und die Edna O`Brien zu diesem Roman, ihrem großartigen Alterswerk, bewegte.

In einem Interview mit Thomas David in der NZZ äußert sich die 87jährige dazu:

„Wie kann ein Mann für den Tod Tausender Menschen verantwortlich sein und sich zum Abendessen an einen Tisch setzen, ohne zusammenzubrechen? Wie kann man ein Leben als Despot führen, ohne in einem Ozean der Schuld zu versinken? Für meinen Roman bediente ich mich eines Kriegsverbrechers aus jüngerer Zeit, der sich bereits in Den Haag befand, als ich mit der Arbeit an dem Buch begann. Ich sah Radovan Karadžić oft im Fernsehen: diesen Ritter in seiner Rüstung, der mit wehendem Haar einen Berg erklomm. Ich habe seine Eitelkeit gesehen, seinen Eroberungs- und Besitzwillen. Den Gotteskomplex, der Menschen wie ihm eigen ist.“

Quelle:
https://www.nzz.ch/feuilleton/edna-obrien-zweitklassige-literatur-ist-ueberfluessig-ld.1321794

Doch, so sagt sie im Gespräch weiter, eine Antwort darauf, ob es im Menschen eine Saat des Bösen gibt, die fand sie beim Schreiben und bei der Verfolgung des Prozesses – auch Edna O`Brien war in Den Haag anwesend – so wenig wie ihre Figur Fidelma bei einer letzten Begegnung mit Dr. Vlad Antworten erhält. Auch in der fiktiven Begegnung zeigt sich Vlad so uneinsichtig wie es der tatsächliche Radovan Karadžić im Gerichtssaal war:

„Ich bin Dichter, ich bin Künstler, ich bin Humanist, Herr des Himmels, und werde in diesem stinkenden Universum für Verbrechen eingesperrt, die ich nicht begangen habe.“

Seine zentrale Frage, die nach der Ursprung des Bösen, kann der Roman nicht beantworten. Aber Edna O`Brien gelingt es auf eindrückliche, bewegliche Art und Weise zu zeigen, welche Folgen die Grausaumkeit für die Opfer hat, welche Schmerzen der Fanatismus verursacht, wie viel Leid Unschuldige erdulden müssen. Ein Buch, das Spuren hinterlässt.

PS: Der Titel „Die kleinen roten Stühle“ erinnert an die Gedenkaktion in Sarajewo am 6. April 2012, zwanzig Jahre nach Beginn des Bosnienkrieges. 11 541 rote Stühle an der Hauptstraße standen für Menschen, die während der Belagerung in Sarajewo umgekommen waren, 643 kleine rote Stühle standen für die ermordeten Kinder.

Verlagsinformationen zum Buch:
https://steidl.de/Kuenstler/Edna-O-Brien-0714253349.html

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