Erich Maria Remarque: Arc de Triomphe

„Es war da etwas in ihn hineingeschlichen, auf das er nicht geachtet hatte. Regte es sich da wieder? Bewegte es sich? Wie lange war das her? Rief da nicht schon wieder etwas aus der Vergangenheit, aus blauen Tiefen; wehte es nicht bereits wie ein Hauch von Wiesen, voll von Pfefferminz, einen Pappelreihe am Horizont, der Geruch von Wäldern im April? Er wollte es nicht mehr. Er wollte es nicht besitzen. Er wollte nicht besessen werden. Er war unterwegs.

Er stand auf und begann sich anzuziehen. Man mußte unabhängig bleiben. Alles begann mit kleinen Abhängigkeiten. Man achtete nicht darauf – und plötzlich hing man im Netz der Gewohnheit. Gewohnheit, für die es viele Namen gab – Liebe war eine davon. Man sollte sich an nichts gewöhnen. Nicht einmal an einen Körper.“

Erich Maria Remarque, „Arc de Triomphe“, 1945.

Es gibt Bücher, die liebt man einfach, die packen einen an den Sinnen, die begleiten einen durch das ganze (oder halbe) Leben – ganz egal, was man später über sie liest und ob Legionen von Feuilletonisten und Literaturwissenschaftler ihre Näschen rümpfen.

Eines davon ist für mich „Arc de Triomphe“ von Erich Maria Remarque. Als ich die Büchergilde-Ausgabe meiner Eltern so mit 16, 17 Jahren aus dem Regal zog, wusste ich nach den ersten Kapitel sofort: Ich will nach Paris. Und ich will Calvados trinken. Gesagt, getan. Und auch heute noch überkommt mich beim gelegentlichen Wiederlesen dieses Romans – der sich alle fünf, sechs Jahre zwischen die Neuerscheinungen schmuggelt – dieses bestimmte Gefühl, diese November-Nebel-Paris-Melancholie, der man am besten mit einer Kurzreise und/oder einem geistigen Getränk samt einer Gauloises begegnet.

Von der Literaturkritik wurde Remarque, der mit „Im Westen nichts Neues“ einen der weltweit am meisten verkauften Romane deutscher Literatur schrieb, immer etwas kritisch behandelt: Zu nah am Kitsch, zu viel Sentiment, zu trivial. In Teilen trifft dies durchaus auch auf „Arc de Triomphe“ zu, im Grunde ein etwas kitschiger Liebesroman, angesiedelt im Jahr des Kriegsausbruchs in Paris. Dort treffen, am Vorabend des Zweiten Weltkrieges, Menschen aus allen Herren Länder aufeinander: Flüchtlinge aus deutschen Konzentrationslagern und Gestapo-Spitzel, Versprengte des spanischen Bürgerkrieges, Juden auf der Flucht, Glücksspieler und Glückssuchende, Verzweifelte, Lebensmüde und ganz pragmatische Kleinbürger.

Ravic – im Grunde wie Remarque eigentlich ein unpolitischer Typ – ist als Fluchthelfer gefährdeter Freunde in die Fänge der Gestapo geraten. Er kann entkommen, seine Geliebte erhängt sich in einem KZ. In Paris hält sich der Mediziner durch gelegentliche Operationen über Wasser, lebt ansonsten versteckt, einsam und ohne Papiere in einem Hotel, das Flüchtlingen Unterschlupf bietet. Ihm kommt diese erzwungene Einsamkeit jedoch zurecht – Besitz, so heißt es im Buch immer wieder, ist Ballast bei einem Leben auf der Flucht. Und Beziehungen und Bindungen machen verletzlich – bis der Zufall ihm Joan förmlich vor die Füße spielt: Eine Frau, nicht besonders schön, nicht besonders klug, aber – obwohl sie sich im Moment des Kennenlernens in die Seine stürzen will – mit einem enormen Lebenshunger und Anziehungskraft ausgestattet. „Ein Luder“, urteilt der weise russische Nachtclubportier, ein Freund Ravics. Es kommt, wie es kommen muss. Die gemeinsame Zeit ist begrenzt, dem Paar nur einige sonnige Tage an der Riviera vergönnt, doch schon da liegt die Ahnung von Abschied in der Luft.

„Er vergaß Joan. Er vergaß sich selbst. Er öffnete sich einfach dem klaren Tage, diesem Dreiklang aus Sonne, Meer und Land; der eine Küste blühen machte, während die Bergwege darüber noch voll Schnee lagen. Über Frankreich hing der Regen, über Europa brauste der Sturm – aber diese schmale Küste schien von all dem nichts zu wissen. Sie schien vergessen zu sein; das Leben hatte noch einen anderen Puls hier; und während das Land hinter ihr schon grau vom Nebel der Not, der Vorahnung und der Gefahr, schien hier die Sonne, und sie war heiter, und in ihrem Leuchten sammelte sich der letzte Schaum einer sterbenden Welt.“

Als Ravic sich auf ein Leben mit ihr einzulassen beginnt, verlässt sie ihn – ohne ihn jedoch ganz zu lassen. Zwischen den beiden steht zu viel Vergangenheit (auch in Person des Gestapo-Folterers, den Ravic in Paris wieder trifft und ermordet) und zu wenig Zukunft.

Man sieht: Auch in diesem 1945 veröffentlichten Roman spart Remarque nicht mit Klischeefiguren. Der einsame Wolf, das blonde Luder, der russische Portier mit großem Herzen, der Nazi mit den feisten Händen und Trinkeraugen – sie alle haben ihren Auftritt. Und dennoch mag ich an diesem Roman nicht kritteln und nicht rütteln lassen. Mag er auch seine kleinen Schwächen haben – am Ende bleibt einfach ein starker, großer Eindruck zurück.

Remarque wurde nicht von ungefähr oft auch als „deutscher Hemingway“ bezeichnet. Die Ähnlichkeiten liegen auf der Hand: Starke Dialoge, oftmals lakonisch in der Sprache, gebrochene Helden, die Liebe in Zeiten politischen Irrsinns. Und auch: Ganz unverhohlen romantisch, auf eine schöne Art und Weise. Weil sich insbesondere „Arc de Triomphe“ für mich mit ganz starken persönlichen, sinnlichen Eindrücken – der Geschmack von Calvados, die Seine an einem Novembertag – verbindet, liebe ich dieses Buch umso mehr.

Und weil ich das Buch so sehr liebe, habe ich mich gefreut, darüber bei und von Edgar Hilsenrath zu lesen, für den „Arc de Triomphe“ eine ganz besondere Bedeutung hat:

„Um auf mein Schreiben zurückzukommen: Ich hatte die Schriftstellerei ganz aufgeben und war damit beschäftigt, meine Depressionen zu pflegen. Im Sommer 1950, ich war gerade vierundzwanzig, traf ich einen deutschjüdischen Emigranten. Er gab mir Erich Maria Remarques „Arc de Triomphe“. „Das ist der Autor von Im Westen nichts Neues“, sagte er. Lesen Sie mal den „Arc de Triomphe“. Ich las das Buch und war begeistert wie nie zuvor von einen Roman. Hier war jemand, der wirklich schreiben konnte. Alles stimmte, die Handlung, die genau eingefangene Atmosphäre, die Dialoge und die erzählerische Spannung. Ich war wie berauscht. Plötzlich hatte ich wieder Lust, selbst zu schreiben, und dabei dachte ich an meinem Ghettoroman, den ich angefangen hatte.“
(Quelle: TEXT + KRITIK, Heft 149, „Lesen Sie mal den Arc de Triomphe“)

Darauf ein Calvados!

Edgar Hilsenrath: Das Märchen vom letzten Gedanken

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Der Berg Ararat. Bild von 680451 auf Pixabay

„Es war ein heißer Junitag, als ich, der Märchenerzähler, dem allerersten Transport von fünftausend Armeniern hinterherflog. Ich war nicht durstig, denn ich hatte keinen Körper, aber ich hörte das Brüllen der Opfer, die schon am frühen Nachmittag, nach wenigen Stunden Marsch, anfingen, nach Wasser zu schreien. Je länger ich dem Transport hinterherflog, umso mehr fiel mir auf, wie sich die Reihen der Opfer lichteten. Mehr und mehr Alte und Schwache, Kranke und Krüppel, Erschöpfte und Verzagte blieben zurück und wurden von den Saptiehs erschossen. Was habe ich doch gesagt: Es war ein heisser Junitag? Gewiß, es war heiß. und allzu lange sollten die Toten nicht mehr auf der Straße herumliegen. Aber Allah, in seiner Weisheit und Voraussicht, hatte vorgesorgt. Denn er hatte die Geier der Luft und herrenlosen Hunde des Festlands auf die Fersen des Transports gehetzt. Und die waren zur Stelle, um den Toten die Kleider aufzureißen und das Fleisch von den Knochen zu nagen, ehe die Verwesung begann. Denn es war eine große Hitze.“

Edgar Hilsenrath, „Das Märchen vom letzten Gedanken“, 1989

Heuer jährt sich zum 100. Mal der Völkermord an den Armenieren. Bis zu 1,5 Millionen Menschen sind diesem systematisch geplanten Genozid in den Jahren 1915 und 1916 zum Opfer gefallen. Schon zuvor hatten die christlichen Armenier im Osmanischen Reich unter Pogromen und Verfolgung zu leiden. Doch ausgerechnet unter den Jungtürken, von denen sich diese bedrohte Minderheit im Vielvölkerreich Schutz erhofft hatten, kam es zur systematischen Ausrottung. Bei Massakern in den armenischen Gemeinden und auf den Todesmärschen kamen Hunderttausende Menschen um ihr Leben – ein Völkermord, der heute nach wie vor von vielen nicht als solcher bezeichnet wird, insbesondere nicht von der türkischen Regierung (aber nicht nur diese allein verweigert hier die Bezeichnung Genozid).

Edgar Hilsenrath, der immer streitbare Literat, hat ausgerechnet über dieses tieftraurige Ereignis sein eigentlich schönstes, poetischstes Buch geschrieben. Wer Hilsenrath und seine Bücher kennt – beispielsweise „Der Nazi & der Friseur“ oder „Fuck Amerika“ – der weiß, dieser Autor ist kein Mann der Zimperlichkeit. Das Groteske, oftmals auch das Derbe, das Überzeichnete, Satire, die ein Lachen hervorruft, das im Halse stecken bleibt, sind sein Metier. Und zugleich auch die schonungslose Abrechnung mit Systemen und Diktaturen, die oftmals auch kühl-detailliert geschilderte Grausamkeit, die in Verwandtschaft steht zu „Der bemalte Vogel“ von Jerzy Kosinski oder so auch in „Das große Heft“ von Ágota Kristóf zu lesen ist.

Der Blick auf das, was Menschen in der Lage sind, anderen Menschen anzutun, bleibt einem auch in diesem Roman über den Massenmord an den Armeniern nicht erspart. Zugleich aber ist die Geschichte gewandelt in ein orientalisches Märchen, üppig, mäandernd, farbenprächtig, voller Lebensglut und voller Poesie.

Der letzte Gedanke reist durch die Welt

Märchenhaft an sich ist schon die Erzählkonstruktion: Der letzte Gedanke eines Menschen steht außerhalb der Zeit, heißt es in einem orientalischen Märchen. Und so wird der letzte Gedanke des Armeniers Thovma Khatisian zum allwissenden Erzähler, der, praktisch als letztes Überbleibsel dieser Familie, gemeinsam mit dem Märchenerzähler Meddah zurückgeht in die Vergangenheit. Zurück zu den Wurzeln der Familie in den Bergen, zum Dorfleben in Yedi Su „dessen Bewohner verschwunden und deren Namen ausgelöscht wurden“, zurück in die Geschichte der Familie, geprägt von der Liebe und dem Zusammenhalt, aber auch der Armut, dem Willen zum Überleben und den ständigen Knechtungen durch die Türken. Der Gedanke fliegt in die Folterkammern des türkischen Militärs, belauscht die Beschlüsse der Machthaber, die den Genozid vorbereiten und begleitet schließlich die Familie auf ihrem Todesmarsch. Eine typische Hilsenrath-Volte: Thovma ist ein Kind dieses Marsches, kommt während dieses Marsches zur Welt, um später als Märchenerzähler „nach dem Zweiten Großen Kriege in den Kaffeehäusern von Zürich“ herumzusitzen und dort den „satten und behäbigen Bürgern dieser Stadt seine seltsame Geschichte“ zu erzählen. Denn Hilsenrath, selbst ein Überlebender der Shoah, führt den Vater Wartan direkt aus den Klauen der Jungtürken hinein in das Polen des Jahres 1943, wo Wartans letzter Gedanke auf dem Schornstein eines Verbrennungsofens zu sitzen kommt.

Kein niedliches Märchen

Täuschen darf man sich bei Edgar Hilsenrath nicht: Er schont seine Leser nie, niemals. Selbst ein als Märchen verkleideter Roman – immerhin auch als Taschenbuch-Ausgabe ein Märchen von weit über 600 Seiten – lässt der gnadenlosen, grausamen, brutalen Realität, mit der armenische Männer, Frauen und Kinder abgeschlachtet wurden – ausreichend Raum. Aber: Wer hat hier schon versprochen, das Märchen niedlich sind. Man führe sich nur die Nacherzählungen der Brüder Grimm vor Augen.

Edgar Hilsenrath, 1926 geboren, Sohn einer jüdischen Familie, erlebte Verfolgung und Massenmord, Genozid und Auslöschung eines, seines Volkes mit – zwar gelang 1938 die Flucht der Familie in die rumänische Bukowina, 1941 wurden sie jedoch von den rumänischen Helfershelfern der Nazis in ein Ghetto verschleppt und erst drei Jahre später von der Roten Armee befreit. Hilsenrath emigrierte schließlich nach Palästina, ging nach Frankreich und die USA. Mit seinen ersten Romanen hatte er in seinem Geburtsland wenig Erfolg – „Nacht“ und „Der Nazi & der Friseur“ wurden zunächst von deutschen Verlagen abgelehnt. Besonders seine Hitler-Satire stieß auf Ablehnung – so könne man über dieses dunkle Kapitel nicht schreiben, wurde dem Schriftsteller bedeutet. Man konnte es aber in englischer Sprache veröffentlichen – das Buch wurde zum Welterfolg, Hilsenrath wurde plötzlich auch in der deutschsprachigen Literaturszene zum Begriff. 1975 kehrte er nach Deutschland zurück – auch der Sprache wegen, in der er schrieb. Dennoch winkten zunächst auch bei „Das Märchen vom letzten Gedanken“ größere Verlage wie Hanser, S. Fischer und andere ab. Für den Piper Verlag machte sich der Mut bezahlt: Das Buch erhielt im Jahr seines Erscheinens den Alfred-Döblin-Preis und wurde mit etlichen weiteren Auszeichnungen bedacht. Hilsenrath wurde später zudem mit dem Armenischen Nationalpreis für Literatur ausgezeichnet und genießt in der Republik Armenien Kultstatus.

Wer sich dem Thema anlässlich der Erinnerung an den Völkermord auch literarisch annähern möchte, für den ist – neben „Die Vierzig Tage des Musa Dagh“ von Franz Werfel – dieses Buch eine meiner überzeugt ausgesprochenen Lektüreempfehlungen.

Von Claudio Miller

Mehr Information und eine weitere Leseprobe finden sich hier: http://www.eulederminerva.de/Verlag/Hilsenrath_Maerchen.html

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