Jeanette Winterson: Die steinernen Götter

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Bild von Yerson Retamal auf Pixabay

Sabine vom Blog „Binge Reading & More“ hatte eine wunderbare Idee: Frauen, die Science Fiction schreiben, eine eigene Reihe einzuräumen – #WomeninSciFi. Ich kenne mich in diesem Genre nicht sonderlich gut aus – und für mich gleicht die Beitragsserie einer wunderbaren Entdeckungsreise durch das unendliche Weltall. Mitsamt Selbstversuch, zu dem mich Sabine freundlich, aber hartnäckig aufforderte. Und ich kann mich dafür nur herzlichst bedanken – habe ich so doch fremde Welten erobert. Zumindest zwischen den Buchdeckeln.

Zur Reihe geht es hier: https://bingereader.org/category/women-in-scifi/

Mein Beitrag dazu:

„Diese Dinger, sind das Bücher?“, fragte Pink und pflückte einen morschen Band aus dem Regal. „Wie süß. So was seh ich zum ersten Mal.“

Jeanette Winterson, „Die steinernen Götter“, 2007.

Eine der gruseligsten Zukunftsvorstellungen für mich ist: Eine Welt ohne gedruckte Bücher. In der alles, was nicht nur unseren Geist, sondern auch die Sinne anregen könnte, digital serviert wird. In der Lesen als Kulturtechnik vom Aussterben bedroht ist – vielleicht sind wir davon, mag man Umfragen glauben, sowieso nur noch einen Schritt entfernt.

Und in der Zukunft, die die britische Autorin Jeanette Winterson in ihrem Roman „Die steinernen Götter“ zeichnet, ist es bereits soweit – doch es scheint nicht nur das Lesen verloren gegangen zu sein, sondern auch jedwede Fähigkeit der Menschen zur Empathie. Wobei beides meiner Meinung nach zusammenhängt: Wer viel liest und sich in Romanfiguren einfühlen kann, der ist oftmals auch empathischer im Umgang mit seinen Mitmenschen.

Lesen: Ja! Science Fiction? Bisher eher weniger. Daher möchte ich mich zunächst nochmals sehr bei Sabine bedanken für diese tolle Idee, den „Women in SciFi“ einen eigenen Platz einzuräumen. Geht es mir doch so wie vielleicht vielen anderen Leserinnen auch: Ich hatte keine Ahnung.

Keine Ahnung davon, wie viele Schriftstellerinnen sich bereits in diesem Genre bewegt  hatten, keine Ahnung davon, wie breit gefächert die Auswahl an Romanen von Frauen in diesem Bereich ist. Das mag damit zusammenhängen, dass ich in der knapp bemessenen Lesezeit bisher eher den Blick in die Vergangenheit warf – ich lese viele Bücher aus Zeit der Weimarer Republik – und damit wenig Zeit für die Zukunft blieb. Und es mag sicher auch mit einem der gängigen Vorurteile gegenüber diesem Genre liegen, dass ich bislang eher einen Bogen um SciFi-Literatur schlug: Zu viel Technik, zu viel Krieg der Sterne, zu viel Testosteron, literarisch eher einfach gestrickt.

Vorurteile, wie gesagt – und je mehr Beiträge ich zu dieser Reihe lese, desto geringer werden die Vorbehalte. Auch wenn „mein“ Buch, das ich dafür gelesen habe, mich nicht restlich überzeugen konnte – das aber lag weniger am Gerne, sondern mehr am Konzept des Romans. Von Jeanette Winterson kannte ich bislang nur „Der Leuchtturmwärter“: Eine poetische, herbe, schroff-schöne Geschichte über das Geschichtenerzählen und über die Liebe, die mir in guter Erinnerung blieb. Schon lange wollte ich von der britischen Schriftstellerin wieder etwas lesen.„Die steinernen Götter“, 2007 in Großbritannien erschienen, 2011 in Übersetzung von Monika Schmalz dann im Berlin Verlag, kam da gerade als Beitrag zur „Women in SciFi“ recht.

Auch in diesem Roman bleibt Jeanette Winterson ihrem Erzählstil treu: Sie experimentiert mit verschiedenen Erzählebenen, knüpft lose Fäden zwischen den Geschichten, schiebt Wort- und Sprachspiele ein. Das Buch beginnt zunächst wie ein starkes Stück feministischer Literatur – geschildert wird unsere Zivilisation, nur wenige Jahrzehnte entfernt, die dem Optimierungs- und Jugendwahn verfallen ist. Frauen lassen sich „genfixieren“, das heißt, auf ein möglichst niedriges Lebensalter „einfrieren“. Weil das den „Herren der Schöpfung“ bald langweilig wird, greift Pädophilie ganz offen um sich. Schöne neue Welt.

„Die Zukunft der Frau ist ungewiss. Wir pflanzen uns nicht mehr per Gebärmutter fort, und wenn wir nicht einmal mehr für Sex interessant sind … Männer dagegen wird es immer geben. Frauen stehen nun mal nicht auf kleine Jungs. Frauen haben einen anderen Ansatz. Umgeben von Muskelprotzen, suchen sie nach dem „hässlichen inneren Mann“. Schläger und Gangster, Vergewaltiger und Frauenprügler sind wieder groß im Kommen. Sie lächeln wie Surferjungs, aber in Wirklichkeit sind es Haie.
So sieht die Zukunft aus. Z steht für Zukunft.“

Kritisch beobachtet wird dies von Billie, die den „guten“ alten Zeiten (die an unsere Gegenwart erinnern) nachtrauert und sich in einen „Ropo sapiens“ verliebt. Sie und der intelligente Roboter, der gelernt hat, Gefühle zu entwickeln, nutzen eine Weltraummission zum „Blauen Planeten“, um ihrem Heimatgestirn „Orbus“ zu entkommen: Billie, weil sie mit ihren Ansichten nicht nur unter Generalverdacht steht, sondern zuletzt sogar für eine Terroristin gehalten wird, der Ropo Spike, weil er verschrottet werden soll.

Zudem ist „Orbus“ längst schon nicht mehr lebenswert: Überbevölkert und ausgeweidet, von der Klimakatastrophe nur Sekunden entfernt. Auf dem „Blauen Planeten“ scheint ein Neuanfang für die Menschheit möglich zu sein – jedenfalls für die privilegierte Menschheit, die der Konzern „Mehr-Zukunft“, der längst schon anstelle gewählter Politiker die Geschicke leitet, für die eine Ansiedlung dort vorgesehen hat. Die Weltraummission soll den neuen Planeten zunächst erkunden und vor allem in Erfahrung bringen, wie man mit der großen Gefahr dort, urzeitlichen Dinosauriern, umgehen kann. Der waghalsige Raumschiff-Kapitän Handsome meint, durch einen gesteuerten Asteroideneinschlag die Plage beseitigen zu können. Ein Schuss, der nach hinten losgeht: Durch den Einschlag wird das Neuland in die Eiszeit zurückkatapultiert, Billie und Spike finden in der Einöde ihr Ende.

Übrig bleiben am Ende nur die Reiseaufzeichnungen von James Cook, eine der favorisierten Lektüren von Handsome. Sie sind der rote Faden zum nächsten Kapitel, das 1774 auf der damals neu entdeckten Osterinsel spielt. Ein englischer Schiffsjunge, der aus Versehen auf der Insel zurückgelassen wird, gerät in die Streitigkeiten der Insulaner, die auf dem unwirtlichen Eiland um die spärlichen Ressourcen kämpfen und um ihre Götzen, jene berühmten Steinfiguren, die dem Roman auch seinen Titel verliehen haben. Auch die Liebe des Erzählers zu einem Eingeborenen endet tragisch:

„Ein weißer Vogel breitet die Flügel aus.“

Zurück in die Zukunft: Eine Zeit nach dem Dritten Weltkrieg. Die Ich-Erzählerin findet in der U-Bahn ein Manuskript mit dem Titel „Die steinernen Götter.“ Ihre spontane Reaktion beim Querlesen:

„Eine Liebesgeschichte ist das – vielleicht über Aliens. Ich hasse Science Fiction.“

Mehr und mehr wird deutlich: Die Erzählerin dieses Kapitels, die, die das Manuskript findet, ist Billie:

„Ich bin ein verlorenes Manuskript.“

Sie erzählt von ihrer Kindheit, einem ruinierten Planeten, vom Krieg zerstört, Armut, die Mütter dazu bringt, ihre Kinder wegzugeben, Kinder, die sich verloren fühlen, die von ihren wenigen Erinnerungen zehren. Und dieses Kapitel erklärt schließlich auch, wieso aus Billie wurde, was sie in der Zukunft sein wird: Eine Rebellin, die sich der schönen neuen Welt von Mehr-Zukunft entzieht, sich auf die Seite der Outsider schlägt, die schließlich einen Roboter wartet, der sich in sie verlieben wird …

Man ahnt vielleicht bereits an diesen verschiedenen Volten und Rollen vorwärts wie rückwärts, wie komplex das Buch ist und wie sehr Jeanette Winterson mit verschiedenen Zeitebenen spielt. Was ist Zukunft, was Vergangenheit? Die Struktur macht den Roman spannend – man muss sich das Geschehen und Billies Persönlichkeit beinahe wie ein Puzzle zusammensetzen, darf den roten Faden nicht verlieren. Winterson bringt dabei auch differenzierte Sprachstile unter: Mal irrwitzig komisch und satirisch überspitzt, mal poetisch-leise, mal schroff und herb.

In der Stärke des Romans ist jedoch – so paradox das klingen mag – auch seine Schwäche angelegt. So sehr ich komplexe Erzählstrukturen zwar als Herausforderung mag, in „Die steinernen Götter“ fügt sich das nicht zu einem runden Ganzen. Klar ist: Ob Weltall oder Osterinsel, der Mensch an sich ist das Übel, wie der gestrandete Schiffsjunge bemerkt:

„Ich möchte behaupten, dass der Mensch, wo immer man ihn findet, ob zivilisiert oder wild, sich keinem Bestreben lange widmen kann, ausgenommen jenem, sich selbst zu zerstören.“

Und Billie, eine starke Frauenfigur und Science-Fiction-Heldin, schlagfertig und witzig, konkretisiert dies:

„Frauen nehmen immer alles persönlich“, sagte Handsome. „Das ist der Grund, warum ihr keine Weltherrscher werden könnt.“

„Und Männer nie“, sagte ich, „weshalb wir am Ende keine Welt mehr zum Herrschen haben.“

Trotz solcher pointierter Aussagen wirkt der Roman merkwürdig unentschlossen, schwankend zwischen feministischer Satire, Dystopie und romantischer Liebesgeschichte. Mir blieb am Ende ein Rätsel, worauf Jeanette Winterson hinaus wollte: Zu beweisen, dass Liebe alle Grenzen, auch die zwischen Mensch und Maschine, zwischen Raum und Zeit, überschreitet? Wenn ja, dann ist das Experiment gescheitert – am Ende ist immer einer tot. Oder wollte sie die „Botschaft“ unterbringen, dass Krieg, Ausbeutung der Natur, Kapitalismus und Konsumgier das Ende der Welt und unser aller Untergang sein wird? Auch hier kann man so oder so die einzelnen Passagen deuten. Schließlich sagt Billie auch:

„Die Geschichte ist nicht der Abschiedsbrief eines Selbstmörders – sie ist das Zeugnis unseres Überlebens.“

Vielleicht wollte Jeanette Winterson aber einfach auch nur mit dem Genre spielen. Wenn ja, dann ist ihr das nur bedingt gelungen – doch eine Vielzahl witziger, pointierter Szenen und einige poetische Momente wiegen die Schwächen dieses etwas zerfaserten Buches beinahe auf.


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Julia von Lucadou: Die Hochhausspringerin

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Bild von Alexas_Fotos auf Pixabay

Er befindet sich bereits dich über dem Fall Spot™, als er zu einer weiteren Figur ansetzt, er scheint seine Höhe völlig überschätzt zu haben. Man hört den Knall erst Sekunden, nachdem er bereits am Boden liegt, sein Körper verdreht, der Kopf blutend. Aston verharrt in einer Totalen.
– Zoom! Zoom!, ruft ein Crewmitglied aus dem Hintergrund.
Roma hat zu schreien begonnen. Aston schwenkt auf sie um. Sie hat die Hände vors Gesicht geschlagen, aber als sie die Kamera sieht, nimmt sie sie herunter.
(…)
Sie wirkt kontrolliert und professionell.
– Was für eine Tragödie, sagt sie noch einmal. Es ist klar, dass wir die „Entdeckungen“ für heute abbrechen. Bitte zeigt seinen Loved Ones eure Anteilnahme. Wir haben ein Trauerforum auf unserer Website eingerichtet. Ich habe den ersten Eintrag gepostet. Der Junge hieß Win, Win Müller.
Hier bricht der Mitschnitt des Livefeeds ab. Das Forum auf der Casting Queens™-Website hat bereits über dreihunderttausend Einträge mit Beileidsbekundungen und Inspirational Pictures.

Julia von Lucadou, Die Hochhausspringerin, Hanser Berlin, 2018

Man würde meinen, eine Gesellschaft wie die unsere böte alle Möglichkeiten, seine eigene Persönlichkeit zu entfalten. Doch Wohlstand alleine macht offensichtlich nicht frei. Statt Individualität herrscht Konformismus vor. Wir unterwerfen uns den Mechanismen von Social Media, die unsere „Wünsche“ mitdiktieren. Dutzende von Fernsehshows nach dem Motto „Deutschland sucht den Superstar“ kitzeln zugleich den Wunsch der Menschen, etwas „Besonderes“ zu sein und sorgen doch nur für allgemeine Verflachung. Statt Vielfalt Monotonie in der Konsumentenwüste. Der Mensch wird zum Konsumenten, aber Konsumenten wiederum können nur Leistungsträger sein – wer da nicht reinpasst, fällt durch das Netz.

Ins Abgrundtiefe fallen, ohne Netz und doppelten Boden, um aus den „Peripherien“ in die „Stadt“ zu kommen – das nehmen in diesem grandiosen Debütroman junge Menschen freiwillig in Kauf. Selbst die Todesgefahr kann sie nicht schrecken: denn das Hochhausspringen, das Tausende von Menschen digital mitverfolgen, ist für viele der einzige Weg in die Elite der Gesellschaft, die eben in der Stadt lebt.

Julia von Lucadou zeichnet in dieser Dystopie das Bild einer nicht allzu fernen Zukunft, in der Performance alles gilt. Gespiegelt an zwei jungen Frauen, deren Schicksal diametral verläuft: Hitomi, die Ich-Erzählerin, das ist die Überangepasste, die nichts mehr fürchtet als den sozialen Abstieg. Sie hat den ersten Schritt geschafft in „der Stadt“ – ein Job als Psychologin, eine eigene Wohnung, scheinbare Sicherheit. Ihr neuer Auftrag scheint der Sprung auf der Karriereleiter zu sein. Sie soll eine berühmte Hochhausspringerin, Riva, Star unter den Sportlern, wieder auf Kurs bringen. Denn unerklärlicherweise weigert sich Riva von einem Tag auf den anderen, zu trainieren. Hito beobachtet ihre „Klientin“ (die davon nichts weiß) rund um die Uhr durch die in Rivas Wohnung installierten Kameras, sie analysiert ihr Gegenüber, versucht über den Partner Rivas zu intervenieren, untersucht ihr Tagebuch:

„In den ersten drei Jahren der App-Nutzung entsprechen Rivas Einträge dem Bild, das sie auch nach außen hin vermittelte. Doch danach verändern sie sich drastisch, die Texte werden notizenhaft und unzugänglicher. Riva erscheint weniger ausgeglichen, aufbrausender, nicht mehr so zielorientiert. Ihr Leistungswille, ihre Selbstdisziplin und Freude am Wettbewerb gingen zurück. Statt Beschreibungen ihres Trainingsfortschritts erstellte sie immer häufiger durchnummerierte Listen mutmaßlicher Erinnerungen, deren Zweck nicht erkennbar ist.“

Was für Hito zunächst ein großer Erfolg zu werden scheint, hat seinen Preis: Es gelingt ihr nicht, Zugang zu Riva zu finden, ein psychologisches Experiment mündet gar in einer Katastrophe aus Sicht der Leistungsträger. Unter Dauerbeobachtung durch ihren Vorgesetzten „Master“ stehend, der jede ihre Leistungen beurteilt, bricht sich der Stress zunehmend psychosomatisch Bahn, geraten Hitos ganzes Leben und ihre Ansichten ins Wanken. Spannend erzählt die Autorin von der entgegengesetzten Entwicklung der beiden jungen Frauen, die sich dann tatsächlich nur einmal begegnen – die eine wählt den Ausstieg aus der schönen neuen Welt, die andere muss mit ihrem Abstieg fertig werden, konsequent in ihrer Sozialisierung jedoch bis zum bitteren und für den Leser überraschenden Ende.

Julia von Lucadou, promovierte Filmwissenschaftlerin, ist mit „Die Hochhausspringerin“ ein Debüt gelungen, das zu fesseln vermag: Eine gut durchdachte Geschichte, die Figuren psychologisch schlüssig, eine spannende Erzählung. Die Filmerfahrung der Autorin macht sich positiv bemerkbar: Manche Szenen sind so plastisch beschrieben, die entsprechenden Bilder ruft das innere Auge sofort hervor. Aber auch stilistisch überzeugend für eine Leserin wie mich, die sich mit der oft von Technik überfrachteten Sprache des Sciene Fiction-Genres schwer tut. Vor allem jedoch scheint das dystopische Weltbild, das Julia von Lucadou hier zeichnet, so bestürzend und greifbar nah.

Die Anerkennung, die Clemens Setz dem Buch zollt, ist gerechtfertigt:

„Ein strahlender Roman über die fürsorgliche Umzingelung, in die sich die ganze Welt verwandelt hat.“

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Lionel Shriver: Eine amerikanische Familie

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Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

„Die letzte Woche war die historisch wildeste gewesen, die er je erlebt hatte, 9/11 und die Steinzeit eingeschlossen. Sicher, in der Steinzeit war der Strom weggeblieben, und es hatte völlig willkürliche Zerstörungen und Plünderungen gegeben, denen auch Jaynes Chichi-Feinkostladen in der Smith Street zum Opfer gefallen war, wovon sie sich bis heute nicht erholt hatte. Ampelanlangen funktionierten nicht mehr, was zu schrecklichen Massenunfällen geführt hatte, und all die Flugzeugdesaster, Zugunglücke und ergreifenden menschlichen Geschichten über Herzpatienten, deren Schrittmacher plötzlich doppelt so schnell geschlagen hatten, als handelte es sich um einen belebenden Tempowechsel in einer Aufnahme von Miles Davis. In Teilen des Landes hatte es kein Wasser mehr gegeben, was eine gute Übung für die sich weiter zunehmenden Engpässe sein würde. Telekommunikations- und nationale Verteidigungssysteme waren ausgefallen, wobei nach Carters Dafürhalten Amerikas so hoch gepriesene „Verteidigung“ das Land schon lange größeren Gefahren aussetzte, als sie abwehrte. Für Florence, Avery und Jarred war 2024 eine absolut verheerende Katastrophe gewesen.“

Lionel Shriver, „Eine amerikanische Familie“, OA 2016, in deutscher Übersetzung durch Werner Löcher-Lawrence 2018, Piper Verlag.

Es wird noch schlimmer kommen: Für das ganze Land, für die Familie Mandible. Wenige Jahre nach der „Steinzeit“, einem vorübergehenden Ausfall des Internet und digitalen Netzes, werden die Mandibles ums nackte Überleben kämpfen, sich mit anderen um die wenigen verfügbaren Lebensmittel in den Supermärkten balgen, Regenwasser horten, Stofffetzen statt Klopapier benutzen, am Ende ihr Heim verlieren, das von anderen Obdachlosen mit Gewalt besetzt wird. Eine Horrorvision? Eine Dystopie? Nicht umsonst hat Lionel Shriver ihren Roman in eine nicht allzu ferne Zukunft platziert – man schaue nur gegenwärtig auf die Nachrichten aus Venezuela und sieht, wozu eine irrsinnige Inflation und der Kollaps der Landeswährung führen. Die Menschen dort hungern – und das in einem Land mit einem der reichsten Erdölvorkommen der Welt.

Was in der südamerikanischen Nation derzeit geschieht, das lässt Shriver also mit einigen Jahren Zeitverzögerung in ihrem eigenen Heimatland abspielen. Dritte-Welt-Zustände in den USA? So weit hergeholt ist der Gedanke nicht – in manch einem Ghetto einer amerikanischen Großstadt herrschen sie wohl ansatzweise jetzt schon. Und die Wirtschaftspolitik in der „Trump-Ära“ lässt für die Zukunft Übles befürchten, gab aber sicher auch Shriver genügend Impulse für ihr Buch. Denn auch in „Eine amerikanische Familie“ versucht die Politik in einem globalen Wirtschaftskrieg durch Abschottung und eine aggressive „America first!“-Haltung die Vormachtstellung der USA zu halten. Mit fatalen Folgen für die Bürger ihres Landes.

Wie hochaktuell und politisch dieser trotz seiner beklemmenden Vision durch die ironische Sprache von Shriver sehr unterhaltsam zu lesende Roman ist, das zeigt eine fiktive Rede des amerikanischen Präsidenten: So martialisch ist sie, in ihrer ganzen Mentalität meint man, Reagan, Nixon oder auch den Mann mit dem Toupet im Ohr zu haben:

„Seit letzter Woche wird unsere Nation erneut angegriffen. Diesmal stürzen nicht riesige Wolkenkratzer in sich zusammen, und sowohl die realen wie die digitalen System, von denen wir abhängen, funktionieren weiter. Und doch ist der Angriff, dem wir im Moment ausgesetzt sind, womöglich nicht weniger verheerend, als würden unsere Städte von Atomraketen angegriffen.
Unter Beschuss steht das zentrale Medium, mit dem wir mit anderen Nationen und untereinander Handel treiben, mit dem unsere Arbeit entlohnt und unsere Schulden bezahlt werden, mit dessen Hilfe wir unseren Tisch decken können und sicherstellen, dass unsere Kinder medizinisch versorgt werden.
In Gefahr ist nichts weniger als der allmächtige Dollar selbst.“

Auslöser der Krise ist, dass „Staatenlenker weltweit, die unserer großen Nation ihre Macht, ihr Ansehen und ihren Erfolg verübeln, den sogenannten Bancor zusammengeschustert haben, eine künstliche, vorgebliche Währung ohne jede Geschichte als gesetzliches Zahlungsmittel. Täuschen Sie sich nicht. Der Bancor soll keine harmlose Alternative sein. Er soll den Dollar ersetzen.“

Das erinnert an die amerikanischen Reaktionen rund um die Einführung des Euro im Jahr 2002, das verdeutlicht, wie hart umkämpft und doch wie stark vernetzt die globalen Finanzmärkte sind. Und wie fragil das ganze System dabei ist. Auf den Bancor reagieren die USA mit Isolation: Kein Bürger darf das Land mehr mit baren US-Dollar verlassen, Bancor darf nicht gehandelt werden und alle Goldreserven werden eingefroren. Man hofft, durch eine Blockade-Politik das Ausland in die Knie und den Bancor ins finanzpolitische Nirwana zu zwingen – eine Fehleinschätzung, wie Shriver in ihrer Dystopie nachvollzieht.

Am Beispiel der vier Generationen umspannenden Familie Mandible zeigt Shriver, wie der Weg vom Wohlstand bei den Urgroßeltern, die zur intellektuellen Elite New Yorks gehörten, und vom Mittelstand bis zur lockeren mittelschichtigen Bohème (im Mittelpunkt steht die kleine Kernfamilie der Sozialarbeiterin Florence, die bis zur Krise eher ein alternatives Leben à la Prenzlauer Berg führen) Schritt für Schritt in Abgrund und Armut führt. Am Ende überleben sie nur, weil sie auf der Farm eines Bruders von Florence unterkommen, der zuvor wegen seiner Lebensweise und Ideen als das schwarze Schaf der Familie verspottet wurde und sich nun als Visionär erweist – wenn die globalen System versagen, dann bleibt nur noch die Selbstversorgung übrig.

Und sich – auch gegen Moralkodex und gute Erziehung – an die Härten des Überlebenskampfes anzupassen, was am besten Willing, dem 13 Jahre alten Sohn von Florence mit der Zeit gelingt. Die düstere Vision, die Shriver zeichnet, sie wird hier aufgelockert durch den ironischen Ton, durch die schlagfertigen Dialoge und die Alltagskomik, die das Familienleben der Mandibles auch im Niedergang prägen:

Als Florence den Einkauf aufs Kassenband legte, kam auch eine Packung Haferflocken zum Vorschein. „Willing! Du hast den Mann fälschlicherweise beschuldigt, die Haferflocken sind noch da!“
„Doch, er hatte sie geklaut. Ich hab ihn mit seiner Frau vor dem Müsliregal gefunden, und als sie sich nach den letzten Cocoa-Puffs ausstreckten, habe ich sie mir zurückgeholt.“
Florence schüttelte den Kopf. „Schatz, du magst doch Haferflocken nicht mal. Du musst lernen, loszulassen.“
„Hmm“, sagte Willing, „und du musst lernen, Sachen nicht loszulassen.“
„Ich weigere mich, wegen der äußeren Umstände zu einer kleinlichen, gierigen, kopflosen Kreatur zu werden.“
„Kleinliche, gierige, kopflose Kreaturen“, sagte Willing, „haben was auf dem Frühstückstisch.“

Auch wenn Shrivers Roman für mein Empfinden auf das Abschlusskapitel hätte verzichten und sich damit pointierter auf den Abstiegskampf hätte konzentrieren können. Und auch, wenn mir manche Familiendebatte um Finanzstrukturen tatsächlich über den Verstand ging (tatsächlich war mir das an mancher Stelle zu abstrakt, zu fachlich und zu fachchinesisch, was aber vor allem an meiner Weigerung liegt, zu tief in volkswirtschaftliche Materien einzusteigen): Dieser Roman ist hochaktuell, brisant und dabei so gut lesbar, dass einem schon der eine oder andere Bissen vom Müsliriegel im Halse stecken bleibt – insbesondere wenn die Nachrichten melden, dass in den Deutschland 2017 die Inflationsrate gestiegen ist, wie lange nicht mehr…

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.piper.de/buecher/eine-amerikanische-familie-isbn-978-3-492-05821-6

Weitere Blogbesprechungen bei:

Letteratura – https://letteraturablog.wordpress.com/2018/01/28/beklemmendes-szenario-lionel-shriver-eine-amerikanische-familie/

Zeichen&Zeiten – https://zeichenundzeiten.com/2018/01/23/abstieg-lionel-shriver-eine-amerikanische-familie/


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Jürgen Bauer: Ein guter Mensch

Bauer

Bild: (c) Michael Flötotto

Berger zieht seine Augenbrauen zusammen, bis sie sich über der Nase beinahe berühren. „Ein kurzer Tag, und schon habe ich keine Ahnung mehr, wer du eigentlich bist.“
„Du übertreibst mal wieder maßlos.“ Marko lacht trocken. „Hättest du ihr denn wirklich Wasser gegeben?“
„Wahrscheinlich“, sagt Berger. „Manchmal braucht man doch das Gefühl, dass man jemanden helfen kann, oder nicht?“
Ein Tankwagen brettert an ihnen vorbei, ohne zu bremsen. Die Druckwelle bringt die ganze Fahrerkabine zum Vibrieren.
„Wir helfen, so gut wir können. So gut wir dürfen“, versucht Marko den Lärm zu übertönen. „Ich bin doch trotzdem ein guter Mensch?“
Berger legt den Kopf schief: „Klar. Sind wir doch alle.“

Jürgen Bauer, „Ein guter Mensch“, Septime Verlag, 2017.

Der dritte Roman von Jürgen Bauer ist wahrhaftig höllisch heiß. Schweißtreibend. Und bringt die Gehirnwindungen zum Kochen: Was wäre, wenn es wirklich so wäre? Bliebe man selbst „ein guter Mensch“?

Die Erzählung ist in einer unbestimmten Zeitebene angesiedelt, sie könnte in unserer Gegenwart ebenso wie in einer nicht allzu fernen Zukunft handeln. Der Rahmen: Es regnet nicht mehr in einem großen Teil der Welt. Noch verfügt das Land, in dem der Roman spielt, über Wasserreserven – doch das kostbare Element wird immer knapper. Wer die Mittel hat, flüchtet sich in die nördlichen Regionen der Welt, die anderen bleiben. Zudem kommen Flüchtlinge aus dem Süden, in dem die Trockenheit noch weitaus katastrophaler ist, in das Land. Immer mehr Menschen müssen versorgt werden. Verteilungskämpfe beginnen.

Mit der Hitze steigen die Aggressionen, der Neid, das Misstrauen, die Zahl der Toten. Mit dem Wasserpegel sinkt die Solidarität, der Zusammenhalt, ein Gemeinschaftsgefühl. „Die Durstigen“ – obdachlose, versprengte Menschen – schneiden sich die Pulsadern auf, um wenigstens einige Tage ins Krankenhaus und damit an Wasser zu kommen. Flüchtlinge werden in menschenunwürdige Lager eingepfercht. Und begleitend zu alldem formiert sich eine ominöse Bewegung, „Die dritte Welle“. Junge Leute, die dem vermutlichen Ende der Welt mit öffentlich zelebrierten Wasserspielen begegnen, die jeden Tropfen bewusst verschwenden, als sei noch genug für alle da. Das provoziert, das reizt – und bringt die angespannte Stimmung zum Übersieden.

Inmitten dieser Gemengelage steht Marko – ein guter Mensch? Scheinbar ja: Er trauert seiner Ehefrau nach und bleibt ihr treu, obwohl sie – gegen den Strom der Fluchtbewegung – zurück in den Süden ging, um bei ihren Eltern zu sein. Er ist für seine Freunde da, kümmert sich um Jobs für sie, gibt ihnen Obdach, bietet seine Schulter zum Anlehen an. Er sorgt für seinen Bruder, einen alkoholkranken Landwirt und Einsiedler. Und als Lastwagenfahrer hat er sich in den Dienst der Sache gestellt, befördert in Tankwagen Wasser an Verteilungsstationen.

Doch mehr und mehr gerät auch dieses Leben außer Takt, ist sein inneres Thermometer extremen Schwankungen unterworfen. Als sich einer der „Durstigen“ vor seinen Wagen wirft und die Pulsadern aufschlitzt, als er ihr Wasser außer der Reihe verweigert hat (siehe Eingangszitat), kommen die ersten Selbstzweifel: „Ich bin doch trotzdem ein guter Mensch?“

Das Selbst- und Weltbild Markos erfährt zunehmend Risse, die so bodentief klaffen wie die Furchen im ausgetrockneten Boden.

„Ihr habt mir nichts getan, sagte Marko zu sich selbst. Gar nichts. Ich werde euch einfach ignorieren. Doch er schafft es nicht. Der Anblick der Jugendlichen stachelt ihn auf, setzt seinen Körper unter Strom. Er kann nicht anders, muss etwas unternehmen, ihr Treiben ist ihm unerträglich wie das markerschütternde Kreischen von Fingernägeln auf einer Tafel: Einfach nur weg damit, bevor es ihn in den Wahnsinn treibt.“

Wie Marko sich – bis zum überraschenden Ende – immer weiter von seiner eigenen Verortung entfernt, das erzählt Jürgen Bauer spannend, packend, mit einer unprätentiösen Sprache, die die Geschichte geschickt vorantreibt. Der gekonnte Wechsel zwischen prägnanten Dialogen und Erzählung und die Reduktion auf das inhaltlich Wesentliche tragen dazu bei, dass „Ein guter Mensch“ ein fesselndes Buch ist, das seinen philosophischen Unterbau – die Frage nach dem Wesen des Menschen an sich – geschickt in die Hirne seiner Leser platziert.

Beim Lesen habe ich mich von fern an die Theorien von Locke und Hobbes erinnert gefühlt, an das berühmte „Homo homini lupus“ und den Krieg aller gegen alle, jedes Individuum eigensüchtig nur auf den eigenen Vorteil bedacht – bis hin zu jenen, die aus der allgemeinen Misere noch Gewinn erzielen wollen, Schwarzwasserhändler sozusagen.

Man kann den Roman als Dystopie lesen, als düstern Beitrag zum Klimawandel, man kann ihn als Psychogramm eines Mannes unter extremen Lebensumständen lesen, man kann das Buch aber auch als literarische Analyse aktueller gesellschaftspolitischer Entwicklungen deuten. Verteilungsangst, ob rational begründet oder nicht, ist wie ein ansteckender Virus – und treibt Menschen auf die Straße, beispielsweise gröhlend gegen Flüchtlinge hetzend, im schlimmsten Fall zu Gewalttaten schreitend. Wenn sich die Verhältnisse dann noch weiter zuspitzen: Zeigt sich dann, was ein „guter Mensch“ ist?

„Aber jetzt mal im Ernst. Was wirst du machen?“
„Das Kind bekommen und hoffen, dass Aleksander endlich erwachsen wird. Es wegmachen lassen. Es bekommen und im Wald aussetzen. Ich weiß es wirklich nicht.“ Sie steckt ihre Finger in den Krug Wasser und spritzt sich ein paar Tropfen ins Gesicht. „Es gibt sowieso schon zu viele Menschen. Auch so eine Weisheit von Aleksander. Wozu also noch einen auf die Welt bringen?“
„Vielleicht gibt es nicht zu viele Menschen“, erwidert Marko. „Sondern einfach nur zu wenig gute.“

Ein empfehlenswerter Roman. Ich empfehle jedoch, sich bei der Lektüre nicht allzu warm anzuziehen.

Verlagsinformationen zum Buch:
http://www.septime-verlag.at/Buecher/buch_ein_guter_mensch.html

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H. G. Wells: Die Zeitmaschine

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Bild von PIRO4D auf Pixabay

„Was war eigentlich diese Zeitreiserei? Ein Mann konnte sich doch nicht mit Staub bedecken, in dem er sich in einem Paradoxon herumwälzte, oder?“

H.G. Wells, „Die Zeitmaschine“, 1895.

Er ist der literarische Vater von Asimov, Orwell und Huxley, Großpapa sozusagen aller modernen Sci-Fi-Autoren, nebst Jules Verne derjenige, der diese Literatur erfand: Herbert George Wells. „Die Zeitmaschine“, „Die Insel des Dr. Moreau“ und „Krieg der Welten“ zählen zu seinen bekanntesten Werken. Romane, die, obwohl vor mehr als einem Jahrhundert geschrieben, immer noch eigenartig modern wirken. Und vor allem düster – wenn H.G. Wells in die Zukunft der Menschheit sah, dann sah er schwarz.

Wells wurde 1866 in Bromley geboren. Dass er später Weltruhm und Wohlstand als Autor erreichen sollte, war ihm nicht in die Wiege gelegt – er kam aus sogenannten „kleinen“ Verhältnissen, die Eltern betrieben ein kleines Geschäft, das gerade zum Auskommen reichte. Dank eines Stipendiums konnte er jedoch studieren, unter anderem Geschichte, Soziologie und Biologie. Dabei lernte er die Ideen Darwins kennen, die ihn nachhaltig beeinflussten. In allen seinen Romanen – bis heute schätzen die Briten auch Wells realistische, oftmals gesellschaftskritische Werke, die im deutschsprachigen Raum eher unbekannt sind – sind seine akademischen Grundlagenkenntnisse spürbar. Und sein zentrales Anliegen: Die Menschheit zu verbessern. Wells, eigentlich ein pessimistischer Humanist, verzweifelte an den Geschehnissen der Zeitgeschichte, insbesondere der 2. Weltkrieg trieb ihn in die Depression. Er starb am 13. August 1946 in London.

„Die Zeitmaschine“ gilt als das Pionierwerk der Science-Fiction-Literatur. Ausgangspunkt ist ein typisch britisches Setting: Einige Freunde sitzen am Kamin, diskutieren Weltangelegenheiten. Der Gastgeber sinniert über die Zeit. Sie sie eine weitere Dimension. Schließlich führt er seinen Freunden eine von ihm entwickelte Zeitmaschine vor – und verschwindet vor ihren Augen in das Jahr 802701.

Zunächst erscheint dort alles beinahe paradiesisch. Der Forscher trifft tagsüber auf die kindlich wirkenden Eloi, Nachfahren der Menschen. Doch wo Licht ist, ist auch Schatten: Nachts kommen die Morlocks, die die Eloi wie Schlachtvieh züchten. Der Forscher entkommt dieser Welt mit knapper Not, um dann in keiner besseren aller Zeiten zu landen – die nächste Zeitreise führt ihn in eine öde, unbewohnbare Welt, die knapp vor dem Kollaps durch Überhitzung steht. Es ist, als habe Wells den Klimawandel vorausgesehen – und das bereits 1895. Nach seiner letzten Reise in die Zeit bleibt der Forschende schließlich verschollen.

Mit seiner Anklage von menschlicher Unterdrückung in Gesellschaften, die auf einem Klassensystem gründen, zielte Wells zwar auf eine Kritik der Zwei-Klassen-Gesellschaft ab, die sich in Zeiten der Industrialisierung herausgebildet hatte. Doch der Roman ist, betrachtet man ihn als Mahnung, zeitlos, eine politische Parabel, die ihre Gültigkeit behält. Als Genreroman mag dieses Buch vielleicht in den Augen jüngerer Leser technisch überholt wirken – als Dystopie und politische Satire dagegen funktioniert er immer noch. Leider.

Verlagsinformationen:
Bei dtv erscheint „Die Zeitmaschine“ im Januar 2017 in einer neuen Übersetzung –
https://www.dtv.de/buch/h-g-wells-die-zeitmaschine-14546/

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E. M. Forster: Die Maschine steht still

„Es gab einen Knopf für Kaltbäder. Es gab einen Knopf für Literatur. Und natürlich gab es jene Knöpfe, die es ihr ermöglichten, mit ihren Freunden zu kommunizieren. Als Nächstes betätigte sie wieder den Isolationsknopf, und die Anfragen der letzten drei Minuten stürzten auf sie ein … Wie ist das Essen? Kannst du es empfehlen? Hast du Ideen gehabt in letzter Zeit?“

E.M. Forster, „Die Maschine steht still“, 1909, 2016 beim Verlag Hoffmann und Campe in neuer Übersetzung durch Gregor Runge erschienen.

Den britischen Schriftsteller Edward Morgan Forster (1879 bis 1970) hatte ich für mich als britischen Nachfolger von Henry James und Proust eingeordnet: Ein Meister im Abbilden gesellschaftlicher Verhältnisse, der ganz fein nachzuzeichnen weiß, wie die innere Erodierung von Menschen, die in Konventionen erstarrt sind, voranschreitet, wenn sie in neue Verhältnisse geworfen werden. Ein feiner Beobachter des britischen Kolonialreichs und dessen Klassenverhältnisse, im Fokus dabei die Mittel- und Oberschicht. Einer, der ebenso wie Henry James, die Innenwahrnehmung seiner Figuren und die Geschehnisse der Außenwelt schreibend meisterhaft verband.

Seine großen Romane „Zimmer mit Aussicht“, „Wiedersehen in Howards End“ und „Auf der Suche nach Indien“ eigneten sich zudem als Vorlagen für ganz großes Kino. Unter Verschluss hielt er lange das Werk „Maurice“, in dem er, literarisch verpackt, auch über seine eigene Homosexualität schreibt.

Als bei Hoffmann und Campe eine dystopische Erzählung Forsters angekündigt wurde, war ich zunächst neugierig – und skeptisch. Das Genre schien mir zu dem, was ich selbst von Forster kannte, wenig zu passen. Doch „Die Maschine steht still“ liest sich so überzeugend und auch verblüffend erschreckend, als habe Forster beim Schreiben schon ein paar Jahre Facebook-Mitgliedschaft hinter sich gebracht.

1909 schrieb Forster diesen Text, von dem er nicht ahnen konnte, dass er bereits ein Jahrhundert später schon Wirklichkeit werden würde. Die Geschichte, sie erinnert an Menschen, die wir vielleicht aus unserer eigenen Umgebung kennen – Menschen, die mehr soziale Kontakte in der virtuellen denn in der realen Welt pflegen, die kaum mehr aus dem Haus gehen, Aktivitäten scheuen und deren bester Freund ein Laptop mit WLAN-Zugang ist. Und wenn man beim Lesen sich selbstkritisch prüft, so stellt man fest – ein wenig von Vashti trägt man selbst in sich. Wie oft lasse ich mich aus Bequemlichkeit von den „sozialen Medien“, die im Grunde antisozial sind, zerstreuen, lasse mich auf sinnlose Diskussionen mit Menschen, die ich nicht kenne, ein oder lese irgendwelche Nachrichten, die mich ansonsten nicht die Bohne interessieren würden? Aber der Vorzug ist: Facebook, Twitter und Co. sind so leicht zu haben – während alles andere Eigenaktivität und Energie voraussetzt.

Etwas, was die Hauptfigur in Forsters Erzählung und mit ihr der Großteil der Menschheit auch, kaum mehr aufzubringen vermag: Vashti hat seit Menschengedenken ihre Wohnung nicht mehr verlassen, sie lebt wie andere in Waben (Bienenvölkern gleich, die jedoch nicht einmal mehr die Freiheit des Fliegens genießen können) unter der Erde, im Glauben, alles über der Erdoberfläche sei vernichtet und unbewohnbar. Doch selbst, wenn nicht: Menschen wie Vashti zieht es schon gar nicht mehr hinaus in die Welt, sozialisiert durch die Maschine, die alle Bedürfnisse der Grundversorgung erfüllt. Und für Sehnsüchte und Träume, die darüber hinausgehen, sind die Menschen bereits abgestumpft. Fühlt man einmal den Wunsch nach Kontakt, dann stellt man Bildtelefonate her – doch die Beziehungen bleiben im Unverbindlichen, verursachen weder Freud noch Leid, sind beliebig und austauschbar:

„Sie hatte Abertausend Bekannte. In gewissen Bereichen konnte die menschliche Kommunikation erhebliche Fortschritte verzeichnen.“

Selbst als ihr Sohn Kuno ihr von einer anderen möglichen Welt erzählt, in der es Licht und Gras gibt, selbst als er sie bittet, einmal ihre Wabe zu verlassen und ihn zu besuchen, zögert Vashti, überlegt einen Kontaktabbruch. Schließlich aber wagt sie sich dennoch an die Reise – just in dem Moment, als die Maschine, die einer Gottheit gleicht, stillsteht und die Welt auf eine Katastrophe zusteuert: Denn ohne die Maschine, die alles lenkt und regelt, sind die Menschen hilflos und überfordert…

Auf 89 Seiten wird in der Übersetzung von Gregor Runge eine Alptraum-Vision von einer Welt beschrieben, von der wir nicht allzu weit entfernt sind: Friedenspreisträger Jaron Lanier wird auf der Rückseite des in Leinen gebundenen Bändchens damit zitiert, dies sei „die früheste und wahrscheinlich auch heute noch treffendste Beschreibung des Internets“.

Johannes Boie stellte die Erzählung in der Süddeutsche Zeitung in einer Rezension („Als Facebook in Leinen gebunden war“) vor, die mit ihren drei Spalten Länge ungewöhnlich ist für eine Vorlage von so schmalem Format. Doch wenn auch Forsters Erzählung nur wenige Seiten hat – diese haben es eben in sich:

„Die Maschine steht still“ zu lesen, bedeutet, im Schnitt alle drei Seiten verblüfft zu sein und zu grübeln über den sanften Horror, der dem eigenen Alltag viel näher kommt, als einem angenehm wäre. Denn da folgen Sätze um Sätze, die, heute gelesen, lakonische, entlarvenden Anmerkungen zum Zustand der Welt im Facebook-Zeitalter sind.“

Das stimmt. Und man fragt sich beim Lesen, warum die Menschen – die doch, wie Kuno ausruft, das Maß aller Dinge sind, und nicht eine Maschine – sich doch so unablässig und freiwillig unter die Herrschaft solch einer Maschine begeben. Ein dystopischer Text, der nachdenklich macht: Wie schwer würde es mir selbst fallen, die „sozialen Medien“ zu kappen, außerhalb des Blogs offline zu gehen, nicht mehr regelmäßig nach neuen Nachrichten und Informationen zu schauen?

Sapere aude: Das ist der Leitspruch der Aufklärung, die Aufforderung Kants, den Mut zu haben, sich des eigenen Verstandes zu bedienen. Wie Forsters Erzählung auch zeigt – ausgerechnet im digitalen Informationszeitalter klärt sich immer weniger auf, wird die Welt immer verwirrender und der Mensch zugleich geneigter, seinen Verstand an die Maschine abzugeben.

Verlagsinformationen zum Buch:
http://www.hoffmann-und-campe.de/buch-info/die-maschine-steht-still-buch-8040/

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#MeinKlassiker (16): Florian L. Arnold reist in die Gelehrtenrepublik

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Bild von Achim Scholty auf Pixabay

Florian L. Arnold ist ein Multitalent. Zu seinen Fähigkeiten gehören: Zeichnung & Illustration, Satire, Schriftstellerei, Selbstausbeutung, fruchtloses Jammern und Ignorieren der herrschenden Verhältnisse.
Wer nun meint, ich stellte meinen Gastautoren etwas gröblich vor – Florian charakterisiert sich so auf seiner Homepage selbst: http://www.florianarnold.de/
Ich kenne ihn nicht fruchtlos jammernd, sondern äußerst anpackend: Unter anderem als Initiator der Literaturwoche Donau und neuerdings als Verleger gemeinsam mit Rasmus Schöll. Ihrem Verlag „Topalian & Milani“ habe ich – ich schrieb bereits davon – mein schönstes Buch des Jahres zu verdanken. Seinen Roman „Die Ferne“ habe ich in diesem Jahr mit Genuss gelesen – und war daher auch sehr gespannt auf seinen Klassiker:

„Wir drehen uns! : Auf der Stelle?“
Arno Schmidts „Die Gelehrtenrepublik“ ist „Mein Klassiker“

Mit 19 oder 20 las ich „Die Gelehrtenrepublik“ das erste Mal und  durchstieß die an der Oberfläche des Romans schillernden Gewebe von  Ironie und Kritik nicht, hatte auch noch zu wenig Sinn für die  sprachlichen Delikatessen, die der Autor so großzügig in seinen Texten  ausbreitet. Dennoch: das Buch ließ nicht los, wollte wieder gelesen und  verstanden werden.
Das neuerliche Lesen einige Jahre später entflammte eine Liebe zum Schmidtschen Kosmos, die mit jedem Jahr weiter wächst und mich unterdessen seine Bücher genießen läßt wie einer, der verdurstend eine Wüste durchwandert, sich an den ersten Schlucken Wasser nach der Tortur erfrischt. Warum, geht es mir bei jedem Satz des Meisters herum, findet sich heute kein solcher Schmidt mehr, der so virtuos mit Stoffen und Sprache zu spielen versteht?

Mag sein: Arno Schmidts „Die Gelehrtenrepublik“ ist keine „aktuelle“ Literatur, aber ihre Darstellung eines historischen Konflikts ist in diesen Tagen, da sich die Großmächte angiften wie zuletzt vor 40 Jahren, sehr eindrücklich und zeigt, daß Konflikte, die wir überwunden glaubten, jederzeit wieder aufbrechen können. Schmidts Roman aus den 50er Jahren ist, bei aller Zuspitzung auf den historischen Konflikt von Ostblock und Westen, heute wieder sehr passend. Seine abstrahierende, zugleich durch Humor, Skurrilität und Satire gewürzte Erzählung appelliert an das zeitlose Vernunftideal der Aufklärung. Zugleich wird deutlich, wie pessimistisch Schmidt die menschliche Entwicklung sieht. „Die Gelehrtenrepublik“ ist mit ihren Verweisen in die Vergangenheit ein wichtiges und künstlerisch hochrangiges Stück Literatur, das sich unverändert als dystopische Vision einer (unverändert: nahen) Zukunft liest.

Nach einem nicht näher beschriebenen Atomkrieg haben sich die Gräben zwischen den Systemen der USA und der Sowjetunion tiefer aufgetan als zuvor. Europa ist Geschichte, zerteilt durch Kleinkonflikte und Verseuchung. Die USA sind weitgehend unbewohnbar geworden, in unzugänglichen Korridoren hausen Kreuzungen von Mensch und Tier und der Mond – nun Müllhaufen der geschieterten Menschheit – ist von einem roten Fleck entweiht, der, ähnlich dem „Roten Fleck“ auf dem Jupiter, als  Sinnbild einer zerstörerischen und unbegreiflichen Macht zu verstehen ist: „In den Krater Wargentin, im Süden, hatten beide Staaten, USA und UDSSR, angeblich ihr ‚gesamtes spaltbares Material’ geschossen… Das Ergebnis war ein rechter Halemaumau in jener Wallebene gewesen, auch bei Neumond sichtbar (…), dabei konnte sich jedes Kind am Arsch abklavieren, daß man die Versuchsexplosionen bloß in den interplanetarischen Raum  verlegt hatte (..)“.

Schmidts sprachliche Kraft muß kaum noch einmal betont werden. Mit jedem Satz erschafft er Welten. In lakonischen Einschüben und seinen in die mitunter ungeheuerliche seelische Untiefen eröffnenden Dialoge einprasselnden Satzzeichen stecken meisterliche Andeutungswelten. Einmal mehr, wie in fast all seinen Werken, ist die Natur die einzige Macht, der alles sich beugen muß. Verheert, pervertiert und doch in  ihrer Mächtigkeit ungebrochen gebiert sie neues Leben – Mutationen, denen sich der Ich-Erzähler annähert, die er zuletzt sogar als „menschlicher“ begreift als die verbliebene Menschheit selbst. Die sich, eine dieser hellsichtig-ironischen Analysen Schmidts, unbelehrbar weiter allein um sich selbst dreht.

Dies der Rahmen für den eigentlichen Witz, die Insel, irgendwie zusammengebaut aus allen Trauminseln der gesammelten Literatur, angefangen bei Schnabels „Felsenburg“, die Schmidt so sehr schätzte, bis  hin zu Gullivers fliegenden Inseln, die ja auch schon Sinnbild eines Eskapismus waren. Schmidts Trauminsel ist aus Metall, ist riesig,  verkommen, heißt IRAS („International Republic for Artists and  Scientists“). Man höre: Nicht die Politiker, die Reichen und die vermutet Wichtigen retten sich in Schmidts Utopie, sondern die Wissenschaftler, die Künstler, die Musen! IRAS ist der durchorganisierte Hort der Restvernunft, und bildet doch mit feiner Schmidt’scher Ironie die ganze Unvernunft des Menschen ab. Es gibt „Zonen“, es gibt  Überwachung, Mißtrauen, Soldaten, Ränke und Intrigen. Keiner könnte das in so wenigen wohlgesetzten Worten so geistreich zwischen deftiger  Satire, zarter Traurigkeit und visionärem Ausblick schweben lassen wie  Schmidt. IRAS ist ein einziges Scheitern, orientierungslos dahinschwimmend: „Wir drehen uns! : Auf der Stelle?“

Die Hauptfigur, ein Mann namens Winer, so viel sei verraten, bricht Tabus, und nicht wenige davon. Zentaurenstämme, Spinnenkolonien und Schmetterlingsmenschen, allesamt Mutationen, entstanden in der Folge des Atomaren Krieges, finden seine Sympathie. Das ist in dieser bizarren neuen Welt verwerflich. Aber er übertritt alle Gebote, als er sich in ein Zentaurenmädchen (Thalja) verliebt und sogar Sex mit ihr hat. Das  Ablehnen der Tiermenschen fällt Winer immer schwerer, am Ende verliert er sich an die „tierische Seite“, auch hier eine weitere liebevolle Referenz an „Gulliver“. Zugleich aber durchstrahlen die Ereignisse des Holocaust, des Kalten Krieges immer, selbst in den heitersten Momenten der „Gelehrtenrepublik“, den Text. Auch die Tiermenschen sind getrieben von Mordgier, Mißgunst, niederen Instinkten. Das Paradies, das Winer für kurze Augenblicke bei den Mutantenwesen zu finden meint, ist nur eine andere Form der menschengemachten Hölle. Die Möglichkeit einer besseren Realität kann nur ein Traum bleiben („Einmal lebt’ich wie Götter’ !!!“).

Nur einem so akribisch alle Bedeutungsgeflechte durchdringenden Autor wie Schmidt konnte es gelingen, ein Stück „utopischer Literatur“ zu schreiben, das den Leser mit schönen wie erschreckenden, mit eiskalten wie herzenswarmen Szenen in ständiger wohliger Unruhe hält. Die fieberige Sprache macht mit geradezu chirurgischer Präzision die größten Greuel sichtbar. Und Schmidts „veräußerte innere Monologe“ halten das  Beschriebene auf der menschlichen Ebene, im Gedankenkreis des Möglichen.

Ein Roman der Ungeheuerlichkeiten, der alle Möglichkeiten und Techniken neuzeitlicher Romankunst in sich vereint: etwa das mutwillige Spiel mit der Fiktion und das Erzählen über das Erzählen. Die unerschöpfliche Erfindungsgabe und Sprachkraft macht diesen gewiß nicht „einfach“ zu lesenden modernen Klassiker zu einem hinreißenden literarischen Spiel. Alle wirklichen und möglichen Welten sind im Universum dieses Romans  „Die Gelehrtenrepublik“ enthalten.

Florian L. Arnold
www.florianarnold.de
www.literaturport.de/Florian-L..Arnold/
www.wortknecht.com


Karen Duve: Macht

„Je weiter ich mich dem Gänsemarkt nähere, desto voller wird es. Man kommt kaum noch durch. Okay, es ist Double-Shoppingday, aber erstaunlicherweise sind es vor allem Männer, haufenweise Männer, die aus allen Nebenstraßen quellen, und sie sehen nicht gerade aus, als wären sie in die Stadt gefahren, um neue T-Shirts zu kaufen. Einige von ihnen könnten Hooligans sein – fette Wampen, üble Haarschnitte, aggressive Fressen. Hooligans am frühen Morgen, sie brüllen herum, riechen nach Pommes frites und schwappen den Inhalt ihrer Bierflaschen über die Leute. Andere sehen aus wie Paketboten (…)
Langsam dämmert mir, wo ich hier hineingeraten bin. In eine MASKULO-Demonstration. Ich schaue mich genauer um. Tatsächlich ist weit und breit keine einzige Frau zu sehen. Laut einer BILD-Online-Umfrage von letzter Woche soll der durchschnittliche Demonstrant bei der Anti-Frauen-Bewegung MASKULO aus der Mittelschicht stammen und sowohl gebildet als auch berufstätig sein, was jetzt nicht ganz meinem persönlichen Eindruck entspricht.“

Karen Duve, „Macht“, 2016, Galiani Berlin

Ein Gastbeitrag von Florian Pittroff

Soviel gleich vorne weg – es ist kein Buch für zarte Gemüter. Karen Duve mutet ihren Lesern einiges zu: Einen bitterbösen Machtkampf zwischen Mann und Frau. Die Zeiten, als Männer mehr verdient haben als Frauen und in den Chefetagen der großen Konzerne und der noch größeren Politik das Sagen hatten, gehören längst der Vergangenheit an.

Karen Duve hat fast alles in ihrem neuesten Buch verarbeitet, was in den letzten Jahren in irgendeiner Form gesellschaftspolitisch im Fokus stand. An erster Stelle den Feminismus: Im  Jahre 2031 heißt es beispielsweise konsequent Bundeskanzlerin, ganz gleich welches Geschlecht die/der Amtsträger/in hat. Aber auch der Klimawechsel, die Demokratie und ihre Krisen sowie die „Islamisierung“ des Abendlandes werden be- und verarbeitet. Und selbst der von Medien und Kommerz gepflegte Hype um die ewige Jugend darf nicht fehlen. Da wird der Ausspruch „Altwerden ist nichts für Feiglinge“ zu „Altwerden ist nur was für Feiglinge“. Im Jahre 2031 gibt es nämlich die Verjüngungspille Ephebo. Hier wird das hohe Lied auf die Jugend gesungen – nicht ohne fahlen Beigeschmack. Denn die, die die Pille nehmen und nicht altern, riskieren, an Krebs zu erkranken.

Der Plot des Romans ist bereits im Klappentext kompakt zusammengefasst:

„Wir schreiben das Jahr 2031: Staatsfeminismus, Hitzewellen, Wirbelstürme, Endzeitstimmung und ein 50-jähriges Klassentreffen in der Hamburger Vorortkneipe ›Ehrlich‹. Dank der Verjüngungspille Ephebo, der auch Sebastian Bürger sein gutes Aussehen verdankt, sehen die Schulkameraden im besten Rentenalter alle wieder aus wie Zwanzig- bis Dreißigjährige, und als Sebastian seine heimliche Jugendliebe Elli trifft, ist es um ihn geschehen. Alles könnte so schön sein, wäre da nicht Sebastians Frau, die ehemalige Ministerin für Umwelt, Naturschutz, Kraftwerkstilllegung und Atommüllentsorgung, die er seit zwei Jahren in seinem Keller gefangen hält. Dort muss sie ihm seine Lieblingskekse backen und auch sonst in jeder Hinsicht zu Diensten sein. Seiner neuen Liebe steht sie jetzt allerdings im Weg. Bei dem Versuch, sich seine Frau vom Hals zu schaffen, löst Sebastian eine Katastrophe nach der anderen aus…“

In manchen Momenten erinnert das Buch an Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ oder aber auch an Georg Orwells „1984“, ebenso sind Anklänge an Natascha Kampuschs Buch zu finden. Islamisierung, Kellergefängnis und düstere Zukunftsvisionen. Doch trotz alledem: Karen Duves Roman „Macht“ ist gut und flüssig zu lesen, man ist sofort mitten im Geschehen und fiebert dem großen Finale entgegen. Man möchte wissen, wie dieses düstere und gleichzeitig leichte Buch über das bevorstehende Ende der Menschheit ausgehen wird.

Eine Breitseite hat Karen Duve auch auf die Jugend – die mir sehr gut gefällt, weil dann manchmal doch so wahr:
„(…) Da sitzen sie mit ihren verkümmerten Streichholzärmchen und ihren wischenden Riesendaumen und (…) halten sich für überlegen, weil sie besser mit dem Internet umgehen können als die Generation vor ihnen“.

Über den Gastautor:

Florian Pittroff ist Magister der Literaturwissenschaften und Kunstgeschichte und arbeitet seit mehr als 25 Jahren als Journalist und Texter. Seine Buchbesprechungen waren unter anderem zu lesen im Kulturmagazin „a3kultur“ und im deutschsprachigen Männermagazin „Penthouse“.  Er verfasste Kulturbeiträge für das Programm des „Parktheater Augsburg“, war unter anderem verantwortlich für die Medien- & Öffentlichkeitsarbeit des kulturellen Rahmenprogramms „City Of Peace“ (2011) und die deutschsprachigen Slam-Meisterschaften (2015) in Augsburg. Florian Pittroff erhielt 1999 den Hörfunkpreis der Bayrischen Landeszentrale für neue Medien für den besten Beitrag in der Sparte Kultur.

www.flo-job.de

Über das Buch:

Einen Überblick über die Pressestimmen findet man auf der Seite des Verlags. Im Feuilleton kam der Roman nicht nur gut weg – „das beleidigt Literatur und Verstand“ harschte Christoph Schröder in der Zeit, etwas gnädiger, aber auch nicht allzu überzeugt, urteilte Gunda Bartels im Tagesspiegel über das Buch der „lauten Moralistin“ Karen Duve. Ach ja … ich habe es hier liegen, schon einmal parallel zu Florian Pittroff reingelesen und finde die Geschichte um das psychopathische Weichei Sebastian einfach einmal schon sehr unterhaltsam!

George Saunders: Zehnter Dezember

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Bild von Free-Photos auf Pixabay

 

„Wenn man Geschichte studierte, Kulturgeschichte, dann kam einem die eigene Epoche kleinlich vor. Es gab verschiedene Theorien der Einwilligung. In biblischen Zeiten konnte ein König über ein Feld reiten und sagen: Die da. Und dann wurde sie zu ihm gebracht. Und sie wurden ordentlich vermählt, und wenn sie einem Sohn das Leben schenkte, super, holt die Wimpel raus, die behalt ich. Ob sie in jener ersten Nacht drauf stand? Wahrscheinlich nicht. Ob sie zitterte wie Espenlaub? Egal.“

Aus: „Sprung zum Sieg“ in „Zehnter Dezember“, George Saunders, 2014, Luchterhand Literaturverlag.

Unschlüssig, unschlüssig, unschlüssig. „Zehnter Dezember“ von George Saunders wurde mit Lorbeeren überkränzt. 2013 in den USA erschienen, rief es das New York Magazine zum Buch des Jahres auf, nannte Saunders „einen Autor, der schreibt wie ein Heiliger“.
Der Amerikaner, 1958 geboren, nach mehreren anderen Jobs wie viele seiner Zunft in den USA über das Literaturstudium zum Autoren geworden, macht nun mit diesem Erzählband auch hierzulande Furore. Zehn unheilige Geschichten, selig machen sie nicht.
Dies in doppelter Hinsicht: Saunders malt die eigene und die kommende Epoche nicht kleinlich, sondern schwarz. Tiefschwarz. Die zehn Erzählungen sind in den USA der nahen Zukunft angesiedelt, dystopisch könnte man sie nennen. Da werden Menschen medikamentösen-chemischen Experimenten unterworfen, die sie zu Sexgier und Mordlust treiben. Frauen aus Dritt-Welt-Ländern hängen als Dekosklavinnen in Gärten, wie missbrauchte Blumenblüten. Funcenter, Freizeitparks, in denen Mittelalter nachgelebt wird – bis hin zum Raubrittertum des Besitzers, der Angestellte versklavt und vergewaltigt. Von wegen fortgeschrittene Praxis der Einwilligung.

Daneben aus der amerikanischen Gegenwart Bekanntes und Vertrautes: Traumatisierte Kriegsveteranen, McDonald`s und Butterfinger, Luxusautos und Schrottwagen, Luxusimmobilien und Enteignungen im Vorstadt-Ghetto. Saunders zeichnet ein düsteres Bild von der Lage seiner Nation, von der Weiterentwicklung seines Landes: Konsumversessen, konsumabhängig lassen die Menschen sich scheinbar willenlos steuern. Bis zu ihrem Niedergang. Ein Vater, der sich ruiniert, um den Kindern genau das bieten zu können, was die Nachbarn haben. Ein Sohn, der sich demütigen lässt im Ritterkostüm, um die Eltern – krank, aber ohne Versicherung – über die Runden zu bringen. Eine Alte, die nach 15 Jahren vor die Türe gesetzt wird.

Wenig Hoffnung kommt da auf, vor allem beim Blick in die Zukunft – die Menschen instrumentalisiert, entwürdigt, Menschenrechte ein Relikt aus der Vergangenheit. Dass Saunders damit in das Herzen einer bestimmten amerikanischen Leserschaft oder auch den Zeitgeist trifft, verwundert nicht.Obama als Hoffnungsträger hat rasch jeden Glanz verloren, die Zweiklassengesellschaft driftet brutal auseinander, anhaltende Kriegseinsätze, der fragwürdige Umgang mit Kriegsgefangenen, der fragwürdige Umgang mit den inneren Bürgerrechten, NSA und Überwachung, undsoweiterundsofort: All das wirft die Frage auf, wohin das Land steuert. Und Saunders greift diese Themen auf, packt in seine Geschichten diese Ängste und Verunsicherungen. Deutlich wird dies insbesondere dort, wo er die Klassen aufeinanderprallen lässt – beispielsweise in „Welpe“, als eine begüterte, behütende Mutter in einem White-Trash-Haushalt landet, um für ihre Kids einen Hund zu besorgen. Es endet tragisch – nicht für jene, die das Geld haben. Oder in „Die Semplica-Girl-Tagebücher“, dem Bericht eines Vaters, der nur das Beste will – was in dieser Welt immer auch das Teuerste ist.

Trotz der Schwarzmalerei: Saunders setzt auf den Menschen, den einzelnen Menschen, der Hero wird für eine Stunde, einen Tag. Den pummeligen Jungen, der einen Selbstmörder rettet. Den Nachbarsjungen, der eine Vergewaltigung oder Schlimmeres verhindert. Den Kollegen, der Unrecht nicht hinnehmen will. Wenn diese Erzählungen eine geheime Botschaft ausstrahlen, dann diese – dass manche inneren Werte, manche Vorstellungen von „Recht/Unrecht Gut/Böse“ nicht auszumerzen sind.

Allein seligmachend ist dies jedoch nicht. Unschlüssigkeit rief/ruft beim mir die Sprache/Stil hervor. Wer sich hier über den gehäuften Einsatz von „/“ in den letzten Zeilen/Sätzen wundert – eine der stilistischen Eigenheiten des Mr. Saunders. Ein Rezensent bemerkte, der letzte Erzählband des Amerikaners sei so postmodern gewesen, dass er wiederum beinahe unlesbar sei. Deshalb sei man beinahe glücklich, nun „Zehnter Dezember“ in den Händen zu halten. Eine Qualitätsaussage ist dies für mich nicht. Der „////“-„Tick“ – und hier stimme ich mit Günter Keil überein – ist ein Merkmal einer „allzu lässigen, um Unkonventionalität bemühten Prosa“.
Maren Wulf schreibt: „Mal ist der Ton knapp, beinahe schon karg, ein anderes Mal von unbändiger Lust am Fabulieren gekennzeichnet. Immer wieder umgangssprachlich, aber nicht flach. Temporeich.“ D`accord. Damit schon. Aber leider: Angereichert durch zu viele Manierismen.

„Greenway-Mädel: Quasi zauberhaft hier.
Drinnen Leslie Torrini zu Besuch (!). Das = Hammer. Leslie war noch nie solo hier. Sagt, ihr gefällt, dass unsere SGs nah am Teich hängen und sich drin spiegeln. Ruft zu Hause an und sagt, sie will Teich haben. Leslies Mutter nennt Leslie verwöhntes Balg und sagt, kein Teich. Das = großer Treffer für Lilly.“

Das = Beispiel für sprachlichen Manierismus. Leserin sagt, muss nicht sein. Geschichtenimmanente Verstörungsmomente stärker (!) ohne Ablenkung durch postmoderne Spielerei. Geschichten auch so gut oder Leserin verwöhntes Balg?

Hier geht es zur Verlagsseite inklusive Leseprobe: http://www.randomhouse.de/Buch/Zehnter-Dezember-Stories/George-Saunders/e441654.rhd

„Zehnter Dezember“ gibt es seit neunten November auch als Taschenbuch: http://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Zehnter-Dezember-Stories/George-Saunders/e483949.rhd

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