#MeinKlassiker (27): Peggy, Goethe, der Faust und Lehren fürs Leben

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Lange Zeit hat uns Peggy Richter auf ihrem Blog „Entdecke England“ mit ihren Beiträgen über Land und Leute, Geschichte und Kultur, Führungen durch die Museen und Dichterhäuser in London und ganz Großbritannien begeistert. Mit ihr ließ sich England wunderbar entdecken. Wer ihren Blog verfolgt, weiß jedoch, dass der Brexit auch hier seine Folgen hat: Peggy und ihre Familie verlassen England in Richtung Dubai. Ich möchte ihr und ihren Lieben an dieser Stelle noch einmal alles Gute für den Neustart wünschen – und ich freue mich auf ihre Beiträge aus einer ganz anderen Welt.
Zuvor hat Peggy mich jedoch mit ihrem Klassiker ziemlich überrascht: Eigentlich rechnete ich mit einem der großen britischen Schriftsteller. No way! Faust sollte es sein. Grandios, fand ich – denn was wäre eine Klassikerreihe ohne Goethe?

Ich kann mich noch genau erinnern, als ich die alte geschwungene Treppe in meiner neuen Schule hochging. Es war 1990 und es roch nach Bohnerwachs und großen Erwartungen. Ein knappes Jahr zuvor war die Mauer gefallen und ich, in der DDR aufgewachsen, fühlte, dass mir die ganze Welt offenstand. Alles, was ich tun musste, war, meinen Weg mit Bedacht wählen und ihn zielstrebig verfolgen. Aber welcher Weg war der Richtige? In dieser Zeit, als die Möglichkeiten grenzenlos schienen, es aber keine Orientierungspunkte gab, weil alles bisher Bekannte plötzlich keinen Bestand mehr hatte; in dieser Zeit, als das gesellschaftliche Chaos mit meinem pubertären Gefühlschaos Hand in Hand ging, traf ich einen Gelehrten auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Sein Name war Faust. Er hatte viel studiert, fühlte sich aber weiter denn je davon entfernt, das Geheimnis des Lebens zu lüften. Auf den ersten Blick war er kein sehr sympathischer Zeitgenosse, ein Nörgler, einer, der nie zufrieden war. Aber je näher ich ihn kennenlernte, desto mehr fühlte ich mich ihm verbunden.

Wie bei Faust schlugen auch in meiner Brust zwei Herzen: Einerseits wollte ich wissen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, andererseits wirkten die Mädchen und Jungs, die sich heimlich vom Schulhof schlichen, um zu rauchen, cooler und irgendwie näher am Leben. Faust entflieht der Studierstube, die ihm zum Gefängnis geworden ist, mithilfe von Mephisto. Auf der Suche nach dem höchsten Glücksgefühl, probiert er alles aus, was das Leben zu bieten hat: ein Saufgelage in Auerbachs Keller, die Verführung Gretchens und allerlei andere Zerstreuungen. Ich stürzte mich derweil mit einer Packung Zigaretten ins Leben. Aber genau wie Faust stellte ich bald fest: Nur weil ich irgendwo dabei war, fühlte ich mich noch lange nicht zugehörig. Ich war Zuschauer in einem Stück, das mich nicht wirklich interessierte. Und die Zigaretten haben mir auch nicht geschmeckt. Ich musste meinen eigenen Weg zum Glück finden.

Faust hat mich, die ich selbst eine Suchende war, tief berührt. Dieser innere Kampf zwischen dem, was man ist, und dem, was man gerne sein will, die richtige Mischung aus Pflicht und Kür, Forscherdrang und Lebensfreude zu finden, das waren und sind für mich die Kernthemen des Lebens. Wer ist schon immer voll und ganz mit seinem Leben zufrieden? Und was würde einen noch antreiben, wenn man es wäre? Leben ist vor allem Veränderung. Es besteht aus einem ständigen Austarieren der verschiedenen Kräfte, die in einem selbst und in der Gesellschaft wohnen. Diese werden zum Teil von Mephisto, dem „Geist, der stets verneint“, der „das Böse will und das Gute schafft“, verkörpert. Er lockt mit Versuchungen und führt in Sackgassen, aber er ist auch der Mut, gegen den Mainstream zu schwimmen und Neues zu entdecken.

Am Ende des zweiten Teils findet Faust seine Erfüllung, als er dem Volk hilft, neues Land zu gewinnen. Und auch im wahren Leben gibt es meiner Erfahrung nach keine Zufriedenheit, wenn man nicht eine Aufgabe hat, in der man aufgeht. Wer kennt nicht dieses tiefe innere Glücksgefühl, nachdem man etwas geschafft hat – sei es im Beruf, am Ende einer langen Wanderung, wenn man Tomaten im eigenen Garten erntet oder einen Blogartikel online gestellt hat? Oder, um es mit Faust zu sagen:

„Das ist der Weisheit letzter Schluss:

Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,

Der täglich sie erobern muß.“

Der besondere Reiz von Faust liegt für mich allerdings darin, dass er viele Facetten hat. Gleich zu Beginn streiten Dichter und Theaterdirektor darüber, ob ein Stück nur dann gut ist, wenn es ein Kassenschlager ist. Fausts Seele ist der Wetteinsatz eines Spiels zwischen Gott und Teufel, was dem Stück eine transzendentale Note verleiht. Faust verkauft dem Teufel seine Seele, um etwas zu erreichen, das er aus eigener Kraft nicht schafft – eine immer wieder gern verwendete Metapher in Film und Literatur. Und da ist Gretchen, von Faust verführt und verlassen und dadurch zum Kindsmord getrieben. Das Werk strotzt vor Themen, die in abgewandelter Form nichts an Aktualität verloren haben, die oft ambivalent sind und deshalb zum Nachdenken anregen. Deshalb ist er der Klassiker, der mich bis heute am nachhaltigsten beeindruckt hat.

Peggy Richter
https://entdeckeengland.com/

#MeinKlassiker (21): Norman Weiss ist für Kabale und Liebe

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Norman Weiss berichtet auf seinem Blog Notizhefte über Bücher, Museen, Ausstellungen, Theaterbesuche und alles sonst, was das Leben bereichert. Eine Kulturwebsite im besten Sinne also. Dass bei ihm die Klassiker in vielerlei Form lebendig sind und gepflegt werden, sieht man an seiner Buchauswahl.
Norman war einer der ersten Blogger, der von sich aus signalisierte, er würde gerne mit einem Beitrag an der Reihe #MeinKlassiker beteiligt sein – was mich sehr gefreut hat. Und als kleiner Wink an alle Mitlesenden: Wer Lust hat und seinen Klassiker vorstellen will, ist herzlich eingeladen.

Die Aktion #MeinKlassiker, die Birgit von Sätze&Schätze erfolgreich ins Leben gerufen hat, ist eine feine Sache mit sehr interessanten Ergebnissen und Auswahlentscheidungen. Ich habe mich für einen Text entschieden, der sich kontinuierlich auf den deutschen Bühnen hält und seinen Status als Klassiker in wechselnden Umgebungen behauptet.

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Mir persönlich bedeutet das Stück sehr viel:

Das 1784 uraufgeführte Stück „Kabale und Liebe“ von Friedrich Schiller begleitet mich seit der Oberstufe, damals las ich natürlich zum Vergleich auch die ältere „Emilia Galotti“, aber sie konnte sich nicht gegen Luise Millerin durchsetzen. Im Schultheater war ich alternierend Ferdinand („Du bist blaß, Luise?“) und sein Vater („Wenn ich auftrete, zittert ein Herzogthum!“), bei Lesungen im Deutschunterricht glänzte ich als Hofmarschall („Wenn Sie sich noch des Hofballs entsinnen – es geht jetzt ins einundzwanzigste Jahr – wissen Sie, worauf man den ersten Englischen tanzte, und dem Grafen von Meerschaum das heiße Wachs von einem Kronleuchter auf den Domino tröpfelte – Ach Gott, das müssen Sie freilich noch wissen!“) und als Kammerdiener der Lady Milford („Legt’s zu dem Übrigen!“). Das prägt für ein Leben und macht es dem Lessingschen Text heute noch schwer.

So schrieb ich im Januar 2014 in einem Beitrag über Lessings Emilia Galotti.

Schiller, der jugendliche Rebell und Idealist, der studierte Mediziner und Militärarzt, der unbesoldete Professor für Geschichte, Briefpartner und künstlerischer Widerpart Goethes, Zeitschriftenherausgeber, Dramatiker – ihm wird 1792 von der französischen Nationalversammlung das Bürgerrecht der Französischen Republik verliehen, 1802 erhebt ihn der Herzog von Weimar in den Adelsstand. Er stirbt 1805, sechsundvierzig Jahre alt.

„Kabale und Liebe“ wird 1784 in Mannheim uraufgeführt. Es thematisiert Gegenwartsthemen der damaligen Zeit: Hofintrigen, Verschwendungssucht, Mätressenwirtschaft, Gewaltherrschaft und Willkür, Standesschranken. Alles Themen, die für Schiller und seinen Helden Ferdinand ihre Rechtfertigung verloren haben. Der junge Mann, dem die privilegierte Standesposition das Nachdenken ermöglicht und nicht ausgetrieben hat, stellt die Systemfrage und will sich nicht arrangieren. Nicht beruflich, nicht persönlich. Seine Träume sind ohne Realitätsbezug, von übersteigerter Schwärmerei – letztendlich ist er, so wird es sich zeigen, ein Schwächling.

Schiller zeichnet seine Figuren mit dem breiten Pinsel: Hofmarschall von Kalb ist die (bravourös gestaltete) Karikatur des Höflings, den nicht einmal sein Spießgeselle, der Präsident, ernst nimmt. Dieser, eigentlich eine Vorbildfigur des Ançien Regime (er hat studiert, arbeitet rational und methodisch), wird vor allem im Konflikt mit dem Sohn als überholt, als verstockt und unmenschlich gezeichnet und damit insgesamt negativ konnotiert. Lady Milford, die Mätresse des bühnenabwesenden Fürsten, wird pathetisch als stolze Tochter Britanniens mit Resten von Anstand und Moral, die sich unter dem Luxusleben erhalten haben, präsentiert, scheint aber doch dem Untergang geweiht. Luise ist eigentlich eine Nichtgestalt, die meist recht passiv Gerechtigkeit erbittet. Im Gespräch mit der Lady gewinnt sie stärker Kontur. Die Eltern Luises geben Raum für Zeitkolorit und lassen Schiller Kritik üben („Halten zu Gnaden!“). Wurm – der Name sagt eigentlich schon alles – ist Profiteur und Diener der Macht; Luise hat für ihn nur Abscheu übrig.

Politischer Wandel, Rebellentum und Generationenkonflikt lassen das Stück auch nach mehr als zweihundert Jahren aufführungswürdig und zugänglich erscheinen. Doch das Pathos der Schillerschen Sprache ist für manche Leser und Zuschauer ein kaum zu überwindendes Hindernis, wie ich schon oft in Gesprächen gehört habe. Das führt immer häufiger zu einem Stück „nach Schiller“, aber dann kann ich mir auch den Tatort anschauen.

Ein bürgerliches Trauerspiel, so untertitelt Schiller sein Drama, und unterstreicht damit seinen aufklärerischen, weltverändernden Anspruch. Die Gesellschaftsstruktur ist überlebt, von innen faul und reif für ihre Ablösung. Sie soll freilich durch edle Geister, so wie Ferdinand sich sieht, menschenfreundlich reformiert werden. Konkreter wird es nicht, gefährlich genug war der Text in den Augen der Zeitgenossen bereits.

Neben den politischen Aspekten des Wandels thematisiert Schiller aber auch den Generationenkonflikt und ergreift eindeutig Partei für die Jungen. Die alten Männer sind entweder schlecht (Präsident), lächerlich (Kalb) oder zwar gut, aber von gestern (Miller), die Mutter Luises ohne Überblick, die nicht mehr ganz junge Lady Milford ist nicht eindeutig eine Verworfene, sondern die Umstände wecken ihr lange verschüttetes Ehrgefühl und Gerechtigkeitsempfinden.

Das Gespräch der Lady mit dem Kammerdiener des Fürsten in der zweiten Szene des zweiten Aktes, in dem es um den Handel mit Soldaten an den König von England geht, der sie in Amerika gegen die Aufständischen einsetzt, ist kurz, aber immer wieder eindringlich. Schiller thematisiert in zugespitzter Form Vorkommnisse, die damals hoch umstritten, aber nicht unüblich waren: Am 15. Januar 1776 hatte Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel  mit seinem Schwager König Georg III. von England sogenannte Subsidienverträge geschlossen und sich verpflichtet, ihm etwa 12.000 Mann zu überlassen. Dabei handelte es sich jedenfalls nicht ausschließlich oder überwiegend um Zwangsrekrutierungen. Schiller nutzt die Darstellung, um die absolutistische Herrschaft des Fürsten besonders deutlich zu machen. Er erfaßt damit eigentlich sehr gut, was Reinhart Koselleck wie folgt formuliert:

„Der Staat hatte sich gewandelt; er wurde korrupt: aber nur, weil er absolutistisch blieb. Das absolutistische System, die Ausgangssituation der bürgerlichen Aufklärung, blieb erhalten bis zum Ausbruch der Revolution: es bildet die eine Konstante unserer Untersuchung. An ihr wird sukzessiv und in verschiedenen Beispielen die politische Entfaltung der Aufklärung gemessen. Die Aufklärung entwickelte ein Eigengefälle, das schließlich zu den politischen Bedingungen selber gehörte. Der Absolutismus bedingt die Genese der Aufklärung; die Aufklärung bedingt die Genese der Französischen Revolution.“(Reinhart Koselleck, Kritik und Krise. Eine Studie zur Pathogenese der bürgerlichen Welt, 1959, Diss.Heidelberg 1954, Taschenbuchausgabe 1973, S. 4f.)

Die schwach konstruierte Intrige – Ferdinand soll Luise abspenstig gemacht werden – gelingt, weil der Mann eifersüchtig und eitel ist. Luise, die unter Zwang und aus Angst um Vater und Mutter einen Liebesbrief an den Hofmarschall schreibt, erscheint ihm als lasterhafte Schlange und Metze. Verblendet wie er ist, erkennt er ihre Liebe nicht.

Am Ende sterben Luise und Ferdinand an vergifteter Limonade, der Präsident wird nach Ferdinands Anklage abgeführt und letztendlich wird sich nur der Fürst noch einmal über die Runden retten können, sich aber eine neue Mätresse suchen müssen.

Norman Weiss
https://notizhefte.com/

#MeinKlassiker (20): Für Claudia Pütz waren Lessing und Nathan der Weise eine Offenbarung

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Bei Claudia Pütz sagt der Untertitel des Blogs „Das graue Sofa“, was Programm ist: Das Lesen zeitgenössischer Literatur. Aber Claudia liest durchaus „anders“: Überwiegend Bücher, die politisch relevante oder gesellschaftlich wichtige Fragen aufgreifen, Literatur, die einen Blick auf unsere Welt wirft und zu Diskussionen anregt. Dafür schätze ich „Das graue Sofa“ sehr – einfach ein sehr besonderes, anspruchsvolles und kluges Möbelstück in unserer Buchblogger-WG. Und ich war äußerst gespannt darauf, welchen Klassiker Claudia wählen würde. Klar war mir nur eins: Es wäre sicher ein Werk, dass uns auch heute noch viel über menschliches Miteinander und gesellschaftliche Bedingungen zu sagen hätte. Und wieder einmal hat Claudia mit ihrer Wahl alle meine Wünsche erfüllt:

Immer wieder ist zu lesen, dass es Bücher gebe, deren Inhalt den Leser so beeindrucke, dass er nach der Lektüre ein ganz „anderer Mensch“ sei. Das ist ein sehr hoher Anspruch an Literatur und so ist ja schon eine besondere Wirkung, wenn die Lektüre eines Buches dem Leser einen neuen, anderen Blick auf die Welt gewährt, wenn sie einen Zipfel des Vorhangs zur Erkenntnis ein Stückchen hochgehoben hat.

Viele Romane oder Dramen mit einer solchen Wirkung kann ich gar nicht benennen und neuere, aktuelle Werke sind kaum dabei. Aber das allererste Mal, dass ich wusste, dass ich etwas ganz Besonderes gelesen habe, dass da ein Inhalt ist, der mich ganz besonders bewegt und ein neues Stück Welt aufschließt, das war bei G. E. Lessings „Nathan der Weise“. Im Deutschkurs habe ich „Nathan“ lesen müssen, und ein Müssen war es zunächst tatsächlich, so wie das ja häufig ist bei Schullektüren. Abgehärtet von der Sprache „Macbeths“ hat mich wohl weder der Blankvers noch die altertümliche Sprache irritiert. Und vielleicht habe ich beim ersten Lesen auch noch gar nicht ermessen können, wie sehr ich noch beeindruckt sein werde. Aber ein Unterricht, in dem wir den einschlägigen Auszug aus Kants „Was ist Aufklärung“ gelesen haben, ein Unterricht, von dem ich meine, mich noch genau erinnern zu können, wie das Tafelbild zur Ringparabel aussah, hat mich in Spannung und Aufregung versetzt. Hier habe ich etwas erfahren, dass mich zutiefst beeindruckt und sicherlich ganz besonders geprägt hat.

Aufgewachsen in den 1960er und 70er Jahren in einer eher konservativ-spießbürgerlichen Familie, die mit Büchern und Bildung nicht viel zu tun hatte, als Mädchen außerdem, dem nicht gar so viel zugetraut wurde, ist mir der Begriff der Aufklärung vorgekommen, wie eine Offenbarung. Da forderte Kant doch tatsächlich dazu auf, sich „des eigenen Verstandes zu bedienen“, unabhängig von den „Vormündern, die die Oberaufsicht […] gütigst auf sich genommen haben.“ Da hat es also von Jahrhunderten eine Zeit gegeben, in der die Idee entstand, dass jeder Mensch für sich selbst Entscheidungen treffen sollte, ja musste, dass es kein Problem darstellte, bei solchen Entscheidungen auch mal zu stürzen, „denn sie würden durch einigemal Fallen wohl endlich auch gehen lernen.“

Wie die Gedanken der Aufklärung aus der philosophischen Theorie zumindest in der Literatur lebendig werden können, davon erzählt Lessings „Nathan der Weise“. Die Geschichte spielt zur Zeit des dritten Kreuzzugs um 1192 in Jerusalem. Dort hat der muslimische Herrscher Jerusalems, Sultan Saladin, einen gefangen genommenen Tempelritter begnadet. Das allein ist schon ungewöhnlich, genauso ungewöhnlich sind aber auch seine Beweggründe, denn es wird erzählt, der Tempelritter sehe seinem verstorbenen Bruder Assad ähnlich. Nun irrt der Tempelritter durch Jerusalem, immerhin ein Soldat der feindlichen Armee. Aber eben auch ein Ritter mit Tugend und Ehre, der aus einem brennenden Haus eine junge Frau, Recha, rettet. Einen Dank ihrer Hauswirtschafterin, später auch des Vaters, lehnt er ab, von Juden will er weder Dank noch Geld. Der Vater der jungen Frau ist Nathan, ein Kaufmann, der erst nach dem Brand von einer Geschäftsreise zurückkehrt. Er ist reich, aber, vielleicht durch seine Reisen bis nach Babylon, auch weltoffen und tolerant, sodass seine Nachbarn ihn als den Weisen bezeichnen. Von Reichtum und Weisheit wiederum hat auch Sittah gehört, die Schwester des Sultans, die nach Finanzquellen für den teuren Krieg gegen die Kreuzritter sinnt, und den Bruder nun überredet, es sich – wie auch immer – von Nathan zu holen.

Das also sind die Konfliktlagen zu Beginn des Dramas. Die Handlung, immer wieder weiter getrieben von Liebe, von Intrigen und befeuert durch die Religionskonflikte, könnte schnell in ein GZSZ-Dramolett abrutschen, wenn nicht Nathan immer wieder durch seine besonnene Art und besondere Gesprächsführung für Erkenntnis und Aufklärung sorgen könnte: Die Engelschwärmerei Rechas kann er auflösen, indem er Recha vor Augen führt, welche Folgen Schwärmerei haben kann, wenn sie dazu führt zu übersehen, dass es ein Mensch ist, der vielleicht Hilfe braucht. Den Vorurteilen des Tempelherrn kann er begegnen, indem er sich als dankbarer und freundlicher Mensch erweist, der sich auch durch dessen abweisend-barsche Haltung nicht aus der Ruhe bringen lässt. Und dem Sultan, der ihn durch die Frage, welche denn die richtige Religion sei, in die (finanzielle) Falle locken möchte, erzählt er die alte Geschichte von einem Vater, seinen drei Söhnen und dem einen Ring. Aus dem lässt der Vater zwei Duplikate fertigen, weil er doch alle gleich liebt, und bedenkt nicht die Erbstreitereien, die zuverlässig nach seinem Tod beginnen, denn einer unter den Brüdern muss doch wohl den richtigen, den echten Ring haben. So ziehen sie, wie im wahren Leben, vor Gericht.

Es sind die Figuren des Dramas, ihre Vorurteile, ihre Interessen, ihr Ringen um die richtige Entscheidung, die das Drama bis heute spannend und aktuell machen: Sultan Saladin und Sittah, die drauf und dran sind, ihre Macht um eines Vorteils willen zu missbrauchen; Daja, die christliche Amme Rechas, die, vom letzten Kreuzzug nach Palästina gespült, endlich wieder zurück nach Europa möchte und dies nur durch Ränke erreichen kann; der Tempelherr, bei seinem Onkel, auch einem Kreuzritter, aufgewachsen und zum Ritter erzogen, der nun mit Nathans Toleranzideen konfrontiert wird und immer wieder zurückfällt in alte Verhaltensmuster; der Patriarch der Stadt, der Fundamentalist, der fordert, „der Jude“ müsse verbrannt werden, weil er ein vermeintlich christliches Mädchen adoptiert und nun ganz ohne Religion hat aufwachsen lassen.

Nathan setzt dem allen eine ganz andere Sichtweise entgegen: Seiner Tochter erklärt er, dass die religiöse Schwärmerei dazu führen kann, dass einem Menschen aus Fleisch und Blut die notwendige Hilfe verweigert wird:

„Begreifst du aber, /Wie viel andächtig schwärmen leichter, als / Gut handeln ist? Wie gern der schlaffste Mensch / Andächtig schwärmt, um nur, – ist er zuzeiten / Sich schon der Absicht deutlich nicht bewusst – Um nur gut handeln nicht zu dürfen?“

Hier wird schon die Auffassung deutlich, dass jeder eine Verantwortung trägt für sich und seine Mitwelt, dass es eben gerade nicht reicht, eine Religion nur zu denken, nicht aber ihre Ideen auch im tatsächlichen Handeln zu leben. In diesem Sinne löst Nathan auch die Frage nach der einen richtigen Religion, die der Sultan ihm gestellt hat: Jede Religion „eifere“ darum, so lässt er den Richter zu den drei Brüdern sprechen, ihre Vorstellungen und Glaubenssätze so positiv nach außen zu leben, dass sie in den Augen der Betrachter „angenehm werde“. Auch hier verlangt Nathan also, dass ein jeder zunächst gut handle, um sich so ein gutes Ansehen „zu erwerben“. Indem dies in einem Prozess des Wetteiferns geschehen soll, verlangt Nathan nicht, sich einander anzugleichen, sondern erkennt die Unterschiedlichkeit der Religionen durchaus an.

Wir wären weiter in unserer Welt, wenn diese Ideen der Aufklärung gerade im Moment nicht so in Vergessenheit gerieten. Respekt und Toleranz, die Wertschätzung des Gegenübers, noch dazu, wenn er ein irgendwie „Anderer“ ist, eine Kommunikation miteinander, ein Austausch von Argumenten und ein Ringen um Verständnis – das alles sind Werte, die, so scheint es gerade, in unserer gesellschaftlichen Debatte mehr und mehr in Vergessenheit geraten. Gehört und – fanatisch – bejubelt werden die, die laut sind, die Tabus brechen, die alles und jeden diffamieren, die pauschalieren und Respektlosigkeit als normalen Umgangston sehen. Dass wir es auch anders können, dass es möglich ist, den Menschen zu sehen bevor wir seine Herkunft oder Religion sehen, sein Geschlecht oder sein Lebenskonzept bewerten und ihn so vor-verurteilen, dass jeder – andererseits – auch die Aufgabe und Verantwortung hat, seine gute Seite zu zeigen, das können wir in Lessings „Nathan“ immer wieder nachlesen.

Heute, da ich selbst Lehrerin bin und in dieser Rolle die Schülerinnen und Schüler immer wieder mit Romanen und Dramen konfrontiere, die sie sich selbst nie ausgesucht hätten, wünsche mir, dass auch in meinem Unterricht der eine oder die andere von Lessings „Nathan“ so fasziniert wird wie ich damals. Dass sich hoffentlich auch für sie der Vorhang der Erkenntnis ein Stückchen gehoben hat. Und dass sie dabei mithelfen, denjenigen, die den Humanismus immer mehr vergessen, etwas entgegenzuhalten.

Auch Lessing wusste schon darum, dass eine Kommunikation mit Fundamentalisten kaum möglich ist: Nathan und der Patriarch treffen in dem Drama kein einziges Mal aufeinander.

Claudia Pütz
https://dasgrauesofa.com/


#MeinKlassiker (14): Daniel Engel wartet auf Godot

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Noch einen relativ neuen Blog betreibt Daniel Engel. Auf „Bücherherbst“ schreibt er über Gegenwartsliteratur und „das Leben mit Büchern“. Dazu gehört für ihn schon lange ein Buch, das eigentlich ein Theaterstück ist und seit seiner Veröffentlichung die Gemüter spaltet. Ich selbst erinnere mich gut an eine Aufführung im Augsburger Stadttheater – es waren überwiegend Besucherring-Leute im Publikum, die ihre Abonnement-Karte einlösen wollten. Nach der Pause hatten meine Freunde und ich die Schauspieler für uns allein. Doch: Wer nicht auf Godot warten kann, der verpasst doch einiges. Das meint auch Daniel:

Ein einziges Mal war ich bisher im Theater. Ich wollte mich auf diese darstellende Kunstform einlassen, mit der ich fremdelte. Als der Vorhang zur Pause fiel, herrschte Stille – während ich zustimmendes Klatschen erwartete. Nach der Pause blieben einige Plätze frei, ein Teil des Publikums trat lieber den Heimweg an, als sich den zweiten Teil anzuschauen. Es ist wohl eine durchaus übliche Reaktion für Aufführungen von Samuel Becketts „Warten auf Godot“. Doch warum zählt dieses herausragende Werk sowohl auf der Bühne als auch als Buch zu den vielleicht am meisten verschmähten Klassikern? Das 1952 veröffentlichte Buch des Literaturnobelpreisträgers ist sein Opus magnum (1953 als Theaterstück uraufgeführt) und war nicht weniger als eine Revolution. Beckett prägte eine neue Gattung, das absurde Theater – und zugleich eine neue Gattung Leser und Theaterpublikum. Nach diesem Werk ist man nicht mehr der gleiche Rezipient. Allerdings gibt es sowohl die Leser, die hiernach die Schönheit der Sprache und des Absurden lieben, als auch jene, die noch weniger Zugang zu diesem komplexen Stoff finden.

Rein formal ist „Warten auf Godot“ bloß eine Tragödie in zwei Akten. Die Sprache kommt laut Literatur- und Theaterkritiker Joachim Kaiser vordergründig als „banale Geschwätzigkeit, gelegentliche Witzelei, […] ein sentimentales ‚ceterum censeo’“ daher – und nichtsdestotrotz schließt er genau daraus die Genialität Becketts. Hier kann man eigentlich nur in einem Punkt leicht widersprechen: „Godot“ ist nicht nur eine gelegentliche Witzelei; man sollte es zunächst durchweg als Komödie lesen, das erleichtert den Zugang ungemein. Und erst beim Reflektieren kann man in das Existenzielle dieses Werkes eintauchen. Genau deshalb lohnt das aufmerksame – und auch wiederholte – Lesen. Bei jeder weiteren Lektüre spürt man zuvor unbeachtete Wendungen auf, weitere scharfsinnige Witzeleien, und kann einzelne Stellen neu für sich entdecken.

Das Konstrukt des Stückes ist wahrscheinlich vielen bekannt. Wladimir und Estragon treffen sich an einem vereinbarten Ort und warten auf Godot. Sie befinden sich in einer „schaudervollen Situation“: mit Lumpen bekleidet, warten sie vergeblich an diesem unwirschen Ort. Hierin liegt die Raffinesse von „Warten auf Godot“: So wenig, wie oberflächlich betrachtet in der Geschichte geschieht, so viel Spielraum wird dem Leser gewährt. Jeder Mensch kann seine eigene Geschichte hineinlesen und sich auch ein Stück weit in die Konstellation hineinversetzen. Achten wir genauer darauf, bestimmt das Warten unseren Alltag wie kaum eine andere Begebenheit. Das Warten an sich ist ein mannigfaltiges Ereignis. Es ist verbunden mit Hoffnungen, Erwartungen, aber auch Ängsten und Ungewissheit. So ist es bei Beckett logischerweise die Hoffnung Wladimirs und Estragons darauf, dass Godot erscheinen wird.  

Die Vielzahl an Interpretationsvariationen und -versuchen macht das Stück zwar einerseits nicht direkt greifbar, man bekommt keine unmissverständliche Deutung vorgekaut; andererseits ermöglicht es jedem Leser eine eigene Interpretation. Sehr beliebt ist die Variante, dass Estragon und Wladimir die Menschheit im Gesamten verkörpern, während Godot für Gott steht („Estragon lebhaft: Wir sind nicht von hier, mein Herr. | Pozzo bleibt stehen: Sie sind aber doch menschliche Wesen. Er setzt seine Brille auf. Wie ich sehe. […] Von derselben Gattung wie Pozzo! Göttlicher Abstammung!“). Eine weitere häufige Interpretation besagt, dass es sich bei den Beiden um Flüchtlinge handelt, die auf ihren Retter (womöglich heutzutage: ihren Schleuser) warten. Denn insbesondere die Menschen, die auf der Flucht sind, kennen das schmerzliche Leid des (unerfüllten) Wartens wohl wie keine andere Menschengruppe. Zunächst warten sie in der Heimat auf eine Verbesserung der Situation; dann warten sie auf Hilfe; sie warten auf die Person oder die Gelegenheit, die sie aus der Situation befreit; sie warten auf die Ankunft am Ort der Hoffnung; sie warten auf eine Bleibe; sie warten auf Bleibebescheide und Arbeitserlaubnis. Becketts Werk ist aktueller denn je, selbst Jahrzehnte nach der Erstveröffentlichung – oder hat womöglich nie an Aktualität verloren.

„Warten auf Godot“ ist ein Stück jenseits jeglichen Zeitgeistes: grotesk, naiv, unangepasst und so herrlich selbstironisch („Estragon: Es passiert aber auch gar nichts. | Pozzo untröstlich: Langweilen Sie sich? | Estragon: Kann man wohl sagen. | Pozzo zu Wladimir: Und Sie, mein Herr? | Wladimir: Es ist kein reines Vergnügen. | Schweigen.“). Wladimir beschreibt eigentlich ziemlich gut, wie sich womöglich viele nach dem Lesen fühlen: „Wie soll man’s sagen? Erleichtert und zugleich… Er sucht… zerschmettert. Emphatisch. Zer-schmet-tert.“ Doch vielleicht sollte man mit weniger Verunsicherung an das Stück herangehen, sondern vielmehr mit Leichtigkeit und Offenheit. Und auch ein wenig indirekte Kritik des Autors an den Rezipienten darf erlaubt sein, wenn Wladimir feststellt: „So ist der Mensch nun mal: er schimpft auf seinen Schuh, und dabei hat sein Fuß schuld.“

Wer die tiefgründige Absurdität Becketts einmal kennen und vielleicht sogar schätzen gelernt hat, liest viele Geschichte – vor allem die verrückten – mit einem ganz anderen Blick für das Spiel mit der Sprache. „Warten auf Godot“ hätte deshalb wesentlich mehr Applaus verdient, als viele Leser dem schmalen Werk zugestehen möchten.

Daniel Engel
https://buecherherbst.wordpress.com/


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#MeinKlassiker (1): Petra und ihr zielstrebiger, rachsüchtiger Hamlet

Dass bei Petra die Klassiker nie zu kurz kommen, stellt sie auf Philea`s Blog regelmäßig unter Beweis. Insbesondere hat sie ein Herz für Reisende und britische Snobs – da passt ihr größter klassischer Held, den sie uns vorstellt, gut ins Beuteraster.
Wer mehr von Petra lesen möchte, der kann nicht nur auf dem Blog stöbern, sondern sich auch auf ihr neues Buch freuen: „Gefahren des Lesens“ erscheint just in diesen Tagen beim Verlag adson fecit: https://adson-fecit.com/2016/07/29/gefahren-des-lesens/.

Und nun – Petra und ihr Klassiker:

Ich mache jetzt nicht das Fass auf, was ich unter einem Klassiker verstehe oder was man darunter verstehen sollte, ich gehe davon aus, dass das geneigte Lesepublikum von Birgit da selbst gewisse Kriterien zu im Sinn hat. Bei Anna von buchpost gab es mal eine Definition (https://buchpost.wordpress.com/2012/12/28/klassiker/), der ich sehr zuneige.

Mein Klassiker ist natürlich nur ein Klassiker von vielen, aber von Shakespeare, einem meiner Favoriten. Außerdem verbinde ich mit Hamlet allerlei Geschichten, weswegen er irgendwie im Laufe von über 25 Jahren zu „meinem“ Klassiker wurde.

Hamlet lernte ich im Studium näher kennen. Die Geschichte ist ja weitgehend bekannt. Auch wenn man weder Original noch Übersetzung je las –  Sein oder Nichtsein, to be or not to be, Schlafen! womöglich zu träumen, etc. – das sind längst geflügelte Worte und Verfilmungen gibt es ja auch etliche.

Prinz Hamlet, Student in Wittenberg (hier witzelte mein Professor einst, in Anspielung auf die altersmäßig gelegentlich unpassenden Besetzungen: Ein ewiger Student), kehrt nach Dänemark zurück. Sein Vater ist tot, ermordet und dies wohl von Hamlets Onkel Claudius, der nun der neue König ist und überdies mit der Witwe tändelt, Gertrude sogar heiratet. Der Geist von Hamlets Vater klärt den Prinzen auf und fordert Rache. Und die will auch Hamlet.

Interessanterweise wurde die Tragödie in einer Interpretationslinie für besonders deutsch gehalten, Hamlet, der melancholische Träumer und große Zauderer – sein oder nicht sein, tu ich’s oder lass ich’s lieber … Das wurde politisch auf die Deutschen übertragen, die ihrerseits zu träge oder unentschlossen für eine Revolution wie die französische gewesen seien und irgendwie sei Hamlet da ganz deutsch. Mehr dazu hier: http://www.zeit.de/1964/18/deutschland-ist-hamlet-ii

Ich finde Hamlet eigentlich recht zielstrebig, wenn er auch nicht sofort auf sein Ziel losprescht, so entwickelt er doch einen Plan, um den Mörder seines Vaters zu überführen, geht dabei recht unbekümmert über Leichen, spielt den Narren, stellt sich dumm und alles nur der Rache wegen. Selbst seine Liebste, Ophelia, weiht er nicht ein und nimmt ihr Leid, ihren Tod damit implizit in Kauf. Und der Rest ist Schweigen.

Ein blutiges, rachsüchtiges mitleidloses Drama, bei dem es keine Sieger gibt. Die Wahrheit mag ans Licht gekommen sein, doch der Preis! Verrat, Mord, fast alle tot – meine Güte! Und dabei so spannend wie ein Pageturner.

Meine erste Hamlet-Verfilmung war die mit Mel Gibson, die ich gar nicht übel fand. Meine zweite eine russische, in der Hamlet irritierender-, aber logischerweise „Gamlet“ hieß. Die Sichtung der russischen Version geschah absichtslos. Eigentlich waren wir ins Kino gegangen, um die lang verschollene Othello-Version mit Orson Welles zu sehen, die allerdings an jenem Abend erneut verschollen ward, weswegen man dem Shakespeare-geneigten Publikum den Gamlet zeigte. Meine dritte Verfilmung war recht modern, statt um ein Königsreich ging es um einen Konzern, Ethan Hawke gab den Hamlet. Diese Fassung gefiel mir fast am besten, obwohl ich Modernisierungen eigentlich schon grandioser Stücke nicht immer nötig finde.

Die Tragödie im Original zu lesen, ist – wenn es möglich ist – ein Genuss. Den wollte ich auch meinem Liebsten aufschwatzen, doch ich hatte nicht bedacht, dass das elisabethanische Englisch von heute aus gesehen ein bisschen speziell ist. Mit dem Kommentar „zu viel thou, thee, thine“ erhielt ich meinen zerlesenen Hamlet zurück. Interessanterweise hatte mein Liebster mit den Filmen im englischen Original kein Problem. Aber Stücke zu lesen ist ja auch nicht jedermanns Fall, der ständige Wechsel – er so, sie so – das liest sich anfangs etwas stockender als ein Roman.

Diese und viele weitere persönliche Geschichtchen und Anekdötchen um diesen Klassiker haben Hamlet zu „meinem“ Klassiker gemacht.

Petra Gust-Kazakos
https://phileablog.wordpress.com/


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Heinrich Heine: Shakespeares Mädchen und Frauen

„Es wird mir flau zu Mute, wenn ich bedenke, dass er am Ende doch ein Engländer ist, und dem widerwärtigsten Volke angehört, das Gott in seinem Zorne erschaffen hat. Welch ein widerwärtiges Volk, welch ein unerquickliches Land! Wie steifleinen, wie hausbacken, wie selbstsüchtig, wie eng, wie englisch!“

Heinrich Heine, „Shakespeares Mädchen und Frauen“, erstmals erschienen 1838

Ein Kleinod und Lesevergnügen ist dieses Buch für jeden, der nicht nur Shakespeare, sondern auch den scharfzüngigen HH schätzt. Man ahnt es bereits: Wenn Heinrich Heine, Shakespeare-Verehrer und Bewunderer der holden Weiblichkeit, über die Frauenfiguren des englischen Dramatikers schreibt, dann nicht nur mit viel (Lust-)Gefühl, sondern auch mit der ihm eigenen Spottlust. Schon das Vorwort nutzt der frankophile Heine, der zu dieser Zeit bereits in Paris lebte, um in einem kurzen Streifzug mit den Engländern abzurechnen und die Rezeption und Nachwirkung Shakespeares in anderen Ländern aufzuzeigen:

„Besser als die Engländer haben die Deutschen den Shakespeare begriffen. Und hier muss wieder zuerst jener teure Name genannt werden, den wir überall antreffen, wo es uns eine große Initiative galt. Gotthold Ephraim Lessing war der erste, welcher in Deutschland seine Stimme für Shakespeare erhob. Er trug den schwersten Baustein herbei zu einem Tempel für den größten aller Dichter, und, was noch preisenswerter, er gab sich die Mühe, den Boden, worauf dieser Tempel erbaut werden sollte, von dem alten Schutte an zu reinigen.“

So wird die Galerie der Schönen, der Intrigantinnen, der Leidenden und der Holden aus Shakespeares Dramen von der Präambel an bereits weit aus mehr als ein bloßer Streifzug durch die dramatische Frauenwelt – Heine, der begnadete Feuilletonist, nimmt die Miniaturen sozusagen als journalistische „Aufhänger“, um über Kultur, insbesondere die Theaterwelt und Literatur, Politik, Soziales, Religion und viele weitere Themen zu schreiben. Insbesondere findet sich in diesem Buch, das ein wenig ein Schattendasein unter den Heine`schen Werken führte, eine treffende Analyse des Antisemitismus, selbstverständlich bei den Frauenfiguren aus dem „Kaufmann von Venedig“.

Auftragsarbeit aus Geldnot

Die „Shakespeare Gallery“ wurde 1836 zunächst vom britischen Verleger Charles Heath veröffentlicht: 45 Bilder von Frauenfiguren aus Shakespeares Dramen, Stahlstiche fiktiver Cassandras, Ophelias, Cleopatras, Julias bis hin zu einer ziemlich vergrätzt schauenden und leicht übergewichtigen Lady Macbeth. Das britische Original war mit Zitaten aus den Stücken ergänzt – ein Ansatz, der eines Heines kaum würdig gewesen wäre. Dieser, wie immer in Geldnöten, nahm das Werk als Auftragsarbeit an. Für die deutsche Ausgabe, für die der Verleger Henri-Louis Delloye die Lizenz erhalten hatte, schrieb Heine 1838 innerhalb weniger Wochen ausführliche Essays zu den „dramatischen“ Frauenfiguren, die oftmals alles andere zum Inhalt haben – nur nicht die Frau. Nur jene weiblichen Gestalten aus den Komödien wurden dann auch in der deutschen Ausgabe von HH mit Zitaten aus den Shakespeare`schen Werken beglückt.

Selbst diese Schönheitsgalerie stieß bei der preußischen Zensur auf Missfallen, wie Jan-Christoph Hauschild, Autor, Germanist und Mitarbeiter am Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf in seinem Nachwort zur Ausgabe 2014 schreibt.

Den Beamten missfiel, dass Heines „ungezügelte Spottlust (…) die Gegenstände seiner vielfachen Antipathien mit dem ganzen Übermut seines reichen Talentes“ geißle. „Hauptsächlich“ sei es England, das er „mit schneidendem Witz und galliger Bitterkeit“ verfolge und wozu sein „Enthusiasmus für Frankreich und Franzosentum“ den „entschiedensten Gegensatz“ bilde.

Zugang zu Shakespeares Welt

Letztendlich ging das Werk jedoch durch und war eines von den insgesamt nur vier Heine-Büchern, die in Preußen verkauft werden durften. Zum Glück. Denn nebst den außerliterarischen Streifzügen und Seitenhieben bot Heine damals schon mit seinen Schriften dem Lesepublikum einen hervorragenden Zugang zu Shakespeares Welt – das Buch verdient allein deswegen einen besseren Rang in der Shakespeare-Literatur, als es bisher innehatte. So sieht Eduard Engel in seinem Vorwort zur 1921 erschienenen Gesamtausgabe Heines nur zwei deutsche Schriftsteller, die in ihrer Shakespeare-Kenntnis von gleichem Rang seien: Heinrich Heine und Goethe.

Wie immer man im einzelnen über Heines Auffassungen Shakespeare`scher Gestalten – er spricht durchaus nicht bloß immer von den weiblichen – denken mag, der Wert seiner kleinen und größeren Abhandlungen über Shakespeares Meisterdramen kann keinem entgehen, der die Werke gründlich kennt, aber auch keinem, der einigermaßen mit der Shakespeare-Literatur vertraut ist. Und man wäge die wissenschaftliche Grundlage, worauf Heine zu jener Zeit, vor dem Erscheinen der bedeutendsten Arbeiten über Shakespeare fußen konnte.“

Die Bandbreite der Themen, die Heine anhand der Frauenportraits auffächert, kann hier in einer Inhaltsangabe kaum wiedergegeben werden. Ich halte es wie Heine selbst und übernehme den Schlüsseldienst:

„Die vorstehenden Blätter sollten nur dem lieblichen Werke als flüchtige Einleitung, als Vorgruß, dienen, wie es Brauch und üblich ist. Ich bin der Pförtner, der Euch diese Galerie aufschließt, und was Ihr bis jetzt gehört, war nur eitel Schlüsselgerassel.“

Heinrich Heines „Shakespeares Mädchen und Frauen“ wurde nun anlässlich des Jubiläumsjahres von Hoffmann und Campe wieder aufgelegt – das Buch ist auch handwerklich gut gemacht, mit den Abbildungen von 1838 versehen, im Schuber und mit Lesebändchen.


Bild zum Download: Engelstatue Augsburg


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Mark Twain: Ist Shakespeare tot?

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Bild von ANThy auf Pixabay

„Als Shakespeare 1616 starb, verfügte die Londoner Welt über großartige literarische Produktionen, die ihm zugeschrieben wurden und die seit vierundzwanzig Jahren höchstes Ansehen genossen. Doch sein Tod war kein Ereignis. Er sorge nicht für Betroffenheit, er erregte keine Aufmerksamkeit.“

Mark Twain, „Ist Shakespeare tot?“, Piper Verlag, 2016.

Heutzutage ist das anders: Von den wenigen biographischen Daten, die man von William Shakespeare hat, ist zumindest der Todestag gesichert: Der 23. April 1616. Und 400 Jahre danach gedenkt die Welt jenes Mannes aus Stratford-on-Avon mit allerhöchster Aufmerksamkeit. Aber im Grunde bräuchte es keine Jubiläen, um an den berühmtesten aller Dichter zu erinnern. Denn jede Minute wird – bewußt oder unbewußt – irgendwo auf der Welt ein Shakespeare-Zitat ausgesprochen, jeden Tag irgendwo auf dem Globus ein Shakespeare-Stück aufgeführt. Der Mann und sein Werk: Sie überstrahlen noch immer alles und alle.

Doch wer war Shakespeare? Seit jeher brodelt die Gerüchteküche: Dass einer aus einfachen Verhältnissen, ohne nennenswerte Bildung, ohne akademische Karriere, ohne die entsprechenden Verbindungen zum berühmtesten Dichter seiner und der nachfolgenden Zeiten aufsteigt – das befeuert die Phantasie. Shakespeare – also jener Shakespeare aus Stratford – so ist die überwiegende Meinung, war nicht Shakespeare, jedenfalls nicht der Mann, der „Romeo und Julia“, „Hamlet“ und „Der Sturm“ schrieb.

Im Grunde ist es für mich zweitrangig, wer Shakespeare wirklich war, solange es diese wunderbaren Stücke gibt und sie immer wieder neu adaptiert und interpretiert werden. Die zeitweise erbittert geführten Debatten zwischen „Shakespearianern“ und „Baconisten“ sind in ihrem Ernst und in ihrer Absurdität streckenweise befremdlich. Und wer für Aufsehen sorgen will, kommt irgendwann mit einem neuen Shakespeare – beispielsweise de Vere – daher. Doch wenn schon spekulieren, dann wenigstens so vergnüglich, wie es nun in einem von Nikolaus Hansen übersetzten Text des bejahrten Mark Twain geschieht.

1909 veröffentlicht der amerikanische Schriftsteller und Satiriker ein schmales Buch: „Is Shakespeare dead?“ und bekennt frei heraus:

„Im Wir-nehmen-an-Handel machen drei separate und voneinander unabhängige Kulte miteinander Geschäfte. Zwei dieser Kulte sind unter den Namen Shakespearianer und Baconisten bekannt, und ich bin der dritte – der Brontosaurier. Der Shakespearianer weiß, dass Shakespeare der Verfasser von Shakespeares Werken ist. Der Baconist weiß, dass Francis Bacon ihr Verfasser ist; der Brontosaurier weiß nicht so genau, wer von beiden sie geschrieben hat, ist aber recht entspannt und zufrieden der festen Überzeugung, dass Shakespeare es nicht war, und er hegt die starke Vermutung, dass Bacon es war.“

Ganz so entspannt bleibt der alte Mark Twain – beim Verfassen des Textes immerhin schon 73 Jahre alt – jedoch im Verlaufe des Büchleins nicht. Die hauptsächliche These, auf die er sich als Beinahe-Baconist stürzt: Die Shakespeare-Dramen zeugen von einem profunden juristischen Wissen, das sich ein ungebildeter Geldmensch aus einem Kaff namens Stratford niemals habe aneignen können. Francis Bacon dagegen war, so Mark Twain, ein Universalgenie mit klassischer Bildung, ein strahlender Stern am Horizont. Sicher ist es zwar in seinen Augen nicht, dass Bacon Shakespeare war – aber so gut wie unmöglich, dass eben jener Shakespeare Shakespeare war.

Hauptsache jedoch, er war:

„Es hat nur einen Shakespeare gegeben. Zwei kann es nicht gegeben haben; schon gar nicht zwei zur selben Zeit. Es braucht Ewigkeiten, einen Shakespeare hervorzubringen, und weitere Ewigkeiten für einen, der ihm ebenbürtig ist. Diesem war niemand vor seiner Zeit ebenbürtig; und niemand in seiner Zeit; und niemand seither. Die Aussichten, jemand könnte ihm in unseren Zeiten ebenbürtig sein, sind nicht gerade rosig.“

Neue Erkenntnisse in Sachen Shakespeare-Detektei birgt dieser Text von Mark Twain dem Leser nicht. Auch war der Satiriker schon in besserer Form: Es gibt unterhaltsamere und bissigere Texte von ihm. Aber dennoch: Mark Twain ist Mark Twain, gerade auch wenn er über einen Shakespeare schreibt, der nicht Shakespeare war. Und so ist der schmale Band eine vergnügliche Lesestunden-Fußnote für alle Shakespeare-Fans und oder eben Liebhaber jenes Dramatikers, der wer auch immer war …

Der Piper Verlag, dem ich für das Rezensionsexemplar danke, hat für das Buch Leander Haussmann für ein Vorwort gewonnen – und der Regisseur und Schauspieler fährt Mark Twain in einem Brief auf dem Verlagsblog vergnüglich in die Parade: Shakespeare war ein Kollektiv, ein „writers room“.
Zum Blog: https://www.piper.de/aktuelles/buchblog/leander-haussmann-schreibt-an-mark-twain

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Robert Seethaler: Jetzt wirds ernst

„Magst du bumsen?“, fragte sie plötzlich und zeigte auf meine Badehose.
Das kam überraschend.  (…)
Ich zog meine Badehose aus und hängte sie an einem Ast in Blickhöhe. Eine Weile geschah nichts. Die Erde war kühl unterm Hintern. Im Hintergrund plätscherte das Stimmengewirr der Grillgäste und das blecherne Gedudel aus dem Rekorder.
Plötzlich fasste sie sich an den Hinterkopf, zog ihr gelbes Haarband vom Pferdeschwanz, beugte sich vorne, griff beherzt zu und band mir eine große Schleife um meinen Pimmel.
Ich war beeindruckt. Ich hatte das Schleifenbinden noch nicht gelernt, weder im Kindergarten noch zu Hause, sie hingegen brauchte nur ein paar Handgriffe und das Ding saß. Das kleine Luder hatte Erfahrung.

Robert Seethaler, „Jetzt wirds ernst“, Kein & Aber Verlag, 2010.

Mit einem gelben Haarband am besten Stück in der Hecke hocken, eine liebestolle Pubertiererin, die sich im eigenen Hintern verbeißt oder Hormonschübe beim Anblick chevrolet-farbener Zehennägel: Es ist für einen Jungen wahrlich nicht einfach, ein Mann zu werden. Zumal der junge Held in Robert Seethalers Roman mit mehreren Handicaps geschlagen ist: Sensibel, eigenbrötlerisch, leicht tolpatschig und unbeholfen. Der Weg zum Erwachsenwerden ist zudem mit harten Schlägen verbunden – dem Verlust der Mutter und die Erkenntnis, dass die heimlich Angebetete ausgerechnet dem best buddy zugeneigt ist.
Dabei ist jene Lotte (ja, Werther lässt grüßen) ausschlaggebend dafür, dass unser Held denn doch nicht im väterlichen Friseursalon in der Provinz endet, sondern auszieht, um Schauspieler zu werden. Zum Theater kommt er wie die Jungfrau zum Kinde – um Lotte nahe zu sein, meldet er sich für eine Schulaufführung von der „Möwe“. Einmal mit dem Theatervirus angesteckt, liest er sich durch die Weltliteratur und zieht schließlich aus, um die Bühnen der Welt zu erobern…

Mit „Jetzt wirds ernst“ hat Robert Seethaler bereits vor seinem großen Erfolg „Der Trafikant“ einen jungen Mann in den Mittelpunkt gestellt, der sich erst noch suchen und finden muss. Ein locker-fluffig zu lesender Roman, amüsant und voller skurriler Einfälle – da wird en passant ein Altenheim zertrümmert, eine Theateraufführung gesprengt und die Weltliteratur auf die Reihe gebracht:

Die Russen – eine einzige, deprimierende Hölle, aber auch zum Schreien komisch.
Die Amerikaner – genauso versoffen, liebeskrank und todeslustig wie die Russen.
Die Skandinavier- zittrige Seelen in der schneebedeckten Einöde.
Die Schweizer – akkurat, unbestechlich, etwas moralisierend.
Die Österreicher – durchgedreht, witzig, hasszerfressen.
Die Griechen – bei denen geht es richtig zur Sache.
Goethe – starker Dichter, doch vom Theater keine Ahnung
Schiller – alles sehr deutsch. Große Liebe. Große Helden. Großes Geschrei. Große Bürokratie.
Und dann kommt Shakespeare.

Mit Shakespeare wird es für den Nachwuchs-Theaterstar ernst – in der Begegnung mit dem Dramatiker kristallisiert sich das künftige Wohl und Wehe aus. Seethaler dagegen hat mit diesem Roman noch nicht so richtig ernst gemacht – er wirkt ein wenig wie die Vorübung auf den Trafikanten, leichter, natürlich auch mit weniger ernstem Hintergrund: Während der junge Held hier nur aus der Provinz entkommen muss, landet sein gleichalteriges Pendant im Trafikanten geradezu im „Reich des Bösen“, kommt im nationalsozialistischen Wien an und hat sich weitaus anderen Bewährungsproben zu stellen. Vieles, was den Trafikanten auszeichnet, ist jedoch in „Jetzt wirds ernst“ bereits zu finden: Die Mischung aus Skurrilität und Melancholie, Tag- und Nachtträumereien, die Einblick in das Innenleben der Helden geben, und eine große Wärme, mit denen Robert Seethaler seine Figuren umfängt.


Bild zum Download: Tonfiguren


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