Upton Sinclair: Boston

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Bild von David Mark auf Pixabay

„Mögen die Historiker Nachforschungen anstellen und die Psychologen grübeln und die Philosophen spekulieren und alle aus dem Fall machen, was immer sie können, doch der Prozess um Sacco und Vanzetti, dessen Echos wie die Druckwellen einer Explosionsserie um die Welt liefen und dafür sorgen sollten, dass in Buenos Aires und Genf die Fensterscheiben der amerikanischen Botschaften zu Bruch gingen und Pariser Taxifahrer den amerikanischen Ladys das Geld ins Gesicht warfen – dieser Cause célèbre nahm seinen Anfang in einem sogenannten Krinimaldetektor, der von einer dubiosen Halbweltfigur erfunden und von einer namenlosen Italienerin in East Boston befragt wurde.“

Upton Sinclair, „Boston“, OA 1928, in deutscher Übersetzung 2017 durch Viola Siegemund, Manesse Verlag, Zürich.

Eine Warnung vorneweg: Für einen Sprint ist dieser Roman nicht geeignet. Mehr für einen Marathon. Manchmal wird die Strecke etwas monoton, öfter auch kommt man auch an derselben Kreuzung vorbei. Und dennoch: Erreicht man das Ziel, ist man geschafft. Fix und fertig. Aber dennoch, rückblickend: Froh, dass man das Wagnis eingegangen ist.

Wenn sich der Schriftsteller und Aktivist Upton Sinclair (1878 – 1968) daran machte, einen Roman zu schreiben, dann fasste er sich selten kurz. Das 1928 erschienene halbdokumentarische Werk „Boston“ schlug jedoch selbst für seine Verhältnisse Längenrekorde: Auf beinahe 1000 Seiten schildert Sinclair  den Justizskandal um Sacco und Vanzetti, zwei italienische Einwanderer, die 1927 in den USA hingerichtet wurden. Die beiden Männer, Aktivisten der anarchistischen Arbeiterbewegung, wurden 1921 wegen der Beteiligung an einem Raubmord in Massachusetts vor Gericht gestellt. Trotz mangelnder Beweise, fragwürdiger Zeugenaussagen, fehlender Indizien und bestehender Alibis wurden Sacco & Vanzetti schuldig gesprochen und zum Tode auf dem elektrischen Stuhl verurteilt. Sieben Jahre lang kämpften Bürgerrechtler, politische Aktivisten,  Schriftsteller – darunter natürlich Upton Sinclair, aber beispielsweise auch John Dos Passos und Dorothy Parker – sowie etliche Rechtsanwälte um das Leben der beiden Männer. Vergeblich: Mehrere Revisionsanträge wurden unter fadenscheinigen Gründen abgewiesen, in mehreren Instanzen scheiterten die Anwälte vor allem an dem erzkonservativen Richter, der die Arbeiter schon vor dem Prozess vorverurteilt hatte. Ihre Hinrichtung bewegte Menschen in der ganzen Welt. Bis heute stehen die Namen Sacco & Vanzetti für politisch motivierten Justizmord.

„Das ist unsere Bestimmung und unser Triumph“, hatte Bart einst verkündet, und zugegeben, noch nie hatten „ein braver Schuhmacher und ein armer Fischhändler“ weltweit für so viel Aufregung gesorgt. Am Samstag, zwei Tage vor der Hinrichtung, wurde in Buenos Aires der Generalstreik ausgerufen; in Berlin fand ein Protestmarsch der Gewerkschaften statt sowie die erste Radikalenversammlung im ehemaligen Oberhaus des Königreichs Preußen; in London demonstrierten an die zehntausend Bürger vor der amerikanischen Botschaft; in Genf erging ein Aufruf, amerikanische Waren zu boykottieren; in Russland wurden in jeder größeren Stadt Massenkundgebungen abgehalten; und in Paris gingen hunderttausend Arbeiter auf die Straße, mit roten Fahnen und riesigen Schildern, auf denen das amerikanische Rechtssystem nicht gerade gut wegkam. (…) Nur in Massachusetts selbst herrschte Stille. Ganz Boston kauerte im Schatten der eisernen Ferse, und angesichts des drohenden Verlusts ihrer Rechte galt unter den Bürgern nur mehr eine einzige einfache Regel, die jeder verstand: Mach, was die Polizei sagt, und halt ansonsten den Mund.“

Der „zeithistorische Roman“ Sinclairs erschien also bereits ein Jahr nach dem Ende der beiden Anarchisten – sprachliche Finesse kann man hier, insbesondere da Sinclair von Haus aus kein herausragender Stilist war, nicht erwarten. Manches wirkt redundant, was allerdings bei der Fülle an Material wiederum nicht verwundert: Sinclair arbeitete in eine fiktive Rahmenhandlung (eine ältere Dame, eigentlich der oberen Klasse entstammend, befreit sich nach dem Tod ihres Ehemanns von der Familie, geht für ein Jahr in eine Fabrik, lernt dabei Vanzetti kennen und schätzen und, überzeugt von seiner Unschuld, mobilisiert sie eine siebenjährige Kampagne für seine Freisprechung) eine Vielzahl von Quellen, darunter Prozessakten, Zeitungsberichte, Texte von Sacco und Vanzetti und vieles mehr ein.

So ist „Boston“ eigentlich selbst ein „Augenzeugendokument“, wenn auch ein sehr voluminöses. Warum sich das Buch jedoch auch heute noch, trotz seiner Längen, zu lesen lohnt: Über den Fall „Sacco & Vanzetti“ hinaus, legt Upton Sinclair, die Strukturen einer verfilzten Gesellschaft frei, die sich – mit aller Gewalt – behaupten will.
Sinclair, insbesondere in den Jahren zwischen den Weltkriegen vor allem ein in Europa einer der am meist gelesenen Autoren, entblößt das ganze Machtgefüge, entblättert die politischen Intrigen, die Interessenspolitik und Verstrickungen von Kapital, Politik und Medien in Boston, die zwangsläufig zum Tod von Sacco & Vanzetti führen mussten. In der angespannten Stimmungslage nach dem Ersten Weltkrieg benötigten die Industriellen in den USA – auch mit ängstlichem Blick auf die politischen Erschütterungen in der „Alten Welt“ – ein Feindbild, um vor allem die aufbegehrende Arbeiterschaft in Schach zu halten. Sacco und Vanzetti wurden für eine Tat verurteilt, die sie (höchstwahrscheinlich) nicht begangen hatten. Aber sie waren Anarchisten und sie waren Einwanderer – das genügte. Ihre Verurteilung fiel in eine Zeit, als in den USA die „Rote Angst“ bewusst geschürt wurde.

Vieles von dem, was Sinclair in seinem umfangreichen Roman beschreibt, erinnert an spätere und aktuelle Episoden der amerikanischen Geschichte: Die politische Hysterie, die Vermischung von politischen und geschäftlichen Interessen, die Dominanz des Kapitals. Maike Albath besprach den Roman nun anlässlich der Neuübersetzung im Deutschlandfunk:

„Boston“ bietet eine erschütternd aktuelle Schilderung kapitalistischer Verrohung und zeigt auf, mit welchen Mitteln herrschendes Recht gebeugt werden kann. Die Neuübersetzung orientiert sich vor allem in der vielschichtigen Figurenrede stärker am Original. Eine Wiederentdeckung, die es in sich hat.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Verlagsangaben zum Buch:
https://www.randomhouse.de/Buch/Boston/Upton-Sinclair/Manesse/e456802.rhd

Die Buchvorstellung in Deutschlandradio Kultur:
http://www.deutschlandfunkkultur.de/upton-sinclair-boston-diese-wiederentdeckung-hat-es-in-sich.950.de.html?dram:article_id=388891

Und ein recht umfangreicher und inhaltlich stimmiger Artikel zu Sacco und Vanzetti bei Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Sacco_und_Vanzetti

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John O`Hara: Begegnung in Samarra

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Solche Tage müßte es öfter geben, dachte er. Ohne den Kopf dabei zu drehen, schob er sich langsam in eine halb liegende, halb sitzende Stellung und griff nach der Schachtel Lucky Strike auf dem Tischbett zwischen seinem und Carolines Bett. Dabei blickte er in die Richtung von Carolines Bett. Konnte das wahr sein? Er sah noch einmal hin. Und er hatte sich nicht geirrt: Caroline hatte nicht in ihrem Bett geschlafen. In diesem Moment kam alles wieder in ihm hoch wie mit einem furchtbaren, alles erbeben lassenden Geräusch, als stünde er zu dicht vor einer großen Glocke, die plötzlich, ohne Vorwarnung, angeschlagen wurde. Seine Finger und sein Mund steckten eine Zigarette an; sie wußten, wie das geht. Er dachte gar nicht an eine Zigarette, denn mit dem Glockenlärm kamen die Katerstimmung und die Reue. Er brauchte einen Moment, aber schließlich erinnerte er sich an das Schlimmste, was er je getan hatte, und es war wahrscheinlich schlimm. Er erinnerte sich, Harry Reilly einen Drink ins Gesicht gekippt zu haben, mitten in sein feistes, billiges, ekelhaftes, irisches Gesicht. Und jetzt war also Weihnachten und Frieden auf Erden.“

John O`Hara, „Begegnung in Samarra“, 1934

Dieser Roman atmet das Amerika der goldenen 1920er und der 1930er-Jahre, als die USA aus ihrem goldenen Traum, von der Weltwirtschaftskrise gebeutelt, erwachten. Er ist lakonisch in Hemingwayscher Manier, bietet die Eleganz und Subtilität eines F. Scott Fitzgerald, den Zynismus einer Dorothy Parker (die den jungen Autoren maßgeblich förderte). Er ist ein Abbild der Hangover-Generation – jene, die noch an all dem festhielt, was sie schon längst verloren hatte.

Das Buch umfasst nur einige wenige Tage an Weihnachten 1930 – genügend, um Abstieg und Fall eines seiner Protagonisten, das Erwachsenwerden und die Desillusionierung einer Frau sowie das Scheitern einer Gangsterkarriere unterzubringen. Julian English (der Name steht für das etablierte, weiße Bürgertum in den USA, den „weißen Adel“) beginnt die Weihnachtstage mit einem Skandal: In einem der gehobenen Clubs der fiktiven Stadt Gibbsville kippt er, aus einem Impuls heraus, dem Iren Harry Reilly einen Drink in das Gesicht. Es ist eine Geste des Überdrusses, der Langeweile, der Lebensunlust – eine Geste mit Folgen.

Angewidert von seinem Leben, das vor allem aus Trinkgelagen in diversen Clubs und Kneipen besteht, abgelehnt von seinem dominanten Vater, nirgends dazugehörend. Materiell und vom öffentlichen Status her gehört dieser Antiheld nicht zu den Underdogs, mit denen er in seiner Kindheit wilde Bandenspiele trieb, und auch nicht zu den Gangstern, die in Zeiten der Prohibition die Stadt beherrschen. Innerlich fühlt er sich jedoch ebenso wenig zu den oberen „Zehn“(tausend beherbergt eine mittlere Gemeinde nicht) zugehörig. Das Leben des Julian English ist im Grunde eine leere Hülle und eine anstrengende, alle Energie kostende Farce. English ist zugleich weltfremd und lebensuntüchtig, hoffnungslos dem Alkohol verfallen. Die Weihnachtstage 1930 bringen kein letztes Aufbäumen, keinen Überlebenswillen, keine Entscheidung, das Leben zu einem Besseren zu wenden. Sie gleichen vielmehr dem Bild vom Kessel, der unter zu großem inneren Druck platzt – der ausgeschüttete Drink, die Debatten mit seiner Frau, die nachfolgenden Prügeleien und manische Autofahrten, sie pflastern den Weg zum letalen Ende.

Einzig die Ehe mit Caroline hält Julian English noch am Laufen – doch am Ende dieser Tage ist sie, die den Absturz mit ihm fast bis zum bitteren Ende aus Liebe (die O`Hara nicht erklärt, sondern subtil herausschält aus der Entwicklungsgeschichte Carolines heraus, aus deren Vorgeschichte und Liebeleien zu Männern vor ihrer Ehe mit Julian) teilt, müde. Sie zieht sich zurück, verlässt ihn, aus Zorn und Hilflosigkeit.

John Updike schreibt in seinem Nachwort zu diesem Roman:

„Bevor sich jedoch Caroline in einem letzten, lautstarken Streit voller Sarkasmen und verklausulierter Hilferufe von ihm entfremdet, teilt sie Julians furchtbaren, plötzlichen Absturz, und eine Reihe intimer Begegnungen zeigt die Zärtlichkeit, die hier verschleudert wird.“

Am Ende allein, gebrochen, zerstört, mischt sich Julian English einen letzten, überdimensionierten Monsterdrink in einer Blumenvase, torkelt durch sein Haus, setzt sich in die Garage und seinem Leben mit Auspuffgasen ein Ende. Obwohl John O` Hara sprachlich vor allem die letzten Seiten des Buches nüchtern bis kühl konzipiert hat, bleibt nach dem Ende des Romans ein mehr als großer Hauch von Melancholie und Trauer um diesen lebensuntüchtigen, aber dennoch charmanten Antihelden zurück. Manche Menschen, dies scheint der Roman zu vermitteln, sind in ihrer Unentschlossenheit und Weichheit nicht für das Leben gemacht. Was English hätte retten können? Eine schwierige Frage Die Antwort wohl ebenso simpel wie komplex: Im Grunde nur er selbst.

John O`Hara (1905 – 1970) wußte wohl nur zu gut, wovon er in seinem Debütroman, der auf Anhieb zum Erfolg wurde, erzählte: Stammte er doch selbst aus einer Kleinstadt, litt selbst unter seiner Trunksucht, die ihn, den Journalisten, immer wieder zu Streitigkeiten und Zerwürfnissen mit seinen Auftraggebern führte. Die Romanstadt Gibbsville ist eine satirische Beschreibung seiner eigener Herkunft aus einer amerikanischen Kleinstadt, in der Engstirnigkeit, Bigotterie, Antisemitismus und Rassismus zum Alltag gehörten. Ein Freund schrieb O`Hara von der „Verbitterung, die du gegen all diese verklüngelten Arschlöcher hegen mußt“: Im Gegensatz zu seinem Romanhelden Julian English schrieb sich John O`Hara den Weg aus diesem Milieu jedoch frei.

Hans-Peter Kunisch meinte, als der Roman 2007 in deutscher Sprache wiederaufgelegt wurde, in der Zeit:

„Wichtig ist das Unerklärbare an dieser Tat (der verschüttete Drink, Anm. von SätzeundSchätze), einer Verwandten des »acte gratuit« . In Camus’ Der Fremde wird der Schuss des von der Sonne geblendeten Meursault auf einen Araber ein paar Jahre später geradezu klassisch. Gemeinsamer Hintergrund ist die Faszination, in den Zeiten der aufkommenden Alleserklärerin Psychoanalyse noch einmal das Unberechenbare menschlicher Existenz auszuloten. Jedes »wahnsinnige« Ausscheren bewahrt bei O’Hara seinen uneinholbaren Rest. Eindeutig ist, dass Julian Englishs ganze Existenz gegen die Enge der Kleinstadt Gibbsville rebelliert, doch warum hat er mit seiner hübschen Frau, den schönen Autos, der ordentlichen Herkunft bisher so gut in den Filz gepasst?

O’Hara wusste, wovon er sprach. Gibbsville ist Pottsville/Pennsylvania, wo er aufwuchs, nachgebildet. Was bei Erscheinen keine Einzelklage zur Folge hatte, sondern kollektive Pottsville-Wut. Jahrelang mied O’Hara seine Heimatstadt. Aber das hatte er sich gewünscht: ein Buch, das alle Brücken in Flammen aufgehen lässt, das ihn endlich rauskatapultieren soll aus der Kleinstadt.“

Die „Time“ zählte „Begegnung in Samarra“ zu den 100 bedeutendsten Romanen der englischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Leider konnte O`Hara in seinen nachfolgenden Büchern dieses Niveau nicht mehr ganz erreichen. Und leider blieb er, trotz der Neuauflage zweier seiner Bücher (neben Samarra auch „Butterfield 8“, beide erschienen bei C.H. Beck und als dtv-Taschenbuch), auch hierzulande im Vergleich zu anderen Autoren seines Niveaus (beispielsweise die etwas jüngeren Schriftsteller Cheever und Yates) eher unbekannt. Was, nicht zuletzt auch angesichts der hervorragenden Übersetzungen durch Klaus Modick, zu bedauern ist.

Der Titel des Romans „Begegnung in Samarra“ stammt von einer arabischen Legende, die William Somerset Maugham erzählerisch verdichtete.

William Somerset Maugham, „The Appointement in Samarra“ (1933):

Death speaks:
There was a merchant in Baghdad who sent his servant to market to buy provisions and in a little while the servant came back, white and trembling, and said, Master, just now when I was in the market-place I was jostled by a woman in the crowd and when I turned I saw it was Death that jostled me. She looked at me and made a threatening gesture; now, lend me your horse, and I will ride away from this city and avoid my fate. I will go to Samarra and there death will not find me. The merchant lent him his horse, and the servant mounted it, and he dug his spurs in its flanks and as fast as the horse could gallop he went.
Then the merchant went down to the marketplace and he saw me standing in the crowd and he came to me and said, Why did you make a threatening gesture to my servant when you saw him this morning? That was not a threatening gesture, I said, it was only a start of surprise. I was astonished to see him in Bagdad, for I had an appointment with him tonight in Samarra.

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