Annelies Verbeke: Dreissig Tage

„Immer aufgekratzter wird er von den Hügeln, den Kurven. Der Hopfen ist geerntet. Dankbarkeit fühlt er, weil die weite Landschaft in den vergangenen Monaten nicht aufgehört hat, ihn zu umarmen.“

Annelies Verbeke, „Dreissig Tage“, Residenz Verlag.

Die Landschaft wird ihn umarmen, die Menschen jedoch nicht – so viel darf gesagt sein, zumal schon der Klappentext verrät, dass dieser Roman auf trauriges Ende zusteuert. Er, das ist Alphonse, ein 40-jähriger Musiker, der der Stadt den Rücken gekehrt hat. Mit seiner wesentlich jüngeren Partnerin Kat ist er von Brüssel aufs Dorf gezogen, will in der Ruhe der flämischen Landschaft selbst zur Ruhe kommen. Er verdingt sich als Handwerker, hilft, wo er kann, hört die Geschichten der Häuser, in die er für Reparaturarbeiten kommt und die ihrer Bewohner, leiht ihnen sein Ohr und seine Zeit, bleibt aber innerlich immer unabhängig.

Einer, der da sein kann und will für andere und doch für sich ist. Doch nicht diese Lebensart, diese innere Freiheit, die jene besonders stört, die nicht zu ihr fähig sind, wird ihm zum Verhängnis. Sondern schlicht und einfach seine Hautfarbe: Denn Alphonse ist gebürtiger Senegalese.

„Dreissig Tage“ reiht sich ein in eine Reihe von Romanen der jüngeren Zeit – erinnert sei nur an die Bücher von Dörte Hansen oder aber auch „Unterleuten“ von Juli Zeh – die das Land zur eigentlichen Hauptfigur machen. Bei der belgisch-flämischen Autorin Annelies Verbeke ist es das bereits von Jacques Brel so kongenial besungene Flandernland, „mijn vlakke land“, das hier den Rahmen gibt für eine Dorfgeschichte mit einem besonderen Aspekt: Heimatsuche trifft auf Herzensenge, Migration und Xenophobie stoßen aufeinander.

Zunächst erscheint aber alles heiter und fröhlich, es scheint gut zu laufen für den Handwerker Alphonse, den man beim Lesen mehr und mehr ins Herz schließt, auch weil man die Ecken und Kanten seines Charakters kennenlernt. Alphonse entwickelt sich fast zu einem Seelsorger: Er streicht die Wände, während die Bewohner um ihn herum streichen, sich mehr und mehr öffnen und schließlich ihre Geschichten auspacken. Dass die scheinbar heile Fassade des Dorfes gewaltige Risse hat, dass sich hier die Menschen genauso belügen und betrügen wie jener in der Stadt, das ist Alphonse durchaus bewusst – aber es ist eben das Land, das Leben hier, das seine Seele beruhigt, auch in Momenten innerhäuslicher Zwistigkeiten. Und vor allem liebt er die Menschen in ihren reparaturbedürftigen Häusern.

„Er mag alte Häuser, besonders diese kleinen, schon etwas aus der Form geratenen, mit ihren Handtuchgärten voller Kitsch und Naturpracht, jede Sonnenuhr so blank geputzt, jeder Kelch so liebevoll gehegt, dass selbst der zynischste Wächter des guten Geschmacks davon ergriffen sein muss. Die Pflege, die diese Frau ihrem Gärtchen angedeihen lässt, rührt Alphonse.“

Alphonse wird dem Leser zum Freund

Annelies Verbeke vermag es, einem Land und Leute näher zu bringen, vor allem aber den Charakter Alphonse mit so viel Leben zu erfüllen, dass man ihn gerne durch diese dreissig Tage seines Lebens begleitet – so wie man einem Freund lächelnd gerne beim Arbeiten, Schlafen, Essen, Tanzen und Musizieren zusieht. Sie erzählt in einer zurückhaltenden, ruhigen, poetisch-anschaulichen Sprache und vermag zugleich doch, eine gewisse Spannung aufzubauen, den Leser ahnen zu lassen, dass dies noch alles bitter enden wird.

„Wie kann es sein, dass er sich mit vierzig noch durch ein paar Monate Wohlbefinden und innerer Harmonie in die Irre führen lässt? Insgeheim hatte er angefangen, an eine autobiografische Erfolgsgeschichte zu glauben. Ein Licht, das in ihm leuchtete. Fundamentales Wohlbefinden. Würde er einem bestimmten Glauben anhängen, käme er zu der Überzeugung, er werde nunmehr gestraft für die Art und Weise, in der er in letzter Zeit sein persönliches Glück gehegt und gepflegt hat.“

Dennoch kommt dieses Ende beinahe abrupt, bricht mit unmittelbarer Grausamkeit in dieses Menschenleben ein – etwas, was irritierend wirken mag auf den ersten Blick, was aber, mit etwas Abstand zur Lektüre, umso logischer erscheint: Der Hass gegen andere, das ist oftmals ein Feuer, das lange vor sich herzüngelt und dann explosionsartig aufflammt.

„Dreissig Tage“ ist ein gut zu lesender Roman, der einen zudem auch über kürzer oder länger als 30 Tage nach Flandern entführt. Auch Constanze Matthes bei Zeichen & Zeiten hat dem Buch eine positive Besprechung gewidmet.

Mehr Information zum Buch:

Annelies Verbeke
Dreissig Tage
Residenz Verlag 2018
Übersetzt von Andreas Gressmann
Hardcover, 314 Seiten, 22,00 Euro
ISBN: 9783701716975


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Dörte Hansen: Mittagsstunde

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Bild von Frauke Feind auf Pixabay

„Der große Büffelschädel, der neuerdings an einer Wand des Brinkebüller Tanzsaals hing, gab Gasthof Feddersen ästhetisch endgültig den Rest. Am rechten Horn des Schädels hing ein Spinnennetz, und Ingwer war schon drauf und dran, das Staubtuch und die Trittleiter zu holen, um es wegzumachen. Putzperle Feddersen! Er pfiff sich gerade noch zurück. Ein Staubtuch hätte sowieso nichts mehr genützt, es konnte nicht mehr schlimmer werden. Die Hässlichkeit des Raumes hatte ihre maximale Sättigung erreicht, es kaum auf ein paar Spinnennetze nicht mehr an.“

Dörte Hansen, „Mittagsstunde“.

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich, wie viele andere auch, „Altes Land“, das Debüt von Dörte Hansen, mit Begeisterung gelesen. Es brauchte allerdings keine maximale Anstrengung dafür, es war neu, frisch, unaufgeregt geschrieben und für eine Bayerin mit wenig Kenntnis des hohen Nordens beinahe schon exotisch. Hängen geblieben ist allerdings nicht viel. Es ging irgendwie um Norddeutschland, ums Dorf, die Invasion der Städter, die Verstrickungen und Verirrungen der Dorfleute um- und miteinander. Und nun „Mittagsstunde“: Nach der maximalen Unterhaltung durch die knorrigen Typen im alten Land ein neuer nördlicher Ausflug, geprägt allerdings von minimaler Anstrengung. Wieder was mit Norden, Dorf, Städtern, Verstrickungen. Beim Lesen jedoch mein Ankämpfen gegen minimale Müdigkeit. Und einen minimalen Ärger.

Als ärgerlich empfinde ich es, dass in nicht wenigen Rezensionen zu diesem Buch herausgehoben wird, es vermeide Klischees. Für mich wurde jedoch dieses ganze fiktive Brinkebüll beim Lesen zu einem einzigen Klischee: Angefangen vom stets alkoholisierten Junggesellen, Dauergast im Gasthof Feddersen, über den stocksteifen Lehrer bis hin zu all den ganzen anderen entweder knorrigen oder aber „halfbackenen“ Typen, die dieses Buch bevölkern. Das Dorf, Keimzelle des Originellen, Absonderlichen. Und dabei alle „genügsam wie ein Torfmoos“. Ich warte nun auf ein Pendant aus dem Bayerischen, aus Adelschlag etwa oder Etzelwang, das könnte „Abendmesse“ lauten und wäre bevölkert mit irgendwie grantigen, derben, vor allem aber knorrigen Typen.

Ja, ich weiß: Normalität, das Alltägliche, der Allerweltsmensch, das eignet sich für das romanhafte Erzählen für die meisten Schriftsteller nicht. Und obgleich das Buch eine eigentlich ganz alltägliche Geschichte – ein nicht mehr ganz junger Mann kehrt inmitten einer Selbstfindungskrise in das Dorf seiner Kindheit zurück – erzählt, und obwohl Dörte Hansen dies irgendwie „norddeutsch“-unaufgeregt erzählt, wie dieser nicht mehr ganz junge Mann seine gebrechlichen Großeltern pflegt und dabei die Familiengeschichte aufgeblättert wird, ja obgleich, obwohl – das Ganze ist mir etwas zu angestrengt „aufgepeppt“ durch knorrige Typen und bleibt denn doch irgendwie im Vagen, Ungefähren. So unentschlossen wie sein Protagonist Ingwer (das bleibt vom Buch beim Kochen nun zumindest hängen, dass einer so heißen kann), so offen wie sein Ende.

Bleiben die Charaktere (vielleicht einfach auch zu viel davon) irgendwie diffus, manche zwar, wie Lehrer Steensen etwas tiefer auserzählt, etliche jedoch einfach zu sehr „Typ“ mit Nebenauftritt, so mangelt es mir an der Geschichte an sich auch an Tiefe. Es wirkt so unfertig und ein wenig dröge wie sein Held Ingwer.

Es ist die Sprache von Dörte Hansen, die über manches hinwegträgt. Aber auch da findet sich in diesem Roman ein wenig zu viel des Guten: Es scheint mir fast, als wäre die Autorin in einen Beschreibungsrausch gefallen. Das alte Dorf ist niemals nur eng, sondern es gibt das  „ganze Enge, Schiefe und Beschränkte“, es ist nicht am Verschwinden, sondern es wird „ausradiert, berichtigt und begradigt“, man sitzt in „Kellern, Gruften oder Höhlen“, man plaudert, schludert, tratscht, man fühlt ein Brennen, Schuld und Scham, es geht zu wie Kraut und Rüben, großes Kuddelmuddel. Heilige Dreiwortigkeit. Es erschien mir fast, als habe die Autorin ihrer eigenen Sprachkraft nicht mehr über den Weg getraut. Dabei kann sie Bilder zeichnen von großer Einprägsamkeit, in Sätzen, die auf die Aufzählungsversicherung verzichten können:

„An den Koppelrändern standen Kühe mit gesenkten Köpfen wie Melancholiker an Bahnsteigkanten, sie suchten unter den Büschen Schutz und starrten kauend auf die durchgeweichten Felder, die Hufe tief im nassen Grund. Sie stellten sich beim Melken an, als würden sie belästigt.“

Informationen zum Buch:
Dörte Hansen
Mittagsstunde
Penguin Verlag, 2018
Hardcover mit Schutzumschlag, 320 Seiten
22,00 Euro
ISBN: 978-3-328-60003-9

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LITERARISCHE ORTE: Katherine Mansfield in einer deutschen Pension

„Es war zehn Uhr vormittags, ein grauer Tag, der vom flüchtigen Aufflackern blassen Sonnenscheins seltsam aufgehellt wurde. Sooft die jähe Helligkeit in ihr Zimmer drang, sah es unaufgeräumt und verschmutzt aus. Sie zog die Markisen herunter – doch dadurch entstand eine anhaltende, weißliche Helle, die ebenso schlimm war. Das einzige, was in diesem Zimmer lebte, war ein Glas mit Hyazinthen, das ihr die Tochter der Vermieterin geschenkt hatte; es stand auf dem Tisch und verströmte aus plumpen Blütenkolben einen kränklichen Duft; sogar dicke Knospen entfalteten sich und die Blätter glänzten wie Öl.“

Katherine Mansfield, „Der Pendelschlag“ aus der Erzählsammlung „In einer deutschen Pension“.

9,80 Euro und eine Stunde Zugfahrt. Schon bin ich von Augsburg in Bad Wörishofen. Oft zieht es mich jedoch nicht dahin, aus eigenem Antrieb niemals. Zu eng gepresst, zu inhomogen erscheint mir der Ort mit seinem auf wenigen Quadratmetern zusammengebauten Hotels, Pensionen, Gästehäusern. Dazwischen, in moderner Glasoptik, ein Unterwäsche-Outlet, Spielhallen, Sportstätten. Die Therme, ein riesiges Ding, auf der grünen Wiese, auf der anderen Seite die Autobahnausfahrt mit Erlebnispark und Fast Food-Restaurants. Der Kurgast will unterhalten werden.

Die Fußgängerzone, in fünf Minuten durchlaufen, katapultiert einen zwischen „Schuh-Boutique“ und „Blusen-Paradies“ in die 1970er-Jahre. Die Auslagen der Geschäfte sind auf den Geschmack der Kurgäste ausgerichtet. Die Pudeldichte ist hier außerordentlich hoch. Bei meiner Spurensuche meine ich sogar der lebensklugen und dem Likör zugeneigten Tante aus der „Zürcher Verlobung“ (die Lilo Pulver damals riet, nur nicht den stocksteifen Paul Hubschmied zu ehelichen) zu begegnen, lila Haare, lila Königspudel. Gott, jetzt bin ich gedanklich schon in den 1950er-Jahren gelandet …

Wie aus der Zeit gefallen

Ich fühle mich wie aus der Zeit geworfen. Und stelle mir vor, wie es der erst 20-jährigen Katherine Mansfield ergangen sein muss, als ihre Mutter sie in den Kneippkurort verfrachtete. 1909 war das: Ein Jahr zuvor war Katherine dem strengen Regiment der Mutter nach Europa entkommen. Im fünften Monat schwanger, eine Kürzest-Ehe hinter sich – sie hatte ihren Gesangslehrer, der nicht Vater ihres Kindes war, geheiratet und noch in der Hochzeitsnacht verlassen – und mit einer Frau zusammenlebend: Binnen Monaten war sie zum dunkelschwarzen Schaf der Familie geworden.

In Bad Wörishofen, das durch den Pfarrer und Naturheilkundler Sebastian Kneipp populär geworden war, soll die junge Frau sich weniger dem Wassertreten widmen, sondern dort möglichst unauffällig entbinden und das Kind dann zur Adoption freigeben.

„Annie Beauchamp begleitete ihre Tochter im Mai 1909 ins bayerische Wörishofen und überlässt sie dort ihrem Schicksal. Die Familie überweist ihr zwei Pfund pro Monat, was angesichts der finanziellen Verhältnisse der Beauchamps einer Enterbung gleichkommt“, schreibt Verena Auffermann in ihrem Portrait der Schriftstellerin in dem Sammelband „Leidenschaften – 99 Autorinnen der Weltliteratur“.

Allein in der bayerischen Provinz

Katherine – die sich beim Eintrag in das Gästebuch des Hotels, in dem sie zuerst untergebracht wird – als Schriftstellerin verewigt, soll ihre Mutter nie wieder sehen. Und das Kind wird nie das Licht der Welt erblicken: Die Fama geht, sie habe in der Pension Müller, in der sie untergebracht war, beim Heben ihres Koffers eine Fehlgeburt erlitten.

„Ob die Geschichte mit dem Koffer stimmt oder ob diese Fehlgeburt in Wahrheit nicht ein Abbruch war, weiß niemand“, so Dörte Hansen in ihrem Nachwort zu „Fliegen, Tanzen, Wirbeln, Beben“. „Alles, was sie zwischen ihrer Rückkehr nach London 1909 und dem Jahr 1914 erlebt, bleibt obskur, weil Katherine Mansfield, die penible Redakteurin ihres Lebens, sämtliche Notizen aus dieser Zeit vernichtet.“

Es sind ihre „Jammertagebücher“: Und was sie insbesondere in jenem halben Jahr in der bayerischen Provinz zu jammern hatte, das erschließt sich heute allenfalls aus ihrem Werk. Möchte man eine Ahnung davon haben, wie es der jungen Frau in dieser fremden, engen Welt tatsächlich erging, muss man in ihren ersten veröffentlichten Erzählungen auf Spurensuche gehen. Verena Auffermann:

„Katherine Mansfield (…) sieht sich in der fremden Umgebung um und entdeckt eine verrückte, kränkelnde Gesellschaft, eitel, hochgestochen, wehleidig. Und sie erkennt, dass sich ihr eigener Schmerz und ihre Trauer um das ungeborene Kind am besten mit der Beobachtung anderer betäuben lassen. Sie schreibt auf, was ringsum an den Tischen, auf den Parkbänken und beim Luftbad auf fetten bayerischen Wiesen zu sehen und zu hören ist.“

In einer deutschen Pension

Ihre Beobachtungen aus der Bad Wörishofer Zeit münden in einen Band mit 13 Erzählungen. „In a german pension“ erscheint 1911 und begründet den literarischen Ruhm Manfields. Die Stories sind eine Mischung aus satirischen Bildern und Milieustudien. Die deutschen Kurgäste werden überwiegend als selbstzufriedene Patrioten mit seltsamen Manieren („Stimmt es“, fragte die Witwe und stocherte, während sie sprach, mit einer Haarnadel in den Zähnen, „daß Sie Vegetarierin sind?“) und einem Hang zu üppigen Fleischgerichten mit Sauerkraut überzeichnet. Das Bild vom polternden „Mahlzeit!“-Deutschen mag im England der Vorkriegszeit mit zum Erfolg des Buches beigetragen haben. Die Stärken von Katherine Mansfield liegen jedoch in den subtileren Beobachtungen.

„Die Geschichten sind düster und allzu satirisch, journalistisch unterkühlt – sie selbst empfand sie später als unreif – aber die Familienbeziehungen, die sie dort in all ihrer Verlogenheit bloßstellt, sind doch scharf beobachtet“, so schreibt es Anthony McCarten in seinem Vorwort zu einer 2012 erschienen Gesamtausgabe aller 74 Erzählungen von Katherine Mansfield.

Sie, die „Meisterin der Nebenbemerkung“, wie Verena Auffermann ihren Essay übertitelt, stellt in diesen frühen Geschichten vor allem Frauen und Mädchen in den Mittelpunkt. Mein Favorit in der deutschen Pension ist „Frau Brechenmacher nimmt an einer Hochzeit teil“. Schon wie die vielfache Mutter sich in der Enge der eigenen Behausung, umlagert und gestört von den Kindern, in ihr Festtagsgewand zwängt, wie der Mann, ein Postbote, den ganzen Raum und die Aufmerksamkeit für sich in Anspruch nimmt – Frau Brechenmacher muss sich im dunklen Flur anziehen -, wie bei der Hochzeit die anwesenden Frauen die Braut durchhecheln, wie Frau Brechenmacher mehr und mehr von der Vorfreude auf das Fest in ein resigniertes Erkennen ihres eigenen Lebens gleitet, aber vor allem wie sie dann im Ehebett auf den betrunkenen Gatten wartet, schicksalsergeben – das alles ist so ergreifend, so scheinbar ohne Anstrengung, so nüchtern erzählt, dass schon hier die große Autorin, zu der Katherine Mansfield in ihrer kurzen Lebensspanne wird, erkennbar ist.

„s` ist immer gleich“, sagte sie. „Überall in der weiten Welt ist`s gleich – du lieber Gott – wie blöd!“
Dann verblaßte auch die Erinnerung an die Hochzeit. Sie sank aufs Bett, und wie ein Kind, das darauf gefaßt ist, daß man ihm weh tut, legte sie den Arm übers Gesicht – und Herr Brechenmacher kam hereingetaumelt.“

Das Leben der Frauen

Wer in den Geschichten aus der deutschen Pension nur die satirische Aufarbeitung einiger Monate in der bayerischen Provinz oder der eigenen traumatischen Erfahrungen mit der Schwangerschaft – in etlichen der Erzählungen spielen Geburtsvorgänge eine Rolle – sieht, der greift jedoch zu kurz. Bereits in diesen Stories ist ein Lebensthema der Katherine Mansfield angelegt: Das Leben der Frauen in den Zwängen und Verpflichtungen, die Ehe, Familie und Umwelt ihnen auferlegen, die Suche der Frau nach neuen Rollenmodellen. Skizziert ist dies im vermutlich autobiografischsten Text des Erzählbandes, in „Der Pendelschlag“. Eine angehende Schriftstellerin, die sich kurz ausmalt, wie es wäre, die Mätresse eines wohlhabenden Mannes zu sein – anstelle an einem ebenso armen Schriftstellers zu hängen, verbunden durch die gemeinsame Krankheitserfahrung:

„Wäre sie glücklich gewesen, als sie ihm das erstemal begegnete, hätte sie ihn überhaupt nicht angeschaut – aber sie waren ja wie zwei Patienten im gleichen Krankenhaussaal gewesen – jeder hatte Trost in der Krankheit des andern gesucht – eine reizende Grundlage für ein Liebesverhältnis!“

Mit dem Casimir aus der Erzählung mag der polnische Schriftsteller Floryan Sobienowski gemeint gewesen sein: Durch ihn lernte sie das Werk Anton Tschechows kennen, das sie ihr Leben lang verehrte, aber er steckte sie auch mit Gonorrhoe an, eine Krankheit, die sie, zusätzlich zu der 1917 diagnostizierten Tuberkulose, ein Leben lang beutelte.

Ein einschneidendes Erlebnis

So wurde der Aufenthalt in Bad Wörishofen (das in den Erzählungen übrigens niemals namentlich genannt wird, allenfalls ist von einem fiktiven „Mindelbau“, wohl in Namensanlehnung an den Nebenfluss der Donau die Rede) trotz seiner Kürze zu einem einschneidenden Erlebnis für Katherine Mansfield. Mit dem Kurort ist die ganze Tragik ihres Lebens verbunden – „Verstoß“ und Enterbung durch die Familie, Verlust des ungeborenen Kindes, eine einschränkende und belastende Erkrankung.

Auch die Erfahrung der Armut und Entbehrung, des Lebens in schäbigen Pensionszimmern, die Unbehaustheit und die Verletzlichkeit, die mit dem Gefühl einhergeht, eine „Fremde“ zu sein, all das wird sie bis zu ihrem Tod begleiten.

Während die Wörishofener Zeit tiefe Spuren in Katherine Mansfield hinterließ, ist es andersherum nicht ganz so bestellt: Zwar begegnet man allen Ecken und Enden dem Konterfei von Sebastian Kneipp, doch der Aufenthalt der Schriftstellerin wurde ist weniger sichtbar. Die „Pension Müller“ musste irgendwann weichen, entstanden ist dort eine moderne Wohnanlage – der „Wohnpark Mansfield“. Und zum 130. Geburtstag der Schriftstellerin wurde im weitläufigen Kurpark eine Gedenkstatue enthüllt: Mitten im Grün eine lesende Katherine Mansfield, ganz „Die fortschrittliche Dame“ (eine weitere Erzählung aus der deutschen Pension):

Am Rand des Feldes erhob sich ein mächtiger Nadelwald – einladend und kühl sah er aus. Ein weiterer Wegweiser bat uns, den markierten Weg nach Schlingen zu nehmen und Papier und Obstschalen in den zu diesem Zweck an den Bänken befestigten Drahtbehältern zu deponieren. Wir setzten uns auf die erste Bank, und Karl durchwühlte mit großem Interesse den Drahtbehälter.

„Ich liebe Wälder“, sagte die fortschrittliche Dame und lächelte gequält in die Luft. „In einem Wald scheint sich mein Haar zu regen und sich gleichsam an seinen wilden Ursprung zu erinnern.“

PS: Noch ein Wort zur Ehrenrettung des Kurortes. Nur fünf Minuten Fußweg und man entkommt dem engbebauten Städtchen, am Kneipp-Brunnen vorbei und befindet sich mitten in dem über 160.000 Quadratmeter großen Kurpark. Einmal beschaulich in die Gradier-Anlage, unter großem Quietschen im eisigen Wasser kneippen und dann über Katzenköpfe hinweg auf den Barfußpfad – ich glaube, das hätte auch einer Katherine Mansfield, die immer auch etwas Verspieltes, Kindliches in sich hatte, Freude gemacht…


Weiterführende Informationen:

Katherine Mansfield, „Sämtliche Erzählungen“, herausgegeben und aus dem Englischen von Elisabeth Schnack, Diogenes Verlag

Ein Portrait der Schriftstellerin im Deutschlandfunk

Verena Auffermann, Gunhild Kübler, Ursula März, Elke Schmitter: „Leidenschaften – 99 Autorinnen der Weltliteratur“, btb Taschenbuch

Hier geht es zum Kurpark Bad Wörishofen

Bild zum Download: Skulptur im Kurpark Bad Wörishofen


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Katherine Mansfield: Fliegen, tanzen, wirbeln, beben

„Im Herbstgarten fallen die Blätter. Wie Schritte, wie sanftes Wispern. Sie fliegen, tanzen, wirbeln, beben.“

Katherine Mansfield am 18. Oktober 1922

Als die neuseeländische Schriftstellerin dies schreibt, ist sie selbst, obwohl erst vier Tage zuvor 34 Jahre jung geworden, bereits im Herbst ihres Lebens. Es ist einer der letzten Tagebucheinträge. Wenige Monate später, am 9. Januar 1923, erleidet sie, die Meisterin der Kurzgeschichte, einen Blutsturz und stirbt. Ihr Leben: Selbst eine Kurzgeschichte, voller Dramen und Unglücksfälle, eine, die melancholisch, todkrank, unstet, irrlichternd durch die Welt zieht und dabei dennoch immer wieder das Leben und die Welt in den schönsten Farben und Worten feiert:

Erdbeeren und ein Segelschiff

„Wir saßen auf einem Felsen über dem offenen Meer. Der Kleinstadt kehrten wir den Rücken zu. Wir hatten beide ein Körbchen voll Erdbeeren. Eben hatten wir sie einer dunklen Frau mit wachen Augen – beerenfündigen Augen – abgekauft.
„Sie sind frisch gepflückt“, sagte sie, „aus unserem eigenen Garten.“ Ihre Fingerspitzen waren hellrot gefärbt. Aber was für Erdbeeren! Jede war die schönste – die vollkommenen – der Inbegriff einer Erdbeere – die Frucht unserer Kindheit! Selbst die Luft fächelte auf Erdbeerflügeln herbei. Und tief unten in den Tümpeln badeten kleine Kinder mit Erdbeergesichtern…
Über das blaue, wogende Wasser nahte sich ein dreimastiges Segelschiff – mit neun, zehn, elf Segeln. Von wundersamer Pracht! Es ritt über das Meer, als tränke jedes Segel reichlich Sonne und Licht.“

Was für eine Ausdruckskraft, was für eine Sprache! Katherine Mansfield schrieb so eigenartig glasklar über die Welt, wie sie ist, manchmal auch satirisch überspitzt, manchmal gnadenlos realistisch und dennoch scheint über dieser und anderen Szenen ein magischer Erdbeermond. Die kleine Vignette von einem Tag an der Küste ist Teil des Bandes „Fliegen, tanzen, wirbeln, beben“, der aktuell zu ihrem 130. Geburtstag beim Manesse Verlag erschien.

Nachwort von Dörte Hansen

Es ist, wie die Schriftstellerin Dörte Hansen im Nachwort zu diesem auch optisch sehr ansprechenden Buch schreibt:

„Man braucht von Katherine Mansfields Leben nichts zu wissen, um ihre Kurzgeschichten zu bewundern. Sie strahlen, schweben, glänzen von allein, sie sind auf biografische Erklärungen nicht angewiesen. Und doch beginnt man nach dem Lesen ihrer Tagebücher, Briefe und Notizen ganz von vorn, liest die Erzählungen noch einmal neu und folgt gebannt den Spuren dieser Frau, die jahrelang von einer trostlosen Behausung in die nächste zog, wo sie dann wieder krank, gehetzt und einsam um ihr Leben schrieb.“

Neugierig auf das Werk dieser Ausnahmeerscheinung zu machen, dies war Absicht von Herausgeber Horst Lauinger, der aus der großen Hinterlassenschaft für dieses Buch Tagebucheinträge, Notizen und Briefe in chronologischer Reihenfolge zusammenstellte, die sich – als „Vignetten eines Frauenlebens von 1903 – 1922“ – zu einem eindrücklichen Portrait zusammenfügen: Da ist eine, die gleichermaßen aus vollem Herzen liebt und verabscheut, die sich nach Freiheit sehnt und zugleich nach Zugehörigkeit, die mit ihrem kranken Körper hadert und dennoch die Schönheit des Augenblicks auskosten kann, die mit sich selbst streng zu Gericht geht und nicht weniger ätzend über ihre Mitmenschen urteilt, die aber vor allem eines tut – ihr ganzes Leben ordnet sie dem Schreiben unter. Das Leben, eine einzige, lange Erzählung.

Es ist berührend zu lesen, wie sie in ihren letzten Lebensjahren geradezu um Lebenszeit bettelt, Lebenszeit, um schreiben zu können, wie sie mit sich selbst hadert, wenn es nicht gelingt. Am 13. November 1921 notiert sie in ihr Tagebuch:

„Vergeudete Zeit. Der alte Aufschrei – der erste und letzte Aufschrei – was zögerst du? Ach ja, warum? Mein glühendster Wunsch ist es doch, Schriftstellerin zu sein und ein stattliches Werk vorweisen zu können. Und das Werk ist doch da, und die Geschichten warten auf mich, werden müde, welken und verblassen, weil ich nicht kommen mag.“

Strahlende Prosa

Wer ihre schmale Hinterlassenschaft, von den spitzzüngigen ersten Worten aus einer deutschen Pension bis zum alles überstrahlenden Gartenfest kennt, der fragt sich, was da noch hätte kommen können, wäre ihr die Zeit geblieben, ob diese strahlende Prosa, die sogar Virginia Woolf in Schrecken und Eifersucht versetzt hatte, eines Tages auch in einen ebenso strahlenden Roman hätte münden können.

Andererseits bedingen sich bei ihr Krankheit – 1917 wurde bei ihr Tuberkulose diagnostiziert, zudem hatte sie sich vermutlich auch mit Gonorrhoe infisziert – und Wahrnehmungs- wie Ausdrucksfähigkeit gegenseitig. Ihr Landsmann Anthony McCarten meint über sie:

„Nach der Diagnose im Jahr 1917 sah sie Wunder, wohin sie auch schaute. Ihre Hingabe an das schiere Staunen, diese Offenbarungen fanden zunächst zögernd Eingang in ihr Werk, bald aber strömten sie. Die Krankheit, die Mansfield einem Alltag entrückte, den sie sich stets besser gewünscht hatte, führte sie in die Todeszone, einen sublimen Lebensraum, dessen Bewohner sich der Betrachtung der letzten Dinge widmen. Dort ist es den Glücklichsten vergönnt, die Welt mit einem Maß an Ehrfurcht wahrzunehmen, das nur der empfindet, der weiß, daß er sie bald verlassen wird.“

Glücklich jedoch in der üblichen Form war Katherine Mansfield wohl nie. Jedenfalls nicht zur Ruhe kommend. Auch wenn sie nach wechselnden Beziehungen 1918 eine feste Partnerschaft zu dem Kulturjournalisten John Middleton Murry eingeht, mit dem sie bis an ihr Lebensende verheiratet bleibt, so ist auch diese äußerliche Konstante von Wechselfällen gekennzeichnet, von Trennungen und sich wiederfinden, verraten ihre Tagebucheinträge, wie sehr sie zwischen Liebe und Sehnsucht nach Autonomie, nach Eigenständigkeit zerrissen ist.

So ermöglicht dieses Buch auch den Blick auf eine Frau, die nicht von ungefähr auch zu einer Ikone der Frauenbewegung wurde.

„Katherine Mansfield hat schon früh gewußt, daß sie eine anderes Leben wollte“, so Dörte Hansen. „Mit neunzehn schreibt sie eine Art feministisches Manifest in ihr Tagebuch:“

„Hier seien die paar Dinge genannt, die ich brauche – Macht, Reichtum und Freiheit. Es ist das hoffnungslos langweilige Dogma, Liebe sei das einzige auf der Welt, das man den Frauen von Generation zu Generation einbläute, welches uns so grausam behindert. Wir müssen diesen Fetisch loswerden – und dann, ja dann eröffnet sich die Möglichkeit von Freiheit und Glück.“

Wer diese Frau war, die Freiheit vor Glück setzte, davon gibt dieser Jubiläumsband mit einer gelungenen Auswahl ihrer autobiografischen Texte und ihrer Vorübungen für ihre Schreibwunder einen guten Einblick. Zudem trägt die Übersetzung von Irma Wehrli dazu bei, dieses Funkeln, das Strahlen, das Beben der Prosa von Katherine Mansfield auch in der deutschen Sprache seine Wirkung beibehält.


Informationen zum Buch: https://www.randomhouse.de/Buch/Fliegen-tanzen-wirbeln-beben/Katherine-Mansfield/Manesse/e546130.rhd

Titelbild zum Download: Skulptur in Bad Wörishofen


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