LITERARISCHE ORTE: Hans Sachs und die Szenen einer Ehe

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Hans-Sachs-Denkmal in Nürnberg. Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

Reichtum ist da ein selt’ner Gast,
wo man täglich schlemmt und praßt,
denn bei dem Saufaus trifft man eben
ein wüst‘ und ungeregelt‘ Leben,
draus bitt’re Armut auferwachs‘ –
das sagt von Nürnberg euch Hans Sachs.

Verehrt, vergessen, vereinnahmt: So könnte man das Leben und die Nachwirkung des Mannes, dessen Namen mit Nürnberg so eng verbunden ist, zusammenfassen. Hans Sachs (1494 – 1576) zählte zu den bekanntesten Dichtern des 16. Jahrhunderts und ist neben Albrecht Dürer (1471 – 1528) einer der beiden berühmten Söhne, die damals in der freien Reichsstadt lebten und wirkten.

Für Bürgerstädte wie Nürnberg und Augsburg war dies ein goldenes Zeitalter, sie waren „global player“, Handels- und Handwerksmetropolen. Von neuem Selbstbewusstsein und zunehmenden Wohlstand in Teilen des „dritten Standes“ zeugte auch die Zuwendung der Bürger zu den schönen Künsten. Die Kunst wurde freier und frei zugänglicher. So begannen sich im 15. Jahrhundert erstmals bürgerliche Dichter und Sänger zunftartig zusammenzuschließen, der Begriff „Meistersinger“ war geboren.

Hans Sachs, selber Sohn eines Schneidermeisters und sein Leben lang in seinem Beruf als Schuhmacher tätig, wurde – auch befördert durch den aufkommenden Buchdruck –  der berühmteste seiner Gattung. Neben 4000 sogenannten Meistergesängen werden ihm noch über 2000 weitere Werke unterschiedlichster Art zugeschrieben: Unter anderem sechs Prosawerke, in denen er, ein überzeugter Anhänger der Reformation, sich mit dieser Bewegung auseinandersetze, aber auch zahlreiche sogenannte „Fastnachtsspiele“, die als Stilmittel am Anfang eines bürgerlichen, weltlichen Theaters standen.

Seine Themen waren vielseitig, mal ernst, mal heiter, mal derb, mal philosophisch und lebensweise, alltagspraktisch oder einfach auch auf den richtigen Benimm ausgerichtet:

Ist wo ein Gast so unverschämt,
Vor der Herrschaft und anderen Gästen,
Daß er bei Tisch greift nach dem Besten,
Und sich der Schleckerbißlein fleißt,
Und dafür lahme Zoten reißt,
Dem höret man wohl zu und lacht,
Doch wird von jedem still gedacht:
O pfui! du unverschämte Sau!
Auch denkt im Hause Herr und Frau:
Der ist mit Unflat arg besessen,
Kann nichts als Saufen, nichts als Fressen,
Als wollt‘ es ihm entwischen immer;
Und lädt die Sau fortan dann nimmer.
Der Gäst gibts viel jenseits des Bachs
Und diesseits auch, so spricht Hans Sachs.

Aufgrund seiner Produktivität und seines Bekanntheitsgrades schon zu Lebzeiten wird Sachs oftmals als der erste bürgerliche Dichter bezeichnet. Auch wenn solche Aussagen mit Vorsicht zu genießen sind – unbestritten ist, dass Kunst und Literatur durch Menschen wie Hans Sachs und die entsprechenden Verbreitungsmittel immer mehr auch zur „Volkssache“ wurden. Nach seinem Tod jedoch wurde der Meistersinger aus Nürnberg, der bis auf wenige Wanderjahre als Geselle sein Leben dort verbrachte, nach und nach vergessen. Die Wiederentdeckung durch Goethe, die Würdigung seiner Prosawerke durch Lessing, vor allem aber Richard Wagners Oper brachten den Nürnberger wieder ins Bewusstsein.

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Beim Neuen Museum Nürnberg erinnern Schriftzüge an Hans Sachs, Dürer, Hegel und andere, die Kunst und Geistesleben der Stadt prägten.

Doch die Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten blieb leider auch nicht aus. In Wagners „Meistersinger von Nürnberg“ wird ein idealtypisches, germanisches Mittelalter gefeiert und Sachs als braver Handwerker und obrigkeitstreuer Bürger stilisiert- mit dieser Oper eröffnen die Nationalsozialisten während ihres Reichparteitages 1935 das umgestaltete Nürnberger Opernhaus. Das Bild vom braven, mutigen deutschem Mann ist jedoch ebenso einseitig wie die Überzeichnung des Dichters als radikaler und revolutionärer Autor, als spätmittelalterliches Vorbild für den Klassenkampf.

Wie Sachs diese Vereinnahmungen empfunden hätte? Schwer zu sagen. Seine Schriften stehen für ihn ein – sie zeigen, dass dahinter nicht nur ein einfacher Schuhmacher, sondern ein gebildeter Kopf und ein kluges Menschenherz steckten. So zieht er in „Summa all meiner gedicht vom 1514. jar an bis ins 1567. jar“ eine anrührende Lebensbilanz:

wie mir das auch nach meinem leben
mein gedicht werden zeugnus geben;
wan die ganz sum meiner gedicht
hab ich zu eim bschluß zugericht
in meinem alter, als ich war
gleich alt zwei und sibenzig jar,
zwei monat und etliche tag.
darbei man wol abnemen mag,
das der spruch von gedichten mein
gar wol mag mein valete sein,
weil mich das alter hart vexiert,
mich druckt, beschwert und carceriert,
das ich zu ru mich billich setz
und meine gedicht laß zuletz
dem gutherzign gemeinen mon,
mit gots hülf sich beßer darvon.

Vergessen ist sein Name heute zwar nicht mehr, aber gelesen wird er wohl nur von ganz wenigen: Dies liegt an einer Sprache und Dichtung, die durchaus etwas aus der Zeit gefallen ist. Die auch Mühe und Geduld erfordert – doch wer sich eine Zeit lang mit seinen Texten beschäftigt, wird mit weit mehr belohnt als nur sehr guten Kalendersprüchen.

Verliebt, verlobt, verheiratet: In seiner Heimatstadt Nürnberg findet man bei einem Bummel durch die Altstadt noch manchen Hinweis auf den Meistersinger. Nicht besonders attraktiv ist heutzutage der Hans-Sachs-Platz, in dessen Zentrum eine Statue von Johann Konrad Krausser seit 1874 an den Meistersinger erinnert. In unmittelbarer Nähe stand einst die Nürnberger Hauptsynagoge, die 1938 abgetragen wurde, weil sie laut Julius Streicher das „schöne deutsche Stadtbild erheblich störte.“  Dass die eigentlichen Störenfriede jedoch die Faschisten an der Macht und ihre Gefolgsleute waren, hatte insbesondere auch für Nürnberg bittere Folgen: Die „Stadt der Reichsparteitage“ und der Nürnberger Gesetze, sie wurde bei den Luftangriffen der Alliierten im Altstadtbereich fast vollständig zerstört, darunter auch das Wohnhaus des Dichters unweit des Platzes.

Heute ist ein weiterer Anlaufpunkt in Nürnberg nicht nur dem Dichter, sondern im Grunde auch seiner Ehefrau Kunigunde, mit der er 41 Jahre verheiratet gewesen war, gewidmet: Der 1984 aufgebaute Hans-Sachs-Brunnen, ein großer, ausladender Figurenbrunnen in der Nürnberger Fußgängerzone. Er zeigt die Szenen einer Ehe nach dem Gedicht „Das bittersüße eh’lich‘ Leben.“: Vom reinsten Glück der Verliebten zur handfesten Beziehungskrise bis hin zum Abschiednehmen im Alter. Übrigens: Obwohl er seiner Kunigunde, die ihm zudem sieben Kinder gebar (die Hans Sachs alle überlebte), treu verbunden war, heiratete er nun ein Jahr nach ihrem Tod ein zweites Mal. Das hatte – für damalige Zeiten nicht ungewöhnlich – vor allem praktische Gründe: Sachs, mit 67 Jahren verwitwet und alle Kinder überlebt, brauchte jemand, der ihn versorgte. Und seiner zweiten Frau, einer 27-jährigen Witwe mit sechs Kindern, ging es ebenso.

Der von Bildhauer Jürgen Weber gestaltete Brunnen war zunächst stark umstritten. Tatsächlich sind die Szenen deftig und drastisch ausgestaltet, zarte Gemüter können sich durchaus daran stören. Mich erinnern manche Details des Kunstwerks eher an barocke Stilmittel, die mit dem Dreißigjährigen Krieg und den Erschütterungen, die für die Menschen damit einhergingen, aufkamen. Barocke Vanitasmotive statt spätmittelalterlicher Zurückhaltung. Gleichwohl: Jedes Mal, wenn ich nach Nürnberg komme, gibt es am „Ehekarussell“ etwas Neues für mich zu entdecken. Und Touristen wie Einheimische lassen sich von Gevatter Tod und Bruder Dekadenz eh nicht schrecken – der Platz ist ein wuseliger, lebendiger Aufenthaltsort, über den Hans Sachs seine behütende Dichterhand hält.

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Auf einem Herz aus Stein findet sich das Ehegedicht in ganzer Länge. Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

Vor allem passt das Kunstwerk aber auch zu den ziemlich direkten Worten von Hans Sachs über seine Kunigunde:

Das bittersüße ehlich Leben

Gott sei gelobet und geehrt,
der mir ein frumb Weib hat beschert,
Mit der ich zwei und zwanzig Jahr
gehaust hab, Gott gab länger gar
Wiewohl sich in mein ehling Leben
Hat Süß und Saures oft begeben
Gar wohl gemischt von Freud und Leid,
Erst auf, dann ab, ohn Unterscheid.
Sie hat mir nit stets kochet Feigen,
will schwankweis Dir ein Teil anzeigen.

Sie ist ein Himmel meiner Seel,
Sie ist auch oft mein Pein und Hell,
Sie ist mein Engel auserkoren
Ist oft mein Fegeteufel woren.
Sie ist mein Wünschelrut und Segen,
Ist oft mein Schauer und Platzregen,
Sie ist mein Mai und Rosenhag,
Ist oft mein Blitz und Donnerschlag,

Mein Frau ist oft mein Schimpf und Scherz,
Ist oft mein Jammer, Angst und Schmerz,
Sie ist mein Wunn und Augenweid,
Ist oft mein Traurn und Herzeleid,
Sie ist mein Freiheit und mein Wahl,
Ist oft mein Gfängnis und Notstall,

Sie ist mein Hoffnung und mein Trost,
Ist oft mein Zweifel, Hitz und Frost,
Mein Frau ist meine Zier und Lust,
Ist oft mein Graun und Suppenwust,
Ist oft mein königlicher Sal,
Ist oft mein Krankheit und Spital,

Mein Frau, die hilft mir treulich nähren,
thut mir auch oft das Mein verzehren,
Mein Frau, die ist mein Schild und Schutz,
ist oft mein Frevel, Poch und Trutz.
Sie ist mein Fried und Einigkeit
Und oft mein täglich Hebensstreit,

Sie ist mein Fürsprech und Erlediger
Ist oft mein Ankläger und Prediger,
Mein Frau ist mein getreuer Freund,
Oft worden auch mein größter Feind,
Mein Frau oft mietsam ist und gütig,
Sie ist auch zornig oft und wütig,
Sie ist mein Tugend und mein Laster,
Sie ist mein Wund und auch mein Pflaster,
Sie ist meines Herzens Aufenthalt,
Und machet mich doch grau und alt.


Bilder zum Download:

Bild 1, Hans-Sachs-Denkmal in Nürnberg
Bild 2, Ehegedicht am Sachsbrunnen in Nürnberg


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Ragnar Helgi Ólafsson: Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können

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Bild von David Mark auf Pixabay

Über mein Leben gilt das Gleiche wie über archäologische Funde in Island: Mehr als 95 % der Altertümer sind noch unter der Erde und unerforscht.

Zitat aus: „Einzigartige Silberschätze, endlose Überschenkelknochen“

Wie vieles in diesen Liedern und Texten ist auch dieser Satz von den einzigartigen Silberschätzen bestimmt von einem melancholischen Grundton: Ein wenig surreal, geprägt von der kalten „Realität, mit der wir, das heißt ich, leben müssen.“ Und dennoch birgt auch diese „Dichtersprache“ Wärmendes und Tröstliches, vermag sie doch die Stille zu durchbrechen:

„Es ist nicht so schwierig, wie es klingen mag.“

Die Stimme, die die Stille – ruhig und sacht wie ein Wollfaden an einem Kristallglas – zum Klingen bringt, stammt von Ragnar Helgi Ólafsson. Und man wünscht sich, das heißt, ich wünsche mir, dass nicht erst die Archäologen in ferner Zukunft weitere Texte des isländischen Schriftstellers, Regisseurs, bildenden Künstlers und Philosophen ausgraben werden.

„Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können“ ist der erste Lyrikband Ólafssons, der nach seinem Erscheinen 2015 mit dem renommierten Tómas-Guðmundsson- Poesie-Preis der Stadt Reykjavík ausgezeichnet wurde. Wolfgang Schiffer und Jón Thor Gíslason sind bereits ein eingespieltes Team bei Übertragungen isländischer Literatur in das Deutsche. Ihrem Engagement ist es zu verdanken, dass nun auch dem deutschsprachigen Publikum die Texte dieses ungewöhnlichen Schriftstellers zugänglich sind.

Ungewöhnlich allein schon die formale Ebene: Kein klassischer Zeilenfall, keine durchgängigen Rhythmen, keine durchgängige optische Erkennbarkeit und Anordnung der Texte als „Gedicht“. Gedichte, Textvignetten, liedähnliche Passagen wechseln sich ab, changierend in der Form und im Grundton – tag- und nachtträumerisch, surreal, konkret, mal melancholisch, mal voller leisem Humor. Bereits im Untertitel wird relativiert – um „Lieder und Texte“ soll es sich handeln. Und ein dem Buch vorangestelltes Zitat von Ryokan Taigu führt weiter auf den Pfad des Verständnisses dieser Textexperimente:

„Wer sagt, dass meine Gedichte Gedichte seien?
Meine Gedichte sind gar keine Gedichte.
Wenn du verstanden hast,
dass meine Gedichte keine Gedichte sind,
dann können wir uns hinsetzen und
über Dichtung sprechen.“

Die Gedichte, die keine Gedichte sind, sie sind: Das Leben. Das Leben in allen Facetten, in dem „nur kurz etwas bezüglich Kleidung“ (der geliebten Frau) ebenso berührt wird wie das Trübsalgesetz oder auch Magisterexamen. Die Titel täuschen jedoch über den Gehalt der Nicht-Gedichte hinweg – kein Fall von angewandter, konkreter Poesie, der hier zu erwarten ist. Vielmehr Zeilen, die zum Teil an surreale Traumfragmente erinnern, an schlafwandlerisches Erleben und Finden:

Ein Mann, der sucht
(Die Morgendämmerung bricht an)

Ich habe aufgehört zu suchen.
Treibe den Gedanken von mir weg.

Und gehe weiter in den Traum hinein.

Es ist, als ob der Dichter ein kleines Fenster zu seinem Innenleben – oder vielmehr Innendenken – öffnet, um dann sofort die Spuren wieder zu verwischen, auf neue Wege abzulenken:

„Ich werde mich nicht dazu äußern, ob ich
ein komplexes oder ein einfaches Ding bin. Es geht hier
einfach um zu sensible Informationen.“

Nicht zuletzt ist es auch dieser feine Schalk, der die Lektüre für all jene, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können, zu einem tröstlichen Genuss macht. Das Leben besteht aus einer ständigen Abfolge von Widersprüchen. Und nicht jeder bekommt, um darin zu bestehen ohne Angst, einen Kyniker an den Knöchel gebunden. Dem bleibt zum Trost und als Akt des Widerstands jedoch die Dichtung:

Nicht in der Arbeitsbeschreibung
oder: Stellungnahme (mit Wut)

Die Wirklichkeit hat angerufen, sie habe genug
von den poetischen Eingriffen des Dichters in ihre
Existenz.

Die trotzige Antwort des Dichters, sie lautet:

Ich mache mich verdammt noch mal doch
nicht zum Laufburschen für die Wirklichkeit.

Wolfgang Schiffer habe ich nicht nur die Entdeckung dieses auch optisch so ansprechenden (Nicht-) Gedichtbandes zu verdanken – der mir in der Versponnenheit seiner Texte auch persönlich einfach sehr zusagt – , sondern auch die des „Elif Verlages“, der das Buch herausbrachte. Im aktuellen Verlagsprogramm ist nochmals ein zweisprachiger Gedichtband zu finden, der eine Empfehlung wert ist: „Vielleicht lautlos“ von Gonca Özmen. Sinnlich, leidenschaftlich, bildreich, kraftvoll:

„Es war dein Mund,
er nahm ungeborene Verse und ließ sie liegen.“

Schön, dass dieser Verlag es wagt, Verse nicht nur nicht liegen zu lassen, sondern der Lyrik ihren Raum zu geben:

http://elifverlag.de/

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LITERARISCHE ORTE: Ossip Mandelstam – Wort und Schicksal in Heidelberg.

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Bild von skeeze auf Pixabay

War niemands Zeitgenosse, wars in keiner Weise,
solch Ehre ist zu hoch für mich.
Ein Greul, wer da so heißt, wie sie mich heißen,
das war ein andrer, war nicht ich.

Ossip Mandelstam in der Übertragung von Paul Celan (1959, Quelle: „Gedichte“, Fischer Taschenbuch Verlag, Ausgabe 1983).

Kein Zeitgenosse wollte er sein – und wurde zu einem Zeitlosen der Poesie: Ossip Mandelstam, 1891 – 1938, verstorben in einem Gulag. Die Sprache dieses „modernen Orpheus“ (Joseph Brodsky) sie trifft uns auch heute noch mitten ins Herz, packt den Verstand – einer, der den „ganzen“ Menschen meint.

„Auch unsere Zeit darf Mandelstams Poesie in Anspruch nehmen, deren lyrische Intensität und Klangmagie, die Kraft unerhörter Bilder, das weite Netz der kulturellen Assoziationen, die Tiefe eines Gedächtnisses ebenso wie eine bestürzende Widerständigkeit. Diese Poesie spricht von der Zerbrechlichkeit des Menschen in einer Zeit größter Gefährdung.“

Ralph Dutli, Herausgeber des Ossip-Mandelstam-Lesebuch „Bahnhofskonzert“, Fischer Taschenbuch, 2015.

Celan und Dutli, die beiden Übersetzer des russisch-jüdischen Dichters, auch sie sind in der Ausstellung „Wort und Schicksal“ vertreten, die am 14. Mai in Heidelberg eröffnet wurde. Für Raum und Zeit gibt es zweierlei Anlass: Den 125jährigen Geburtstag des Poeten, an den es zu erinnern gilt und die Bedeutung Heidelbergs für seine Dichtung – hier immatrikulierte sich Mandelstam 1909 für ein Studium der Romanistik und Kunstgeschichte, er blieb bis zum März 1910. In seiner russischen Heimat bestand zu jener Zeit eine Dreiprozentquote für jüdische Studenten – schließlich, 1911, lässt Mandelstam sich christlich taufen, um denn doch an der Petersburger Universität studieren zu können.

Gleichwohl: Diesen Umständen ist es zu „verdanken“, dass die ersten veröffentlichten Gedichte Mandelstams mit in Heidelberg entstanden – „Vom feuchten Stein herunterschauend …“, „Nur sprecht mir nicht von Ewigkeit…“, sie waren Briefen an seinen Freund, den russischen Maler und Dichter Maximilian Woloschin, beigelegt. Kopien des Autographs (das Original wird im Institut für russische Literatur, dem Puschkin-Haus in Moskau, aufbewahrt) sind in der Ausstellung ebenso zu sehen wie das „Studien- und Sittenzeugnis“ der Universität Heidelberg und einige wenige persönliche Gegenstände – ein Reisewecker, eine Dante-Ausgabe aus dem Besitz der Mandelstam-Witwe Nadeschda, ein Sofa, auf dem er ab und an nächtigte.  Wie wenig von einem Leben bliebe – vor allem von einen unter diesem Umständen gelebten Leben, den Umständen der eigenen Rastlosigkeit, des Bewusstseins, ein Reisender zu sein, aber auch den Umständen der Verfolgung, verfolgt, weil Poet, Intellektueller, Seher, Jude, und unter den Umständen der Armut… Wie wenig also von einem Leben bliebe, wäre da nicht das Wort des Dichters, die Worte, die uns bis heute erreichen, obwohl sie teils von der Witwe nur durch Auswendiglernen gerettet werden konnten:

„Wie immer die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts aussehen werden – das Wort der Poesie wird noch lange nicht überflüssig sein“, schreibt dazu Dutli und zitiert Mandelstam: „Das Lied, das selbstlos ist, ist selbst sein Lob, und strahlt – Den Feinden: Teer, den Freunden: Trost, Erkennungsmal.“

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Bild: Birgit Böllinger

Wie man aus wenig viel machen kann – das verdeutlicht die Mandelstam-Ausstellung auf das Feinste. Sie zeichnet mit Originaldokumenten und Kopien (beispielsweise der KGB-Akten) das kurze Leben dieses Dichters nach, er selbst kommt mit einer der wenigen erhaltenen Tonaufnahmen zu Wort, die einzige Filmaufnahme der alten Nadeschda lassen deren ärmliche Lebensumstände in Moskau erahnen, sprechen aber ebenso von einer anhaltenden innigen Verbundenheit zu ihrem früh verstorbenen Mann.

Die Ausstellung „Wort und Schicksal“ ist eine Kooperation des Staatlichen Literaturmuseums Moskau und der Mandelstam-Gesellschaft Moskau in Kooperation mit den UNESCO Cities für Literature Heidelberg und Granada. Für Heidelberg ist es das internationale Auftaktprojekt als UNESCO-Literaturstadt, die Stadt ist seit Dezember 2014 Mitglied im „UNESCO Creative Cities Netzwerk“.  „Wort und Schicksal“ ist in der Stadt mit der ältesten deutschen Universität noch bis zum 17. Juli zu sehen, dann wandert sie nach Granada. Mehr zur Ausstellung unter diesem Link hier.
Der Katalog zur Ausstellung erscheint im Heidelberger Verlag „Das Wunderhorn“.

Auch der Ausstellungsort in Heidelberg ist geschichtsträchtig – sie ist in der „Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte“ zu sehen. Ebert, das erste demokratische gewählte Staatsoberhaupt in Deutschland, wurde am 4. Februar 1871 in Heidelberg geboren. Der Sohn eines Schneidermeisters war das vierte von sechs Kindern. Die Familie lebte in sehr bescheidenen Verhältnissen – einen eigenen Eindruck davon kann man sich im Geburtshaus machen, das öffentlich zugänglich ist. Angeschlossen sind den Wohnräumen eine Ausstellung zu Leben und Werk und eine umfangreiche Bibliothek: Seite der Ebert-Gedenkstätte und Seite der Stadt Heidelberg.

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