Roger Willemsen: Deutschlandreise

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Bild: (c) Michael Flötotto

Der Pabba bestellt sich einen Champagner Rosé, dreht sich zu den Umsitzenden wie einer jener Hartgummi-Cowboys, die sich nur noch um die eigene Taille drehen können, und setzt noch einen drauf: noch die Blattsalade mit Tausend-Eiland-Dressink und die Flasch Wasser. Herrlich, so ein Sonntag in der Fußgängerzone Heidelberg, findet er und eröffnet das Gespräch mit seiner Frau durch den Ausruf: „Wat Menschen! Wat Menschen!“ Das findet seine Frau auch. Sie ist eine von ihnen. Einmal pro Woche mondän, legt sie all ihren Goldschmuck an und steckt die fetten braunen Füße in Espadrilles. Freizeit eben. Und was für eine Aussicht: Da zwei slawische Trompeter mit ihrer Version von „Mein Hut, der hat drei Ecken“, dort die Senioren-Fahrradgruppe aus Bad Driburg, in der Tour-de-France-Ausrüstung; Japaner überall, die haben ja hier schon eigene Kioske mit japanischen Bedienungen und Parcel-Service ins ferne Nippon; fotografierende Familienväter, die für die künstlerische Perspektive immer wieder in die Knie gehen; Jesus-Yuppies, überzeugt, mit Schlips käme man leichter ins Paradies, und die untröstlichen Witwen humpeln in schwarzen Nylonstrümpfen untröstlich in die Messe. Das Kino „Lux/Harmonie“ aber zeigt heute nur Zerstörung: „Pearl Harbour“ und „Die Mumie kehrt zurück“. Das Thai-Lokal heißt „Goldenes Herz“, das Bierhaus „Jack the Ripper“, andere Läden haben sich Namen gegeben wie „Knüllers Kiste“, „Globetrotter. Der Outfitter“, „Augenweide“, „Murkels Maus“. Viele heißen schon „www“ mit Vornamen, „de“ mit Nachnamen. Aber will man da reinklicken, wo man nicht mal eintreten möchte? Die Einzigen noch nicht von Kreativität Kontaminierten, das sind die Metzgereien. Bei Fleisch, da gibt es nichts zu beschönigen.

Roger Willemsen, „Deutschlandreise“, 2002, Eichborn Verlag

Nun, irgendwo müssen sie ja hin, die vielen Touristen: Nicht alle bewältigen den Aufstieg zum Schloss oder haben den Nerv, an der Schlossbahn in den Warteschlangen auszuharren. Für viele ist bei der berühmten Neckar-Brücke Schluss. Und so erlebt man in der Heidelberger Fußgängerzone täglich die oben beschriebene Parade – denn irgendwo müssen sie ja hin, die vielen Touristen in der Stadt mit dem höchsten Besucheraufkommen Deutschlands. Für einen wie Roger Willemsen boten solche Biotope genügend Stoff für feinkritische Beobachtungen – sie sind versammelt in dem 2002 erschienenen Buch „Deutschlandreise“.

Willemsen fuhr 2001 und 2002 kreuz und quer durch seine Heimatland. Ein reizvoller Gedanke: Die Heimat aus den Augen eines Reisenden, eines „Fremden“ zu betrachten. Aber ahnt man nicht schon beim Aufschlagen des Buches, wie das Deutschlandbild eines Willemsen sein wird? „Denk ich an Deutschland in der Nacht …“: Heine lässt grüßen. Das Leiden an der Heimat, an „den Deutschen“ und an „Schland“, eine intellektuelle, kulturhistorische Tradition.

„Ich sitze im Zug und fahre weit weg. Nach Deutschland. Oder besser zu den so genannten Menschen draußen im Lande. Aber wo ist das?  (…) In Deutschland nach Deutschland zu reisen, das ist die Exkursion zu einer Fata Morgana. Am schönsten ist das Land als Versprechen, weit weg. Ein Weiler unter der Hügellinie, drei rote Dächer und eine Birke, ein Windstoß in den Sträuchern und eine Frau, die zum Wäscheaufhängen unter die Bäume tritt. Gute Menschen, die Milch aus zottigen Viechern melken und vor dem Essen beten. Das unausrottbar Schöne, doch, das gibt es, aber man darf ihm nicht zu nahe kommen.“

Nun, keiner kann sich von Klischees befreien. Auch ein Willemsen nicht, der offenbar die Erfindung der Melkmaschine ignoriert. Ganz frei vom intellektuellen Hochmut des Einzelgängers – oder besser: „Einzelfahrers“ – ist dieses Buch nicht, nicht ganz frei von Denkschablonen. Aber das tut dem Lesevergnügen beim Mitleiden an „Schland“ keinen Abbruch – wenn man die Klischees teilt, wenn man ähnlich denkt.

Natürlich schaute Willemsen dorthin, wo es wehtut: Dem Volk aufs Maul. Ich frage mich, wie dieses Buch heute wohl aussehen würde, da sich die „besorgten Bürger“ offen zu artikulieren wagen, verbale Hemmschwellen gefallen sind, da dieses „Ich bin stolz auf mein Land“, ausgesprochen mit dem fürchterlichen Ton des Herrenmenschen, so schreckliche Assoziationen mit sich bringt.

Insofern sind die Reisebeobachtungen des Roger Willemsen zwar von gestern, aber nicht überholt: Er zeichnet das Bild einer Nation, in denen Shopping-Malls zu Lebenssinnerfüllungszentren werden. In der die Angst, die sich in diesen Tagen äußert, die Angst vor dem „Fremden“, der uns den Wohlstand streitig macht und damit die innere Leere enthüllt, in der eben diese Angst regiert. Er zeichnet ein Bild vom Boden, aus dem in den jetzigen Zeiten die Hetze kriecht …
Und, weil es an dieser Stelle passt: Er fehlt, dieser feine Beobachter, diese kritische Stimme.

Man mag manches überzeichnet finden, manches überhöht: Doch Willemsen warf eben nicht den nüchtern-sachlich-wissenschaftlichen Blick eines Ethnologen auf das Land, nicht den eines Insektenforschers, der das Treiben geschlechtsreifer Großstädter und des Landvolkes kalt durch das Mikroskop betrachtet. Sondern den wehmütigen Blick eines dessen, der „sein“ Land trotz aller Kritik liebt:

„Vermutlich würde es den Menschen das Sprechen über ihr Land erleichtern, wenn sie sich alle als Heimatvertriebene erkennen wollten, davongejagt aus künstlichen Paradiesen. Von der Heimat lohnt es sich nur zu sprechen als von einem Mangel, dem Inbegriff des Verlorenen.“

Das Buch (in der Taschenbuch-Ausgabe beim Fischer Verlag erschienen) habe ich übrigens bei meinen derzeitigen Deutschlandreisen in einer Bahnhofsbuchhandlung erworben. In einer Passage reflektiert Willemsen über jene Bahnhofshallen, die keine Bahnhofshallen mehr sind, sondern Einkaufserlebniszentren, aus denen jene, für die Bahnhöfe seit jeher ein Dach über dem Kopf sind – Obdachlose, Junkies, Ausreißer – verdrängt werden, damit das Konsumerlebnis dem umsatzwilligen Reisenden nicht vergällt wird. Dazu passt die Entwicklung der meisten Bahnhofsbuchhandlungen, bei denen das Wort „Buchhandlung“ zum Euphemismus pervertiert ist: Dort lassen sich zahllose Lifestyle-Magazine erwerben, erstaunlich sind die Massen an Publikationen wie „Landlust“ oder sonstigem ländlichen Leben im Titel – als ob jeder Zugreisende eine innerliche Landflucht erwägt. Daneben Computer-, Wirtschafts – sorry, will meinen: Business – Magazine, Comics, Tageszeitungen, „WELTPRESSE“ schreit aus von den Wänden. Aber „das Buch“: Meist an ein hinteres Ladenregal verbannt, die Auswahl übersichtlich, an der Spiegel-Bestsellerliste orientiert, daneben ein wenig Liebeskram und Vampirzeug. Deutschland, sag mir was du liest, und ich sage Dir …

Es entbehrt nicht der Ironie, dass allerdings in jeder Bahnhofs“buchhandlung“, die ich in letzter Zeit betrat, auch die „Deutschlandreise“ von Roger Willemsen zu finden war. Wohl als „Marketinggag“ für Reisende? Ich frage mich, ob die Bahnhofs“buchhändler“ wissen, was in dem Buch steht…

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Kurt Tucholsky: Rheinsberg und Schloß Gripsholm

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Schloß Gripsholm. Bild von falco auf Pixabay

Drahtetsofortobhiesigenmälarsee-
zwecksbewässerungkäuflicherwerben-
wolltwassergarantiertechtallerdingsnur-
zuschwimmzweckengeeignetfasthoch-
achtungsvollfritzchenundkarlchenwasser-
oberkommissäre.

Kurt Tucholsky, „Schloß Gripsholm“, 1931.

Noch einmal den Sommer festhalten, bevor er geht. Geht das denn?
War er denn groß, dieser Sommer? Am Thermometer gemessen wohl schon.
Aber trotz der blendenden Helligkeit. Er war auch: Düster, dieser Sommer. Ein politisches Klima, das seine Schatten vor die grelle Sonne schob. Die Furcht vor einem Gewitter ist da, die Angst, dass sich finstre Zeiten wiederholen.

Einer, der gegen dieses „dunkle Deutschland“ anschrieb, immer wieder, am Ende doch nicht vergebens? Kurt Tucholsky. Wie haben Sie das gemacht? Das möchte ich ihn gern fragen. Wie haben Sie es geschafft, als es um ihre Heimat nicht gut stand, als sie selbst schon am Leben verzweifelt waren, noch einmal so ein beinahe heiteres Sommerbild zu entwerfen, so sommerlich-luftig-leicht gegen den Irrsinn anzuschreiben, ganz keck ein anderes Lebensgefühl hervorzurufen?

Ich bewundere ihn dafür, diesen bekennenden Pessimisten und scharfen Satiriker, der letzten Endes an einer unheilbaren, einseitigen, wechselvollen Liebe zerbrach: Der Liebe zu seiner Heimat. In seiner Art des Schreibens und Denkens erinnert mich Tucholsky, der hellsichtig früh dieses Land verließ, an einen anderen berühmten Exilanten: „Denk ich an Deutschland in der Nacht“ – obwohl meist im falschen Kontext zitiert, sprechen auch diese Zeilen von einer Bindung an das Mutterland, die in der Ferne nur durch Ironie noch bewältigt werden kann. „Deutschland, Deutschland über alles.“

Selbst als es Tucholsky politisch wie privat dreckig ging, als es, wie er schrieb, „innen weinte“, legte er noch einmal eine der zauberhaftesten Liebesgeschichten vor, die sich heute noch so frisch liest, dass ich sofort die Koffer packen möchte. Weil sie dort anfängt…

„Und dann hielt das Auto da, wo alle bessern Geschichten anfangen: Am Bahnhof.“

Die Geschichte führt den Erzähler, „den Dicken“ nach Schweden, mit einer Prinzessin, „sie hatte eine Altstimme und hieß Lydia.“ 1929 hatte Tucholsky einige Zeit mit seiner Geliebten Lisa Matthias in Läggesta bei Schloß Gripsholm verbracht, im Januar 1930 verlegt er seinen Wohnsitz vollständig nach Schweden, „mehr eine Flucht als die alte Sehnsucht“ nach dem Norden, wie Rolf Hosfeld in seiner hervorragenden Biographie „Tucholsky. Ein deutsches Leben“ schreibt.

Doch auch wenn „der Dicke“ das Buch Lisa mit dem Satz „Für IA 47 407“ (ihr Autokennzeichen) widmet – in dieser Altstimmen-Frauengestalt ist mehr als eine Frau vereint. Die Trennung von seiner Ehefrau Mary Gerold ist noch frisch, die an den Nerven zerrende zu Lisa liegt schon in ihren letzten Zügen. Eine on- und off-Liebe. Lisa ist es, die den Schalter vollends kippt und sich aus seinem Leben löscht. Und dann schwingt in dieser selbstbewußten „Prinzessin“ auch noch eine gute Portion Else Weil, Tucholskys erste Ehefrau, mit, jene Else, die auch als „Claire“ in „Rheinsberg“ schon verewigt wurde. Hosfeld schreibt über die „Prinzessin“:

„Aber als Person ist sie eher eine unintellektuelle Wunschsynthese aus Else Weil, Lisa Matthias und Mary Gerold, also gewissermaßen eine pflegsame Madame 3 PS. Wie schön, wenn eine solche Frau für den Mann mit den 5 PS und den unterschiedlichsten Modulationen seines komplexen Charakters auch in Wirklichkeit existiert hätte. Es gab bei Rowohlt, auch aus Geschäftsgründen, ein Bedürfnis nach leichten Tönen aus seiner Feder. Es gab sie auch bei Tucholsky. In dunklen Zeiten ist der Konjunktiv ein Trost. Wie es sein könnte. Es könnte leicht sein.“

So ist „Schloß Gripsholm“ auch eine Beschwörung. Doch: „Vorbei, verweht, nie wieder…“. Als das Buch, geschrieben 1930, herauskommt, befindet sich Tucholsky bereits in diesem „heimatlosen Alleinsein“, das ihn dann gänzlich zerbricht. Und: Im Gegensatz zu „Rheinsberg“, jenem „Bilderbuch für Verliebte“, mit dem Tucholsky 1912 die literarische Bühne betrat (und das auf Anhieb zum Skandal und zum Erfolg wurde), pinselt der Schriftsteller zwanzig Jahre später ein Urlaubsidyll mit weitaus dunkleren Strichen. Die „kleine Sommergeschichte“, die der Autor in einem fiktiven Briefwechsel seinem Verleger Ernst Rowohlt ankündigt, hat eine zweite Ebene, hat ihre Schatten:

„Wir lagen auf der Wiese und baumelten mit der Seele. Der Himmel war weiß gefleckt; wenn man von der Sonne recht schön angebraten war, kam eine Wolke, ein leichter Wind lief daher und es wurde ein wenig kühl.“

Da ist auf der einen Seite diese zwanglose, freie Liebe zwischen zwei Menschen, denen die liberale und tolerante Denkweise aus jeder Pore sprüht, angeheizt durch gelegentliche Ferienbesucher, die das Ganz noch erotisch aufprickeln bis hin zur Menage à trois. Und auf der anderen Seite ist jener zweite Erzählstrang von der kleinen Halbwaise Ada, die von der Leiterin eines Kinderheims schikaniert wird. Eine machthungrige, verkniffene, autoritäre Megäre. Und ganz bewusst eine Deutsche: Tucholsky zeichnet sie als Typ, sie ist Sinnbild jener rechtsnationalen Kräfte, die in seiner Heimat die Weimarer Republik aushöhlen. Im Roman siegt „der Dicke“, entreißt das Kind den Klauen der Macht. Im Leben ging es anders aus.

„Sie kam sich sehr einmalig vor, die Frau Adriani. Und hatte doch viele Geschwister.“

Der Skandal an diesem Buch liegt für die Nazis mehr in dieser politischen Komponente (auch der Wendriner, Abbild des patriotischen Spießbürgers findet seine Erwähnung) als in der herrlich sinnlichen Liebesgeschichte, die zudem ohne drastische und intime Details auskommt – und dennoch erotischer und lebendiger ist als viele weit offenere Liebesromane danach.
Zwanzig Jahre früher war das noch anders: Als „Rheinsberg“ 1912 erscheint, löst das Debüt des jungen Autoren einen Skandal aus: Ein unverheiratetes Paar geht in die Sommerfrische und nächtigt in einem Zimmer – undenkbar in der prüden wilhelminischen Gesellschaft.

Aber da kam eine alte Dame an ihrem Tisch vorübergeschlurcht, schielte krumm und murmelte etwas von „unerhört“ und „Person“ und so.

„Wölfchen, die meint mir. Konnste ihr nicht gefordert gehabt habs?“

„Rheinsberg“ ist nun in der schönen Reihe C.H.Beck textura wieder aufgelegt worden. Antje Rávic Strubel stellt in ihrem Nachwort die Erzählung in den zeitlichen Kontext:
„1912 war das Jahr, in dem Albert Einstein die Allgemeine Relativitätstheorie entwickelte, Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“ erschien, und der letzte große Roman Hjalmar Söderbergs „Das ernsthafte Spiel“. Drei Jahre zuvor hatte mit Selma Lagerlöf die erste Frau in der Geschichte den Literaturnobelpreis erhalten. Aber 1912 war auch das Jahr, in dem die Titanic sank, Robert Scotts Südpolexpedition tödlich endete und Europa nach der Marokko-Krise noch einem knapp einem Weltkrieg entging. Der Wilhelminische Staat militarisierte sich, das Kleinbürgertum verspießerte unter moralischen Tabus und einer strengen, patriarchalischen Sexualdoktrin, ein neuer Nationalismus flammte auf, und Vatikan und Kaiser hatten das Tangotanzen unter Strafe gestellt.“

„Rheinsberg“ mit seinen spritzigen Dialogen, den kleinen Albernheiten der Verliebten, der Verballhornung der Dialekte war noch die relativ freie Fingerübung eines noch relativ unbeschwerten jungen Mannes. Die Vorübung für „Schloß Gripsholm“. In diesem Roman lauert bereits die Sehnsucht nach dem Vergangenen, nach der verlorenen Leichtigkeit. Er atmet auch das Bewußtsein, dass sich der Schreibende selbst in einer fünften Jahreszeit befindet:

Eines Morgens riechst du den Herbst. Es ist noch nicht kalt; es ist nicht windig; es hat sich eigentlich gar nichts geändert – und doch alles. Es geht wie ein Knack durch die Luft – es ist etwas geschehen; so lange hat sich der Kubus noch gehalten, er hat geschwankt … , na … na … , und nun ist er auf die andere Seite gefallen. Noch ist alles wie gestern: die Blätter, die Bäume, die Sträucher … aber nun ist alles anders. Das Licht ist hell, Spinnenfäden schwimmen durch die Luft, alles hat sich einen Ruck gegeben, dahin der Zauber, der Bann ist gebrochen – nun geht es in einen klaren Herbst. Wie viele hast du? Dies ist einer davon. Das Wunder hat vielleicht vier Tage gedauert oder fünf, und du hast gewünscht, es solle nie, nie aufhören. Es ist die Zeit, in der ältere Herren sehr sentimental werden – es ist nicht der Johannistrieb, es ist etwas andres. Es ist: optimistische Todesahnung, eine fröhliche Erkenntnis des Endes. Spätsommer, Frühherbst und das, was zwischen ihnen beiden liegt. Eine ganz kurze Spanne Zeit im Jahre.

Es ist die fünfte und schönste Jahreszeit.

Kurt Tucholsky schreibt dies alias Kaspar Hauser bereits 1929 in der Weltbühne (hier der Text in voller Länge).

„Schloß Gripsholm“, auf Anhieb ein Publikumserfolg, bleibt sein letztes Buch. Als Journalist focht er noch mit Carl von Ossietzky für die freie Meinungsäußerung in der Weltbühne. Mehr und mehr desillusioniert, verstummt Tucholsky nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Am 21. Dezember 1935 stirbt er in einem schwedischen Krankenhaus an einer Überdosis Veronal, vermischt mit Alkohol. Ob Unfall oder Suizid, ist ungewiss, einen Abschiedsbrief hinterlässt er nicht. Er war des Kämpfens müde geworden, innerlich zerrissen, aus dem Deutsch- und dem Judentum ausgetreten, ein wahrhaft Heimatloser. Das Schlimmste blieb ihm durch den frühen Tod erspart: 1942 stirbt Else Weil, seine erste Frau, jene selbstbewußte, emanzipierte „Claire“ aus „Rheinsberg“ im KZ Auschwitz-Birkenau, von den Nazis ermordet. Carl von Ossietzky stirbt 1938, entkräftet, an den Folgen seiner KZ-Inhaftierung.

Was aber bleibt: Dennoch das Bild eines Kämpfers für ein tolerantes, weltoffenes, demokratisches Deutschland. Ein Traum von einem Land, in dem die Liebe nicht nach Schweden auswandern muss. Tucholsky wollte, so Kästner, mit der „Schreibmaschine eine Katastrophe“ aufhalten, führte ein großes kleines Gespräch mit ungewissem Ausgang.

Und jetzt? Ach, „Dicker“, du wirst vermisst. Deine Stimme würde gebraucht. Wieder.

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Walter Bauer: Die Stimme

„Die friedlose Erde rundete sich und besaß wieder Tag und Nacht in ihrer Ordnung. Ich spreche vom Glück.
Verstehen Sie? Ich wage das Wort zu sagen in einem glücklosen Jahrhundert, das in die Luft fliegen kann. Ich spreche nicht von der Dauer des Glückes; ich spreche von Augenblicken – von jenen Augenblicken, in denen ich mich zum ersten Mal wieder leben fühlte, weil ich einen anderen in meinen Armen hielt. War das alles? Hätte das nicht auch „drüben“ geschehen können? Vielleicht; weshalb nicht? Aber es geschah hier und in einem Augenblick, auf den alles in mir gewartet zu haben schien; und die Worte, die ich gebrauchte, sagte ich zum ersten Male. Ich sagte sie in einer anderen Sprache; und wenn ich allein in meinem Zimmer war, schlug ich das Wörterbuch auf und suchte nach Worten, die ich sagen wollte. Sie waren alle neu, sie glänzten von Leben und Frische und waren mit Leben gefüllt. Denen, die hier lebten und sich in ihrer Sprache bewegten, wie in einem vertrauten Haus, waren sie abgenutzt, kleine Münze; doch nicht mir. Die Worte dieser Sprache wurden von mir neu erschaffen. Mund, Lippe, Brust, es war alles neu, frisch wie frisches Silber im Morgenlicht. Zärtlichkeit, Verlangen, Ruhe, Gelassenheit, Sterblichkeit, mir schien, als wüsste ich jetzt erst, was sie bedeuten. Das Wörterbuch war ein Buch des Lebens, und wenn ich nach Worten suchte, war es mir, als flüstere ihre Stimme die Worte mit, damit sie nicht nur Worte blieben, sondern, gefüllt mit ihrer Stimme, Teil meines Lebens wurden, wie meine alte, eingeborene Stimme Teil meines Lebens war; und auch sie, diese liebe, alte Sprache wurde von einem merkwürdigen Licht getroffen; sie wurde durchsichtig und rein.“

Exil und Neuanfang

Es ist eine ruhige, sachte Stimme, die aus dieser Erzählung zu uns spricht. Nicht aufdringlich, dafür desto eindringlicher. Diese Stimme erzählt von einem Schicksal, das im vergangenen Jahrhundert Abermillionen traf (und, solange es Menschen und Kriege und Katastrophen geben wird, weiter Abermillionen treffen wird): Exil, Verlust der Heimat, des Gewohnten, Neuanfang, neues Herantasten an eine neue Welt. Für die meisten bedeutet dies zudem: Neu sprechen lernen, lernen, in einer neuen Sprache auch zu denken, zu fühlen, zu leben. Für Schriftsteller, die in, mit und von ihrer Sprache leben, noch eine ganz andere, besondere Situation. Walter Bauer (1904-1976) verlieh dem mit seiner schmalen Erzählung eine Stimme.

Ein Einwanderer in Kanada – ganz offensichtlich das Alter Ego des Schriftstellers – berichtet einem jüngeren Besucher aus der alten Heimat von seinem Hineinwachsen in eine neue Welt. Angestrandet mit Millionen anderen, nichts als bittere, belastende Erinnerungen an einen Krieg, in dem die Seele beinahe zerbrach, im Gepäck. Er muss zuerst Fuß fassen, in Tritt kommen, auch in der neuen Sprache – um im herum doch Menschen, die ebenso aus allen Teilen der Welt angekommen sind auf diesem Kontinent, der Hoffnung und Vergessen verspricht. Aber:

„Jeder von ihnen war eine winzige Insel für sich, ohne Zusammenhang mit einem Kontinent, ich meine: mit anderen. Gibt es irgendwo soviel einsame Menschen wie hier?“
In einer Bibliothek schließlich lernt der Einwanderer eine Frau kennen. Dank ihr findet er seinen Weg hinein – hinein in die Sprache, zurück ins Leben.

Eine schmale Erzählung, knapp 100 Seiten, ihr Inhalt in wenigen Worten umrissen. Und dennoch steckt in diesem kurzen Text soviel Welt. „Die Stimme“ – sie ist nicht zuletzt eine wunderbare Parabel über die Kraft der Sprache. Die heilsame Kraft der Sprache, wenn zwei Menschen lernen, miteinander zu sprechen – „Geschichte einer Liebe“ hat Walter Bauer seine Erzählung untertitelt.

„Keine Frage, die Geschichte von Richard und Diana ist die Geschichte einer großen Liebe, eine Liebesgeschichte, die archetypischen Vorbildern aber eine neue Bedeutungsebene hinzugewinnt: Die beiden können einander nur finden, indem sie eine gemeinsame Sprache finden.“
Der Schriftsteller Jürgen Jankofsky im Nachwort zur vorliegenden Ausgabe.

Wie bereits erwähnt, ist die Erzählung autobiographisch geprägt. Walter Bauer, 1904 in einfachen Verhältnissen in Sachsen geboren, findet bereits mit seinen ersten Veröffentlichungen große Anerkennung, wird von Stefan Zweig gefördert, von Tucholsky, Werfel und Hesse gelobt. 1933 werden seine Werke, die davor erschienen, verboten. Der Schriftsteller und Lehrer wird zwar von den Behörden schikaniert, kann aber weiterarbeiten und publizieren.

So werde ich mein Leben verbringen: den Abgrund vor Augen
und eine gestählte Freude im Herzen.

Er geht in die innere Emigration. Einberufung, Fronteinsätze und Kriegsgefangenschaft folgen, Erlebnisse, die ihn nie wieder loslassen. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitet Walter Bauer äußerst produktiv vor allem als Autor von Hörspielen weiter und engagiert sich im PEN. Doch enttäuscht von restaurativen Entwicklungen in der Bundesrepublik entschließt er sich 1952 zur Auswanderung nach Kanada, zu einem Neustart. Er studiert moderne Sprachen und unterrichtet bis zu seinem Tod als Professor an der Universität von Toronto.

„Die Stimme“ wurde nun beim Lilienfeld Verlag wieder veröffentlicht, ansonsten sind seine Bücher und Texte nur noch antiquarisch zu erhalten.

„Gut, dass Walter Bauer nicht stumm wird. Gut, dass seine Stimme wieder stärker gehört werden kann. Er hat uns nach wie vor viel zu sagen.“
Jürgen Jankofsky.

„Die Stimme“ wurde beim Lilienfeld Verlag als Rezensionsexemplar angefragt.

Bestellen bei buchhandel.de: Walter Bauer, „Die Stimme“, Lilienfeld Verlag, 2014.

 

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