Lutz Seiler: Die römische Saison

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Bild von Mauricio A. auf Pixabay

„Wozu die Qual? Der Gedanke, alles sein zu lassen, stand im Raum und beruhigte mich. Ich sah Rom, und Rom war der Ort, wo das Schreiben aufgegeben werden konnte. Auf dem Rückweg von V. zur Villa Massimo machte ich einen Umweg über die Via Aurelia. Ich rannte nicht mehr, der Ausblick über die Stadt und den Fluss wurde mir gereicht wie zur Belohnung nach Wochen sinnloser Qual, eine absurde Verkehrung der Dinge, sicher, aber das war egal. Noch einmal der sagenhafte Petersplatz, die gewaltige Kuppel, dann die Piazza del Risorgimento mit einem Reiterstandbild, ein Denkmal für die Arma dei Carabinieri.“

Lutz Seiler, „Die römische Saison“, Topalian & Milani Verlag, 2016.

Ingeborg Bachmann sagte in einem Fernsehinterview sinngemäß, in Rom sei sie eine bessere Wienerin. Zu jener Zeit schrieb sie bereits an „Malina“, jenem Roman über eine Schriftstellerin, die nicht am Schreiben, sondern am Leben zerbricht.
Aus einer räumlichen Distanz zu den Herkunftsräumen zu schreiben – manchen, wie der Bachmann, ist erst oder auch nur dieses möglich. Mit einigem Abstand meint man, man könne dieses einleiten:

„Phase 1: Rekonstruktions- und Vergegenwärtigungsarbeit, Aufbereitung der Erlebnismaterials, eine Art Erinnungsmaschinerie.“

Doch da sitzt Lutz Seiler, in diesem riesigen Atelier, einst für einen Bildhauer eingerichtet, in der Villa Massimo, verloren in dem riesigen Raum, verloren in der Fülle des Material, und es geht: nichts. Endlich hat er, was sich jeder Schriftsteller wünscht: Zeit, viel Zeit, um an seinem ersten Roman zu schreiben. Die Villa Massimo, eigentlich ein Ruhepol in der Hitze und dem Trubel der italienischen Metropole. Doch wer selbst schreibt, weiß, dass, hat einen erst das Monster namens „Blockade“ im Griff, alles zur Ablenkung und Störung gereichen kann: Der Fleck an der Wand. Die makellos weiße Wand. Die Größe des Raums. Die Enge des Raums. Die Stille. Die Geräusche der Gärtner vor dem offenen Fenster. Lutz Seiler will „Von Rom nach Hiddensee“ (so der Name der ersten Erzählung in diesem Buch) und kommt nicht weit.

„Und Rom, Roma, Roman – klang das etwa nicht nach einer beinah natürlichen Steigerung der Dinge? Stattdessen Krise. Herzrasen, Hitze, Schweißausbrüche und Schlaflosigkeit, Magenkrämpfe und zu hoher Blutdruck – was folgte, war die rasche Entfaltung des kompletten Spektrums meiner hypochondrischen Möglichkeiten, ähnlich übertrieben, wie das Scheitern des Romans mit dem Einsturz des Kolosseums zu vergleichen, der im Aberglauben der Römer den Untergang Roms und dieser wiederum das Ende der Zeiten bedeutet: lächerlich – und nein, kein Vergleich, natürlich nicht. Aber ein Schriftsteller, der nicht schreibt, ist nichts wert, vor allem vor sich selber nicht.“

Das Kolosseum ist nicht eingestürzt, Rom bleibt die „ewige Stadt“ und der Roman wurde, wie wir wissen, vollendet – grandios vollendet: „Kruso“, der erste Roman des Lyrikers und Erzählers, erschien 2014 und erhielt den Deutschen Buchpreis. Ein poetisches, sprachgewaltiges Buch – mit viel römischen Schweiß und Schlaflosigkeit erkauft. Eine begeisterte Besprechung von „Kruso“ findet sich beim „Kaffeehaussitzer“ („Im Rausch der Sprache“).

Wie Lutz Seiler seine Schreibblockade überwand? Durch Loslassen, durch Leben. Irgendwann während seines Aufenthaltes in Rom anno 2011 beschließt Seiler, nicht mehr hinter dem symbolträchtigen Schrank, den er sich im Atelier sozusagen als Schutzwall zum Schreibtisch gerückt hatte, zu sitzen. Er geht raus, erkundet die Stadt, begleitet den Sohn Viktor zum Fußballtraining (dieser Beschäftigung ist die zweite, herrlich amüsante Erzählung des Bandes, „Die römische Saison“, gewidmet). „Nebenbei“ beginnt er wieder zu schreiben und beinahe unmerklich werden zufällige Begebenheiten zur Inspiration, durch ein Geräusch, einen Zufall, verwandelt sich ein Ort in einem Augenblick „in einen Ort des Schreibens“.

Ein Freiluftkonzert, kurz übertönt von einem landenden Flugzeug, „- es war das übliche Getöse Roms, Krach gegen Kunst“, und in diesem Augenblick überschwappen Ostseewellen vor dem inneren Auge Lutz Seilers die Hosenbeine des russischen Generals, Krusos Vater, der seinen Sohn heimholen will:

„Und da stand er nun, in der Fülle seiner Macht, die jetzt gebrochen war auf die vielfältigste Weise. Ein Bild, das augenblicklich die ganze Geschichte enthielt, ein Bild, dem ich absolut vertrauen konnte, ein Portal, durch das ich gehen konnte, hinein in den Stoff dieser Zeit.“

Schöner Beinahe-Scheitern: Poetisch, humorvoll, nicht ohne Selbstironie erzählt Lutz Seiler von den Plagen des Schriftstellerdaseins. Eine Erzählung, die nicht nur Schreibende anspricht – denn sie beinhaltet eigentlich eine Allerweltsweisheit: Erzwingen lässt sich nichts. Erst ohne äußeren und inneren Druck wächst Kreativität. When in Rome, do as the romans do ….

Beinahe ein stilistisches-sprachliches Gegenstück ist in diesem Band die zweite, oben bereits erwähnte Erzählung – fast schon eine Glosse über italienische Bürokratie, italienischen Fußballkult, das Geheimnis des „Catenaccios“. Bravo, Lutz! Durch diesen Text versteht man die Tränen Buffons noch einmal besser!

Zu einem Schmuckstück wird dieser Band des noch jungen Ulmer Verlags „Topalian & Milani“ ebenso durch die Gestaltung – das weckt Sammlerinstinkte und macht die Hoffnung auf mehr (im Herbst erscheinen in dieser Reihe zwei Novellen von Stefan Zweig). Den beiden Seiler-Erzählungen sind beigestellt Illustrationen von Max P. Häring (hier kann man sich einen Eindruck von seinen Arbeiten machen: http://www.maxhaering.de/), weit mehr als Ergänzungen zum Text, eigenständige Kunstwerke, die Rom in einem anderen Licht erscheinen lassen …

Zudem ist das gebundene Buch gedruckt auf handschmeichlerischem Munken-Papier, hochwertig und einfach schön gemacht!

Eine weitere Besprechung findet sich bei Con=Libri:
https://litos.wordpress.com/2016/07/01/rom-oder-roman/

Zur Verlagsseite geht es hier: http://www.topalian-milani.de/

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Jonas Lüscher: Frühling der Barbaren

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Preising war ob seiner eigenen Erzählung ganz betrübt. Alles hing ihm aus dem Gesicht. Die traurige Nase, die trockenen Lippen, die wässrigen Augen. Darauf konnte ich jetzt keine Rücksicht nehmen. „Was hast du damit bewiesen?“ fragte ich ihn unerbittlich. Ein verborgenes Wissen und Kümmernis über ebendies schien in seiner Antwort zu liegen. „Du stellst schon wieder die falsche Frage“, sagte Preising.

Jonas Lüscher, „Frühling der Barbaren“, C. H. Beck Verlag, 2013

Die Finanzwelt frisst ihre Kinder – angesichts der Suizide unter Topmanagern in den vergangenen Jahren erscheint die Erzählung von Jonas Löscher geradezu von prophetischer Aktualität. Löscher wählte für seine Betrachtung der menschlichen Gier und Grenzenlosigkeit die Form der Novelle. Diese setzt er so meisterlich um, Goethe hätte mit den Ohren geschlackert. Dass einer derart fulminant schreibt, ist schon an sich eine „unerhörte Begebenheit“ – so wie sie die Novellentheorie vorsieht. Darüber hinaus alle Novellen-Regeln beachtet: Eine in sich geschlossene Rahmenhandlung, die die Zukunft der handelnden Personen im Ungewissen belässt, der distanzierte Erzähler, das Ding-Objekt – wie aus dem Lehrbuch. Formale Perfektion erreicht das Lehrstück, auch wenn die eine oder andere Passage etwas überspitzt erscheint.

Quasselstrippe und Pappfigur

Der Inhalt von „Frühling der Barbaren“ ist kurz erzählt. Die Rahmenhandlung spielt in einer psychiatrischen Klinik. Der auktoriale, allwissende Erzähler erfährt die Geschichte eines wüsten Trips, eines Wüsten-Trips. Sein geschwätziger Gesprächspartner: Ein „Unternehmer“, der nichts unternimmt, der zur Handlung unfähig ist, der Verantwortung ablehnt. Dieser, Preising, steht der ererbten Firma quasi nur noch als repräsentative Pappfigur vor. In dieser Funktion landet er im Hotel der Tochter eines Geschäftspartners in der tunesischen Wüste.

Dieser eigentliche Kern der Handlung wird in einem fast logorrhöischem Monolog fabuliert, unterbrochen nur von kurzen, distanzierenden Anmerkungen des auktorialen Erzählers. Die Zwischenszenen lassen die Geschwätzigkeit des Preising umso deutlicher hervortreten. Man merkt dem Text zwischen den Zeilen an: Selbst der Autor mag seine Hauptfigur nicht so richtig. Ihn habe die Idee gereizt, über einen zu schreiben, der nicht handelt, so Lüscher in einem Interview. Das ist ihm gelungen – und ebenso gelungen ist es, keinen eindeutigen Sympathieträger zu zeichnen, kein Schwarz und Weiß. Alle der auftretenden Figuren sind zweideutig in Haltung und Handlung.

So gibt Preising in seiner Handlungsunfähigkeit, mit seinen Zweifeln und seiner Skepsis, den Gegenpart ab zu „Quicky“, einem rabiaten Bankmanager, der am Ende die scheinbar Zivilisierten als Anführer in die Barbarei treibt. In bester Novellenmanier verfolgt die Erzählung einem klassischen Aufbau: Preising also landet im „Thousand and One Night Resort“. Dort laufen die Vorbereitungen zu einer luxuriösen Hochzeit. Das Brautpaar ist in der Londoner Finanzwelt beheimatet, gefeiert wird mit Glanz, Gloria und 70 aus England importierten Gästen. Preising beobachtet die Gruppe von außen – je gedeckter die Farben der Kleidung, desto gedeckter der Scheck, für amüsante Farbtupfer in der Erzählung sorgen die verunsicherten Verwandten aus dem britischen Arbeitermilieu.

Die Blase platzt

Der in der Novelle vorgesehene Wendepunkt kommt, als England seinen Staatsbankrott erklärt. Der jeunesse dorée wird die geplatzte Blase zum Verhängnis. Zurück bleiben, im wahrsten Sinne des Wortes, nur Schutt und Asche. Alles löst sich in einer grandiosen Barbarei auf, wird in die Luft gejagt. Ein Leitmotiv dabei: das gequälte Kamel, von einigen Rezensenten als Ding-Symbol identifiziert. Als Symbol ist es in der Novelle vorhanden – als Kreatur, die ständig unter die Räder kommt.  Das Ding-Symbol an sich jedoch ist in dieser Erzählung das allgegenwärtige Handy – die Fußfessel unserer Zeit, der Fluch der ständigen Erreichbarkeit. Der Kündigung kann man „dank“ Blackberry, Smartphone, i-pod auch in der Wüste nicht entkommen – es sprengt die Hochzeitsnacht, es verwandelt per Funksignal zivilisierte Europäer in Barbaren.

Actionfilm und Kintopp

Lüscher führt durch dieses wüste Chaos mit in einer geschliffenen Sprache, die einen Sog ausübt, die zieht, die packt. Sprachlich meisterhaft, doch stellenweise zu plakativ, zu sehr Kintopp. Spürbar wird, dass der Autor jahrelang in der Filmindustrie gearbeitet hat. Das Ausweiden eines Kamels, das macht sich sicher gut auf der Leinwand – in der Novelle, die sowieso ständig zwischen Realität und Farce schwankt, ist es ein Tick zuviel, schwenkt den Fokus zu sehr Richtung Actionfilm.

Mir ist bewusst, ich stelle – nach Preising – die falsche Frage. Und doch drängt sie sich mir auf: Wo ist die Moral, was ist die Erkenntnis? Bei allem Jubel über die Kunstfertigkeit der Erzählung – ich haderte auch mit diesem Buch. Die formale Kunstfertigkeit, der stilistische Esprit überpinseln ein Manko dieses Textes: Auch wenn er wirtschaftspolitisch hochaktuell ist, inhaltlich bietet er nichts Neues. Die Erzählung zeigt: Der Mensch, nimmt man ihm die Grundlagen und seine Rückversicherung, der wird zum Tier. Ob und was Preising, Quicky & Co. gelernt haben, lässt Lüscher offen. Dass der Mensch jedoch des Menschen Wolf ist, müsste ohnehin nicht mehr eigens betont werden – das wird bei dieser Abenteuergeschichte mit zum Teil absurden Elementen großformatig an die Leinwand geworfen. Aber die Erkenntnis, dass Hochmut vor dem Fall kommt, dass der Tanz auf dem Vulkan in der Katastrophe endet – auch das ist eine Erfahrung, von der uns die Geschichte zeigt: Der Mensch als Individuum ist lernfähig, die Menschenheit als Gesamtheit wohl kaum. Die Folgen der Finanzkrise – sie werden bald vergessen sein. Eine Änderung des Systems wird es nicht geben. Nicht bevor die Wüste ausgreift. Die Anti-Zivilisierung der Menschheit – in Umkehrung von Norbert Elias – ist ein genetischer Defekt, der von Generation zu Generation weitergegeben wird.

Insofern lässt mich dieses Stück Literatur ratlos zurück. Und unbefriedigt. Wie ein wunderbares amuse gueule. Es sättigt nicht. Man hofft auf mehr. Spannend wird es daher sein, noch Weiteres von diesem Autoren zu lesen – vielleicht auch seine Dissertationsarbeit. Ihr Sujet: Inwieweit ist Literatur dazu geeignet, komplexe soziale Probleme zu beschreiben?

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Ulrich Peltzer: Das bessere Leben

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Bild: (c) Michael Flötotto

Please allow me to introduce myself
I’m a man of wealth and taste
I’ve been around for a long, long year
Stole many a man’s soul and faith…

Pleased to meet you: Es gibt Bücher, die entwickeln ihren eigenen Sound. Und manche setzen diesen Sound im Kopf frei, beim Lesen jagen Versatzstücke durchs Hirn, Stimmen, Sätze, Songs. „Das bessere Leben“ von Ulrich Peltzer ist ein derartiges Buch für mich. Ein vielstimmiger literarischer Trip durch die komplexe, unüberschaubare Welt der Manager, Global Player und Businesstypen, mit Abstechern in rheinländische Reihenhausbiederkeit und in die hippe Kunstszene, zudem ein Parforceritt durch die gescheiterten Utopien des 20. Jahrhunderts. Moskau, Wien, Rotterdam, London, Mailand, Frankfurt, Turin, China, Brasilien, USA – nur einige der Schauplätze, die im Roman eine Rolle spielen. Und die Sprache sitzt. Das Fragmentarische, Zersplitterte der Sätze, die ständigen Wechsel der Erzählerstimmen, das Gehetzte der Gedanken, die Gedankensprünge, ein stetiger Strom, ein Bewusstseinsstrom, die lose verknüpften Erzählstränge, die doch so dicht verwoben sind: Das alles macht das Buch zu einer Herausforderung. Ja, die ersten Seiten sind mühsam, aber dann entwickelt sich ein Sog des Erzählens, der das Buch herausfordernd und herausragend macht.

„Was möglich gewesen wäre, unter Umständen, aber nicht eingetreten ist. In der Wirklichkeit gibt es keinen Konjunktiv als Rettung, dachte Möhle, nur in der Kunst. Die aus einem einzigen Hätte-könnte-würde besteht und mit den Fakten macht, was sie will. Beziehungsweise … sich das Recht nimmt, zu entscheiden, wie eine Erzählung in Worten und Bildern zusammenhängen soll, solange die Wahrscheinlichkeit gewahrt bleibt. Sie nicht vollends ins Phantastische abdriftet, oder? Was ist denn schon wahrscheinlich? Eins so gut wie das andere, im Prinzip, in der Vorstellung. Nur leider mangelt`s an der oft im Leben, im Wirklichen. Wo man wie festgenagelt an Dingen festhält, die es nicht wert sind, die ihrer Bedeutung verlustig gegangen sind, manchmal von heut auf morgen.“

Zwei Typen stellt Peltzer aus der Armee moderner Geschäftsleute in seinem  Roman in den Mittelpunkt: Den Sachlichen, der im Getriebe weltweiter Geschäfte eher verfangen ist und den Strippenzieher, der vom Spiel an sich gefangen ist.

Jochen Brockmann, einer der beiden Hauptfiguren des Romans, steht vor dieser Situation: Der kühl denkende Ingenieur und Sales Manager, Anfang 50, geschieden, die Exfrau sucht ihr Heil in Yogaübungen und Zen, die Tochter in der Kunst, die Geliebten in der Flucht (resp. er in der Flucht vor ihnen), der Kontakt zu Geschwistern und Eltern lose und unterkühlt. Privat ist da nicht viel in diesem Leben, das auf Geschäftsreisen spielt. Und auch beruflich wird ihm der Boden unter den Füßen weggezogen: Das italienische Familienunternehmen wird von jungen Dynamikern überrollt, Brockmann ist ein Auslaufmodell. Midlife-Crisis setzt ein: War es dass, das gute Leben? Konsumkäufe auf Reisen und eine kleine Grafiksammlung?

Faust:

„Ich fühl`s, vergebens hab`ich alle Schätze
Des Menschengeists auf mich herbeigerafft,
Und wenn ich mich am Ende niedersetze,
Quillt innerlich doch keine neue Kraft;
Ich bin nicht um ein Haar breit höher,
Bin dem Unendlichen nicht näher.“

Sein Gegenpart: Sylvester Lee Fleming, ebenfalls ein „global player“, Strippenzieher und Verstrickter zugleich – in undurchsichtige, nur scheinbar legale „Versicherungs“-geschäfte. Einer, der verführerisch ein besseres Leben verspricht – seinen Kunden, Jungmanagern, die er an der goldenen Leine hält, auch den wenigen Menschen, die er etwas weiter hineinlässt in seine private Gefahrenzone. Ein Mephisto mit Beschädigung: Sich unruhig in Hotelzimmer wälzend, an der Vergangenheit knabbernd, ein vereinsamter Höllenhund. Getrieben von Überdruss, Zynismus, scheinbarer Abgeklärtheit (auch da liegt eine buchstäbliche Leiche im Keller des Gewissens).

Mephistopheles:

„Wer lange lebt, hat viel erfahren,
Nichts Neues kann für ihn auf dieser Welt geschehn.“

Ganz wie Mephistopheles trifft Fleming den Brockmann in der Phase seines größten Zweifels und der Resignation an, versucht ihn, in seine zwielichtigen Geschäfte zu verstricken, ist der Verführer. Brockmann widersteht. Das Ende bleibt offen. Das Flugzeug zum nächsten Geschäft hebt ohne ihn ab. Der letzte Satz eine Andeutung:

„Darf ich mich Ihnen vorstellen?“, sagt plötzlich der Mann auf dem Nebensitz. Warum nicht?

Mephisto alias Fleming verführt das nächste Opfer, money makes the world go round, die Kapitalismusmaschine dreht sich weiter.

Und Brockmann, findet er vielleicht das bessere Leben? Im Rückzug ins Private? Von den Boni an der Seite von Angelika lebend – jene durchaus kein naives Gretchen, sondern eine gestandene, kluge, welterfahrene Frau? Auch dies muss sich die Leserin, der Leser selbst zu Ende schreiben, diese nur „angezettelte“ Liebesgeschichte.

Vielfach wurde in den Rezensionen auf die „Leerstellen“ hingewiesen, die Peltzer in seinem Buch hinterlässt: Nicht „zu Ende“ erzählte Lebensgeschichten, lose verlaufende Erzählstränge. Scheinbare Erklärungen liefert die Politik am Fließband. Erklärungsversuche sind Sache der Philosophen. Die Literatur – wenn sie denn in so gelungener Form daherkommt – erfüllt eine andere Funktion: Sie erzählt von der Welt und zwingt im besten Falle zum Weiterdenken. Zum Selberdenken.

Und gerade dies ist eine der großen Stärken dieses Romans: Peltzer ist nicht nur ein hochverdichtetes Abbild unserer durchkapitalisierten Gegenwart gelungen, eine Darstellung des Hamsterrades, in dem sich Menschen bewegen. Die zahlreichen Bezüge und Hinweise auf vergangene und verlorene Utopien und Illusionen – jenen der Studentenbewegung, die im Terror der RAF endeten bis hin zu jenen des Sozialismus, die im Blut des real existierenden Stalinterrors versanken – münden alle in die Frage: Was ist es, „Das bessere Leben“?

„Ich bin der Geist, der stets verneint!
Und das mit Recht; denn alles, was entsteht,
Ist wert, daß es zugrunde geht;
Drum besser wär`s, daß nichts entstünde.“

Solch mephistophelischen Fatalismus hinterlässt der Peltzer-Roman dennoch nicht – aber er bedient auch nicht mit oberflächlichen Antworten in billiger Ratgeber-Manier.

Habe nun ach! Dies Buch gelesen und studiert: Und mich der Magie seiner Sprache ergeben. Mein persönliches Fazit nach wochenlangem Long- und Shortlist-Lesen: Ich weiß nicht, ob es der beste Roman des Jahres ist – diese Aussage halte ich per se für gewagt. Aber von all jenen, die mir im Zuge des Buchpreisbloggens in die Finger kamen, ist es mein Favorit. Ulrich Peltzer, das bessere Lesen. Am Montag, nach der Buchpreis-Verleihung, wissen wir mehr.

Das Buch kann bei buchhandel.de bestellt werden: Ulrich Peltzer, „Das bessere Leben“, S. Fischer Verlag, 2015.

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Steffen Kopetzky: Risiko

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Bild von ErikaWittlieb auf Pixabay

„Das erste große Geschäft, das die Welt revolutioniert hat, war …nun?“
Zickler dachte nach, was Helphand zuvor gesagt hatte. Religion – Zucker fürs Volk.
(…)
„Aber Zucker wurde immer billiger. Das nächste große Geschäft musste her.“
Jetzt wusste Zickler natürlich schon, worauf es hinauslief: Opium. (…)
Mittlerweile, so führte Helphand aus, habe sich die Industrie tatsächlich gegenüber der agrarischen Produktion und den Genussmitteln, mit denen einst das große Geld verdient worden war, einen Vorrang erarbeitet. Das Genussmittel der Gegenwart sei etwas anderes: Energie.

Steffen Kopetzky, „Risiko“, Klett-Cotta Verlag, 2015.

Wenn Putin und Obama dieser Tage um die Deutungshoheit im Anti-Terrorkrieg rangeln, so glauben vermutlich nur noch hoffnungslose Romantiker, hier ginge es allein um humanitäre Hilfe für die syrische Bevölkerung und den Schutz westlicher demokratischer Werte. Es geht vor allem um die Stoffe, die das Weltgetriebe schmieren: Macht und Öl.

Wer Wind sät, wird Sturm ernten: Seit mehr als anderthalb Jahrhunderten werden der Nahe Osten und die Arabische Welt vom Westen als eine Art riesiges Depot betrachtet. Die Erdölvorkommen und andere Rohstoffe weckten und wecken Begehrlichkeiten. Die Kriege der jüngsten Zeit – wesentlich von wirtschaftlichen Motiven angetrieben – sie sind der Boden, auf denen der Terror wächst. Öl und Macht sind sowohl Motiv und Ziel aller machtstrategischen Planspiele, die die sogenannten Großmächte steuern. Das ist heute so, das war vor einem Jahrhundert so.

Der Krieg ist die Mutter fast allen Wahnsinns: Und so erinnert Steffen Kopetzky in seinem über 700 Seiten starken Roman „Risiko“ an ein wahnwitziges deutsch-türkisches Unternehmen, das einige deutsche Soldaten mitten in das „great heartland“ imperialistischer russischer und britischer Politik führen sollte. Noch nie hatten zuvor Deutsche Afghanistan betreten – doch 1914 machte sich ein von Berlin gesteuerter Trupp nach Kabul auf, um von dort aus in einem deutsch-türkischen Bündnis die Völker des zerfallenden Osmanischen Reiches in einem „Dschihad“ gegen die Russen und Briten aufzuwiegeln. Was Lawrence of Arabia wenig später gelang – die zerstrittenen Stämme und Völker zu vereinen – endet bei dem deutschen Unternehmen in einem Fiasko.

Die Realität holt die Berliner Planspiele ein: Die Wirklichkeit am Tigris, in der siechenden Stadt Isfahan, in der Salzwüste Kewir und im harschen afghanischen Gebirge ist eben eine andere als das, was sich die Strategen in der wilhelminischen Hauptstadt zusammenträumten. Wobei der Motor dieser wahnwitzigen Operation ein durchaus erfahrener Orientalist war: Max von Oppenheim, der sich unter anderem als Archäologe einen Namen gemacht hatte.

Nicht von ungefähr nannte Kopetzky seinen Roman jedoch auch nach einem Brettspiel, das, wie sich der Kaffeehaussitzer auch in seiner Besprechung erinnert, Mitte der 80er-Jahre vor allem von der männlichen Jugend begeistert gespielt wurde: „Risiko“ taucht im Buch als „Großes Spiel“ auf, das deutsche und türkische Offiziere fesselt. Der Krieg als Spiel – die Menschen und Einheiten werden zu Figuren, die strategischen Gesichtspunkten geopfert werden.

Geschickt treibt Kopetzky dieses Spielmotiv immer wieder voran, verknüpft die Erzählebene mit historischen Hintergründen, zeigt die politischen und militärischen Verwerfungen auf. Daneben führt er neben seinen fiktiven Hauptfiguren – unter anderem wird das Buch getragen von einem jungen bayerischen Marinefunker und dessen Gegenspieler, einem englischen Spion (der in die Rolle eines indischen muslimischen Prinzen schlüpft, zunehmend Identität sowie Verstand verliert und dabei nicht von ungefähr an den oben genannten Lawrence of Arabia erinnert) – auch historische Personen ein, unter anderem Max von Oppenheim als Stratege ohne Fortune. Der Vater von Albert Camus als algerisch-französischer Soldat hat ebenso einen Auftritt wie ein Verwandter von Robert Musil.

Für Kopetzky spricht, dass er besser als seine Strategen im Buch die Fäden in der Hand behält, die Nebenstränge der Erzählungen gut verknüpft und zusammenführt. Rund zehn Jahre soll der Autor für dieses Buch recherchiert haben – diese akribische Kenntnis über ein Einzelunternehmen in diesem „Großunternehmen“ des Ersten Weltkriegs geht allerdings manches Mal auch zu Lasten des Erzählflusses: „Risiko“ ist, wie es im Deutschlandradio hieß, ein „pompöses Orient-Abenteuer“, manche „Troddel“ an diesem Faktenteppich ist denn aber auch ein wenig zuviel.  An einigen wenigen Stellen braucht man als Leser durchaus langem Atem oder die Geduld eines Wüstenbewohners, um im Bild zu bleiben.

Dennoch: „Risiko“ ist ein gut lesbarer Abenteuerroman, hat seine Schmökerqualitäten und bietet einen Einblick in ein politisches Unterfangen, das uns heute wieder berührt – die Namen Damaskus, Aleppo, Kabul, sie prägen wieder unsere Nachrichten. Dass das Buch allerdings nicht von der Long- auf die Shortlist gelangte, ist in meinen Augen verständlich: Bis auf einige Längen durchaus flüssig erzählt, bleibt es sprachlich jedoch auf einer konventionellen Ebene. Und die Deutungsebene hinkt hinter dem Erzählen hinterher – die Figuren bleiben stellenweise eindimensional und blass, die eingebaute Liebesgeschichte ein wenig seicht (und ist im Grunde auch überflüssig), manchmal greift Kopetzky auch stilistisch etwas daneben. Dazu mehr in der Besprechung der „Zeit“, deren Tenor ich jedoch nicht teile: So trocken wie die Wüste ist „Risiko“ durchaus nicht – aber eben auch kein Roman, der Leser mitreißen wird, die wenig Affinität zu solchen Themen haben.

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Inger-Maria Mahlke: Wie ihr wollt

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Bild: (c) Michael Flötotto

Alles ist faul im Staate Heinrich Blaubarts und seiner Nachkommen. Da wird am Hofe Elisabeths I. antichambriert, hofiert, intrigiert, um Leib, Leben und Status gekämpft und dennoch ist aufgrund verwickelter Verwandtschaftsverhältnisse, unüberschaubarer Machtspiele und unüberbrückbarer Religionsfragen kein Kopf vor dem Rollen sicher. Und über alledem thront die Queen – die die Fäden in harter Hand hält, die die Puppen tanzen lässt.

Inger-Maria Mahlke hat sich eine der turbulentesten Epochen der englischen Geschichte für ihren Roman „Wie ihr wollt“ herausgepickt. Und legt damit ein Buch vor, das kräftig gegen die allgemeinen Klischees und gegen den Strich in Sachen Historienroman gebürstet ist: Die Heldin, das ist keine strahlende, liebreizende, holde Jungfer, ein positiver Held fällt komplett aus, und überhaupt mangelt es an echten Sympathieträgern in diesem Roman, in dem alles Verwicklung ist bis hin zur überaus verschachtelten Erzählstruktur und seiner düsteren, ausweglosen Kammerspiel-Atmosphäre. Zudem wird der historische Stoff, der eine interessante Figur des elisabethanischen Zeitalters in den Mittelpunkt rückt, durch eine moderne, frische Sprache konterkariert.

Also die Warnung gleich vorneweg: Das ist kein Roman fürs „easy reading“. Wer sich die englische Geschichte und Shakespeare-Dramen nicht bereits schon verinnerlicht hat, wird sich zunächst bei der Lektüre dieser „literarischen Aneignung eines historischen Stoffes“ (so die Autorin über ihren Roman) schwer tun. Und auch der vorangestellte Stammbaum sowie Kurzcharakteristika der Figuren am Ende des Buches erleichtern den Lesefluss nicht – das Buch ist beinahe aufgebaut wie ein Puzzlespiel, mit Sprüngen vor- und rückwärts durch die Chronologie und Familiengeschichte, so sprunghaft wie der Gedankenfluss der Anti-Heldin.

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Mary Grey, einer kleinwüchsigen Adeligen mit entfernten Thronansprüchen und einer unstatthaften Heirat. Wer Elisabeths ehernen Willen zuwider handelte, wurde kurzerhand verbannt (die gesündere Variante), in den Tower verfrachtet oder geköpft. Nicht wenige aus Mary Greys Verwandtschaft ereilte dieses Schicksal – getowert und geköpft. Für letzteres schien jedoch auch die echte Mary Grey nicht wichtig oder gefährlich genug – jahrelang wurde sie bei königlichen Gewährsleuten gefangen und vom Hofe fern gehalten. Der Roman setzt dort an, als die frisch verwitwete Mary sich um eine Rehabilitierung bemüht – erlebtes Erzählen, Tagebuchnotizen der Protagonistin, Erinnerungsfetzen und kleine dramatische Szenen mit ihrer Dienstmagd fügen sich nur allmählich zu einem Gesamtbild zusammen.

Im Grunde ist der Roman ein düsteres Kammerspiel mit zwei Personen – ein Beziehungsdrama zwischen einer eingesperrten Kleinwüchsigen, die trotz innerer Opposition und Rebellion auch die Träume von Anerkennung und Aufstieg nicht unterdrücken kann und ihrer sperrigen, wortkargen Dienerin, die Reibungsfigur, Gefangenenwärterin und Verbindungsperson zur Außenwelt zugleich ist.

Wer die Lesekonzentration für die sprunghafte Erzählweise aufbringt, der kommt in den Genuss eines durchaus unterhaltsamen Psychogramms: An den bissigen Ergüssen des „Giftzwergs“ Mary Grey, die in inneren Monologen zunehmend deutlicher ihre Verbitterung und Bosheit über Intriganten, Karrieristen und Wendehälse ausschüttet, kann man sich ergötzen.

Ans Herz wächst einem die arme Gefangene dennoch nicht. Mary Grey ist letzten Endes keine Identifikationsfigur – ist sie doch nicht nur in den Ketten ihrer körperlichen Behinderung gefangen, sondern auch in den Ketten ihrer eigenen (Macht-)Ansprüche. Ihr Käfig ist – trotz allem Willen zur Selbstbehauptung – auch ein Selbstgewählter. Sie bleibt eine Getriebene, eine, die nach öffentlicher Anerkennung als Mitglied des Hofes hungert. Zwar könnte man Mary Grey trotz ihrer Widersprüchlichkeit und äußerlichen Machtlosigkeit auch als moderne Frauenfigur interpretieren – in ihren Tagebucheinträgen wird der kritische, distanzierte Blick auf Ränkespiele und Neurosen deutlich, analysiert sie das Geschehen klar und begehrt dagegen zumindest in ihren Notizen auf, auch wenn sie selbst Gefangene ihrer eigenen Herkunft bleibt. Dennoch bleibt sie als Figur ambivalent, zweideutig.

Das trotzige „Wie ihr wollt“ des Titels bezeichnet ein Anti-Programm zum shakespearianischen Illyrien in „Was ihr wollt“: Wer mich (Mary Grey) nicht will, der hat halt schon gehabt…eine Trotzreaktion, weil die Hauptfigur nur zu deutlich erfährt, wie es ist, wenn man in mehrfacher Hinsicht nicht dazugehört, wenn man ausgeschlossen bleibt.

Der Roman ist konzeptionell eine Herausforderung – man könnte auch sagen: streckenweise etwas mühsam in seiner Verklitterung. Doch Inger-Maria Mahlke punktet (bei mir zumindest) mit einer lakonischen, teils bissigen, teils knochentrockenen Sprache. Dennoch war ich über die Platzierung auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis überrascht – aber so ist es eben mit Jury-Entscheidungen: Wie es Euch gefällt.

Inger-Maria Mahlke, „Wie ihr wollt“, Berlin Verlag, 2015, 272 Seiten.
Bestellmöglichkeit bei Buchhandel.de.

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Gertraud Klemm: Aberland

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Bild von engin akyurt auf Pixabay

„Franziska lehnt an der Wand, die Lesung dieser Rothaarigen will und will nicht enden, sie hört sich offenbar gerne reden, was Beatrice wieder daran findet, aber immerhin ist es nicht dieser knappe, karge Stil, der unparfümiert wirken soll, sondern ein üppiger, als würde sie die Fundstücke mit beiden Händen in einem Bottich mit Worten wühlen und die ins Publikum werfen, Franziska denkt an den letzten Bestseller, den sie gelesen hat, authentische, kraftvolle Prosa, stand in der Zeitung, aber wie so oft blieb es eine trockene Angelegenheit, sie hat ihn schlecht gelaunt weggelegt, nichts darf mehr saftig und opulent sein auf dieser Welt, nicht im Käse und nicht im Wein und nicht in der Literatur (…).“

Gertraud Klemm, Aberland, 2015, Droschl Verlag

Nein, den Vorwurf könnte man dem Roman von Gertraud Klemm nun beileibe nicht machen, dass er eine trockene Angelegenheit sei. Da mäandern die Gedanken der beiden Frauen aus gutem Hause saftig und opulent über kaum endend wollende Sätze hinweg, da jagen sich die Bosheiten und das innere Aufbegehren atemlos und authentisch wirkend, da wird in Worten gewühlt und man fühlt sich – wie Carola Ebeling es in der Zeit trefflich beschrieb – nach der Lektüre beinahe „bespuckt wie von den Essensresten eines Kleinkindes“.

Das Problem jedoch ist, dass die beiden Protagonistinnen weitaus weniger kraftvoll agieren als es die kraftvolle Klemm-Prosa wünschen lässt, dass beide Frauen nur mit Ladehemmung handeln, dass insbesondere Franziska einen zu schwachen Magen hat, um den saftigen Wein des Lebens zu genießen. Sie stellt damit eine weitere jener Frauenfiguren dar, die mir in jüngster Zeit des öfteren in der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur begegneten – und die ich im echten Leben nicht unbedingt zur besten Freundin haben wollte.

Mag sein, ich fühle mich inzwischen etwas „milieuschilderungsgeschädigt“. Ein Blick auf „Die Glücklichen“ durch die „bodentiefen Fenster“ und schon bin ich voll im „Aberland“ gelandet. Aber – kann es das gewesen sein, was von der motzigen, wütenden, frechen Frauenbewegung der 70er und 80er Jahre übrig geblieben ist? Diese Resignation, der Rückzug ins Private? Statt des Kampfrufes „Mein Bauch gehört mir“ der eher larmoyante Seufzer „Auweia, mein Bauch gehört mir immer noch nicht“?

Gut, literarisch waren die Erzeugnisse der Emma-Anfangszeit nicht unbedingt ergötzlich („Der Tod des Märchenprinzen“ mein persönlicher Tiefpunkt) und gingen dann sachte über in die schon deutlich im Temperament gezügelten männermordenden Phantasien einer Ulla Hahn („Ein Mann im Haus“), Elke Schmitter („Frau Satorius“) und mündeten in die Kriminalromane der Inge Noll, die für mich den Einzug einer gewissen literarischen Behäbigkeit in der frauenbewegten Literatur kennzeichnen. Der Furor einer Jelinek blieb die Ausnahme.

Und wie sieht es heute, in der nächsten Generation von Frauen, die über Frauen schreiben, aus? Ein allgemeingültiges Urteil kann ich dazu nicht treffen, zu wenig habe ich davon gelesen in letzter Zeit. Mein Eindruck stützt sich auf die drei eingangs genannten Romane:

– „Die Glücklichen“ von Kristine Bilkau (im gemeinsamen Blogger-Leseprojekt hier diskutiert)

– „Bodentiefe Fenster“, das ich, von den Figuren und dem Erzählduktus eher angenervt, abgebrochen habe – eine Besprechung, die meine Leseeindrücke wiedergibt, findet sich bei Zeilensprünge

– und nun „Aberland“ von Gertraud Klemm, auf meiner Leseliste im Rahmen der Buchpreisblogger.

Zwar stehen bei Bilkau vordergründig die Themen der Gentrifizierung, der Globalisierung, der unsicheren wirtschaftlichen Lage kreativer Berufe im Vordergrund, bei Stelling die Milieuschilderung im Selbstverwirklichungs-Biotop Prenzlauer Berg. Doch kreisen beide Bücher auch um die Thematik, wie junge, moderne, meist akademisch gebildete Frauen mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zurechtkommen – oder vielmehr: Mit der Un-Vereinbarkeit nicht zurechtkommen.

Gertraud Klemm fokussiert sich in ihrem Roman einzig auf diese Frage: Wie kann das gehen, seinen Anspruch auf berufliche Selbstverwirklichung mit den Anforderungen des Familienlebens, mit Mann und Kind, in Einklang zu bringen? Sprachlich ist dieser Roman für mich der gelungenste der drei Beispiele: Klemm schreibt giftig, zubeißend, mitreißend, packt in ihre mäandernden Satzschlangen und Wortkaskaden teilweise brillante Alltagsbeobachtungen, teilweise Szenen voll schreiend komisch-bissigem Humor.

„Die Rede neigt sich dem Ende zu, jetzt wird die berufliche Klimax in ihre Einzelteile zerlegt, die wichtigsten Entscheidungen, die Beförderungen, und natürlich wieder die Verschränkung mit dem eigenen Geleisteten, geschickt macht er das, wie eine bunte Strähne in ein Zöpfchen eingeflochten wird, so dezent und dekorativ verwebt er sein Ego in die Rede, eine Kunst ist das, grausig, was alles passiert, wenn einem ehemaligen Platzhirsch erst das sexuelle Selbstverständnis abhanden kommt und dann das berufliche, da müssen Philosophie herhalten und Kunstgeschichte, Zitatebücher werden auswendig gelernt, da wird den Jungen das Wort abgeschnitten, die Sessel werden unter den Hintern weggezogen, überall, wo es nur geht, machen sie sich breit, auf der Universität und in den wohltätigen Gremien, am Buchmarkt, auf den Bühnen und Podien der lokalen Kulturszenen, alles sauer gewordene Männer.“

Der Roman schildert zwei Frauen, beide treten mit einem langen inneren Monolog, einem Gedanken- und Bewusstseinsstrom, in wechselnden Kapiteln auf.

Da ist die 59jährige Elisabeth, die Leere ihres Alltags mit Körperpflege oder besser „Körper-Erhaltung“ beim Sonnenbaden, Massagen und im Kosmetiksalon füllend, mit dem frisch pensionierten Kurt an ihrer Seite und möglichen, aber unausgelebten Affären im Kopf, wie so manches in diesem Leben unausgelebt erscheint.

Und da ist ihre Tochter Franziska, in ihrer Bulthaup-Küche sitzend, mit Atemübungen gegen die Atemlosigkeit ankämpfend („sich zurückatmend in ihr glückliches Leben“), die zwischen dem Wunsch, endlich die Dissertation fertigzubringen, und der Realität von Kindergeburtstagen, Wäschebergen und einem Mann, der der Karriere willen meistens abwesend scheint, entsteht. Dazu werden von Gertraud Klemm noch fast klammheimlich böse die ganzen Klischees moderner, bürgerlicher Familien untergebracht: Yoga, veganes Essen, das übliche Bio-Schuldbewusstsein, etc.

Beide, wie beschrieben, im inneren Aufstand gegen ihr Dasein, ihren Status quo – Elisabeth gegen den der „Nur-Hausfrau“, Franziska gegen den derjenigen, die in der Partnerschaft trotz ihrer Dissertation doch den Hauptanteil an Kindererziehung und Haushalt übernehmen muss. Die jeweiligen Männer dazu: Zeit fließt in die eigene Karriere und in das Pflegen von Männerbünden.
Als Gegenfigur, die sich in ihrer Bindungsunfähigkeit und sexuellen Haltlosigkeit jedoch bald als unbefriedigend erweist, tritt der alternde Künstler Jakob auf. Beide Frauen sind mit ihm verbunden – Franziska geht eine kurzfristige Affäre mit ihm ein, wird aber bald ausgetauscht. Sie weiß nicht, dass auch ihre Mutter ihn schon lange kennt, mit Apfelkuchen und Geldzuwendungen betütelt, aber es beim Platonischen beläßt. Franziska vollzieht sozusagen, was sich Elisabeth versagt. Und findet dennoch darin keine Erfüllung, keinen Ausweg: Beide Frauen sind nicht zur Libertinage begabt, zu sehr denn doch ihren bürgerlichen Vorstellungen verhaftet.

Dies alles blättert Gertraud Klemm gnadenlos von Kapitel zu Kapitel auf. Den Kapiteltexten voran gestellt sind jeweils grafisch gestaltete Einladungen zu den „Events“, die die Zeit der Frauen füllen, Muttertag, Kindergeburtstage, Gartenpartys, etc. Für meinen Geschmack ist das etwas zu verspielt, bricht die fortlaufende Bissigkeit des Textes.

Was mir jedoch an diesem Buch so wenig behagt wie an den anderen genannten – auch wenn es in dieser Reihe das deutlichste ist, die Dinge am deutlichsten benennt, am radikalsten sprachlich und inhaltlich den Finger auf die Wunde legt – es geht keinen Schritt über die Darstellung des gesellschaftlichen Status quo hinaus. Zwar analysiert und demontiert Gertraud Klemm in ihrem wütenden Text den Zustand der Verhältnisse gnadenlos, aber auch ihre Protagonistinnen finden aus dem Zustand der Erstarrung nicht heraus, lassen sich zurück in klassische Rollenmuster drängen bzw. drängen sich selbst.

Gertraud Klemm bezeichnet sich selbst als feministische Autorin. Mit ihrem Roman gelingt es ihr zwar, die Fallen aufzuzeigen, in denen Frauen sich heutzutage verstrickt sehen und selber verstricken. Das kann beim Lesen durchaus Prozesse freisetzen, dazu führen, auch eigene Anspruchshaltungen und Erwartungen zu hinterfragen. Und dennoch wirkt diese Suada von Frustrationen ab einer gewissen Länge erschöpfend: Man ahnt als Leserin, als Leser, der innere Aufstand führt zu nichts. Es ist ein Kreisen um die innere Befindlichkeit ohne Auflösung, ohne Befreiung in einer Aktion.

Noch einmal Carola Ebeling:

„Gertraud Klemm geht es um die gesellschaftlichen Strukturen, die diese Normalität nach wie vor befördern – aller Rede von Fortschritten in der Gleichberechtigung zum Trotz. Kommen Kinder ins Spiel, finden sich auch jene Paare in tradierten Geschlechterrollen wieder, die dies nie vorhatten. Das ist bekannt. Das ist auch Statistik. Kann man daraus Literatur machen? Gertraud Klemm kann es.“

Ja, es ist Literatur. Und von dieser kann man sicher keine Allheilmittel gegen gesellschaftliche Entwicklungen und Zustände erwarten. Doch wenn es zum Trend würde, es bei der Ist-Darstellung zu belassen – und kommt sie noch so böse, witzig oder satirisch daher – so wäre mir dies zu wenig. Auch vor dem Hintergrund der eingangs ebenfalls erwähnten Romane von Bilkau und Stelling, stelle ich mir nochmals die Frage: Wo sind die Utopien, die Visionen? Wo die Frauen, die aufbegehren? Wo bleibt die rote Zora?

Mit Dank an den Droschl Verlag für das Rezensionsexemplar.

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Kai Weyand: Applaus für Bronikowski

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Hallo, Ihr sorgenvollen Lebenstraumerfüllte,
Um mich müsst Ihr euch keine Sorgen machen. Ich lebe meinen Traum. Ich arbeite mit Abraham Lincoln zusammen, und ich halte ihn für echt. Er ist ein Untoter. Früher kämpfte er gegen die Starrköpfigkeit der Südstaaten, heute gegen die Leichenstarre der Toten. Ich helfe ihm, sie wieder geschmeidig zu machen. Eine Kleinwüchsige und ein Kasache sind auch mit von der Partie. Es gibt verdammt viele Tote. Sie kommen von überall her. Aus der ganzen Welt. Unser Arbeitgeber ist sehr demokratisch. Er macht keine Unterschiede zwischen reich und arm, alt oder jung, männlich oder weiblich, schwarz oder weiß, Muslim oder Christ, alles egal. Alle landen sie bei uns. Tägliche rieche ich den Duft der weiten Welt. Herrlich. Dafür muss ich nicht einmal nach Kanada oder London. Mein Traum ist direkt hier um die Ecke. Demnächst organisiere ich eine Seebestattung. Ein Geheimauftrag, darf niemand von wissen, nicht mal der Bruder, das wird bestimmt ganz toll. Heute habe ich jemanden zusammengeschlagen, das war auch toll. Der meinte, ich sei nekrophil. Ich denke nicht, dass er recht hat.

NC
Executive Funeral Management
Operator Worldwide

Kai Weyand, “Applaus für Bronikowski”, 2015, Wallstein Verlag

Nach dem ersten Longlistlesen – Ralph Dutli (akademisch-anstrengend) und Valerie Fritsch (apokalyptisch-bedeutungsschwanger) kam dieses Buch zur rechten Zeit. Ja, auch so kann die neue deutsche Literatur sein! Da schreibt einer einen kleinen Roman über die großen Fragen des Lebens – dessen Sinn, das Leben vor und nach dem Tod, die Würde über das Lebensende hinaus – voller skurriler Ideen, echter Typen, liebevoll beschriebener Charaktere und einer mitreißenden Handlung. Hut ab! Oder vielmehr: Applaus – wenn auch ein etwas zurückgenommener. Ganz ohne Mäkelei geht es denn doch nicht.

Applaus für: Diese herrlich absurde, groteske „Initiationsgeschichte“ (dies Etikett wurde dem Roman in den Feuilletons gegeben – wobei ich mich frage, ob dies auf den Entwicklungsschub eines 31jährigen tatsächlich noch passt?). Egal. Jedenfalls ist es Kai Weyand gelungen, mit dieser Erzählung über Halbtote, Untote und sehr tote Menschen eine lakonische Leichtigkeit zu transportieren – und das ist auch schwere Kunst. Im Mittelpunkt seines Romans steht Nies: Ein eigentlich gescheiterter 31jähriger, der sich von Job zu Job hangelt, gerade (wohl wieder) eine Beziehung hinter sich gelassen und wenig Perspektiven vor sich hat. An seinem Geburtstag ist ihm klar, dass „der Kurs seiner Lebensaktie wohl wirklich auf Ramschniveau gesunken ist.“ Andere – so der lebensoptimierte Banker-Bruder in London – würden dynamisch-effizient-energisch die Krise beim Schopfe packen. Das ist jedoch nicht die Sache des Protagonisten: Jener verharrt, seit seine Eltern ihn und den älteren Bruder als „Aufpasser“ zurückließen, um sich zwecks Erfüllung ihres Lebenstraums gen Kanada aufzumachen, in der Trotzhaltung eines Verlassenen. Das kindliche Trauma wird konserviert, allenfalls bricht es sich in gelegentlichen harmlosen Gewaltausbrüchen Bahn – Nies setzt Statements, indem er Eier gegen Häuserwände klatscht. Und sich konsequent allen bürgerlichen Bahnen verweigert. Nomen est omen: Auch als 31jähriger nennt sich Nies konsequent noch „NC“ = No Canadian.

Beim letzten gemeinsamen Essen am Abend zuvor verkündete Nies, dass er seinen Namen ablege und sich ab sofort NC nenne. Das C werde englisch ausgesprochen.
Und was soll das bedeuten?, fragte seine Mutter.
No Canadian, antwortete NC.
Bernd verdrehte die Augen und schüttelte genervt den Kopf.
Sein Vater schaute ihn lange an. Schließlich räusperte er sich und sagte: Find ich gut, dass du kreativ mit der Situation umgehst.
Dann waren sie weg.

Dieser kurze Ausschnitt zeigt die Stärken und Schwächen dieses Romans: Kai Weyand schreibt szenisch, bildhaft, lebhaft – aber die Sprache, wenn auch dem Thema „Initiation“ angemessen, ist nicht immer literarisch ausdrucks- oder gar anspruchsvoll.

Im Grunde ist dieser Nies, der sich in seiner Verweigerungshaltung durch das Leben und die Straßen der Stadt treiben lässt, der kleine Alltagsbeobachtungen macht und genießt, der aufmerksam und liebevoll die Dinge am Wegesrand registriert, aber im Zusammentreffen mit Menschen seine Schwierigkeiten hat, im Grunde ist das ein Genazino-Typ, wenn auch bedeutend jünger als dessen letzte Helden. Und was dem Autoren (noch) fehlt im Vergleich zum Frankfurter Flaneur: Dieses eigenwillige, typische Spiel mit Wörtern, die Wortneuschöpfungen, die jeden Genazino prägen. Ansätze sind vorhanden, ist Nies doch einer, der ständig über die Sprache, über Wörter und ihre Bedeutungen philosophiert:

Er blieb stehen, obwohl er glaubte, in der Holpenstraße etwas Erfreulicheres entdecken zu können als ein Bestattungsinstitut. Aber er blieb stehen und bemerkte, dass Tod ein einsilbiges Wort war. Das gefiel ihm. Komplizierte Dinge bestanden aus mindestens zwei Silben, das Wort Liebe zum Beispiel. Noch schlimmer: Liebesverhältnis. Zwei Hauptwörter, zusammengesetzt, fünf Silben. Wahnsinn.
Tod.
Drei Buchstaben. Absolut ausreichend. Kaum mehr als die Mindestanzahl für ein Hauptwort. Mehr Buchstaben oder gar ein mehrsilbiges Wort wären geradezu geschwätzig für ein Ereignis des Verstummens, um das es sich ja handelte.

Wo Nies alias NC über den Tod und das Verstummen philosophiert, da ist auch der Ort, an dem der Roman so richtig Fahrt aufnimmt: Kurz entschlossen bewirbt sich der Spaziergänger um eine Stelle in einem Bestattungsinstitut – die Arbeit mit den Toten wird zur Stelle seines Lebens. Zwar scheitert Nies in einem Sinne auch hier – zu kreativ sind seine Vorstellungen bei der Umsetzung letzter Wünsche, eine symbolisch gemeinte Seebestattung geht buchstäblich unter – aber als Mensch reift er, wird „erwachsen“, erwacht aus seinem Dämmerzustand. Bis es soweit ist, überrascht Kai Weyand mit ungewöhnlichen Typen, anrührenden Szenen – so wird Nies der „Beschützer“ eines gemobbten Schuljungen und verguckt sich in eine „BäckereiFACHverkäuferin“ – und absurden Situationen, unter anderem bei der Abholung der Leiche des alten Bronikowski. Ein Wermutstropfen: Manches, beispielsweise die Witze mit der kleinwüchsigen Bestattergattin, geraten nah an den Klamauk, sind etwas platt.

Ansonsten aber: Ein wunderbar leichtes Buch, das wohl nicht lange auf eine Verfilmung warten muss – geradezu eine Vorlage für eine der neueren deutschen Komödien. Ein leichtes Buch über die schweren Fragen, über die letzten Fragen – aber wohl kein Roman für die Ewigkeit. Dennoch: Auf das nächste Buch dieses Freiburger Autoren freue ich mich jetzt schon. Wunderbare Unterhaltung.

Kai Weyand, „Applaus für Bronikowski“, Wallstein Verlag.

Mit Dank für das Besprechungsexemplar.

Auf der Longlist beim Deutschen Buchpreis, auf der Leseliste der Buchpreisblogger und auf der Hotlist der Unabhängigen Verlage.

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Ralph Dutli: Die Liebenden von Mantua

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Mantua bei Nacht, romantischer als der Roman. Bild von Rosy Torelli auf Pixabay

„Und bestimmt ruft dein Phantasma des liebenden Steinzeitpaares nach einem Roman, nicht wahr? Wie wär´s mit Die Liebenden von Mantua? Klingt auch in anderen Sprachen gut: The Lovers of Mantova oder Les Amants de Mantoue. Und dann werden dir natürlich die Mantuaner dankbar sein für Gli Amanti di Mantova. Sie werden dir lastwagenweise ihre trockenen, aber schmackhaften Torten schicken, du hast sie wohl noch nicht probiert, diese Erzeugnisse mit dem mürben Namen Sbrisolona.“

Ralph Dutli, „Die Liebenden von Mantua“, 2015, Wallstein Verlag.

Selbstreferentielle Bezüge, Sprachspielereien, Perspektivwechsel, Metaphorisches beinah auf jeder Seite, Alliterationen schon am Frühstückstisch:

„Märchenhaftes Mandelhörnchen trifft sakralen Espresso.“

Ralph Dutli zieht in diesem, seinem zweiten Roman, alle Register seines sprachlichen Könnens. Der Übersetzer von Ossip Mandelstam und Marina Zwetajewa, der Essayist und Lyriker, ist augenscheinlich sprachverliebt und hochgebildet. Und hatte sich für sein Buch augenscheinlich viel vorgenommen.
Zu viel?

Die Liebe über den Tod hinaus: Eine romantische Idee. Die Vorstellung wurde befeuert, als 2007 in der Nähe von Mantua ein Steinzeit-Paar in inniger Umarmung gefunden wurde. Die Wissenschaft holt im Roman die Romantiker auf den Boden der Tatsachen zurück: Die Beiden waren wohl getrennt bestattet worden und dann schlicht und einfach nur ineinander gerutscht. So kann es gehen mit romantischen Ideen – und so kann es auch gehen mit einem philosophisch-kunsthistorisch angehauchtem Buch über die Liebe: Sie lösen einen Erdrutsch, ein Erdbeben aus und scheitern, wenn es schlecht läuft, an ihrem eigenen Konzept.

„Der Wirklichkeit selbst sind die Pferde durchgegangen. Sie selbst hat die Zügel schießen lassen. Jetzt soll sie sehen, wie sie weiterkommt. Sie hat sich vergaloppiert.“

Mein Eindruck: Beim Schreiben vergaloppierte sich die Phantasie dieses sprachmächtigen, zur Poesie begabten Autoren mit seiner Leidenschaft für Kunst und Kultur. Er ver-fabulierte sich. Das Buch will alles sein: Liebesroman, Erzählung einer Männerfreundschaft, Kriminalgeschichte, kunsthistorisches Essay. Und so verheddern sich die Handlungsstränge und Parallelerzählungen, wird realistisches Erzählen und jenes aus der Traumperspektive vermischt, blieb bei mir am Ende vor allem ein Eindruck zurück: Mantua wäre mal `ne Sache für eine Kulturreise.

„Was für eine hirnrissige Komödie!“

seufzt Raffa, der Erdbebenforscher, bei der ersten zufälligen Wiederbegegnung mit seinem langjährigen Freund, dem Schriftsteller Manu, anno 2012 in Mantua. Der Ausruf bezieht sich auf Manus Spiel mit Identitäten – für jeden neuen Roman legte er sich eine neue zu. Solange, bis er hinter diesen verschwindet – auch in „Die Liebenden von Mantua“ bleibt er blass, bleibt vieles blass, die Erkenntnis nur: Getrieben sind sie alle von der Liebe.

Manu verschwindet (im Roman) denn auch tatsächlich: Gekidnappt ebenso wie das Steinzeitpaar von einem sinistren Conte, der eine „Religion der Liebe“ begründen will, deren schriftlichen Grund Manu legen soll. Der Conte: ein Blaubart, mehrfach geschieden, die letzte Geliebte unter mysteriösen Umständen ermordet. Raffa bändelt derweil mit der mysteriösen Lorena an, Hotelangestellte und Fachfrau für die neolithische Kunst Maltas. Deren Schwester wiederum beim Conte arbeitet – und beim Versuch, Manu und das Steinzeitpaar aus den Fängen des Conte zu erlösen, von dessen Hand mit einem Pfeil (nicht Amors`) getötet wird. Manu überlebt.

Was sich in der ironischen Verkürzung wie eine etwas hanebüchene, sprich hirnrissige, Detektivkomödie liest, hat durchaus mehr Substanz: Da treten die „Sleeping Lady“ von Mantua, Vergil, der Maler Andrea Mantegna auf, da werden ganz nebenbei etliche Epochen der Kunstgeschichte erläutert und entblättert, da wird ein Motiv – die Liebe – nicht nur über Epochen, sondern über ganze Zeitalter hinweg verknüpft. Raffa und Lorena beim Besuch im Palazzo del Te:

„Renaissance ist Überbietung, die Erweiterung aller Grenzen, sie glaubten wirklich, sich alles erlauben zu können, Guilio wollte das lebendige, farbige Fleisch, Mantegnas strenge antike Statuen sollten verblassen, nur bewegte Muskeln und wippendes Gewebe zählten jetzt, schwingend, federnd, tanzend, lockend, bis zum schieren Bildwitz, an der Grenze zur Karikatur, Guilio Pippi hat seine vatikanischen Liebesgraffiti keinesfalls vergessen.“

Es ist, als sei auch Ralph Dutli ein Renaissance-Mensch, der in diesem Roman alles überbieten will, der die Grenzen erweitern möchte, alles an Wissen über Mantua und seine Geschichte in eine schwingende-federnde Sprache packen will. Nur schade, dass diese geballte Wucht des Wissens die Leichtigkeit des Sujets beinah erdrückt. Die Liebe, das eigentliche Motiv, der Antrieb schon der Steinzeitmenschen, der auch den homo sapiens immer noch umtreibt, sie wirkt in diesem Roman mehr und mehr seltsam versteinert. Man wünschte sich die Leidenschaft und Sinnlichkeit, die Romeo in seinem Mantuaer Exil umtreibt.

„Nichts ist schwerer als leicht zu sein.“

Das sagt sich der verliebte Raffa. Für mich auch ein Programm für diesen Roman. „Man begreift, „Die Liebenden von Mantua“ sind auch ein gewitzter und intelligenter Kunstreiseführer“, hieß es in einer Besprechung in der Rhein-Neckar-Zeitung vom 27. August. D`accord. Nur: Eben auch mit der Sinnlichkeit eines Baedeker, erotische Metaphorik erstickt unter fast schon barocken Wortkaskaden:

„Er sah sie schlafen, nackt oder mit dem ironischen Hauch eines Höschens, Anmut des Schlafs, ihre eine Hand zwischen den Erdbeerhügeln, die andere unter den Kopf oder unters Kissen geschoben, er muss an die Sleeping Lady denken, aber Lorena ist nicht die neolithische Statuette, die auf die Ankunft der göttlichen Botschaft wartet, eher zierlicher Meteorit, der dem Morgenlicht entgegendöst, um aufzuschrecken und an die Arbeit zu eilen. Er weckt sie zart, indem er mit angewärmten Fingerkuppen über ihren Rücken gleitet und versucht, sie nicht zu kitzeln. Was heißt Haut nicht alles.
Kätzchenritual morgens vor dem Aufbruch. Aprikosenwäldchen. Listige Reibgeräusche, unsichtbares Frühstück des Ohrs. Er wollte sein Erdbeben nicht vergessen. Sie musste gehen. Weinbergpfirsich, Limette. Sie duftete nach diesem ungläubigem Rätsel.“

Ungläubiges Rätsel? Nichts ist schwerer als leicht zu sein. Und offenbar nichts schwerer, als leicht über die Liebe auch in Zeiten der Schwere und der Steinzeit zu schreiben…

Ralph Dutli, „Die Liebenden von Mantua“, Wallstein Verlag

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Melinda Nadj Abonji: Tauben fliegen auf

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Dragana dreht sich von mir weg, packt den Sparschäler, rüstet Kartoffeln und Karotten, die einfachsten Tätigkeiten, die nicht mehr für sich stehen, nur davon zeugen, dass wir hier nichts tun, denke ich, sagt sie, und ich sehe es plötzlich klar vor mir, die beiden Welten, die einander gegenüberstehen und sich nicht vereinbaren lassen, wir hier in der Schweiz und unsere Familien in Jugoslawien, im ehemaligen Jugoslawien, wie man sagt, das sind meine Feinde, und Dragana zeigt auf die Kartoffelschalen, fährt sich mit dem Handrücken über die Augen, ja, wir leben hier, die Schweizer, im Zuschauerraum, denke ich, das ist zumindest eine Wahrheit.“

Melinda Nadj Abonji, „Tauben fliegen auf“, 2010, Jung und Jung Verlag.

Während die Buchpreisblogger bereits die Longlist zum Buchpreis 2015 lesen, noch ein Blick zurück: Einige der früheren Longlist- und Buchpreis-Titel habe ich hier schon ab und an besprochen.
Unter anderem den Roman von Melinda Nadj Abonji. Die 1968 in Serbien geborene Schriftstellerin, die heute in der Schweiz lebt, gewann mit „Tauben fliegen auf“ 2010 den Deutschen und den Schweizer Buchpreis.

Die Küche eines kleinen Schweizer Cafés als Mikrokosmos, als Abbild des jugoslawischen Völkergemisches, in dem die verschiedenen Nationalitäten aufeinanderprallen – Serben, Kroaten, Bosnier. Melinda Nadja Abonji erhielt für ihren Roman 2010 den Deutschen Buchpreis. Zu Recht. Nadj Abonji, selbst aus der Vojvodina stammend, dieser serbischen Region mit hohem ungarischen Anteil, beschreibt hier ihre Familiengeschichte. „Papierschweizer“, die sich ihr „menschliches Schicksal“ in der Eidgenossenschaft erst noch erarbeiten müssen. Die Eltern sind aus wirtschaftlicher Not in die Schweiz gekommen, lange, bevor der Bürgerkrieg die Nation Jugoslawien ein für alle mal verändert.

Zwischen zwei Welten

Dieser Krieg holt die Familie in der neuen Heimat ein und trennt sie zugleich von der alten, kappt die Wurzeln: Im Ungewissen bleibt, was mit den Familienangehörigen dort geschieht. In der neuen Welt, bei den „Käsigen“, noch nicht richtig angekommen, vielleicht auch immer „Mischwesen“ bleibend, ist der Zugang zur Herkunft gekappt.
Aber auch dort, in dieser Kultur, waren sie bereits „die Schweizer“. „Mein Land liegt im Sterbebett“, sagt einer der Flüchtlinge. Und die neue Heimat ist keine Geburtswiege, keine Gemeinschaft, die Fremde ohne weiteres aufnimmt.

Abonji erzählt dies nicht anklagend, nicht lamentierend. Im vordergründigen Sinne ist das Buch zudem eher ein Entwicklungsroman: Wie sich eine junge Frau auch aus dem Korsett der Familie löst, wie sie, hineingeworfen in die neue Welt, anfängt, eigene Wege zu gehen. Das gibt am Ende auch Hoffnung, dass Ankommen – zumindest in der zweiten Generation – doch möglich ist.

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Kathrin Schmidt im Gespräch: „Preisvergaben sind als demokratische Veranstaltungen nicht denkbar“

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Bild von Florin Radu auf Pixabay

Zwar lesen die Buchpreisblogger inzwischen schon die von ihnen ausgewählten Titel von der Longlist, doch der Blick geht nicht nur nach vorn: Wir baten auch die Autorinnen und Autoren der vergangenen Jahre, mit uns über ihre Erfahrungen mit dem Deutschen Buchpreis zu sprechen. Auf Buchrevier hatte Tobias Nazemi bereits Julia Franck im Gespräch, Mara von Buzzaldrins Bücher interviewte Terézia Mora. Und hier kommt nun Kathrin Schmidt zu Wort, die Buchpreisträgerin des Jahres 2009.

Sechs Jahre sind seit der Auszeichnung von „Du stirbst nicht“ mit dem Deutschen Buchpreis vergangen. Werden Sie noch manchmal im Alltag darauf angesprochen?

Im Alltag? Was ist das? Ich schreibe ja alle Tage, und ich esse oder wasche alle Tage, und alle Tage legen sich zu meinem Leben übereinander. Sicher spricht mich wer an, aber kaum auf den Buchpreis. Das ist weit weg, lange her. Bekannte erwähnen ihn manchmal, „weißt Du noch?“, Unbekannte wissen davon nichts.

Wie geht man damit um, wenn man mit einem doch so sehr persönlichen Buch wie „Du stirbst nicht“ nun – trotz zahlreicher Veröffentlichungen zuvor – plötzlich so sehr in der Öffentlichkeit steht?

Ich finde das Buch nicht „persönlicher“ als meine anderen Romane. Ich kann ja überhaupt nur schreiben, wenn ich eine gewisse Distanz zum Gegenstand gewonnen habe. Das ist bei „Du stirbst nicht“ keinesfalls anders gewesen. Keine „Aufarbeitung“. Keine „Therapie“. Das lag hinter mir. Ich konnte die Erinnerungen an die Krankengeschichte einer anderen Person mitgeben, aber die Krankengeschichte ist ja hoffentlich nicht alles…

Die Freude über den Preis – so äußerten Sie das in einem Interview mit dem Tagesspiegel 2009 – kam einher mit belastenden Gedanken: Der Verlag diskutierte über Nachdruck, Verkaufszahlen, etc. Wie sehr setzt dies eine Schriftstellerin unter Druck, wie sehr beeinflusste es auch Ihre Arbeiten im Anschluss?

Das stürmte in den ersten Wochen auf mich ein, verlor sich aber bald. „Richtige“ Bestsellerautoren erleben das öfter, gewöhnen sich daran, denke ich. Ich brauchte mich zum Glück nicht daran zu gewöhnen, denn es war ein einmaliges Ereignis. Dass es mich nicht unter Druck gesetzt hat, würde ich heute nicht mehr sagen. Ich tat mich schwer mit dem nächsten Roman, der aber im nächsten Jahr nun kommt. Zum Glück hatte ich Kurzprosa und Gedichte, und zwar nicht zur Überbrückung. Und der Verlag war, wie vorher schon, keinesfalls drängend oder treibend.

Dem Deutschen Buchpreis werden ja zahlreiche Kritikpunkte vorgehalten. Unter anderem, es würden vorwiegend Bücher prämiert, die die einschneidenden Themen der deutschen Geschichte – Nationalsozialismus, Teilung, Fall der Mauer – zum Inhalt hätten. Ist das für sie – zumal sie sich in der Bürgerrechtsbewegung engagiert haben – ärgerlich, dass diese Themen so abgetan werden?

Das interessiert mich eigentlich nicht. Ich habe inzwischen oft genug erlebt, wie das Feuilleton tickt. Damit meine ich nicht die ehrlichen, guten Kritiker, die es zum Glück noch gibt. Aber oft wird ein subjektiver Eindruck nicht als subjektiver Eindruck verkauft, sondern als objektive Gegebenheit. Wenn das Gegenteil der Fall wäre, also stets nicht vordergründig politische Bücher gewählt würden, wären die Kritikpunkte auch gegenteilig. Als Korrektiv vielleicht gar nicht schlecht? Aber drauf geben muss man, glaube ich, nicht viel.

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Kathrin Schmidt bei der Buchpreisverleihung 2009. Bild: (c) Claus Setzer.

Sie wurden bei der Preisverleihung 2009 noch als „Karin“ Schmidt aufgerufen – war das auch ein wenig symptomatisch dafür, dass man, selbst 20 Jahre nach der Wiedervereinigung, im „westdeutsch“ geprägten Literaturbetrieb viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die mit dem Schreiben in der ehemaligen DDR begonnen hatten, kaum kannte und las?

Das scheint mir ein Trugschluss zu sein. Wenn ich an die 80er Jahre denke, eigentlich also auch an den Beginn meiner eigenen Publikationserfahrung, so waren Schriftsteller meines Alters aus dem Gebiet der DDR dem westdeutschen „Literaturbetrieb“ Garanten für Aufmerksamkeit und Erfolg, und zwar nicht unbedingt abhängig davon, ob sie in der DDR verblieben oder ausgereist waren. Auch Literaturpreise gingen in den 80ern und 90ern oft an in diesem Sinne ostdeutsche Autoren. Unter den zehn Trägern des Buchpreises finden sich fünf ostdeutsch geborene und zwei mit „Migrationshintergrund“, dazu kommt ein Österreicher. Bleiben zwei Preise für genuin „westdeutsche“ Autoren. Dass Herr Honnefelder mich Karin nannte, war ihm womöglich peinlicher als mir unangenehm, ich habe einfach keinen Namen, den man sich merkt. Durs Grünbein hat es besser. Übrigens auch ein Ostdeutscher

In der von Marlene Streeruwitz angestoßenen Debatte haben Sie sich auch Gedanken darüber gemacht, wie eine demokratische Preisvergabe für „einen“ Roman des Jahres aussehen könnte. Vorschläge?

Preisvergaben sind als demokratische Veranstaltungen nicht denkbar. Wenn jeder Autor, den der Buchpreis trifft, auch an jene dächte, die ihn nicht bekommen, könnte er sich vielleicht sogar leichter und ehrlicher freuen. Bei mir war das übrigens einer der ersten Gedanken. Er ebnete die Freude nicht ein, mäßigte sie aber und sorgte für Bodenhaftung. Ich habe mich damit wohlgefühlt.

Weitere Informationen:

Die Jury begründete ihre Entscheidung 2009 für Schmidts Roman „Du stirbst nicht“ so:

„Der Roman erzählt eine Geschichte von der Wiedergewinnung der Welt. Silbe für Silbe, Satz für Satz sucht die Heldin, nach einer Hirnblutung aus dem Koma erwacht, nach ihrer verlorenen Sprache, ihrem verlorenen Gedächtnis. Mal lakonisch, mal spöttisch, mal unheimlich schildert der Roman die Innenwelt der Kranken und lässt daraus mit großer Sprachkraft die Geschichte ihrer Familie, ihrer Ehe und einer nicht vorgesehenen, unerhörten Liebe herauswachsen. Zur Welt, die sie aus Fragmenten zusammensetzt, gehört die zerfallende DDR, gehören die Jahre zwischen Wiedervereinigung und dem Beginn unseres Jahrhunderts. So ist die individuelle Geschichte einer Wiederkehr vom Rande des Todes so unaufdringlich wie kunstvoll in den Echoraum der historisch-politischen Wendezeit gestellt.“

Gerrit Bartels schrieb in der Zeit: „Die Auszeichnung trifft die Richtige.“

2014 äußerte sich Kathrin Schmidt zur Gender-Debatte um den Buchpreis in der Welt: „Eine Quote für den Buchpreis ist Frauenkohlsuppe.“