Sibylle Knauss: Eine unsterbliche Frau

„Ich wüsste gerne, wie es sich anfühlt zu lieben, dachte sie. Einmal in all den Leben, die immer wieder durch mich hindurchziehen, möchte ich das erfahren. Sie wusste viel über die Liebe und was sie den Menschen antut, die von ihr befallen sind. Ein Orakel erfährt alles, aber nicht dasjenige, was nur erfahren, indem es erlitten wird. Sie hatte Menschen gesehen, die krank an Liebe waren, und solche, die in einem Maße davon beseligt schienen, dass es ihr ein Rätsel blieb. Die Liebe machte sie ratlos. Das war peinlich in ihrem Beruf. Die Liebenden bestürmten sie mit ihren Fragen, die Liebende haben: Liebt er mich? Werde ich glücklich sein? Ist die Geliebte mir treu? Wie kann ich den Geliebten zurückgewinnen, der mir untreu ist? Und sie erteilte ihren Rat, blieb gewohnheitsmäßig im Vagen und Zweideutigen, und wusste um das Verfehlte und Angemaßte daran. Denn die Liebenden ließen sich nicht raten. Sie blieben unbeirrbar in ihrem Verlorensein an einen anderen Menschen. Sie begehrten nicht Rat, sie begehrten Erlösung.“

Sibylle Knauss, „Eine unsterbliche Frau“.

Erlösung, das ist das, worauf die unsterbliche Frau selbst nicht hoffen kann. Verdammt zu einem Leben, dessen Jahre so unzählig und unzählbar sind wie der Sand am Meer. Eine Begegnung am Strand zur falschen Zeit, ein unbedacht geäußerter Wunsch und schon ist man zur Unsterblichkeit verdammt. Ovid erzählte die Geschichte der Sibylle von Cumae in seinen Metamorphosen, die Schriftstellerin Sibylle Knauss spinnt die Erzählung um ihre Namensvetterin weiter. In ihrem Roman erliegt die Sibylle der „verdammten gottlosen Göttlichkeit“ des Schönlings Apollo, sein Geschenk für eine Nacht: Er macht sie unsterblich.

Und so durchwandern wir mit der Seherin die Jahrhunderte und Jahrtausende. Sie erkämpft sich einen Platz als Orakel, ihr Ruhm dringt bis Rom. Dort feilscht sie mit Lucius Tarquinius Superbus um die „Sibyllinischen Bücher“ und lernt einen Mann kennen, der dem apollonischen Liebeskünsten fast nahekommt. Das Glück ist von kurzer Dauer, zu gewalttätig sind die Zeiten, die die Seherin im Laufe ihres allzulangen Lebens durchschreitet. Einer ist immer dabei, einen, den kann, auch wenn sie das möchte, sie nicht vergessen, buchstäblich „in tausend Jahren nicht“. Bis in unsere Gegenwart und etwas darüber hinaus in eine düstere Zukunft, in der alle zivilisatorischen Strukturen zusammengebrochen sind, rückt ihr Apollo immer wieder auf den Pelz: Zwar altert die Sibylle regelmäßig, doch dann, wenn sie greis und zerbrechlich ist und den Tod herbeisehnt, verpasst ihr der grausame Gott eine Frischzellenkur.

Wir Leser profitieren von dieser Unsterblichkeit: Gelingt es doch der anderen Sibylle, der Schriftstellerin, dadurch uns einen Spiegel vorzuhalten. Wie wenig die Menschen sich bessern, wie wenig wir uns im Grunde von den alten Griechen und den kriegslüsternen Römern unterscheiden, wie viele Generationen sterben müssen, ohne dass der Mensch im humanitären Sinn Fortschritte macht, dies könnte ein Fazit der Sibylle von Cumae an ihrem Lebensende sein, träfe es denn endlich ein.

„Und als der Krieg nach dreißig Jahren vorbei war, ganze Landstriche verwüstet, Dörfer menschenleer, Städte niedergebrannt, blieb ihr nach all dem Entsetzlichen: zu begreifen, dass niemand klug aus der Geschichte wird, der nicht weiß, dass man selbst ein Teil davon ist, mithandelnd, mitleidend, mitverwoben ins Ganze.“

Das alles ist jedoch nicht von einem melancholisch-bitteren Unterton geprägt, sondern von einer sehr feinen Ironie in einer wunderbaren und unterhaltsamen Sprache. Immer wieder streut Sibylle Knauss in den Erzählfluss amüsante Bemerkungen ein, blitzen ihr trockener Humor und eine gewisse Scharfzüngigkeit durch.

Die Sibylle von Cumae: Eine unsterbliche Frau. Und nach diesem Roman auch eine unvergessliche Frau, eine ungewöhnliche Gestalt der Literatur.

Mehr Informationen zum Buch:
Sibylle Knauss
„Eine unsterbliche Frau“
Klöpfer.Narr 2019
Gebunden, 268 Seiten, 22,00 Euro
ISBN 978-3-7496-1003-7

Mehr zum Buch auf der Homepage der Autorin: https://www.sibylle-knauss.de


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LITERARISCHE ORTE: Hesse als Lehrling

Statt dessen brannte dort die strenge, fleißige Gegenwart in zahlreichen Studierampeln über die ganze Breitseite des Stifts verteilt und glänzte mattrot durch die breiten, niederen Fenster. Dort lagen jetzt Kompendien, Wörterbücher und Texte ohne Zahl vor ernsthaften, jungen Augen aufgeschlagen, Ausgaben des Platon, Aristoteles, Kans, Fichtes, vielleicht auch Schopenhauers, Bibeln in hebräischer, griechischer, lateinischer und deutscher Sprache; vielleicht brütete hinter diesen Fenstern zur Stunde ein junges philosophisches Genie über seinen ersten Spekulationen, während zugleich ein zukünftiger schwergeharnischter Apologet die ersten Steine seines Trutzgebäudes legte.“

Hermann Hesse, aus: „Die Novembernacht. Eine Tübinger Erzählung.“, 1901.

Hermann Lauscher, Protagonist dieser frühen Erzählung von Hermann Hesse und dessen Alter Ego, hält es indes in jener stürmischen Nacht weniger mit dem Studieren. Trinkend und zechend zieht er durch die Tübinger Altstadt, am Ende dann urplötzlich ernüchtert, als einer der Trinkgenossen sich das Leben nimmt.

Die Erzählung ist Teil der dritten Buchpublikation von Hermann Hesse. Sie erschien 1901 in „Die hinterlassenen Schriften und Gedichte von Hermann Lauscher“.  Und sie birgt eine der wenigen direkten Spuren von Hesses Tübinger Zeit in seinem Werk. Aber dennoch können die Jahre, die der junge Hesse in der Neckarstadt verbrachte, als entscheidende für seine Entwicklung zum Schriftsteller bezeichnet werden.

Anders als sein literarisches Ego soll Hesse sich in Tübingen wenig mit dem Studentenleben abgegeben haben, heißt es auf den Seiten der Hermann-Hesse-Stiftung:

„Zwischen Oktober 1895 und Juni 1899 absolviert Hermann Hesse in Tübingen eine dreijährige Buchhändlerlehre, der sich ein Jahr als Gehilfe anschließt. Seine Arbeitsstelle ist die Heckenhauerische Buchhandlung, Holzmarkt 5, und er wohnt in der Herrenberger Straße 28 zur Untermiete. Die Tätigkeit als Buchhändler verschafft ihm eine gewisse Befriedigung, auch wenn sie ihn anstrengt. Die Bildung seiner Vorgesetzten nötigt ihm Respekt ab. Der elterlichen Aufsicht entronnen, beginnt der Achtzehnjährige mit einer erstaunlichen Selbstdisziplin ein literarisches Selbststudium. Er liest die Klassiker, vor allem Goethe, in denen er sein literarisches Evangelium entdeckt, und widmet sich dann den Romantikern. Viele Stunden verbringt er im Zimmer, die Außenwelt hält er auf Distanz, das fröhliche Studentenleben erscheint ihm als Zeitverschwendung.“

In Tübingen beginnt Hesse, ernsthaft zu schreiben. Hier wendet sich nach krisenhaften Jugendjahren das Blatt, die spätere Karriere als Schriftsteller zeichnet sich ab. Seine frühen Texte im Hermann Lauscher bewertet der ältere Hesse später neu. In der Vorrede zu einer Neuausgabe 1907 gesteht er die autobiographischen Hintergründe ein:

„Hinterlassene Schriften und Gedichte von Hermann Lauscher war der Titel einer kleinen Schrift, die ich Ende 1900 in Basel erscheinen ließ und in der ich pseudonym über meine damals zu einer Krise gediehenen Jünglingsträume abrechnete.“

Heute ist, wo Hermann Hesse seine Buchhändlerlehre absolvierte, immer noch etwas vom Geist dieser Jahre zu spüren: In dem kleinen, aber mit viel Liebe zum Detail eingerichteten Hesse-Kabinett in Tübingen kann man dem jungen Dichter und seinen Träumen auf die Spur gehen: https://www.tuebingen.de/hesse


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Karen Köhler: Miroloi

EIN GASTBEITRAG VON VERONIKA ECKL

Neugierig erwartet wurde der Debütroman von Karen Köhler. Doch als er dann da war, brach in der Literaturkritik Ratlosigkeit aus. Jan Drees fand im Deutschlandfunk zum Phänomen der gehypten Romane deutliche Worte.

Immerhin: „Miroloi“ schaffte es auf die Longlist beim Deutschen Buchpreis, unter den sechs Finalisten ist er jedoch nicht mehr zu finden. Warum, das lässt der Gastbeitrag von Veronika Eckl erahnen:

Also. Da war diese Entdeckung im Herbst vor fünf Jahren, Karen Köhler, eine noch jung zu nennende Autorin aus Hamburg. Sie hatte einen Band mit Erzählungen geschrieben, Wir haben Raketen geangelt, die mit raketenartigem Temperament und einem ganz besonderen Sound daherkommen und im Gedächtnis haften bleiben, weil sie ungewöhnlich sind und häufig auch witzig konstruiert, immer mit einer unerwarteten Wendung. Es geht darin um junge Ich-Erzählerinnen in Ausnahmesituationen, die stets einen harten Cut machen: Die eine versucht eine Trennung dadurch zu überwinden, dass sie auf einem Kreuzfahrtschiff als Qualle im Bordmusical jobbt – und kurzentschlossen auf den Lofoten aussteigt. Eine andere setzt alles daran, herauszufinden, wer die junge Frau ist, die das Herz ihres verstorbenen Freundes bei einer Transplantation eingepflanzt bekommen hat. Wieder eine andere schreibt ihrem Freund Postkarten aus Italien, neben den Ansichten von Neapel, Ischia und Stromboli entfaltet sich so ein ganzes Seelenpanorama weiblicher Verlorenheit. Das muss man nicht immer alles ganz groß finden, aber gut zu lesen sind die neun Stories, temporeich, mit einer sensiblen Wucht verfasst. Alle weiblichen lesenden Freundinnen waren von dem Buch angetan, alle männlichen lesenden Freunde schnauften und sagten, es sei wohl mehr was für Frauen. Nur eine Erzählung fanden alle gleichermaßen ein wenig befremdlich: Die, in der sich eine junge Frau auf einem Hochsitz im Wald 27 Tage lang zu Tode hungert. Naja, eine Geschichte von neun, extrem, etwas übers Ziel hinausgeschossen vielleicht, aber das ist natürlich Geschmackssache.

Miroloi bedeutet Totenklage

Und jetzt: Herbst 2019, der erste Roman von Karen Köhler, Miroloi lautet der Titel, was in der Tradition der griechisch-orthodoxen Kirche eine Totenklage bedeutet. Und leider, es geht befremdlich weiter in Köhlers Schreiben. Erneut ist die Protagonistin eine junge Frau, die auf einer vage griechisch wirkenden Insel in einer unbestimmten Zeit ihr Dasein fristet, und zwar als Findelkind ohne Namen in einer archaischen Gesellschaft. Sie wächst beim religiösen Oberhaupt des Dorfes auf, der das Mädchen gut behandelt und es gegen die Anfeindungen einer gehässigen Gemeinschaft verteidigt, ihm sogar das Lesen beibringt, was streng verboten ist: Auf der Insel, auf der man ohne elektrischen Strom auskommt, dürfen Frauen nicht lesen und schreiben, Männer nicht singen und kochen, obwohl sie alle immerhin in einer Zeit leben, in der es bereits Klimaanlagen gibt und Plastikflaschen, die von „drüben“ angespült werden. Auf Regelverstöße stehen brutale Sanktionen, was auch die Heldin schon zu spüren bekam, der als Kind ein Bein zerschlagen wurde. Fast überflüssig zu sagen, dass sexueller Missbrauch, arg klischeehaft natürlich vom Lehrer des Dorfes betrieben, aber auch von anderen Männern, an der Tagesordnung ist. Es ist eine Insel, auf der die Frauen unglücklich sind und die Männer auch; interessant daran ist, wie  allmählich deutlich wird, dass das männliche Unglück das weibliche bedingt. Die Männer immerhin dürfen in einer Art religiösem Ritual Wunschzettel schreiben, die dann vom Ziehvater der Protagonistin heimlich gelesen und verbrannt werden.

Banner Buchpreisblogger 2019Als die junge Außenseiterin sich in einen Betschüler verliebt, mit dem sie sich immer bei Vollmond (hm) in den Bergen trifft, als ihr väterlicher Beschützer stirbt und neue Machthaber beschließen, dass Frauen sich verhüllen und nach Einbruch der Dunkelheit das Haus nicht mehr verlassen dürfen – da keimt die Rebellion in der jungen Frau; und als sie schwanger wird, kommt es zur recht vorhersehbaren Katastrophe. Eine Emanzipationsgeschichte also, die Beschreibung eines Aufbegehrens in einer von Männern dominierten Welt, und dass diese Emanzipation über die Entdeckung des eigenen Körpers und über die Sprache geschieht, ist nachvollziehbar, aber so richtig ans Herz greift es einem nicht. Was will uns Karen Köhler da präsentieren? Eine politische Parabel in Zeiten, in denen Millionen Menschen auf der Flucht sind? Ein Plädoyer für Frauenrechte? Eine Reflexion über totalitäre Gesellschaften? Eine Dystopie à la Margaret Atwoods Der Report der Magd? Da wird viel Unklarheit verbreitet von einer, die eigentlich Klarheit kann. Man merkt, dass Köhler am Theater gearbeitet hat und Theaterstücke schreibt, denn immer wieder ist ihre Sprache sehr präzise, schafft sie in wenigen Worten eine Atmosphäre, einen markanten Dialog, etwa wenn der Bethaus-Vater seinem Zögling tröstend beibringt, was ein Konjunktiv ist: „Eine Distanz in der Sprache, wenn sie nötig ist. Jemand hat gesagt, ich sei eine Missgeburt. Verstehst du? Nicht ich bin. Das rückt das Gesagte von dir weg.“ Dann aber wieder wirkt die Sprechweise der Figuren manieriert – “Ich ziehe mich jetzt zurück“ – und gewollt stilisierte Wortkonstrukte wie „Tausendaugen“ kollidieren mit einem banalen „Arschloch“.

Wie schade, dass die Autorin hier nicht zeigt, was sie an Sprache und Witz und Tempo eigentlich draufhat. Hätte sie statt dieses bemühten feministischen Gesangs einfach Geschlechterbeziehungen in unserer heutigen Zeit, in einem gegenwärtigen Deutschland, aufs Korn genommen – wir wären ihr gern gefolgt, anstatt nach mehr als 400 Seiten leicht verstimmt eine überzogen konstruierte Geschichte und ihre ebenso konstruierte Heldin hinter uns zu lassen.

Veronika Eckl


Weitere Informationen:

Karen Köhler, Miroloi. Hanser Verlag, 464 Seiten, 24 Euro.

Wir haben Raketen geangelt. Hanser Verlag, 237 Seiten, 19,90 Euro.

 

Ludwig Uhland – Frühlingsglaube

Die linden Lüfte sind erwacht,
Sie säuseln und weben Tag und Nacht,
Sie schaffen an allen Enden.
O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes Herze, sei nicht bang!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiß nicht, was noch werden mag.
Das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste Tal;
Nun, armes Herz, vergiß der Qual!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Ludwig Uhland (1787 – 1862)


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Karl Friedrich Borée: Dor und der September

h dachte an Dor, und ich dachte auch wieder nicht an sie. Sie ruhte so im Untergrunde. Es war schön, daß es sie gab, genau so, wie es schön ist, daß es noch tiefverschneite Wälder gibt und Leute, die einen mitnehmen. Es ist nicht unbedingt nötig, daß man darüber hinaus etwas begehrt.“

Karl Friedrich Borée, „Dor und der September“, Erstveröffentlichung 1930.

Es gibt Bücher, die entwickeln eine ganz eigenartige Macht: Man liest sie, lebt mit den Figuren, die plötzlich, wie von einer Leinwand herunterzaubert, greifbar werden, fast schon dreidimensional. „Dor und der September“ wäre dann ein bittersüßer cineastischer Streifen in Sepiabrauch, durchsetzt mit keck aufblitzenden Farben, sobald Dor die Bühne betritt.

Als der Lilienfeld Verlag 2017 die Wiederentdeckung des Schriftstellers und Essayisten Karl Friedrich Borée (1886 – 1964)  mit dem Roman „Frühling 45 – Chronik einer Berliner Familie“ startete, zeigte sich das Feuilleton verblüfft und begeistert: So sehr war der schreibende Jurist, der mit 44 Jahren einen ersten Roman veröffentlichte, der sofort zum Bestseller wurde, vergessen worden. Dabei hatte Borée eine wichtige Rolle beim kulturellen Wiederaufbau nach 1945 inne. Er war unter anderem bis zu seinem Tode Generalsekretär der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Aber weit mehr als ein „Literaturfunktionär“, vielmehr ein Solitär in der literarischen Landschaft: Seine Sprache wirkt beinahe wie aus der Zeit gefallen, ist wunderbar altmodisch und funkelnd, mit ganz eigenen Wortschöpfungen, und doch sind einige seiner Bücher von überraschender Aktualität und überaus modern.

Vor allem aber ist es wirklich dieser einzigartige Ton, die Melodie, die sein Romandebüt „Dor und der September“, das 1930 erschien, zu etwas Besonderem macht.

„Der Strand war schöpfungsmorgeneinsam und dort, wohin wir uns verzogen hatten, übersichtlich wie Schnee. Das Meer eine lockende blaue Glasflut, klar bis an die Kimmung, die sich von einem blassen Messinggelb kräftig abhob.“

Erzählt wird eine im Grunde ganz einfache Liebesgeschichte, die ohne weltbewegende äußerliche Szenarien zurechtkommt, sondern ihre Spannung aus der Gegensätzlichkeit der beiden Liebenden bezieht. Er ist ein weltmüder, traumatisierter Kriegsteilnehmer, sie ist eine Medizinstudentin, 20 Jahre jünger, neugierig auf das Leben, auf die Welt.

Wie die beiden sich annähern, für eine Weile finden, wohlwissend, dass diese Liebe ihre Grenzen haben wird, das ist in einer hochpoetischen und dabei doch so im Detail genauen Sprache geschildert. Borée, dessen Roman stark autobiographische Züge trägt, versenkt sich in die Psyche seines Ich-Erzählers, der all seine Gefühle wahrnimmt, ihnen nachhorcht, der all die Stufen einer sich entwickelnden Liebe – das sehnsuchtsvolle Warten auf ein Wiedersehen, die von einer Person besetzten Gedanken, die Erschütterung nach dem ersten Streit, die Überwältigung nach dem ersten Liebesakt – reflektiert.

Ein modernes Frauenbild

Zum Bestseller wurde der Roman jedoch vor allem wegen jener „Dor“: Eine junge Frau, schon noch an der Leine eines wahrscheinlich konservativen Elternhauses, die ihren Weg sucht, die sich während des Romangeschehens auch großes Stück von vorgegebenen Rollenbildern emanzipiert. Der ältere Mann ist ihr dabei, obwohl er auch sie oftmals als „Kindfrau“ und „Mädchen“ beschreibt, ein Wegbegleiter und ein Brückenbauer. Allein schon deshalb, weil sie sich auf diese aussichtslose Liebe im vollen Bewusstsein einlässt, kann sie sich in ihr weiterentwickeln: Dor setzt die Grenzen der Gemeinsamkeit, Dor setzt auch ganz selbstbewusst ihre Prioritäten.

Wegbegleiter ist ihr der Ich-Erzähler übrigens auch im wortwörtlichen Dinge: Das Paar teilt seine Leidenschaft für lange Wanderungen und Streifzüge durch die Natur, Szenen, in denen sich Borées wunderbare Sprache richtig entfalten kann:

„Jenseits der staubigen Straße dehnte sich weites frühlingsgeschmücktes Wiesenland bis an das blaue Laken des Sees. Am andern Ufer glänzte der Waldrand in einer verklärten Helligkeit. Es war ein vollkommener Feiertagsnachmittag. Die Fühlung des schönen Geschöpfes, die ungewohnte Vertraulichkeit, die aus solch freundlicher Besitzergreifung sprach, das wunderbare Wetter: ich konnte mich nicht entsinnen, jemals vergleichbar glücklich gewesen zu sein.“

Auch wenn es dem Erzähler gegenwärtig ist, dass diese Liebe nicht dauern kann, so schließt das Buch dennoch mit einer zart-melancholischen Abschiedsszene, die Hoffnung in sich birgt. Der Mann, der vom Krieg so traumatisiert und müde war, weiß das Leben wieder zu schätzen.

Dieser Beitrag wurde in gekürzter Fassung erstveröffentlicht auf dem Hotlistblog.

Bibliographische Angaben:

Karl Friedrich Borée
„Dor und der September“
Lilienfeld Verlag 2019
22,00 Euro, gebunden mit Schutzumschlag, 280 Seiten
ISBN 978-3-328-940357-71-7


Titelbild zum Download:
Strand bei Travemünde


 

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LITERARISCHE ORTE: Hanns Heinz Ewers in der Festung

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Bild von mibro auf Pixabay

„Was ist die Zuchtstrafe für einen Mann von der universalen Bildung, von der vielleicht überraffinierten Kultur Oskar [sic!] Wildes? – Ob er zu Recht oder zu Unrecht verurteilt wurde, ob der famose Paragraph ins Mittelalter gehört oder nicht, ist ganz gleichgültig, sicher ist, dass diese Strafe für ihn tausendfach härter war als für jeden anderen!“

Hanns Heinz Ewers, „Die Herren Juristen“, 1905.

Es war nur eine kurze Episode in einem an wilden Episoden reichen Leben, aber eine einschneidende Zeit: 1897 trat der Rechtsreferendar Hanns Heinz Ewers eine vierwöchige Festungshaft auf der Festung Ehrenbreitstein an. Sie war Folge eines Händels, der zuvor fast anderthalb Jahre vor Gericht ausgefochten worden war. Ewers hatte eine spiritistische Sitzung gesprengt, ihm war der Bruch des Ehrenworts vorgeworfen worden, das Ganze mündete in ein Duell und schließlich in Verurteilung und Haft. Ewers, der schon zuvor eher durch Skandale denn durch fleißiges Studieren auf sich aufmerksam gemacht hatte, wurde aus dem Staatsdienst entlassen. Damit war der Weg als freier Schriftsteller, Kabarettist und Filmemacher vorgezeichnet. Ewers wurde zu einem der erfolgreichsten deutschen Autoren jener Jahre und vollends zu einem Dandy, der ein skandalumwittertes Leben führte.

Der Stephen King der deutschen Literatur

Ob für Ewers die vier Wochen Ehrenbreitstein „tausendfach härter“ waren als für andere der damals anwesenden Häftlinge, ist nicht überliefert. Aber das Szenario der Einkerkerung, des Eingesperrtseins, das griff der „deutsche Edgar Allan Poe“, der „Stephen King“ der „Goldenen Zwanziger“ immer wieder in seinen Texten auf.

Joseph Niesen (1871 – 1943) führt in ein Portrait des Schriftstellers mit diesen Worten ein:

„Hanns Heinz Ewers, zu Be­ginn des 20. Jahr­hun­dert ein be­rühm­ter Avant­gar­dist, war zu Leb­zei­ten ein eben­so um­strit­te­ner wie be­wun­der­ter Au­tor und Fil­me­ma­cher. Sich selbst in der Nach­fol­ge von E.T.A. Hoff­mann (1776–1822) und Ed­gar Al­len Poe (1809–1849) se­hend, ist es sein Ver­dienst, das Phan­tas­ti­sche mit der fes­seln­den Dar­stel­lungs­kraft sei­ner Spra­che in den Deut­schen Ro­man ge­bracht zu ha­ben. Zu­dem mach­te er das deut­sche Pu­bli­kum als Her­aus­ge­ber und Über­set­zer mit der phan­tas­ti­schen Welt­li­te­ra­tur be­kannt. Ewers führ­te ein un­ste­tes, he­do­nis­ti­sches Le­ben, in dem er nichts aus­las­sen woll­te – Ex­pe­ri­men­te mit Dro­gen ein­ge­schlos­sen. Die Viel­zahl sei­ner Be­ga­bun­gen spie­gelt sich in der Viel­zahl sei­ner Tä­tig­kei­ten wie­der: vom Ka­ba­ret­tis­ten, über Dreh­buch­au­tor, Fil­me­ma­cher, Her­aus­ge­ber, Schrift­stel­ler und Tän­zer bis zum Schau­spie­ler reich­te das Spek­trum sei­nes Tuns. Ließ er sich auch kurz­zei­tig vom Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ver­füh­ren, so fand er durch sei­nen aus­ge­präg­ten Hu­ma­nis­mus je­doch bald wie­der zur Ver­nunft. Einst ein in­ter­na­tio­na­ler Star der „Gol­de­nen Zwan­zi­ger“, ge­hört er heu­te zu den Ver­ges­se­nen der deut­schen Li­te­ra­tur.“

Seine Wiederentdeckung heute ist vor allem der Tätigkeit von Marcus Born und Sven Brömsel zu verdanken, die den Band „Lustmord einer Schildkröte“ für „Die Andere Bibliothek“ editiert hatten. Sven Brömsel veröffentlichte zudem im Deutschlandfunk eine „Lange Nacht“ über den „Stephen King des wilhelminischen Kaiserreichs“.

Die Festung Ehrenbreitstein, in der sich der Wandel Ewers vom angehenden Juristen zum freien Schriftsteller als Wendepunkt festmachen lässt, ist heuer noch – oder besser wieder – einen Besuch wert. Schon die Kelten und Römer hatten diesen Platz hoch über dem Rhein für sich gewählt, später entstand dort, gegenüber von Koblenz mit Blick auf den Zusammenfluss von Mosel und Rhein, eine mittelalterliche Burg und bis 1801 eine barocke Festung. Nach deren Zerstörung wurde 1817 der Grundstein für die Festung, wie sie heute zu besichtigen ist, gelegt, 2011 wurde sie für die Bundesgartenschau restauriert.

Von Koblenz aus kann man vom Rheinufer beim „Deutschen Eck“ mit der Seilbahn bekommen übersetzen – und erhält einen herrlich Blick über das gesamte Tal. Neben dem ausgiebigen Parkgelände bietet die alte Festung selbst, bereichert durch wechselnde Ausstellungen und die Häuser des Landesmuseums Koblenz, viel Sehenswertes. Besuchen sollte man auch den malerischen Ort unterhalb der Festung, dort, wo Sophie von La Roche lange Zeit ein offenes Haus unterhielt, das zum literarischen Treffpunkt jener Jahre wurde (Goethe war natürlich auch da).


Mehr zu Hanns Heinz Ewers:

Bei Sätze&Schätze finden sich Besprechungen der Märchen: „Freche Fee und lustiger böser König“und derErzählungen: „Lustmord einer Schildkröte“

Ewers im Projekt Gutenberg: https://gutenberg.spiegel.de/autor/hanns-heinz-ewers-1171

Portal zur Festung Ehrenbreitstein:
http://tor-zum-welterbe.de/kulturzentrum-festung-ehrenbreitstein/


 

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Ulrike Anna Bleier: Bushaltestelle

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Bild von Stefan K auf Pixabay

„Du hast dir dein erstes Kind ausgedacht, bevor es geboren wurde, und das ist der Grund, warum es überhaupt geboren wurde. Noch bevor das Kind, das zu Elke wurde, auf der Welt war, hat es in deiner Vorstellung existiert. Doch als es auf der Welt war, hat es aufgehört zu existieren, auch in deiner Vorstellung.
Doch seit du schrumpfst und immer mehr geschrumpft bist, habt ihr die Rollen getauscht, Elke und du, vielleicht hält dich ihre Idee von dir sogar am Leben, wer weiß das schon. Vielleicht gäbe es dich nicht mehr, vielleicht gäbe es gar keine Menschen, wenn es niemanden gäbe, der sie sich vorstellt. Es ist immer ein Mensch da, der nicht anders kann.“

Ulrike Anna Bleier, „Bushaltestelle“.

Er ist in uns alle eingeschrieben, dieser Codex und dieses Urgefühl: Du sollst deine Kinder lieben. Selbst wenn man keine eigenen Kinder hat: Die Tatsache, dass andere ihr eigen Fleisch und Blut misshandeln, missbrauchen, missachten, sie erschüttert uns bis ins Mark.

Dabei, man weiß es, gibt es das nur allzu häufig: Eltern, die ihre Kinder ablehnen und von sich wegstoßen. Die Ursachen mögen individuell sein, doch das Phänomen ist weit verbreitet – und wird aus einem instinktiven kollektiven Schamgefühl ausgeklammert. Jede dieser Geschichten: Nur ein tragischer Einzelfall.

Doch was geht in einer Mutter vor, die ihr Kind nicht mag? Und wie ist es, wenn man bereits in ganz jungen Jahren das Gefühl hat, nicht-existent zu sein, unsichtbar, klein und zweitrangig? Ulrike Anna Bleier, die 2017 mit ihrem Debütroman „Schwimmerbecken“ auf der Hotlist der zehn besten Bücher der unabhängigen Verlage stand, führt uns nun an eine „Bushaltestelle“: Das Warten auf den Bus an der Hand einer Nachbarin, die Fähigkeit, dort plötzlich aus dem eigenen Körper und dem Leben zu treten, das ist es, woran sich die Protagonstin Elke aus ihrer Kindheit erinnert:

„Und plötzlich fand sie sich da wieder, wo sie hinstarrte, und das war die andere Seite der Busfensterscheibe, erst noch in der Luft und dann an einer Ecke, wo sie stehengeblieben war, und dem Bus, in dem ihr eigener Körper saß, hinterherblickte. Dort, an dieser Straßenecke, stand sie eine Zeit lang und schaute und schaute und keiner hinderte sie und beachtete sie. Nur die Augen beobachteten den Körper, der vor Schreck ohnmächtig wurde, denn sie war es nicht gewohnt, sich selbst auf der anderen Seite zu sehen. Sie war es ja schon nicht gewohnt, überhaupt gesehen zu werden.“

Tatsächlich verschwindet Elke „eines Tages ganz von der Bildfläche“, bricht den Kontakt zu ihrer Familie – der scheinbar gefühlskalten Mutter Theresa, Vater Sepp, der zu einer Nebenrolle verdammt ist und dem vergötterten nachgeborenen Bruder Markus – vollständig ab. In Zeitsprüngen, wechselnd aus Sicht von Mutter und Tochter, aber immer aus der Du-Perspektive, was erhöhte Aufmerksamkeit beim Lesen verlangt, weil manches Mal die Stimmen von Mutter und Tochter sich innerhalb eines Kapitels abwechseln, wird die Geschichte der beiden Frauen rekonstruiert: Wie Theresa zu der einsamen alten Frau wurde, die sie ist, ein Kind des Krieges, gefangen in der verbotenen Liebe zu ihrem Bruder und in der Ehe mit einem ungeliebten Mann. Nach und nach entwirren sich die Fäden einer komplizierten Familiengeschichte und deutlich wird, dass das Unglück, das der Zweite Weltkrieg über diese Menschen brachte, bis hinein in die Gegenwart wirkt.

Und über Grenzen geht – Elke verschwindet hinter dem „Eisernen Vorhang“, sucht Unterschlupf bei einer Familienangehörigen in der Tschechoslowakei, bei Magdalena, die das Massaker der Nationalsozialisten in einem tschechischen Dorf mit- und die Rache der Partisanen überlebte.

„Selbst Tante Madla war überrascht gewesen, dass es eine Elke gab, wenn sie auch gleichzeitig nicht überrascht war, weil sie das ja kannte, dass es manche Menschen weniger gibt als andere.“

Als Elke wieder Kontakt zu ihrer Ursprungsfamilie bekommt, ist der Eiserne Vorhang längst gefallen, wurden aus der Tschechoslowakei neue Länder – doch die Wunden des Krieges leben fort. „Der Text macht sichtbar, wie sehr die Geschichte unserer Familie in uns eingeschrieben ist“, heißt es im Klappentext. Es ist ein Buch, das einen eigentümlich traurig zurücklässt: Denn auch die erwachsene Elke bleibt irgendwie unsichtbar, wirkt zurückgenommen, zurückhaltend in ihrer ersten Wiederbegegnung mit ihrem Bruder Markus und dessen französischer Frau. Nur langsam taut sie auf, entwickelt kleine Gefühle für die Schwägerin, für Nichte und Neffe bei einem gemeinsamen Kurzurlaub in Tschechien. Ein Zwischenfall – eines der Kinder verschwindet für einige Tage – stellt die gesamte Familienkonstellation jedoch wieder auf den Kopf: Markus und Anhang siedeln nach Frankreich um, Elke fällt die hilfsbedürftige Mutter wie ein spätes Erbe wieder zu. Ob die beiden Frauen sich tatsächlich wieder annähern, ob die Ältere die Jüngere nun endlich sieht, bleibt ungewiss:

„Elke hat dir erzählt, sie habe ein Kind im Bus gesehen, das habe geschlafen, mit offenen Augen habe es geschlafen, und du hast Elke überrascht angeschaut, als habest du gar nicht gewusst, dass Kinder Augen haben. Wenn du aufwachst, wird eine Tasse warmer Milch an deinem Bett stehen.“

Es ist ein leises, melancholisches Buch, dessen Sprache einen durch die raffiniert verknüpften Erzählstränge trägt. Der Ton von Ulrike Anna Bleiers Sprache nimmt einen gefangen, zieht einen förmlich in dieses Netz aus familiären Verstrickungen und emotionalen Verirrungen hinein. Ein Roman, der einen auffordert, „dabei zu bleiben“ und der einen anhält, weiterzudenken: Wie tief sitzen auch in uns die Katastrophen, die die Generationen unserer Familie vor uns erlebten?


Informationen zum Buch:
Ulrike Anna Bleier
Bushaltestelle
lichtung verlag
Broschurausgabe, 224 Seiten, 17,90 Euro
ISBN 978-3-941306-76-9


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Andreas Föhr: Eifersucht

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Bild: Florian Pittroff, https://flo-job.de/

„Es deutet alles auf eine Beziehungstat hin“

Der neue Krimi „Eifersucht“ von Andreas Föhr hat echtes Suchtpotential!

„Eifersucht“ ist der zweite Fall mit der Münchner Anwältin Rachel Eisenberg. Und ich lege mich fest: „Eifersucht“ ist noch besser, noch ausgereifter als der erste „Eisenberg Krimi“. Echtes Suchtpotential!

Mit geschickten Kniffen und Tricks baut Andreas Föhr die Story auf. Der Roman beginnt mit einem Prolog, genauer gesagt mit einer Geschichte, die fünf Jahre zurückliegt. Diese eingeschobenen Rückblenden ziehen sich durch die gesamten 427 Seiten des Buches und geben interessante Einblicke und immer wieder auch neue Erkenntnisse für den eigentlichen Fortgang des Falles. Zwischen Rückblenden und der Gegenwart entspinnt sich so eine hochspannende Geschichte.

Was ich an Andreas Föhr besonders schätze, sind zum einen die kurzen Kapitel, die einem das Lesen ungemein erleichtern und zum anderen die spannungsfördernden Cliffhanger, die den Leser neugierig auf das weitere Geschehen machen: „Auf dem iPad blinkte eine Nachricht“. Welche Nachricht hat die Protagonistin bekommen, was steht drin, gibt es Aufklärung. Ende des Kapitels. Umblättern und weiter geht es im Text.

Wie auch schon bei den Wallner & Kreuthner-Krimis zieht einen das Buch sofort in seinen Bann. Ich habe selten Krimis gelesen bei denen man so schnell mitten drin ist im Geschehen und nicht nur dabei: Zwei Seiten gelesen und man kann eigentlich nicht mehr aufhören. Ein gewitzter Handlungsablauf und eine starke und sympathische Protagonistin bescheren dem  Leser ein uneingeschränktes Lese-Vergnügen.

Und darum geht`s: Judith Kellermann, die Mandantin von Anwältin Rachel Eisenberg, soll ihren Lebensgefährten Eike Sandner aus Eifersucht in die Luft gesprengt haben. Als Reste des verwendeten Sprengstoffs bei ihr gefunden werden, liefert Kellermann eine abenteuerliche Erklärung: Ein geheimnisvoller Ex-Soldat soll den Mord begangen und die Beweise manipuliert haben. Doch der Mann ist seit der Tat verschwunden. Niemand scheint ihn zu kennen. Existiert er nur in Kellermanns Phantasie? Falls nicht: Wer ist der Unbekannte und was treibt ihn an?

Auch der Schreibstil des Autors ist präzise beschreibend und nicht ohne Humor:
„Wittmann war regelrecht aufgekratzt. Die Vorfreude auf die Vernehmung der Zeugen oder genauer gesagt über Rachels bevorstehende Niederlage in dieser Haftprüfung umgab sie wie ein Mückenschwarm“.

Das Ende ist dann auch nicht zwingend vorhersehbar. Und so steht einer spannenden (Urlaubs)Lektüre nichts im Weg. Ich habe mir das Buch eigentlich als Urlaubslektüre vorgemerkt, wollte nur kurz reinlesen und war in zwei Tagen durch – vor dem Urlaub.

Ein Beitrag von Florian Pittroff
www.flo-job.de

Andreas Föhr: Eifersucht
Klappenbroschur, Knaur HC
01.06.2018, 432 S.
ISBN: 978-3-426-65446-0

Tobias Premper: Mississippi Orangeneis Blues

MISSISSIPPI ORANGENEIS BLUES

Wenn das Leben nur dies sein könnte: Eine Fahrt mit dir und dem Kleinen auf dem Mississippi, wir füttern uns gegenseitig mit Orangeneis und irgendwer spielt den Blues.

Tobias Premper, „Mississippi Orangeneis Blues“, 2016, Steidl Verlag

Wenn ein Buch nur dies sein kann: Du blätterst es auf, an einer beliebigen Stelle, Bilder entstehen, für Minuten bist du entführt in eine andere Welt. Wer dem derzeit grauen Wetter und seiner ebenso nassen wie bleiernen Wolkendecke entfliehen will und faktisch nicht kann, wer den Mississippi Orangeneis Blues und eine Sehnsucht nach Realitätsflucht in sich trägt, dem empfehle ich die Miniaturen von Tobias Premper.

Doch Obacht: Mit seinen Kürzestgeschichten, die manchmal nur wenige Sätze umfassen, selten mehr als eine halbe Seite einnehmen, entführt Premper keinesfalls in ein vermeintliches Paradies oder heile Welten. Sie erzählen von Sehnsüchten, von kleinen wie großen Träumen, vom Alltag, dem man entfliehen will, von Orten, an denen man nie ankommt.

Schwankend zwischen „ALTE ORDNUNG“:

Find Dein Tor, geh hindurch und bleib dort!

und einer „LIEBESERKLÄRUNG“, die den Wunsch nach Verrücktheiten beinhaltet:

Ich will mit dir nach Usbekistan und den Nomaden heißen Tee über die Turbane schütten. (…) Und im Traum springen wir über wilde Kaninchen und schweben selbst über unseren Verstand hinaus.

Tagträumer und versponnene Seelen werden an diesen Miniaturen ihre Freude haben: Immer wieder durchbricht Tobias Tremper scheinbar alltägliche Szenen mit einem feinen Sinn für das Absurde. Schon der Prolog wirkt wie ein Gemälde von Matisse. Oder meinetwegen auch Dalí. Eine Blume wächst aus einem Zeh. Tote Enten treiben in einem Bassin. Eine Frau und ein Kind auf einem Elefanten. Träumt der namenslose Ich-Erzähler oder ist er schon wach? Nichts ist, wie es scheint, nichts bleibt, wie es war, gebrochene Atmosphäre schon am aufbrechenden Morgen:

MORNING HAS BROKEN

Ich saß in einem Café und frühstückte. Gelobt die Amsel, die draußen vor dem Fenster sang, und die beiden Frauen am Nachbartisch, eine schöner als die andere. Ganz still und unbeweglich saßen sie da, und die Musicbox spielte etwas von Duke Ellington. Plötzlich hakte die Platte, und ein kahlköpfiger Zwerg mit Schnauzbart kam zu meinem Tisch. Er roch nach Schweiß und trug rote Damenschuhe. Der Kleinwüchsige fragte, ob er sich zu mir setzen dürfe, aber ich sprang auf und lief nach draußen. Hätte ich ein Auto gehabt, ich wäre bis zum Kap Deschnjow gefahren. Ich besaß jedoch nicht einmal ein Fahrrad. Dann begann es, aus heiterem Himmel honigsüße Tropfen zu regnen, und ich dankte dem Herrn.

„Mississippi Orangeneis Blues“ ist kein Buch, das man in einem Stück wegliest – sondern eines, in dem man immer wieder blättert, auch zufällig Seiten aufblättert, um je nach Stimmungslage und Leselust sich auch in die eigenen Weltfluchtgedanken hineinzulesen. Um sich dann an komplizierten Tagen still und leise seufzend zu sagen:

OHNE TITEL #3

Wenn das Leben nur dies sein könnte: Salat aufessen, Liebe machen.

Den poetischen Miniaturen ist anzumerken, dass sie einem Lyriker entsprungen sind: Der Bildende Künstler und Schriftsteller hat einige Gedichtbände und gibt seit 2006 Boxenbücher heraus – in der Auflage limitierte Text- und Bildeditionen, die zum Teil auch Originalzeichnungen beinhalten. Einen Eindruck davon gewinnt man auf seiner Homepage: http://www.tobiaspremper.com/

„Mississippi Orangeneis Blues“ erschien, wie bereits sein Debütroman „Erst einmal für immer“ und weitere Bücher mit Kürzestgeschichten beziehungsweise Notizen im Steidl Verlag.

Über die Prosa von Tobias Premper zeigte sich David Hugendick begeistert, verweist in einem Artikel auf die Tradition der Vignette bei anderen Großen der Literatur wie Tucholsky, Lichtenberg und Daniil Charms:

„Im besten Fall können solche Vignetten wahre Erkenntnisbomben sein, in denen bisweilen mehr steckt als in 563 Romanseiten voller serienmäßig zartfühlender Gesellen. (…) Premper, in Celle geboren, nach Berlin umgezogen, hat ebenfalls eine Neigung zur fröhlichen Skurrilität, zur in Raum und Zeit unfixierten Momentaufnahme, die man nicht zu einem großem Bild zusammenfügen muss und auch gar nicht soll. Alltag, Märchen, Dialog, eine in Gold gerahmte Flüchtigkeit, deren Moral oder Sinn der Autor bisweilen provokant verweigert. Oder er knüpft ganze Sinngirlanden, um sie am Ende mit Witz zu zerreißen.“

Quelle: http://www.zeit.de/kultur/literatur/2013-09/Tobias-Premper-Durch-Baeume-Hindurch

In diesem Sinne: Immer wieder einmal in den Miniaturen geistig Spazierengehen, mit Tobias Premper durch die Straßen flanieren, und dabei über Lakritze schleckende Verlobte, Käferinnen im Rentner oder einfach auch über das „NICHTS“ stolpern, schmunzeln, wehmütig lächeln, träumen, bummeln.


Verlagsangaben zum Buch:
https://steidl.de/Buecher/Mississippi-Orangeneis-Blues-0108233138.html

Bild zum Download: Schwarzdrossel


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Daniel Faßbender: Die weltbeste Geschichte vom Fallen

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Bild: Markus Syska

„Die Tageslichtlampe, die ich beim ersten Date so sehr gepriesen hatte, zog keinen spürbaren Effekt nach sich. Ich starrte minutenlang in das Licht, ich machte meine Arme frei, damit die UV-Strahlung ihre Wirkung auf meiner Haut entfalten konnte. Aber nichts. Ich war mit dem trostlosesten Grau der Welt, längst gesehenen Netflixserien und ausgelesenen Büchern allein. Ich ertrug es nicht, Texte ein zweites Mal zu lesen oder Filme noch einmal zu schauen und ihnen damit den Zauber zu rauben.“

Daniel Faßbender, „Die weltbeste Geschichte vom Fallen“, Mirabilis Verlag, 2018.

Im Grunde geht es mir wie dem „kleinen Schweden“, dem Helden dieses Debütromans: Ich mag oft nicht einmal meine eigenen Texte Korrektur lesen, geschweige denn Bücher ein zweites Mal. Mit einigen wenigen Ausnahmen. Und dieser Debütroman ist eine davon. Eine ganz besondere sogar. Ich las das Manuskript mehrfach. Und nun halte ich den fertigen Roman in den Händen und habe ihn mit großer Begeisterung wiedergelesen, auch nochmals unter neuen Gesichtspunkten gelesen. Und bin nach wie vor begeistert – aber dieses Buch ist eben auch für mich ein ganz Besonderes.

So spannend wie der Roman – so heißt es auch im Klappentext – ist mindestens auch seine Entstehungsgeschichte. Jedenfalls sicher für den Autoren, aber ein gutes Stück auch für mich. 2016 wurde erstmals der Bloggerbuchpreis „Blogbuster“ ausgerufen, „Sätze&Schätze“ war mit dabei. Lange fand ich kein Manuskript, das mich überzeugte, ich war schon daran, einen Rückzieher zu machen. Bis ich diese Sätze las:

„Fallen ist sterben. Und nein, da fehlt kein »wie«. Fallen ist nicht wie sterben. Fallen ist sterben. Unter mir pfeifen 320 Meter Tiefe gleichgültig vor sich hin und ich schmecke eine tief hängende Wolke, während ich im Moment des Fallens Luft durch den Mund einsauge.“

Mit diesen Sätzen hatte mich der Autor am Wickel. Ich war gepackt, obwohl die Geschichte so ganz außerhalb meiner Leserlebenswelt lag: Eine Story über einen „Roofer“? Ich musste offen gestanden zuerst einmal nachschauen, was das ist. Roofing, das ist Leben am Abgrund: Das ungesicherte Klettern auf Hausdächer, das Balancieren in der Höhe, Höhenrausch und Tiefenfall. Und genau um diese Emotionen und Extreme geht es in dem Debütroman von Daniel Faßbender: Ein junger Mann, der Halt sucht, aber zunächst den Absturz braucht, um ihn zu finden.

…und dann, was wäre dann gewesen? Die Frage stand unbeantwortet im Raum und der Raum füllte sich mit dunklen Vorstellungen.
»Dann hätte ich dich aufgefangen,« sagte ich vorsichtig nach einer gefühlten Ewigkeit.
Sie lachte. »Einer, der fällt, kann nicht fangen. Fangen kann nur jemand, der stabilen Halt hat.«

Natürlich macht nicht nur der 21-jährige Roofer im Buch, sondern zunächst auch das Manuskript einige Umwege: In der Rohfassung gab es einige (wenige) Längen, hier und da nicht ganz ausformulierte Ideen und Sätze. Dennoch war ich vollständig überzeugt davon, dass das Buch veröffentlicht gehört.

Mit dem „Blogbuster 2017“ hat es leider nicht geklappt – aber Daniel, der seefahrende Journalist und Surfer, nahm es sehr sportlich und souverän: Dass er mit dem Text bereits auf die Longlist kam und wohl in der näheren Auswahl war, das war schon ein Anfangserfolg. Das Manuskript sowie die atemberaubende Präsentation, die Daniel entwickelt hatte (siehe hier), erregte Aufmerksamkeit. So kamen auch an „Sätze&Schätze“ als vermittelnder Blog Kontaktanfragen zu Daniel von Verlagen und Literaturagenten. Gut so! Hätte es mit diesem Buch nicht geklappt, ich wäre der Welt aufs Dach gestiegen!

Dass es letztlich zu einer Veröffentlichung bei Barbara Miklaw und ihrem unabhängigen Verlag kam, betrachte ich als Glücksfall: Ich kenne Barbara unter anderem vom Zwickauer Literaturfrühling und schätze ihre einfühlsame Art, ihr literarisches Fingerspitzengefühl, ihre Offenheit für neue Töne und ihre freundliche Klugheit sehr. Mit Daniel arbeitete sie in ihrer feinfühligen Weise an dem Manuskript – und so wurde aus der besten Geschichte vom Fallen tatsächlich „Die weltbeste Geschichte vom Fallen.“ Jedem Debütautoren wünsche ich einen Verlag, der sich Zeit nimmt und mit ihm arbeitet. Denn es fallen sicher Talente vom Himmel, aber kein Meister über Nacht vom Dach…

Es war für mich spannend und interessant, bei der Entwicklung vom Manuskript zum gedruckten Buch ein wenig mit dabei zu sein, an den Texten die Weiterentwicklung zu sehen, die ein sorgfältiges Lektorat zu leisten vermag, auch zu sehen, welche rechtlichen Fallstricke bei einem fiktiven Werk beachtet werden müssen. Und so wünsche ich Daniel und Barbara mit diesem Roman einen großen Erfolg.

Klappentexte sind ja manchmal so eine Sache – marktschreierisch, laut und etwas daneben. In diesem Fall jedoch kann ich jedes Wort davon doppelt unterstreichen:

„Dieser Roman von Daniel Faßbender ist nicht nur extrem spannend, sondern auch in mitreißenden Sprachbildern geschrieben. Was ihn aber darüber hinaus bemerkenswert macht, ist der Erzählton: jugendlich, frisch, originell, von einer unglaublichen Leichtigkeit und trotzdem mit Tiefgang. Einzigartig.“

Verlagsinformationen zum Buch:
https://mirabilis-verlag.de/produkt/daniel-fassbender-die-weltbeste-geschichte-vom-fallen/

Autorenseite:
https://www.danielfassbender.de/